Part 36
Nur selten erschien der Mond in den Lücken des Gewölks und beleuchtete auf kurze Augenblicke die gigantischen Massen Hawaiis, unter denen wir, getrieben von dem frischen Hauch des Passates, vorüberglitten. Leider stellte sich die Seekrankheit ein, und die Fahrt in dem engen Boot wurde sehr ungemüthlich. Zwar hatten wir uns so komfortabel als möglich eingerichtet. Das Hintertheil unseres Fahrzeuges war durch Matratzen und Kissen und Decken in ein geräumiges Bett für drei Personen umgewandelt, und die Reihenfolge des Schlafens war ausgeloost worden. Aber drei von uns fünfen stöhnten so jämmerlich, dass mein Freund Bats, an den ich mich enger angeschlossen, und ich selbst gerne auf unser Recht verzichteten.
Der Morgen kam und enthüllte eine Naturschönheit nach der anderen. Schade dass wir in unserem unausgeschlafenen Zustand, müde, gähnend und blinzelnd, nicht viel davon geniessen konnten. Wieder ging es an den vielen Wasserfällen vorüber, die zur tosenden Brandung herabstürzten, an der grossartigen Thalschlucht des Waipiu Valley, an kahlen Wänden, ununterbrochen oder zu riesigen Blöcken zerklüftet senkrecht aus dem Meere emporschiessend, um erst in 300 Meter Höhe zu einem sanft ansteigenden Winkel sich abzubiegen, an Zuckerplantagen und Ohiawäldern oben auf unzugänglicher Kante, an einsam verlassenen Kirchen und an Ortschaften, winzig klein im Grunde der steil gethürmten Felsenkulissen. Häufig fuhren wir so nahe an Vorsprüngen der Insel hin, dass wir deutlich Menschen erkannten, welche unter den Blöcken und dem schäumenden Gischt des Ufers herumkrochen und fischten.
Gegen Mittag waren wir in Kohala, das heisst an der nördlichen Landspitze. Von dem Dorfe dieses Namens selbst, welches eine Viertelstunde binnenwärts liegt, war noch nichts zu sehen. Wir fanden erst nach längerem Suchen den Landungsplatz. Die See ging hoch, unser Kapitän kannte den Grund nicht, überall drohten Klippen. Zum Glück erschien als rettender Engel eine Kanakin zu Pferd auf dem nächsten Hügel und blickte verwundert zu uns herab. Einer unserer Leute zog sich aus und schwamm ans Ufer, um sich bei ihr zu erkundigen. So gelangten wir endlich in eine versteckt gelegene Bucht, in welcher ein Boothaus stand, die erste Andeutung menschlicher Wohnstätten. Von dem versprochenen Schuner weit und breit nichts zu entdecken.
Kohala ist ein öder und langweiliger Platz und liegt in der Mitte einer ganz reizlosen, welligen Stoppelgrasfläche, die sich langsam zu dem dritten und kleinsten Hauptvulkan der Insel, dem Hualalai, hinaufzieht. Eine grosse Zuckersiederei, eine Reihe von Wohngebäuden, an deren Ende eine Kapelle, und weitherumgestreut etliche Hütten von Eingeborenen setzen die ausgedehnte Ortschaft zusammen.
Es stellte sich nun heraus, dass die ganze Geschichte von dem Schuner, mit der man uns veranlasst hatte hierher zu reisen, Schwindel war, und auf alle Anfragen nach einer Fahrgelegenheit erhielten wir nur Achselzucken und unfreundliche Gesichter zur Antwort. Man lud uns ein, hier zu bleiben und auf unbestimmte Zeit zu warten. Für heute war allerdings nichts Besseres zu thun als auszuschlafen und das Weitere bis morgen zu verschieben. Wir nahmen deshalb bei dem Besitzer der Zuckersiederei Quartier.
