Reise durch den Stillen Ozean

Part 30

Chapter 303,465 wordsPublic domain

Wir hatten Viti unter Regen und drückender Treibhausschwüle verlassen, dann waren einige schöne, lachende Passattage gekommen, und jetzt unter der Linie litten wir abermals an unerträglicher Hitze und Dunstigkeit. Bleifarbene Wolken bedeckten den Himmel, und bleifarben wogte schwerfällig die See. Das Schiff hörte niemals zu rollen auf, und öffnete man im Salon ein Fenster, flugs leckte gurgelnd eine Welle herein, begoss die Nächstsitzenden und nöthigte die Ladies zu einem Schrei des Entsetzens. Nie ist mir das Reisen saurer geworden als damals.

Nicht einmal die Wohlthat eines erquickenden Bades konnte man auf dieser City of New York geniessen. Die Badezimmer empfingen von dem hinter ihnen durchgehenden Maschinenraum so viel Hitze, dass sie unübertreffliche Schwitzkästen waren. Die einzige Möglichkeit sich abzukühlen bestand darin, dass man vorn an der äussersten Spitze des Deckes den Wind, welchen die Fahrt des Schiffes selbst erregte, an sich heraufströmen liess.

Dort fehlte es auch sonst nicht an allerlei Unterhaltung. Jede Minute scheuchten wir fliegende Fische auf, die rechts und links aus dem Wasser emporschwirrten und über die nächsten Wellen undulirend dahinflogen, stets in der Haltung eines Vogels, der sich niedersetzen will und um den Flug zu hemmen die Flügel nach vorne stemmt. Oder es kamen lange Züge von Tümmlern herangewälzt, begleiteten ein paar Stunden das Schiff und setzten dann wieder ihre ursprüngliche Richtung weiter.

Ich that einen glücklichen Griff, indem ich mir statt einer der überfüllten aber nobleren Kabinen unten im Salon die vorderste oben gleich neben der Küche und den Vieh- und Hühnerställen geben liess, und zwar rechts auf der Windseite. Es waren sechs Kojen darin, ich bekam aber nur einen einzigen Genossen, einen jungen Kaufmann aus Levuka, der die unschätzbaren Vorzüge hatte, des Morgens die Kabine sofort für den ganzen Tag zu verlassen, nicht seekrank zu sein und nicht einmal zu schnarchen. An Ventilation war hier kein Mangel. Der frische Passat strömte direkt zur Thüre und zu den Fenstern herein, so heftig, dass Handtücher und Vorhänge wild zu flattern begannen, wenn man sie öffnete. Und während die Passagiere der Leeseite und der unteren Kabinen rathlos schwitzten oder auch die Nächte auf Deck zubrachten, hatten wir stets den schönsten kühlenden Luftzug, wenn wir im Bett lagen. Ich hatte diesen Raum gewählt, um ungestört arbeiten zu können. Aber die besten Vorsätze mussten an den Schwierigkeiten der Umstände scheitern. Der Waschtisch mit den zwei hohlen Waschbecken war ein sehr unbequemes Schreibpult, und das mühselig angefertigte Manuskript fiel häufig ins Waschwasser oder flog nach allen Richtungen auseinander, sowie die Thüre aufging.

Als die äquatorialen Stillen kamen, machte sich allerdings die Nähe des lebenden Proviants und anderer Dinge empfindlich bemerkbar. Von links stanken die Ochsen und Schafe, von der Front das Geflügel, von rechts die Küche und von allen Seiten die Chinesen, die Zwischendecker und die Maschine. Die Chinesen hatten hier nicht ihr eigenes Logis, sondern schliefen vorne neben den Ankerketten in Hängematten oder auf dem Boden. Den ganzen Tag lagen dort ihre nackten, ausgemergelten, leichenartigen Körper herum. Ein mitleiderregendes Schauspiel boten die nicht oft genug gereinigten Käfige der Hühner, Enten, Gänse und Puter, die am stärksten von der Hitze litten, und es war kläglich anzusehen, wie sie eng zusammen gesperrt nach den Gittern drängten um Luft zu schnappen.

