Reise durch den Stillen Ozean

Part 38

Chapter 383,470 wordsPublic domain

Wir waren nahe den Farrallones Inseln, und Alles lag voll von Fischern. Am Morgen hatten wir einen solchen passirt, als er eben beschäftigt war, einen erbeuteten Walfisch zu zerlegen. Es war ein kleines Thier, wahrscheinlich ein Pottwal. Der seiner Haut entblösste blutige Körper schwamm neben dem Fahrzeug, mit Tauen und Ketten an dasselbe befestigt, und zwei Männer standen auf ihm und hieben mit langen Messern die Speckschwarten los. Das einzige mal, dass ich im Stillen Ozean von dem einst so blühenden Walfischfang etwas zu sehen bekam.

Die Dampfpfeife flötete in den Nebel hinaus, und wir steuerten langsam unseren Kurs. Hie und da antwortete uns eine ferne Trompete hinter dem grauen Schleier.

Gegen Mitternacht wurde es heller. Wir warfen Raketen, und bald darauf kam der Lootse in seinem Schuner durch die Finsterniss herangespenstert. Die Ankunft des Lootsen bei Nacht hat immer einen eigenthümlichen Zauber. Die Seereise ist zu Ende, man ist in gehobener Stimmung. Die Maschine stoppt, eine befremdende wohlthuende Stille tritt ein. Die Schritte der Offiziere, die über das Deck eilen, klingen so seltsam, unten plätschern die Wellen, ringsum herrscht tiefes Dunkel. Wir mühen uns vergebens, draussen auf dem Wasser einen Gegenstand zu erspähen. Da taucht ein Licht auf und taucht gleich wieder unter. Wir hören Ruderschläge, die näher kommen, und plötzlich fährt in undeutlichen Umrissen gespensterhaft und riesengross das Segel des Lootsenschuners ganz nahe am Hintertheil vorüber. Der Lootse steigt aus seiner Jolle die Jakobsleiter herauf, und wir bestürmen ihn um Neuigkeiten und Zeitungen.

Es war noch kein Krieg ausgebrochen. Das Wichtigste, was die San Francisco Blätter wussten, war eine grosse Pockenepidemie im Chinesenviertel.

Als ich am frühen Morgen des 20. September erwachte, fuhren wir eben in das Goldene Thor. Die Fahrt von Honolulu hierher hatte somit ziemlich genau acht Tage gedauert.

In Amerika darf man sich nicht von jedem hochtönenden Wortschwall täuschen lassen und ja nicht glauben, dass dahinter auch jedesmal etwas Entsprechendes stecke. Diese Lehre gab mir gleich dieses »Goldene Thor«, die Einfahrt zum Hafen der »Metropole des Westens«. Links und rechts öde, kahle, gelbliche Felsen von gewöhnlichen Formen, ohne den Schmuck der Vegetation oder der Architektur, die nächsten Kanten über und über mit den weissschimmernden Exkrementen Tausender von Wasservögeln bespritzt, an der einen Seite oben ein Leuchtthurm, in der Mitte die schmutzig gelbe Fluth, die sich nach innen wälzt -- das ist das »Goldene Thor«. Trüb und kalt lag das Land im grauen Morgenlicht. Nirgends ein grüner Fleck. Ich kam aus dem Paradiese der Südsee, und der erste Anblick Kaliforniens berührte mich so unfreundlich wie noch nie eine mir neue Küste.

Ein rothes Fort glitt vorüber, Batterieeinschnitte auf dünenartigen Sandhügeln daneben und einzelne Häuser. Ein dunkler kompakter Mastenwald tritt hinter der rechten Ecke vorne heraus, die Häuser werden dichter. Noch eine Biegung nach rechts, und San Francisco liegt vor uns, auf und ab über Berge und Hügel gebaut, halb von einem dunstigen Nebel verschleiert.

