Reise durch den Stillen Ozean

Part 41

Chapter 413,551 wordsPublic domain

Ein kleiner Springbrunnen, der sich in dem imponirenden Raum erbärmlich ausnimmt, mit vier schmächtigen, schlecht modellirten steinernen Löwen bezeichnet die Mitte. Von der gewölbten Decke hängen gewaltige Lüster aus Fichtenzweigen und Papierblumen und verkehrte Christbäume als geschmackvolle Zierden herab, an den Wänden eben solche Guirlanden und geschmacklose Aufschriften im Style des hier ewig wiederkehrenden »Holiness to the Lord«.

Das Tabernakel soll 12000 Menschen fassen und durch die vielen Thüren in wenigen Minuten gefüllt und geleert werden können. Nur im Sommer wird dasselbe benützt, im Winter ist es hierzu zu kalt, und dann wird der Gottesdienst in den einzelnen Wards abgehalten.

Es traf sich glücklich, dass während meiner Anwesenheit in Salt Lake City gerade eine grössere Versammlung der Heiligen stattfand. Das ganze kolossale Haus war voll von Männern, Weibern und Kindern. An einem der Eingänge kauerten zwei Indianerinnen mit rothgemalten Gesichtern, zerlumpt und starrend von Schmutz. Auch sie gehörten zu den Mormonen.

Unter der Menge herrschte wenig Aufmerksamkeit auf die Worte jenes Apostels, der eben sprach. Ich sah kein einziges, scharfes, entschlossenes Gesicht vom Schlag des typischen Amerikaners, und die meisten Anwesenden hielten das Maul offen. Die Frauenzimmer waren hässlich, und die orthodoxe, fromme Scheulederhaube, die viele aufhatten, trug nichts dazu bei, sie zu verschönern. Kindergeschrei und der Lärm beständigen Kommens und Gehens trieb mich nach vorn, damit ich von den Reden etwas hören konnte.

Auch unter den Aposteln schienen die dummen Gesichter, denen gegenüber drei oder vier Gaunerphysiognomieen eine Art Intelligenz vertraten, zu prädominiren. Mehrere sprachen nacheinander, wobei wenig Geist und viel Gefasel zum Vorschein kam.

Der ewige Refrain war, dass die Mormonen besser seien als alle anderen Menschen. »Wo beginnt das Reich Gottes? Bei den Vätern und Müttern. Lasst die Väter reinen Herzens sein und lasst die Mütter reinen Herzens sein, und auch die Kinder und die ganze Familie werden reinen Herzens sein. Auch Abraham, Isak und Jakob waren reinen Herzens. Denn sie sind die Gründer des Reiches Gottes, und wir sind die Heiligen des letzten Tages, und weil wir die Heiligen des letzten Tages sind, sind wir reinen Herzens. Hier stehen wir vor dem Volk, hier stehen wir vor der ganzen Welt. Aber wir sind reinen Herzens und gehören zum Reiche Gottes«. Solches redete wörtlich in der grössten Gemüthsruhe ein alter Kerl mit einem abgefeimten Galgengesicht. Er sah gescheidter aus als seine Predigt. Für das stupide Gesindel vor ihm mochte sie allerdings gut genug sein, er hielt es offenbar nicht der Mühe werth sich anzustrengen.

Nach ihm stand ein Apostel von der nicht verschmitzten Sorte auf und sprach ungefähr ganz dasselbe, als ob er zeigen wollte, dass er gut aufgepasst habe. Vielleicht auch ist es wahr, was mir ein Gentile anvertraute, dass die Apostel insgesammt nur etwa ein Dutzend Reden im Vorrath haben, mit dem sie Jahr aus Jahr ein ihre geduldige Heerde erbauten. Alle diese Figuren von Krämern und Schlächtern, jedes idealen Zuges baar, die sich da als Gesalbte des Herrn geberdeten und von der Kanzel herab mit auswendig gelernten Phrasen herumwarfen, widerten mich aufs Intensivste an. Welches Mass menschlicher Dummheit setzte die Möglichkeit einer solchen Machtentfaltung solcher Apostel voraus.

