Part 20
Für den Augenblick war das Wichtigste an ihnen, dass sie kein Geld hatten, um ihren Rausch zu bezahlen, weshalb der Wirth sie noch in der Nacht aus dem Hause schmiss. Der Rausch des Norwegers gehörte, der sinnigen Intuitivität germanischer Rasse entsprechend, zur Art des stillen, nur unverständlich murmelnden Insichversunkenseins, der Italiener und der Mexikaner litten an der schwatzhaften Spezies. Der Italiener behauptete, ich müsse ein Franzose sein, der Mexikaner betheuerte, ich hätte eine fabelhafte Aehnlichkeit mit Bismarck. Durch solche unheimliche Schmeicheleien suchten sie meine Gunst zu gewinnen. Aber ich blieb kalt, und erst als sie meiner Spirituskiste, die im Gastzimmer stand, ein mehr als wissenschaftliches Interesse zu widmen und wiederholt ahnungsvoll dem Plätschern ihres Inhaltes zu lauschen begannen, liess ich mich in ein längeres Gespräch ein, um auf den aussen angemalten gräulichen Todtenkopf hinzuweisen und auf die grässlich qualvolle Todesart, die der Genuss auch nur eines einzigen Tropfens meines vergifteten Alkohols unabwendbar zur Folge haben würde.
Der Mexikaner war sehr musikalisch. Er spielte jedoch auf etwas aussergewöhnlichen Instrumenten, nämlich auf Zimmerthüren, Bretterwänden und Tischplatten, indem er mittels der benetzten Mittelfinger auf- und niederfahrend ein mächtiges Brummen erzeugte, dass manchmal das ganze leichtgebaute Haus zitterte. Dazu trampelte er einen Hornpipe, schnalzte mit der Zunge, jauchzte und sang alle möglichen Lieder in allen möglichen Sprachen. Sein deutsches Lied bestand aus einigen Strophen von Naturlauten mit dem Refrain »Ja, ja«, und zauberte Klänge der Heimath vor mein baiuvarisches Gemüth. Sollte jenes geistvolle Produkt der isaratheniensischen Muse, mit welchem jährlich beim Salvatorbier die Wiederkehr des holden Lenzes begrüsst wird, sollte der »Herr Fischer« jemals Eingang in die Ohren und in das Herz dieser mexikanischen Rothhaut gefunden haben? Welcher engere, ja engste Vaterlandsgenosse hatte ihm diese unvergleichliche Dichtung oder wenigstens die Melodie dazu überliefert? Es unterlag keinem Zweifel, es war die Melodie des »Guten Morgen, Herr Fischer«.
Ausser dem Chinesen waren übrigens die anderen nicht minder betrunken. Der amerikanische Neger fluchte, schlug auf den Tisch und schwor hoch und theuer, er sei der erste »Weisse« gewesen, der auf der Insel Kandavu sich niedergelassen, der Polizeisergeant und ehemalige Bonner Student bestrebte sich, mit mir zu paucksimpeln, der eine verwilderte Landsmann bewies mir zum sechsten mal, dass man in Viti nie reich werden könne, weil das Klima zu viel des kostspieligen Brandygenusses verlange, der andere hörte nicht auf, mich zu versichern, dass er sich schäme, sein Deutsch ganz vergessen zu haben, und weinte.
Da Herr Kleinschmidt auf dem Levuka-Dampfer zu thun hatte, flüchtete ich, um nicht ewig dem wahnwitzigen Wortschwall der Betrunkenen ausgesetzt zu sein, vom Hotel weg und machte dem Regierungsarzt meine Aufwartung. Ausser der nächstliegenden Freude, endlich wieder einmal einen nüchternen Europäer zu sehen, war es mir besonders angenehm, in dem Doktor einen hochgebildeten Engländer kennen zu lernen, der den letzten französischen Krieg in deutschen Diensten mitgemacht hat. Eine stattliche Reihe deutscher Orden, die sich wohl nicht geträumt hatten, dereinst in einem Vitidorfe zu paradiren, befindet sich in seinem Besitz.