Das Pier der Pacific Mail ist am innersten Ende des Hafens, und wir mussten ihn deshalb in seiner ganzen Länge passiren. Eine imposante Anzahl von Fahrzeugen aller Art lag vor Anker oder an den überall ihre Arme entgegenstreckenden Piers. Fast alle Flaggen der Erde waren vertreten, auffallend häufig die deutsche. Eine amerikanische Fregatte erwiderte unseren Gruss. Neben ihr lag ein riesiges Segelschiff mit vier vollen Masten. Eine Menge Jollen und kleine Dampfer legten sich an unsere Zealandia, und eine Menge neugierige Zeitungsreporter, Zollbeamte, Hotelagenten und sonstiges Hafengesindel ergossen sich aus ihnen auf unser Deck und rannten durch das Gewühl der zum Landen sich rüstenden Passagiere.

Endlich waren wir fest, und die Landungstreppe fiel. Auch diesmal hatte ich mit dem Customhouse mehr Glück als ich zu hoffen gewagt. In der kürzesten Zeit war ich fertig, und ein Hotelwagen entführte mich ins Innere der Stadt.

XXIV.

SAN FRANCISCO.

Allgemeiner Charakter der Stadt. Die Chinesen und ihr Viertel. Chinesische Hurenhäuser, Opiumbuden und Spielhöllen. Das Yu Henn Choy Theater und das Dschosshaus. Chinesische Dramaturgie. Sabathschänderisches Getriebe der San Franciscaner. Sonstige Sehenswürdigkeiten. Woodwards Garden. Ein gefährlicher Sonntagsspaziergang. Das Cliff House und seine zoologischen Genüsse. Ground Squirrels.

Wenn man Eine amerikanische Stadt gesehen hat, so hat man sie alle gesehen. San Francisco schien mir hierin keine sonderliche Ausnahme zu machen. Ueberall derselbe styllose Bombast der Architektur, dieselbe bunte Farbenmenge schreiender Aufschriften. Die Geschäftsstrassen lotterig und unreinlich gehalten, voll von Kisten und Ballen, Papierfetzen und Packstroh, Telegraphendrähte kreuz und quer, die Wohnstrassen verhältnissmässig still und einsam, anmuthig von Alleebäumen und Gärten beschattet, überall Streetcars mit ihrem monotonen Geklingel.

Das unterscheidende Merkmal San Franciscos liegt in der Beschaffenheit des Bodens, in den vielen Hügeln und in der wüstenartigen Dürre. Die Hügel sind manchmal so steil, dass der Streetcar ausgespannt und durch stabile Dampfmaschinen an Ketten emporgezogen wird. Oben warten bereits andere Pferde und führen ihn weiter. Dünen von Flugsand füllen die Lücken zwischen den Gebäuden, wo noch leere Baustellen stehen und dringen selbst in die Gärten. An ganzen Häuserreihen sah ich die Erdgeschosse der einen Seite bis über die Fenster mit Flugsand verweht. Man findet die schönsten Anpflanzungen und Promenaden, aber jegliches Grün ist mit grauem Staub überzogen. Alles ist trocken und durstig.

Dies ist der Charakter von San Francisco im Sommer und Herbst, in jener Zeit, in der niemals Regen fällt. Erst im Winter, der angenehmsten Saison, darf man sich einer Vegetation erfreuen.

Auch die Menschen schienen mir nicht verschieden von denen New Yorks und anderer Städte des fernen Ostens. Ganz dieselben markigen, gierigen, scharfen, intelligenten Gesichter, dieselbe Eleganz in Wäsche und Kleidung, ganz dasselbe hastige Rennen wie drüben. Nur die vielen Chinesen sind ein eigenartiger Zug. Ich hatte sie schon beim Hereinfahren vom Schiff rudelweise dahinwandeln sehen, die sonst auf dem Hinterhaupt spiralig zusammengerollten Zöpfe galamässig frei fast bis zum Boden herabbaumelnd. Der Zopf wenn er lose ist zwingt sie, um ihn frei schwingen zu lassen, den Kopf höher und steifer zu halten als andere Menschenkinder.

