Reise durch den Stillen Ozean

Part 28

Chapter 283,572 wordsPublic domain

Eine Menge Gesindel, darunter auch der Missionär des nächsten Dorfes, der uns gleich im Anfang mit seinem Taro hatte anschwindeln wollen, trieb sich in gewinnsüchtiger Absicht um uns herum. Ein aussergewöhnlich magerer und schlanker, geschniegelter Kerl vom Typus des europäischen Friseurgesellen oder feinen Kellners, ins Viti übersetzt, schlich sich immer hinter mir her, um mich ungestört und allein zu sprechen, und machte mir in gebrochenem Englisch schändliche Anträge bezüglich seiner Schwestern oder Kousinen -- das einzige mal, das mir derartiges auf Kandavu passirte.

Früh des folgenden Morgens, den 28. Juli, brachen wir auf nach dem Bukelevu, der heute im herrlichsten Wetter und frei von Wolken emporragte. Sechs Träger gingen gegen eine entsprechende Gegenleistung an Sulus, Angelhaken und Glasperlen mit uns.

Der Bukelevu oder Mount Washington ist kaum höher als 3000 Feet oder 915 Meter. Eine genaue Messung seiner Höhe existirte noch nicht, und man liest für ihn 2600, 2800, ja selbst 3600 und 4000 Fuss auf den Karten angegeben. Trotz der geringen Erhebung war diese Partie doch die beschwerlichste Bergbesteigung die ich jemals unternommen. Wir waren die zweiten Europäer, die den Bukelevu bestiegen. Im Jahre 1869 waren der Botaniker Seemann, ein Deutscher, und der englische Konsul Pritchard zuerst oben gewesen.

Abermals ging es über die beschwerlichen Felsblöcke des Ufers nach Taulalia. Von hier aus begann der Berg. Auf wohlgepflegten Pfaden zwischen niedrigem Buschwerk erreichten wir das etwa 300 Meter hoch gelegene Lomadsche, in welchem der schändliche Stutzer von gestern ein wenig verlegen mir wieder begegnete. Bananen- und Batatenpflanzungen, auch etwas einheimisches Zuckerrohr und der schöne grossblätterige Gebirgstaro begleiteten uns noch etwa 100 Meter aufwärts. Gleich hinter Lomadsche kamen wir an einem Yamsfeld vorüber, das eben angepflanzt wurde. Es war kaum ein Tagwerk gross, aber mehr als ein dutzend Männer waren damit beschäftigt, in der landesüblichen bummeligen Art die kleinen Hügelchen für jede Pflanze herzustellen. Sie hatten dabei europäische eiserne und einheimische hölzerne Hacken.

Die richtige, üppige Tropenwildniss stemmte sich uns entgegen. Hohes, schilfartiges, scharf in die Hände schneidendes Gras wechselte mit Busch, durch den kreuz und quer Schlingpflanzen sich woben und den Füssen Fallstricke legten. Doch schon vorher, noch im Bereich der Pflanzungen, hatte eine Stelle des Weges uns einen Vorgeschmack der zu überwindenden Schwierigkeiten gegeben. An einem mehr als senkrechten, das heisst nach innen sich einbiegenden Absturz, kaum zu erkennen vor Vegetation, hörte der Boden plötzlich auf. Unsere Führer luden sich ihr Gepäck auf den Rücken und kletterten, blos mit den Händen und hie und da auch den Füssen an den überhängenden Zweigen und Halmen sich festklammernd und fast frei in der Luft schwebend, horizontal an der ausgehöhlten Wand entlang, während von oben beständig Erdklumpen sich lösten und herabkollerten. Wir folgten ihrem Beispiel, nicht ohne Selbstbewunderung erfreut, als wir das Kunststück geleistet hatten. Und jenseits dieses halsbrecherischen Uebergangs wuchs noch Taro, und als wir am nächsten Tage zurückkamen, sah ich, wie ein altes Weib, mit einer Menge zusammengebundener Taroknollen beladen, sich an ihm entlang arbeitete. Dann ging es wieder bergauf und bergab, so steil wie nie zuvor. Es war ein heisser Tag, und auch unsere Schwarzen schwitzten, dass sie glänzten wie frisch lackirt.

