Reise durch den Stillen Ozean

Part 39

Chapter 393,403 wordsPublic domain

Im »Yu Henn Choy« sah ich einmal verschiedene Pantomimen und gymnastische Künste. Ein Policeman des Chinesenviertels hatte mir am Morgen mitgetheilt, dass dort heute Abend um neun Uhr »a great Tumbling« (eine grossartige Purzelei) aufgeführt werden sollte. Das Tumbling ist die Hauptforce und die spezifische Leistung chinesischer Akrobaten, die nur selten und als etwas Besonderes mitten zwischen dramatischen Stücken zum Besten gegeben wird.

Nach etlichen reizlosen equilibristischen Produktionen auf Stuhlpyramiden und Stangen folgte das bekannte Messerwerfen und nach diesem als Schluss- und Knalleffekt das Tumbling. Alle zwölf Akrobaten, theilweise phantastisch geputzt und mit Fähnchen auf dem Rücken, die sie im weiteren Verlauf abwarfen, traten vor das Orchester und begannen erst einzeln, dann zu zweit und zu dritt oder auch alle auf einmal Luftpurzelbäume zu machen. Immer heftiger und rascher wurden ihre Bewegungen und die Musik. Rücksichtslos sprangen sie mit den kahlen Schädeln auf den harten Boden, dass es laut dröhnte, oder warfen sich platt auf den Rücken nieder, als ob es für sie gar keine Gehirn- oder Rückenmarkerschütterung gäbe.

Immer wilder und ungestümer purzelten sie durch einander, über und unter sich, kreuz und quer, über Tische und Stühle, schmetterten mit den Schädeln gegen einander und gegen den Boden, bis von dem ganzen Dutzend tobender Menschen nur mehr einzelne Arme, Beine und Schädel herumzufliegen schienen, wie von Geisterhänden durcheinander gequirlt, während die Musik immer verrückter wurde und in den schrillsten, gellendsten Dissonanzen sich bemühte, auch die Zuschauer in die auf der Bühne herrschende Tobsucht hineinzuziehen. Mit mir wäre ihnen dies beinahe gelungen. Meine bezopften Genossen aber sahen stumpfsinnig und blöde vor sich hin, ohne ihr Gesicht zu verändern.

Unter den Pantomimen die ich vorher gesehen hatte war namentlich eine interessant und auch für europäische Empfindungsart durch ihren blossen Inhalt von komischer Wirkung.

Zwei Männer schleppen einen Scheintodten herein, werfen ihn auf den Tisch und stellen Belebungsversuche an. Sie blasen ihm in die Nase, sie kitzeln ihn mit einer Feder in der Nase, der Kerl rührt sich nicht. Sie legen ihn auf den Rücken, sie legen ihn auf den Bauch, Kopf und Extremitäten baumeln schlaff herab. Nun wird er bis auf eine Schwimmhose entkleidet. Sie binden ihm Hände und Füsse an den Leib und stossen ihn mit dem Kopf auf den Boden, so dass er fest steht wie das Ei des Columbus. Sie zünden Pulver vor seinem Gesicht an -- Alles umsonst. Die Augen bleiben starr geöffnet, kein Muskel zuckt. Grosse gelehrte Berathung, bedenkliches Kopfschütteln. Endlich haben sie das Richtige gefunden und hüpfen frohlockend wieder herbei. Der zusammengeschnürte Körper wird losgebunden und ausgestreckt mit den Beinen an einen Nagel gehängt. Teuflische Grimassen schneidend kitzeln sie mit sämmtlichen zwanzig Fingern an ihm auf und ab, von unten nach oben, von oben nach unten, an den Sohlen, in den Achseln -- ohne Erfolg. Sie verlieren die Geduld, werden ärgerlich, entzweien sich, prügeln sich. Jeder möchte allein kitzeln und beansprucht den Kadaver für sich. Sie reissen ihn von der Wand und zerren ihn hin und her, der eine an den Beinen, der andere an den Armen. Sie hauen gegen einander und im Wirrwarr des Gefechts erhält aus Versehen das Objekt des Zwistes eine schallende Ohrfeige. Da springt plötzlich der Scheintodte auf, giebt jedem der Streitenden einen Fusstritt ins Gesicht, dass sie hintüber purzeln, und läuft heulend zur Thüre hinaus.

