Part 26
Auch der Häuptling von Go Kandavu liess uns zu Ehren Kawa bereiten. Diesmal waren wieder nur Knaben und Jünglinge zum Kauen kommandirt, die Dunkelheit verhinderte, die Details des Vorganges genauer zu sehen. Es wurde wenig gesprochen. Nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen und später das Herumpantschen in der Flüssigkeit unterbrach die andächtige Stille, welche herrschte, trotzdem die ganze Hütte voll von Menschen war. Ein kleiner, brauner Frosch kletterte in die Bowle, setzte sich mit seinem nackten Hintern auf die für uns zurechtgekauten Häufchen und fing verlegen und erschrocken zu weinen an, als Alles darüber lachte. Dies störte aber das Gelage nicht, und die breit gesessenen Häufchen dienten ebenso gut ihrem Zwecke wie die neu hinzukommenden. Unser Gastfreund, der Häuptling, war aussergewöhnlich wohlhabend. Denn er besass Teller, Gabeln und Messer. Nur Schade, dass wir die seltenen Geräthe an nichts Würdigerem als an süssen Bataten zur Anwendung bringen konnten. Aus diesen sowie aus Schokolade und Zwieback bestand unser frugales Abendbrot.
Ein unerwartetes Schauspiel stand mir noch bevor. Ich sollte ein »Meke Meke«, eine Vititanzunterhaltung zu sehen bekommen.
Ich hörte Gesang weit über das Dorf in unsere Hütte herübertönen, und ich ging hinaus nach der Richtung, von welcher er kam. Tarosümpfe umgaben das Dorf, und erst nach einigen Irrwegen fand ich durch sie hindurch und das was ich suchte.
Auf einem freien Platz brannte flackernd ein grosses Feuer, und etwa ein Dutzend Kinder tanzten um dasselbe herum und sangen dazu nach dem Takt zweier Stäbchen, mit welchen ein Jüngling ein Stück Bambus bearbeitete, das ein kleiner Knabe wagrecht vor ihn hinhielt. Mein Hinzukommen störte sie nicht, sondern schien im Gegentheil mehr Theilnehmer herbeizulocken. Eine Menge Mädchen und junger Männer fand sich allmälig ein. Sie trugen als festlichen Schmuck rothe Cordylineblätter um die Stirne gebunden, und an den Knieen Strumpfbänder von gelb und roth gefärbten Gräsern. Die Mädchen drückten sich scheu an mir vorbei und nahmen schreiend und kichernd Reissaus, sowie ich nur eine Bewegung machte. Auch sie traten in die Reihen der Tanzenden, und immer grösser wurde ihre Zahl, und Zuschauer kamen und gruppirten sich auf dem Boden. Fackeln aus dürren Schilfbündeln wurden gebracht, und bald nahm die Unterhaltung bedeutendere Dimensionen an als ich hier in dem so abgelegenen Dorf erwartet hatte.
Es war eine träumerische laue Tropennacht. Der Mond war aufgegangen, die Sterne funkelten, die Zikaden zirpten, und ein leiser Zephyr milderte höchst angenehm die Wärme. Das Feuer und die Fackeln warfen ihr röthlich flackerndes Licht auf die nackten Gestalten und übergossen das ganze Bild mit einem grotesken Zauber. Mehrmals schloss ich die Augen, als ich so dasass auf einem alten faulen Kanuu, um jedesmal beim Oeffnen mich wieder von dem fremdartigen mährchenhaften Anblick überraschen zu lassen.
Die Wendungen des Tanzes waren höchst anmuthig und konnten manchem altersschwachen Ballet bei uns zum Muster dienen. In doppelten Reihen tanzten Mädchen und Jünglinge, bis auf das Tuch um die Hüften nackt und mit Blumen- und Blattguirlanden geschmückt, die geschmeidigen Bronzekörper mit Oel gesalbt, um ein Feuer, erst nach rechts und nach links, dann beide in entgegengesetzten Richtungen, traten zwischen einander hindurch und wieder zurück, hoben und senkten die Arme, bogen und wogen die Hüften und klatschten in die Hände. Daneben sass der Musikant und trommelte den Takt auf sein Bambusrohr, begleitet von dem Gesang aller Anwesenden, Tänzer sowohl als Zuschauer.