Brigham Young sass in seinem Sopha so tief hinabgerutscht, dass nur der oberste Theil seines greisen Hauptes über der Brüstung sichtbar war. Er las eine Zeitung und kümmerte sich nicht um den Unsinn, den unter ihm die Anderen schwatzten.

Endlich richtete er sich etwas auf, als sein Sohn zu ihm trat und neben ihm Platz nahm. Die angelegentliche Konversation, die sich nun zwischen beiden entspann, gab mir Gelegenheit, den alten berühmten Propheten eingehender zu betrachten. Er trug eine dunkle Brille und sah bereits sehr gebrochen und altersschwach aus.[11] Sein unförmig dicker Hals schien kaum mehr die Kraft zu haben, den grossen kahlen Kopf, welchen ein amerikanischer Kehlbart halb umrahmte, zu tragen. Ich konnte nichts Imponirendes oder Ehrwürdiges an ihm entdecken. In seinem Blick lag etwas Giftiges, Boshaftes, und sein Gesammteindruck war mir der eines ganz ordinären, von Gewissensbissen geplagten Wucherers am Rande des Grabes, der niemals in seinem Leben edlerer Gedanken fähig gewesen.

[11]: Brigham Young ist mittlerweile 76 Jahre alt am 29. August 1877 gestorben.

Eine Pause entstand unter den Predigten. Keiner der Heiligen schien sich inspirirt zu fühlen. Da stupfte Brigham Young seinen Sohn an, worauf dieser das Wort ergriff, indem er sich ungeschlacht mit dem Ellbogen auf die Brüstung lümmelte. Auch Young junior hat bereits eine Glatze und mag hoch in den Vierzigen stehen. Er trug einen gewöhnlichen grauen Rock, und auch seine Züge waren gewöhnlich. Die kurze Rede jedoch, die er hielt, hatte allein unter allen, die ich gehört, etwas Feuer und Geist.

Als er zu Ende war, intonirte die Orgel eine Melodie, und ein Chor von Sängern und Sängerinnen hinter dem Prophetensopha sang mit guten und kräftigen Stimmen einen Choral, der mir sehr wohlklingend vorkam, nachdem ich schon lange nichts derartiges mehr gehört hatte. Hierauf ging die ganze Versammlung durch die gleichzeitig geöffneten Thüren nach sämmtlichen Himmelsrichtungen auseinander.

Das Mormonenthum ist wohl jene Konfession, die an Abgeschmacktheit, Verschrobenheit und Lüge alle anderen derartigen Erzeugnisse der so Bedeutendes leistenden anglo-amerikanischen Sektirerei übertrifft. Die Abgeschmacktheit beginnt schon mit der Persönlichkeit des Gründers Joseph Smith, aus dessen Kopf das ganze abstruse Zeug entsprang. Sein Bild ist in jedem Laden von Salt Lake City zu sehen. Man denke sich eine moderne Kellnerfigur mit glattrasirtem Gesicht und ängstlich glattfrisirten Haaren, mit hoher Halsbinde und langem Biedermeierfrack, die sich als Religionsstifter neben Moses, Christus, Mohamed stellt, die plötzlich mit ehernen von Gott mitgetheilten Gesetzestafeln auftritt, nächtliche Besuche von Engeln zu empfangen behauptet und ein neues Evangelium, »the Book of Mormon«, schreibt, in welchem die Sprache des alten Testamentes plump und ungeschickt nachgeahmt wird. Wer sich von der äussersten Widerlichkeit überzeugen will, bis zu der menschlicher Wahnwitz sich verirren kann, der lese einige Seiten aus dieser »Mormon Bible«.

Und das Machwerk einer solchen Karrikatur konnte nicht blos begeisterte Anhänger gewinnen, sondern auch Dinge vollbringen, die in der Kulturgeschichte eine achtenswerthe Rolle spielen. Tausende schaarten sich um den neuen Propheten, trotzten allen Anfeindungen und zogen tausende von Meilen durch die Wüste, um als neues Israel ein neues Jerusalem »Das Reich der Heiligen des jüngsten Tages« zu gründen.