Man konnte sich nichts Teuflischeres denken, als das Geberdenspiel der beiden mongolischen Fratzengesichter in jener Kitzelszene, und die quicksende Musik gab die entsprechende Tonmalerei dazu so eindringlich und wirksam, dass man sich zu kratzen versucht fühlte.

Die dritte Hauptmerkwürdigkeit, das Dschoss Haus, setzt sich zusammen aus drei verschiedenen Abtheilungen, aus einer offenen Holzbaracke, die in eine schmale Lücke der Häuserreihe etwas zurücktretend hineingebaut ist, und aus zwei Zimmern im ersten Stock des linken Nachbargebäudes, die mit jener durch eine Treppe verbunden sind. Alles glitzert innen von Gold und von Silber, von rothen und gelben, blauen und grünen Farben. Hellebarden, Götterfiguren allein und in Gruppen, Altärchen und Schüsselchen stehen neben- und übereinander, längs den Wänden und in der Mitte. Das eine der Zimmer ist halb dunkel und durch farbige Lämpchen sehr wirkungsvoll magisch düster beleuchtet. Der Totaleindruck erinnert lebhaft an den Geschmack des bunten Aufputzes katholischer Dorfkirchen in Baiern oder Tirol. Es fehlt nur der Weihrauchgeruch, der hier durch das zweifelhafte Aroma unzähliger Räucherkerzchen vertreten ist.

In der Regel herrschte ein starkes Gewühl von Chinesen in den engen Räumen, und man musste sich sehr in acht nehmen, in dem fortwährenden Drängen und Stossen nichts von all dem heiligen Flitterkram umzuwerfen, oder sich an den überall steckenden Räucherkerzchen zu brennen. Zwei weisse Policemen hielten am Eingang barsch und gewaltsam die Ordnung aufrecht. Ich konnte nie eine Spur von andächtiger Stimmung in den Physiognomien der Kirchgänger bemerken. Sie benahmen sich ganz wie auf der Strasse, rauchten Zigarren, hatten den Hut auf dem Kopf und die Hände in den Hosentaschen und gafften gleichgültig umher.

Neben einem der Altärchen in der magisch halbdunklen Ecke war ein thönerner Ofen, und vor ihm knieten einmal zwei Frauenzimmer nieder, küssten den Boden, standen wieder auf, zündeten einige papierene Gebetlein an und warfen sie in den Ofen. Dabei fuhren sie mit der auflodernden Flamme so unerwartet und nahe an meinem Gesicht vorbei, dass ich erschrocken zurücktrat, worüber die Nächststehenden ein lautes Gelächter aufschlugen. Die zwei Damen, Prostituirte wie alle weiblichen Glieder des Chinesenviertels, waren übrigens für die herumgaffenden Burschen die beständige Zielscheibe der Unterhaltung. Ihre Frömmigkeit mochte auch ziemlich unlautere Motive gehabt haben. Der Buddist verlangt von Gott nur Segen für sein Geschäft.