Der Gesang, allerdings auch nur in wenigen Noten auf- und niedersteigend, war viel melodischer, als jener, den ich bei den Maoris auf Neuseeland gehört. Der Rhythmus bewegte sich in einem fast endlos wiederkehrenden Daktylus, bis plötzlich mit einem kurz ausgestossenen, rauhen Ton eine Strophe und zugleich eine Tanzfigur schloss. Einer der Tänzer schien Kommandos zu geben, indem er zuweilen laut in der Fistel krähte, was ungefähr wie »Tirürü« lautete, und worauf sofort eine neue Wendung eintrat. Ich habe niemals etwas Graziöseres gesehen, als die natürliche Anmuth in den freien ungezwungenen Bewegungen jener Mädchen. Diese braunen Naturkinder sind von einer bezaubernden Frische. Und dabei wissen sie eben so gut zu kokettiren wie irgend eine Tochter Evas auf Erden, und besitzen hiezu ganz verflucht grosse, schwarze, langbewimperte Augen, um die sie nicht wenige Europäerinnen beneiden dürften.
Im Anfang der Festivität waren einige mit dem obligaten Busenhemdchen erschienen. Im weiteren Verlauf jedoch entledigten sie sich derselben. Sollte es blosser Zufall gewesen sein, oder war es ihr weiblicher Instinkt, dass sie mir ohne dieses geschmacklose und unnöthige Kleidungsstück besser gefielen, nachdem sie gesehen, dass ich kein verkappter Mucker aus England war? Ich habe derartige Demaskirungen fast in jedem Dorfe erlebt.
Die halbpapuanischen Vitis stehen im Rufe grosser Keuschheit, ganz im Gegensatz zu ihren lasziven Verwandten, den Polynesiern. Dementsprechend unterschied sich dieses Meke Meke auch dadurch von den polynesischen Tänzen, dass es keine obszöne Bedeutung, sondern die reine Freude an rhythmischer Bewegung und an Gesang als Motiv hatte. Nicht die leiseste Spur von zweideutigen, anstössigen Geberden war zu bemerken. Nur etwas sah ich, was mich frappirte und der zu herrschen scheinenden Dezenz widersprach. Mehrere kleine Jungen stellten sich ausserhalb des Reigens paarweise einander gegenüber, umfassten einander auch wohl und machten Bewegungen zusammen nach dem Takt der Musik, die im höchsten Grade obszön waren und an Deutlichkeit nichts zu wünschen übrig liessen. Die Aeltern aber, namentlich die Weiber, lachten und schrieen ausgelassen vor Freude über die gelungenen Scherze ihrer sechsjährigen Sprösslinge.
Lange sass ich isolirt. Die Scheu vor dem Fremdling hatte eine breite Zone um mich leer gelassen. Nach und nach aber wurde man zutraulicher. Ein Mädchen oder ein Junge kroch herbei und bettelte um Tabak, und Alles lachte und freute sich über die gut abgelaufene Dreistigkeit, wenn ich ihnen Tabak gab, und der Zuschauerkreis rückte dichter an mich heran. Diese Furcht vor dem Weissen ist keine ursprüngliche, sondern die Folge übler Erfahrungen. Die Südsee-Insulaner kommen in der Regel nicht mit der besten Klasse von Europäern in Berührung. Ich habe manchmal Gelegenheit gehabt zu beobachten, wie selbst der dümmste und erbärmlichste Matrose es für seine Pflicht hält, die sogenannten Wilden verächtlich und gleich Thieren zu behandeln.
