Reise durch den Stillen Ozean

Part 31

Chapter 313,439 wordsPublic domain

Die Sprachen beider haben trotz der 4000 Seemeilen Entfernung so viel Gemeinsames, dass ein Maori und ein Kanaka sich noch verständigen können. Auch dem Hawaiischen fehlen alle mit »S« zusammengesetzten Laute sowie das »F«. Während jedoch das Viti und das Maori höchst wohllautend sind und an das Italienische erinnern, klingt das Hawaiische rauh und barbarisch. Die sehr oft nur aus einem einzigen Vokal gebildeten Silben werden abgesetzt von einander ausgestossen, so dass ein gewisses Gacksen entsteht. Es giebt z. B. eine Ortschaft, welche Maalaea (fünf Silben) heisst. Die vielen Cha, Ka und harten L mit dem R-ähnlichen Vorschlag wie das Schweizer Doppel-L und die Eigenthümlichkeit fast aller Laute, im Gaumen und mit Betheiligung der Nasenhöhle zu klingen, geben der Sprache etwas Unbehülfliches. Ihr Gruss ist hochpoetisch und heisst »Aloha oë« -- ich liebe dich.

Ebenso wie bei den Maoris haben auch bei den Kanakas die allzu konsonantenreichen europäischen Namen sich viele Umänderungen gefallen lassen müssen. So ist z. B. aus Britain »Beretania« geworden. Unser Emperor William heisst in Hawaii »Emepela Uilama« und Bismarck »Bihimaka«. Ehe ihre Sprache von den Missionären in die starren Formen der Schriftzeichen eingezwängt wurde, musste natürlich die Möglichkeit der fortwährenden Umbildung eine sehr beträchtliche sein. Dass trotzdem zwischen dem Maori und dem Hawaii so grosse Uebereinstimmung herrscht, ist äusserst merkwürdig und lässt auf eine nur kurze Zeit der Trennung schliessen. Wie wenig auf manche ihrer Laute jene passten, die den Europäern geläufig sind, geht daraus hervor, dass verschiedene Berichterstatter ganz verschieden niederschrieben. Cook schrieb z. B. »Owyhee« statt Hawaii, »Honoruru« statt Honolulu, statt Kauai »Atooi«, statt Molokai »Morotoi«. Das bei so vielen Völkern vorkommende Verwechseln der beiden Buchstaben »L« und »R« gilt auch im Hawaii, und ebenso werden T und K miteinander verwechselt, weshalb man zuweilen auch »Tamehameha« liest. Ich selbst notirte einmal »Rumi rumi« in mein Taschenbuch und fand später dass es »Lome lome« gedruckt wird.

Ehemals ist auch bei ihnen das Nasendrücken (»Hony« jetzt gleichwie im Maori sowohl das erst von den Weissen importirte Küssen als auch Riechen bedeutend) in Geltung gewesen und soll hie und da noch von alten Personen geübt werden. Ebenso wenig fehlt ihnen der Begriff »Tabu« und der bei allen Polynesiern mit Ausnahme der Maoris eine gleich grosse Rolle spielende Gebrauch des Kawatrinkens, nur dass man hier statt »Kawa« »Awa« sagt.

Auch die Hawaiier sind Kannibalen gewesen, aber niemals in demselben Grade wie die Maoris oder gar die Viti-Insulaner. Sie brachten den Göttern Menschenopfer, und diese wurden dann von den Priestern und Vornehmen gefressen.

Auf ihrer gegenwärtigen Kulturstufe sind sie noch immer ein sonderbares Gemisch von alter Barbarei und neuer Zivilisation. Die Kleidung ist im Allgemeinen europäisch, nur dass die Weiber lange lose Talare ohne Taille tragen. In den Städten wie Honolulu auf Oahu, Hilo auf Hawaii, Lahaina und Wailuku auf Maui sind auch die Wohnungen grösstentheils europäisch, in den Dörfern und den einsamen Gehöften jedoch noch nach altem Stil, einfache, ruppige Strohhütten. In der Nahrung hat sich seit Cooks Besuchen nichts Wesentliches geändert. Poi, ein säuerlicher Brei aus Taromehl, ist der Hauptartikel, rohe Fische und Hundefleisch sind noch immer Lieblingsgerichte. Die Mahlzeiten werden auf dem Boden eingenommen, und haben die reicheren, vornehmen Kanakas auch die schönsten Tische und Stühle, sie ziehen es vor, sich daneben auf eine Matte niederzulassen.