Der nächste Tag war unglückseliger Weise ein Sonntag, und unser sonst sehr liebenswürdiger Wirth entpuppte sich als ein arger Mucker. Bats und ich hatten beschlossen, um jeden Preis nach Honolulu weiterzugehen, und sollte es auch in unserem offenen Walboot sein. Wir kollidirten damit aufs Heftigste mit den herrschenden Sabathgefühlen und nichts wurde unterlassen, gegen unser Vorhaben zu intriguiren. Auch die drei anderen Gefährten waren dagegen, wohl mehr aus Furcht vor der See als aus wahrer Religiosität. Schliesslich siegten wir aber doch, und gegen 65 Dollars und das Versprechen, Boot und Mannschaft von Honolulu nach Hilo mit dem nächsten Schuner oder auch mit dem Dampfer, falls er wieder ginge, zurückzuschicken, übernahm es der Kapitän, uns beide nach Honolulu zu bringen. Die anderen drei blieben zurück.
In Kohala war es unerträglich öde und feierlich. Den ganzen Morgen klimperte der blasse Backfisch des Hauses geistliche Melodien auf dem Klavier, während wir unten im Garten uns mit dem frommen Vater und unserer Bootsmannschaft herumdisputirten. Als wir bereits am Landungsplatz unten waren, um uns einzuschiffen, erhoben sich neue Schwierigkeiten. Wir wollten noch zwei Kalebassen Poi für die Mannschaft mitnehmen. Aber heute war Sonntag, und kein Mensch in Kohala getraute sich etwas zu verkaufen, und ohne den Poi erklärte die Mannschaft aufs Bestimmteste, nicht zu fahren. Zum Glück fanden wir doch noch einen Kanaka bereit, gegen das Fünffache des gewöhnlichen Preises den unumgänglichen Kleister heimlich zu liefern.
Endlich stiessen wir wirklich vom Lande und waren der peinlichen Ungewissheit ledig. Hinter uns die gottesfürchtige Sonntagslangeweile von Kohala zurücklassend ruderten wir in das offene Wasser hinaus, wo uns bald ein günstiger Wind ergriff. Das Wetter war Gutes versprechend. Passatwolken rings am Horizont, nur die Berge der Inseln dunkler verschleiert.
Unser Kapitän wollte rechts nach der Windseite von Maui steuern. Da wir jedoch seiner Navigation und der Takelage nicht viel zutrauen durften, bedeuteten wir ihm, dass wir in Lee um die Insel gehen wollten. Wir fürchteten die Wogen und die Brandung des freien Meeres, hatten aber entschieden Unrecht, da wir aussen herum viel schneller vorwärts gekommen wären.
Ein Fregattvogel zog seine Kreise hoch in den Lüften. Kleine fliegende Fische schwirrten neben uns aus dem Wasser und mehrere von ihnen fielen in unser Boot. Die See ging heftiger und eilig durchfurchte der Kiel die hüpfenden Wellen. Wir freuten uns die drei seekranken Reisegefährten los und im alleinigen ungeschmälerten Besitz des Matratzenverdecks zu sein.
Gegen Abend wurde die Luft verdächtig klar und die gewaltigen Formen des Haleakala traten uns immer näher entgegen. Scharfgeschnitten hoben sich seine ungeheuren Radienpfeiler aus dem Meere, strahlendes Sonnenlicht auf den Kanten und tiefe, warme Schatten in den riesigen Schluchten, so ergreifend schön und grossartig, wie ich niemals vorher Aehnliches gesehen.
