Part 37
Mister Gleghorn hatte die Güte, uns bei seinem königlichen Schwager einzuführen. Wir warfen uns in schwarzen Anzug, obwohl dies eigentlich gar nicht nothwendig gewesen wäre, und betraten das Innere der grossen Residenzmauer durch eines der vier Thore, hinter welchem ein Gardesoldat auf Posten stand und vor Mister Gleghorn, der sein zwangloses Ladenzivil trug, das Gewehr präsentirte. Durch eine schattige Allee gelangten wir zu mehreren niederen anmuthigen Gebäuden im Verandastyl, wo abermals ein Gardist aber ohne Gewehr stand und die Hand salutirend an die Mütze legte.
Im Hintergrunde erschien eine auffallend hübsche Kammerzofe oder Prinzessin oder Favoritin, guckte uns neugierig an und verschwand sogleich wieder. Ein kokettes, schiefsitzendes Watteauhütchen beschattete das braune Gesichtsoval, die grossen glühenden Augen und das blauschwarz herabquellende Haar, ein leichtes Hemd flatterte um ihren klassischen Körper, und leicht und barfüssig tänzelte sie geschmeidig vorbei. Es war die hinreissendste Kanakin, die wir jemals gesehen. Leider währte die holde Erscheinung nur einen Augenblick. Mister Gleghorn hatte den Kämmerer geholt, und dieser, ein alter Mann vom Typus eines deutschen Schlosskastellans und ehemaligen Unteroffiziers, führte uns in das Empfangszimmer des Königs. Kaum hatten wir uns in dem elegant tapezierten und möblirten Gemach umgesehen, als Seine Majestät eintrat.
Folgendermassen lautet das Signalement Kalakauas. Haare schwarz, gekräuselt und links gescheitelt, Schnurrbart, Kotelettes und Mücke, ausrasirtes Kinn, Lippen voll, Nase voll und etwas gebläht, Augen dunkelbraun und mandelförmig geschlitzt, Gesicht breitknochig, Farbe ein sattes Hellbraun. Er ist ein grosser und starker Mann mit mehr gutmüthigen als geistvollen Zügen, und war von Kopf bis zu Fuss in blendendes Weiss gekleidet wie ein echter Amerikaner des Südens. Er reichte uns echt amerikanisch die Hand zum Grusse, während wir vorgestellt wurden, dann nahmen wir Stühle aus Strohgeflecht und setzten uns alle vier um einen runden Tisch. Kalakaua sprach langsam aber vollkommen fliessend und korrekt Englisch und benahm sich als tadelloser Gentleman.
Das erste Thema war auch hier unsere Fahrt von Hilo in dem Walboot, das zweite der altersschwache Kilauea und die Nothwendigkeit eines neuen Dampfers, welche Majestät betonte, vielleicht um zu zeigen, dass Sie das Regieren verstehe, die Bewunderung Ihres schönen Landes und unser Bedauern es bald verlassen zu müssen das dritte. An diese reihten sich die Schwimmkünste Ihrer Unterthanen, Haifische, die Unfreundlichkeit unserer Heimath und der kalte Winter des Nordens. Ich frug, ob Majestät jemals schon Schnee und Eis auf den Strassen gesehen habe, und Sie versicherte fast beleidigt über meinen Zweifel, einen ganzen Winter in New York und anderen Städten des amerikanischen Ostens zugebracht zu haben. Und als Bats frug, ob Majestät nicht auch einmal Europa besuchen wolle, zuckte Sie lächelnd die Achseln wie um zu sagen: »Ich möchte wohl, aber Ich habe kein Geld«.