Ich blieb den Abend bei ihm und leerte eine kostbare Flasche echten Rheinweines mit dem liebenswürdigen Kollegen, der nur vorübergehend auf Kandavu kommandirt war, um die Eingeborenen zu impfen. Dementsprechend trug auch seine Wohnung vollständig den Charakter des Improvisirten. Es war eine blos etwas höher gebaute Vitihütte aus Palmstroh, die als vorzüglichste Eigenschaft zwei Fenster von Glas besass. Schon seit länger war eine Scheibe zerbrochen ohne Aussicht auf Reparatur dieses Defektes, da es auf Kandavu keinen Glaser giebt. Es wehte ein starker Wind draussen und durch das nur nothdürftig verstopfte Loch im Fenster herein, so dass ein offenes Licht nicht möglich und der Doktor gezwungen war, sich einer Laterne in seiner Studir- und Empfangsstube zu bedienen.
Als ich nach dem Hotel zurückkam, dessen betrunkener Lärm mir weit entgegenschallte, während ich unter dem sternklaren Himmel der lauen Tropennacht und unter rauschenden Palmen dahinwandelte, hatten sich noch mehr Gäste eingefunden. Einem von diesen, einem Perlenfischer, verdankte ich noch an jenem ersten Abend einen ungeahnten Genuss. Er lud mich ein, mit ihm zu kommen, er wolle sehen, ob er nicht irgendwo Kawa auftreiben könne.
Die Kawa ist das allen Polynesiern bis auf die Maoris und unter den Melanesiern auch den Vitis eigenthümliche Getränk, welches durch Kauen und Auslaugen der Wurzel einer Pfefferart, Piper methysticum, bereitet wird. Man liest oft, dass dabei ein Gährungsprozess eine wesentliche Rolle spiele. Dies ist unrichtig. Gährungsvorgänge bedürfen immer einer gewissen Zeit, die Kawa aber wird sofort getrunken sowie sie zubereitet ist. Die Piper methysticum-Wurzel wächst wild im Walde, und wird als Handelsartikel verkauft. Auch viele Europäer auf Viti haben sich das Kawatrinken angewöhnt, wie zum Beispiel mein Führer, der Perlfischer.
Wir gingen hinüber ins Dorf und krochen durch die niedrige Thüre in die Hütte des Häuptlings. Es war fast ganz dunkel innen. Zwei Feuer erhellten nur spärlich den kleinen Raum, entwickelten so viel Rauch, dass uns die Augen thränten, und beleuchteten flackernd etwa zwölf nackte braune Kerls, welche bereits schliefen und aufwachten, als wir über sie hinweg nach dem Hintergrund kletterten, wo etwas isolirt der Häuptling lag. Dieser mochte anfänglich ein wenig ungehalten sein über die Störung seiner Nachtruhe in so später Stunde, doch beschwichtigte ihn mein Führer, und die Vertheilung von Zigarren machte schnell die ganze Gesellschaft munter. Wir nahmen auf dem Boden Platz und kreuzten die Beine. Eine Menge Hände streckten sich mir aus der Dunkelheit entgegen, und ich schüttelte sie alle der Reihe nach, ohne jedesmal den Eigenthümer zu rekognosziren, und sagte dabei »Sa yandre«, was so viel bedeutet, als »Du wachst«, und die landesübliche Begrüssungsformel ist.
Eine grosse, flache Schüssel aus schwarzbraunem Holz wurde in die Mitte gewälzt, und mir gegenüber schienen einige jüngere Männer sich an die Zubereitung unseres Getränkes zu machen. Wurzelstücke wurden mit Messern zerschnitten und vertheilt. Nur auf Augenblicke, wenn gerade die beiden Feuer frisch geschürt höher flackerten, konnte ich davon etwas wahrnehmen. Hatten die Jünglinge ein Stück Wurzel zurechtgekaut, so förderten sie das Resultat ihrer Arbeit mit den Fingern zu Tage und legten es in die Bowle. Schliesslich goss einer der Männer, dem das wichtige Amt des Brauens oblag, Wasser aus hohlen Kokosnüssen darauf, rührte um mit den Fingern und machte sich an die schwierige Operation des Filtrirens. Hierzu dient gewöhnlich der Bast des »Wau«, der einheimischen Baumwollenpflanze, indem man damit wiederholt in die Flüssigkeit taucht, die holzigen Reste der ausgelaugten Wurzel fängt und zwischen den Fasern des Filters auspresst. Dies muss unter gewissen gesetzmässigen Bewegungen der Arme geschehen, worauf noch immer grosses Gewicht gelegt wird.
