Part 27
Nun folgten einige recht langweilige Stunden, die wir mit vergeblichem Hoffen auf Wind und kurzen Ruderanstrengungen zubrachten, was aber bei der Schwerfälligkeit des Kutters und bei der Faulheit unserer Burschen nicht viel half. Auch die Eingeborenen in ihren Kanuus mussten jetzt das Segeln aufgeben und sich auf die Riemen werfen. Eines begegnete uns, mit acht grossen Kochtöpfen befrachtet. Hinten standen zwei Männer, jeder mit seinem langen Steuerriemen hin und her arbeitend, sie »frickten«, wie der Seemann sagt, und es sah sehr komisch aus, wie die beiden frei in der Luft stehenden Gestalten dabei gleichmässig hinum und herum wackelten.
Erst gegen Abend erhob sich ein leichtes Lüftchen und brachte uns langsam dem Ziele näher. Jenseits der Namalatta Bai passirten wir den Sitz des weissen Obermissionärs, Richmond Settlement, ein hübsches Gebäude europäischen Styles unter Palmen auf einem Hügel, hinter dem grosse kahle röthliche Flecken in die Berge gebrannt waren, vielleicht um dort Taro zu bauen. Der Bukelevu wurde immer höher und hüllte seinen Gipfel mit dem Sinken der Sonne immer dichter in Wolken. Ein kreisrundes Aussenriff, über welchem die See gleichsam athmend ihre Wogen in tosender Brandung hob und senkte, während wir selbst in unserem Fahrzeug ganz dicht daneben keine Bewegung fühlten, zwang uns zu einem grossen Umweg. Dann machten wir linksum und steuerten geradewegs in die Bucht von Taulalia hinein. Drei Dörfer, rechts Taulalia, links Tanawa und in der Mitte Dangai, lagen vor uns.
Freudig ob des nahen Endes der Fahrt hissten wir unsere deutsche Flagge. Doch wir freuten uns zu voreilig. Kaum waren wir in den Schatten des Bukelevu getreten, als heftige Windstösse vom Lande her in das Segel peitschten und den Kutter rückwärts trieben. Und nicht eher gelang es uns, wieder vorwärts zu kommen, als bis wir die kleine Jolle aussetzten und vorspannten, und alle, auch Herr Kleinschmidt und ich, aus Leibeskräften zu rudern begannen, trotz der unfehlbaren Einbusse die unsere Würde durch solch knechtische Arbeit in den Augen des am Strande versammelten Publikums erleiden musste.
Hinter einer vorspringenden Klippe konnten wir endlich Anker werfen und landen, zum grossen Gaudium des in aufgeregtester Erwartung und lebhaftester Heiterkeit unser harrenden Janhagels. Neugieriges Anstarren, Witze reissen, Kichern und Auslachen seitens der erwachsenen Insulaner, entsetztes Ausreissen der kleinen Nacktfrösche wie immer, einige Grobheiten seitens des Europäerthums. Ein paar Männer kamen, uns die Hände zu reichen und gleich darauf Taro zu unverschämten Preisen anzubieten.
Das Dorf Dangai, vor dem wir gelandet waren, darf sich rühmen, das schmutzigste und ärmlichste zu sein, das ich auf Kandavu gesehen habe. Nachdem wir uns überzeugt, dass in der Unreinlichkeit der Hütten kein Unterschied herrschte, quartierten wir uns in jener ein, die dem Strande am nächsten lag. Das Innere dieser Behausung war braunschwarz geräuchert wie lackirt. Dank dem Rauch, welcher uns die Augen thränen machte, gab es hier keine Moskitos. Dafür wimmelte es von Ameisen, welche sonach weniger empfindlich zu sein schienen und sogleich eifrig die Höhenzüge und Thäler unserer Personen explorirten. Dazu roch es, jedoch nicht nur hier, sondern überhaupt in dem ganzen Dorfe, wie nach einem Gemenge von faulem Käse und faulem Gemüse. Der Stoff, dem dieses scheussliche Odeur entquoll, war Mandrai, das landesübliche Brot, welches hergestellt wird, indem man die Nüsse des Iribaumes zu einem Brei zusammenbäckt und in Bananenblätter gewickelt auf einige Wochen in die Erde vergräbt, um ihn faulen zu lassen. Nur meiner Begeisterung für anthropologische Untersuchungen hatte diese höllische Nahrung es zu verdanken, dass ich meinen Ekel überwand und davon kostete. Der Geschmack war dem Geruch entsprechend.