Jedenfalls würde sich Kalakaua an europäischen Höfen anständiger und ebenbürtiger aufgeführt haben, als jener Schah von Persien, der überall Spuren seiner unsauberen Gewohnheiten zurückliess. Ich erinnerte mich jetzt, dass ich damals selbst in Amerika war und alle Witzblätter voll von Menschenfresserkarrikaturen des Hawaiischen Potentaten fand, desselben, den ich nun als vollendeten Gentleman kennen lernte. Ueber seine Regentenweisheit wird allerdings in Honolulu viel geschimpft. Aber wo auf der Erde geschieht dies nicht? Beachtenswerth war mir namentlich eine Aeusserung, welche er über die oft in Reisebeschreibungen aufgetischten Wasserkämpfe der Eingeborenen mit Haifischen machte. Er sagte, dass er solche Geschichten nicht glaube, und wahrscheinlich verhält es sich hiermit wie mit vielen anderen Mährchen, die wir den Seeleuten verdanken.
Nach diesem interessanten Besuch, den wir eigenmächtig beendeten, ohne des Königs gnädiges Zeichen hierzu, das er vielleicht nie gegeben hätte, abzuwarten, benützten wir die Gelegenheit, das Innere des grossen ummauerten Residenzblocks zu rekognosziren. Ausser ein paar schattigen Alleen und den Anfängen von Gartenanlagen war kein besonderer fürstlicher Schmuck zu bemerken. Am anderen Ende eines grossen viereckigen Platzes war man mit dem Aufschlagen von Gerüsten und Dekorationen für ein grosses Freudenfest beschäftigt, welches gegeben werden sollte, sobald die offizielle Bestätigung des Handelsvertrages mit den Vereinigten Staaten eingetroffen sei. Ein riesiges Wappen des Hawaiischen Königreiches wurde eben festgenagelt.
Ins Hotel zurückgekehrt kleideten wir uns um und fuhren dann das Nuuanu-Thal hinauf, um beim Kapena-Wasserfall zu baden. Der Kapena, ein Nebenbach des Nuuanu, hat hier hinter dem Mausoleum einen kleinen aber in der Mitte ziemlich tiefen Tümpel ausgehöhlt, aus dessen Rand ein etwa 15 Meter hoher senkrechter Felsen emporragt. Von dieser bedeutenden Höhe herab ins Wasser zu springen ist die Lieblingsunterhaltung der vielen Jungen und Mädchen, die sich fast beständig dort schreiend herumtreiben. Die kleinen Körper zittern und biegen sich deutlich, wie von der Gewalt des Sprunges erschüttert, während sie hinunter stürzen. Dabei ist die genügende Tiefe so eng begrenzt, dass sie sich oben kräftig abschnellen müssen, um in dem richtigen Bogen gerade das Zentrum zu treffen. Springen sie zu kurz oder zu weit, so zerschellen sie an den zahlreichen scharfkantigen Klippen der seichteren Stellen.
Nach dem Bade liessen wir uns an Bord des englischen Kanonenbootes »Myrmidon« übersetzen, dessen Offiziere wir im Honolulu-Klub kennen gelernt hatten. Ich wollte danach auch der gleich nebenan liegenden amerikanischen »Lackawanna« einen Besuch machen, aber mein Gefährte Bats hielt es für unvereinbar mit seinen britischen Gefühlen, einen Yankee zu betreten, und so fuhren wir wieder nach Honolulu zurück.
Am Abend folgten wir der Einladung einiger ansässigen Weissen und besuchten mit ihnen ein Tanzlokal für die eingeborene Jugend in Kapalama, in welchem aber nicht etwa Hula Hula sondern nur europäische Tänze geübt werden. Die braunen Mädchen waren alle so schüchtern gegen uns, dass wir bald wieder weggingen, um die armen Dinger nicht länger in ihrem Vergnügen zu stören.
Die kurze Zeit, die uns noch auf Hawaii zu verleben vergönnt war, schwand uns aufs Angenehmste in Gesellschaft deutscher und englischer Landsleute. Im Honolulu-Klub, in welchem diese beiden Nationen sehr kordial zusammenleben, gab es für mich eine Menge Zeitungslektüre nachzuholen. Aus der Kölnischen Zeitung entnahm ich mit grosser Genugthuung, dass im Deutschen Reich mittlerweile die Kulturepoche des Kri Kri und des geschundenen Raubritters angebrochen war.
