Part 22
Die Vitis sind wie gesagt schöne, schlanke, muskulöse Menschen. Sie sind wohl im Durchschnitt länger und kräftiger als die Europäer, mehr gleichlang und mehr gleichentwickelt, ohne die Extreme der bei uns vorkommenden Riesen und Zwerge, Dickwänste und Klapperskelette. Ihre Gesichtszüge sind meistens angenehm, oft edel, selten so roh und brutal wie man bei den Söhnen der schlimmsten Kannibalen, welche die Geschichte der Menschheit kennt, erwarten möchte. Die Nase ist breit, die Nüstern sind ebenso wie bei den Polynesiern etwas weit geöffnet, die Jochbogen nur mässig oder wenig vorspringend. Der Mund ist sinnlich voll, ohne unschön zu sein. Die horizontal geschlitzten Augen sind dunkelbraun, die Haare schwarz, in der Regel aber künstlich ins Röthliche gefärbt, die Haut braun, schokolade- bis rothbraun, bald heller, bald dunkler. Von dem bläulichen Schimmer der Haut, der ihnen beigelegt wird (Gerland, Peschel) habe ich nichts wahrnehmen können. Das Haar ist kraus und wird gegenwärtig allgemein sehr kurz gehalten. Ich habe das für die Papuas von A. R. Wallace als charakteristisch angegebene Pudelhaar nur einmal bei einem Mädchen von etwa fünf Jahren gesehen. Das ganze Kopfhaar war hier in einzelne Löckchen von sieben Zentimeter Länge verfilzt, es wuchs aber gleichmässig über den ganzen Kopf aus der Haut, nicht in Büscheln wie bei den Schuhbürsten. Barrow hat nämlich den Hottentotten dieses Schuhbürstenhaar nachgerühmt. Und Hottentotten und Papuas stehen bei Häckel neben einander als Büschelhaarige. Der Bartwuchs ist bei vielen Vitis, namentlich adeligen, reichlich. Greise haben weisse Haare und weissen Bart.
Unter den jüngeren Weibern giebt es hübsche, anmuthige Gestalten mit freundlichen Zügen. Ihre Formen sind zuweilen sehr üppig. Im allgemeinen aber fehlt den nicht mehr in der ersten kurzen Blüthe befindlichen Frauen die Grazie der europäischen Weiblichkeit, sie nähern sich zu sehr dem männlichen Typus, wozu auch noch der Umstand beiträgt, dass sie die Haare kurz geschoren tragen, und sie werden sehr rasch welk und alt. Die Brüste, auch der eben erst reif gewordenen Mädchen, zeichnen sich aus durch eine auffallende Hervorragung des Warzentheils, der leicht abgeschnürt erscheint und so dem ganzen Organ etwas Birnförmiges verleiht.
Es ist ein grosser Unterschied ob man diese sogenannten Wilden in der Ruhe oder in der Bewegung betrachtet. In der Ruhe, wenn sie so gerade vor sich hinstieren und vielleicht auch wohl den Mund offen stehen lassen, sehen sie gewiss nicht vortheilhaft aus. In der Bewegung aber, wenn sie lebhaft gestikulirend mit einander sprechen und lachen -- und sie lachen fast immer -- wenn ihre herrlich weissen Zähne und ihre dunklen Augen blitzen und funkeln, gewähren sie ein höchst anziehendes Bild von Kraft und Frische, Urwüchsigkeit und Wildheit. Desshalb wird auch die beste Photographie immer weit zurückbleiben hinter dem unmittelbaren lebendigen Eindruck, den diese Naturmenschen auf den Beschauer ausüben, und nie eine richtige Vorstellung geben. In den Hütten sitzen sie gewöhnlich mit gekreuzten Beinen auf ihren Matten, im Freien aber kauern sie am liebsten nieder, ohne mit dem Hintertheil den Boden zu berühren, die Sohlen ruhen voll auf der Erde, und sie sitzen dabei förmlich auf ihren Waden.
