Part 21
Ganz Kandavu besteht aus Bergzügen von etwa 200 Meter durchschnittlicher Höhe ohne bestimmte allgemeine Richtung und ist 50 bis 60 Kilometer lang und durchschnittlich etwa 5 Kilometer breit. Da wo zwischen den gegen die See vorspringenden bewaldeten Bergrücken Bäche herabkommen und alluviale Dreiecke sich gebildet haben, stehen Palmenhaine und in diesen gewöhnlich auch Dörfer. Gavatina ist ein solcher zur menschlichen Wohnstätte geschaffener Platz. Ein Dorf hat einst hier gestanden, in welchem der jetzt in Wailevu residirende Häuptling der Insel gar manches Kind gebraten haben soll, und von dem gegenwärtig nichts mehr als der Name übrig geblieben ist.
Zwei Hütten aus Palmblättern, von denen die grössere Herrn Kleinschmidt und Gattin als Wohnung, Schlafgemach, Speisesaal, Waarenlager, Arbeitsraum und Museum diente, während in der kleineren die beiden eingeborenen Jungen Niketi und Ruma schliefen und für uns kochten, und ein Zelt, in welchem ich mein hartes Lager aufschlug, bildeten unsere bescheidene Kolonie, rings umwachsen und halb überdeckt von üppig wucherndem Farnkraut, Buschwerk und Schlingpflanzen und beschattet von steifblätterigen Dilobäumen und Kokospalmen, deren Kronen majestätisch im Winde sich schaukelten. Zwanzig Schritte führten auf einem schmalen Pfad nach dem hellglänzenden Seestrand, und draussen auf dem blauen Wasser lag der Kutter, in dessen Miniaturkajüte Mister Daymac, Herrn Kleinschmidts Gehilfe, wohnte.
Nebst den genannten sechs Gliedern der menschlichen Gesellschaft rechneten sich noch zwei Affen, die an einem Pfosten im Gebüsch angekettet waren und sich Nachts in ein altes Segel wickeln durften, zwei Papageien in Käfigen, eine glatthaarige Hündin mit zwei halberwachsenen Sprösslingen, die einem immerfort an den Beinen herumzappelten und vor Freundlichkeit gar nicht wussten, wie sie sich drehen und wenden sollten, ferner etliche Schweine und Hühner zu den berechtigten Einwohnern von Gavatina, zwischen welchen sich noch ein unzählbares illegitimes Gesindel von Ratten, Eidechsen und Eremitenkrebsen, von Moskitos und Fliegen herumtrieb. Eine eigenthümliche Zierde unseres niedlichen Gehöftes bereiteten hundert mächtige langbeinige braunrothe Spinnen, indem sie äusserst regelmässige Netze, so gross wie mittlere Wagenräder, zwischen den Bäumen und Sträuchern um uns spannten.
Herr Kleinschmidt, schon seit mehreren Jahren in Viti ansässig, war erst seit Kurzem von C. Godeffroy in Hamburg als Naturforscher angestellt worden. Er hatte bisher die übrigen grösseren Inseln der Gruppe sammelnd bereist. Kandavu war ihm noch neu, sein Aufenthalt hier auf drei Monate projektirt, und waren diese um, so packte er wieder seine ganze Habe in den Kutter und segelte von dannen, um irgend wo anders seine Hütte aufzuschlagen, ein nomadisirender Pionier der Wissenschaft. Da ich ähnliche Zwecke wie er verfolgte, so konnte mir nichts Glücklicheres passirt sein, als dass mich der Zufall mit ihm zusammenbrachte. Wir gingen miteinander in den Busch um Vögel zu schiessen und Pflanzen und Käfer und andere Thiere einzuheimsen, zur Ebbezeit machten wir Ausflüge auf die Riffe voll tropischen Lebens, und ausserdem setzten wir noch zwei längere Partien, eine nach dem Ostende und eine nach dem Westende der Insel auf unser Programm.
