Part 32
Die Waaren, die unter einer gedeckten Halle und in mehreren Budenreihen feilgeboten werden, entstammen grösstentheils der salzigen Fluth des Meeres, und ihre Mannichfaltigkeit wird dadurch erhöht, dass der Kanaka nichts verschmäht, was überhaupt gegessen werden kann. Getrocknete Sepien, die acht Saugarme zu Zöpfen geflochten, hängen oben herab, unten auf blätterbedeckten Brettern liegen sie frisch in ihrer ganzen natürlichen Schlüpfrigkeit ausgebreitet. Fische gross und klein, mit Papageischnäbeln und in allen Farben schillernd, Krebse, Muscheln und Schnecken, Seesterne, Seeigel und Seegurken, roh und gekocht, in Körben hoch aufgehäuft, suchen die Gourmandise der Kanakas zu reizen. In Kürbisschalen ist der ganze Inhalt dieser Geschöpfe, Gedärme und Alles, zu einem vielfarbigen Brei zusammengepantscht, und mit geheimem Grausen sehen wir, wie diese unappetitlichen Sachen mit wohligem Schmatzen verschlungen werden. Man muss sich in Acht nehmen nirgends anzustreifen, da überall Eingeweide und andere schleimige Dinger kleben, nicht blos an den Buden, sondern auch an den vielen Männern und Weibern, die sich mit grossen Körben durch das Gedränge mühen. Hinter jedem Stand hängen grosse Bündel schmaler Cordylineblätter, welche zum Einwickeln dienen. Im Nu sind sie kreuzweis zusammengeschlungen und zu einem festen Packet geschlossen.
Hier häutet ein Mann wunderbar flink mit den Zähnen seine Fische ab, dort sitzen hübsche grossäugige schlanke Mädchen und winden Blumenkränze und duftende Pandanusguirlanden, während daneben eine fette schwammige Matrone uns ein freundliches »Aloha« zugrinst und einladend auf ihre Mangos und Melonen weist. Ein korpulenter Polizeimann, kenntlich an dem Blechschild auf seinem Rock, überwacht mit ernstem Blick die Ordnung des Marktes, etliche Gardesoldaten in blauweissen Jacken gehen von Bude zu Bude und kokettiren mit den schönen Verkäuferinnen. Mitten in diesem fröhlichen Gewühl und Gekreisch der Hawaiier steht eine Gruppe tückischer Chinesen, umherspähend wohin sie sich wenden sollen, die Hände in beiden Hosentaschen, um das Geld zu bewachen, obwohl es hier keine Pickpockets giebt, dort an der Ecke steht ein einzelner Halbchinese und hat Tabakspfeifen feil, an die Zweige eines Bäumchens gesteckt. Eine eigene Abtheilung dient zum Verkauf des zu Klumpen zusammengebackenen Poimehls. Auf Tischen davor steht fertiger Poi in grossen Kürbisschalen bereit, und unter und zwischen den Tischen sitzen kleine Gesellschaften und erlaben sich an dem säuerlichen Brei, indem sie ihn mit den Fingern heraustunken.
Gleich hinter der einen äussersten Reihe plätschert das Wasser der Rifflagune, getrübt von der Jauche des Marktes, ein beliebter und nie unbenützter Badeplatz der Jugend. Hie und da mischen sich auch wohl die nackten und nassen Jungen ins Gewühl, um mit klatschenden Schlägen verjagt zu werden.
Halbverwilderte Hunde liegen mürrisch in den geschütztesten Winkeln. Sie sind die stehende Bewohnerschaft des Budenplatzes, von dessen Abfällen sie leben, und fast alle sind, vielleicht in Folge der ausschliesslichen Fischnahrung, bedeckt mit Räude. An einem dieser ekelhaften Köter sah ich eine elephantiasis-artige Erkrankung der ganzen Haut, namentlich aber der hinteren Partien. Die Haut der Kreuzgegend war so sehr verdickt, dass der Schwanz aus Falten wie sie für das Rhinoceros normal sind heraushing.