Die Chinesen nahmen denn auch mein Hauptinteresse in Anspruch. Kaum hatte ich mich auf einem Plan orientirt wo ihr Viertel lag, als ich diesem zueilte, ungeachtet der Warnungen vor den Pocken. Es war mir überraschend, das Chinesenviertel mitten in der Stadt zu finden, durchaus nicht abgesondert und in seiner blockförmigen Anordnung nicht unterschieden von anderen Theilen. Man biegt aus Montgomery Street rechtwinklig in Jackson Street ein und ist plötzlich in China.

Eine ganz andere fremdartige Kultur thut sich auf. Der merkwürdige Farbenreiz des Hildebrandt'schen Aquarells aus Tientsin steht verkörpert vor Augen. Die zwei- bis dreistöckigen geradlinigen Häuserfronten sind zwar echt amerikanisch und wohl viel höher als sie in China sein mögen, aber die Ausschmückung von unten bis oben ist chinesisch. Fast jeder Stock hat einen breiten Balkon oder eine Gallerie. Blumen und Strauchwerk in Töpfen stehen auf diesen, und dazwischen gaukeln bunte Papierlaternen im Winde. Rothe, grüne und gelbe Aushängeschilder, senkrecht gestellt und mit den arabeskenhaften Charakteren der chinesischen Schrift bemalt, prunken vor den Läden, in deren Schaufenstern alle möglichen sonderbaren Artikel den Blick auf sich ziehen.

Zu einer fast magischen Wirkung erhöht sich dieses eigenthümliche Bild am Abend. Die bunten papierenen Laternen werfen ihr farbiges Licht durch das Laub der Miniaturgärten auf den Balkonen. Inschriften und Vergoldungen glitzern im Schein der Gasbeleuchtung, alle Fenster sind hell und geöffnet. Besonders schön strahlen die vielen Restaurationen und Theebuden, aus denen die seltsamen quieksenden und klappernden Töne chinesischer Musik auf die Strasse dringen. Dichte Haufen hässlicher Mongolen, alle in dasselbe dunkle bequeme Gewand gekleidet, schwarze Filzhüte auf den kahlen Schädeln, hinten die langen Zöpfe, drängen sich durcheinander und reden in einer Sprache, die aus lauter heftig ausgestossenen Interjektionen wie »Tsching«, »Fu«, »Dschong« zu bestehen scheint, oder lauschen müssig, die Hände in den Hosentaschen und die Mäuler offen, den lieblichen heimischen Melodien. Und mitten durch das asiatische Geklitzer, Gewühl und Geklimper poltert lustig der amerikanische Streetcar den Berg hinauf.

Emsiges Treiben herrscht in den Kaufbuden und Werkstätten. Die Kugeln der Zählmaschinen fliegen hin und her unter den Fingern mongolischer Ladenschwengel, und dickwanstige Patrone, unförmige, rundglasige Brillen auf der Nase, sitzen daneben an ihrem Pult und malen mit senkrecht gehaltenem Pinsel bizarre Schriftzeichen auf eine Rechnung, welche sie danach in ein europäisches Kopirbuch pressen. Hier arbeiten etliche Dutzend Schneidergesellen an schwirrenden Nähmaschinen, zusammengepfercht in einen so engen niedrigen Raum, dass man kaum begreift, wie sie noch athmen können, dort klopfen etliche Dutzend Schustergesellen an Stiefeln und Stiefeletten herum, die für amerikanische Füsse bestimmt sind. Denn Chinesen tragen in der Regel nur chinesische Schuhe. Früchte und Esswaaren aller Art sind vor den Läden aufgestapelt, und an jeder Ecke zupft uns ein anderer Mongole am Rock und bietet unverständlich flüsternd geschmuggelte Zigarren feil, wobei sie ausnahmsweise sich Mühe geben, freundlich zu sein.

Selten begegnet man hie und da einigen chinesischen Weibern auf der Strasse. Es sind Prostituirte und dementsprechend folgt ihnen überall rohes Witzereissen von Seiten des männlichen Publikums. Sie wandeln gewöhnlich mit gekreuzten Armen, die sie in ihre weiten Aermel zurückstecken, so dass sie aussehen wie amputirt, dahin, die bekannte Schmetterlingsfrisur auf den blossen Köpfen.