Jetzt freilich ist es vorüber mit der Macht des Mormonenthums, und der grosse sechsthürmige Tempel, den Brigham Young zu bauen geplant hat, wird bis auf die bereits fertigen Mauern und das öde und verlassen gegen Himmel starrende Gerüst unvollendet bleiben. Die Pacific Eisenbahn hat dem Reich der Heiligen den Todesstoss gegeben. Immer mehr Gentiles kommen nach Salt Lake City, und immer mehr muss sich die auserwählte Heerde vor ihnen zurückziehen. Innere Zwistigkeiten nagen an ihrer Lebenskraft, die Apostel werden von der schnöden weltlichen Gerechtigkeit als gemeine Verbrecher, Räuber und Mörder entlarvt, die Proselyten fliessen immer spärlicher, und nur eine grössere Anzahl liederlicher Weiber, die ihren Männern entlaufen sind, namentlich aus Dänemark, Norwegen und Schweden, liefern noch jährlich einen stehenden Zuwachs. Die Gentile Presse leistet an Grobheit, Verachtung und Spott gegen die Mormonen amerikanisch Unübertreffliches. Man braucht nur eine einzige Nummer des »Salt Lake Daily Tribune« in die Hand zu nehmen, um sofort zu erkennen, dass das Mormonenthum jeden Schatten von Macht verloren hat.

An sonstigen Merkwürdigkeiten besitzt Salt Lake City ein Theater, ein Museum für Alles, eine kleine, aber fürchterliche Gemäldesammlung, das Schloss des Propheten, eine gothische Methodistenkirche und warme Quellen mit Badegelegenheit. Brigham Youngs und seiner vielen Weiber Behausung ist eben so geschmacklos wie die meisten Erzeugnisse seines Geistes. Eine dicke Mauer aus Bruchsteinen und Mörtel mit sehr vielen konischen Thürmchen aus demselben Material umgibt dieselbe, über dem Thor sitzt ein schadhafter hölzerner Adler, und unter ihm stiert wieder das so beliebte Auge Jehovas aus seinem dreieckigen Strahlenkranz. Das beste Gebäude der ganzen Stadt ist noch das Theater, wenngleich ein Kunstpedant an den allzu schlanken dorischen Säulen der Eingangshalle sich vielleicht stossen könnte. Auffallend häufig begegnet man hier skandinavischen Namen. Es fehlt indess auch nicht an Deutschen, Franzosen und Italienern, und auch der schlitzäugige »Yun Lee« oder »Sun Wau« ist mit seinem stereotypen »Washing and Ironing« schon bis hierher gedrungen.

Die Mormonen rühmten sich stolz, ein Mikrokosmus für sich zu sein, alle ihre Bedürfnisse selbst zu decken und keine fremden Produkte zu benöthigen. Spuren dieses Strebens sind überall noch bemerkbar, aber vorwiegend die üblen Einflüsse desselben. Mit Abgeschlossenheit und ängstlichem Fernhalten des belebenden Anstosses von Aussen hat es noch kein Gemeinwesen weit gebracht. Nur ein Stagniren der Talente und Kräfte ist die Folge eines solchen Systems.

Ich würde den Abstecher nach Salt Lake City vielleicht gar nicht gemacht haben, wenn mich nicht der Salzsee selbst mit seinen zwanzig Prozent Salzgehalt gereizt hätte, in ihm ein Bad zu nehmen. Früher konnte man aus vier Tonnen seines Wassers eine Tonne Salz durch Abdampfen gewinnen, jetzt sind hierzu fünf Tonnen nöthig. Der See wird dünner, sein Niveau steigt, möglicherweise in Folge eines stetigen Emporrückens des ganzen Landes, dessen höher werdende Berggipfel den Wolken immer mehr Feuchtigkeit abzuzwingen vermögen.

Eine breite gelbe Marschzone, durch die sich der Jordan mit seiner grünen Einfassung von Weiden und Pappeln schlängelt, trennt die Stadt und den See, und um in ihm zu baden, muss man mit der Western Utah Eisenbahn zwei Stunden nach Lake Point fahren, wo die Berge unmittelbar an sein Ufer treten.