Obwohl mir, der ich zum ersten mal in der reichen Natur der heissen Zone weilte, fast jede Stunde eine Fülle überraschender Eindrücke bot, so fesselten doch auch hier mein Hauptinteresse die eingeborenen Menschen.
Den kleinen sanften Niketi, der etwa 12 Jahre alt sein mochte, hatte ich schon in Wailevu, wohin ihn Herr Kleinschmidt mitgenommen, kennen gelernt. Sein Kollege Ruma, vielleicht zwei Jahre älter als Niketi, war gänzlich von ihm verschieden. Ruma war ein richtiger junger Kannibale, starkknochig und ungeschlacht, mit einem mächtigen vorstehenden Gebiss, finsterem Gesichtsausdruck und schielenden Augen, grausam gegen sich und andere. Sein Körper trug zahlreiche Narben, und so lange ich in Gavatina war und ihn beobachten konnte, beschäftigten ihn oft zwei Haufen von erbsengrossen, eiternden Wunden, die er sich an beiden Oberarmen beigebracht hatte, und mit denen er sich, wenn Besuche aus dem benachbarten Dorfe da waren, produzirte, indem er die Krusten abriss, die so entstandenen frischen Flächen mit Sand einrieb, mit Glasscherben kratzte oder mit einer glühenden Kohle brannte, ohne eine Miene zu verziehen. Wenn er unbeobachtet zu sein glaubte, schnitt er dafür nur um so schlimmere Grimassen, und seine gezwungene Heiterkeit und Lebhaftigkeit dem Publikum gegenüber, jedesmal wenn er eine derartige Operation an sich vollzogen hatte, verriethen nur zu sehr seine schmerzhaften Empfindungen.
Ausser bei Ruma bemerkte ich noch bei einigen anderen braunen Jünglingen solche Verletzungen. Dass sie sich gerade an den beiden Oberarmen quälten, beruhte auf einem ähnlichen psychologischen Vorgang wie die Einführung der Krinoline in Europa. Der Regierungsarzt in Wailevu war eben damit beschäftigt, die Bevölkerung von Kandavu dörferweise zu impfen, und Impfpusteln an beiden Oberarmen waren die neueste Mode. Manche mochten es nun nicht erwarten können, bis sie auf offiziellem Wege des eiterigen Schmuckes theilhaftig werden sollten. Oder wollten sie etwa die gesetzlich angeordnete Impfung umgehen, indem sie simulirten, bereits geimpft zu sein? Welch interessanter Fall für einen simulantengierigen Militärarzt.
Wenn Ruma einen Käfer gebracht hatte, den wir nicht brauchen konnten, so ging er damit hinter den nächsten Busch, riss ihm erst langsam die sechs Beine und die Flügel aus und frass ihn. Hatte er ein Huhn zu schlachten, so wurde es erst gemartert, falls man ihn unbeaufsichtigt liess, und unsere Braten trugen nicht selten die Spuren der an ihnen verübten Grausamkeiten in der Form von Hautabschürfungen und Knochenbrüchen.
Uebrigens attrapirte ich auch einmal den anderen Schlingel, den sanften Niketi mit dem scheinheiligen Gesicht, wie er ein Schweinchen, das er abstechen sollte, zuvor mittels eines scharfen Glasscherben kastrirte, so geschickt, dass kein deutscher Professor der Chirurgie ihn übertroffen hätte.
Grausamkeit und Achtlosigkeit gegen Thiere bildeten überhaupt einen hervorstechenden Charakterzug der Eingeborenen, der sich fast an jedem Huhn oder Schwein dokumentirte, das wir kauften. Aber nicht blos Hühner und Schweine trugen gewöhnlich Verletzungen, sondern auch andere Thiere, die wir wegen ihres naturhistorischen Werthes von ihnen erhandelten, um sie aufzubewahren. Deshalb werden diese Eingeborenen auch stets nur von sehr untergeordnetem Werthe als Beihilfe zum Sammeln für den Naturforscher sein. Ich habe kaum eine Schnecke oder ein Insekt von einem Eingeborenen erhalten, welches unversehrt gewesen wäre. Gewöhnlich fehlten ein paar Beine oder ein Fühler, oder die Schalen waren eingedrückt und an der Mündung schartig.