Ein anderes mal kam ich gerade noch recht zu den letzten Akten einer grösseren Feierlichkeit. In der Eingangsbaracke sass halbversteckt hinter allerlei Zierrath eine Musikbande und quiekste und miaute ganz ebenso, wie ich es schon im Theater gehört hatte. Oben im ersten Stock zelebrirte der alte, dünnbärtige Oberbonze, dessen Pilzhut ein Glasknopf zierte, im Verein mit zwei jungen Diakonen, welche rothseidene, gelbbeknöpfte Glatzkäppchen trugen, und mehreren Dienern, die Glatzkäppchen, aber ohne Knopf aufhatten, hinter einer Barriere eine Art Messe. Einige Frauen mit kleinen Kindern drängten sich vor, stiegen über die Barriere und setzten sich stumm auf den Boden. Sie hatten offenbar eine Rolle bei dem Fest zu spielen. Ein langes Brett in der Mitte war mit winzigen Opferschälchen, welche Reis, Weinträubchen, Rübchen und sonstige Gerichtchen enthielten, bedeckt, und über dieses trugen zwei Diener etliche Heiligenfigürchen auf einer Tafel, die sie von den beiden Seiten in die Höhe hielten, langsam herab und hinauf, als ob sich die Figürchen die ganze Bescherung recht genau anschauen sollten. Mein Verständniss dessen, was ich sah, war eben so undeutlich wie meine Schilderung sein dürfte.

Weniger unverständlich hingegen ist das Getriebe, welches gleich ausserhalb des Dschosshauses beginnt. »Mademoiselle Laurence«, »Sennorita Juanita«, »Miss Mary« und so weiter lauten die Aufschriften, die in Sacramento Street und in den nächsten Strassen gegen Süd und West beinahe an jeder Thüre oder an farbigen Gaslaternen in prangenden Lettern das Auge auf sich ziehen. Die Fenster der Erdgeschosse sind geöffnet und hell erleuchtet, und hinter ihnen sitzen im strahlenden Lichte die holden Trägerinnen jener Namen, sticken oder nähen und warten mit resignirter Gelassenheit auf Kundschaft. Unter dem Schatten einer Veranda ladet auch wohl eine Sirene in leichter Balletgewandung flüsternd zum Besuch ein, während verluderte Gaunergestalten rudelweise vorüberziehen und zynische Witze reissen.

San Francisco hat eben von der alten Zügellosigkeit doch noch einige Ueberbleibsel behalten. Zum Glück macht sich auch in Bezug auf den Sonntag diese grössere Freiheit geltend. Während drüben auf der atlantischen Seite Amerikas die englisch-puritanische Sonntagsöde ungemildert über den Städten lagert, und die armen Fremdlinge in den Hotels den ganzen Tag nichts thun können als schlafen oder unten im gemeinschaftlichen Parlour, den Zylinder auf dem Kopf und ein bereits mehrmals gelesenes Blatt in der Hand, mit drei oder vier Stühlen die verschiedensten amerikanischen Posituren durchprobiren -- man muss eine solche Gesellschaft von Gentlemen gesehen haben, um zu wissen was Langeweile heisst -- freut sich das Volk an der pazifischen Küste lustig des Lebens. Einem frommen Reverend aus England oder aus den östlichen Staaten, den »Staaten« schlechtweg, muss ordentlich die Haut schaudern, wenn er den sabathschänderischen Lärm San Franciscos kennen lernt. Ich selbst, durch längere Gewöhnung anglikanisch entartet, fühlte etwas wie Befremdung, als ich den Heidenspektakel von Drehorgeln, Biermusiken, Volksversammlungen, Aufzügen, Fackelprozessionen und militärischem Pomp sah, der hier an Sonntagen verübt wird.

Sehr beliebt scheint das Soldatenspielen zu sein. Die Milizen haben in Amerika das Recht, ihre Uniformirung selbst zu wählen; gewöhnlich thun sich die Landsmannschaften zusammen und kleiden sich nach heimischem Reglement, und so kann man bald einem Haufen rothblusiger Garibaldianer, bald einem Regiment dunkler Preussen mit Pickelhauben, in dieser Strasse einem Bataillon Franzosen, in jener Schweizern begegnen. Derartige Erscheinungen sind in jeder grösseren Stadt zu haben, am meisten entwickelt und wechselvoll fand ich sie in San Francisco vor. Die dortigen Gardegrenadiere sind nicht weniger stolz als die in Berlin. Was kann es auch für einen jungen Teutonen am Sonntag Schöneres geben, als sich in Uniform zu werfen, die Flinte zu ergreifen und unter den kriegerischen Klängen der Janitscharenmusik hinauszuziehen nach irgend einem Vergnügungslokal. Voran reiten der Oberst und der Regimentsadjutant, die Majore und die Bataillonsadjutanten, auch die Hauptleute sind beritten, und in New York sah ich einmal selbst einen Regimentsarzt mitreiten. Dieser hatte aber keine Pickelhaube sondern einen Federhut auf dem Kopf. Sonst war Alles echt von den Zündnadelgewehren bis zu den Schärpen der Adjutanten und den Säbelquasten, welche die verschiedenen Kompagnien auszeichnen. Draussen wird dann Bier getrunken und getanzt und Abends gehts wieder in derselben Weise nach Hause, nur etwas weniger stramm und oft auch schwankenden Schrittes.