Die Western Utah Eisenbahn war erst seit kurzer Zeit im Gang und hatte noch keine starke Frequenz. Sie reichte bis zu einer etwa doppelt so weit als Lake Point entfernten Bleimine »Ophir City« und brachte täglich einen Zug hin und zurück. Wir fuhren so langsam, dass man nebenher hätte laufen können, die Lokomotive hatte nur drei offene Wagen zu schleppen, die mit Minergestalten besetzt waren.

Es war ein herrlich schöner Tag, wolkenlos wie fast alle hier zu Lande im Sommer und Herbst. Die Luft zitterte glühend über den malerischen kahlen Bergketten ringsum, deren warme Farben von einem wunderbar zarten Duft übergossen erschienen. Gegen Norden die prachtvoll tief blaue Fläche des anmuthig gebuchteten und mit Inselbergen besetzten Salzsees -- einige im Vordergrund weidende Pferde und Rinder ausgenommen, der dunkelste Ton in der ganzen strahlenden baumlosen Landschaft, das satteste Blau, welches ich je gesehen. Eine mir neue Art weisslicher Moskitos gesellte sich sehr unwillkommen uns bei.

Da wo zwischen den Bergen und dem See nur mehr ein schmaler Saum für die Bahn bleibt, liegt Lake Point. Weiterhin dehnt sich das Ufer wieder zu einer dürrgebrannten sanft ansteigenden Ebene, in deren Hintergrund eine kleine Ortschaft liegt, während in dem Mittelgrund einzelne niedrige Gehöfte zerstreut sind. Staubwolken steigen allenthalben auf, von langsam sich vorwärts bewegenden Pünktchen, welche Reiter oder Wagen vorstellen, erzeugt.

Lake Point besteht nur aus einem zweistöckigen Hotel, einem in den See hinausragenden Pier für ein zu Vergnügungsfahrten bestimmtes Dampfboot, sowie mehreren Badehütten, und ist ein reizend stiller, einsamer Winkel. Nur selten unterbricht das Zwitschern eines Vogels die herrschende Ruhe. Heuschrecken schwirren über die gelben Grasstoppeln hin. Unter diesen sah ich häufig eine Art, welche ich anfangs für Trauermantelfalter hielt. Ganz dieselben schwarzen, gelbgeränderten Flügel, ganz derselbe flatternde aber ausdauernde Flug wie jene Schmetterlinge.

Ich verfügte mich sofort in die dicke Salzlake des Sees und überzeugte mich von der bereits gelesenen Thatsache, dass man in ihr nicht untertauchen kann. Es war ein höchst sonderbares, fremdartiges Gefühl, so getragen zu werden. Gleichwohl würde ein des Schwimmens Unkundiger in dieser zwanzigprozentigen Flüssigkeit eben so sicher ertrinken wie in destillirtem Wasser. Das nachgiebige Medium sucht den Körper beständig horizontal zu legen, und bei der geringsten Bewegung dreht man sich um die eigene Achse, so dass das Gesicht und damit die Oeffnungen für die unentbehrliche Athemluft bald nach oben bald nach unten sehen, wenn man nicht durch zweckmässiges Benehmen dagegen anzukämpfen weiss. Ich fand es nicht schwer, durch sorgfältiges Biegen und Strecken des Körpers auch in aufrechter Stellung mit gekreuzten Armen das labile Gleichgewicht längere Zeit zu erhalten. Man steht dann im tiefen Wasser, nur bis zu den Brustwarzen eintauchend, wie eine lebende Senkwage. Weniger leicht und äusserst ermüdend fand ich das Vorwärtskommen. Ein Leander oder ein Kapitän Webb wäre im Grossen Salzsee von Utah kaum denkbar.