Ausserhalb Honolulu ist die Gegend dürrgebrannt und wüstenartig. Links und rechts von der Stadt führen grellbeleuchtete, staubige Strassen am Ufer des blauen Meeres entlang. Sandebenen, hie und da besetzt mit Gruppen von importirten Opuntias und Agaven, ziehen sich zu den Bergen hinan, welche den Hintergrund bilden. Unten sind diese ebenso kahl wie die Ebenen, erst weiter oben, in der Nähe der an den höheren Spitzen hängenden Wolken, bedecken sie sich mit dem eigenthümlichen hellschimmernden Grün der Kukuibäume.
Zu dieser im Lichte einer glühenden Sonne strahlenden Landschaft liefern die Eingeborenen die schönste und stylvollste Staffage. Blumenbekränzt und in bunten Gewändern jagen sie, Männer und Weiber, auf zähen Pferden über Stock und Stein dahin. Und ihre warmen Farben im Verein mit der Sonnengluth der wüsten und gelben Flächen gaben mir oft ein Bild von wahrhaft orientalischer Lebhaftigkeit.
An der Ostseite gegen die Vorstadt Kapalama zu ergiesst sich der Nuuanu-Bach in die See. Manchmal kauern hier Weiber vollständig bekleidet, einen Strohhut auf dem Kopf, geradeso wie sie auf der Strasse gehen, im schmutzigen, brackischen Wasser des Aestuariums. Nur der Kopf ragt heraus, und im Munde halten sie ein Körbchen, während sie mit den Händen auf dem Grunde nach Krabben herumtasten. Nackte Kinder balgen sich neben ihnen und werden zuweilen durch zornig rollende Blicke verscheucht. Schelten dürfen die Fischerinnen nicht, sonst würde ihnen das Körbchen mit der Beute entfallen. Eine hölzerne Brücke führt hinüber nach dem Staatsgefängniss, einem blendend weiss getünchten zinnengekrönten Kastell, und draussen mitten in der Lagune steht einsam auf Pfählen das Quarantänehospital, ein trostloses Gebäude.
Rechts am Fusse der Berge unweit Lilihi Street liegt das Lunatic Asylum, das Irrenhaus. Ich fand dieses nur von wenigen Geisteskranken bewohnt, als ich einmal hinausritt es zu besichtigen. Eine tobsüchtige Chinesin war der schlimmste Fall. Die anderen waren alle bereits blödsinnig. Die gemüthliche naturgemässere Lebensweise der Eingeborenen, fern von der aufreibenden Hast des Gelderwerbs und des Ehrgeizes in Amerika und Europa, ist nicht geeignet, Erkrankung des Gehirns zu begünstigen. Die Einrichtungen der Anstalt genügen mässigen Ansprüchen.
Westlich gegen Diamond Head zu führt eine zwei Kilometer lange Landstrasse, oft der Schauplatz wilder Kavalkaden, an Salinen, in denen Meersalz durch Abdunsten gewonnen wird, vorüber nach Waikiki, einer kleinen Ortschaft aus einer Kapelle, einigen hölzernen Landhäuschen und einigen struppigen Strohhütten bestehend, alle weit aus einander gestreut, die früher der Lieblingsaufenthalt der Könige gewesen sein soll. Hierhin sollen sie sich, der Komödie europäischer konstitutioneller parlamentarischer Regierung müde, zurückgezogen haben, um der goldstrotzenden Uniform entledigt und nur mit dem Suspensorium angethan in alten Erinnerungen zu schwelgen. Ein kümmerlicher Kokospalmenhain beschattet spärlich den sandigen Boden. Die Bäume sind lebensmüde und tragen keine Früchte mehr. Ein hübscher reinlicher Badestrand zieht sich aussen entlang, und Waikiki ist deshalb als Ausflugspunkt bei der Bevölkerung Honolulus sehr beliebt. Jenseits tritt Diamond Head, das Wahrzeichen von Honolulu, in die See hinaus, auf einer Einsattlung, die den Berg und die Hauptkette der Insel verbindet, die Signalstation für die Ankunft von Schiffen tragend, welche mit dem Postamt der Hauptstadt durch die einzige drei Kilometer lange Telegraphenlinie des Hawaiischen Königreichs zusammenhängt. Diamond Head ist 230 Meter hoch und sieht von unten nicht aus wie ein Vulkan, es scheint vielmehr eine gradlinige steile Felswand zu sein, von zahlreichen tiefen senkrechten Schluchten durchfurcht, an welche sanfter geneigte Geröllböschungen sich anlehnen. Aber wir stehen auf einem so durchaus vulkanischen Boden, dass wir uns nachgerade gewöhnen, in dem Gipfel einer jeden isolirten Erhebung einen erloschenen Krater zu finden.