Um auch den wichtigen Faktor der Religiosität, der in der Geschichte des Hawaiischen Inselvölkchens eine so grosse Rolle spielt, nicht zu vernachlässigen, besuchte ich eines Sonntags verschiedene Kirchen. Das Glockengebimmel hatte den ganzen Morgen nicht aufgehört und erinnerte sehr an erzkatholische Städtchen bei uns, nur dass es aus lauter Diskantstimmen zusammengesetzt und kein einziger tieferer Ton darunter zu hören war.
Von nah und fern strömten Fussgänger, Reiter und Wagen zum Gottesdienst heran, und um alle Bäume vor den Kirchthüren waren Pferde gebunden. Vornehme hawaiische Damen wandelten, stolz das Haupt erhoben und mit unübertrefflicher Grandezza, in ihren schwarzen taillelosen Talaren, schwarze Sonnenschirmchen in den elegant behandschuhten Händen, über die Strasse, und hinter ihnen trugen Dienerinnen die grossen Gebetbücher mit goldenem Kreuz. Man sieht zuweilen klassisch schöne Gestalten unter diesen Weibern, und ihr freier aufrechter ungezwungener Gang verleiht ihnen ein hohes Mass natürlicher Würde -- so lange sie schweigen. Oeffnen sie die sinnlich üppigen Lippen um zu sprechen oder zu lachen, so sind sie wieder die alten rohen Barbarinnen. Der Schnitt ihrer Züge ist in der Ruhe oft stylvoll und grossartig, er entspricht dann weniger dem Geschmack unserer Modejournalkünstler als dem Genius eines Michel Angelo. Leider dauert bei ihnen die Schönheit nicht lange, und ist die erste Jugendfrische vorüber, so werden sie fett und schwammig.
In helleren Gewändern und blumenbekränzt gallopirte die Landbevölkerung herein, Mädchen und Frauen alle rittlings im Sattel, nicht immer sehr graziös und ohne sich viel zu kümmern, ob die langen Hemden die feinen Stiefeletten und weissen Strümpfe bedeckten. Das grosse rothe Tuch, welches sie ehemals um die Beine zu schlingen und malerisch hinten nachflattern zu lassen pflegten, scheint aus der Mode zu kommen. Ich habe es nur zwei oder dreimal gesehen. Sie springen ziemlich ungenirt vom Pferde und begeben sich schwatzend von dannen, um Freunde zu begrüssen.
In der Kawaiahao Kirche, in deren Hof das Mausoleum Lunalilos steht, hoffte ich nebst dem König auch die Königin zu sehen. Das versammelte Volk plauderte laut und fröhlich, da der Gottesdienst noch nicht begonnen hatte, und das anmuthige Spiel der Fächer, hinter denen wieder die bekannten grossen glühenden Augen funkelten, wogte unruhig über die Menge. Man bot mir freundlich einen Platz in der Nähe der königlichen Loge an. Die Majestäten kamen jedoch heute nicht. Ich ging nun in die katholische Kirche, in der ein Hochamt zelebrirt wurde. Das Publikum dieser schien vorwiegend den ärmeren Klassen anzugehören, und nicht nur auf den Altären, sondern auch in den Gewändern herrschten die freudigeren Farben des Katholizismus.
In der Kapelle des anglikanischen Bischofs sah ich fast nur Weisse. Eine Abtheilung Matrosen des englischen Kanonenbootes füllte die Hälfte des bescheidenen Raumes, der dafür eine um so grössere Zahl von Ober- und Unterpriestern entfaltete. Des ewig wechselnden Aufstehens und Niederknieens das dieser Ritus erfordert war ich bald müde und ich drückte mich wieder von dannen. Zum Schluss machte ich noch bei einer anderen frommen Gesellschaft Besuch, die ihr einfaches schmuckloses Haus in der Nähe des Chinesenviertels hat. Es waren dort nur Eingeborene zu sehen. Ein presbyterianischer Reverend aus Amerika in schwarzem Frack und weisser Kravatte hielt eine Hawaiische Predigt, dann sang die Gemeinde mit vollen und kräftigen Stimmen einen schönen Gesang, welcher mir wieder Zeugniss ablegte von der grossen musikalischen Begabung dieser Kanakas. Nur die Weiber haben zuweilen etwas zu wilde gellende Stimmen gleich unseren süddeutschen Bäuerinnen.