Die Nahrung der Vitis ist eine vorzugsweise vegetabilische. Taro und Yams, Kumala, Bananen und Brodfrüchte liefern die Hauptgerichte. An Kokosnüssen ist kein Mangel, aber sie sind von den Missionären »tambu« erklärt, und fast vor jedem Kokospalmenhain stecken drei oder vier lange Stangen in der Erde, an deren Spitzen Strohbüschel hängen, das Zeichen des »Tambu«. Denn in Kokosnüssen haben die Eingeborenen ihren Zehnt an die Missionäre und ihre Steuer an die englische Regierung zu zahlen. Der Botaniker Seemann, der 1860 und 1861 die Vitiinseln in offiziellem Auftrage bereiste, sagt dass die Yamswurzel die Hauptnahrung der Vitis sei. Auf der Insel Kandavu scheint mir indess Taro überwiegend gebaut zu werden, vielleicht wegen der hier zahlreicheren kleinen Gebirgsbäche, die zu Sümpfen aufgestaut, sich besonders gut zur Anlegung von Taro-Pflanzungen eignen. Die Taropflanze ist eine Colocasia und die Yamspflanze eine Dioscorea. Letztere wird auf Aeckern in einzelnen Erdhäufchen, welche wie Maulwurfshügel aussehen, gezogen. Die Kumala oder süsse Kartoffel oder Batate ist ein Convolvulus und hat mit unserem Solanum nichts gemein als ihren deutschen und ihren englischen Namen. Taro, Yams und Kumala, Bananen und Brodfrucht werden gekocht gegessen.
Schweine und Hühner sind in jedem Dorfe vorhanden, sie werden aber nur bei hervorragenden festlichen Gelegenheiten, und dann in um so grösseren Quantitäten, verzehrt. Fische alle Tage und Schildkröten ziemlich selten liefert die See. An regelmässige Mahlzeiten scheinen sich die Eingeborenen nicht zu binden. Die auf den Riffen erbeuteten Fische werden entweder in Körbchen nach Hause getragen oder sogleich an Ort und Stelle verzehrt. Die Jungen, die mit hinausbummeln, tragen glimmende Holzscheite mit und schwingen sie von Zeit zu Zeit im Kreise, um sie in Brand zu erhalten. Haben sie einen kleinen Fisch, so wird er kurzweg lebendig auf die Gluth gehalten, um erst die eine Seite, dann die andere ein bischen anzuschmoren, in den Mund geschoben und abgebissen. Vor jedem Dorfe das am Strande liegt sind draussen an einer tieferen Stelle im Wasser Stangen kreisförmig dicht neben einander in den Grund gesteckt und oben durch Stricke verbunden, Käfige in die man die Schildkröten einsperrt bis man sie schlachten will. Die zahlreichen Papageien und Tauben des Waldes tragen nichts zur Küche des Viti-Insulaners bei. Es ist ein grosses Glück für die ornithologische Fauna der Inseln, dass jene mit den Gewehren die sie besitzen nicht umzugehen verstehen. Teller, Gabeln und Messer hat man für gewöhnlich nicht. Man isst mit den Fingern beider Hände, die Speisen werden sehr reinlich auf Blättern servirt. Früher bediente man sich für Menschenfleisch besonderer geheiligter Gabeln aus Holz.
Ihre Sprache, welche eine Abart des Polynesischen ist, während sie selbst dem Körperbau nach zu den Papuas gehören, klang mir womöglich noch wohllautender, als das Maori der Neuseeländer. Dabei lässt ihre Artikulation an Deutlichkeit nichts zu wünschen, ganz im Gegensatz zu jener des Englischen. Welche Mühe kostet es dem Anfänger, das gesprochene Englisch zu verstehen, jeder Engländer scheint ihm anders zu reden. Im Viti aber braucht man ein Wort blos einmal gehört zu haben, um es später sofort wieder zu erkennen.