Es wurde rasch dunkel, und ein langer Abend stand uns bevor. Wir hatten zwar eine Petroleumlampe mitgebracht, bei deren Licht wir lesen konnten, aber der Mandraigeruch trieb mich hinaus. Fröhliches Geschrei und das Fallen von Kokosnüssen lockte mich nach einer Stelle, von wo durch das Ricinusgebüsch unter den Palmen ein lodernder Feuerschein herüberdrang. Nach oftmaligem Stolpern fand ich den Weg dorthin.
Mehrere Männer waren beschäftigt, Arrowroot zu bereiten. In einem Korb lagen die kartoffelähnlichen Wurzelknollen der Amarantha, welche sie auf dem hierzu vortrefflich geeigneten Korallengerüst einer Fungia wie auf einem Reibeisen pulverisirten und in einem halb mit Wasser gefüllten ausgehöhlten Trog sammelten, um es zu schlemmen. Einer der Männer, welcher meine Wissbegierde begriff, zeigte mir die Bedeutung des Trogs, indem er mit der Hand hineinlangte und von dem Pulver heraufholte. Dazu assen sie Kokosnüsse und boten auch mir davon an.
Als ich in die Hütte zurückkam, war man mittlerweile zu dem unvermeidlichen Kawagelage geschritten. Trotz des Mangels an Sauberkeit, der überall auffällig war, that auch ich Bescheid. Hatte ich vorhin Mandrai gegessen, so konnte ich jetzt auch die zweifelhafteste Yankona trinken. Zum Glück wars zu dunkel, als dass ich von dem Vorgang des Brauens etwas zu sehen brauchte.
Lange noch, nachdem die neugierige Menge, die uns bisher Gesellschaft geleistet, sich verzogen, und wir selbst uns zum Schlafen niedergelegt hatten, sangen einige kräftige Stimmen drüben in der Nachbarhütte geistliche Lieder und hielten mich wach. Ich lauschte ihnen und fand abermals, dass die Kirchengesänge dieser Wilden entschieden mindestens ebenso melodisch klingen wie die unserer Bauern. Neugierig, wer denn die Urheber dieses Nachtkonzertes sein möchten, ging ich hinüber, kroch durch die Thüre und fand, als ich bei der spärlichen Beleuchtung die Gestalten allmälig erkannte, dass es unsere Burschen waren, die in sehr unandächtigen Stellungen, auf dem Rücken liegend, die Arme unter dem Nacken gekreuzt und mit den Beinen in der Luft herumgaukelnd ihre frommen Lieder zu Ehren meiner Erscheinung mit doppelter Kraft zu brüllen begannen, während zwei Mädchen daneben sassen und stillvergnügt und stumpfen Gesichtsausdruckes mit Maultrommeln musizirten.