Ich blieb über eine Stunde und weidete mich an dem effektvollen Schauspiel. Dann riss ich mich los aus der immer enger um mich sich gruppirenden nackten Gesellschaft. Waren sie ziemlich zutraulich geworden im Bereiche des Feuers, so hatte draussen im Dunkeln meine Erscheinung noch nichts von ihrer Unheimlichkeit eingebüsst, und alle Kinder und Frauenzimmer die mir begegneten ergriffen schleunigst jedesmal wieder die Flucht. Der Tanz wurde unermüdlich fortgesetzt, und noch lange, als ich zu Hause auf der Matte lag, hörte ich den dreitaktigen Lärm der lustigen Schaar herüber.
Ich schätzte mich glücklich, diesem Meke Meke beigewohnt zu haben, da er nicht wie an anderen Orten blos zur Schaustellung und für Geld, sondern zur sichtlichen eigenen Freude der Theilnehmer gehalten worden war.
Als ich am anderen Morgen erwachte, sah ich dass ausnahmsweise auch die Frauenzimmer in derselben Hütte wie wir schliefen. Der alte Häuptling hatte sich aber vorsorglich zwischen sie und uns gelegt. Ein köstliches Bad unter einem Wasserfall, der über senkrechte Felswände herabdonnerte, und das vergebliche Waten durch den Bach und die Tarosümpfe einigen fliegenden Hunden zu liebe, die ich in den Gipfel eines hohen Baumes hatte einfallen sehen, aber im dunklen Laub der Krone nicht wieder entdecken konnte, schufen den prachtvollsten Appetit nach einem substanzielleren Frühstück, als die vegetarianische Lebensweise der Vitis gewähren konnte, und ich fühlte schmerzlich die Entbehrung der Fleischkost. Taroknollen, Zwieback und Schokolade waren nur ein kümmerlicher Ersatz.
Herr Kleinschmidt schacherte noch mit unserem Gastfreund um den Preis eines kunstvoll aus Schildpatt, Knochen und Perlmutter gefertigten Angelhakens, der von dessen Grossvater stammen sollte und den er nur ungern und zaudernd hergab. Aber der Glanz des schnöden Mammons war ihm unwiderstehlich, und er bat nur, nichts von dem Handel seinen Stammesgenossen verlauten zu lassen. Ein paar scharlachrothe Sulus wurden als Gastgeschenk verabreicht, unsere Burschen beluden sich mit dem Gepäck und wir nahmen Abschied. Manch hübsches Mädchen von gestern sah aus den niedrigen Hütten und winkte uns Grüsse nach »Sa yandre, sa yandre«.
Go Kandavu ist umgeben mit Tarosümpfen wie eine Festung und hat nur einen einzigen Zugang. Wir mussten es also auf demselben Wege verlassen, auf dem wir gekommen waren. Abermals über einen dickbewaldeten, hindernissreichen Berg, auf dessen Gipfel wir rasteten. Zwei ärmliche Hütten mit sehr schmutziger Einwohnerschaft standen in einer Lichtung, in welcher Bergtaro wuchs. So elend und verkommen wie diese Vitifamilie die hier hauste habe ich keine mehr sonst auf Kandavu jemals getroffen. Sie erinnerte an die schlechteste Sorte der Maoris von Neuseeland.
Endlich endlich kamen Zeichen, dass wir uns unserem Freund Charly näherten. Zuerst ein festgetretener Weg und etliche verwahrloste Baumwollenstauden. Der Wald hörte auf und eine sonnige Wiese breitete sich über den Abhang aus. In einem reinlich gejäteten Viereck waren zwischen grossen vulkanischen Felsen Ananasse in Reihen gepflanzt. Daneben Kaffegebüsch, aus welchem bereits die rothen Beeren blinkten.
Ein Haus und ein paar Hütten, wir waren am Ziele. Charly kam uns freundlich entgegen, und hinter ihm die drei grünen Landsleute und die zwei grossen Neufundländerhunde. Charly hatte mittlerweile wieder etwas Deutsch gelernt und war sehr stolz darauf. Er zeigte uns seine braune Gemahlin und seine vier hübschen halbbraunen Kinder. Was uns aber im Augenblick viel interessanter war, er gab uns zu essen, und zwar ein wunderbar duftiges Schweinchen. So gut wie bei Charly hatte ich schon lange nicht mehr gelebt. Und fehlte ihm auch jede Spur alkoholischer Flüssigkeit, so gab es bei ihm einen so ausgezeichneten Kaffe eigenen Gewächses wie ich niemals gekostet zu haben glaubte. Jetzt da ich den guten Kerl zum ersten mal nüchtern sah, machte er einen viel besseren Eindruck als damals in Wailevu.