Deutsche Landsleute fehlen bekanntlich nirgends auf der Erde. Ich fand mich bald mit einem solchen, welcher zugleich Kollege war, zusammen. Er hatte auf den Philippinen als Augenarzt praktizirt und ging nun nach Peru, wo er in Goldminen interessirt war. Wir beide und zwei Franzosen, die von Neukaledonien kamen, bildeten eine intimere Tischgesellschaft zum Kampf ums Dasein gegen die Nachbarn. Auch im Waitemata Hotel zu Auckland hatte ich vorzugsweise mit zwei Franzosen verkehrt. Trotz der politischen, künstlich gemachten Gegensätze werden eben Deutsche und Franzosen sich von einander stets in höherem Grade angezogen fühlen als von den wenig liebenswürdigen Engländern, der steifsten exklusivsten Rasse der Erde. Dreht einem nicht schon jeder kleine englische Balg, den man ob seiner Wohlgestalt freundlich betrachtet, kaum dass er krabbeln kann, hochmüthig und naserümpfend den winzigen Hintern zu, als ob er sagen wollte: »Du bist mir nicht vorgestellt«. Die beiden Franzosen waren recht liebenswürdige Leute, aber entsetzlich ungelehrt und voller naiver Fragen. Wenn sie wissbegierig wurden, wurden sie unangenehm. Denn sie wussten von Gottes grosser Welt schauderhaft wenig. Warum das Englische anders ausgesprochen werde, als das Französische, warum es hier wärmer sei als in Paris, warum man das Seewasser nicht trinken könne, solche und andere Dinge mehr gaben sie uns zu beantworten. Sie verstanden fast kein Wort Englisch, hatten auch wohl nicht übermässig viel Geld auszugeben und wollten allein durch Amerika reisen. Wie es ihnen dort wohl ergangen sein mag.

Fünf junge Engländer, die ich später noch näher kennen lernen sollte, da sie gleichfalls einen Monat auf Hawaii zuzubringen und den Krater Kilauea zu besuchen gedachten, liessen sich aus Langweile von dem Bootsmann britische Flaggen auf die Vorderarme tätowiren und bekamen in Folge dessen eine starke Entzündung der betreffenden Hautpartien. Noch lange eiterten und schmerzten die wehenden Banner, und ich selbst hatte in der Folge, als ich ihr Reisegefährte nach dem Kilauea wurde, darunter zu leiden, indem sie gepeinigt auf den Bootsmann der City of New York schimpften und übler Laune waren. Man ergreift eben auf See jede noch so geringfügige Gelegenheit sich zu beschäftigen. Ich verlegte mich darauf, meinen Körper mehrmals täglich Gewichtsbestimmungen auf der Brückenwage im Gepäckraum zu unterziehen, und hatte die Freude zu konstatiren, dass mein Gewicht trotz des fürchterlichen Schwitzens und trotz der mageren Salonkost auf der zwölftägigen Reise um zwei Pfund zunahm. Mein Aufenthalt in Kandavu mochte mich allerdings um viel mehr leichter gemacht haben.

Auch eine wandernde Konzertgesellschaft aus Kalifornien hatten wir an Bord, welche öfter als mir lieb war oben in der Social Hall eine Produktion zum besten gab. Es wurde Piano gespielt und gesungen, trompetirt und gegeigt. Wir anderen aber sassen herum und schwitzten.