Diese heterogenen Milizen sollen sich bei besonders feierlichen Gelegenheiten oft in die Haare gerathen. Es soll vorkommen, dass die Preussen es unterlassen zu präsentiren, wenn die Franzosen vorbeimarschiren, worauf diese vielleicht zu pfeifen und zu johlen beginnen, und dann ist der Teufel los, und die Konsuln haben ihre liebe Noth, die Empfindlichkeit der beleidigten Nationalitäten zu beschwichtigen und den respektiven Heerführern klar zu machen, dass das Deutsche Reich solche Vorkommnisse noch nicht für ausreichend zu einer offiziellen Kriegserklärung erachten dürfte.

In den zahlreichen und grossartigen Bierpfützen der deutschen Quartiere übrigens herrscht eine rühmenswerthe Neutralität. Dort verschmähen es auch die benachbarten Franzosen nicht, sich mit ihren Erbfeinden in demselben gemüthlichen Schlamm zusammenzufinden. Die in Amerika leider so beliebten Riesendrehorgeln, auf denen Orchestermusik mit Blasinstrumenten, Trommeln und Paucken abgehaspelt wird, spielen abwechselnd die Marseillaise und die Wacht am Rhein dazu.

Was San Francisco ausserhalb des Chinesenviertels an Sehenswürdigkeiten besitzt, ist bald gesehen. Das Palace Hotel repräsentirt das Höchste, was amerikanisches Hotelwesen, weit überlegen dem europäischen, an Eleganz und Solidität zu leisten vermag. Das neue Stadthaus, welches eben im Bau begriffen war, verspricht sich zu einem ganz verrückten, echt amerikanischen Architekturwerk zu gestalten, und in der Münze, deren Einrichtungen täglich zu einer bestimmten Stunde gratis gezeigt werden, kann man sich an der Erzeugung grosser Zwanzigdollarstücke ergötzen. Interessanter indess als der schnöde, gleissende Mammon war mir die Ehrerbietung, die den zwanzig oder dreissig Frauenzimmern, welche in einem geräumigen Saal die Goldstücke auf ihre Makellosigkeit prüften, gezollt wurde. »Bitte die Hüte abzunehmen« sagte unser Führer ehe wir eintraten, »wir kommen jetzt in das Departement der Ladies«, und die Damen, die da an langen Tischen sassen und feine Wagen hantierten, schienen die Artigkeit werth zu sein. Ihr Aeusseres und ihre Haltung litt nicht unter dem Druck der Arbeit um das tägliche Brot.

Nicht unerwähnt darf die kalifornische »Academy of Science« bleiben. Unter diesem Wohlklang ist keine Akademie in unserem Sinn, sondern nur ein Wust von verstaubten Büchern und verstaubten Vogelbälgen, von eingetrockneten Spirituspräparaten und einem durcheinandergeworfenen Herbarium in einer alten baufälligen Kirche zu verstehen. »Science does not pay in California« tröstete mich der hohläugig und halbverhungert blickende Kustos, der das genannte Museum der »Metropole des Westens« zu verwalten hatte. Er war ausnahmsweise ein Vollblutamerikaner. Sonst geben sich meist nur Deutsche zu solch brotlosen Künsten her.