Als Hauptmerkwürdigkeit der Umgebung gilt der »Pali«, ein steiler Absturz an der Rückseite der Bergkette, welche den Hintergrund Honolulus bildet, 9 Kilometer von der Stadt entfernt. Eine 600 Meter mächtige Schicht der Erdrinde, durch vulkanische Kräfte emporgehoben, zerbarst an den Kanten. Die südliche Hälfte ist stehen geblieben, die nördliche wieder hinabgesunken, beinahe bis zum Niveau des Meeres. Die gewaltige Bruchfläche ist der Pali. Fast kein Passagier des Dampfers, dem ein Nachmittag in Honolulu zu Theil wird, versäumt dort hinauf zu reiten.
An einem der ersten Tage machte ich diese obligate Partie in Gesellschaft jener fünf Engländer, welche dieselben Reiseziele wie ich verfolgten, selbstverständlich zu Pferde. Denn auf Hawaii geht man fast niemals zu Fuss. Der echte Hawaiier, gleichviel ob braun oder weiss, lässt für die unbedeutendsten Wege die er zu machen hat aufsatteln. Die Pferde sind hier lächerlich billig, fünfzig Dollars ist ein anständiger Kaufpreis. Um fünf Dollars die Woche kann man das beste Reitpferd miethen, inklusive Fütterung, Sattel und Zaumzeug. Dabei sind die Thiere unübertrefflich zäh und im Allgemeinen hocherhaben über jene erbärmliche Sorte, die man bei uns gewöhnlich zu miethen bekommt. Mark Twain hat sie schwer verleumdet. Ein einziges mal passirte es mir, dass ich einen faulen und störrischen Häuter erhielt, dem ich beim Gallopiren beständig den Takt dazu auf sein Hintertheil peitschen musste, und der mich an jeder Strassenecke abwarf, indem er blitzschnell herumbog, wenn ich nicht Acht gab.
Eine guterhaltene belebte Strasse führt durch das Nuuanuthal in die Berge hinein. Links und rechts zuerst die nicht enden wollenden Landhäuser und Gärten des vornehmen weissen Viertels. Man passirt die Kirchhöfe, das Mausoleum der fünf Kamehamehas, die Eisfabrik. Mehrmals kreuzt der im Zickzack herabtosende Nuuanubach den Weg, Tarosümpfe, die er bewässern muss, zu beiden Seiten. Es geht immer höher und höher. Eingeborene, Männer und Weiber, auf Pferden und Maulthieren, in bunten Farben und blumenbekränzt begegnen uns und sprengen mit einem freundlichen »Aloha« vorüber. Die Gegend wird schroffer. Auf schmalen Grasterrassen über kahlen Felswänden weiden Rinder und rufen heimathliche Erinnerungen aus den Alpen wach. Nur die fremdartige Erscheinung der silberglänzenden Kukui-Büsche, die in grosser Ausdehnung hie und da die steilen Abhänge dicht überziehen, zerstört die Illusion. Der Kukui ist derselbe Aleurites triloba, aus dessen Nüssen auf Viti so gelungene Kerzen gefertigt werden. Auch hier auf Hawaii soll man sich ihrer in der nämlichen Weise bedient haben.