Zuweilen war es interessant und unterhaltend, das Benehmen von Personen zu beobachten, die an jenem leichtesten Grad von Seekrankheit, der sich in einem gewissen Stumpfsinn äussert, litten. Da liegt zum Beispiel Einer den ganzen Tag regungslos in seinem Streckstuhl. Nur von Zeit zu Zeit erwacht auf einmal der Thätigkeitstrieb in ihm, er springt auf, aber gleich wirft er sich wieder in seinen früheren Zustand, sobald er merkt, dass das Schiff noch immer schaukelt. Ein Anderer wandert beständig mit einem Buch unterm Arm herum, von seiner Kabine auf Deck, von Deck nach dem Salon hinunter, nach der Social Hall, nach dem Rauchzimmer, nach der Seitengallerie, nach vorne und nach hinten, setzt sich hierhin und setzt sich dorthin, ohne zur Ruhe und zum Lesen zu gelangen. Man fragt sich dutzendmal, ob Vormittag oder Nachmittag sei und was jetzt nächstens für eine Mahlzeit käme, und hat es nach einer Viertelstunde wieder vergessen.

Die Langweile wäre unerträglich geworden, wenn wir nicht zwei Reverends mit unter den Passagieren gehabt hätten, die sich beständig zankten.

Gleich der erste Tag der Reise, jener durch die profane Institution des Datumwechsels in zwei gespaltene, Vielen unbegreifliche Sonntag, gab Veranlassung zu einem sehr amüsanten frommen Disput zwischen den beiden Gesalbten des Herrn. Der eine behauptete, der erste Sonntag sei der richtige und durch Gottesdienst zu feiern, der andere behauptete dies von dem zweiten, und schliesslich einigten sie sich dahin, dass jeder an dem von ihm verfochtenen Sabath predigte und vorbetete.

Reverend Mister Shark, wie der Verfechter des zweiten Sabaths hiess, ein schlauer, magerer Yankee, entpuppte sich übrigens im weiteren Verlauf der Reise als räudiges Schaf der episkopalen Kirche, dem es nur darum zu thun gewesen war, seinen alten englischen Kollegen, welcher die Würde eines Deacon besass, zu ärgern. Reverend Mister Shark hatte sich schon lange von der Frömmigkeit ab und einem lukrativeren Berufe zugewendet. Er war Wanderprofessor geworden und zog von Land zu Land, um Vorlesungen über drei oder vier historische Gegenstände zu halten, zu welchen er grosse farbige Illustrationen besass. Damit machte der smarte Yankee eine Menge Geld und stand sich sehr wohl dabei ohne viel Mühe zu haben, nachdem die vier Vorlesungen einmal gründlich eingepauckt waren. Um sonstige Wissenschaften schien er sich nicht sonderlich zu kümmern. Er frug mich einmal sehr verwundert, wie es möglich sei, dass wir den senkrechten Stand der Sonne später passirten als den Aequator.

Der Andere aber war ein Bonze vom reinsten Wasser und zugleich ein höchst komischer Kauz, eine Figur, wie sie nur das raffinirte Muckerthum englischer Rasse hervorzubringen vermag. Ewig schwebte ein gottbeseligtes, wehmüthiges Lächeln auf den dicksinnlichen Lippen des kurzen und fetten, glattrasirten und glattgescheitelten Männchens. Wenn ihn ein gesundes Lachen anwandelte, wozu er viel natürliche Neigung hatte, kämpfte sein angenommener Ernst, der solch weltliche Heiterkeit verbot, gewaltsam dagegen, und eine unübertrefflich süsssaure Grimasse kam zum Vorschein. Aus lauter christlicher Demuth hielt er den Kopf stets auf die eine Seite geneigt, und unermüdlich war er darauf bedacht, durch Miene und Benehmen die natürliche Einfalt seiner Gesichtszüge noch zu vermehren.

Er hatte eine lange und kräftige und robuste, eckige und majestätische Ehehälfte bei sich, die ihn kommandirte. Sie war der Typus einer bösen Sieben und übertraf ihn weit an Schulterbreite und Höhe. Ohne sie war er ein hilfloser Greis, nicht etwa an Jahren, sondern aus lauter christlicher Demuth. Sie schleppte ihn täglich mit langen Schritten, so dass er kaum folgen konnte, über Deck auf und ab, sie drückte ihn in seinen amerikanischen Streckstuhl, wenn sie dessen müde war, riss ihn wieder empor und führte ihn zu Tisch, wenn das Gong erschallte. Er gehorchte mechanisch und lautlos. Wo sie ihn hinwarf, da blieb er sitzen. Um sich die Reisemütze aufs Haupt zu stülpen brauchte er immer beide Hände, während die junonische Gattin ihn festhielt und vielleicht noch mit einem derben Schlag auf den Deckel nachhalf.