Ruma und Niketi, deren Hütte an mein Zelt anstiess, wussten sich Nachts immer viel zu erzählen. Sie hatten ein merkwürdig geringes Schlafbedürfniss und plauderten oft Stunden lang miteinander, und wenn sie schliefen, litten sie oft an schweren Träumen und seufzten und stöhnten. Oft auch in kühlen Nächten husteten sie fast beständig. Mich dauerte ihr nackter Zustand, und ich schenkte ihnen zwei alte Unterhemden. Diese benützten sie aber nur, um während des Tages in der Sonnenhitze damit zu paradiren, Nachts lagen sie eben so nackt wie vorher auf ihren Matten.
Obwohl unsere kleine Kolonie wie gesagt sehr versteckt und abgelegen war, so fehlte es doch während des ganzen Tages nicht an Besuchern aus den benachbarten Dörfern. Schon am frühen Morgen, wenn die Sonne noch hinter den Bergen war und ringsum noch tiefes Schweigen herrschte, höchstens von einem vorwitzigen Papagei unterbrochen, der von einer Palme zur anderen fliegend sein unmelodisches Giek gak, Giek gak ertönen liess, und ich mich eben unter meinem Zelte auf der harten Matte dichter in die Decke wickeln wollte, kamen sie in hellen Schaaren heranzogen, lustig wie immer, schon von Weitem durch einen munteren Gesang sich ankündigend.
Dass wir beide, Herr Kleinschmidt und ich, ausgemachte Narren waren, unterlag für sie nicht dem geringsten Zweifel, wir, die wir den ganzen Tag nichts thaten, als Käfer und anderes Gewürm in Gläser zu stecken, Gras und Kräuter zu trocknen und Vögel abzubalgen. Aber wir waren ihnen entschieden höchst interessante Narren. Namentlich ich. Denn Herrn Kleinschmidt kannten sie schon länger und er kannte sie und alle ihre Schliche und sprach auch ihre Sprache. Ich aber war ein ganz echter Papalang, eben erst herzugereist und jedenfalls »sehr weit her«, wenn sie auch ungläubig lachten, so oft Herr Kleinschmidt ihnen sagte, dass ich fünfzig Tage und fünfzig Nächte mit dem grossen Feuerkanuu fahren müsste, um nach Hause zu kommen.
Ich hatte ausserdem noch eine ganz neue verrückte Liebhaberei, nämlich zuweilen mit der Scheere unter sie zu treten und Haarproben aus ihren dicken Perrücken herauszuschneiden und sammt den daranhaftenden Nüsschen in Papierkapseln zu wickeln, was jedesmal ein grosses Halloh erregte. Auch war ich toleranter gegen ihre Neugierde als Herr Kleinschmidt, der sie immer gleich wegjagte, wenn sie ihm zu sehr im Wege standen. Ich liess sie bei Allem zusehen, und höchstens wenn ein paar Mädchen sich mit ihren Brüsten zu dreist über meine Schultern lehnten, machte ich eine rasche Bewegung, als ob ich hineinbeissen wollte, so dass sie zeterschreiend auf einen Augenblick davonliefen.
Für unseren Sammeleifer hatten die Wilden nicht das geringste Verständniss. Als ich einst im Walde einem neugierigen Kerl begegnete, der gerne wissen wollte, was ich in meiner Pflanzenmappe hätte, so dass ich ihm den Inhalt zeigte, kam er bald darauf wieder zu mir mit einem ganzen Korb voll Gras und Blätter und wollte einen Shilling dafür haben.