Es wird feuchter und kühler oben, und der Passat, den wir unten als angenehmen Zephyr empfanden, weht uns durch die Scharten der zackigen Bergesgipfel als ein rauher, frostiger Sturmwind entgegen, zerrissene Nebelmassen vor sich her treibend. Endlich sind wir am Ziel. Noch eine Ecke, und ein Panorama von ergreifender Grossartigkeit thut sich auf. Erschrocken reissen wir die dampfenden Pferde zurück. Der Boden verschwindet plötzlich und stürzt zu einem schauerlichen Abgrund hinab.
Tief unter uns entfaltet sich eine herrliche Ebene. Der dunkelblaue Ozean steigt zum Horizont in die Höhe, weissglänzende Schaumlinien der Brandung umsäumen mäandrisch smaragdene und violette Tinten. Und innerhalb dieser begrenzt ein schimmernder Streif sandigen Ufers das im schönsten Grün prangende Tiefland. Keine dürren wüstenartigen Flächen wie im Süden an der Leeseite der Insel. Alles strahlt im wärmsten Sonnenschein unten, während uns selbst vorüberziehende Wolken beschatten.
Wir stehen auf klassischem Boden. Hier focht der grosse Kamehameha I. die letzte von den sieben Schlachten, durch die er die geeinigte Herrschaft der Hawaiischen Inseln erzwang. Tausend Feinde, der letzte Rest von Widerstand, wurden hier hinabgedrängt. Was für ein gewaltiger Schauplatz für eine Schlacht. Wie mag es getobt haben auf diesen rauhen, felsigen, düster bewölkten Kanten vom wilden Verzweiflungskampf, vom trunkenen Freudengeheul der Sieger, vom ohnmächtigen Wuthgebrüll der Besiegten, die ein letztes mal sich aufrafften, im Angesichte des Todes mit grimmigem Hass noch schnell ihr Leben zu rächen, ehe sie schaarenweise hinabstürzten und in der grausigen Tiefe zerschmettert wurden.
Eine steile Strasse ist jetzt in die Felswand gehauen und führt zickzackförmig hinab. Winzig klein bewegen sich schwarze Pünktchen unten auf ihr entlang. Es sind Reiter, die einem Dorfe am Meeresstrand zueilen, welches halb unter Palmen versteckt mit scharfen Augen eben noch erkennbar ist.
Es war mein erster Ritt wieder nach langer Zeit und unmittelbar nach den erschlaffenden Einwirkungen einer zwölftägigen Seereise in tropischer Hitze. Und da ich überhaupt zu der ehrsamen Zunft der Sonntagsreiter gehöre, vermochte ich kaum mehr mich im Sattel zu halten, als wir durch das belebte Chinesenviertel zurückkehrten. Links und rechts stoben zähnefletschend die bezopften Mongolen auseinander. Schliesslich fiel noch ein armes unvorsichtiges Huhn den Hufen meiner Rosinante zum Opfer. Der Eigenthümer, ebenfalls ein Chinese, kam kreischend ins Hotel gelaufen, das Corpus delicti in der Hand und eine Schaar Freunde als Zeugen im Gefolge. Ich musste bezahlen.
XIX.
VON HONOLULU NACH HILO.
Ihre Königliche Hoheit Ruth Keelikolani. Morgentoilette der Reisegesellschaft. Lahaina und Kawaihae. Das Hotel zu Hilo. Unser Vergnügungskommissär Hapai. Brandungschwimmen. Die höhere weibliche Schuljugend im Bade. Hula Hula und Konzert. Der Rainbow Fall.
Die Verbindung zwischen den Inseln wurde damals hauptsächlich durch den königlichen Poststeamer Kilauea, der etwa so gross wie ein Helgoländer Dampfer und bereits so altersschwach und baufällig war, dass er unterdessen wahrscheinlich zu existiren aufgehört hat, vermittelt. Jeden Montag ging er von Honolulu ab, dreimal im Monat nach Maui und Hawaii und einmal nach Kauai.