Die Hawaiier sind jene Polynesier, welche am raschesten aussterben. In den letzten zwanzig Jahren ist die einheimische Bevölkerung von 80000 auf 50000 Köpfe herabgesunken. Der Hauptgrund liegt wohl in der Unsittlichkeit der Weiber und in ihrer Leidenschaft für das Reiten, der sie sich ohne Schonung und Rücksicht, rittlings wie die Männer im Sattel sitzend, hingeben. Die meisten Frauenzimmer reiten sehr geschickt und muthig. Ich sah aber zuweilen auch Reiterinnen mit angsterfüllten Mienen und krampfhaft den Sattelknopf umklammernd dahingaloppiren.

Die Erotik spielt eine grosse Rolle bei den schönen Kanakinnen, und in Honolulu hat sich dieselbe zu einer ziemlich schamlosen Prostitution entfaltet. Dort sind die Missionäre in dieser Beziehung machtlos. Anderwärts aber halten sie ein scharfes Auge auf ihre der Sünde nur zu sehr geneigten weiblichen Lämmer. Während unserer Anwesenheit in Hilo gingen sie in ihrem Misstrauen und in ihrer Vorsicht so weit, uns während der Nacht einen Polizeimann vors Hotel zu postiren.

Man hat im Hawaiischen Königreich reichlich Gelegenheit, Mischlinge aller Grade und Kombinationen aus den drei hauptsächlich vertretenen Rassen, Kanakas, Chinesen und Weissen, zu studiren. Wir Menschen sind bisher in so viele einzelne Stämme isolirt gewesen, dass man bereits an der Einheit unseres Geschlechtes zu zweifeln begann. Jetzt leben wir in einer Uebergangsperiode aus dem Prozess der Differenzirung in jenen des Wiederzusammenfliessens. Die Kommunikationen dehnen sich immer weiter aus. Ueberall wo der Europäer hinkommt, schüttelt er die Stämme durcheinander, kreuzt sich mit dunklem Blut oder unterdrückt es, und vielleicht in einigen tausend Jahren wird es nur mehr Eine Rasse geben.

Honolulu ist eine gartenreiche und deshalb sehr ausgedehnte Stadt mit einer Bevölkerung von 14000, worunter etwa 1000 Weisse. Die Strassen sind breit und durchschneiden sich nach amerikanischem Muster schachbrettartig, links und rechts begrenzt von Mauern und Zäunen, hinter welchen schlanke Palmen sich wiegen und dichtbelaubte Mangobäume die leicht gebauten luftigen Häuser der weissen und braunen Bewohner verbergen. Die Flora, die sich in den Gärten entfaltet, ist kosmopolitisch. Von allen möglichen Tropenländern haben sich hier Vertreter zusammengefunden. Wohin der Europäer kommt, übt er seinen die Pflanzengeographie nivellirenden Einfluss. Neben der einheimischen Kokospalme steht die königliche Palme aus Westindien, die Dattelpalme aus Afrika. Ostindische Papayas und Mangobäume, chinesische Bambusdickichte und brasilianische Araukarien, Bananas jeglicher Abkunft und hundert andere Pflanzen, von denen man nicht mehr weiss, woher sie stammen, haben sich eingebürgert.