Die Vitis sprechen alle das reine linguale R, während bei den Hawaiiern, deren Konversation ich später belauschen sollte, das gutturale R vorherrscht. Mit den Samoa-Insulanern haben sie die Ausnahme gemein, ein S zu besitzen, welches den übrigen Polynesiern fehlt. Das aspirirte S dagegen, unser Sch, besitzen sie nicht und scheinen es meist durch das ihnen eben so wie den Arabern, Griechen, Spaniern und Engländern eigenthümliche Theta (scharfes englisches Th) zu ersetzen. Ich hörte statt »Shilling« immer nur »Thilling«. Eine andere Eigenthümlichkeit, welche an die Sprachen der westafrikanischen Neger erinnert, besteht darin, dass sie den Buchstaben D, G, K und M fast immer ein N, und dem B ein M als Vorschlag voransetzen. Die Missionäre als erste Vitigrammatiker haben deshalb die Schreibweise Kadavu, Bega, Bau (drei Inseln), Thakobau (der ehemalige König), Buke (Berg), Dalo (Taro), Malatta, Galoa (die beiden Buchten) eingeführt, während man Kandavu, Mbenga, Mbau, Thakombau, Mbuke, Ndalo, Nmalatta oder Namalatta, Ngaloa oder Angaloa sagt, indem sie, wunderlich komplizirend, die richtige Aussprache von der Kenntniss dieser Regel und der dazugehörigen Ausnahmen abhängig machten. Zur Transskription des Vitilautes Th (= dem englischen weichen Th) haben manche das C verwendet. Deshalb liest man auch Cakobau.
Es giebt eine Menge Dialekte im Viti, wenn man fein unterscheiden will, vielleicht eben so viele als einzelne Inseln. Daher kam es, dass ich für meine gesammelten Pflanzen, wenn ich sie wiederholt verschiedenen Eingeborenen vorlegte, um ihre Namen zu erfahren und festzustellen, oft von jedem einen anderen erhielt, weil die Gefragten von verschiedenen Inseln stammten.
Die Adeligen und Vornehmen der Vitis waren früher die schlimmsten Kannibalen der Erde. Ursprünglich war das Menschenfressen ein religiöser oder patriotischer Gebrauch. Man triumphirte über die erschlagenen Feinde indem man sie auffrass. Später scheinen sich Prahlerei, Leckerei und andere niedrigere Motive geltend gemacht zu haben. Man wollte sich gegenseitig in der Anzahl der gefressenen Menschen überbieten, und es kam so weit, dass die Untergebenen niemals sicher waren, eines schönen Tages den Appetit ihrer Herren zu reizen. Ich glaube nicht, dass man alles für wahr zu halten braucht, was von den Missionären hierüber berichtet wird, von den Missionären, denen daran gelegen sein musste, die Heiden möglichst schwarz und damit den Glorienschein ihrer Bekehrung möglichst strahlend zu machen. Ich vermag auch durchaus nicht vor dem Kannibalismus eben so entsetzt die Augen zu verdrehen, wie diess für manche zum guten Ton zu gehören scheint, wenn ich an die Rechtsgebräuche unserer biederen Vorfahren denke. Mir liegt das Abscheuliche an dem Kannibalismus nur in der willkürlichen Tödtung einzelner Individuen durch die Mächtigen -- ein Frevel, an dem es in unserer Geschichte doch wahrlich auch nicht fehlt -- nicht in dem Auffressen der Leichen, dem vielleicht bei dem Mangel grösserer Thiere ein physiologisches Bedürfniss zu Grunde lag. Dennoch kann niemand läugnen, dass die Zustände der Vitis in der vorchristlichen Zeit grässlich genug waren. Es wird mit allem Anschein der Glaubwürdigkeit erzählt, dass ein Mann einmal seine Frau, mit der er in Eintracht lebte, lebendig in den Ofen schob, kochte und frass, blos um den Ruf eines fürchterlichen Menschen, eines »verfluchten Kerls«, zu erlangen.