Wie sehr verschieden sind doch diese Hawaiischen Inseln von den Viti-Inseln, obgleich beide ungefähr gleichweit vom Aequator entfernt sind, die einen südlich, die anderen nördlich. Während in der Landschaft von Viti das Anmuthige und die Ueppigkeit tropischer Vegetation vorherrscht, trägt hier Alles den Charakter des Wilden, Gigantischen. Noch viel mehr aber als sonst irgendwo auf der ausgedehntesten und jüngsten und südöstlichsten der Inseln, auf Hawaii, welche jetzt gleichfalls wie zum Abschied in ihrer ganzen Pracht sich entfaltete. Hoch über der Wolkenlinie schwammen duftig violett und bestreut mit glitzernden Schneefeldern die beiden Häupter Maunaloa und Maunakea, beide mehr als 4000 Meter hoch. Sie bestehen durchaus aus Lava. Und wenn man bedenkt, dass sie sich mit einer Basis von beinahe 60 Seemeilen oder 111 Kilometer im Durchmesser zu ihrer gewaltigen Höhe erheben, und dass ihre Konturen ohne Brechung in einer sanftabsteigenden geraden Linie aus den Wolken herabkommen, so kann man sich ungefähr einen Begriff machen, welche kolossale Massen hier durch Lavaeruptionen geschaffen wurden.
Wir segelten bereits ganz dicht an der Brandung von Maui entlang, als mit einem mal der bisher so günstige und frische Wind aufhörte und tödtliche Stille eintrat.
Es war wie eine Strafe für die unzüchtigen Gespräche und Geberden des Kapitäns, womit er uns zu unterhalten suchte. Erst hatte er uns die Bewegungen des Hula Hula mit all seinen scheusslichen Feinheiten vorgemacht, dann über die Frauenzimmer des frommen Kohala geschimpft, die nichts mehr davon verstehen wollten, und dagegen die Mädchen seines Dorfes gepriesen, die darin noch sehr bewandert seien. Dies war auch in so fern höchst interessant, als er dabei die teuflischesten Grimassen schnitt, deren das Teufelsgesicht eines solchen obszönen und lasziven Kanakas überhaupt fähig ist, wenn er von Weibern spricht. Die Mannschaft hatte ihm jubelnd Beifall geklatscht. Jetzt da sie wieder rudern mussten, legte sich ihre Heiterkeit. Sie arbeiteten faul und verdrossen an den Riemen und benutzten jeden Vorwand, um sich eine Pause zu gönnen. Bald zog einer zur Erleichterung sein Hemd aus, ein anderer zog es wieder an, bald bewunderten sie die Pracht des aufgehenden Mondes und hörten deshalb insgesammt zu rudern auf, oder sie kauten an langen Zuckerrohrstangen, und schliesslich fing einer an das Abendgebet vorzubeten, und alle entblössten ihr Haupt und falteten die Hände und sahen nun so fromm und andächtig aus, als ob sie niemals gezotet hätten.
Wir schliefen ein, und als ich erwachte schlief auch die ganze Mannschaft und schnarchte. Senkrecht über uns stand der Vollmond und goss sein mildes Licht über die leise wogende See, über unser langsam auf- und niederschwebendes Boot und über die nahen Felsgründe des Haleakala. Eine zauberhafte Stille lag ringsum auf der Umgebung, kein Lüftchen regte sich, schüchtern gluckste das Wasser unter dem Kiel. Es war eine äusserst poesievolle, aber auch etwas gefährliche Situation. Auf allen Seiten drohten Klippen mit heftiger Brandung, und wir trieben gerade im Fahrwasser des Dampfers, der ja doch mittlerweile ausgebessert sein und den Dienst wieder aufgenommen haben konnte.
Eine Weile genoss ich noch die Schönheit der Nacht und der Umgebung, dann weckte ich die Schläfer und trieb sie zur Arbeit an. Hie und da fächelte uns ein leiser Zephyr die Wangen, und gleich hörten wieder die Kanakas zu rudern auf und setzten das Segel, um es bald wieder wegnehmen zu müssen.
So kamen wir langsam vorwärts, bis die niedrige flache Lücke zwischen dem Haleakala und dem westlichen Gebirgsstock von Maui erreicht war, durch welche der Passat ungehemmt herüber weht. Nach Sonnenaufgang hatten wir diese und den schönen Wind hinter uns und abermals Stille. Die Hitze wurde drückend. Am Ufer kam gerade eine grüne Oase in Sicht, vor welcher eine zahlreiche Gesellschaft mit Fischen beschäftigt war. Wir beschlossen hier zu landen um unser Frühstück statt in dem schaukelnden Boot auf festem Boden zu verzehren.
