Part 33
Es wurde rasch dunkel, und wie wir nach einer besseren Nacht als der vorhergehenden erwachten und um uns blickten, hatten wir die bald schroffe, bald anmuthige, stets aber grossartige Nordostküste Hawaiis ganz nahe zu unserer Rechten. Ueberall stieg das Land in steilen Wänden, deren Höhe zwischen 20 und 200 Meter auf und ab undulirte, empor. Wasserfälle stürzten von ihnen in wenigen Absätzen rauschend herab, so häufig, dass wir fast immer einen in Sicht hatten. Von den Kanten zogen sich, hier auf der stets befeuchteten Windseite besser gedeihend, Flächen von dunkeln Ohiawäldern wechselnd mit helleren Zuckerplantagen sanftansteigend zu den beiden Riesen Maunaloa und Maunakea, die noch verschleiert vom Morgendunst den Hintergrund als dunkle Mauer bildeten, hinauf. Ein paar kleine Ortschaften mit reinlich weissgetünchten Kirchen guckten verstohlen aus grünen Schluchten.
Um eine Ecke biegend gelangen wir in die Byron Bai und sehen Hilo vor uns. Ebenso gartenreich oder noch gartenreicher als Honolulu, erhält dieses reizende Städtchen von kaum 1000 Einwohnern durch zwei hohe Kirchen, von welchen die eine, die katholische, Doppelthürme im Jesuitenstyl besitzt, einen fast europäischen Anstrich.[8]
[8]: Durch die grosse Fluthwelle des Erdbebens von Peru im Sommer 1877 wurde Hilo in seinen unteren Partieen gänzlich zerstört, und über 100 Menschen kamen dabei um.
Die ersten Eindrücke, die wir empfingen, als wir in Hilo das Land betraten, liessen nichts zu wünschen. Ueberall freudig mit Blumenkränzen geschmückte hübsche Mädchen, überall freundliche, einladende Gesichter. Selbst die zahlreichen Chinesen, welche beinahe die ganze dem Kai zunächstgelegene Strasse okkupiren, schienen hier weniger abstossend zu sein.
Ein Chinese von sehr anständigem Aussehen war es auch, den uns der liebenswürdige Kapitän des Kilauea als Hotelwirth rekommandirte. Ein Dutzend Kanakas ergriff diensteifrig unser Gepäck und wir folgten ihnen nach dem Hotel, einem einfachen Gartenhaus mit Veranda, welches weiter oben in der dritten oder vierten Parallelstrasse lag und in dem wir aufs beste untergebracht und verpflegt wurden. Zwei Halbchinesen, Vettern des Wirthes, von denen namentlich der Aeltere, Hapai, rühmlichst genannt zu werden verdient, nahmen sich mit grösster Hingebung der Bedienung an.
Unsere erste Sorge war ein Süsswasserbad aufzusuchen, und Hapai führte uns nach dem Wailuku, der sich gleich neben Hilo in das Meer ergiesst. Ein wilder Gebirgsfluss braust der Wailuku durch romantisch zerklüftete Schluchten von Lavafelsen herab aus dem Maunakea, zwischen hohen schwarzen Blöcken in mehrere Arme zersplitternd, sich wieder vereinigend, hier in Wasserfällen hinunterstürzend, dort über breitere Betten von Rollsteinen dahinschäumend, grossartig und wild wie Alles auf diesen Inseln. Seitlich von der reissenden Strömung des Flusses haben sich stufenförmig übereinander mehrere geräumige Tümpel mit ruhigerem Wasser gebildet, welche zum Baden dienen. Bizarre Pandanusbäume, festgeklammert an den Wänden mit ihren sperrigen Wurzelpyramiden, hängen von oben herab und wiegen rauschende Büschelköpfe im lauen Passatwind. Auf dem anderen Ufer wuschen einige Weiber. Sie sassen dabei sammt ihren weissen Hemden bis zum Nabel im Wasser und riefen uns fröhlich »Aloha« herüber.