Als ich am nächsten Morgen mich erhob und ausging einen Bach zum Baden zu suchen, antichambrirte bereits draussen vor der Thüre eine ganze Reihe von Männern und Weibern mit Töpfen, Flaschen und Bündeln, lauter improvisirte Naturalienhändler, die mit uns ein Geschäft machen wollten. Der eine hatte ein paar zerzauste, halbgerupfte Papageien, der andere Schmetterlinge, deren Flügel nur mehr aus einigen Fetzen bestanden, ein dritter in einem alten Senftopf, der nicht gereinigt war, eine lebende kleine Schlange, die heftig darin herumfuhr und sich über und über mit den Senfresten beschmierte. Vogeleier halb oder ganz zerdrückt, Nester mit Eiern die nicht dazu gehörten, und womit man Herrn Kleinschmidt naiver Weise zu täuschen beabsichtigte, Käfer und Schnecken, jedoch kein einziges Exemplar ohne Beschädigung, viele Dinge, die unverletzt werthvoll, aber in den Händen dieser achtlosen Sammler vollkommen unbrauchbar geworden waren, alles Mögliche boten sie uns feil. Ein paar Mädchen kamen schlau lächelnd herbei und trugen grosse Töpfe, sorgfältig die Deckel zuhaltend, und als sie öffneten, wimmelten und krabbelten hunderte von grossen, schwarzen Schaben darin. Und da sie nun an uns keine Käufer fanden, entledigten sie sich sogleich, indem sie ihre Töpfe ausleerten, der ekelhaften Thiere, die nun nichts eiligeres zu thun hatten, als schaarenweise in unsere Hütte zu flüchten.
Es gab einige seltene Vögel hier. Mister Daymac ging auf die Jagd und schickte durch Jungen die erlegten, sowie er einen geschossen, an Herrn Kleinschmidt, der sie sofort abbalgte. Wir hatten zu dieser Arbeit einen Tisch mitgebracht, aber das Wetter sah trübe aus, hie und da fing es an zu regnen, und häufig mussten wir uns ins Innere der Hütte flüchten, wo man nur auf dem Boden arbeiten konnte, da die Fenster so niedrig waren, dass sie höchstens die untere Fläche des Tisches beleuchteten.
Ich selbst lief einigen Schmetterlingen nach, und ein Eingeborener, der schon den ganzen Vormittag mir gefolgt war, von Zeit zu Zeit, wenn ich mich umdrehte, mich freundlich angrinsend, ohne ein Wort zu sprechen, unterstützte mich leider in meinen Bemühungen. Vergebens suchte ich ihm begreiflich zu machen, dass er mir das Schmetterlingfangen überlassen solle. Sein Eifer mir zu helfen war unabweisbar. Fast jedesmal kam er, gewandter und flinker als ich, mir zuvor und schnappte mit seinen Händen meine Beute weg, um sie dann äusserst befriedigt mir zu überreichen, aber nie ohne sie in seinen täppischen Fingern gründlich ruinirt zu haben.
An der anderen Seite des Dorfes stand ein Ndrallabaum in Blüthe, ein Baum, der im alten Kalender der Vitis eine grosse Rolle spielt. Er gehört zu den wenigen, die alle Jahre ihre Blätter abwerfen, und ehe diese wieder sprossen, treibt er zuerst seine traubenförmigen Blüthen. Sie sind von einer merkwürdig blutrothen Farbe, an die mich später auf Hawaii im Krater des Vulkans Kilauea die kochende Lava des Feuersees lebhaft zurückerinnerte, und prangend in kahlem Astwerk, geben sie mitten in der vollen grünen Vegetation und zwischen den wogenden Palmen einen eigenthümlich fesselnden Anblick. Die Blüthe des Ndrallabaumes bezeichnete ehemals für die Insulaner den Anfang eines neuen Jahres und noch jetzt die Zeit, zu welcher Yams gepflanzt werden muss.
Am Nachmittag unternahmen wir einen Ausflug nach der anderen südlichen Seite der Insel, wo heisse Quellen entspringen sollten. Eine kurze, aber mühselige Wanderung über das Felsengeröll des Ufers, welches den Fuss eines vorspringenden steilen Hügels bildet, brachte uns nach dem Nachbardorf Taulalia, dessen Kirche ebenso wie früher gesehene mit weissen Muschelguirlanden behangen ist. Dann ging es nach links und in südlicher Richtung eine Bergschlucht hinauf, in deren vor den Winden geschützten Tiefen Brotfrucht- und Farnbäume wuchsen, zu beiden Seiten des Weges kunstvoll angelegte Tarosümpfe, die ein geschwätzig murmelndes Wässerchen berieselte.