Der bedeutendste Vergnügungsort und zugleich ein ganz eigenartig universelles Institut ist Woodwards Garden, welcher schon beinahe ausserhalb der Stadt liegt, wo die Wüste beginnt. Eine Menagerie mit Löwen, Tigern, Elephanten, Bären und Schlangen und hundert anderen Thieren bis zu den weissen Mäusen herab, ein grosser Robbenteich, ein Papageienhaus, ein See- und Süsswasser-Aquarium, ein Palmenhaus, eine Sammlung von Naturalien und Kuriositäten, eine Gemäldegallerie und was es sonst noch für die Schaulust geben mag, sind hier dem Publikum offen. Tanzsäle, Turngeräthe, Schiessbuden, ein Skating Rink, ein Karoussel von Gondeln und Segelböten auf einem kleinen runden Wasserbassin bieten mannigfaltigen Sport. Man kann hier auf Eseln reiten, mit einem Hirschgespann herumkutschiren, sich wägen lassen und Kraftproben aller Art anstellen.

An Sonntagen produziren sich Akrobaten, Messerverschlinger und Feueresser, und ein Programm von Woodwards Garden, das ich in einem Streetcar bekam, versichert in grossen Buchstaben, ihre Leistungen seien so schauderhaft anzusehen, dass regelmässig darüber die Frauenzimmer in Ohnmacht fallen und die Kinder heulen. »Women faint and Children cry!« »Rel Muab, der wahrhaftige menschliche Salamander spottet aller Naturgesetze! Er beisst glühende Eisenstangen entzwei! Er trinkt kochendes Oel! Er isst geschmolzenes Blei! Er steht mit blossen Füssen auf glühenden Eisenplatten!« »Rollo, der Zahn-Herkules, übertrifft alles bisher Gesehene mit der Kraft seiner Zähne und Kinnbacken!« Und der Eintritt zu all diesen Herrlichkeiten kostet nur einen Bit.

Das zoologische Museum von Woodwards Garden ist musterhaft sauber gehalten, besitzt eine Menge vortrefflicher Spiritusgegenstände und hat wirklichen wissenschaftlichen Werth. Der Konservator desselben ist natürlich ein deutscher Landsmann. Unter dem Kuriositätenappendix befindet sich auch ein Palmstumpf, vor welchem Cook von den Sandwichinsulanern erschlagen worden sein soll. Im Museum zu Honolulu wird die nämliche Reliquie aufbewahrt. Welches von beiden die ächte ist, möge unentschieden bleiben.

Unter den lebenden Thieren sind besonders die riesigen pazifischen Robben oder Seelöwen interessant, welche in einem stark umgitterten Teich gehalten werden. Zweimal täglich zu bestimmten Stunden ist Fütterung. Die scheinbar so plumpen Kolosse gerathen dann in grosse Erregtheit. Unglaublich gewandt klettern und schieben sie sich schnaubend mit ihren zu Flossen verkümmerten Extremitäten den aus der Mitte ragenden Felsen hinauf, wohin der Wärter ihnen ansehnliche Fleischportionen zuwirft, die sie oft noch im Fluge erschnappen, oder stürzen sich von oben kopfüber herab, um die ins Wasser gefallenen Stücke zu holen. Schwimmend nehmen sie den Charakter von Walfischen an, tauchen hie und da in die Höhe um Luft zu schöpfen, tauchen dann wieder in die Tiefe und verschwinden, und nur das Strudeln und Wallen des aufgewühlten schmutzigen Teichs zeigt an, wo ungefähr sie sich herumtreiben.

Die Anlagen von Woodwards Garden sind hübsch und verhältnissmässig geschmackvoll. Eine Menge Kioske und Flaggen zieren die vielen wirr aneinander gefügten Gebäude. Leider will unter dem Staub der benachbarten Wüste kein freundliches Grün gedeihen. Auf hohen Holzgerüsten stehen ringsum blauweissrothe, vielflügelige Windmühlen, die sich durch ihre Steuerung selbst gegen den Wind drehen, und pumpen langweilig knarrend Wasser empor.