Die Strassen sind staubig, aber die Gärten glänzen stets im frischesten Grün, Dank der reichlichen Wasserversorgung. Ein munterer Gebirgsbach kommt hinter der Stadt in Kaskaden von den wolkenverschleierten, schroffen Höhen herab und vertheilt sich in tausend Aeste und Aestchen, deren Enden aus Kautschuckröhren und transportablen, beständig im Kreise sich drehenden Spritzfontänen überall den Rasen und die Gebüsche bethauen. Hinter den Zäunen sind zuweilen kleine oben offene Verschläge, und häufig stehen in diesen an schwülen Nachmittagen braune Hawaiier und Hawaiierinnen im Kostüm unserer Stammeltern, einen Wasser spendenden Schlauch in der Hand und den Körper berieselnd. Der Zaun deckt ihre Blössen, während sie vergnügt auf die Strasse sehen und mit den Vorübergehenden plaudern.

Unter den öffentlichen Gebäuden ragt das freistehende Regierungsgebäude dominirend hervor. Es ist in Renaissance aus Stein gebaut und trägt in der Mitte einen massiven Thurm, der eine lohnende Aussicht gewährt.

Ein weiter luftiger Saal im Erdgeschoss dient dem Parlament zu seinen Sitzungen. An den einfach weiss getünchten Wänden hängen die Bildnisse der fünf Kamehamehas, des Lunalilo und des Kalakaua, theils in Oel gemalt, theils in lebensgrossen Photographien. Der erste Kamehameha, Hawaiis Napoleon, ist noch mit seinem altheidnischen rothen Federmantel geschmückt, die anderen vier tragen ebensoviele Entwickelungsstufen europäischer Generalsuniformen zur Schau, die zwei letzteren sind im modernen Zivilfrack mit breitem Ordensband und strahlendem Ordensstern erschienen.

Hier spielen sich zuweilen gar schnurrige Debatten ab. Unter den vier Ministern des Kabinets sind drei Weisse, die Präsidentschaft ist weiss, und das Haus selbst besteht zu einem Drittel aus Weissen. Es wird sowohl englisch als hawaiisch debattirt. Eine hawaiische Interpellation findet oft eine englische Antwort, oft sprechen zwei Redner zu gleicher Zeit, der eine englisch, der andere hawaiisch, der Hawaiier wüthend, der Engländer kühl und spöttisch. Und ehe des Morgens die Komödie beginnt, wird gebetet. Es machte mir bei wiederholten Besuchen den Eindruck, als ob die Weissen nicht viel Notiz von den Reden der Kanakas nähmen. Sie sind eben Kinder. Man lässt sie schreien und thut schliesslich doch was man will. Erst kürzlich war ein Gesetz durchgegangen, welches den im Hawaiischen Königreich ansässigen Heilkünstlern sehr verderblich werden konnte, nämlich dass jedem Arzt die Lizenz entzogen werden sollte, der einem Ruf zu einem Kranken nicht sofort Folge leistete. Die Zeitungen brachten viel Schmähartikel über dieses Gesetz und drückten dabei ganz unverblümt ihre vollste Verachtung der braunen Gesetzgeber aus.

In den übrigen Räumen des Regierungsgebäudes befinden sich die Kanzleien der verschiedenen höheren Staatsbeamten, eine Staatsbibliothek und ein Staatsmuseum. An den Thüren liest man bis auf einen nur englische Namen, die dazu gehörigen Titel sind zugleich englisch und hawaiisch daruntergeschrieben, so z. B. »His Excellency W. L. Green, Minister of Foreign Affairs, Kuhina no ko na aina e«.

Die für einen so abgelegenen Punkt der Erde überraschend reiche Bibliothek enthält ausser juridischen und theologischen eine ansehnliche Zahl naturwissenschaftlicher und geographischer Werke und wurde mir auf meinen nur leise angedeuteten Wunsch mit der grössten Liberalität zur Verfügung gestellt, was nächst der überhaupt hier herrschenden Zuvorkommenheit gegen Fremde wohl auch dem Umstande zu verdanken war, dass dieselbe sehr wenig benützt wird. Ich war stets der einzige gänzlich ungestörte Leser und unbeschränkte Alleinherrscher. Kein griesgrämiger Bibliothekar trübte den Genuss der Bücher. Das Museum enthält hauptsächlich ethnographisch sehr werthvolle hawaiische Alterthümer. Die Hälfte davon war eben zur Ausstellung nach Philadelphia gesandt worden und nicht zu sehen. In der Sammlung befindet sich auch ein Palmstumpf, vor welchem in der Kealakeakua-Bai der grosse Cook getödtet worden sein soll, was mir erst später in San Francisco besonders interessant wurde, da dort in einem Museum ein anderer Palmstumpf ausgestellt ist, von dem man dasselbe behauptet.