Wir hatten Kawawurzel mitgenommen, und als wieder ein besonders glühender steiler Grashügel mit eingestreuten schwarzen Lavablöcken überwunden war, setzten wir uns in den Schatten einer Schlucht, in der ein schmutziger, gelbbrauner Wassertümpel, von unzähligen Moskitolarven bewohnt, versteckt lag, und liessen die Burschen kauen und Kawa in einer Schüssel, welche aus grossen Taroblättern improvisirt wurde, zubereiten. Noch mindestens zwei Stunden empfand ich die wohlthuende Kühle im Gaumen, die dieses vom Standpunkt europäischer Zimperlichkeit so ekelhafte, aber entschieden sehr erfrischende Getränk zurückliess.

Die Schlucht, in der eine angenehme Kühle herrschte, setzte sich in hohen Staffeln nach oben fort und erwies sich als ein vertrockneter Wasserlauf, durch den in der Regenzeit imposante Kaskaden herabstürzen mögen. Jetzt waren nur hie und da unter überhängenden Felsen einige schmutzige Tümpel übrig geblieben. In ihr stiegen wir etwa 200 Meter weit empor. Wir hatten vorsorglich ein starkes Tau mitgebracht, welches nun vortreffliche Dienste leistete. Unsere nackten Burschen machten sichs bequem, legten ihre Hüftenbekleidung ab und banden sie als Turban um die Stirne, so dass sie um die Hüften nur mehr mit dem schmalen Suspensorium bekleidet waren, welches jeder erwachsene Viti unter dem Sulu trägt. So kletterten sie die schlüpfrigen Felsenstaffeln hinauf und zogen uns und das Gepäck mit dem Tau nach. Wir kamen nur langsam Absatz um Absatz vorwärts. Aber das Fehlen von dichterem Pflanzenwuchs und die erquickende Kühle zwischen den feuchten, bemoosten Wänden, über die ein majestätischer Busch sich wölbte, erleichterten wesentlich diesen Theil der Besteigung. Unsere Wilden, denen wir Alles, selbst die Gewehre und Stiefel, übergeben hatten, um sämmtliche vier Extremitäten frei zu haben, jodelten laut vor Freude.

Wir bedauerten sehr, als die Schlucht oben aufhörte und wieder der Kampf mit dem Buschwerk bevorstand. Zwei Mann mit grossen Faschinenmessern wurden voran beordert, uns durch die Schlingpflanzen einen Weg zu bahnen. In einem langgezogenen Gänsemarsch wanden wir uns steil und mühsam in Schlangenlinien hinauf, wir beide Herr Kleinschmidt und ich zuletzt, in der egoistischen Absicht, die Gesammtwirkung der gemietheten sechs Paar Beine uns zu Nutzen kommen zu lassen. Beständig krachten die Zweige, oft stockte die Karawane, die Schwarzen jodelten jetzt nicht mehr, wir keuchten schweisstriefend, ohne ein Wort zu verlieren, einer hinter dem andern. Meine Geschwüre an den Füssen von den Korallenriffen her schmerzten in den steifen, nassgewordenen Stiefeln zu heftig, als dass ich sie anziehen konnte, und barfuss stiess ich mich jeden Augenblick an Wurzeln und Steinen, was aber immer noch erträglicher war.

Das Dickicht wurde verworrener und schlimmer, so schlimm, wie ich es selbst im Busch von Gavatina noch nicht gesehen, statt unserer Hoffnung, es würde mit der Höhe abnehmen, zu entsprechen. Wir verloren den festen Boden und marschirten nur mehr in krachenden Zweigen, Wurzeln und Lianen, lebenden und abgestorbenen, die wie das Gerüst eines Schwammes in allen Richtungen ineinandergewoben und an einzelnen Stellen so dicht und fest waren, dass bereits Erde sich in den Maschen angesammelt und einen Ausgangspunkt für neues junges Wachsthum gebildet hatte, tiefe Hohlräume unter sich lassend. Bald fielen wir, durchbrechend durch eine morsche Schlinge, etliche Fuss tief hinab, jedes Bein in ein eigenes Loch wirrer Vegetation, und hatten uns wieder herauszuarbeiten, bald kletterten wir nur mit den Händen, während die Beine baumelnd vergebens eine Stütze suchten, um einen überhängenden Wulst, der unter unserem Gewicht sich abwärts bog.