Nach dem Bade gingen wir an den Strand und liessen uns das berühmte Brandungschwimmen produziren. Leider kommt dieser interessante Wassersport der Kanakas immer mehr ausser Uebung. Namentlich die Bevölkerung von Hilo soll ehemals sehr geschickt darin gewesen sein. Kein Theil der Küste von Hawaii ist geeigneter, jene imposanten bis zu vier Meter hohen lang ausrollenden Wogenketten zu erzeugen, als der flache Strand der Byron Bai, gerade dem Ozean und dem Nordostpassat entgegen geöffnet. Nur drei Brüder verstehen sich noch aufs Brandungschwimmen und erboten sich, gegen je einen Dollar ihre Künste zu zeigen.
Sie holten ihre zu diesem Zweck dienenden Bretter, etwa anderthalb Mannslängen hoch, eine Armlänge breit, aus schwerem Holze, sehr dünn und mit scharfen Rändern, herbei und gingen mit ihnen, bis auf den Maro entkleidet, ins Meer hinaus. Untertauchend, so oft eine überschäumende Woge herankam, durch die Wogenthäler theils schwimmend, theils mit den Füssen vom seichten Grunde sich abstossend, entfernten sie sich schneller als ich es je für menschliche Lungen möglich gehalten hätte immer weiter und weiter vom Lande. Wir setzten uns auf die Spitze eines dem Ufer entsteigenden Lavafelsens und sahen ihnen durch Ferngläser nach, bis sie nur mehr als schwarze Pünktchen im Gischte der flachen Brandung zu erkennen waren. Dann schwangen sie sich plötzlich auf ihre Bretter und kamen langsam wieder näher. Auf welche Weise dies geschah, konnte ich anfänglich nicht unterscheiden. Sie bewegten sich nicht in der Richtung der See dem Lande zu, sondern schräg zu dieser im Zickzack kreuzend, so dass sie einmal auf der uns zugewendeten, dann wieder auf der entgegengesetzten Böschung abwärts und aufwärts glitten. So eilten sie den Wogen voran. Während sie in das Thal hinabschossen, legten sie sich flach mit dem Bauch aufs Brett und nahmen die Hände als Ruder benützend einen Anlauf, um über die vorne rollende Woge hinauf und durch den schäumenden Kamm zu gelangen. Waren sie glücklich oben, so sprangen sie auf die Knie oder auch wohl auf die Füsse und schwebten einen Augenblick aufrecht über dem Wasser. Nicht immer gelang ihnen dies, und zuweilen warfen sie um und verschwanden. Aber gleich waren sie wieder auf ihrem Brett und glitten wieder über die See dahin. Mehrmals gingen sie noch hinaus, um von Neuem ihr anmuthiges Spiel zu zeigen, bis wir genug hatten.
Die drei Dollars, welche die drei Brüder auf solche Weise verdienten, schienen den gesammten Jungen von Hilo einen Impuls zu geben, sich gleichfalls im Brandungschwimmen zu versuchen, und als wir gegen Abend wieder an den Strand kamen, arbeiteten ihrer mehrere Dutzend mit Brettern im Wasser herum, jedoch ohne etwas Nennenswerthes zu leisten. Die schöne Sitte, an der sich früher Alles, auch das zarte Geschlecht nicht ausgenommen, betheiligte, schwindet dahin wie die Hawaiier selbst.
Weiter gegen das östliche Ende der halbkreisförmigen Byron Bai, welches das kleine Coconut-Inselchen markirt, da wo die Brandung weniger stark war, wurde gefischt. Unter lautem Geschrei betheiligten sich Männer und Weiber an diesem Geschäft. Die Männer mit kurzen Hemden bekleidet oder nackt bis auf den niemals fehlenden Maro, die Weiber sammt ihren hellfarbigen, prangend grünen und rothen Gewändern, wateten sie in grösseren Gesellschaften den anrollenden Wellen, die ihnen jedesmal bis zu den Hüften stiegen, entgegen und hielten grosse Netze horizontal ausgespannt unter die Oberfläche des Wassers. Ich konnte jedoch nichts bemerken, was einem gefangenen Fisch glich. Ein dicker Polizist mit Käpi, Messingschild auf der Brust und einem Stock in der Rechten promenirte auf dem Strand und schien die Aufsicht zu führen.