Noch eine andere Erfahrung wurde mir zu Theil. Wenn schon die Salzfluth des gewöhnlichen vierprozentigen Meeres abscheulich schmeckt, so ist dies hier noch viel intensiver der Fall. Bei meinen verschiedenen Experimenten geriethen mir etliche Tropfen durch die Nase in den Schlund, und ein sofortiger Brecherguss war die interessante, aber unangenehme Folge davon. Es soll auch, wie ich mich später erkundigte, noch keinem Menschen vergönnt gewesen sein, einen derartigen Reiz ohne solche Reaktion auf sich wirken zu lassen.

Eine Menge kleiner Krebse aus dem Geschlecht der Artemien tummelte sich um das Pier herum. Ich fing ihrer ein paar Dutzend, und da sie alle ziemlich tief schwammen, und die einzig mögliche Fangmethode mittels der luftgefüllten Flasche, die ich plötzlich umdrehte, so dass das Wasser und zugleich einzelne Thierchen hineinstürzten, umständlich und langweilig und die Temperatur des Sees sehr kalt war, so fror ich beträchtlich, und zähneklappernd entstieg ich dem lehrreichen Bade.

Als der primitive Bummelzug aus Ophir City am Abend mich wieder abgeholt hatte und wir nach Salt Lake City zurückdampften, brauchten wir für die kurze Strecke noch länger wie am Morgen. Einmal fuhren wir auf einer Zweigbahn in einen abseits gelegenen Sandbruch ein, um einen Sandwagen anzuhängen, und zweimal mussten wir mitten in der Ebene halten, zuerst weil ein Bauer seinen leeren Karren auf den Schienen hatte stehen lassen, bis der Lokomotivführer ihn in den Graben hinabschob, und dann weil drei Ochsen eigensinnig darauf bestanden, lustig mit hoch erhobenen Schwänzen vor uns her zu traben. Und während wir gerade im vollen Lauf waren, hatte ich doch noch immer Zeit genug, schnell herab zu springen, eine unvorsichtige Natter, die an der Böschung hinkroch, einzuheimsen, nachzulaufen und wieder aufzusteigen.

Ehe ich Salt Lake City für immer verliess, machte ich noch einen Spaziergang nach Camp Douglas.

Vor ungefähr dreissig Jahren, als Brigham Young sich stark und entfernt genug fühlte, der Regierung in Washington Trotz zu bieten, sandte diese mit riesigen Kosten ein Heer unter General Douglas aus, um ihn zu unterdrücken. Camp Douglas, das ehemals befestigte Lager der Expedition, auf einer die Stadt beherrschenden Höhe im Hintergrunde gegen die Berge zu gelegen, erzählt noch heute von jener Geschichte und beherbergt noch heute eine kleine Besatzung, obwohl die Macht des Mormonenthums längst gebrochen ist.

Links und rechts von der ansteigenden staubigen Strasse eilen tief verborgen unter staubbedeckten Artemisiabüscheln kleine Bäche herab, überraschend mitten in der dürren Wüste. Camp Douglas selbst ist wieder eine grüne Oase, ein schöner quadratischer Exerzierplatz mit Akazienbäumen bepflanzt und umgeben von Barackenkasernen und Offizierswohnungen mit sauberen blumenreichen Gärtchen davor. Am Eingang stehen die Wache und einige alte Geschütze. Der Posten hatte vier scharfe Patronen im Gürtel stecken, zu welchem Zweck, blieb mir bei der Abwesenheit eines Feindes und bei der sonstigen Gemüthlichkeit, mit welcher der Dienst betrieben zu werden schien, räthselhaft.

Es war Abend, und die grosse Flagge, die von der Spitze eines hohen Mastes wehte, sollte niedergeholt werden. Die ganze Besatzung, etwa hundert Mann, lauter Artillerie, versammelte sich in Reih und Glied zum Appell. Vier Offiziere stülpten weisslederne Handschuhe über die Finger und rasselten mit ihren Säbeln, mehrere Soldaten trugen statt des Käpis einen Schlapphut. Die Sonne ging glühend unter. Die Wache trat ins Gewehr, ein Trompetensignal, ein Trommelwirbel, ein Kanonenschuss, und das Sternenbanner stieg langsam und gravitätisch herab.