Am 21. August schiffte ich mich nebst meinen fünf Engländern auf ihm ein, um nach Hilo, der Hauptstadt der grössten Insel Hawaii, zu fahren und von dort aus den berühmten Vulkan Kilauea zu besuchen. Fast gleichzeitig mit uns verliess der Schuner, der die vierzehn Leprosen nach Molokai bringen sollte, den Hafen von Honolulu. Wir kamen gerade noch recht, um Zeugen einer ergreifenden Abschiedsszene zu sein. Sechs Polizisten eskortirten die traurige Schaar, hinterdrein folgten jammernd und weinend die Angehörigen der armen Verbannten wie bei einem Leichenbegängniss. Sie schieden auf Nimmerwiedersehen.
Es war fünf Uhr Nachmittags, als wir uns an Bord des Kilauea begaben. Eine bunte Menge von Kanakas und Weissen, von Pferden und Wagen umstand die Abfahrtstelle. Ganz Honolulu schien wieder auf den Beinen zu sein, dem Dampfer das Geleit zu geben.
Man sagte, eine Prinzessin sollte mit uns nach Hilo gehen, und bald fand ich unter dem Gewimmel, welches das Schiff erfüllte, Ihre Königliche Hoheit heraus. Es war dieselbe kolossal fette alte Person, welche ich kurz vorher auf der Strasse in einem eleganten Buggi eigenhändig hatte vorbeikutschiren sehen, während ihre Begleiterin respektvoll einen Sonnenschirm über sie hielt. Jetzt sass sie unter dem Leinendach des Achterdecks, umgeben von ein paar vornehmen Hawaiierinnen, schwitzte und athmete mühsam unter der Last ihres Fettes und glich mit ihrer breiten gespaltenen Doppelnase und ihren strotzenden Fettwülsten am Halse einem abgehetzten Bullenbeisser. Stupid sah sie gerade vor sich hin und empfing apathisch die Huldigungen, die ihr zu Theil wurden, indem mehrere Männer, unter diesen auch der Kronprinz, ehrfurchtsvoll entblössten Hauptes sich zu ihr herandrängten, um ihr die Hand zu küssen. Auch drei oder vier Weisse die ich kannte sah ich auf solche demüthige Weise ihr huldigen, sah wie auch sie mit entblösstem Haupt auf die Hand des stupiden Fettscheusals sich niederbeugten. Ich musste mich abwenden, ich fühlte, dass sie sich vor mir schämten. Ruth Keelikolani wie die Prinzessin, eine Halbschwester der beiden letzten Kamehamehas, heisst ist nämlich sehr reich, und Mancher hofft aus ihrer Gunst Gewinn zu schlagen.
»Acht geben auf die Pferde« lautete das vorsorgliche Kommando des Kapitäns, und die Dampfpfeife brüllte zum Zeichen, dass alle Nichtpassagiere das Schiff zu verlassen hätten. Glücklicher Weise blieben nur Wenige von der grossen Menge an Bord und wir bekamen Luft. Der Dampfer trennte sich von dem Kai, heftiges Winken mit Taschentüchern von hüben und drüben, und wir bewegten uns vorwärts, ein schönes lebensvolles Bild von braunen Gesichtern, glänzenden Augen, grellen Gewändern und Blumenguirlanden am Ufer zurücklassend. Einem von unserer Gesellschaft entführte ein Windstoss seinen Strohhut ins Wasser, und sogleich war ein Kanuu darauf aus, packte den Deserteur und brachte ihn freundlich zurück, ohne dass eine Belohnung gereicht werden konnte. Welcher Jollenführer in Hamburg, New York oder London hätte dasselbe gethan?
Die Prinzessin hatte für sich eine breite Bettstelle mit einem Zeltdach darüber auf Deck stehen. Im weiteren Verlauf unserer Beobachtungen kam auch ein weisser Topf zum Vorschein, dessen mächtiges Kaliber uns anfänglich über seine Bestimmung in Zweifel liess, bis wir durch einen unzweideutigen Akt in Klarheit versetzt wurden. Es dauerte nicht lange, so fing sie an ihre Abendmahlzeit zu nehmen. In einer Kürbisschüssel wurde ihr Poi gereicht, den sie in der üblichen Weise mit Zeige- und Mittelfinger heraustunkte, und auf einem Porzellanteller etliche salzbestreute rohe Fische, die sie schnell mit den Händen packte und einen nach dem anderen gierig verschlang, indem sie wohlig schmatzte. Danach bekam die Dienerschaft, zwei ältliche Burschen und eine junge hübsche Kammerzofe, ein aus denselben Artikeln bestehendes Essen. In dieser Beziehung sind die Hawaiier noch immer die alten Barbaren und werden es bleiben, bis sie vom Erdboden verschwinden, trotz Konstitution und Parlament.