Hoch oben auf dem Bergsattel, dem Hauptstrebepfeiler des Bukelevu zu unserer Rechten, von wo aus wir wieder vor uns und hinter uns die blaue See mit den herrlich violetten und grünen Korallenriffen und den weissen Schaumlinien erblickten, winkte uns zwischen Bananen eine kleine Ansiedelung, Nambali (vielleicht verwandt mit »Yarambali«), zur wohlverdienten Rast. Zum ersten mal fand ich hier das Innere der Hütten durch nicht ganz bis oben reichende Wände aus Flechtwerk in mehrere Gemächer getheilt, eine höhere Stufe des Baustyls. Dann kam der Abstieg, und rasch gelangten wir auf steilen und engen Pfaden hinunter, theilweise durch einen Forst mit eingestreuten Baumfarnen, wie er schöner selbst in Neuseeland nicht gedacht werden konnte. Eine einsame Hütte, ein paar scheue Mädchen, die eilig ins Gebüsch entfliehen, noch ein Stückchen Wald, ein Palmenhain und wir sind in dem grossen Dorf Dalingele.
Dalingele ist das ansehnlichste und sauberste Vitidorf, welches ich je gesehen habe. Der Häuptling, ein stattlicher Mann von höchstens vierzig Jahren, nur mit dem braungemusterten Sulu aus Tapa bekleidet, kam uns zum Willkomm entgegen.
Von allen bisher kennengelernten Häuptlingen schien dieser am meisten auf seine Würde zu halten. Im Hintergrund seiner Hütte, die durch einen Querbalken und etwas höhere Polsterung unter den Matten von dem übrigen Theile abgesondert war, durften nur er und wir niedersitzen. Vorne sass ein Dutzend Männer jeglichen Alters, seiner Befehle gewärtig, mit denen er nicht sparsam umging, vielleicht nur um uns zu zeigen, wie flink seine Untergebenen gehorchten. Blos ein Junge von etwa zehn Jahren schien das Privilegium strafloser Ungezogenheit zu geniessen und molestirte alle Uebrigen, selbst das Oberhaupt mit seiner frechen, ruhelosen Zudringlichkeit, indem er hier einem den Tabak aus dem Ohrläppchen oder aus dem Turban stahl, dort mit einem Feuerbrand herumfuchtelte und das Gebäude anzuzünden drohte, Alles was er sah für sich in Anspruch nahm und schliesslich auch auf unser Gepäck sein Augenmerk richtete, was er indess nach einer entschiedenen Zurückweisung aufgab. Vielleicht war der ungezogene Junge ein Vasu, jener Neffe des Häuptlings, dem in früheren Zeiten nach einer äusserst merkwürdigen, alten Rechtsüberlieferung der Vitis Alles gehörte, was dem Häuptling untergeben ist. Nur Männer sassen mit uns zusammen, die Weiber des Häuptlings hatten ihre Hütte nebenan für sich, wo sie kochten.
Wir waren gerade zu guter Stunde nach Dalingele gekommen. Denn für denselben Abend war ein grosses Festessen in Vorbereitung. In allen Hütten wurde eifrig gekocht und gepantscht und dabei nicht minder eifrig gelacht und geklatscht. Kokosnüsse, Taroknollen und Tiriwurzeln, Schweine und Hühner sah man in grossen Massen an Stangen von je zwei Männern durch das Dorf tragen und hie und da ganze Kolonnen solcher Träger einherziehen. Weiber mit Haufen frischgewaschener weisser Sulus kamen vom Bache zurück.