Unten im weiten ebenen Thale lag friedlich die Stadt mit ihren rechtwinkligen Blöcken von Häusern und Gärten, die vom Schein des wolkenlosen Abendhimmels glitzernde Fläche des Salzsees und der Silberfaden des Jordanflusses. Ringsum die blauen Berge. Nach Osten zieht sich der Telegraphendraht in einen Sattel hinauf. Er geht noch den alten Weg, den einst die Auswandererzüge nach Kalifornien genommen haben, ehe die Pacific Railroad existirte.

XXVI.

VON SALT LAKE CITY NACH NEW YORK.

Frömmigkeit und Prellerei. Emigrantenzüge. Die Prairien. Omaha. Eine unangenehme Nacht. Präsidentenwahl zum Zeitvertreib. Niagara Fall und Stadt. Das Amerikanische und das Kanadische Ufer. Praktischer Sinn der Niagarenser. Herbstliche Färbung.

Ogden ist ungefähr halbwegs zwischen San Francisco und Omaha. Von hier an heisst die Bahn Union Pacific und die Passagiere haben hier die Wagen zu wechseln. Die Leiter dieser Linie scheinen mit grosser Frömmigkeit begnadet zu sein. Denn in jedem Wagen liegt eine Bibel auf. Ich habe aber nie jemand darin lesen sehen. Die Mucker befolgen die nämliche Politik wie die Schneider und Quacksalber. Es bleibt doch immer ein Weniges hängen, auf diesem psychologischen Moment beruhen ebensowohl die überall herumgestreuten Traktätlein und Bibeln, als die überall an die Felsen geklecksten Reklamen.

Als ich in Ogden einstieg, um weitere drei Tage Pacific Bahn abzubüssen, kam der Gepäckmann, nahm mir meine Flinte ab und sagte, ich müsse einen Dollar zahlen dafür dass er sie aufbewahre. Ich war empört über solche Zumuthung, die ich für einen plumpen Schwindel hielt. Und doch war der gute Gepäckmann in seinem Recht. Denn als ich mich bei dem nächsten Superintendent in Evanston beschwerte und frug, was denn dieser Dollar eigentlich zu bedeuten habe, ob Strafe oder Zoll oder Extrafracht, nachdem ich für mich und meine Koffer bereits Alles bezahlt, wurde mir die Antwort zu Theil, die Direktoren der Linie hätten ihren Bediensteten das Privilegium gegeben, jede Flinte der Passagiere aufzubewahren und dafür einen Dollar zu berechnen.

Es war gewiss eine ganz lobenswerthe Vorsicht den Passagieren ihre Waffen einzusperren, in einer Gegend, die vor noch nicht sehr langer Zeit dem Auswurf des Erdballs als Sammelplatz und Schlupfwinkel diente, wo vor Kurzem noch Mord und Todtschlag die Tagesordnung beherrschte und die Hälfte der Bevölkerung »in den Stiefeln«, das heisst auf dem Wege des Todtgeschossen-, Todtgestochen-, Todtgeschlagen- oder auch Lynchweise-gehenktwerdens starb. Dafür aber noch Bezahlung zu verlangen, war eine schmähliche Prellerei. Von Omaha bis Chicago auf der Rock Island Pacific kostete die Flinte abermals einen Dollar Privilegium.

Da die Gegend wieder zu abscheulich und trostlos wurde, um sie anzusehen, nahm ich wieder Mister Williams Pacific Tourist zur Hand, um mich wenigstens an den Schilderungen der mir unfassbaren Schönheiten schadlos zu halten.

Im Thal von Uintah zeigten sich einzelne Fichten auf den Bergen, und Schneestreifen schmückten die Furchen ihrer Gipfel. Im Vordergrunde eine Geröllebene, durch die sich schmutzige Bäche ziehen, gelbe Weiden und Pappeln an den Ufern. Ein Emigrantenkarren stand unten am Bahndamm. Die Pferde waren ausgespannt und weideten das spärliche dürre Gras ab. An einem Feuer sass die Frau mit zwei zerlumpten Kindern und kochte, unweit davon am Rande eines Wasserlaufs sass der Mann und hielt eine Angelruthe in die trübe Flüssigkeit. Ob diese weisse Zigeunerfamilie westwärts oder ostwärts wanderte, war nicht zu entscheiden.