Wie allenthalben in der Südsee wird auch in Hawaii von den Kaufleuten den Missionären viel Schlimmes nachgesagt und behauptet, dass sie sehr geldgierig seien. In wie fern derartige Aeusserungen berechtigt waren, konnte ich bei der kurzen Dauer meines Aufenthaltes natürlich nicht beurtheilen. Auffallend war mir, dass dieselben sich stets nur auf Missionäre der verschiedenen angloamerikanischen Sekten bezogen, während über die katholischen, meist französischen Missionäre stets nur Lobeserhebungen ihrer Uneigennützigkeit zu hören waren. Diese Beobachtung drängte sich mir nicht blos in Hawaii, sondern auch in Viti und in Neuseeland auf. Die geringere Macht und in Folge dessen vielleicht eine geringere Geschäftsbeeinträchtigung von Seiten des Katholizismus dürften zur Erklärung nicht ausreichen.
XXIII.
VON HONOLULU NACH SAN FRANCISCO.
Abschied von den glücklichen Inseln. Die Zealandia und ihre Gesellschaft. Unsere schöne Hellena, der alte Schiffsdoktor und eine interessante Geschäftsreisende. Langweile und Kriegsgerüchte. Ankunft des Lootsen. Das Goldene Thor.
Die Zealandia, welche uns nach San Francisco bringen sollte, war erst am 12. September von Australien her fällig. Insgeheim hofften wir, dass sie sich wie gewöhnlich einen Tag verspäten möchte. Aber schon am Morgen des 11. September wurden wir sehr unangenehm durch die Nachricht überrascht, dass sie in Sicht sei.
Wir beeilten uns schleunig einzupacken, Photographien zu kaufen und Abschied zu nehmen. Zum Glück hatte der Kapitän ein Einsehen und verschob die anfänglich für denselben Nachmittag festgesetzte Abfahrt auf morgen. Die Passagiere strömten natürlich wieder schaarenweise an Land, doch nur wenige kamen ins Hotel zum Dinner, was wir als ein günstiges Symptom in Betreff der Zealandia Küche auffassen zu dürfen glaubten. Und wie die Folge lehrte hatte es damit seine Richtigkeit.
Es ist immer schmerzlich, sich von einem Ort losreissen zu müssen, in dem man sich eingelebt hat, namentlich wenn sich an ihn so viele angenehme Erinnerungen knüpfen. Wir waren in Honolulu trotz des kurzen Aufenthalts nicht nur mit den Weissen sondern auch mit den Eingeborenen schnell vertraut geworden, und fast jedes Obstweib, jedes Mädchen auf der Strasse, jeder Pferde verleihende Strolch, kurz das ganze fröhliche, blumenbekränzte Gesindel stand mit uns bereits auf dem freundschaftlichsten Fuss intimer Begrüssung, so oft wir uns begegneten. Zum letzten mal tauschten wir nun mit all diesen liebgewordenen Bekannten unser »Aloha«, während wir nach dem Hafen fuhren.
Ein reizend frischer Morgen lag über den Gärten Honolulus, als die Zealandia pünktlich zur festgesetzten Stunde vom Kai und seiner grellbunten Volksmenge, die Tücher schwingend uns glückliche Reise nachrief, sich löste.