Nur beim Essen entwickelte er eine grössere Selbständigkeit und Gewandtheit. Juno durchbohrte die Stewards mit giftigen widerstandslosen Augen und herrschte sie an, falls sie ihren Gemahl vernachlässigten. Er aber ass und ass und lächelte wehmüthig dabei über seine menschliche Schwäche und faltete wie zum Gebet die Hände, wenn er wieder mit einer Schüssel fertig war. Ein Lieblingsthema seiner Predigten -- er predigte beinahe jeden Abend nach dem Konzert -- handelte von der wahren Philosophie des Christenthums, welche über den Tod triumphire. Ich möchte den gefrässigen Bonzen in einem gegebenen Fall gesehen haben, wie schnell er sich alle erreichbaren Rettungsgürtel umgeschnallt hätte, statt erst lange über den Tod zu triumphiren.

Er würde gewiss sich unschätzbare Verdienste um unser aller Seelenheil erworben haben, wenn nicht sein Widersacher, der böse Reverend Mister Shark, unablässig darauf bedacht gewesen wäre, ihm zu widersprechen und ihn zu ärgern, wobei er immer, weniger redegewandt als dieser, den Kürzeren zog. Zuweilen legte sich dann zornglühend die herrschsüchtige Juno ins Mittel, aber auch sie hatte gegen den aalglatten gewandten Yankee, der ihr stets mit der grössten Artigkeit begegnete, keinen Erfolg. Die Partei des dicken Deakon nahm immer mehr ab, die des smarten Yankee immer mehr zu, und an den letzten Abenden vor unserer Ankunft in Honolulu besuchten nur mehr ein paar alte Damen männlichen und weiblichen Geschlechts die Andachtsübungen des hochehrwürdigen Deakon.

Wie gesagt, ohne die zwei Pfaffen wäre es recht langweilig gewesen an Bord, und wohl alle die Reisegefährten von damals werden sie nie vergessen, sondern in dankbarem Andenken bewahren.

XVIII.

HONOLULU.

Ankunft. Wieder der Reverend Mister Shark. Erste Eindrücke von Honolulu. Geschichtliches, Ethnologisches und Erotisches. Sehenswürdigkeiten. Die Regierung, das Parlament, das Militär. Amerikanerthum und Deutschthum. Die Chinesen. Klima und Sanität. Die Leprosen. Der Fischmarkt. Die Umgebung. Ritt nach dem Pali.

Am Morgen des 16. August hatten wir die Insel Oahu, auf welcher Honolulu, die Hauptstadt des Hawaiischen Königreiches liegt, in Sicht. Die Ueberfahrt von Kandavu hatte somit nicht ganz zwölf Tage gedauert.

Die zwölf Hawaiischen oder Sandwich-Inseln erheben sich, der Richtung des vulkanischen Spaltes in der Erdrinde entsprechend, aus welchem sie hervorgequollen sind, in einer gestreckten Reihe von Nordwest nach Südost. Wir kamen aus Südwest, also senkrecht auf sie zu, und konnten in Folge dessen nur jene Insel sehen, die gerade vor uns war, Oahu.

Hohe Berge mit sanft ansteigenden Böschungen, kahl oder mit einer eigenthümlich hellen Vegetation bedeckt, stiegen aus dem indigoblauen Wasser des Ozeans empor. Blendend von der Sonne beleuchtete Schaumstreifen, die Brandung über den Riffen, umsäumten die Ufer. In einer zierlichen Yacht amerikanischer Bauart, von deren Gaffel die Flagge des Königreiches der Hawaiischen Inseln wehte, legte sich der Lootse, ein Amerikaner, an unsere Seite. Sechs wohlgestaltete braune Kanakas, alle in weissen Hemden, weissen Hosen und weissen Marinekäpis, bildeten die Besatzung seines Fahrzeuges, welche echt amerikanisch sofort gedruckte Reklamen von Geschäften in Honolulu vertheilte.