Jetzt giebt es in Viti wohl keine Menschenfresserei mehr. Man behauptet zwar, dass im Innern der grossen Insel derlei noch vorkomme, ohne jedoch Beweise zu haben. Erzählungen hierüber, wie über alles Sensationelle, sind stets mit der grössten Vorsicht aufzunehmen.
Man nimmt auch von den Vitis an, dass sie aussterben. Sollte dies wirklich der Fall sein, was nicht entschieden werden kann, solange noch keine Zählungen sondern blos Schätzungen vorliegen, so geschieht es wahrscheinlich nur durch akut auftretende Epidemieen, nicht aber chronisch und stetig durch immerwährende schädliche Einflüsse, wie bei den Maoris und bei den Hawaiiern. Während die Maoris und die Hawaiier, beide in Folge der Liederlichkeit und Minderzahl ihrer Weiber, erstere ausserdem noch in Folge von Trunksucht, ihrem Untergang entgegensehen, erfreuen sich die Vitis des Rufes grosser Keuschheit und enthalten sich, von der Regierung sorgfältig überwacht, der streng verbotenen Spirituosen. Während auf Neuseeland und namentlich auf Hawaii kleine Kinder unter den Eingeborenen ziemlich selten sind, wimmelt auf Viti jedes Dorf von Nachkommenschaft und lässt sich fast aus jeder Hütte das Quieksen eines Säuglings vernehmen.
Während also unter den Viti-Insulanern die Bedingungen für ein chronisches stetiges Aussterben zu fehlen scheinen, hat bereits einmal ein akutes aber vorübergehendes Moment die Bevölkerung dezimirt, eine Masernepidemie nämlich, welche in der ersten Hälfte des Jahres 1875, mit einer Heftigkeit die bei der weissen Rasse unerhört ist auftretend, in manchen Dörfern die Hälfte der Einwohnerschaft ohne Unterschied des Alters hinwegraffte, kurz nachdem Viti englisch geworden war. Ich fürchte, dass Tuberkulose als die Nachwirkung jener Katastrophe seitdem unter den Viti-Insulanern ziemlich häufig ist, wie ja auch bei uns in den Generationen, welche von grossen Masernepidemieen betroffen wurden, die Prozentsätze der Tuberkulose zu steigen pflegen.
Vor der Ankunft der Europäer gab es auf Viti keine Infektionskrankheiten. Selbst die giftigen Thiere sind hier auf ein Minimum beschränkt, nur zwei Arten, ein Skorpion und ein Skolopender, vertreten dieselben in ziemlich harmloser Weise. Dysenterie soll hie und da vorkommen, aber auch erst durch die Europäer eingeschleppt.
Es war durchaus nicht der beste Schlag von Eingeborenen, der in unserer Nähe wohnte und uns häufiger besuchte. Auf den beiden Ausflügen nach dem Ostende und nach dem Westende der Insel habe ich später viel schönere Vitis kennen gelernt. Einigemal sah ich in Gavatina hässliche Drüsennarben am Halse und schlechte Zähne bei Mädchen und Jungen, was darauf hindeutet, dass auch diese glücklichen Wilden nicht frei sind vom Fluch der Skrophulose.
Was wir von den Eingeborenen kauften, wurde in der Regel mit Waaren bezahlt. Messer und Scheeren, Aexte und Angelhaken, Baumwollenzeug, zwei Ellen mit den ausgespannten Armen gemessen gleich einem Sulu, Glasperlen, Nähfaden und rothe Wolle, womit die Matten aus Pandanusblättern an den Rändern verziert werden, waren die hauptsächlichsten Tauschartikel. Die Insulaner prüften Alles sorgfältig, ob es auch gut sei, ehe sie nahmen. Das »Billig und schlecht« soll auch ihnen bereits bekannt sein. In denselben Artikeln bestanden unsere Gastgeschenke, wenn wir auf Exkursionen bei einem Häuptling übernachteten.