Unser Hapai, der sich zu der Rolle eines Vergnügungskommissärs berufen fühlte, rieth uns, nach Tisch abermals an den Wailuku zu gehen, weil um diese Zeit die höhere weibliche Schuljugend sich dort einzufinden und zu baden pflege, und gerne folgten wir seinem angenehmen Vorschlag.
Der Badeplatz war noch leer. Drüben am anderen Ufer sassen dieselben Frauenzimmer, die wir schon Vormittags gesehen hatten, noch immer im Wasser und wuschen. Wir warteten nicht lange als wir über uns auf der Kante jugendliche Stimmen hörten. Eine Schaar Mädchen von 14 bis 18 Jahren, in hellen Gewändern und blumenbehangen, blickte herab, etwas enttäuscht und betroffen über unsere Anwesenheit. Sie debattirten hin und her, kicherten und zogen sich zurück, aber nur, um nach wenigen Minuten zwischen den schwarzen Blöcken des Ufers wieder zu erscheinen, einen Steinwurf unterhalb der Stelle, an der wir sassen.
Im Nu waren sie entkleidet und schwammen, ihr Bündel mit dem rechten Arm hoch in die Luft haltend und das Gesicht von uns abgewandt, durch die reissende Strömung nach der gegenüberliegenden Seite. Sie schienen in Bezug auf ihre Kleider uns nicht zu trauen und hatten dabei vielleicht nicht ganz Unrecht. Um die Exponirung ihrer Reize waren sie jedoch weniger besorgt. Vollständig nackt sprangen sie glatt und geschmeidig von einem Block zum andern, um oberhalb den Fluss nochmals zu kreuzen und zu unserem Badetümpel zu gelangen. Hier sprangen sie von einem Felsen herab und machten vorwärts und rückwärts Purzelbäume ins Wasser. Sie hatten augenscheinlich die Absicht, uns mit ihren Künsten zu unterhalten, was ihnen gewiss nicht übel gelang. Wir setzten uns nieder auf eine natürliche Felsentribüne, drehten uns Zigaretten und klatschten Beifall, während die liebenswürdigen Mädchen immer eifriger ihre Purzelbäume zum Besten gaben. Es waren fast lauter üppige, verlockende Gestalten im duftigen Reiz der eben vollendeten Formen, kleine bronzene Aphroditen, für die moderne Kunst ohne die leiseste Idealisirung zu sinnlich angekränkelten Statuetten verwendbar.
Auch eine von den Wäscherinnen drüben schwamm in ihrem Hemd herbei, um sich vor uns zu produziren und ebenfalls Purzelbäume ins Wasser zu machen. Bald merkte sie, dass sie im Hemd gegen ihre nackten Konkurrentinnen im Nachtheil war und durchaus nicht denselben Beifall erntete. Sie liess es fallen -- eine echte Tochter Evas. Noch mehr Weiber schwammen herbei, auch manche ältere und unvermögend zu reizen, aber auch sie wollten sich produziren und Purzelbäume machen, theils im Hemd theils ohne.