Langsam und mit halber Kraft steuerten wir vorsichtig zwischen Klippen dem Lande zu. Man hatte mir immer so viel von der Vortrefflichkeit des Hafens von Honolulu gesprochen. Ich war erstaunt zu bemerken, wie wir an einer Stelle stoppten, dass die Schraube den Grund aufwühlte und das Wasser trübte.

Erst als wir dem dünnen Mastenwalde des Hafens ziemlich nahe waren, kam Honolulu aus seinem dichten Grün tropischer Gärten, in die es so malerisch gebettet liegt, einigermassen zum Vorschein. Nur die höheren Gebäude, Thürme und Flaggenstangen überragten zwischen schlank emporstrebenden Palmen den üppigen, die kleineren Häuser verbergenden Pflanzenwuchs und liessen die Stadt mehr ahnen als direkt wahrnehmen. Links zogen sich die Gärten und hie und da durchblinkenden Häuser in eine Thalschlucht hinan, rechts trug ein kahler Hügel, röthlich gesengt von den Strahlen der Sonne, ein altes Fort und Kanonen zum Salutiren auf seinem Rücken. Hinter dem Ganzen eine hohe Kette mit Wolken verschleierter Berge. Drei Kriegsschiffe, zwei amerikanische Fregatten und ein englisches Kanonenboot, lagen im Hafen vor Anker. In kleinen Kanuus, einfacher und solider konstruirt als jene der Viti-Insulaner, ruderten nackte Gestalten, blos mit dem suspensoriumartigen Maro bekleidet, uns entgegen. Es war Ebbe, und Weiber fischten über den Riffen, sammt den landesüblichen schwarzen Talaren bis über die Hüften im Wasser umherwandelnd.

In hellen Schaaren standen Europäer und Eingeborene am Landungsplatz, uns in Empfang zu nehmen. Hundert diensteifrige Hände bemächtigten sich der durch die Böte des Dampfers gelandeten schlingenförmigen Enden der Taue, mit welchen unser Koloss langsam an den Kai gewunden werden sollte, und stülpten sie über die Pfosten. Das seemännische Brüllen und Toben des Kapitäns und der Offiziere, welches nie bei dieser endlos langweiligen Prozedur des Anlegens fehlen zu dürfen scheint, vertrieb die mobileren Passagiere vom Schiff. Böte kamen längsseits, und wir flüchteten an der Strickleiter hinunter und an Land, welches wir ungefähr eine halbe Stunde früher betraten als jene, die an Bord geblieben warten mussten, bis der Dampfer am Kai festgemacht war.

Der ganze prangende Reichthum tropischer Früchte begrüsste uns, in grossen Pyramiden von Apfelsinen, Ananassen, Mangos, Bananen, Papayas und Paradiesäpfeln am Ufer aufgestapelt. Eine Menge barfüssiger, aber sonst wohlbekleideter Kanakas, mit rothen Tüchern, Blattguirlanden und Blumenkränzen geschmückt, stürzte auf uns zu und bot uns Wagen und Reitpferde an. Hübsche schwarzäugige Mädchen, mit zierlichen Sonnenschirmchen den dunklen Teint beschattend, über und über mit Blumen behangen, kokettirten sehr verführerisch den frisch angekommenen Fremdlingen zu. Was mir zu allererst an diesen Eingeborenen auffiel, war ihre frappante Aehnlichkeit mit den Maoris von Neuseeland. Es waren ganz und gar die Maoris, nur vielleicht durch das paradiesische Klima ihrer Inseln zu etwas höherer Grazie verfeinert. Lauter herrlich schöne Gestalten. Und mitten in diesem malerischen, das Auge erfreuenden Gewühl die widerwärtigsten, hässlichsten Menschen die ich kenne, bezopfte Chinesen, an den Enden langer Stangen Blechgefässe mit Goldfischen herbeischleppend.