Nächst uns übten die zwei Affen eine grosse Anziehungskraft auf unsere Besucher. Ganze Nachmittage konnten sie um dieselben herumhocken und sich an ihren zornigen Grimassen und possirlichen Sprüngen ergötzen. Aber sie durften ihnen nicht zu nahe kommen. Denn die Affen hassten wüthend die braune Rasse. Wenn wir alle zusammen ausgingen, konnte die Hütte nicht besser von Neugierde und Unfug geschützt werden, als indem man die Affen unmittelbar vor der Thüre ankettete. Kein Viti wagte sich in ihr Bereich.
Schon am ersten Tage nach meiner Ankunft lernte ich den alten Häuptling der Insel, den »Tui Kandavu«, kennen. Er wollte mit der englischen Regierung nichts zu thun haben und hatte deshalb beim Beginn einer neuen Ordnung der Dinge nach der Annexion seine Würde an einen jüngeren Häuptling, der jetzt in Wailevu residirt, abgetreten, um in stiller Zurückgezogenheit in dem uns benachbarten Dorf Sanima das Ende seiner Tage abzuwarten.
Der Tui ist eine achtunggebietende malerische Erscheinung. Ein würdiger Greis von hoher Statur, den Oberkörper mit einem feinen europäischen Hemd, die Hüften mit einem langhinabreichenden braungemusterten Stück Tapa, welches eine gefranzte Schärpe schneeweisser Tapa festhält, bekleidet, barfuss und unbedeckten kahlen Hauptes erinnert er an etwas dunkel gehaltene Apostelfiguren der Heiligenbilder. Ein weisser Vollbart umrahmt das ernste strenge Gesicht, und ein asthmatischer Husten an dem er litt gaben diesem einen schmerzlichen Ausdruck. Er kam in einem Kanuu herangerudert, um mich zu konsultiren, da die Kunde meiner ärztlichen Eigenschaft bereits nach Sanima gedrungen war.
Unsere Jungen und seine Begleiter, von denen einer eine alte zerrissene amerikanische Uniform aber keine Hose trug, erwiesen ihm die grösste Ehrfurcht und schienen vor ihm viel mehr Respekt zu haben als vor uns Weissen. Er trank eine Tasse Schokolade mit uns, über die er sich wohlgefällig äusserte, und rauchte dann eine Suluka. Zwei Schiffszwiebacke, die ihm vorgesetzt wurden, steckte er wie Pistolen in die Gürtelschärpe um sie seiner Frau zu bringen. Keiner der Jungen wagte es, sich ihm anders als in geduckter Haltung zu nähern, und wenn sie ihm etwas reichten, kauerten sie nieder und klatschten dreimal in die Hände.
Das dreimalige Händeklatschen bei Ueberreichung irgend eines Gegenstandes, einer Schale Wasser, einer Suluka, eines Feuerbrandes oder was es auch sei, beobachtete ich überall auf Kandavu als noch in Geltung. Später einmal sah ich in Sanima eine sehr komische Degeneration jener alten Sitte. Ein Kerl hatte dem Tui eine Zigarette gewickelt, in seinem eigenen Munde angezündet und übergab sie, wobei selbstverständlich geklatscht werden musste. Statt nun aber erst lange niederzuhocken, hob er einfach den rechten Oberschenkel in die Höhe und klatschte dreimal auf dessen Rückseite, nicht etwa zum Spass, sondern nur aus Schlendrian und Faulheit. Denn er machte dabei ein ganz ernsthaftes Gesicht, und keiner der Beistehenden schien Anstoss daran zu nehmen.
So schwindet das alte sehr ausgebildete Zeremoniell der Südseeinsulaner immer mehr dahin, welches ehemals so weit ging, dass alle Untergebenen stolpern und niederfallen mussten, wenn ihrem Höheren Solches passirte. Deshalb waren, wie die ersten Missionäre erzählen, ihre Diener und Begleiter auch immer so ängstlich, wenn es sich um das Passiren einer Brücke handelte, die hierzulande nur aus einem oder zwei dünnen Palmstämmen bestehen. Stürzte der Missionär in den Abgrund, so mussten auch sie ihm folgen.