Schliesslich kam ein Kunststück, welches uns fast die Haare zu Berg trieb. Unterhalb des Tümpels, vor dem wir sassen, theilt sich der Wailuku in drei Arme, welche in enge aus mächtigen Lavablöcken gebildete Kanäle eingezwängt, erst eine Strecke heftig dahinschiessen und dann als zehn Meter hohe Wasserfälle frei in ein tieferes von steilen Wänden umschlossenes Becken hinabstürzen. Mit Besorgniss sahen wir, wie die Mädchen den gefährlichen Kanälen sich immer mehr näherten. Wir trauten kaum unseren Augen, sie schienen gerade in die wildeste reissendste Strömung zu steuern. Die Strömung ergriff sie und führte sie fort, sie verschwanden. Entsetzt sprangen wir über die nächsten Blöcke, um, wie wir fest glaubten, die Unvorsichtigen unten zerschmettern zu sehen. Aber zu unserem Erstaunen tauchten sie wieder empor aus dem schäumenden Wasser, riefen lachend uns zu, ihnen zu folgen, und kletterten gewandt an den Wänden in die Höhe, um von Neuem das waghalsige Schauspiel zu unternehmen. Spöttisch freuten sie sich, dass uns ihre Leistungen so sehr imponirten.
»Ich wette, das wagen Sie doch nicht« neckte man mich, und unten winkte gerade eine besonders verführerische kleine Sirene. Ich wettete, warf meine Kleider ab und sprang in den Fluss, und eine Minute später hatte ich etwas gewagt, was ich kurz vorher für Wahnsinn erklärt hätte. Pfeilschnell riss es mich, auf dem Rücken, die Beine voraus, zwischen den Felsblöcken durch. Ich plumpste hinab, es wurde dunkel, es wirbelte mich ein paar mal im Kreise, aber leicht und rasch arbeitete ich mich aus ziemlich beträchtlicher Tiefe an die Oberfläche empor. Zweimal machte ich diese wilde Wasserfahrt, ohne jemals an eine der vielen Unebenheiten zu stossen. Ich fühlte deutlich, wie der heftige Zug der Strömung gleichsam federte über den scharfen Zacken, als ob sie gepolstert wären. Viel schwieriger war es, aus dem Abgrund wieder zurückzuklettern, und kaum würde ich den Weg gefunden haben, wenn nicht die braunen Genossinnen des Bades mich geleitet hätten. Hapai der uns nachgegangen war, warnte mich, dass schon mancher da drunten stecken geblieben und nicht wieder zum Vorschein gekommen sei. Deshalb stand ich von weiteren Experimenten ab, froh um eine interessante Erfahrung reicher zu sein.
Für den Abend hatte unser Hapai die nationale »Hula Hula« genannte Tanzproduktion arrangirt. Zwei Tänzerinnen und drei Musikanten, alle natürlich blumengeschmückt, erschienen im Salon des Hotels, und eine Menge neugieriger Zuschauer folgte ihnen.
Der Hula Hula geniesst den Ruf, unter den vielen lasziven polynesischen Tänzen der laszivste zu sein, und was ich davon, obgleich abgeschwächt durch die dem Fremden gegenüber stets beobachtete grössere Zurückhaltung, zu sehen bekam, schien mir dies wohl zu rechtfertigen.
Zuerst setzten sich die Tänzerinnen sowohl als auch die Musikanten mit gekreuzten Beinen in zwei Reihen auf den Boden und erhoben einen gellenden Wechselgesang, indem sie bald langsam und feierlich, bald rasch und leidenschaftlich den Oberkörper und die Arme hin und her warfen und kleine birnförmige Kalebassen die mit Steinchen gefüllt waren in den Händen schüttelten, was einen heillosen rasselnden Lärm hervorbrachte. Die Melodie, zwar ewig in zwei Sätzen wiederkehrend, war viel komplizirter als die beim Haka der Maoris und beim Meke Meke der Vitis gehörten. Die zwei Tänzerinnen trugen einen dem Hula Hula eigenthümlichen Schmuck um die nackten Knöchel, bauschige Wülste aus dunklen Vogelfedern, zwischen welchen Hundezähne befestigt waren. Sie hatten nicht den gewöhnlichen langen losen Talar an, sondern eine Art Mieder und aufgeschürzte, um die Taille gebundene Röcke. Ehemals beschränkte sich das Tanzkostüm auf Blumenkränze in den Haaren und um die Brüste, auf die Knöchelwülste und auf ein kurzes Röckchen, welches nur dazu diente, empor geschnellt zu werden. Jetzt herrscht beim Hula Hula in der Regel ein höherer Grad von Bekleidung bis zu jener höchsten Dezenz hinauf, welche Pluderhosen vorschreibt. In vertrauten Kreisen soll allerdings die ursprüngliche Einfachheit noch immer sehr beliebt sein.