Die Zollformalität wurde von den Beamten auf das Liebenswürdigste abgekürzt. Ich hatte blos eine Deklaration zu schreiben, nichts schmuggeln zu wollen, und durfte sofort mit meinen Kisten passiren. Ein leichtes Buggi führte mich und die theure Habe im Galopp durch die staubigen Strassen nach dem Hotel. Die Ankunft des Dampfers schien für die Bewohner von Honolulu ein Fest zu sein. Männer und Weiber, Knaben und Mädchen und kleine Kinder strömten geputzt und blumenbekränzt zu Fuss, zu Pferd und zu Wagen dem Hafen zu.

Das »Hawaian Hotel«, ein grosses schönes Gebäude in einem Garten von Akazien, Papayas und Bananas, belebte sich bald mit den Passagieren des Dampfers. Der Dampfer hatte hier Ladung zu nehmen und sollte erst morgen die Reise nach San Francisco fortsetzen. Es sprach nicht sehr für seine Küche, dass fast alle Kajütspassagiere die Pause benutzten, sich ihr zu entziehen und dafür auf dem Lande sich schadlos zu halten. Ein zahlreicher Tross von Verkäufern, die Blumenkränze und Korallen, Blattguirlanden und Muscheln und sonstige Artikel feilboten, von Kutschern und Pferdevermiethern belagerte unten im Garten und draussen auf der Strasse das Hotel während des ganzen Tages.

Unsere kalifornische Konzertgesellschaft hatte bereits seit mehreren Tagen Proben abgehalten, um während des kurzen Aufenthalts in Honolulu, wenn es sich günstig mit der Zeit fügte, schnell ein Konzert zu geben und so im Vorübergehen einige hundert Dollars zu machen, was gewiss recht vernünftig und amerikanisch war. Nun traf es sich auch wirklich mit der Zeit so gut, als man nur wünschen konnte, und Alles freute sich auf den genussreichen Abend. Aber ein anderer praktisch denkender Mann an Bord, der Reverend Mister Shark nämlich, war noch viel schlauer und amerikanischer gewesen und hatte bereits einen Monat vorher das königliche Theater, den einzigen hiezu in Honolulu vorhandenen Raum, für eine Vorlesung über den Tower von London in Beschlag genommen. Und als die Konzertgesellschaft nach Honolulu hineinfuhr, hing bereits allenthalben vor den Läden das grosse, schlecht in Holz geschnittene Bildniss des Reverend Mister Shark, seine ganze Lebensbeschreibung voll unendlichen Ruhmes und die Anzeige, dass dieser glänzende Mann, nur um den flehentlichsten Bitten der Bewohner von Honolulu zu entsprechen, sich heute Abend herablassen werde, gegen einen Dollar Eintritt über den Tower von London ungeahnte Enthüllungen zu geben. Die Konzertgesellschaft machte lange Gesichter. Es wurde viel geklatscht und geschimpft, aber ohne wesentlichen Erfolg, und statt musikalischer Gefühlsreize erschütterten am Abend die Gräuel der britischen Königsgeschichte ein kunstsinniges aus braunen und weissen Menschen bunt zusammengewürfeltes Publikum.

Hawaii ist ein konstitutionelles Königreich unter einem eingeborenen König, der über etwa 49000 eingeborene Vollblutunterthanen herrscht. Ausser diesen leben noch ungefähr 900 Amerikaner, 2000 Chinesen und 2500 Europäer (600 Engländer, 400 Portugiesen, 200 Deutsche, 90 Franzosen) nebst mehr als 2400 Kanakamischlingen theils mit weissem, theils mit chinesischem Blut unter seinem Szepter, so dass sich die Gesammtbevölkerung des Hawaiischen Königreiches auf nahezu 56900 beläuft. Dasselbe bedeckt einen Flächenraum von 19757 Quadratkilometer, ist also gleich wie Viti nur um weniges grösser als Württemberg.