Market Street ist die von Nordost nach Südwest gerichtete diagonale Axe San Franciscos. Am Hafen endet dieselbe in dem Hauptpier der Ferryboote. Das andere Ende verliert sich in der Wüstenei der San Pablo Berge, die den Hintergrund ihrer Perspektive bilden. Jenseits der San Pablo Berge liegt die Lagune de la Merced, ein seeartiges, langgestrecktes und seichtes Süsswasserbecken, nur durch einen schmalen Dünensaum von der Meeresküste getrennt.

Dorthin ging ich am letzten Sonntag vor meiner Abreise spazieren, um vom Stillen Ozean Abschied zu nehmen. Es war der erste Oktober, und die Regenzeit schien, etwas früher als gewöhnlich, eben beginnen zu wollen. Bereits in drei Nächten nach einander hatte es geregnet, das Wetter am Tage war noch immer ungetrübt sonnig und heiss.

Ein Sonntagsspaziergang in der nächsten Umgebung San Franciscos ist nicht ohne Gefahren. Da es in diesem freien Lande keine Jagdscheine giebt, strömt dann Alles mit Schiessgewehren bewaffnet ins Freie hinaus, allerwärts knallt es, und hie und da hört man eine Kugel sausen. So wars auch heute. Eine Menge Menschen zu Fuss und zu Wagen begegneten mir oder fuhren an mir vorüber, und jeder hatte ein Schiessgewehr bei sich.

Hier marschiren etliche Schuljungen die Strasse entlang. Der eine trägt eine alte verrostete Flinte, der andere eine Jagdtasche, ein dritter das Pulverhorn umgehängt, und ein vierter hat vielleicht einen Revolver im Gürtel stecken. Dort sitzen vier Sonntagslümmel in einem gemietheten Zweispänner, und ebenso viele Doppelläufe starren neben ihnen aus dem Fuhrwerk heraus. In einem eleganten leichten Buggi kutschirt ein behäbiger Spiessbürger dahin. Sein Pferd sieht aus, als ob es während der Woche Fleisch ziehen müsste. Zur Linken sitzt ihm die Gattin, zur Rechten starrt die Mündung einer Büchse gegen Himmel, und vorne sitzt arrogant ein fetter Mops und schneidet heute ein Gesicht, als ob er ein ganz verflucht gescheidter Hühnerhund wäre, obgleich er weiter nichts versteht als die Kälber seines Herrn anzubellen.

Wenn so ein richtiger amerikanischer Junge gerade in heiterer Laune ist, so macht er sich wohl einmal den Spass, auf einen harmlosen Spaziergänger zu schiessen. Am Ufer der Laguna de la Merced erlebte ich ein Beispiel davon. Halbversteckt im Schilf sammelte ich Süsswasserschnecken, Limnäen und Planorben, da knallte es drüben, und über mir schlug eine Kugel in die Böschung. Ich eilte nach oben, um mich zu zeigen und so den Schützen zu warnen, dass er seinem Vergnügen in einer anderen Richtung genügen möchte. Aber in der nächsten Minute fuhr ein zweites Geschoss neben mir in den Sand, und das fröhliche Lachen zweier Burschen, die jenseits standen, überzeugte mich, dass es nicht absichtslos geschehen war.

In den San Pablo Bergen, die ich zuerst ohne Pfad, nur der Himmelsrichtung folgend, überschritten hatte, war es öde und einsam. Nebelmassen zogen über die kahlen Gipfel und kalte Windstösse fuhren durch die Thäler, an deren Gehängen Kühe den spärlichen Pflanzenwuchs abweideten. Ein isolirtes Gehöft aus lotterig zusammengestoppelten Hütten war die einzige menschliche Wohnstätte, die ich passirte.