Der Priester der Gemeinde war ein Tonganer, und an ihm und seiner Frau sowie an dem achtjährigen Mädchen des frommen Paares, welches allein unter allen Kindern vollständig nackt herumlief, fiel mir zuerst die helle Hautfarbe dieser fremden Einwanderer auf. Es gab überhaupt viele Tonganer hier, und einmal, als ich arglos um eine Ecke biegend plötzlich einer Gesellschaft tonganischer Weiber gegenüberstand, war ich sehr betroffen, da ihre vergleichsweise blassen, fast pomeranzengelben Körper mir momentan den Eindruck machten, als ob ich entkleidete Europäerinnen überrascht hätte. Auch in Bezug auf ihre Gesichtsbildung waren sie wesentlich verschieden von dem Typus der relativ niggerhaften papuanischen Vitis und näherten sich stark den Zügen arischer oder semitischer Rasse. Besonders lebhaft steht mir noch heute ein Mädchen in Erinnerung, das mich durch seine Aehnlichkeit mit jener jüdischen Ladenmamsell frappirte, bei der ich in Hamburg meine Handschuhe zu kaufen pflegte. Ich sah sie zuerst am nächsten Morgen in der Kirche, wo sie züchtiglich das vorgeschriebene Busenschürzchen trug. Als der Gottesdienst aus war, paradirte sie mit einem Bananenblatt ihr orientalisches Lockenköpfchen beschattend so lange vor mir herum, bis ich sie zeichnete, und warf kokett das Busenschürzchen über die Schultern zurück, um mir den Anblick ihrer jungfräulichen pomeranzengelben Formen ungeschmälert zu gönnen.
Ehe die Dunkelheit hereinbrach, ging ich nach dem Badeplatz am Meeresstrand, wo ich grosse Gesellschaft fand. Durch einen wirklichen, echten Wald von Brotfruchtbäumen, in dem ich zum ersten mal einige unreife Brotfrüchte sah, nicht grösser als Pomeranzen, während noch überall Blüthen hingen, schlängelte sich wenige Schritte entfernt ein Süsswasserfaden, sehr bequem gelegen, um nach dem Bad im Meere das Salz von den Gliedern zu spülen. Der ganze Strand war voll von Männern, welche sich nach des Tages Arbeit zum festlichen Mahle wuschen und mit frischen weissblinkenden Sulus schmückten. Sie thaten sehr schamhaft. Denn keinem fehlte ein wenn auch noch so geringfügiges Suspensorium aus schmalen Tapastreifen um die Lenden geschlungen, der »Malo«. Viele gingen mit dem alten schmutzigen Sulu ins Wasser, um ihn danach, sorgfältig wie Weiber sich umblickend, mit dem neuen zu vertauschen.
Wo ich nur ging, folgten mir Kinder in respektvoller Entfernung, und blieb ich stehen und wendete ich mich um, liefen sie furchtsam davon. Als wir am nächsten Morgen die heissen Quellen, die kaum eine Viertelstunde entfernt an dem Wege nach Kamburiki im Mangrovesumpf des Ufers aus der Erde emportauchen, besuchten, waren sie indess schon zutraulicher geworden und trugen mir triumphirend meine Stiefel die ich ausgezogen hatte, Gegenstände ihres höchsten Ehrgeizes, auf Stangen voran.
Am Abend verkündete der weithin schallende Ton der hölzernen backtrogähnlichen Kirchentrommeln, der Lalis, welche zwei Jungen mit Klöppeln bearbeiteten, den Beginn des Festschmauses, und die Männer des Dorfes leere Palmblattkörbe tragend versammelten sich vor der Weiber- und Kochhütte des Häuptlings, um ihre ansehnlichen Rationen an gestobtem Schweine- und Hühnerfleisch, Taro und Pudding in Empfang zu nehmen. Auch wir erhielten unseren Antheil, alles zierlich auf Bananenblättern kredenzt. Messer und Gabel gab es nicht, man bediente sich nur der Finger. Der Pudding, ein einheimisches Nationalgericht, bestand aus einer klebrigen, sehr süssen Masse, die in Massawablätter eingewickelt und aus Taromehl und der zuckerhaltigen Tiriwurzel bereitet war. Dann folgte wieder das obligate Kawagelage.