Etliche Mädchen rannten nach ihren Hemden als wir uns näherten, und ein paar Männer wateten dienstfertig uns entgegen, packten das Boot und leiteten es durch die Klippen, welche aus dem sandigen Grunde hervorragten. Das Boot stiess fest, und wir sprangen ans Ufer. Die liebenswürdigen Insulaner hatten bereits eine Menge kleiner kaum fingerlanger Fische gefangen und in Töpfen über einem prasselnden Feuer gekocht. Wir setzten uns in den spärlichen Schatten der nächsten Palme und theilten unsere gepöckelten Austern, unseren Schinken und unseren Zwieback mit ihnen, wogegen sie uns von ihren sehr wohlschmeckenden Backfischchen gaben. Wir waren bei diesem famosen Picknick zweifellos im Vortheil, wenn auch unsere selteneren Artikel bei jenen die grössere Freude hervorriefen. Trotz des strengen königlichen Verbots liessen wir auch an unserem Whisky nippen, der den meisten noch neu zu sein schien und ein schauerlich wollüstiges Grinsen abzwang.
Wir baten die braunen Freunde, ihre Methode des Fischens zu zeigen, und sie gingen ins Wasser, die Männer bis auf den Maro nackt, die Weiber jetzt mit ihren Hemden bekleidet. Unter Kanakas pflegt das zarte Geschlecht sich weniger zu geniren und fischt sehr oft ohne alle Gewandung. Männer jedoch habe ich niemals ohne Maro gesehen. Ein grosses Netz wurde von zwei Jungen auf dem Grunde ausgebreitet und an den Zipfeln gehalten. Die übrige Schaar formirte einen weiten Kreis und trieb, mit Armen und Beinen plätschernd, die Fische über das Netz zusammen, welches schliesslich, rasch emporgezogen, jedesmal eine reiche zappelnde Beute gewährte.
Schon gleich im Anfang war mir ein schöner, stattlicher Mann aufgefallen, der das Haupt der Gesellschaft sein musste. Scharfe, intelligente Züge, ein wohlgepflegter Henriquatre und sorgsam gescheiteltes Haar gaben ihm den Typus eines eleganten französischen Gendarmeriebrigadiers. Er sprach fliessend Englisch und hatte viel natürliche Kourtoisie in seinem Benehmen. Auch er war nackt bis auf den Maro und entpuppte sich als Zeitungskorrespondent. Bei unserer Ankunft war ein Reiter zugegen gewesen und rasch ins Innere abgesprengt. Nun kam dieser zurück, einen Bogen Papier und einen Bleistift in der Hand, und jener feine wohlfrisirte Kavalier richtete höflich an uns das Ersuchen, ihm unsere Namen zu notiren, er schreibe Berichte an die in Honolulu erscheinende hawaiische Zeitung, und er könne ihr das wichtige Ereigniss unserer Landung bei ihm nicht vorenthalten. Mit Vergnügen willfahrten wir diesem interessanten Mann der Presse.
Drei Stunden später näherten wir uns, von einer plötzlich aufgesprungenen munteren Brise vorwärtsgetrieben, der Hauptstadt der Insel Maui, Lahaina, wo wir abermals ausstiegen.
Lahaina hat vielleicht 500 Einwohner und liegt auf einer grünen Zunge, die sich aus wüsten und kahlen Höhen in die See herausstreckt. Die Häuser sind klein und malerisch unter Palmen und Bananen verborgen. Vorne am Hafen steht in der Sonnenhitze ein alter Thurm und ein grösseres Regierungsgebäude. Wir wollten Wassermelonen kaufen und Kaffe trinken. Da es hier zwar mehrere chinesische Speisespelunken aber kein Hotel giebt, so wurden wir von einem sehr artigen städtisch gekleideten Kanaka, der nebst einer Menge Neugieriger uns bewillkommnend herbeieilte, zum Bäcker des Ortes geführt, welcher einer der wenigen ansässigen Weissen war. Diese Hawaiier sind alle von der grössten uneigennützigsten Zuvorkommenheit.