Noch jetzt also giebt es abenteuerliche Existenzen, die trotz der Bahn in der alten beschwerlichen, langsamen Art durch die öden Wildnisse reisen. Später einmal in der Dunkelheit passirten wir ein grösseres Lager von Emigranten mit mehreren Wachtfeuern.

Bedauerlicher Weise kam auch hier wieder die Nacht, als wir den zweiten landschaftlich genussreichen Abschnitt der Bahn, die durch Ausläufer der Rocky Mountains hergestellte Unterbrechung der ewigen Gegend, passirten. In aller Frühe des nächsten Morgens dehnte sich die monotone Ebene der Laramie Prairien vor uns, und im Laufe des Vormittags hielten wir an der Station Sherman, 8242 Feet oder 2510 Meter über dem Spiegel des Meeres. Dies ist der höchste Punkt der Bahn, von dem aus das Land gegen Osten abzudünen beginnt. Sherman war auch damals für mich der höchste Punkt, den ich je erreicht hatte.

Fast alle die elenden primitiven Stationen, durch die wir nun fuhren und an denen wir leider auch hielten, hatten hochtrabende Namen. Nur eine einzige und nicht die schlechteste hiess, wie sie eigentlich insgesammt heissen sollten, nämlich Miser. Etwa zwanzig Blockhütten sind in einer Reihe neben den Schienen aufgepflanzt. Weissgemalte Bretterfronten mit bombastischen Aufschriften in grossen Lettern und allen Farben sollen ihre wahre Natur maskiren. »City Emporium« nennt sich zum Beispiel so ein Bauwerk. Ein Stiefel hängt vorne heraus, und ein krummbeiniger schäbiger Kerl mit einer Schnapsnase und einem Pfeifenstummel steht unter der Thüre. »Drinking Saloon, Drinks 12½ Cents«, worunter aber hier zu Lande 15 Cents zu verstehen sind, da es keine einzelnen Cents und noch viel weniger halbe giebt, lautet der Titel einer anderen, die bei uns zu schlecht für eine Almhütte wäre. Biegt man um die nächste Ecke der Ortschaft, so ist man bereits in der dürrgebrannten Wüste, die auf- und ab undulirend, bis zum Horizont sich ausdehnt, und über welcher sehr wirkungsvoll schöne blaue Berghäupter mit Schneeflecken emportauchen. Hie und da sind vielleicht noch ein paar umzäunte Vierecke für Rinder, umzäunt in jener amerikanischen Art, die ganze Balken zickzackförmig in einander legt, eben so viel Zaunmaterial als Boden verschwendend.

Immer weiter und weiter geht unsere Fahrt. Aber nicht etwa mit der erwarteten rasenden Schnelligkeit des Amerikanerthums, sondern so langsam und mühselig, dass ein deutscher Bummelzug uns einholen könnte. Links und rechts hat die Gluth der Lokomotive einige Grasstoppeln angezündet. Die prasselnden Flammen schreiten jedoch nicht weit, denn es weht kein Wind, und die Stoppeln ragen einzeln und inselweise aus dem trockenen staubigen Schlammboden. Zuweilen lassen sich in der Ferne weidende Antilopen sehen, in kleine Gesellschaften von vier oder sechs Stück vereinigt. Sie nehmen keine Notiz von uns, wenn sie nicht gerade sehr nahe sind, und dann gallopiren sie eilig über die nächste Terrainwelle.

In Medicine Bow kampirte ein kleines Kommando Soldaten unter Zelten und führte offenbar ein sehr armseliges Dasein. Zwei Wachen standen auf beiden Seiten unter Gewehr, als ob der Feind in der Nähe sei. Es war eben wieder einmal Indianerkrieg in den Black Hills, und in Laramie lagerte noch mehr Militär. Auch Bäume gab es hier, sie schienen sich aber nicht wohl zu fühlen.