Auch der König hatte sich eingefunden, Zeuge unserer Abfahrt zu sein. Er stand etwas abseits vom grössten Gewühl neben einer eleganten Kalesche, deren Pferde ein Kutscher in Jockeylivree hielt. Sonst hatte er keinen Begleiter. Er sah der Zealandia nach, bis sie langsam über die Riffbarriere gesteuert war. Ein paar Dutzend nackter und schreiender Jungen schwammen zu beiden Seiten des Dampfers mit hinaus und bettelten um Münzen, die sie im Sinken unter dem Wasser erhaschten, ohne die mögliche Anwesenheit von Haien zu fürchten.
Sobald wir die offene See erreicht hatten, wendeten wir uns nach links, gingen im Bogen um Oahu herum, zwischen Oahu und Molokai hindurch, und schlugen dann den Kurs nach San Francisco ein, schnurgerad dem Nordostpassat entgegen.
Wieder glitten die hell blinkenden, gefurchten Wände von Diamond Head, die uns auf jener denkwürdigen nächtlichen Bootfahrt so gespenstig entgegengegrinst, vorüber. Je mehr wir von der feuchten Passatseite Oahus zu sehen bekamen, desto grüner wurde die Insel, desto mehr wichen die dürrgebrannten Flächen aus der Landschaft. Immer undeutlicher wurden die Palmen und die struppigen Hütten am Ufer, der eigenthümliche Silberglanz der Kukuibüsche auf den Höhen. Bald waren nur mehr die blauen Umrisse der Berge sichtbar. Rechts hinter uns tauchte noch auf kurze Zeit die gewaltige Pyramide des Haleakala aus den Wolken, aber rasch legte sich ein feiner duftiger Schleier über ihn und verbarg ihn. Mit dem wehmüthigen Gefühl, dass ich wohl nie mehr diese glücklichen Inseln betreten sollte, blickte ich zurück, bis sie entschwunden waren. Es ging jetzt wieder nach Nord, einem rauheren Klima, dem Zwang europäischer Uebertünchtheit entgegen, und es war mir zu Muth wie ehemals als Schuljungen am Ende der Ferien.
Die Kajüte hatte sich in Honolulu aussergewöhnlich stark gefüllt. Mehrere kindergesegnete Strohwittwen von Offizieren der so lange dort stationirt gewesenen und nun abberufenen amerikanischen Fregatte Lackawanna und einige auf Hawaii ansässige Kaufleute und Plantagenbesitzer, die der jüngst abgeschlossene Zuckervertrag nach San Francisco führte, waren mit eingestiegen. Nicht minder machten sich auf Deck für tausend Dollars Bananen aus Honolulu bemerklich und schmälerten den ohnehin schon hinlänglich knappen Raum. Alle Geländer, Kommandobrücken, Gallerien und Rettungsböte hingen voll von meterlangen in Blättern verpackten Aehren derselben.
Die Verpflegung war jetzt unter englischer Flagge wieder erträglich und jedenfalls sehr viel besser als die niederträchtige Knauserei unter den amerikanischen der Cities of New York und of San Francisco, obgleich die Küche englischer Schiffe im allgemeinen sich keiner grossen Berühmtheit erfreut. Man bekam jetzt wenigstens wieder ein ordentliches Stück Fleisch, anständigen Thee und reines, gekühltes Wasser. Die Zealandia war überhaupt das beste Schiff unter den dreien, mit denen ich den Pacific kreuzte, wenn sie auch nicht so amerikanisch bombastisch aufgeputzt war wie die anderen. Sehr schnell lief sie freilich ebenfalls nicht, und wir erreichten auch mit ihr nie 300 Seemeilen im Tage. Die Mannschaft bestand zum grössten Theil aus Weissen. Nur die Heizer, diese unglückseligen Sklaven der Maschinenhölle, waren lauter Chinesen. Die Stewards liessen an Aufmerksamkeit nichts zu wünschen, die weissen wenigstens. Die zwei unwirschen Chinesen, die darunter waren, durften nicht bis an die Tische kommen. Beständig zankten sich ihre boshaften Mongolengesichter. Das ganze Schiff, welches in Greenock das Licht der Welt erblickt hatte, sprach für die Ueberlegenheit englischer Schiffsbaukunst über die amerikanische. Der Salon lag zwar auch hier im Zwischendeck, war aber ausgezeichnet ventilirt und hatte eine grossartig aussehende Kuppel, die durch die beiden oberen Decke emporragte.