Das Erste was ich erblickte, als wir beim Bäcker eintraten, war das Porträt Ludwigs II. von Baiern, ein Holzschnitt aus irgend einer illustrirten Zeitung, welcher an der Wand klebte. Ich befand mich in dem Hause eines engeren Landsmanns, der alsbald dick und schwerfällig, eine echt baierische Bäckergestalt, aus dem Hintergrund sich hervorwälzte.
Wie sein Name hiess, weiss ich leider nicht mehr. Es war schwer aus dem alten, schweigsamen Kauz etwas herauszubringen. Deutsch oder vielmehr Baierisch hatte er theilweise vergessen, Englisch wohl nie recht gelernt, obgleich er früher in Kalifornien Gold gegraben. Mit dem Hawaiischen, dem Idiom seiner Gattin, gings vielleicht besser, Hawaiisch aber verstand ich nicht. Er begriff erst nach einiger Zeit, dass ich aus München sei, erinnerte sich langsam, dass auch er einmal dort gewesen und sogar noch Verwandte dort habe. Allmälig thaute er auf und zeigte mir einen Brief seiner Schwester, der schon mehrere Jahre alt war, und frug mich, ob ich sie nicht vielleicht kenne, sie habe früher beim Lotzbeck gedient, der den vielen Schnupftabak mache. Ich schrieb mir die Geschichte in mein Notizbuch, und als ich später einmal in München von den Sandwichinseln sprach, wurde mir von jener Köchin erzählt, die nun todt ist, und deren Kinder vor Kurzem über das Meer gegangen sind, um ihren Onkel den Bäcker von Lahaina aufzusuchen und sein Geschäft zu übernehmen. Denn seine Ehe ist ohne Frucht geblieben.
Nachdem wir Kaffe und eine heimliche unerlaubte Flasche Bremer Bier von derselben Sorte wie auf dem Vulkan Kilauea getrunken, schüttelten wir dem Landsmann die Hand und fuhren wieder ab.
Wir hatten eben etwa zehn Minuten gerudert und auf die Langsamkeit unserer Reise geschimpft, da kam unerwartet schnell viel mehr Wind als wir brauchten. Der Kanal zwischen den Inseln Maui und Molokai öffnete sich, der Passat fegte stürmisch darüber hin, die Wogen gingen höher und höher und warfen unser Boot auf und nieder, dass es verdächtig in unserer zweifelhaften Takelage krachte. Ueberall war die See weiss von dem Gischt der Wellenkämme. Hoch empor schäumte das Wasser vorne am Steven, grobe Sprühregen über uns giessend, und nach links und nach rechts gierte das Boot unter dem Druck des Steuers, welches nun der Kapitän ergriffen hatte. Der sonst so laszive Kerl musste mir jetzt imponiren. Er bot das schönste Bild eines entschlossenen, scharf nach allen Vortheilen spähenden Mannes, der mit den Elementen um sein und unser Leben kämpfte. Mit grosser Geschicklichkeit verstand er, den höheren Wellen auszuweichen, und oft furchte sich besorgnissvoll seine Stirne. Die Fahrt wurde bedenklich. Bats und ich, wir sprachen kein Wort, jeder von uns fühlte vielleicht etwas wie Reue über unser Wagniss. Ich wusste nicht, sollte ich wünschen dass das Segel aushielt und uns nach Honolulu brachte, oder dass es lieber reissen und uns dadurch vom Kentern bewahren möchte. Vorne auf den schräg ansteigenden Sandflächen des Ufers von Molokai zeigten sich zuweilen eigenthümliche Säulen wie von Rauch oder Sand, die sich fortbewegten, und ich erinnerte mich gelesen zu haben, dass hierzulande Windhosen ziemlich häufig seien. Waren es solche, und geriethen wir zufällig in ihr Bereich, so hätten sie uns wahrscheinlich nicht lange am Leben gelassen. Wir behielten sie sorgsam im Auge, aber sie verschwanden je mehr wir uns näherten. Der Himmel war seltsam düster. Eine blauschwarze Bank stieg über Molokai auf, rostrothe geballte Wolken flogen vor ihr her und bildeten einen grellen Gegensatz zu ihrem unheimlichen Dunkel.