Herr Kleinschmidt erfuhr, dass ein hochbejahrter und angesehener Häuptling von der Rewa, dem Flussdelta an der Südostecke der grossen Insel Vitilevu, sein alter Freund, seit einem Jahre in Dalingele wohne und kränklich sei. Wir gingen noch vor dem Schlafengehen ihn zu besuchen. Schon bei unserem Einzug in das Dorf waren mir zwei Gebäude durch hervorragende Grösse und geschmackvolle Bauart aufgefallen. Das eine war die Kirche, das andere das Haus jenes alten Häuptlings von der Rewa.
Die innere Einrichtung entsprach ganz dem Gepräge der Wohlhabenheit, das schon die Aussenseite trug. Ich trat zum ersten mal durch die Thüre einer Vitiwohnstätte, ohne mich bücken zu müssen, in einen hohen, weiten Saal, der das ganze Gebäude ausfüllte. Drei Feuer, um welche einige Weiber sassen, flackerten darin, und auf einer erhöhten Platform, welcher ein quergespannter Moskitovorhang aus kunstvoll gefilzter Tapa etwas Bühnenartiges verlieh, lag einsam und allein der ehrwürdige Greis, dem unser Besuch galt. Geflochtene Matten von ausgezeichneter Feinheit bedeckten den weichgepolsterten elastisch federnden Boden. Eine gewisse Feierlichkeit herrschte in dem düsteren, unbestimmt erhellten Raum. Wir schüttelten Hände, und ich wurde als grosser »Kauka Papalang«, europäischer Arzt, vorgestellt. Der Aermste hatte vor zwei Jahren die Masern gehabt und litt jetzt an Phthisis wie so viele Eingeborene seit der grossen Masernepidemie. Um den Kranken besser zu beleuchten, holte seine Frau eine Petroleumlampe herbei und gab sich alle Mühe, sie anzuzünden. Aber der Docht war hinabgerutscht, und sie konnte nicht damit zurechtkommen, so dass ich selbst die über und über schmutzige und verluderte Lampe in Reparatur nahm. Und aus dem Gelingen dieser meiner Bestrebungen erwuchs mir sofort ein neuer Ruf, und die Bewohner des Dorfes brachten mir am folgenden Morgen nicht blos ihre Kranken, sondern auch ein paar in Unordnung gerathene Petroleumlampen, um sie von mir kuriren zu lassen.
Nach Hause zurückgekehrt wurde nochmals Kawa gekneipt. Dann zogen wir Hose und Stiefel aus, wickelten davon ein Kopfkissen zusammen und uns selbst in Decken und streckten uns neben dem Häuptling zum Schlafe, über uns ein ganzes Arsenal verrosteter Flinten und zu unseren Füssen die wie Kraut und Rüben durcheinander liegenden nackten Untergebenen, welche fast die ganze Nacht husteten.
Trotzdem erwachte ich äusserst erquickt, als bereits die Trommeln zum Morgengottesdienst riefen, und Herr Kleinschmidt, mein liebenswürdiger Mentor, war schon aufgestanden und in der Küche nebenan beschäftigt Kaffe zu machen. Nach dem Bad ging ich in die Kirche, blieb aber nicht lange, weil meine Anwesenheit zu sehr die Andacht störte, versuchte eine Partie des schönen Dorfes zu zeichnen, porträtirte etliche Mädchen, kurirte kranke Menschen und Petroleumlampen und besuchte hierauf mit Herrn Kleinschmidt die nahen heissen Quellen.
Wenn nicht gerade Ebbe gewesen wäre, hätten wir diese gar nicht gesehen. Denn sie entspringen, drei an der Zahl, aus dem Boden des Mangrovesumpfes, welcher hier das Ufer bedeckt, noch unterhalb der Fluthmarke und bestehen aus je ein bis zwei Meter im Durchmesser betragenden Wassertümpeln von der Temperatur eines etwas heissen Fussbades, was ich feststellte, indem ich hineinwatete, da kein Thermometer zur Hand war. Die Umgebung wimmelt von Soldatenkrabben, welche hier rothe, nicht gelbe Scheeren wie sonst überall zu ihren Löchern herausstrecken. Dicht neben diesen drei Tümpeln führt der Weg nach Kamburiki durch den Mangrovesumpf, und hinter diesem steigen schroffe und kahle Felsen aus Lava empor. Wir hatten indessen nicht alle heissen Quellen zu sehen bekommen. Weiter gegen Kamburiki sind noch mehr vorhanden. Dies sagte man uns erst einige Stunden später, als wir bereits wieder auf der anderen Seite der Insel in unserem Standquartier angekommen waren.