Dem Regierungsgebäude gegenüber liegt die Residenz des Königs, ein ganzer Block, rings von einer steinernen Mauer mit vier Thoren, an jeder der begrenzenden Strassen eins, umgeben. Nur ein hoher Flaggenmast ist über der Mauer und den Bäumen dahinter sichtbar. Ist die Flagge aufgezogen, so gilt dies als Zeichen, dass der König zu Hause und umgekehrt, gerade wie bei uns. Ein eigentlicher Königspalast existirt gegenwärtig nicht. Man trägt sich schon lange mit dem Gedanken einen zu bauen, aber die Hauptsache, das Geld hierzu, fehlt noch. Einstweilen muss sich das Werk der Zukunft damit begnügen, seinen Schatten in dem Strassennamen »Palace Walk« vorauszuwerfen.

Die Militärmacht Honolulus ist eine sehr bescheidene und besteht nur aus einer Bande Musikanten und zwei Dutzend Palastgardisten. Erstere tragen dunkelblaue Waffenröcke, letztere hellblaue Husarenjacken mit weissen Schnüren, beide weisse Hosen und weisse Käpis. Diese zwei Sorten von Soldaten bummeln den ganzen Tag auf den Strassen herum, so dass man sie überall sieht und auf eine viel grössere Zahl schliessen möchte. Der Kapellmeister ist natürlich ein Deutscher. Seine Bande, lauter junge Kanakas, macht ihm alle Ehre und spielt jeden Samstag auf Queen Emmas Square, einem freien Platz mit Gartenanlagen, auf welchem dann die ganze schöne und vornehme Welt der Residenzstadt promeniren geht. Kurz ehe ich abreiste, streikten die Musikanten, aus welcher Veranlassung und auf wie lange, blieb mir unbekannt.

Der vorige König soll kriegerischer gewesen sein als der jetzige und die allgemeine Wehrpflicht nicht blos eingeführt, sondern sogar bis zur Abhaltung von Manövers getrieben haben, welche einem ansehnlichen Theil des Heeres von Honolulu das Leben kosteten. Die Kavallerie attakirte bei einer derartigen Gelegenheit die Infanterie so naturgetreu wüthend, dass diese genöthigt war, ihr Heil in der Flucht zu suchen. Aber kaum hatte sich die wackere Infanterie von dem ersten Schrecken erholt, als sie beschloss die erlittene Schmach zu rächen. Die siegreiche Kavallerie zog sich stolz von dem Wahlplatz zurück um nach Honolulu hinein zu triumphiren. Da griff von hinten plötzlich die Infanterie mit dem Bajonnette an und vernichtete sie völlig. Vierzig Pferde und zwanzig Reiter wurden todtgestochen, die übrigen entkamen mit Wunden bedeckt. Seitdem werden keine Manövers mehr abgehalten.

Was nun die Artillerie betrifft, so ist sie durch einen Ritt auf die Punschbowle leicht in Augenschein genommen. So heisst nämlich der kahlgebrannte Berg hinter der Stadt, und ist man oben und blickt hinab in die nun mit Gras ausgepolsterte halbkugelige Höhlung des Kraters, so muss man den Namen gerechtfertigt finden. Ganz Honolulu liegt zu Füssen ausgebreitet. Man überschaut den Hafen und erkennt an der hellen Färbung des Wassers die Lage der Riffe, die nur einen schmalen Kanal frei lassen. Sechs alte Schiffskanonen stehen hier oben zum Salutiren vor einem Flaggenmast. Sie sehen so rostig und morsch aus, dass ich keine abfeuern möchte. An grosse Lavablöcke hingebaut steht daneben das Häuschen des Wächters. Seine Frau war beschäftigt Strohhüte zu flechten, als ich hinaufkam, und ich wartete, bis sie für mich einen fertig hatte.