Nur Schade, dass man im Salon eigentlich nie Ruhe hatte um zu lesen oder zu schreiben. Denn den ganzen Tag sassen musikbeflissene Ladies am Piano und klimperten und sangen, um sich für die täglichen Abendkonzerte vorzubereiten. Nirgends mehr auf dem Erdball ist man vor dieser Modemanie schlechter Musizirerei sicher.
Unsere Gesellschaft bestand zum grösseren Theil aus australischen Engländern, zum kleineren aus Amerikanern. Auch ein paar deutsche Landsleute waren vorhanden. Den Mittelpunkt des Salons bildete eine auffallend blondhaarige Operettensängerin aus San Francisco, die als schöne Hellena gepriesen wurde und eben von einer australischen Kunstreise befriedigt zurückkehrte. Sie hatte einige sehr verfängliche Augenblitze, ein noch verfänglicheres Lächeln bei halbgeschlossenen Lidern und eine vielsagende Bewegung des Beines, mit der sie die rauschende Schleppe herumwarf und die an das geschlitzte spartanische Gewand erinnerte, in ihrem Repertoir, wodurch sie auf einige ältere Herren eine bedeutende Anziehungskraft übte. Nur an dem einen echt englisch begangenen Sonntag ruhten alle ihre Künste, und während des Gottesdienstes, den der Kapitän dirigirte, war es interessant die blonde Schlange zu beobachten, wie sie zerflossen in heiliger Inbrunst magdalenenhaft sich hinwarf und, vollständig entrückt in höhere Sphären, aufzustehen vergass, als die Feier zu Ende war.
Die Abendandacht dieses Sonntags musste der Schiffsarzt leiten, ein alter weissbartiger Mann von sechzig Jahren. Man sagte, er sei früher in Victoria ein wohlhabender Squatter und mehrere tausend Schafe werth gewesen, aber unglückliche Spekulationen hätten ihn ruinirt und genöthigt, als nautischer Aeskulap sein kümmerliches Brod zu verdienen, da er in seiner Jugend Medizin getrieben. Am Morgen war vom Kapitän Musterung der ganzen Mannschaft wie auf einem Kriegsschiff abgehalten worden.
Als ziemlich isolirter Salonpassagier befand sich ein feiner Chinese aus San Francisco an Bord, der sich bald an uns anschloss, als er sah dass wir freundlich mit ihm waren. Dies geschah unsererseits weniger aus allgemeiner Menschenliebe, als hauptsächlich in der schnöden Absicht, durch ihn in die Geheimnisse des Chinesenviertels von San Francisco eingeführt zu werden. Er war anfangs ein wenig schüchtern, mit der Zeit aber wurde er dreister, und schliesslich legte er im Rauchzimmer seine Beine mit demselben Bewusstsein auf den Tisch als ob er ein Eingeborener der Vereinigten Staaten gewesen wäre.
Im Zwischendeck trieb sich eine schon ziemlich verwitterte Weibsperson herum, welche meine Aufmerksamkeit erregte, indem sie viel mit den chinesischen Heizern verkehrte und geläufig das englisch-chinesische Kauderwälsch zu sprechen schien. Sie war das Urbild von Gemeinheit und Smartness und gehörte zu einer besonderen Varietät des pazifischen Europäerabschaums. Es sollen nämlich hier nicht selten weisse Frauenzimmer von einer Insel zur anderen vagabundiren, um sich bei heterogenen Rassen einem gewissen kosmopolitischen Erwerbszweig hinzugeben, nachdem sich ihre nur mehr im Kontraste der Hautfarbe bestehenden Reize sonst nirgends mehr verwerthen lassen. Unsere Reisegefährtin nun hatte eben die hawaiische Inselgruppe in solcher Art bereist und rühmte sich, glänzende Geschäfte bei den Kanakas gemacht zu haben. Vorher hatte sie in Peru und in China geabenteuert. Welch interessante Geschichte stak in dieser Person.