Wir wussten kaum noch die Richtung. Aufwärts, nur immer aufwärts. Wie sehr war ich überrascht, als ich einmal unter mich hinabblickte, und das Wirrsal von Aesten und Wurzeln auf dem ich stand, sich lichtete, und beinahe senkrecht unten in der Tiefe die blaugrüne See heraufschimmerte. Wir waren in einen Knäuel von Maschen gerathen, welcher an einer Felswand herabhing, und schwebten über dem Abgrund. Die schwindelnde Situation war jedoch lange nicht so gefährlich. Denn wären wir auch durchgebrochen, tausend Arme und Schlingen waren bereit, uns aufzufangen.

Endlich gewannen wir wieder Grund, und eine Stunde später waren wir oben auf dem Bukelevu. Wohl niemals war eine mühseligere Bergbesteigung mit weniger Genuss belohnt worden. Nirgends eine Aussicht, überall Bäume und Gebüsch, durch dessen Lücken kaum einzelne blaue Fleckchen des Himmels guckten. Blos das uneigennützige abstrakte Bewusstsein, dass wir auf einem Punkte standen, den vor uns nur wenige Menschen betreten hatten, war unser Preis. Vielleicht sogar waren wir die ersten Menschen hier oben. Denn unsere Diener behaupteten, die Seemannische Gesellschaft sei nicht weiter als bis zum letzten Absatz, eine Stunde tiefer, gekommen. Und von den Eingeborenen wird sich wohl keiner aus reinem Vergnügen hier herauf gequält haben. Dazu sind sie zu praktisch.

Die Sonne war schon hinabgesunken, der Abend brach herein, rauhe Winde fuhren durch die Wipfel, und die Luft war so kalt und so feucht hier oben, dass wir den Hauch vor dem Munde sahen und nach den eben gehabten Anstrengungen einen eisigen Frost in den Gliedern fühlten.

Eigenthümliche grossblätterige, mannshohe Pflanzen wuchsen allenthalben, deren Stengel so weich und wässerig waren, dass man sie wie Butter mit dem Messer durchschneiden und wegmähen konnte. Der Boden war überall nass, schwarz und moorig. Auf ihm mussten wir unser Nachtlager aufschlagen, eine trübselige Perspektive. Die sechs Wilden beeilten sich, ein Feuer anzuzünden, nicht etwa durch Reiben, sondern mittels moderner Zündhölzchen, und wir alle griffen zu Messern und Aexten, um Holz zu schlagen und Aushaue in verschiedenen Richtungen herzustellen, damit wir doch wenigstens, ehe es dunkel wurde, noch etwas von der Aussicht zu sehen bekamen.

Mit vereinten Kräften warfen wir uns auf die jungen Bäume und zerfetzten erbarmungslos ihre Zweige, und war ein Dutzend Laubkronen gefallen, so erhoben sich immer wieder noch ein paar Dutzend hinter ihnen, die uns den Blick begrenzten. Schliesslich waren wir zufrieden, als wir blos einen jämmerlich zersäbelten Baumstumpf etwa sechs Meter hinaufzuklimmen brauchten, um die Höhenzüge der Insel zu überschauen. Von hier aus entdeckte ich, dass wir uns mit der grössten Wahrscheinlichkeit auf der Umwallung eines alten, jetzt allenthalben mit dichtem und hohem Wald bedeckten Kraters befanden, dessen eine Hälfte gegen Osten, also gegen die Insel zu, durchbrochen und hinabgesunken war, während die andere im Westen, wo die Insel aufhörte, sich deutlich im Halbkreis zu uns, die wir an der nördlichen Kante standen, herumzog. Zugleich aber entdeckte ich, dass weiter südlich die Baumwipfel sich höher erhoben, und glaubte daraus den unliebsamen Schluss ziehen zu dürfen, dass wir uns noch nicht auf der höchsten Stelle des Bukelevu befanden.