Während die Blocks, in denen weisse Bevölkerung wohnt, Gärten und Höfe umschliessen, sind sie hier dicht und regellos vollgebaut. Ein wahres Labyrinth elender Holzschuppen, Keller, Dachverschläge, halbvollendeter und halbabgebrochener Häuser, durch Bretter wieder zugedeckt oder zusammengeflickt, kleben an- und übereinander. Gänge, Löcher zum Durchschliefen, Leitern und Wege über die Dächer kreuzen sich in allen Richtungen, und überall wimmelt es von Chinesen, deren die meisten nicht mehr Raum für sich beanspruchen als sie zum Schlafen brauchen, nicht mehr als ein Zwischendecker auf einem Auswandererschiff hat.

Schmale und krumme und schmutzige Gassen sind durch diese Ameisenhaufen gebrochen und gewähren manchmal Einblicke von malerischer Wirkung. Die Willkür der Linien, das auf- und absteigende Terrain, die schwärzliche Bräunung der Mauern und des Holzwerks, rothe, gelbe und grüne Anschlagzettel, bunte Papierlaternen, glimmende Räucherkerzchen vor den Thüren, das ruhelose Gewühl, das Quieksen und Klappern von Musikanten, welches auch hier nicht fehlt, setzen ein wunderbar fremdartiges und zugleich stimmungsvolles Bild zusammen. Vorne folgen auch hier abwechselnd Werkstätten, Spielhöllen, Opiumbuden, Kaufläden und Hurenhäuser auf einander. Hinten mag noch eine grössere Menge gräulichen Schmutzes verborgen sein.

Die Zeitungen wussten damals viel Schaudergeschichten von heimlichen Pockenhospitälern zu erzählen, in denen die Sanitätsbeamten mehrere Wochen alte Leichen aufgefunden haben sollten. Die herrschende Pockenepidemie wurde ergiebig ausgebeutet, um gegen die Chinesen zu hetzen, und man warf den Stadtbehörden unverblümt vor, dass sie von diesen zu einer verbrecherischen Duldsamkeit bestochen worden seien. Die Unreinlichkeit der Chinesen ist zweifellos arg genug. Trotzdem wird hier, vielleicht in Folge des trockenen Klimas, die Nase weniger oft beleidigt, als in den deutschen oder irischen Quartieren New Yorks. Der Qualm der Räucherkerzchen überdeckt alle anderen Düfte, er scheint der spezifische Geruch von ganz China zu sein.

Ein feiner Chinese, mit dem ich bekannt wurde, bat mich, aus dem was ich in San Francisco sah keinen allgemeinen Schluss über seine Landsleute zu ziehen, es gäbe hier zum Beispiel nicht eine einzige anständige Chinesin. Ich will ihm gerne glauben. Wäre es ja doch eben so unrecht, aus dem elenden deutschen Gesindel, welches in New York die Gegend des East River bewohnt, eine Vorstellung von den Deutschen zu Hause sich machen zu wollen.

Die chinesische Prostitution San Franciscos ist das Widerlichste, was man von dieser Kulturkrankheit sehen kann. Ein paar dunkle holperige Gassen bestehen streckenweise nur aus Hurenhäusern. Thüren und Fensterläden sind bis auf ein kleines viereckiges Guckloch verschlossen. In jedem Guckloch lauert das Fratzengesicht einer Mongolin, gierig greift eine dazu gehörige Hand heraus nach dem Vorübergehenden, und von allen Seiten überbieten sich schändliche Anträge in dem komischen Kauderwälsch des Pidschin English.[9] Unter dem verluderten hölzernen Seitenpfad sieht man durch Gitter in spärlich erleuchtete Kellerhöhlen hinab.