Die zweite Stelle unter den öffentlichen Gebäuden nimmt das Hawaiian Hotel ein, welches dem König gehört und an Mister Herbert, einen Amerikaner deutscher Abkunft, verpachtet ist. Es liegt umgeben von den Strassen Hotel-, Beretania-, Kahomanu- und Alakea Street und genügt für den billigen Preis von drei Dollars täglich allen Forderungen, die der Amerikaner, in Bezug auf Hotels viel anspruchsvoller als der Europäer, zu stellen pflegt. Alles ist musterhaft amerikanisch bis auf die Bedienung, die aus mürrischen Chinesen besteht.

Man würde in den ausgezeichneten Betten unter den lang herabwallenden Moskitonetzen, über welche manchmal eine grosse haarige Spinne wandelt, vortrefflich schlafen, wenn nicht die eigenthümliche Gewohnheit der Hähne von Honolulu, die ganze Nacht hindurch zu krähen, sehr störend wirkte. Von nah und fern dringt das ewige Kikeriki in helleren und tieferen Stimmen durch die Stille der Nacht und lässt auf Legionen dieser Ruhestörer schliessen.

In Honolulu giebt es sieben Kirchen, alle von amerikanischer Stillosigkeit, und zehn Freimaurerlogen. Die meisten Hawaier sind kongregationalistisch christianisirt. Nach diesen kommen an Zahl die Katholiken, dann die Episkopalen. Neben der Kavaiahaokirche ist das Mausoleum des letztverstorbenen Königs. »Lunalilo ka Moi † 1874« (L. der König) ist die einfache Aufschrift des kapellenartigen gothischen Baues, um welchen innerhalb eines eisernen Gitters sechs vergilbte Kahilis, grosse Sträusse aus Federn und Blumen auf Stangen, in der Erde stecken.

Nur in den drei oder vier Geschäftsstrassen drängen sich die Häuser, grösstentheils aus Holz und einstöckig, ohne Gärten eng aneinander. In Fort Street sind die Läden der Weissen, in Nuuanu Avenue jene der Chinesen.

Denn auch hierher haben die Söhne des Reiches der Mitte ihren Weg gefunden, und keine der grösseren Ortschaften auf den Hawaiischen Inseln ist ohne Mongolen. Sie sind hier hauptsächlich Schuhmacher, Kleinkrämer und Gastwirthe schmutziger Speiselokale. Die Wäscherei, die in Kalifornien ihr Monopol ist, haben sie den Eingeborenen noch nicht zu entreissen vermocht. Ihre offenen Buden sehen sich alle so ähnlich, dass man nur schwierig und selten die richtige wieder findet, wenn man vielleicht von einem der schlitzäugigen Spitzbuben betrogen worden ist. Den ganzen Tag wird emsig gearbeitet. Hier sitzt ein alter verrunzelter Schuster mit einer unförmlichen rundglasigen Brille auf der Nase, und näht im Verein mit einigen jüngeren Gesellen leichte, dünnsohlige, weisse Zeugstiefel zusammen, dort schwirren amerikanische Nähmaschinen, an denen bezopfte Schneider chinesische Gewänder verfertigen. Hier sind Zigarren, Tabak und alle möglichen Gegenstände des häuslichen Bedarfs zu haben, dort eine Menge fremdartiger Büchschen und Schächtelchen mit chinesischen Konserven aufgestapelt. Früchteverkäufer preisen Melonen und Mangos an, und in den kleinen Wirthschaftsspelunken stehen Reihen winziger Schüsselchen mit eigenthümlichen Gerichten, die an geschmorte Regenwürmer erinnern, lockend hinter dem Fenster. Man sieht die Chinesen fast niemals müssig. Selten begegnet man wohl auch einem bezopften Reiter hoch zu Ross oder deren mehreren in Gesellschaft zu Wagen, aber auch dann wohl nur in Geschäften reisend. Es giebt nur wenige Chinesinnen in Honolulu. Die meisten Chinesen sind mit Hawaierinnen verheirathet. Die Regierung sträubt sich zwar gegen die Einwanderung der asiatischen Pest. Aber die durch einen erst jüngst abgeschlossenen Vertrag für freie Einfuhr des Zuckers nach den Vereinigten Staaten wieder aufblühenden Zuckerplantagen brauchen Arbeiter, und die Chinesen sind die billigsten. Ueber kurz oder lang werden die Fluthen dieser hässlichen Rasse mit ihren scheusslichen Lastern, die dem Europäer gegenüber keine Ehrenhaftigkeit kennt und Alles erlaubt hält, zusammenschlagen über der einheimischen schönen und edlen Rasse, welche rapide ausstirbt.