Meine Anwesenheit in Gavatina war ein wichtiges Ereigniss für die neugierige Einwohnerschaft der Umgebung. Am folgenden Tag kam auch die Gemahlin des Tui, eine noch sehr rüstige alte Dame, die »Marama«, wie sie anzureden ist, von Sanima herüber. Auch ihr bezeugten unsere Jungen und ihre Begleiter die geziemende Ehrfurcht.
Die sogenannten Wilden überraschten mich durch eine viel grössere geistige und gemüthliche Begabung als ich erwartet hatte. In Bezug auf Intelligenz schienen sie mir entschieden nicht tiefer zu stehen als unsere Bauern, in Bezug auf die Anmuth ihrer Erscheinung und ihres Benehmens meist höher. Ihr gutmüthiges, freundliches, heiteres Wesen musste Jeden gewinnen, der über das Vorurtheil der Hautfarbe erhaben war. Allerdings blieb ich nicht lange genug auf Kandavu, um den Reiz der Neuheit, der mir nur die liebenswürdigen Seiten an ihnen wahrnehmen liess, zu verlieren, und gewiss musste ich Herrn Kleinschmidt Recht geben, wenn er mir versicherte, dass meine Vorliebe für die braunen Naturkinder nach wenigen Monaten weichen würde. Wie oft schon haben anderwärts in weniger zahmen Gegenden Reisende durch den ersten Eindruck sich täuschen lassen und ausgerufen »das also sollen die gefürchteten, schrecklichen Menschenfresser sein, es sind harmlose, liebenswürdige Kinder«, und am nächsten Tag wurden sie von den liebenswürdigen Kindern aufgefressen. Diese Gefahr nun ist auf Kandavu und wahrscheinlich auf ganz Viti nicht mehr zu fürchten. Die Vitis gehören dem europäischen Einfluss an, und die einzelnen vagen Behauptungen, dass es im Innern von Vitilevu noch Kannibalen gebe, sind nicht erwiesen.
Man warnte mich oft vor Dieben. Aber obgleich die primitiven Wohnverhältnisse keinen Verschluss gestatteten, ist mir in Gavatina niemals etwas gestohlen worden, ganz im Gegensatz zu den von den Europäern gehörten Behauptungen über die Stehlsucht der Vitiinsulaner, von welchen die mildeste dahin lautete, dass sie nur an Sonntagen eine Ausnahme machten und die Tugend der Ehrlichkeit übten. In Bezug auf Munition mag allerdings Vorsicht nöthig sein. Es ist verboten, den Eingeborenen Gewehre und Schiessbedarf irgend welcher Art abzugeben, und mit solchen Dingen dürfte es sich eben verhalten, wie mit allen verbotenen Früchten.
Im Ganzen schienen mir diese nackten schlanken und muskulösen Insulaner die glücklichsten Menschen zu sein, die man sich denken kann. Die Missionäre haben es noch nicht vermocht, ihnen ihre natürliche kindliche Heiterkeit zu rauben, und es ist erfreulich, dass auch in Bezug auf ihre ursprüngliche einfache Tracht die Christianisirung nicht viel geändert hat -- erfreulich, weil europäische Kleider sie nur verweichlichen dürften, da sie dieselben nicht zu gebrauchen verstehen. Sie würden sie wahrscheinlich nur während des Tages anziehen, um in der Sonnenhitze damit Staat zu machen, bei Nacht aber würden sie die kostbaren Gegenstände zur Schonung sorgfältig einpacken und sich nackt auf ihre alten Matten legen, wie mir das Beispiel von Niketi und Ruma und später noch andere bewiesen.