Einer der Alten, die um uns herumsassen, legte ein Stück Bambus quer über seine Kniee und klopfte mit zwei dünnen Stäbchen einige Takte darauf, zum Zeichen, dass ein Gesang angestimmt werden sollte. Dieser bestand aus mehreren Strophen, zwischen welchen einige Sekunden Pause gemacht wurde und die grösste Stille herrschte. Man hörte dann nur das Krachen der Wurzeln zwischen den Zähnen der Kauenden und das Herumpantschen der Flüssigkeit in der grossen Schüssel. Die einförmige, ewig wiederkehrende Melodie war entschieden wohlklingender, als die in Neuseeland gehörten Lieder der Maoris, endete stets am Schluss einer Strophe mit einem kurz, fast bellend ausgestossenen Vokal und wurde mit symmetrischen Armbewegungen, Hin- und Herbeugen des Oberkörpers und Händeklatschen begleitet, während die Gesichter einen ernsten andächtigen Ausdruck bewahrten. Der Bambusmusikant schlug den Takt dazu, welcher im Daktylustempo sich bewegte.
Auch mein naturalisirter Freund, der Perlfischer, ein geborener Schotte, sang mit und schwang seine Arme und wiegte sich in den Hüften und klatschte in die Hände, ganz ebenso wie die braunen Wilden. Mein laienhaftes Verständniss konnte keinen Unterschied in seinen Leistungen bemerken.
Der Hymnus war zu Ende, und die Kawa war fertig. Ein Junge brachte in gebeugter, geduckter Haltung -- denn aufrecht zu gehen in der Hütte eines Höheren wäre eine grosse Frechheit -- den Becher, die Hälfte einer Kokosnussschale, und kredenzte ihn dem Häuptling, welcher galant diese Bevorzugung des Erstlingstrunkes an mich abtrat. Der Junge hockte vor mir nieder und klatschte dreimal in die Hände, als ich ihm die Schale abgenommen hatte. Ich war bereits instruirt, dass man jedesmal ganz austrinken müsse. Es nicht zu thun wird von den Wilden der Südsee ebenso übel genommen, wie von den Wilden einer deutschen Studentenkneipe. Ich that meine Pflicht und würgte die ganze Schale hinunter. Es schmeckte abscheulich, ungefähr so, wie Seifenwasser mit etwas Tannin schmecken möchte.
Die Zechgenossen hatten mehr Freude an meiner That als ich selbst. Alle klatschten sichtlich befriedigt dreimal in die Hände und blärrten unisono und läppisch grinsend: »Amala«, worauf mein Führer und Mentor mir zuflüsterte, ich müsse jetzt »Mole, mole« danken, was ich gewissenhaft und gehorsam that, indem ich die geleerte Schale nach der Schüssel zurückwarf.
Nach mir trank der Häuptling, dann der Perlfischer, und dann kam abermals ich an die Reihe. Was von dem zweimaligen Rundgang unter uns dreien übrig blieb, erhielten die Anderen. Jeder Trunk geschah unter dem bereits geschilderten Zeremoniell.
Die Musik des Gelages lockte mehr Bewohner des Dorfes herbei. Noch ein paar Dutzend krochen durch die Thüre herein, dann wars so voll, dass kein Platz mehr übrig war. Einer stellte sich aufrecht vor uns hin und machte militärisch Honneur, indem er die Hand an seinen Turban legte. Es war der nackte Policeman des Ortes, an der weissen Uniformsbinde erkannte ich ihn wieder.