Nach einiger Zeit sprangen die beiden Frauenzimmer auf und begannen nun stehend, ohne ihre Plätze zu verändern, unter den nämlichen wilden Geberden, unter dem nämlichen wilden Schreien und Rasseln höchst unzüchtige Bewegungen mit dem Becken zu verüben. Immer hastiger und erregter wurde ihr Toben, die Blumenkränze flogen zerrissen zu Boden, und die braunen Zuschauer hinter unseren Stühlen geriethen in Begeisterung, lachten laut und klatschten entzückt in die Hände und betheiligten sich an dem Vergnügen, indem auch sie dieselben Hüftenbewegungen machten, so weit es der dichtgedrängt volle Raum gestattete.
Nach mehrmaligen Pausen ging es immer in derselben Weise fort, die Variationen schienen nur im Texte zu liegen, den wir nicht verstanden. Einmal warfen sich die Musikanten, welche sitzen geblieben waren, auf alle Viere nieder und führten in dieser Stellung wahrhaft bestialische Zuckungen aus.
Wir hatten für die Tänzerinnen und Musikanten und für die zahlreichen uneingeladenen Gäste Thee machen lassen, während wir selbst zu unseren Spirituosen griffen, die wir von Honolulu mitgebracht, weil solche auf Hawaii verboten sind. So kneipten wir eine Zeit lang miteinander während immer mehr Neugierige kamen, zur grossen Entrüstung Hapais, der uns bereden wollte, das ganze braune Publikum aus dem Hause zu jagen. Aber die Kanakas waren so naiv liebenswürdig in ihrer Zudringlichkeit, dass wir ihnen nicht böse sein konnten.
Als der Hula Hula vorüber war, fing draussen im Garten ein Rudel junger Männer an, vierstimmige Lieder vorzutragen, die sie von den Missionären gelernt hatten, und die mir wieder ein glänzendes Zeugniss ablegten von der grossen musikalischen Begabung der Polynesier. Sie hörten schliesslich gar nicht mehr auf zu singen, bis wir ihnen bedeuteten, dass es Zeit sei schlafen zu gehen. Solange wir in Hilo waren, wiederholten sich jeden Abend diese Konzerte.
Am nächsten Tag gingen wir aus, Pferde für die Kilaueapartie zu miethen. Ein in Hilo ansässiger Engländer, an den wir Empfehlungen hatten, war uns dazu behülflich. Fünfzehn Dollars ist der herkömmliche Preis für den fünftägigen Ritt, wobei ausbedungen wird, dass im Fall des Verunglückens eines der Thiere keine Entschädigung verlangt werden dürfe. Man brachte uns etwa zwanzig Pferde und wir trafen unsere Wahl. Dann ritten wir, um sie zu probiren, nach dem eine halbe Stunde entfernten Rainbow Fall. Der Wailuku ergiesst sich dort 20 Meter tief in ein weites Becken. Der von ihm emporgewirbelte Staubregen entwickelt im Glanz der Sonne und von der entsprechenden Stelle aus gesehen jenes zarte Phänomen, dem die Sehenswürdigkeit ihren Namen verdankt.
Nahe dem Wege stehen drei kleine kuppenförmige Hügel nebeneinander, mit grüner Vegetation überzogen. Es sind zweifellos alte Vulkane, obwohl ich nicht oben gewesen bin.
XX.
BESTEIGUNG DES KILAUEA.