In der vorchristlichen Zeit trugen die Männer ihr starkes und langes krauses Haar in die Höhe und Breite ausgezupft, so dass mächtige Perrücken entstanden, welche sogar geeignet waren die Wucht von Keulenschlägen abzuschwächen. Diese Perrücken wurden in der mannigfaltigsten Weise geformt und verziert, manche glichen dem bayerischen Raupenhelm. Um die Lenden schlangen sie sich aus einem schmalen Stück Basttuch ein Suspensorium, den »Malo«, zurecht. Die Weiber schoren sich auch damals schon die Haare kurz und banden um die Hüften den »Liku«, einen 50 bis 80 Zentimeter langen Rock aus schmalen Schilfblättern, die an einem Strick aus Kokosnussfasern angereiht sind. Dieser vorchristliche heidnische Zustand in der Tracht soll noch im Innern der grossen Insel Vitilevu bei den wenigen noch nicht unterworfenen Stämmen herrschen.
Ueberall wo die Missionäre gebieten, scheeren sich jetzt beide Geschlechter die Haare kurz, und beide tragen den Sulu, ein klafterlanges Stück Baumwollenzeug um die Hüften geschlungen. Zum Fischen indess ziehen die Weiber noch immer den altmodischen Liku an, weil dieser in der Nässe bequemer ist als der anklebende Sulu, und hier sind sie also noch immer so echt wie vor zwanzig oder dreissig Jahren.
Das Tätowiren war bei den Vitis niemals im Schwung. Blos erlauchte Häuptlingsfrauen liessen sich früher an beide Mundwinkel je einen markstückgrossen runden blauen Tupfen eintätowiren, was hie und da noch an alten Individuen zu sehen ist. Dagegen liebten es die vornehmen Krieger, sich das Gesicht mit rother, weisser und schwarzer Farbe in regelmässigen, meist geradlinigen Ornamenten, aber stets möglichst fürchterlich zu bemalen.
Die Wohnungen der Vitis sind niedrige länglich viereckige Hütten aus Laubwerk, Palmblättern oder Schilfrohr, welche Materialien in verschiedenen Mustern über ein festes Pfahlwerk aus Holz gebunden werden. Charakteristisch für die alte echte Bauart sind die beiden Enden des Giebelbaumes, indem sie, aus schwarz gekohlten nach aussen konisch verdickten Baumfarren-Stämmen bestehend, von den Kanten des Daches ein Meter weit hervorragen. Die Thüren sind so niedrig, dass man nur hineinkriechen kann, und gegen die Schweine, die frei in den Dörfern herumlaufen, mit einem Vorbau kurzer Pallisaden geschützt. Der Boden im Innern ist mit Matten belegt, die mit Farnkraut unterpolstert sind, so dass man sehr weich darauf liegt. Er wird äusserst reinlich gehalten. Darauf zu spucken wäre ein grober Verstoss. Wer ausspucken will, muss den nächsten Zipfel einer Matte aufheben und darunter auf das Farnkraut spucken. Dies gilt natürlich nur bei den Vornehmen, arme Leute sind weniger skrupulös.
Ein Bett hat der Viti-Insulaner nicht. Er schläft auf seinem weichen Mattenboden, neben ihm brennt ein kleines Feuer an der Wand, welches er von Zeit zu Zeit mit einem Fächer anwedelt, als Kopfkissen dient ihm ein Stück Bambusrohr, das an beiden Enden auf je zwei Füsschen ruht. So liegt er nackt und meist ohne Decke da, höchstens dass er vielleicht die unter ihm befindliche steife Matte aufbiegt und halb um sich rollt, häufig seinen Schlaf unterbrechend, um das Feuer neben sich anzufachen. Die Nächte sind manchmal sehr kühl, und man hört dann die nackten Menschen beständig husten.