Als die Hawaiier zuerst in der Historie auftraten, was vor 100 Jahren geschah, waren sie in lauter kleine Stämme unter eigenen Häuptlingen zersplittert. Ihre berühmteste That seit Anfang bis Jetzt ist die Tödtung des grossen Seefahrers Cook, in der Kealakeakua-Bai 1779, geblieben. Cook ist der Entdecker der Hawaiischen Inseln, und von ihm wurden sie auf den Namen seines Vorgesetzten, des damaligen Chefs der Admiralität in London, Lord Sandwich, getauft. Die Einheit Hawaiis stammt von Kamehameha I., welcher dieselbe im Anfang unseres Jahrhunderts durch Unterwerfung aller anderen Häuptlinge herstellte. Er wird deshalb nach seinem bedeutenderen Zeitgenossen in Europa der Napoleon der Sandwichinseln genannt. Unter ihm kamen die ersten Missionäre, amerikanische Kongregationalisten, ins Land und errangen bald immer mehr Einfluss, so dass schliesslich sie die faktischen Herrscher waren. Gegenwärtig ist ihre Macht im Abnehmen begriffen. Da auch andere Sekten kamen und Konkurrenz machten, so fehlte es auch hier nicht an dem Altweibergezänk der Pfaffen. Eine auffallende Menge von verlassenen Kirchen und Kapellen allenthalben auf den Inseln, welche lebhaft an Tirol erinnert, giebt Zeugniss von jener nunmehr glücklich überwundenen Blüthezeit der Hierarchie.

Auf Kamehameha I. folgten noch vier andere Kamehamehas. Der Fünfte gab 1864 die bestehende Verfassung, nach welcher vier Minister einem aus Ober- und Unterhaus zusammengesetzten Parlament verantwortlich sind. Das Oberhaus zählt 30, das Unterhaus 42 Mitglieder. Da Kamehameha V. ohne Thronerben starb, wählte das Parlament einen gewissen Lunalilo, und als auch Lunalilo ohne Thronerben starb, einen gewissen Kalakaua zum König, und dieser letztere regiert noch jetzt.

Von der grössten Bedeutung für das Emporblühen Hawaiis war früher die Walfischfängerei des Stillen Ozeans. Hawaii bildete eine Hauptstation der Waler, die dort anlegten um sich zu verproviantiren. Gegenwärtig sind die Walfische so selten geworden, dass es sich nicht mehr verlohnt, auf sie Jagd zu machen. Ausser den vielen ehemaligen Kapitäns, welche grösstentheils mit Kanakinnen verheirathet die Insel bevölkern, ist kaum eine Spur jener einst so bedeutenden Industrie mehr vorzufinden.

Die Hawaiier oder Kanakas, wie sie sich selbst nennen, sind reine Polynesier. In ihrer äusseren Erscheinung dürften sie sich kaum von den Eingeborenen Neuseelands unterscheiden, höchstens dass sie vielleicht im Durchschnitt nicht ganz so gross und grobknochig sind wie jene und mehr zur Fettbildung neigen. Die Farbe beider ist ein gesättigtes Braun von verschiedenen Graden der Dunkelheit, sie schien mir niemals so dunkel wie bei den Vitis, niemals so hell und gelblich wie bei den wenigen Tonganern, die ich auf Kandavu gesehen hatte. Ihre Haare sind im Allgemeinen schlicht, zuweilen etwas gekräuselt, aber nicht mehr als dies auch bei uns vorzukommen pflegt. Das Tätowiren, von dem man auf den Gesichtern alter Maoris wahre Kunstwerke bewundern kann, ist bei den Kanakas wohl niemals stark in der Mode gewesen. Man findet nur an alten Weibern hie und da blaue Ringe um die Finger.