Ich habe später noch oft Kawa oder vielmehr Yankona, wie man auf Viti sagt, getrunken. Sie sieht bei Tageslicht aus wie Thee mit sehr wenig Milch. Ihr Seifenwassergeschmack weicht bald einem Gefühl der Kühle im Gaumen, so dass ich sie manchmal nicht ungern trank, namentlich wenn ich längere Zeit keine Spirituosen zu sehen bekommen hatte. Man sagt der Yankona alle möglichen üblen Wirkungen nach. Lähmungen, Hautausschläge und Augenentzündungen sollen aus ihrem zu häufigen Genuss entstehen. Vorläufig sind hierüber noch keine exakten Beobachtungen vorhanden. Nur ihre schweisstreibende Wirkung scheint mir unzweifelhaft zu sein. Ich habe allerdings nie mehr als vier Kokosnussschalen von je vielleicht ein halb Liter auf einmal getrunken. Nicht ein einziges mal erfuhr ich eine Veränderung in meinem Gemeingefühl. Ich konnte danach lange nicht einschlafen und transspirirte sehr beträchtlich, das war Alles. Die Kawa ist ebensowenig ein berauschendes als ein gegohrenes Getränk, sondern ein reiner Aufguss, wie unser Thee, höchstens vielleicht mit dem Unterschiede, dass der wahrscheinlich geringe Stärkemehlgehalt der Wurzel durch den Speichel in Zucker umgesetzt ist.
Die Yankona erfreut sich nicht nur bei den Eingeborenen, sondern auch bei den weissen Ansiedlern allgemein einer grossen Beliebtheit. Selbst der Gouverneur soll ein Verehrer dieses Getränkes sein. Dabei besteht überall jenes primitive Verfahren der Zubereitung, und es wird keine Maschine gebraucht, die die Zähne der Jungen ersetzte, wie wohl denkbar wäre. In früheren Zeiten allerdings sollen die Wurzeln künstlich geraspelt worden sein, wie alte Männer dem Missionär Williams erzählten. Jetzt zieht man die einfacheren und billigeren Instrumente von unübertrefflicher Qualität vor, die jeder Vitijunge im Munde mit sich herumträgt.
Ich habe es oft erlebt, dass Europäer ihren dienenden Geistern befahlen, schnell eine Bowle zurechtzukauen. Die Weissen sagen für Kawa oder Yankona gewöhnlich »Grog«, und zwar »Fiji Grog« zum Unterschied von »White mans Grog«, was den Schnaps im europäischen Sinn bedeutet. »Was wollen Sie trinken?« ist eine stehende Frage, wenn man irgendwo zu Besuch kommt, »Fiji Grog or White mans Grog?« Und zwar hat diese ursprünglich jedenfalls spasshafte Bezeichnung sich so eingebürgert, dass sie allen humoristischen Klang verloren hat und ganz ernsthaft gebraucht wird, ohne dass es dem Betreffenden einfiele, einen Witz machen zu wollen. Die Bezeichnung »Grog« hat sogar angefangen, auch von den Eingeborenen gebraucht zu werden, und nicht blos für das Getränk, sondern sogar für die Pflanze. Ich wurde oft von Vitis angesprochen »Grog?« indem sie mir die Wurzel zum Verkauf anboten, und »Grog, Grog« machte mich oft unser Junge aufmerksam, wenn wir im Walde an einer Piper methysticum-Staude vorüberkamen. Vielleicht wird dereinst das Wort Grog das alte Vitiwort Yankona ganz verdrängt haben, ein merkwürdiges Beispiel der Uebertragung von Wortbegriffen.