[9]: Pidschin English ist das von den Chinesen gesprochene englische Kauderwälsch, nach chinesischer Auffassung zurechtgemodelt und mit chinesischen und portugiesischen Ausdrücken gespickt. Die hervorragendsten Eigenthümlichkeiten desselben sind das häufige Anfügen der Endung Y, das Fehlen des Buchstaben R, für den immer L eintreten muss, und der Gebrauch des Begriffes Piecy = Piece, Stück bei Zahlen. So zum Beispiel sagt der Chinese nicht »Two Americans« sondern »Two Piecy Amelican Man« -- »Zwei Stück Amerikanischer Mann«. »You no sabe (portugiesisch) me talky« heisst »Du verstehst mein Sprechen nicht« und »Me have got Man Numble one« -- »Ich bin ein ausgezeichneter Kerl (Mann Nummer eins)«.

Scheuen wir uns nicht, das Menschenthier auch in seiner abstossendsten Gestalt kennen zu lernen, und treten wir in eines dieser Häuser, so werden wir sofort von einem halben Dutzend zierlich trippelnder und affenartig beweglicher Frauenzimmer in Beschlag genommen und mit einem winzigen Schälchen Thee regalirt, zu dem ein Kessel kochenden Wassers immer bereit steht. Jede sagt uns, wie viel die Erneuerung ihrer Schmetterlingsfrisur wöchentlich kostet und dass sie erst seit kurzer Zeit angekommen sei. Sie sind ein blosser Handelsartikel und schon als Kinder in China drüben von älteren Weibern angekauft und aufgefüttert worden, bis sie für den Markt reif waren. Ich glaube nicht, dass ihnen das Bewusstsein ihres niedrigen Zweckes jemals Scham oder Kummer erregt, wie dies bei unseren Prostituirten häufig der Fall ist. Die mongolische Rasse hat kein Gemüth.

Schon auf der Strasse sahen wir vor einigen Thüren glimmende Räucherstäbchen in den Boden gesteckt, welche die Gottheit zur Verleihung von Kundschaft ermuntern sollen. Auch im Innern der Häuser glimmen solche Stäbchen vor kleinen Altärchen. Nebenan steht vielleicht ein etwas europäisch modifizirtes Himmelbett, auf dem die Decke nicht nach unten, sondern quer in sorgsamen Falten zurückgeschlagen ist. Ein paar Tischchen und Stühlchen bilden das übrige Mobiliar. Hinter Gardinen folgt eine Reihe anderer Kammern.

Gleich nebenan ist eine Opiumbude. Zwei alte ausgediente Weiber kauern an der Thüre, sie sind die Inhaberinnen des Geschäftes. Ihr Lokal besteht aus zwei oder drei niedrigen, dumpfigen Stuben, welche in lauter kleine Verschläge mit hölzernen doppelt über einander gebauten Kojen wie das Zwischendeck eines Auswandererschiffes abgetheilt sind. Auf jedem dieser harten Betten ruht die ausgemergelte Gestalt eines Chinesen, dem Genuss des narkotischen Giftes fröhnend. Die einen haben bereits ihren Rausch und liegen regungslos da mit stier geöffneten Augen und schlaffen Gesichtszügen wie Leichen, die anderen sind noch eifrig beschäftigt, sich zu betäuben.

Das Opiumrauchen erfordert viel Arbeit und könnte wahrscheinlich zweckmässiger eingerichtet werden, als das Herkommen vorschreibt. Der übliche Stoff bildet eine schmierige Paste, ein dickes Extrakt, welches in kleinen Hornbüchschen aufbewahrt wird. Der Pfeifenkopf ist ein bauchiges Thongefäss, das senkrecht quer auf dem Rohre sitzt und nur eine ganz kleine Oeffnung von kaum zwei Millimeter Weite hat. Nebst dem Opiumbüchschen und der Pfeife gehört noch eine gläserne Oellampe und eine dünne Drahtnadel zum Opiumrauchen. Aus dem Extrakt wird eine Pille von Erbsengrösse geformt, mit der Nadel an dem Licht der Lampe erwärmt und in das kleine Loch der Pfeife gestrichen. Beständig verstopft sich dieses, und dann muss wieder mit der Nadel nachgestochert und an dem Licht erwärmt werden, um ein paar volle Züge Opiumqualm in die Lunge zu lassen. Stumm und eifrig obliegen die Raucher ihrem mühseligen Geschäfte, keiner spricht ein Wort.