Ueberall wo der schöne hellblinkende Korallensand das Ufer bedeckt, schiebt sich von innen heraus als erste Vegetationszone ein flach auf dem Boden fortkriechender dickblätteriger Convolvulus mit rosenfarbenen Blüthen vor, die schönste und stylvollste Besäumung der Palmenhaine, die man sich denken kann. Dies scheint die einzige kleinere Pflanze zu sein, die selbst des geringsten Schattens entbehren kann, aber auch nur, indem sie in geschlossenen Massen der Sonnenhitze entgegentritt. Die Grenzen ihres Bereiches sind scharf abgeschnitten, und einzelne eigenmächtig vordringende Ranken verfallen dem Tode.
Etliche Schritte einwärts beginnen die Palmen. Der Convolvulusteppich wird spärlicher, und ein verworrenes Strauchwerk von Ricinus, Croton, Farnen und hohem Gras breitet sich unter ihnen aus. Hie und da ragen mächtige durch ihre knorrigen Zweige an unsere Eichen erinnernde Dilobäume mit steifen lorbeerähnlichen Blättern weit über alles Andere hervor. Häufig sieht man die Reste verlassener Baumwollenpflanzungen mitten zwischen Gestrüpp und im ungleichen, hoffnungslosen Kampf mit diesem. Solcher Art ist auch der Charakter unseres stillen Thales von Gavatina.
Einen Büchsenschuss vom Strande entfernt rücken die Berge zu einer schmalen Schlucht zusammen, durch welche ein murmelndes Bächlein herabsteigt. Am Fusse der Berge beginnt der Busch. Schmale und steile Pfade winden sich in ihm aufwärts, von den Eingeborenen ausgetreten, welche dort oben Holz, Lichtnüsse und Zitronen holen oder in ausgebrannten Rodungen Bergtaro bauen. Oft hören diese Pfade plötzlich auf, und will man dann noch weiter im Dickicht dringen, so stemmen sich Hindernisse entgegen, deren Grossartigkeit aller Beschreibung spottet.
Gleich der erste Ausflug, den ich mit meinem Gastfreund und dessen Burschen Niketi unternahm, gab mir einen Begriff von den Schwierigkeiten des Naturforschens in tropischer Vegetation.
Mit Flinten und Schiessbedarf, Schachteln und Gläsern, Pflanzenpapier und Baumwolle ausgerüstet, alle Taschen dick bepackt, kletterten wir durch einen halbvertrockneten Wasserlauf voller Felsblöcke die jungfräulichen Urwaldgründe hinauf, der kleine nackte Niketi gewandt voran, obgleich er der Schwerstbeladene von uns dreien war und bei dem Mangel an Taschen in der einen Hand eine Blechbüchse mit Gypspulver zum Bestreuen der blutenden Wunden geschossener Vögel, in der anderen eine Spiritusflasche zu tragen, überdies einen für ihn viel zu grossen Ranzen umgehängt und später auch noch den ebenfalls viel zu grossen Filzhut seines Herrn, der diesem lästig wurde, auf den Kopf gestülpt hatte.
Je höher wir kamen, desto enger drängte sich das Gewirr der Bäume, Sträucher und Lianen über uns zusammen. Dunkelrothe Papageien flogen, ein langweiliges Giek gak ausstossend und ihren Schwanz breit entfaltend, über uns hin. Aber um diese gemeinen Vögel war es uns heute nicht zu thun. Herr Kleinschmidt wollte eine kleine niedliche hellgrüne Taubenart mit gelben Köpfen schiessen, die nur ganz oben zu finden ist. Noch eine gute Strecke aufwärts war zu überwinden, und wir sahen uns plötzlich mitten im pfadlosen Dickicht. Mein Freund war schon öfter diesen Weg gekommen, aber keine Spur seiner früheren Bahnen liess sich entdecken.