Auch der Gouverneur von Hawaii, Seine Excellenz Samuel Kipi, fuhr mit uns nach Hilo, und ich wurde ihm vorgestellt. Er ist ein äusserst würdig und anständig aussehender strammer alter Herr in untadelhafter europäischer Kleidung. Aber auch er ging nicht wie wir in die Kajüte zur Tafel, sondern blieb oben auf Deck bei der Prinzessin sitzen und schmatzte mit rohen Fischen und Poi herum. Ich habe überhaupt nie einen Hawaiier auf unsere Weise essen sehen. Sie sind hierin konservativer als die Maoris, ihre nahen Verwandten.
Die Nacht brach herein. Wir hatten unsere Betten auf Deck tragen lassen, um kühler zu schlafen. Die See wurde unruhig, ein heftiger Wind blies in das einzige Gaffelsegel und legte das Schiff stark auf die Seite, so dass wir beständig nach dem Geländer hinunterrutschten und nur wenig schlafen konnten. Ueberall regten sich die Qualen Neptuns unter den Passagieren. Rechts von mir stöhnte ein seekranker Chinese, links schnarchte die dicke Königliche Hoheit in ihrer Zeltbettstatt. Ich sah beinahe den ganzen Sternenhimmel sich umdrehen, ohne ein Auge zuzuthun.
Morgens um vier, als es eben dämmerte, ankerten wir vor Lahaina auf der Insel Maui, der ehemaligen Hauptstadt der ganzen Gruppe, einer schönen, gartenreichen Ortschaft mit einer weissgetünchten Kirche und mehreren grösseren Gebäuden, hellgrüne Zuckerfelder zu beiden Seiten und im Hintergrund, der zu den kahlen Bergen ansteigt. Einige Passagiere und Waaren wurden hier in Böten gelandet, dann gings wieder fort.
Vor uns trat die untere Hälfte des mächtigen 3000 Meter hohen Haleakala, des »Hauses der Sonne«, der den grössten erloschenen Krater der Erde von 27 englischen Meilen oder 43 Kilometer Umfang auf seinem Gipfel trägt, immer deutlicher in die Augen, die obere Hälfte mit dunklen Wolken verhüllt. Zur Rechten deckten die Inseln Kahoolawe und Molokini den Meereshorizont, wir waren ringsum von Land umgeben. Ueberall hohe kahle Berge, in deren Geröllböschungen winzig erscheinende Häuser eingestreut sind.
Wir fuhren jetzt unter dem Schutz der Inseln in ruhigem Wasser, und Alles an Bord wurde lebendig. Auch die dicke Königliche Hoheit war schon auf, hatte sich bereits eine Portion roher Fische und eine Schüssel Poi ins Bett reichen lassen, und guckte nun vergnügt mit dem Ausdruck eines gutgelaunten Bulldoggs durch den Spalt ihres Leinwandkäfigs ins Freie.
Als ich unten in der gemeinschaftlichen Kajüte Toilette machte, hatte ich Gelegenheit einer That zartester Galanterie beizuwohnen. Die hübsche Kammerzofe kam die Treppe herab um etwas zu holen. Es wurde an der Thür eben aufgewaschen und der Boden war voll Wasser. Sogleich sprang der Steward, ein Kanaka wie fast die ganze Mannschaft, herbei und setzte seinen Fuss in die Nässe, damit sie auf ihm trocken hinüberschreiten konnte. Allerdings geschah diese Aufmerksamkeit nicht ganz uneigennützig. Denn während sie sich Dank lächelnd des männlichen Fusses als Tritt bediente, umschlang sie der kühne Jüngling und drückte ihr einen lauten Kuss auf die Lippen, was sie sich sehr gerne gefallen liess.