Unter den Weissen herrscht der amerikanische Typus vor. Auch die meisten Waaren tragen das amerikanische Gepräge, sie sind grösstentheils von Kalifornien her eingeführt. In einigen Auslagen glaubte ich auch manchen Schund meines theuren Vaterlandes zu erblicken und als alten Bekannten begrüssen zu dürfen. Keine soliden englischen Fabrikate mehr wie überall in Australien, andere Kleidungsstoffe, anderes Sattel- und Zaumzeug, andere Zündhölzchen, andere Messer. Man ist in Bezug auf Kultur bereits in den Vereinigten Staaten. Man trägt hier ebenso feine, weissglänzende Wäsche und denselben Schnitt des Rockes wie bei den Yankees. Cocktail und Sherry Cobbler und wie sie alle heissen, die amerikanischen »Fancy Drinks«, spielen hier eine ebenso bedeutende Rolle, wie in San Francisco oder in New York.

Ueberall giebt sich der amerikanische Einfluss kund, und das Annektirtwerden durch die Vereinigten Staaten ist für Hawaii wohl nur eine Frage der Zeit. Das offizielle Münzsystem ist das amerikanische. Ein Versuch, hawaiisches Geld mit den Köpfen hawaiischer Könige darauf prägen zu lassen, wurde bald wieder aufgegeben. Merkwürdiger Weise kursiren hauptsächlich französische Fünffrancsstücke als Dollars.

Ganz besonders erfreulich tritt das Deutschthum in den Vordergrund. Es war mir eine äusserst angenehme Ueberraschung, ebenso viel Deutsch als Englisch sprechen zu hören. Wenn ich so durch die Strassen ging, drangen fast aus jedem der offenstehenden Läden, Barbierstuben und Kneipen die Laute der Muttersprache an mein Ohr. Wir sind dort so gut repräsentirt, als wir nur wünschen können, was nicht allenthalben in überseeischen Hafenplätzen der Fall ist. Unter unseren Landsleuten in Honolulu sind die angesehensten und reichsten Kaufleute, und ein reges geistiges Streben, das man in solcher Ferne und Abgelegenheit kaum erwarten möchte, blüht bei ihnen. Ich fand zum ersten mal seit längerer Zeit nicht nur die meisten unserer besseren Zeitschriften, sondern auch eine Menge deutscher Bücher wieder. Ein unschätzbares Vergnügen gewährten mir dort im fernen Pacific Heinrich Noés Alpenbilder.

Es giebt eine mikroskopische Gesellschaft in Honolulu, und bei Herrn Riemschneider, einem jungen Hannoveraner, habe ich manchen genussreichen Abend mit dem Betrachten seiner mikroskopischen Präparate zugebracht. Die Aufnahme, die mir von unserem Konsul und allen Deutschen zu Theil wurde, war die liebenswürdigste, an die ich stets dankbarst zurückdenken werde.

Das Klima von Honolulu ist paradiesisch wie überall auf den glücklichen Inseln des Stillen Ozeans. Die Hitze ist nicht allzu gross und wird häufig gemildert durch erfrischende Regenschauer. Ich habe niemals, obgleich ich im höchsten Sommer dort war, mehr als 35 Zentigrade erlebt, eine Temperatur, die nicht selten auch bei uns vorkommt. Fast ununterbrochen weht der Passat kühlend über den Felsgrat Oahus herüber und durch das Nuuanuthal herab, und als er einmal zwei Tage aussetzte, und die Eisfabrik wegen einer Reparatur ihre täglichen Lieferungen einstellte, klagte Alles über den unerträglichen Zustand. Denn auch hier in dieser herrlichen Natur sind die Menschen unzufrieden und sehnen sich anderswohin. Der ganze Reiz des Lebens liegt eben im Wechsel.