Aeusserst befriedigt von den reichen Erlebnissen dieses ersten Tages legte ich mich zu Bett. Ich war entzückt, noch soviel Ursprünglichkeit der Sitten vorgefunden zu haben. Meine kühnsten Erwartungen waren übertroffen. Die letzte Nacht hatte ich noch auf dem Dampfer zugebracht, und jetzt -- es war mir, als ob ich schon Monate unter den Insulanern gelebt hätte. Ich konnte lange nicht einschlafen. War es meine Aufregung, oder war es die genossene Kawa, oder waren es die Moskitos, welche durch die Löcher meines Moskitozeltes zu mir hereinwimmerten, oder das halbe Dutzend Besoffener, welches links und rechts von meinem Zimmer ein schauerliches Konzert zusammenschnarchte, was mich wachhielt, ich wälzte mich schweisstriefend mehrere Stunden auf dem Lager.
Die rohen Bretterwände des Hotels reichten blos bis zu einer gewissen Höhe, oben waren alle Stuben offen, und über uns nichts als das gemeinschaftliche, steil ansteigende Schindeldach. Der Mond sah durch die Glasthüre, welche auf die Veranda führte, herein und verrieth mir das geschäftige Hin- und Herrennen einer Menge schwarzer zweizölliger Schaben über die dünne Gase meines Moskitonetzes. Unter sämmtlichen Thieren ist gerade diese Sorte mit den ewig ruhelosen, ewig nervös gestikulirenden geiselförmigen Fühlern mir die verhassteste, trotz aller Zoologie. Hie und da raschelte eine Eidechse über den Boden.
Einige längere Promenaden auf der Veranda draussen in dem herrlichen Mondschein waren unter solchen Umständen viel genussreicher. Ringsum zirpten Tausende von Zikaden, die See glänzte und wogte und ebenso glänzten und wogten die Palmen. Weit draussen brauste die Brandung über den Korallenriffen, und unten rollten die Wellen gegen das Ufer, so dass ich das Schnarchen der Besoffenen nicht zu hören brauchte, und kein menschlicher Ton die zauberhafte Poesie der Tropennacht störte.
Früh am nächsten Morgen brachen wir auf, um nach Gavatina, Herrn Kleinschmidts Wohnsitz, zu fahren. Auch die zwei biederen ihrer Muttersprache entfremdeten Landsleute waren schon aufgestanden, um uns zum Abschied die Hände zu reichen und mich einzuladen, sie in Waidule, wo sie zu Hause waren, zu besuchen. Ich rieth ihnen dringend, sich wieder ins Bett zu legen. Die peinlichen Folgen ihrer gestrigen Ausschweifung waren nur zu deutlich in ihren verstörten Gesichtern zu lesen. Trotz des unermüdlichen Grimassenschneidens gelang es ihnen nicht, die Augen aufzumachen. Mit einem Auge ging es noch leidlich, aber alle beide auf einmal, das ging nicht, so grosse Mühe sie sich auch gaben.
Aus dem Ziegen- und Hühnerstall hinten, in dem die drei verunglückten Seeleute der Nachtruhe genossen, fing die Thüre rhythmisch zu brummen an, und eine rauhe Bassstimme brüllte die Melodie des »Herrn Fischer« dazu mit dem ewigen »Ja, ja«. Es war der Mexikaner, der sein Morgenlied anstimmte.
Ich erhielt noch Gelegenheit, meine Anthropologie mit zwei Neuhebriden-Insulanern zu bereichern, welche in Diensten eines in Wailevu ansässigen weissen Kaufmanns arbeiteten, und flüchtig zu konstatiren, wie sehr verschieden ihre bläulich schimmernde schwarze Haut von der Farbe der vergleichsweise röthlichen Eingeborenen Kandavus sich abhob. Dann luden wir mein Gepäck und ein für ein Pfund Sterling erhandeltes und entsetzlich schreiendes Schweinchen in zwei Böte und segelten ab.
XIII.
GAVATINA UND SANIMA.