Ehe wir Dalingele verliessen, sollten wir noch Zeugen eines Unfalles sein, der einem Weissen aus Wailevu beinahe das Leben kostete. Eben im Begriff aufzubrechen lockte uns der Ruf »Sail oh«, womit der Engländer und auch der ihn nachahmende Viti das Erscheinen eines Fahrzeuges zu begrüssen pflegt, auf den Strand. Ein europäisches Boot kam mit vollen Segeln vor dem Winde herangefahren. Es gehörte einem in Wailevu ansässigen Kaufmann.
Zwischen ihm und dem Ufer donnerte die Brandung über dem Barriereriff, nur die kleine, schmale Eingangsöffnung freilassend. Merkwürdiger Weise steuerte das Boot nicht in der Richtung dieser, sondern geradewegs auf uns zu, und ich war gespannt, wie das Manöver ablaufen würde. Da plötzlich bäumt sich das Boot, eine schäumende Welle, und es verschwindet mit Mann und Maus. Die Welle weicht zurück, den Kiel nach oben fällt das gekenterte Boot auf das Riff, ringsherum ein halbes Dutzend zappelnder Menschen, von der nächsten Welle ebenso rasch wieder verschlungen. Herr Kleinschmidt und ich, wir waren starr vor Entsetzen. Die Eingeborenen jedoch, Männer, Weiber und Kinder, an der Spitze der fromme Missionär, lachten und freuten sich des aufregenden Schauspiels, wie sechs Menschen draussen auf dem Riff mit den Wellen kämpften. Keiner dachte an Rettungsversuche. Und erst als Herr Kleinschmidt zornig auf sie losdonnerte, und den faulen Bonzen einen heidnischen Teufel schalt, halfen sie mir, ein altes Kanuu, welches am Ufer lag, ins Wasser zu schieben, und schwammen damit den Schiffbrüchigen zu Hülfe, welche glücklich alle mitsammt dem umgekehrten Boot an Land bugsirt wurden.
Der Kaufmann aus Wailevu, welchen der Unfall getroffen hatte, erfreute sich keines sehr guten Rufes, und als ich ihn eine Viertelstunde später seine schlechten Messer und fadenscheinigen Kalikos zum Trocknen ausbreiten sah, konnte ich mir wohl denken, warum man sich nicht allzu sehr zu seiner Rettung beeilen wollte.
Als wir bald darauf unseren Rückweg nach Dangai antraten und durch den Busch den Bergsattel hinan marschirten, hörten wir unfern von uns im Dickicht eine weibliche Stimme um Hülfe rufen. »O, da wird eben ein Frauenzimmer genothzüchtigt« sagte kaltblütig mein Freund, und wir mischten uns nicht weiter in die Angelegenheit. Wahrscheinlich handelte es sich um die Ausübung ehelicher Pflichten nach alter Vitiart, welche den Ehegatten vorschreibt, zu Hause getrennt zu leben und sich zum Zweck des Coitus im Walde draussen Rendezvous zu geben. Unter solchen Umständen würde eine ritterliche Intervention wenig Dank geerntet haben.
Am Nachmittag waren wir wieder auf der anderen Seite in dem schmutzigen, ärmlichen Dangai, dem Gegensatz des reichen und stattlichen Dalingele, und in unserer alten verräucherten Hütte.
Beim Nachbar gab es gegen Abend grossen Skandal. Er schlug seine Frau, warf sie unter Fusstritten sammt ihrem Säugling hinaus, lief ihr gleich darauf nach und entriss ihr nach heftigem Kampf, wobei sie ihn stark in den Arm biss, das Kind.