Trotz der beschränkten Geldmittel des Staates scheint es mit dem Sanitätswesen nicht schlimmer zu stehen als anderwärts. Akute Infektionskrankheiten kommen kaum eben so häufig vor wie bei uns in Europa. Die Quarantäne wird strenge gehandhabt. Eine auffallende Menge von Aerzten, lauter Weisse, ist allenthalben zerstreut. Freilich befinden sich auch genug amerikanische »Dakters« darunter.

Das königliche Hospital von Honolulu ist zwar klein, aber musterhaft reinlich gehalten. Es liegt am Fusse des Punschbowlenhügels mitten in einem schönen weiten Garten, in dem Palmen aus allen Gegenden der Erde nebeneinander stehen, und enthält in zwei Stockwerken etwa hundert saubere Betten, jedes mit einem sauberen Moskitonetz überspannt. Die Syphilis stellt ein bedeutendes Kontingent an Kranken, wie in allen Hafenstädten.

Eine weit schrecklichere Plage Hawaiis ist der asiatische Aussatz, die Lepra, welche absolut unheilbar ist. Man behauptet, sie sei von den Chinesen eingeschleppt worden. Sie war im Anfang nur in einzelnen Fällen aufgetreten, bis sie gelegentlich der ersten Blatternepidemie, die ein Walfischfänger brachte, plötzlich die grösste Verbreitung erfuhr. Nicht blos die Aerzte, sondern auch Missionäre und Beamte stürzten sich sofort auf die Eingeborenen, um Alles Hals über Kopf zu impfen ohne die nöthigste Vorsicht zu wahren, und so kam es, dass die Lanzette das Gift der Leprosen auf eine Menge Anderer übertrug. Die Leprosen werden polizeilich gesammelt und in ein abgeschlossenes und unzugängliches Thal der Insel Molokai verbannt, was zwar grausam aber sehr weise ist.

Eben war wieder ein Transport von vierzehn solcher Unglücklichen beisammen und sollte nächstens mit einem eigenen Schuner nach Molokai geschickt werden. Der Regierungsarzt Dr. Mac Kibbin, ein Engländer, hatte die Güte mich zu ihrer Besichtigung mitzunehmen. Sie waren in einem Garten neben dem Polizeigebäude auf einer offenen nur durch Matten abzuschliessenden Veranda untergebracht und schienen die Härte ihres Looses mit stoischer Ruhe zu ertragen. Nur ein einziger Fall der Leontiasisform sah abschreckend aus.

Auf Molokai sollen sich gegenwärtig etwa 800 Leprosen, darunter auch vier Weisse, ein Deutscher und drei Engländer, befinden. Aerztliche Behandlung geniessen sie dort nicht, und auch über ihre Verpflegung wird viel geklagt. Aus obiger Zahl lässt sich schliessen, dass vielleicht zwei Prozent der Gesammtbevölkerung von Hawaii mit Lepra behaftet sind.

Eine besonders hervorragende Merkwürdigkeit Honolulus ist der Fischmarkt. Namentlich an Samstagen herrscht dort ein charakteristisches reges Leben. Aus der ganzen Umgegend strömen dann die Eingeborenen zusammen um Käufe und Verkäufe zu machen, Freunde zu treffen, kurz eine Art Wochenbörse abzuhalten. Reiter und Reiterinnen gallopiren von allen Seiten herbei. Pferde und Wagen und Maulesel und Menschen füllen in bunter Unordnung die nächsten Strassen. Glühend sticht die Sonne herab, und eine grellgeputzte, blumengeschmückte, lärmende, heftig gestikulirende Menge brauner Gesichter drängt sich glänzend von Schweiss durcheinander.