Hierüber wollte ich mir klar werden. Ich nahm einen Schwarzen mit mir und versuchte, mit seiner Hülfe auf jenen Punkt zu gelangen. Als wir uns ungefähr eine Stunde geplagt hatten, häufig in überwucherte hohle Baumstämme versinkend, häufig in einem Dickicht uns festbeissend, das wir dann doch nicht bewältigen konnten und umgehen mussten, waren wir etwa hundert Schritt weit vorwärts gedrungen, ohne etwas zu sehen. Ich versuchte einen der riesigen Bäume zu erklettern. Alle Stämme waren dick mit Schlinggewächsen überzogen, so dass nirgends eine Spur der Rinde zum Vorschein kam. An den Ranken sich emporzuziehen war indess unmöglich. Sie gaben nach und brachen, und um an ihnen dennoch aufwärts zu kommen, dazu hätte ich vielleicht eine Stunde gebraucht. Meine Kräfte waren zu sehr erschöpft, als dass ich die Sisyphusarbeit hätte fortsetzen mögen.

Es wurde dunkel. Ein gewaltiger Hunger nagte in unserem Innern. Wir befahlen den Proviant auszupacken. Die sechs Burschen suchten in allen Bündeln und Säcken herum, einer stupfte besorgt den anderen, sie schalten sich und wurden verlegen und ängstlich. Aber auch uns wurde ängstlich zu Muth. Die verfluchten Kerls hatten wirklich den Proviant vergessen. Nur die Kaffebüchse hatten sie mitgenommen.

Da sassen wir nun mit knurrendem Magen, ärgerlich über unseren Leichtsinn, die Träger nicht Stück für Stück selbst beladen zu haben. Wonach wir uns schon seit mehreren Stunden so heiss gesehnt, lag unten in Dangai.

Zum Glück fand ich in meiner Hosentasche einige zähe Fasern Salzfleisch und mein Freund in der seinigen einen zerbröckelten Zwieback. Wir theilten redlich diese kostbaren Gaben des Zufalls und kochten Kaffe mit der bräunlichen Flüssigkeit des Moskitolarven-Aquariums in der Kaskadenschlucht, von dem wir unsere Wassergefässe gefüllt hatten, ohne die nahrhaften Bestandtheile derselben zu unterschätzen. In diesem bestand die einzige Erquickung von acht todtmüden und gierig hungrigen Menschen, ohne Aussicht vor sechszehn Stunden wieder zu etwas Essbarem zu gelangen.

Der Boden war so uneben, so voller knorziger Wurzeln und abgehauener spitz emporstehender Stämmchen und Zweige, dass sich kaum etwas herstellen liess, was wie ein molliges Lager zum Schlafen aussah. Farnkraut zur Polsterung gab es hier oben nicht. Wir mussten es also mit jenen eigenthümlich wässerigen Pflanzen versuchen, die ringsherum wuchsen. Aber der Saftreichthum dieser weichlichen Geschöpfe drang sofort aus allen Blättern und Stielen und verwandelte das Lager in ein klebriges Gemüse, sowie man sich darauf niederstreckte.

Unser Feuer war kaum in Brand zu erhalten. Das Holz war alles so grün und feucht, dass es nicht brennen mochte. Ich konnte nicht schlafen vor Kälte und zog es vor beinahe die ganze Nacht mit der Axt zu arbeiten, um mich zu erwärmen.