Charly erzählte mir seine Lebensgeschichte. Er war vor zwanzig Jahren Matrose auf einem Walfischfänger gewesen und seinem Kapitän eines schönen Tages davongelaufen, um sich unter den Viti-Insulanern, die damals noch Menschen frassen, herumzutreiben. Nach vielen Abenteuern hatte er sich hier in Waidule niedergelassen, die Tochter eines benachbarten Dorfhäuptlings geheirathet und dadurch seine Besitzung erhalten. Verbrieft und nach den neuen englischen Gesetzen unzweifelhaft gültig war sein Titel darauf allerdings nicht. Aber er lebte davon. Er hatte Schweine und Hühner, und was er sonst brauchte, wuchs ihm ohne viel Mühe zu machen im Ueberfluss. Monatlich einmal, wenn die Postdampfer kamen, fuhr er mit seinem Boot nach Wailevu, verdiente durch Fährdienste etwas Geld und kaufte sich dafür einen tüchtigen Rausch, um dann in der frohen Erinnerung dieses und in der frohen Erwartung des nächsten die Zwischenzeit nüchtern und idyllisch zu verträumen.
Dieser Platz hier oben heisst Waidule. Unten am Ufer ist eine andere Ansiedelung von Weissen, Nawai mit Namen. Dort wohnte der andere seiner Muttersprache entfremdete Landsmann und ein Engländer, Mister Smith, ebenfalls mit farbigen Weibern zusammen. Es wurde nach ihnen geschickt, und sie kamen herauf, so dass wir bald zahlreiche Gesellschaft hatten.
Die drei grünen Deutschen machten lange Gesichter. Es schien ihnen zu dämmern, dass hier zu Lande doch nicht so leicht Geld zu verdienen sei. Mit der nächsten Post wollten sie nach Levuka gehen um Land zu kaufen, so sehr man ihnen auch allgemein abrieth und die Versicherung gab, dass sie doch wahrscheinlich keines bekämen. Die Regierung hatte in der letzten Zeit alle derartigen Geschäfte suspendirt. Da die Eingeborenen kein Eigenthum in unserem Sinne kannten, so gaben die bereits geschehenen Verkäufe und Verpachtungen von Land zwischen Häuptlingen und Weissen zu allen möglichen Zweifeln und Streitigkeiten Veranlassung. Diese sollten jetzt untersucht und geschlichtet werden, und bis dies geschehen, war kein neuer Vertrag gültig. Am übelsten fühlten sich wohl die beiden Neufundländerhunde auf Viti. Die Zungen hingen ihnen zum Halse heraus, sie sehnten sich offenbar nach dem kühleren Deutschland zurück.
Leider hatte sich Herr Kleinschmidt auf dem letzten Theil des Marsches verletzt und wollte nun mit Charlys Boot über Wailevu nach Hause zurück. Unsere schöne Partie fand somit rasch einen gewaltsamen Abschluss. Es traf sich merkwürdig dass auch Charly und seine Nachbarn die Absicht hatten, heute oder morgen Geschäfte halber dorthin zu fahren. Die ganze Flotte von Nawai, die aus zwei Böten bestand, wurde deshalb schleunig in Dienst gestellt und ausgerüstet.
Wir theilten uns in zwei Partieen. Herr Kleinschmidt und ich, unsere drei Burschen und zwei Leute zum Rudern besetzten das kleinere Boot, die Uebrigen folgten in dem grösseren.