Nach vier ziemlich unangenehmen Stunden endlich, während deren kaum ein Laut geäussert wurde, höchstens dass unsere Mannschaft zuweilen Rufe ausstiess, als ob sie die Wogen beschwören wollte, kamen wir unter Land, in ruhigeres Wasser und mässigeren Wind. Wir athmeten erleichtert auf, und sofort begann beim Kapitän auch wieder die Laszivität. Er übergab das Steuer und holte wieder die Hula Hula-Rassel hervor, um zu rasseln und zu singen und unzüchtige Geberden zu machen.
Noch hatten wir den breitesten Kanal offener See zwischen Molokai und Oahu zu bestehen, ehe wir in Sicherheit waren. Wir erreichten diesen, als eben die Sonne unterging, und jenseits des Abendrothes der Vollmond glühend emporstieg. Der Wind war hier nicht mehr so heftig. Die See ging zwar hoch, aber nur wenige Schaumkämme zeigten sich auf den Wellen. Trotz der herrlichen Mondnacht konnten wir unser Ziel, die fernen Massen der Insel Oahu, welche Gewölk überlagerte, nur eben noch erkennen. Endlich hellte es vorne ein wenig auf, und die kahlen Wände von Diamond Head traten deutlicher vorne als Richtpunkt heraus, immer höher und höher rückend. Eine Viertelstunde nach der anderen verging, wir glaubten Diamond Head greifen zu können, und immer noch war es fern und wollte nicht näher kommen, obwohl wir nicht weniger als sieben Meilen die Stunde segelten. Ich werde diesem Wahrzeichen von Honolulu, das wir müde der gewagten Fahrt so heiss herbeisehnten, nie vergessen, wie es uns damals neckte.
Nachts um Ein Uhr kamen wir glücklich nach Honolulu, nachdem wir bei Waikiki uns noch eine Weile zwischen den Riffen verirrt hatten. Wir lauschten und hörten einen einsamen Kanaka in seinem Kanuu dem Ufer entlang rudern, wir riefen ihn an, und er brachte uns wieder auf den richtigen Weg, ohne dass wir ihn erblickten. Kurz vorher war ein grösseres Fahrzeug mit einem rothen Licht weit draussen in Sicht gewesen, welches nur der Dampfer Kilauea sein konnte. Er war also doch nicht zu Grunde gegangen.
Tiefe nächtliche Ruhe lag über den Schiffen des Hafens, als wir dem Kai zuruderten. Ein Posten rief uns an, woher wir kämen und ein »Oh« des Erstaunens entschlüpfte ihm, als wir »von Hilo« antworteten. Der ganze Zauber einer tropischen Mondnacht erfüllte die stillen Strassen und Gärten Honolulus. Ferne schmachtende Gesänge liessen sich leise vernehmen, und ein Liebespaar, blumenbekränzt und eng umschlungen, sie den Arm um seine Hüften und er um ihren Hals, wandelte schwebenden Schrittes nach Hause, als wir dem Hotel zustrebten, um den Wirth aus dem Bett zu trommeln.
Der Kilauea war wirklich nicht zu Grunde gegangen, er hatte nur einen Sprung in seinen alten Kesseln erlitten und nach dessen Reparatur den Dienst wieder aufgenommen. Drei Tage später brachte er unsere Reisegenossen, die in Kohala geblieben waren. Wir beide, Bats und ich, hatten somit viel Geld und Wagniss umsonst geopfert. Die Verwaltung des Kilauea gab uns indessen die Hälfte des bereits vorausbezahlten Dampferfahrgeldes zurück, übernahm unentgeltlich die Rückbeförderung unseres Walbootes nebst Mannschaft, wozu sie durchaus nicht verpflichtet gewesen wäre, und lieferte damit ein Beispiel seltener Anständigkeit, die man von europäischen oder amerikanischen Dampfergesellschaften wohl niemals erwarten dürfte.