Am Meere angelangt, wo es wieder lebendig wurde, bog ich nach Norden dem Cliff House zu. Villen und Vergnügungsorte haben sich dem Strand entlang angesiedelt, unter ihnen ragt das Ocean House durch seine Dimensionen dominirend hervor.

Die Strecke vom Ocean- zum Cliff House ist ein beliebter Korso. In eleganten Buggies und Landaus fahren die Bürger der Metropole auf dem durchfeuchteten und dadurch festen Sande spazieren, links die rastlos rollenden und sich überstürzenden Wogen des Ozeans, die in flachen schaumigen Zungen bis unter die Räder lecken, rechts die eigenthümliche melancholische Landschaft der Dünenhügel, deren Kuppen dunkle Büschel von Fettpflanzen bedecken, Möven kreuzen draussen über dem Wasser, und eine Schaar weiss blinkender Segel unterbricht angenehm die Monotonie des Horizonts.

Ein ganz einziger Punkt ist das Cliff House, das mit Recht berühmte Hauptausflugsziel der San Franciskaner. Hingebaut an den äusseren Absturz der Felsenkette, die den südlichen Pfeiler des Goldenen Thores bildet, beherrscht es die Aussicht über das Meer und auf einige nahe Klippen, welche von einer Menge Seelöwen, Möven und Pelikane bevölkert sind. Dank einem weisen Gesetz dürfen diese Thiere hier nicht geschossen werden und scheinen sich auch ihrer Sicherheit wohl bewusst zu sein.

Schon ehe man von der Strasse aus die elegante Restauration betritt, geben etliche fünfzig schöne Gespanne, die unter einem Dache aufgestellt sind, die Anwesenheit wohlhabender und, was hier gleichbedeutend, vornehmer Gesellschaft kund. Wir gehen durch das Gebäude nach der Seeseite zu und gelangen auf eine Gallerie, auf welcher geputzte Ladies und Gentlemen an sauber gedeckten Tischen sitzen, duftigen Mokka schlürfen und mit Ferngläsern zoologischen Studien über die interessante Bewohnerschaft der Klippen sich hingeben.

Unten donnert die Brandung gegen das schroffe Ufer, hie und da übertönt von dem gellenden Brüllen und Bellen der Seelöwen, die sich durch dasselbe schlangenartige Winden und Drehen, das wir bereits bei den Gefangenen von Woodwards Garden kennen gelernt, an den Felsen hinaufschieben und sich um die besten sonnigsten Plätze zanken. Manchmal sperrt einer den geräumigen Rachen auf und faucht giftig den Nachbar an, als ob er ihn fressen wollte, klappt aber gleich wieder zusammen, während jener eingeschüchtert hinabrutscht. Manchmal beginnen sie alle auf einmal zu brüllen und zu bellen, mit hellen und tiefen Stimmen. Sind ihrer viele, etwa dreissig oder vierzig auf einem der Felsen versammelt, so sehen sie glänzend von Feuchtigkeit aus wie schlüpfrige Reptilien, die sich über- und durcheinander schlängeln. Die günstigste Zeit zum Besuch und zur Beobachtung der »Seal Rocks« ist der Morgen, wenn die Sonne im Osten steht und alle westlich vom Auge liegenden Gegenstände scharf beleuchtet.

Nicht minder interessant für denjenigen, der sie zum ersten mal sieht, sind die zahlreichen Pelikane, die ringsum kreuz und quer die Luft durchmessen. Langnasige Karrikaturen von Vögeln, umkreisen sie unermüdlich die Klippen, deren dunkle Massen sie mit ihren Exkrementen weisslich gestrichelt haben.

Neben und unter dem Cliff House sind terrassenförmige Gärtchen in Felsenstufen gebettet. Ein reicher Flor von Malven stand in voller Blüthe, und braun schillernde Kolibris schwirrten von Blume zu Blume, um Insekten daraus zu erbeuten, zum Verwechseln ähnlich unseren europäischen Sphinxen.