Wilder Ausritt. Das Halfway House zu Olaa. Der Krater thut sich auf. Das Volcano Hotel und seine Vorzüge. Besuch des kochenden Lavakessels. Mondschein und Hölle. Beschwerlicher Abstieg nach Puna. Erstarrte Lavaströme und eingestürzte Lavadome. Kapitän Eldart und sein Gehöft Kapoho. Die warmen Quellen. Awa und Brotfrucht. Glücklich wieder in Hilo.
Früh am folgenden Morgen rief uns ein lebhaftes Getümmel im Garten vor dem Hotel aus den Betten. Obgleich wir schon gestern unsere Wahl getroffen hatten, waren noch einige spekulative Kanakas mehr mit Pferden gekommen, in der Hoffnung, vielleicht doch noch ein Geschäft zu machen.
Ueber eine Stunde verging, ehe wir wegkamen, ehe wir die Ausrüstung der Pferde genau untersucht, ehe hier ein liederlich zusammengestoppeltes Zaumzeug geflickt, dort ein halb durchgerissener Steigbügelriemen durch einen neuen ersetzt, ehe alle die Satteltaschen gepackt und aufgeschnallt waren. Den Kanakas ist in Dingen der Propretät niemals zu trauen, und in Bezug auf ihre Thiere lügen sie wie alle Pferdeverleiher dieser schnöden Erde. Ein paar Mädchen schmückten uns noch schnell mit Blumen und Guirlanden. Dann schwangen wir uns in den Sattel, drückten den Hut fest in die Stirn und gallopirten südwärts zur Ortschaft hinaus. Links und rechts bellten wüthend die Hunde, und die halbe Einwohnerschaft lief auf die Strasse uns ein freundliches »Aloha« nachzurufen.
Würde es einem gesitteten Staatsbürger zu Hause einmal einfallen, in demselben Aufputz auszureiten, in dem wir damals mit Uebertreibung der grelle Farben und Blumenschmuck liebenden Landessitte den Ritt nach dem Kilauea antraten, er würde unfehlbar arretirt werden. Rock und Weste hatten wir zu Hause gelassen, um das Scharlachroth unserer Garibaldihemden zur Geltung zu bringen. Grosse dreizöllige Spornräder starrten uns von den Stiefeln, buntes Troddelwerk und klirrendes Schellengeklingel bedeckte das mexikanische Sattel- und Zaumzeug, und an den Hüten, um Hals und um Brust hingen uns flatternde Guirlanden von Farnkraut und weithin leuchtenden schwefelgelben Blüthen oder pomeranzengelben Pandanusfrüchten.
Eben so wild wie unser Aufputz war unser Ritt. Der Weg war der schlechteste, den man sich denken kann, und so schmal, dass wir eigentlich nur in einer Reihe hätten reiten sollen, zu beiden Seiten Farn und Busch. Ueberall nichts als glasharte Lava, in unzählige Schrunden und Blöcke zerklüftet. Die Pferde drängten alle vorwärts, eines strebte dem anderen zuvorzukommen, und mit einem Leichtsinn, der aller Vernunft Hohn sprach, sprengten wir, eng in einander gekeilt, Knie dicht an Knie und uns gegenseitig mit Armen und Beinen zurückreissend, rücksichtslos über den gefährlichen Boden, durch das zerfetzende Gestrüpp. Unsere hawaiischen Pferde, an solche rauhe Pfade gewöhnt und unübertrefflich zäh, stolperten kaum ein einziges mal und flogen dahin wie auf einer ebenen Chaussee.
Die Hetzjagd dauerte zum Glück nicht lange. Es ging mehrmals in steile Gräben hinab, in denen unten sumpfige Tümpel waren, und Lavablöcke von grösseren Dimensionen stemmten sich uns entgegen. Ueberall nichts als Lava, glasharte, widerlich kratzende und knirschende Lava, die meistens noch deutlich die Faltung ihres Gusses zeigte, als wäre die Masse eben erst jetzt erstarrt. Stellenweise dröhnte es hohl unter den Hufen von unterirdischen Räumen. Trotz der Frische des noch wenig verwitterten Bodens war doch schon eine reichliche Vegetation aus den Schrunden emporgesprosst. Ein nicht sehr dichter Wald von Ohiabäumen, an denen sich Schlingpflanzen mit schönen rothbraunen Blüthen hinaufrankten, mit eingestreuten Pandaneen folgten auf Farnkrautbestände, die an Neuseeland erinnerten. Die Sonne brannte glühend heiss herab, und da wo der Busch nicht dicht und nicht hoch genug war, um Schatten zu gewähren, rieselte uns und den Pferden der Schweiss von den Gliedern.