Bei den Aermeren ist in derselben Hütte, in welcher die ganze Familie schläft, gewöhnlich noch ein grösserer Feuerplatz in einer Ecke, zum Kochen bestimmt. Hier liegen horizontal zwei grosse und schwere Töpfe, deren Form ganz genau dem Nest der Töpferbiene nachgeahmt, aber zu dem Durchmesser von einem halben Meter vergrössert ist. In diese Töpfe wird nun alles zusammen hineingeschoben und gegossen was gekocht werden soll, und die enge Oeffnung mit einem Stöpsel aus zusammengebundenen Cordyline-Blättern verstopft. Bei den Reicheren sind zum Kochen eigene Hütten vorhanden, in denen die Frauen schlafen. Der wohlhabende und vornehme Mann schläft nur mit den Männern seines Gefolges zusammen. Ehegatten leben zu Hause getrennt und geben sich draussen im Walde Rendezvous. So will es die alte Viti-Sitte, die noch vielfach in Kraft steht, wenn sie auch jetzt nach Einführung des Christenthums, das jedem gestattet ein Weib zu besitzen, nur noch beim alten Adel zu beobachten ist.
In jeder Hütte findet man hohle Kokosnüsse als Wassergefässe an der Wand hängen. In einem der Löcher am stumpfen Ende der Nuss ist eine Schnur durch einen Pflock festgeklemmt, an jeder Schnur baumeln auf diese Weise zwei Nüsse, so dass sie bequem paarweise um den Nacken gehängt werden können, wenn die Weiber ausgehen um im nächsten Bach Wasser zu holen. Die beiden andern Löcher sind durch kleine Keile von zusammengerollten Blättern verschlossen. Aus diesen Gefässen zu trinken ist nicht ganz leicht. Man muss sich das Wasser aus einer gewissen Entfernung in den Mund giessen. Die Lippen an die Oeffnungen zu legen gilt für sehr unanständig.
Das Mobiliar einer Viti-Hütte ist somit von klassischer Einfachheit. Die unterpolsterten Matten, einige Bambus-Kopfkissen, eine oder zwei Feuerstellen, einige Fächer, die zwei Kochtöpfe und etwa sechs paar Kokosnuss-Wassergefässe, mehr braucht eine Viti-Familie nicht in ihrem Daheim und zu ihrem Glück.
Ueber die Stellung der Viti-Insulaner in der Klassifikation des Menschengeschlechts herrscht grosse Zerfahrenheit unter den Systematikern. Gerland (1872) rechnet sie zu den Melanesiern, zu denen er auch die Papuas zählt, Müller (1873) ebenfalls zu den Melanesiern, die bei ihm eine Unterabtheilung der Malayen sind, welche er in Polynesier, Melanesier und eigentliche Malayen scheidet, Peschel (1874) zu der mittlerweile selbständig gewordenen Rasse der Papuas, Meinicke (1875) zu den Polynesiern. Die Vitis liegen eben gerade noch an der Grenze jenes Erdenwinkels, dessen buntes Gewimmel kleiner Inselvölkchen noch nicht genug aufgeklärt ist. Vielleicht dass man die Begriffe Polynesier, Melanesier und Mikronesier -- auch etymologisch und allgemein logisch unglücklich gewählt -- aufzugeben und nur noch Malayen und Papuas mit verschiedenen Zwischen- und Mischformen beizubehalten haben wird. Die sehr wohlklingende Sprache der Vitis ist malayo-polynesisch. In der Haarbildung nähern sie sich dem Papua-Typus.
Obgleich ich nur auf Kandavu war, so glaubte ich doch die Bewohner dieser Insel als echte Repräsentanten der ganzen Gruppe betrachten zu dürfen, da ich dort auch viele zugereiste Eingeborene von anderen Vitiinseln sah, ohne einen Unterschied derselben entdecken zu können. Es sind allerdings auf Kandavu auch eingewanderte Tonganer vorhanden, namentlich in dem grossen und wohlhabenden Dorfe Dalingele an der Südseite des Bukelevu. Diese sind aber sofort auf den ersten Blick als solche zu erkennen an ihrer auffallend hellen, fast pomeranzengelben Farbe. Ebenso sind auf Kandavu als Kulis eingeführte Neu-Hebriden-Insulaner zu sehen, deren grauschwarze Haut im Gegensatz zu dem warmen Braun der Vitis, dem man beim Malen entschieden Gelb beimischen muss, einen bläulichen Duft zeigt.