Die sechs nackten Burschen dagegen zeigten eine wahrhaft heroische Faulheit. Zähneklappernd, Grimassen schneidend und stöhnend kauerten sie sich zusammen, sahen mit grosser Befriedigung zu, wie ich Holz herbeischleppte und das Feuer schürte, und froren lieber bis zu förmlichen Konvulsionen als dass sie eine Hand gerührt hätten. Ich hatte ihnen meine Decke abgetreten, in die sich abwechselnd zwei zusammen wickeln durften. Die anderen mühten sich unterdess mit sehr komischen Experimenten ab, wie man durch gewaltsames Einschrumpfen und Verschränken der Glieder die Körperoberfläche am wirksamsten verkleinern und in den dünnen Sulu einhüllen könne. Eine dunkle Reminiszenz war es vielleicht, die ihnen schliesslich die Haltung des Kindes im Mutterleibe eingab.

Bald setzte ich mich auf einen Baumstumpf und stierte ins Feuer und horchte dem Sieden des Holzes zu und fluchte des vergessenen Proviants, bald ergriff ich wieder die Axt und zerfetzte eines der nächsten Bäumchen. Dann legte ich mich wieder, schläfrig geworden, in das Gemüse, stand aber gleich wieder auf und kletterte auf den Aussicht gewährenden Stamm um zu sehen ob im Osten noch kein blasser Schimmer heraufkäme, dann griff ich wieder zur Axt. So verging langsam diese ungemüthliche Nacht. Heisere Schreie ertönten aus der todesstillen Luft, als es eben anfing zu dämmern. Es mochten Möven sein, die bereits auf dem Wege waren und über unser Feuer erschraken.

Die milden Strahlen der Sonne hauchten neues Leben in unsere erstarrten Glieder. Herr Kleinschmidt und ich kletterten auf den Aussichtsbaum, um die Höhenzüge der Insel Kandavu zu zeichnen, was uns nicht wenig Ueberwindung kostete. Die Dienerschaft war darüber im höchsten Grad unzufrieden. Sie drangen heftig zum schleunigen Aufbruch, und einer ging in seiner naiven Unverschämtheit so weit zu behaupten, dass die Sonne gleich wieder untergehen würde.

Unsere Spuren von gestern brachten uns ziemlich rasch hinab. Jetzt da ich wieder in Schweiss kam, erwachten Hunger und Durst mit zehnfacher Energie und machten mich für die ganze herrliche Morgennatur unempfindlich. Ich litt an der fixen Idee eines Beefsteaks und etlicher Gläser Bier. Es war mir unmöglich an etwas Anderes zu denken, und die prachtvollsten Szenerien gingen eindruckslos an mir vorüber. Ich lechzte nach den braunen Pfützen der Kaskadenschlucht, und nervös und gierig und ohne ein Wort zu sprechen stürzte und stolperte ich die steilen Abhänge hinab durch die krachenden Zweige und Wurzeln.

Ich hatte schon vielfach Gelegenheit gehabt mich im Hungern zu erproben und glaubte mich ganz gut darauf zu verstehen, mehr als die meisten anderen Menschen, mit denen ich um die Wette gehungert. Herr Kleinschmidt aber übertraf mich weit. Wenn wir Tage lang im Busch herumgeklettert waren und Abends erschöpft nach Hause kamen, konnte er sich hinsetzen und ein halbes Dutzend Vogelbälge abziehen ohne ans Essen zu denken. Und auch jetzt musste ich ihn bewundern. Er schien viel weniger zu leiden als ich.

Wir waren glücklich wieder in der Kaskadenschlucht. Aber die braunen Pfützen von gestern, nach denen wir lechzten, schienen über Nacht vertrocknet zu sein. Wir guckten in alle Löcher und Spalten der Felsen. Nichts von trinkbarer Flüssigkeit liess sich entdecken.