Durch das Laub war gerade noch die Richtung der Sonne zu errathen. Baumstämme jeden Kalibers, Felsblöcke und mannstiefe Löcher, Alles überwuchert von hundert verschiedenen Pflanzen, bildeten den Boden. In allen Richtungen kreuzten sich die Lianen, legten sich bei jedem Schritt vorwärts um Arme und Beine, um die Brust und den Hals und quer über die Nase. Jede einzelne fordert einen eigenen Messerschnitt. Hat man auf diese Weise den Oberkörper sich frei gemacht, kostet es immer noch Anstrengung, den Fuss sammt dem Stiefel aus zahlreichen Schlingen herauszuziehen und vorwärtszusetzen. Harte Felsen sind unter dem ungleichen Boden verborgen und schmerzen heftig den Fuss, wenn man allzu dreist auftritt. Jetzt kommt ein gefallener mächtiger Baumstamm zu überwinden. Man krallt sich hinauf, die morsche Rinde bricht, und man plumpst in den Mulm des hohlen Innern hinab, in dem es von fingerlangen Engerlingen wimmelt. Man hält sich an die Schmarotzerbekleidung eines noch stehenden Baumes, um sich emporzuziehen, die ganze Säule fällt um. Denn der Baum selbst existirt schon lange nicht mehr, nur die Lianen, die ihn umstrickten, haben seine dicht mit parasitären Pflanzen überzogene Rinde bisher gehalten. Gar viele andere todte Stämme sind noch vorhanden und stehen noch, bis sie eines schönen Tages der geringste Anstoss umwirft. Nicht selten hörte ich des Nachts, wenn ich unten in meinem Zelte schlaflos lag, das prasselnde Fallen einer derartigen Leiche oben im Busch durch das Rauschen des Windes.
Unter solchen Mühseligkeiten waren wir endlich dem Gipfel näher gekommen, von wo geheimnissvoll verheissende Flötentöne uns entgegenlockten. Herr Kleinschmidt kennt jedes Vogels Stimme und Gesang im Busch von Viti, er pfeift sie zu Hause sich wieder vor und setzt sie auf Noten, um sie sammt den Bälgen und Eiern der Sänger an sein Museum zu schicken. Es gelang uns mehrere Vögel zu schiessen, doch nicht alle kamen in unseren Besitz. Man sieht die Beute fallen, aber sie bleibt nur zu oft unerreichbar hängen oder fällt in ein Dickicht wo sie selbst der gewandte Niketi nicht findet. Viele Schoten und andere Früchte habe ich aufgelesen, von denen es mir nicht möglich war, die sie liefernden Pflanzen zu eruiren, da sie hundert verschiedenen angehören konnten.
Von aussen, unten am Ufer betrachtet, sah der Busch entschieden viel schöner aus, als im Inneren, dessen Gewirre zwar imponiren musste, aber auch so dicht war, dass man vor lauter Vegetation nichts zu sehen und zu bewundern vermochte. So kam zum Beispiel ein riesiger Banyanenbaum mit all seinen sekundären Stämmen und Säulenhallen, der freistehend einen kolossalen Eindruck gemacht haben würde, durchaus nicht zur Geltung, da man ihn nicht überschauen, sondern immer nur jenen kleinsten Theil, der gerade nicht von dem anderen Pflanzengesindel verdeckt wurde, sehen konnte. Die meisten Bäume hatten steife glänzende Blätter ähnlich unserem Ficus. Von Blüthen war wenig zu sehen. Es war gerade nicht die günstigste Zeit dazu.
Ausser dem fast niemals schweigenden unmelodischen »Giek gak, Giek gak« der gemeinen dunkelrothen Papageien ist noch eine andere Vogelstimme charakteristisch für den Busch von Viti. Es giebt eine grosse Taubenart hier, welche bellt wie ein Hund, und ihr rauhes »Hu hu, Hu hu hu« hat sogar einen bedeutenden Gelehrten verführt, von wilden Hunden zu sprechen, die sich in den Bergen herumtreiben. Eigentliche Sänger des Waldes besitzt Viti nicht. Man hört wohl hie und da ein langgedehntes flötendes Pfeifen, welches die niedliche gelbköpfige Taube ausstösst, oder es piepst ein Fächerschwänzchen im Gebüsch, ärgerlich über unser Nahen mit gespreizten Flügeln hin- und herflatternd, als ob es uns verjagen wollte. Aber Melodien zu singen haben alle diese Vögel nie gelernt.