Wir mussten bald einsehen, dass wir eine sehr schlechte Wahl getroffen hatten. Kaum waren wir aus der windgeschützten Bucht hinausgerudert, und kaum kamen die ersten Stösse des Passates um die linke Felsenecke in das Segel geflogen, als sich unser Fahrzeug jäh auf die Seite legte und sich dadurch so rank erwies, dass wir das Segel reffen mussten. Hierbei stellte sich heraus, dass die ganze Takelage in dem lotterigsten Zustand, und dass unsere braune Besatzung eben so ungeschickt als faul war. Mein Freund wurde nervös und hörte nicht mehr zu schelten auf. Zu unserem grössten Verdrusse segelte während dessen das andere Boot glatt an uns vorüber, wir blieben weit zurück und holten es nicht wieder ein.
Es giebt ein kostbares Wort auf Viti, welches den dort von Weissen und Braunen geübten süssen Schlendrian treffend bezeichnet, »Malloa« nämlich. Malloa heisst ursprünglich »Später« oder »Morgen«, jetzt wird es allgemein unter einem leisen Beiklang von Selbstironie angewendet, um mit der obligaten Saumseligkeit auszusöhnen. Drückt man seine Verwunderung aus über den herrschenden Mangel an Pünktlichkeit, frägt man nach dem Zeitpunkt einer zu leistenden Arbeit, dringt man ärgerlich auf rascheres Handeln, man hört stets denselben gemüthlichen Refrain »Malloa«. Auch jetzt mussten wir uns wieder mit »Malloa« vertrösten.
Die Fahrt nach Wailevu wurde ziemlich ungemüthlich, so schön auch der Anblick war, den die in der Abendbeleuchtung ruhenden prächtigen Berge zur Rechten und die an den Korallenriffen sich brechende See zur Linken gewährten. Wir segelten im ruhigen Wasser innerhalb der Riffbarren hin. Gleich einem hohen glänzenden Wall zieht sich draussen die Linie der Brandung parallel den Konturen der vielgebuchteten Insel entlang, rastlos toste und donnerte sie zu uns herüber. Manchmal kamen wir ihr so nahe, dass wir uns kaum noch verstanden. Wir sahen dann, wie jenseits die langen Wogen stetig hinter einander heranrückten, drohend uns zu verschlingen. Aber das Bollwerk stand unerschütterlich, und ohnmächtig zerstoben jene sich nach vorne überstürzend im schäumenden und brüllenden Getümmel.
Ein friedlicheres Bild boten die Palmenhaine und dicht bewaldeten Gründe zur Rechten. Rauchsäulen stiegen überall von den Thälern zum Himmel empor, groteske Felsen sprangen dazwischen zu uns heraus.
Die Nacht senkte sich hernieder, und wir waren noch ziemlich weit von Wailevu. Ueberall konnten Klippen verborgen sein, keiner von uns kannte die Gegend. Die fünf braunen Kerls waren zu nichts zu gebrauchen, und das Boot und die Takelage flössten wenig Vertrauen ein. Haifische sollten hier in Menge lauern, eine unerfreuliche Aussicht im Fall des jede Minute drohenden Kenterns. Ich lag vorne und guckte ins Wasser nach Riffen. Wie war es da anders möglich, als dass mir jede schwarze Stelle des höhlenreichen Grundes ein gefrässiger Haifisch dünkte, der unser Boot zu verfolgen schien.
Zum Glück war der Himmel klar, und die Sterne leuchteten freundlich auf uns herab. Vorne im Westen glühte der Schein eines Waldbrandes. Ich hielt ihn anfänglich für ein besonders schönes Zodiakallicht.