Herr Kleinschmidt war etwas zurückgeblieben, und wir anderen warteten auf ihn, indem wir eifrig nach Wasser forschten. Es schien mir, einer der Träger in meiner Nähe hätte Wasser gefunden. Froh darüber rief ich ihm zu, mir davon zu bringen, und es entspann sich zwischen uns beiden folgendes Gespräch. Ich frage, einer längeren Satzbildung im Viti nicht fähig »Wai?« (Wasser?). »Singai« (Nein, nicht, kein, überhaupt allgemeine Negation). Ich glaubte nicht recht verstanden zu haben und frug nochmal »Wai singai?« (Kein Wasser?) Er »Jo« (Ja). Ich »Hele mai Wai« (Bring her Wasser). Er mit ärgerlicher Betonung »Singai, Wai singai«. Ich verwundert »Wai singai?«. »Jo«. Das war mir nun zu arg. Der Kerl wollte mich entweder mit meinem peinlichen Durst verhöhnen oder mir das gefundene Wasser vorenthalten. Ich kletterte zu ihm hinüber und brüllte ihn an so grob ich konnte »Hele mai Wai, Mbativuti« (Faulpelz). Er aber klebt unter mir an seinem Felsen mit der unschuldigsten Miene und antwortet abermals sein fatales »Wai singai«. Jetzt erst fiel mir ein, dass er ganz richtig meine in der Negation gestellte Frage mit »Jo« beantwortet, logischer als wir Europäer, die wir in diesem Falle »Nein« gesagt hätten. Meine Unkenntniss hatte ihm Unrecht gethan.

Endlich ganz unten fanden wir etwas fauliges Wasser. Es schmeckte ekelhaft, aber wir waren darüber doch so sehr erfreut, dass der Finder zur Belohnung eine Flinte abschiessen durfte, sein heissester Wunsch, um dessen Erfüllung er schon die ganze Zeit gebettelt hatte. Zwei Fächerschwänzchen flatterten in der Nähe neckend herum, und diese nahm er aufs Korn. Er traf natürlich nicht ein einziges der hübschen Thierchen, und mit leeren Händen, aber dennoch freudig grinsend und stolz kehrte er aus dem Gebüsch zurück, nachdem er beide Läufe losgeknallt hatte. Er wurde dafür zum »Tamata ndakai«, Meister des Schiessens, ernannt, ein Spitzname, der ihm wohl Zeit seines Lebens bleiben wird, und durch den er sich äusserst geschmeichelt fühlte.

In dem hochgelegenen Dorf Lomadsche angelangt konnten wir endlich auch unseren Hunger einigermassen stillen. Wir kehrten in einer Hütte ein und liessen uns Kokosnüsse und gekochte Schnecken geben.

Es war der in unseren Naturalienkabinetten noch so seltene und nur auf die Insel Kandavu beschränkte, hier aber massenhaft vorkommende Bulimus Seemanni, mit dem wir regalirt wurden. Abgesehen von der langgestreckten Form des Gehäuses erinnert er vielfach an unsere Helix Pomatias. Das Thier sieht ganz ebenso aus, und auch die Epidermis der Schale hat die Eigenschaft sich abzubröckeln, so dass der weissliche Kalk blossgelegt wird. Namentlich an den Hängen des Bukelevu scheint er besonders gut zu gedeihen und als Bewohner höherer Regionen eine stärkere und schlankere Entwickelung des Gehäuses zu zeigen wie in den übrigen weniger hohen Bergwäldern Kandavus.

Ein paar Weiber kamen vom Fischen zurück. Sie waren mit dem Blättergürtel, dem Liku, angethan. Zu Ehren unserer Anwesenheit beeilten sie sich, in einer Ecke dieses altmodische Kleidungsstück schnell mit einem moderneren Baumwollensulu zu vertauschen.

Als wir aufgetriebenen Leibes von den Kokosnüssen und Schnecken und mit qualvollen Bauchschmerzen unser Standquartier Dangai erreichten, verkündeten uns schon von ferne die fröhlichen Farben rother, gelber und grüner Federn, die rings um unsere räucherige Hütte gestreut den Boden bedeckten, dass Mister Daymac eine Menge Papageien zu unserer Nahrung erlegt hatte. Sie kochten bereits den ganzen Tag in einem der grossen Töpfe und bildeten nun, zu einem zarten mit Knochen durchspickten Fleischbrei aufgelöst, ein köstliches Mahl.