Lebhafter geht es in den Spielhöllen zu, die oft mit Opiumbuden verbunden sind. Hier sitzen eng zusammengedrängt die Spieler an langen schmutzigen Tischen und locken sich gegenseitig mit Dominosteinen das Geld, amerikanische Silberdollars und Cents, aus der Tasche. Haufen von Zuschauern stehen um sie herum und verfolgen eben so erregt und unter denselben wilden Interjektionen wie die direkt Betheiligten den Wechsel des Glücks. Chinesische Münzen sind unter den Chinesen San Franciscos nicht im Gebrauch, man kann sie aber als Andenken in jedem der vielen Läden voll mongolischen Schnickschnacks kaufen.

Die obere bergan steigende Hälfte von Jackson Street ist der vornehmste Theil des Chinesenviertels. Hier setzten sich die Chinesen zuerst fest und schoben von hier aus ihr Gebiet allmälig weiter und weiter in die benachbarten Quer- und Parallelstrassen hinein, so dass es jetzt etwa neun Blocks, die dichtest bevölkerten San Franciscos, umfasst. Die Grenzen sind nicht scharf, sondern bilden eine Zone von sehr gemischter Gesellschaft der gelben und weissen, schwarzen und vielleicht auch rothen Rasse. Im Süden und Osten beginnt sofort das Reich der äusserst ungenirten, nichtchinesischen Prostitution. Im Norden schliesst sich das Deutschthum schlechterer Sorte mit grossen schmutzigen Bierhallen an. Westlich, gegen den Hafen zu, wohnen hauptsächlich Irländer, Franzosen und Italiener.

Die Hauptmerkwürdigkeiten von Jackson Street und Umgebung sind die beiden Theater und das Dschosshaus, die buddistische Kirche. Erstere liegen einander gegenüber ziemlich weit unten im belebtesten Theile von Jackson Street, letzteres ganz oben in Sacramento Street und bereits in der Grenzzone Chinas.

Aeusserlich zeichnen sich die beiden Theater nur durch je zwei Gaskandelaber mit Aufschriften, deren eine »Yu Henn Choy« und deren andere »Imperial Theater« lautet, aus. Innen gleichen sie sich vollständig, blos dass das ältere, das »Yu Henn Choy«, um etliche Grade schmutziger und russiger ist, und in diesem die Gallerie hinten so hoch hinaufgeht, dass man gebeugten Hauptes nach vorne hinabsteigen muss. Die Bühne in beiden ist ein einfaches Podium ohne Vorhang und ohne Koulissen, welches die ganze Breite des Saales einnimmt und durch fünf Oeffnungen, einem mittleren grossen Fenster, zwei Thüren und zwei Guckfensterchen mit dem Raum hinter der Szene in Verbindung steht. Der Bühne gegenüber bauen sich die Sitzreihen, hölzerne Bänke, in die Höhe. An den Seiten sind Logen abgesondert und gewöhnlich mit Frauenzimmern bevölkert. Die Beleuchtung ist Gas.

Es wird hier meist von vier Uhr Nachmittags an bis in die späte Nacht gespielt, manchmal sogar ganze Tage lang. Man braucht sich also um keinen Anfang zu kümmern und an keine Zeit zu binden. Ausserdem sind auch die Wirkungen der chinesischen Dramaturgie auf das Gehörorgan so intensiv, dass ein normaler Durchschnittseuropäer nach einer halben Stunde reichlich genug hat.