Bis wir in die Angaloa Bai einbogen und die Lichter des Hotels von Wailevu wieder erblickten und mühselig landeten, war es spät geworden. Die Anderen waren schon eine gute Stunde da und hatten bereits Zeit gehabt, sich zu betrinken. Mister Smith hatte sein Frauenzimmer, eine furienartige Erscheinung gemischter Rasse mit triefenden Augen, mitgebracht. Man sagte, er wolle sich ihrer entledigen, indem er sie auf den Kutter nach Levuka zu locken beabsichtige. Ich konnte ihm seinen hinterlistigen Plan bei Gott nicht verdenken. Auch in ihr wütheten die Dämonen des Schnapses. Sie war eben erst in Folge unpassenden Benehmens an die Luft gesetzt worden und durfte für den Augenblick das Wirthshaus nicht betreten. Deshalb lauerte sie draussen vor den Fenstern herum und heulte. Mister Smith, ihr süsser Gemahl, war einmal im Verlauf des Abends so unvorsichtig, hinauszugehen und nach ihr zu schauen. Ein heftiges Gekeife, laut schallende Ohrfeigen draussen im Dunkel der Nacht, und Mister Smith kam mit zerkratztem Gesicht wieder herein, goss sich schnell ein Weinglas voll Schnaps in den Magen und wischte sich langsam vor dem Spiegel das Blut von den Wangen ohne weiter ein Wort zu verlieren.
Am anderen Morgen hatte ich die Genugthuung, zu finden, dass die Brücke über den Bach mittlerweile fertig geworden war, im Gegensatz zu den sonst hier zu Lande allgemein üblichen Vorrichtungen dieser Art, die nur aus zwei drehrunden glatten und dünnen Palmstämmen gebildet sind, ein stolzes Bauwerk. Die beiden Aufgänge waren noch im Entstehen begriffen. Ein Dutzend brauner Bummler trug Steine und Erde herbei, ohne sich allzu sehr anzustrengen. Nach jedem Gang, der zwei faustgrosse Brocken als Resultat hatte, setzten sie sich nieder und bewunderten ihre Leistung. »Malloa«. Unweit davon hockten die Kinder des Dorfes in einer Reihe am Strande und kratzten mit ihren Fingerchen kleine essbare Muscheln aus dem feuchten Boden.
Während Herr Kleinschmidt ein Boot zu leihen nahm, um über den Yarambaly-Isthmus zu setzen und nach Hause zu fahren, denselben Weg, den wir zuerst gemacht, zog ich es vor, zu Fuss der vielfach gewundenen Küste entlang zu gehen. Ich passirte zuerst die Dörfer Nuku und Namalatta. Es war Ebbezeit, und die gesammte weibliche Bevölkerung von Namalatta trieb sich auf den blossgelegten Riffen herum und fischte. Einige alte Weiber sassen am Ufer und schuppten mit scharfen Muscheln unbarmherzig die zappelnden Fische, die ihnen kleine Jungen in Körben herbeitrugen.
Nach einem ermüdenden Marsch, abwechselnd durch weichen hässlich nachgiebigen Sand und über grosse schlüpfrige Blöcke, war ich am Nachmittag wieder in Gavatina. Vor allen Palmenhainen, an denen ich vorüberkam, staken drei oder vier lange Stangen in der Erde, an deren Spitze Strohbüschel hingen, das Zeichen des »Tambu«. Denn in Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre und ihre Steuer an die Regierung zu zahlen. Nicht leicht würde ein Viti sich erkühnen dieses Tambu zu brechen und von den verbotenen Früchten zu stehlen. In den meisten Dörfern kann man selbst gegen gute Bezahlung keine Kokosnüsse bekommen, obwohl sie überall in Fülle vorhanden sind. Ein unerschütterliches »Tambu, tambu« antwortet auf alle Bestechungsversuche, und dabei machen die schwarzen Kerls ein Gesicht, als ob ihnen schon die ganze Hölle im Nacken sässe.
XV.
BESTEIGUNG DES BUKELEVU.
Landung in Dangai. Mandrai und Arrowroot. Improvisirte Naturalienhändler. Ausflug nach Dalingele. Tonganer. Festessen und Kawagelage. Ein schwindsüchtiger Häuptling. Die heissen Quellen. Unfall und Nothzucht. Mühseligkeiten des Bukelevu. Hungersnoth und Kälte. Abstieg. Schneckenfrühstück in Lomadsche. Sonntagstoilette der Insulanerinnen.