Der nächste Tag war ein Sonntag. In aller Frühe krochen die Mädchen des Dorfes aus ihren Hütten, sich festlich zu schmücken. Zuerst wurde draussen in der See ein Bad genommen, wobei sie züchtig den Sulu am Leib behielten. Dann setzten sie sich im Kreise zusammen und zerkratzten sich ihre kurzgeschorenen Häupter mit gestielten hölzernen Kämmen. Da auch ich ganz in der Nähe mit meiner Toilette beschäftigt war, kam eine derselben heran, mich um meinen europäischen Kamm zu bitten, und war sehr glücklich, als ich ihn gewährte. Ich hielt es für gut, ihn danach aufs Sorgfältigste durchzumustern. Eine andere lief nach unserer Hütte und holte sich unseren Wassereimer, den sie dann alle als Spiegel benutzten. Dangai ist eben ein so abgelegener und armseliger Ort, dass man von europäischen Artikeln ausser Sulus und Messern dort noch nicht viel kennt.

Jungen hatten unterdessen eine grosse Schüssel Kalkbrei gebracht, und alle lagerten sich um sie herum, ihre Häupter damit zu beschmieren, und mit den gespreizten Fingern beider Hände den Brei recht gleichmässig in die Haare zu kämmen, immer nach oben streichend, bis Haare und Brei zu einer festen Masse erstarrten und aussahen wie die Frisur einer Gypsbüste. Schliesslich steckten sie Diademe von Papageifedern in den noch weichen Stoff und beguckten sich im Wassereimer, indem sie übergeflossene Theilchen an der Stirn und am Nacken mit Stäbchen abschabten und dadurch scharfe Konturen herstellten. Die dunkelbraunen Gesichter kontrastirten gar merkwürdig mit der glänzend weissen Koiffüre.

Nach Beendigung dieser Prozedur banden sie frischgewaschene Sulus um, schlangen Blätterguirlanden um die Hüften und rothgefärbte Gräser gleich Strumpfbändern um die Waden und salbten sich den Körper mit Kokosöl auf eine ziemlich einfache Weise. Jede nahm ein Stück Kokosfleisch in den Mund und kaute es aus. Dann spuckten sie den milchigen Saft auf die Hände, rieben damit flüchtig Gesicht und Busen, Arme und Beine ein, und der Sonntagsstaat war fertig. Als es zwei Stunden später zur Kirche ging, entfernten sie die bunten Papageifedern aus der Kalkfrisur. Ihr Missionär würde solch frivolen Schmuck beim Gottesdienst übel vermerkt haben.

Man sagt, dass das Einkalken der Haare als Mittel gegen Läuse diene. Wenn dies wirklich der Zweck desselben sein soll, so kann ich mit aller Bestimmtheit behaupten, dass es nicht viel hilft. Denn ich fand gekalktes rothes Haar niemals weniger infizirt von Ungeziefer als ungekalktes schwarzes. Auch theoretisch ist nicht einzusehen, warum der Kalk, welcher den Korallenbänken entstammt und wohl nur sehr oberflächlich gebrannt zur Anwendung kommt, jenen ziemlich robusten Thierchen verderblicher sei als den Haaren. Ein stark gebrannter ätzender Kalk würde nicht nur die Läuse, sondern auch die Haare ruiniren. Vielmehr glaube ich, dass das Verfahren nur einen kosmetischen Zweck hat. Man will damit den schwarzen Haaren eine röthliche Farbe verleihen, die ja auch die Schönen der Tizianischen Zeit so sehr liebten.

Bei einer näheren Untersuchung unserer räucherigen Hütte entdeckte ich auf einem Brett unter dem Dache zwei alte aus Holz geschnitzte Lanzen. Ich bot dem Eigenthümer mein letztes Taschenmesser dafür und erhielt sie. Kaum hatte ich hierdurch meine Liebhaberei für Waffen kundgegeben, so erschien ein Anderer und brachte zwei Lanzen derselben Art, die noch viel schöner waren, als die ersten. Leider besassen wir nichts mehr an Tauschartikeln oder Geld, so dass ich auf die Acquisition verzichten musste. Auch ein prachtvolles grosses Stück bedruckter Tapa, welches mich sehr reizte, musste ich zu meinem lebhaften Bedauern wegen Entblössung von allen Mitteln zurücklassen.