Die Entfernung von Hilo bis zum Krater beträgt 29 englische Meilen oder 44 Kilometer. Im Halfway House zu Olaa, einem Platz, der nur aus drei oder vier zwischen Felsen, Gebüsch und spärlichen Wiesenfleckchen zerstreuten Hütten besteht, machten wir Mittag. Wir nahmen unseren Pferden Sattel und Zaum ab und liessen sie grasen. Einige Hühner erlitten den Tod, und bis sie gebraten waren, legten wir uns in den kühlen Schatten des Wirthshauses und liessen unter den Händen brauner Mädchen das »Lome lome« über uns ergehen. Diese nach einem anstrengenden Ritt höchst erquickende Prozedur besteht in dem kunstgerechten Kneten der Muskeln des Rumpfes, der Beine und Arme und bildet einen Theil der landesüblichen Gastfreundschaft, der dem eben angekommenen Fremdling auf sein Verlangen und oft auch ohne sein Verlangen geleistet wird. Kaum ist man irgendwo in einem Dorfe vom Pferde gestiegen und hat sich müde auf der Erde ausgestreckt, als auch sogleich ein paar Frauenzimmer nebenan Platz nehmen und erst schüchtern, dann immer dreister und eindringlicher zu kneten beginnen.
Bis zum Ziele unserer Partie ging es immer durch dieselbe Landschaft von dünnem Busch und Farnkraut, immer über denselben knirschenden, glasharten Boden fort. Höchstens dass hier und da in einer Vertiefung so viel Humus angesammelt war, dass die Hufe auf einige Schritte zu kratzen aufhörten und dadurch dem gequälten Ohr eine angenehme Rast gewährten.
Ich war in Bezug auf die Wahl meines Pferdes der glücklichste von uns allen gewesen. Und auch mein Pferd durfte mit seinem Loose zufrieden sein, denn ich war der leichteste Reiter der Gesellschaft. Es war dafür auch allen anderen voran, und während hinter mir ein paar kurzathmige Häuter bereits erbärmlich keuchten, und klatschende Hiebe und Flüche auf die armen Thiere herabregneten, brauchte ich nur ein wenig mit der Zunge zu schnalzen, um meinen Grauschimmel aufzumuntern. Auch verstand er das Terrain viel besser als ich und wusste genau Bescheid, wann er gallopiren oder traben durfte, und wann er im Schritt gehen musste, und kletterte so geschickt über Lavablöcke und stieg so sicher und vorsichtig in die jeden Augenblick unseren Pfad kreuzenden Gräben hinab, dass ich ihn ganz sich selbst überlassen konnte.
So schlängelte sich unser Ritt ermüdend unter beständigem Wechseln der Gangart über Felsen und Schluchten, durch sumpfige Mulden und über glasharte vor wenigen Jahren noch feurigflüssige Lava dahin, links und rechts in den engen Saumpfad hereinreichendes Gebüsch, welches uns ins Gesicht schlug und an den Steigbügeln zerrte. Ein lechzender Durst peinigte uns, und wo wir eine vom Regen der letzten Nacht zurückgelassene Pfütze fanden, stiegen wir ab, legten uns auf den Bauch und schlürften mit dem Munde das schmutzige Wasser. Keine prangenden Blumenguirlanden schmückten mehr unsern Körper, wir hatten sie weggeworfen, und nichts erinnerte mehr an die Farbenpracht des Morgens, als die rothen Hemden, an denen die moorige Erde haftete.