Der Isthmus Yarambali. Das Sonntagspublikum von Namalatta. Bootfahrt an der Nordseite Kandavus entlang. Gavatina, unser idyllisches Thal. Niketi und Ruma. Besuche der Wilden. Der Tui und die Marama. Ethnologisches. Der Busch, seine Mühen und seine Thierwelt. Kanuubau hoch oben auf dem Berge. Riffleben und Fischfang. Spaziergang nach Sanima. Tapa-Bereitung. Doktor Hink und seine Kopra-Projekte. Gottesdienst in Sanima. Das Missionswesen auf den Inseln. Kehrseiten der Tropenpracht. Klimatisches und Kulinarisches. Die Kokospalme und ihre Anwendungen. Enge Verhältnisse.
Der nach Süden geöffneten Angaloa Bai, an welcher Wailevu liegt, tritt im Norden oder genauer Nordwesten die Namalatta Bai entgegen. Beide Buchten nähern sich einander auf etwa 500 Schritt, wodurch die ganze Insel Kandavu in eine kleinere südwestliche und eine grössere nordöstliche Hälfte zerfällt. Ein flacher niedriger Isthmus mit einem schönen Kokospalmenhain stellt die Verbindung her, südlich von einem Mangrovesumpf, nördlich vom ebenen reinlichen Strand aus Korallen und Muschelsand begrenzt. Der Isthmus heisst Yarambali, was so viel bedeutet als »Etwas hinüber heben«, da die Eingeborenen hier ihre Kanuus von einer Seite der Insel nach der anderen zu schaffen pflegen.
Auch wir mussten auf diesem Wege mit den Böten nach der anderen Seite hinüber. Wir hatten uns verspätet, die Ebbe lief bereits stark ab, es war höchste Zeit, den Isthmus zu erreichen. Wir ruderten geradewegs in die Bucht hinein, dem saftigen Grün der Mangroven entgegen. Es dauerte nicht lange so stiess das grössere Boot auf Grund. Die vier rudernden Vitis sprangen ins seichte Wasser, und dadurch wurde es wieder flott. Ein schmutziger Kanal, über dem die Mangroven sich wölbten, nahm uns auf. Links und rechts nichts als stinkender Sumpf mit sperrigen Luftwurzelpyramiden, in dem eine Menge Krebse sich herumtrieben. Soldatenkrabben sassen in runden Löchern, die unverhältnissmässig lange gelbe Scheere zum Zugreifen bereit herausstreckend, und zogen sich schnell ganz zurück, als wir uns näherten, Eremitenkrebse, merkwürdig dicke und schwere Schneckengehäuse schleppend, bummelten an den Zweigen und Wurzeln herum, liessen sich erschreckt vor uns fallen und machten dabei ein Geräusch, als ob es regnete. Kleine Schnecken (Auricularia) bedeckten allenthalben den Boden.
Bald stiessen die Böte alle beide auf Grund, und jetzt mussten auch wir ins Wasser steigen und schieben helfen. Glücklich gelangten wir so bis zum Ende des Kanals, wo der feste Sandboden des Isthmus sich erhob. Wir luden die Kisten und Fässer und das schreiende Schweinchen aus und schafften zunächst die Böte über Land. Der geradlinige Weg durch die Kokospalmen ist für diesen Zweck mit Palmblättern belegt, auf deren glatten Schäften unsere zwei Fahrzeuge, mit vereinten Kräften an Stricken gezogen und von allen Seiten geschoben, rasch dahinglitten. Ein Handelsmann aus Wailevu, ein deutscher Jude mit einem indischen Sonnenhelm auf dem Haupt, begegnete uns, und hinter ihm drein trugen vier Vitis seine kleine Nussschale auf ihren Schultern. Wohl ein Dutzend mal mussten unsere Burschen hin und her laufen, bis das ganze Gepäck auf der anderen Seite war. Ich setzte mich unterdessen auf den schönen Korallensand des nördlichen Ufers und betrachtete die anmuthige Landschaft der Namalatta Bai, die geschützt vor den südlichen Winden und unbewegt in den herrlichsten smaragdgrünen und violetten Tinten prangte.