Die meisten der männlichen Passagiere vertrieben sich die Zeit mit Kartenspielen um hohe Einsätze, und ein alter knurriger Kauz rannte beständig von einem zum anderen, um Lotteriezettel zu verkaufen und Gewinnste zu verloosen. Da ich an diesen Unterhaltungen keinen Geschmack fand, und weder Lektüre noch Ruhe zum Schreiben vorhanden war, fühlte ich die Langweile des Schiffslebens doppelt empfindlich, und das Reisen zur See wurde mir wieder recht sauer. Wie ganz anders war es auf der Euphrosyne gewesen, als ich meine eigene Kammer, meine Bücher und sonstigen Sport hatte, trotz dem ewigen Salzfleisch. Jetzt musste ich die kleine Passagierkabine mit einem Anderen theilen, und dieser Andere hatte die leidige Gewohnheit, Abends wenn wir zu Bett gingen immer betrunken und redselig zu sein und die ganze Nacht unausstehlich zu schnarchen.
Man sprach viel von einem möglicherweise bereits ausgebrochenen Krieg zwischen England und Russland, da die letzten Nachrichten aus Europa, die die Zealandia von Sydney, ihrem letzten Telegraphenpunkt, erhalten hatte, sehr kriegerisch lauteten. Alle erdenklichen Konjekturen wurden von der müssigen Phantasie so vieler Müssiggänger daran geknüpft, und manche sahen schon ganz Europa in Flammen. Wir Deutsche wussten allerdings nicht, ob es noch der Patriotismus erlaubte, in das stereotype »God save the Queen«, welches jeden Abend das Konzert beschloss, mit einzustimmen. Der Wunsch, sie »glorious« zu sehen, konnte bereits Vaterlandsverrath sein.
Unter dreissig Grad nördlicher Breite, als es bereits ziemlich kühl war, erschienen zu meinem grössten Erstaunen ganz unzweifelhafte Albatrosse draussen über dem Wasser. Ich war immer der Meinung gewesen, dass diese Vögel auf die südliche Hemisphäre beschränkt seien, und in fast allen zoologischen Büchern wird dies behauptet. Es waren deutlich und unverkennbar Albatrosse, die dicht hinterm Schiff nach Abfällen spähend hin und her kreuzten. Ganz derselbe zusammengesetzte Schnabel, dasselbe Profil, derselbe Flug, dieselben kurzen schwach geknickten Flügelspitzen, mit denen sie die Kämme der Wellen ritzten. Sie gehörten einer etwas kleineren Spezies an, braun mit schwarzen Flügeln, weissliche Ringe um die Augen und um den After. Als ich in San Francisco Woodwards Museum besuchte, fand ich ausgestopfte Exemplare die mich überzeugten, dass ich mich nicht getäuscht.
Ein grosser Ball, gegeben vom Kapitän und den Offizieren, sollte das Ende der Reise, dem wir uns näherten, am 18. September festlich begehen. Der Salon war aufs Prächtigste mit Flaggen ausgeschlagen, alle Tische und Bänke waren entfernt, und die Ladies hatten sich mit den heitersten Farben geschmückt. Aber das Wetter verdarb den Abend. Die See wurde unruhig, und das Schiff begann in einer Weise zu rollen, dass es den Klavierspieler von seinem Sitze warf, und die tanzenden Paare sich begnügen mussten in stehender Umarmung gegen die Bewegungen des Bodens anzukämpfen, was übrigens nicht ohne Reiz sein mochte.
Am Nachmittag des 19. September begrüsste uns ein echt kalifornischer Nebel und hielt uns auf, so dass wir erst einen Tag später als wir gehofft nach San Francisco kommen konnten.