Während wir die Partie nach Waidule machten, war Mister Daymac in dem Kutter nach Levuka gefahren, um eine mit der letzten Post von Hamburg über Sydney eingetroffene Sendung von Spiritus und anderen Ausrüstungsgegenständen zu holen. Als wir zurückkehrten war er schon wieder da. Er hatte sehr gutes Wetter gehabt, aber es war ihm das Unglück passirt, in der Nacht auf ein Riff zu stossen. Der Kutter hatte dadurch ein Leck bekommen und musste geflickt werden.
Herr Kleinschmidt requirirte vom Tui etliche zwanzig Burschen, um ihn aufs Trockene zu ziehen, und früh am folgenden Morgen, während ich noch in meinem Zelt auf der Matte lag, kamen dieselben in zwei Kanuus aus Sanima angerudert. Schon von ferne tönte ihr fröhlicher und melodischer Gesang in den herrlichen Morgen unseres stillen noch halb beschatteten Thales herein.
Es galt nun, rasch an die Arbeit zu gehen, ein Brett auf das Leck zu nageln, und schliesslich den ganzen Kutter zu kalfatern und mit Theer anzustreichen. Ein reisender Naturforscher in der Südsee hat sich auf all diese Dinge zu verstehen. Das Reisen ist dort mit Umständlichkeiten und Mühsalen verbunden, von denen man ohne eigene Anschauung nur schwer sich einen Begriff macht. Als der Kutter wieder flott war, zog sein Holz, ausgedörrt von der Sonne, so viel Wasser, dass Herr Kleinschmidt und sein Gehilfe mehrmals in der Nacht aufstehen und in der Jolle hinausfahren mussten, um auszupumpen.
Am 25. Juli endlich war es möglich die zweite Partie unseres Programms, die nach dem Bukelevu, anzutreten. Wir schifften uns auf dem Kutter ein und lichteten Anker. Auch Mister Daymac ging diesmal mit und ausser Niketi noch zwei Kerls von Sanima zum Rudern. Ein günstiger Wind brachte uns rasch über die Korallenriffe und in offene See. Die Ufer wichen zurück, der Bukelevu, der hohe westliche Pfeiler Kandavus, trat uns entgegen.
Allenthalben segelten Kanuus der Eingeborenen, und eines, vollbeladen mit Männern, Weibern und Kindern, fuhr so nahe in gleicher Richtung vorüber, dass ich es flüchtig skizziren konnte, aber auch so rasch, dass ich kaum damit fertig wurde. Der Kutter war ziemlich schwer und durfte es an Schnelligkeit nicht mit den leichten, fast körperlosen Vitifahrzeugen aufnehmen. In allen möglichen Stellungen lag und sass die ob unseres Zurückbleibens laut lachende Gesellschaft auf der Platform zwischen Kanuu und Ausleger vor und hinter dem nach vorne geneigten Mast, häufig von den hüpfenden Wellen bespült. Auf dem Hintertheil standen aufrecht zwei Männer und steuerten mit langen Riemen, die sie im Kielwasser nachschleppen liessen, und die Umrisse ihrer Gestalten zeichneten sich scharf wie Silhouetten gegen den klaren Horizont ab.
Weit im Norden schwammen die duftigen Berge der nächsten Inseln über der blauen Fläche. Links thürmten sich die dunklen Massen des Busches von Kandavu über dem glänzenden Muschelstrand, hie und da kreischten ein paar zänkische oder geschwätzige Papageien aus dem fernen Dickicht bis zu uns herüber. Die glühende Sonne und die frische Brise mischten sich zu einer angenehmen wohlthuenden Wärme. Es war ein Hochgenuss, so dahin zu segeln.
Aber nach kaum vier Seemeilen schlief der schöne vielversprechende Wind ein und machte einer tödtlichen Stille und einer versengenden Hitze Platz. Das Segel fiel von einer Seite zur anderen, und beständig mussten wir uns bücken, um nicht von dem haltlosen Besanbaum bald links bald rechts an den Kopf geschlagen zu werden.