Es war Sonntag, von der Kirche des nahen Dorfes Namalatta ertönte ein frommer Gesang, und nach dem Gottesdienst strömte die braune Kinderschaar zu uns heraus. Männer und Weiber folgten ihnen, und als wir die Böte wieder zu Wasser gebracht und beladen hatten, war wohl so ziemlich das gesammte Dorf um uns versammelt, erstaunt unsere sabathschänderische Arbeit betrachtend. Von dem ganzen Christenthum vermag nämlich den Wilden kein Gebot intensiver einzuleuchten als das Nichtsthun am Sabath. Ein paar kleine Mädchen von höchstens zwölf Jahren fielen mir auf durch enorm entwickelte, ja eigentlich unanständig grosse und pralle Brüste. Sie waren zur Feier des gottgeweihten Tages mit dem von den Missionären erfundenen Busenhemdchen angethan. Aber die Bedeutung des züchtigen Gewandes schien ihnen unklar zu sein. Denn sie trugen es, aus den lästigen Aermeln herausgeschlüpft, über die Schultern zurückgeworfen.
Wir stiessen ab. Der sandige Boden unter dem klaren Wasser senkte sich, hörte auf und machte Korallenklüften und Klippen Platz. Zum ersten mal schwebte ich dahin über diese merkwürdigen Gebilde, diese geheimnissvollen Gründe, aus denen zarte Baumkronen und Geweihe in den mannigfaltigsten Farbentönen emporstarrten. Himmelblaue und scharlachrothe Fischchen schossen in den phantastisch durcheinander wachsenden Formen herum, und indigoblaue Seesterne klammerten sich mit gespreizten Strahlen an den Abhängen fest, die zu unergründlich dunkelgrünen Schluchten hinunterfielen. Das Wasser, glatt wie ein Spiegel und so durchsichtig, dass es dem Auge kein Hinderniss bot, schien nur die eine Eigenschaft zu besitzen, höheren Farbenreiz zu verleihen.
Eine geraume Weile lag ich so an der Spitze des Fahrzeuges und blickte hinab auf die unten vorübergleitende Märchenwelt, und als ich wieder in die Höhe und um mich sah, waren wir schon weit weg vom Lande. Zu beiden Seiten streckte sich die lange Insel. Zwischen kulissenartig vortretenden Bergrücken, über und über mit dichtem Buschwerk bedeckt, breiteten sich liebliche Thäler mit Palmenhainen, unter denen hie und da eine weissgetünchte Hütte hervorguckte. Wir fuhren nach Osten, und hinter uns trat der Bukelevu heraus, das Haupt in Wolken gehüllt, der westliche Pfeiler Kandavus.
Eine hellglänzende Sanddüne umsäumte die üppige Vegetation der herrlichen Südseeinsel. Smaragdgrüne und violette Tinten schillerten allerwärts über den Untiefen der Korallenbänke, und weit draussen brandete die hohe sattblaue See in leuchtenden Schaumstreifen an dem Wall der Aussenriffe. Ueber dem Ganzen ein strahlender Himmel und strahlender Sonnenschein.
Etwa vier Stunden dauerte diese Bootfahrt an der Nordseite der Insel entlang. Wir hatten keinen stetigen Wind, und nur wenn wir gerade in das Bereich einer Thalschlucht kamen, durch die eine frische Brise herüberblies, konnten unsere Burschen vom Rudern ausruhen und dem schnell aus einer Decke improvisirten Segel die Arbeit überlassen. Noch eine Ecke des Ufers, und das Thal von Gavatina lag vor uns, die Stätte wo Herr Kleinschmidt seinen Wigwam aufgeschlagen hatte, kenntlich schon von Weitem an der schwarzweissrothen Flagge, die vom Maste des vor Anker liegenden Kutters wehte.
Eine weibliche Gestalt mit winkendem Taschentuch, die Gattin meines Freundes, ein eingeborener Junge und einige kleine Hunde tauchten aus dem Unterholz des Palmenhaines und erschienen auf dem Strande uns zu bewillkommnen. Wir waren am Ziele, und es begann nun für mich eine wundersame Idylle in tropischer Naturpracht und wohlthätiger Abgeschiedenheit von europäischer Zivilisation, die leider nur zu kurz währte.