Als ich zuerst das Imperial Theater betrat und über die dunkle, schmale und schmutzige Treppe hinaufstolperte, gestossen und gedrängt von einer Schaar ebenfalls hinaufstolpernder Mongolen, machte mir der seltsame Lärm der Musik, der mir entgegentönte, den Eindruck, als ob ich in eine Menagerie voll schreiender Papageien kommen sollte. Ein amerikanischer Rowdy sass vor einem Tisch und nahm mir zwei »Bits« Eintritt ab. Dies ist der Preis für die vorwitzigen Weissen, Chinesen zahlen nur einen halben Bit.[10] Eine schmutzige braune Gardine wurde zurückgeschlagen, und ich war im Theater, auf der obersten Reihe der staffelförmig bis unmittelbar zur Bühne hinabreichenden Bänke. Auf dem Podium unten glitzerten sechs Personen in seidenen gestickten Gewändern und krähten und fistulirten. Hinter ihnen vier Musikanten, quieksend und klappernd, pauckend und rasselnd, schnalzend und pfeifend, dass einem Hören und Sehen verging. Schwieg dieser Höllenspektakel eine Minute, so begannen die sechs Akteurs in der Fistel zu näseln und zu miauen und faxenhafte Geberden zu machen, indem sie halb sangen, halb sprachen und den Schluss jeder Phrase zu einem gellenden Misston steigerten.

[10]: Ein Bit ist 12½ Cents, der alte spanische Real, der in dieser Umtaufung noch immer an die Herkunft Kaliforniens erinnert, aber in Wirklichkeit nicht mehr existirt.

Nur allmälig konnte ich mich von meiner Ueberraschung erholen und versuchen, mich in den räthselhaften Sinn der Vorgänge zu vertiefen. Ich glaubte anfangs, es sei ein lustiges Stück, es war aber ein trauriges, wie mir mein des Chinesischen kundiger Gefährte sagte. Theaterzettel gab es leider nicht. Dagegen wurden Erfrischungen, die aussahen wie geschmorte Nacktschnecken und Regenwürmer, herumgetragen. Ueberall sassen Mongolen, den Hut auf dem Kopf.

Die Hauptrolle schien ein Kerl mit weisslackirtem Gesicht zu spielen. Sein Gebahren drückte protzenhaften Hochmuth und unaufhörliche Zornigkeit aus. Mit gewaltsam gespreizten Beinen, die Arme in die Hüften gestemmt, ritt er auf seinem Thronstuhl und schimpfte fortwährend einen anderen Kerl, der als Frauenzimmer in demüthiger Haltung vor ihm stand und schliesslich von einigen Schergen abgeführt wurde. Jede Steigerung in den Ausbrüchen seines erregten Inneren begleitete die Musik mit einer Steigerung ihres Lärms, der plötzlich anschwoll, um danach langsam abzuklingen. Es war erstaunlich, welch ohrenzerreissendes Chaos von Tönen und Geräuschen die vier Musikanten mit Hackbrett, Viola, Paucken, Klappern und Dschinellen zu erzeugen im Stande waren.

So oft ich auch die chinesischen Theater besuchte, ich vermochte selten den Sinn der Aufführungen zu errathen. Die Stücke, deren manchmal zehn an einem Tag gespielt werden, folgen sich so rasch, dass es dem Fremdling entgehen kann, wann das eine aufhört und das andere beginnt. An den Kostümen ist zuweilen zu erkennen, ob es sich um ein einfaches bürgerliches oder um ein romantisches Schauspiel mit Königen, Feldherrn und Heerschaaren, welche letzteren aber meistens nur aus drei oder vier Mann bestehen, handelt.

Von hervorragender Schönheit, Pracht und Kostbarkeit sind oft die Gewänder, die in diesen Höhlen voll Schmutz, Dunst und Gestank entfaltet werden, und sie allein sind den Besuch mit all seinen Unannehmlichkeiten werth. Namentlich Feldherrn und Könige pflegen in den lebhaftesten Farben und strotzendsten Goldstickereien zu glänzen. Vier meterlange Fasanenfedern zieren fühlerähnlich das Haupt, am Rücken flattern gleich Schmetterlings- oder Libellenflügeln vier glitzernde Fähnchen. Eben so grotesk wie der Putz dieser Gestalten, ist die Art und Weise, wie sie sich einführen, und sind die Bewegungen, mit denen sie Stolz und Tapferkeit auszudrücken suchen. Einer nach dem anderen schwirrt durch die Thüre links herein, bläht seine Brust auf, schlenkert mit den Beinen, lässt die langen Fasanenfedern spielend durch die Finger gleiten, dreht sich mehrmals um seine Axe, schlägt sich auf den Bauch und fängt an zu krähen und zu miauen.