Mit uns auf dem ersten Platz fuhr noch eine weisse Dame mit zwei kleinen Mädchen, die jedoch alle drei grösstentheils in ihren Kojen blieben, da sie seekrank waren, und etwa zwei Dutzend eingeborene Weiber, Männer und Kinder, die auf Deck herumlagen. Vorne auf dem zweiten Platz war es etwas voller. Der Hauptunterschied zwischen der Weiblichkeit erster und zweiter Klasse war, dass die einen des Morgens ihre Unterextremitäten ziemlich ungenirt mit weissen Strümpfen und zierlichen Stiefelchen schmückten, die anderen jedoch barfüssig blieben. Alle aber, selbst die ältesten reizlosesten Matronen, bekränzten sich beim Erwachen des Tages mit frischen Blumen- und Blätterguirlanden. Dann zogen sie enge Holzpfeifen aus dem Busen und liessen sie im Kreise herumgehen. Den Tabak hatten sie in alten blechenen Pulverflaschen bei sich und klopften ihn erst auf die Hand. Spangen von bunten Muscheln wurden um die Arme befestigt, Ringe mit falschen Edelsteinen glitzerten an den Fingern, einige indess hatten nur tätowirte Ringe. Golden stieg die Sonne hinter den Wolkenbänken des Haleakala empor und bestrahlte leuchtend unsere malerische Reisegesellschaft.
In der Makena-Bucht legte sich der Kilauea an eine Boje, um Bauholz zu landen. Da dies einige Zeit in Anspruch nahm, liessen wir uns ans felsige Ufer setzen. Mehrere grosse, breite und schwere Blockwagen mit je acht Paar langhörniger Ochsen bespannt warteten hier, um die Balken ins Innere abzuführen, eine Schaar Bummler lungerte herum, und ein Rudel schwarzäugiger Mädchen lachte mich kichernd aus, als ich zwischen der Brandung nach Schnecken und Krabben suchte.
Wir verliessen den Schutz der Insel Maui und kamen nun wieder, quer nach Hawaii hinübersteuernd, in offenes Wasser. Scharf blies der Nordostpassat durch die 30 Seemeilen breite Lücke über die weissen Kämme der Wellen hin, und wieder fing die Seekrankheit an zu wüthen. Bisher hatten die Kanakafamilien an langen Zuckerrohrstangen gekaut oder aus ihren kurzen dünnen Holzpfeifen Tabak geraucht. Jetzt griffen sie wieder der Reihe nach zu jenen fatalen Gefässen, die hier eine ebenso bedeutende Rolle spielen, wie zwischen Kuxhaven und Helgoland.
Immer deutlicher traten die kolossalen Massen des Haleakala hinter uns heraus. Seine graue Kappe löste sich vor den Strahlen der Sonne, und ein Kegelberg von den gewaltigsten Dimensionen erhob er sich aus dem Ozean. Riesige Schluchten zerklüfteten radienartig seine stetig und fast ohne Brechung ansteigenden Wände in ebensoviele gewaltige Pfeiler von 1000 Meter Höhe, die weit und mächtig in die brandende See vorsprangen. Nicht die Spur einer Vegetation war an ihnen zu entdecken. Die schroffen Flächen schienen vollkommen kahl zu sein. Unten durchbrachen hie und da kleinere sekundäre Vulkane den Boden. Wolkenschatten flogen gleich blauen Inselchen darüber hin.
Gegen Abend ankerten wir in der Kawaihae-Bucht an der Westseite der grossen Insel Hawaii. Von hier kehrten wir wieder zurück und fuhren um das Nordkap herum nach der östlichen Seite, auf deren Mitte ungefähr die Hauptstadt Hilo liegt. Kawaihae war früher ein sehr bevölkerter Platz und besteht jetzt nur mehr aus wenigen Häusern. Die Trümmer eines alten Heidentempels, welcher noch zu Anfang dieses Jahrhunderts zahlreiche Menschenopfer gesehen haben soll, erinnern an die einstige Grösse.