Viel sympathischer waren mir die zahllosen kleinen Eremitenkrebse, denen ich nicht selten hoch oben im Busch begegnete. Dass diese Kiementhiere in der schattigen, feuchten Atmosphäre der tropischen Vegetation sich gerne ergehen, ist weniger überraschend, als dass sie auch in der Sonnenhitze des Strandes herumzubummeln vermögen. Sie müssen eine starke Fähigkeit, sich den heterogensten Umgebungen anzupassen, besitzen. Sie wählten vorzugsweise die schweren Gehäuse der Neritinen zur Bekleidung ihres weichen Hinterleibs, und bedächtig und sicher steigen sie mit dieser erheblichen Last über alle Hemmnisse. Vorsichtig ducken sie sich oder lassen sich von Erhöhungen herabfallen, wenn sie uns bemerken, und legt man sich nieder um zu lauschen, so knistert es von ihnen überall unter dem Laube. Ihre Bewegungen und ihr Thun macht den Eindruck grosser Intelligenz. Wo sie nur etwas Essbares finden, prüfen sie es erst genau von jeder Seite, dann packen sie zu mit der einen verlängerten Scheere und führen Bissen um Bissen zum Munde. Ganz besonders beliebt sind ihnen wie allen Thieren die Kokosnüsse.
Ausser diesen Eremitenkrebsen, welche dem Meeresufer angehören, findet man etwas seltener im Busch einen echten Landeremitenkrebs, der sich das leichtere Gehäuse des Bulimus Seemanni als Wohnung erkoren hat. Er ist viel behender als jene, und schnell humpelt er unter einen Felsen oder einen Baumstamm, wenn man ihn überrascht.
Einmal führte mich Herr Kleinschmidt an einen Platz im Busch, wo eben ein grosses Kanuu zugehauen wurde. Kandavu ist seit urdenklichen Zeiten berühmt wegen seines vortrefflich hierzu geeigneten Holzes. Viele Häuptlinge besitzen zwar europäische Böte, der gemeine und ärmere Mann nimmt indess immer noch mit dem Kanuu alten Styles vorlieb.
Die Bäume werden zu diesem Zweck hoch oben auf dem Berge gefällt, an Ort und Stelle ausgehöhlt und erst im fertigen Zustande nach dem Ufer hinabgeschleift, was bei den grossen Schwierigkeiten allein oft eine Arbeit mehrerer Wochen ist. Zum Bearbeiten des Holzes dienen jetzt europäische eiserne Beile, die jedoch noch immer in der alten Weise, wie ehemals die Steinäxte, an den Stiel befestigt werden, die Schneide nicht wie bei uns parallel, sondern quer zum Griffe. Als Stiel wird ein junger Baumstamm verwendet, aus welchem spitzwinkelig ein starker Ast hervorwächst. Dieser letztere bildet den Griff, an den hakenförmig zugeschnitzten Stammtheil wird das Beil platt mit der Fläche daraufgelegt, durch Stricke aufs solideste festgebunden.
Bei jenem Kanuubau, den ich beobachtete, war der Baum so gefallen, dass er nur an zwei Punkten den unebenen Boden voll dichter Vegetation und Wurzeln berührte. Nachdem eine Reihe Querbalken untergeschoben war, hatte man diese zwei Stellen abgegraben, so dass der Baum vollständig frei über der Erde schwebte. Die obere Seite wurde zum Kiel zugeschärft, die untere ausgehöhlt, wozu die Zimmerleute sich unter dem Baum auf den Rücken legten.