XXII.
LETZTE TAGE IN HONOLULU.
Das Walboot und der Stadtklatsch der Honoluluianer. Audienz beim König. Festliche Zurüstungen. Bad im Kapena. Tanzvergnügen. Der Deutsch-englische Klub. Besuch verschiedener Kirchen. Die Missionäre.
Den nächsten Tag wusste ganz Honolulu um unsere Bootfahrt. Alles wunderte sich und staunte uns an. Wir kamen in die Zeitung, und im Hotel und auf der Strasse frugen die Leute uns unaufhörlich, ob es nicht furchtbar gefährlich gewesen sei. Kamehameha der Grosse hat eine starke Armee auf gebrechlichen Kanuus von einer Insel zur anderen gebracht, die jetzige Generation ist durch Dampfer und Schuner schon so verweichlicht, dass sie vor solchem Wagniss zurückschreckt.
Wir und das Walboot wurden das stehende Thema und wir wurden nervös, von nichts als von dem Walboot zu hören. Wir besuchten einen Beamten im Governementsgebäude und sahen bei ihm zum ersten mal eine amerikanische Schreibmaschine. Bemüht uns gefällig zu sein setzte er sich sofort an das Instrument und fingerte in die Tasten: »These Gentlemen have come in an open Waleboat from« -- wir hatten genug von seinen Künsten und dankten. Als wir bald darauf dem König Kalakaua vorgestellt wurden, war das Walboot wieder das Erste, wovon Seine Majestät sprach. Die Fama knüpfte indess an dieses Thema weitergehende abenteuerliche Geschichten. Ein Herr der mich nicht kannte erzählte mir bei Tisch allen Ernstes, es seien in der gestrigen Nacht zwei Europäer unter sehr verdächtigen Umständen gelandet und von der Polizei in Gewahrsam genommen worden, und bei den Eingeborenen galten wir für Parteigänger der Königin Emma, der halbweissen Wittwe Kamehamehas IV., welche viel Sympathien geniesst und deren Rehabilitirung von den Gegnern des jetzigen Königs noch immer gehofft zu werden scheint. Es war mehr als ermüdend, von nichts anderem als von dem Walboot und all den Versionen darüber reden zu hören. Honolulu ist eben eine richtige Kleinstadt, und da es keine telegraphische Verbindung mit der übrigen Welt hat, müssen sich die Leute dort von einem Schiff zum anderen mit dem Lokalklatsch unterhalten.
Dank der Zuverlässigkeit des Nordostpassats gibt es zwischen Honolulu und San Francisco noch eine vierwöchentliche Post per Segelschiff, welche meist in der Mitte zwischen zwei Dampferposten eintrifft. Zum Glück erschien am zweiten Tage eine solche und brachte nebst Briefen auch einige Blatternfälle, die uns als Unterhaltungsstoff ablösten.
Der König hat zwei Schwestern, welche beide an englische Kaufleute verheirathet sind. Die eine heisst Missis Dominis, die andere Missis Gleghorn. Nachdem mittlerweile der zwanzigjährige Kronprinz gestorben, ist Missis Dominis präsumptive Thronfolgerin geworden und ihr Mann, der einen Laden für Alles in Honolulu hat, präsumptiver Prince Consort. Der Hof mischt sich hier überhaupt sehr demokratisch mit den bürgerlichen Elementen. Ich lernte zum Beispiel einen jungen Amerikaner kennen, der bei feierlichen Gelegenheiten als Flügeladjutant in goldgestickter Uniform mit breiter Schärpe, Degen und Generalshut neben Majestät reitet, an gewöhnlichen Wochentagen aber als Komptorist bei einer grösseren Firma beschäftigt ist.