Part 2
So lange wir guten Wind von hinten hatten, waren wir mit jener Bark um die Wette gesegelt. Sie war tief geladen, die Euphrosyne jedoch, nur Ballast und wenig Ladung sowie Passagiere, die leichteste Waare, tragend, ragte mit ihrem Körper weit aus dem Wasser und segelte deshalb vor dem Winde um so besser und um so schlechter beim Winde. Gerade als unser Gegner eingeholt und wir in gleicher Höhe mit ihm waren, sprang der Wind nach der Seite um, wurde flauer und hörte endlich ganz auf. Immer näher rückten einander die beiden Schiffe. Wir konnten bereits deutlich mit blossem Auge den Namen und Heimathshafen der Bark »Alartus Hamburg« an ihrem Heck lesen, und noch immer kein Wind, der uns aus der drohenden Lage befreite. Die kleinen Lüftchen, die sich zuweilen regten, genügten vielleicht, den Alartus, wenn er von seinem Kurse abfiel, wegzutreiben, während wir keinen Raum zu vergeben hatten. Auf dem Alartus aber schien man sich wenig um unsere Nachbarschaft zu kümmern. Umsonst flehte unser Kapitän wiederholt durch das Sprachrohr hinüber, auf die Gefahr zu achten, es erfolgte keine Antwort.
Dieser Zustand währte den ganzen Nachmittag und bis in die Nacht hinein. Ich war vollauf beschäftigt, in meiner Kammer und in den Hospitälern Alles seeklar zu richten, zu ordnen und für den erwarteten Sturm festzustauen. Die schwebende Angelegenheit draussen machte mir nicht den Eindruck der grossen Wichtigkeit, die sie in der That hatte, und das beständige Hin- und Herrennen und Schreien der Offiziere beunruhigte mich nicht mehr, nachdem es bereits mehrere Stunden ohne greifbaren Grund gedauert.
Plötzlich jedoch stieg der Lärm auf eine ängstigende Höhe, und ich eilte nach dem Achterdeck. Die Nacht war so dunkel, dass ich nichts sogleich unterscheiden konnte. Die Matrosen heulten mit doppelter Kraft, indem sie an den ächzenden Tauen rissen. Ich bemerkte allmälig, dass die Raaen back gebrasst wurden, und dass leichte Windstösse in die Vorderflächen der Segel fielen, die Euphrosyne rückwärts treibend, und endlich draussen auf dem Wasser dicht zu unserer Rechten ein schwarzes Ungeheuer, der Alartus. Wir hatten jetzt raumen Wind, die Gefahr war vorüber.
Nur mühsam brachte ich aus dem wuthschnaubenden Kapitän heraus, was eigentlich vorgefallen. Erst musste der Alartus mit allem was darauf war nach allen Dimensionen verflucht werden, und ich bin fest überzeugt, dass in jenem kritischen Augenblick der Führer desselben sofort erwürgt worden wäre, falls er die Unvorsichtigkeit begangen hätte, in unserer Kajüte zu erscheinen. Die beiden Schiffe waren so nahe an einander vorbeigeglitten, dass man von unserem Klüverbaum auf des anderen Achterdeck hätte hinabklettern können, und nur durch den glücklichen Zufall einer aufspringenden Brise und das geschickte Manöver, schnell rückwärts zu gehen, war der Zusammenstoss vermieden worden, welcher beiden Schiffen wenn nicht den Untergang so doch sicher schwere Beschädigung gebracht haben würde. Abermals mein kostbares Leben gerettet, dachte ich, und ging befriedigt zu Bett.
Das Toben des Sturmes weckte mich, als der Morgen eben trübe heraufdämmerte. Es war mir keine angenehme Erfahrung, die ich bei dieser Gelegenheit zum ersten mal machte, dass die Euphrosyne, durchaus abweichend von der Ruhe und Gelassenheit, die sich für ein so starkes und breites Vollschiff eigentlich geziemte, die Neigung besass, sich von jeder Welle hoch emporwerfen zu lassen und in jedes Wellenthal ebenso tief ihre Nase hineinzustecken, und dass sie fast schlimmer rollte, als ein scharfgebauter Postdampfer. »Arbeiten« nennt der Seemann euphemistisch dieses Hin- und Herfackeln, welches bei der Euphrosyne noch mit einem so widerlichen Stöhnen und Aechzen, Knarren und Winseln sämmtlicher Balken und Bälkchen, Bretter und Brettchen komplizirt war, wie ich es nie zuvor auf einem Fahrzeuge weder Seiner Majestät noch zivilen Besitzthums kennen gelernt hatte. In dieses haarsträubende Konzert mischte sich noch zu allem Ueberfluss das beständige Auf- und Zuschlagen von mehr als einem Dutzend Thüren im Bereich meiner Ohren, welche entweder kein Schloss oder ein unbrauchbares besassen und bei welchen man in der Eile der Ausrüstung vergessen hatte, Haken zum Befestigen im geöffneten Zustande anzubringen.
Solchem Unfug ein Ende zu machen war meine erste Thätigkeit, und ich schickte mich an, einen dieser rebellischen Gegenstände nach dem anderen festzunageln oder festzubinden oder auszuhängen. Nur Derjenige, der selbst erfahren hat, welche Schwierigkeiten das beständige Hin- und Hergeworfenwerden, das ewige Auf- und Niederklettern im Innern eines heftig arbeitenden Schiffes bereitet, und das Gefühl der Betäubung kennt, welches das Tosen der Winde und der Wogen und der unaufhörliche Lärm der sich aneinander reibenden Holztheile hervorbringt, und in welchem man schliesslich nicht mehr weiss, was oben und unten, was horizontal und was vertikal ist, nur Derjenige wird die Grösse meines Unternehmens zu würdigen verstehen. Ich war allein und ohne Beihilfe. Denn Jan Maat, dessen Gehörorgane übrigens auch hocherhaben sind über Kleinigkeiten wie Lärm auf- und zuschlagender Thüren, hatte draussen zu thun, und fast alle Anderen waren seekrank oder mit seekranken Weibern und Kindern beschäftigt.
Der Tag ging langsam vorüber wie alle Sturmtage. Man versucht sich zu beschäftigen, steht aber bald wieder davon ab, man nimmt etwas Nahrung zu sich und ist froh, wenn dies ohne sonderlichen Unfall gelungen. Man klettert auf Deck und klettert nach wenigen Minuten, von See- und Regenwasser durchnässt, wieder in die Kajüte hinab, man sieht sehr oft nach dem Barometer und sehnt sich nach besserem Wetter. Die Passagiere waren heute äusserst artig. Keine Klagen über das Essen kamen, keiner hatte Appetit. Friedlich und einträchtig lagen sie neben einander in ihren Kojen und leisteten Neptun wetteifernd die üblichen Opfer.
Wind und See kamen von Norden, wir lagen mit kleinen Segeln bei und steuerten Westnordwest, so dass wir rechnen konnten, nach West oder Südwest in der Richtung von Dover abzutreiben und somit nichts zu verlieren. Gegen Abend klarte der Himmel auf, und der Sturm legte sich etwas, es wurden mehr Segel gesetzt und Kurs gesteuert.
Eben hatte uns der seekranke, bleiche und knieschlotternde Kajütsjunge, den der Proviantmeister durch die bei Seeleuten so beliebte Prügelkur zu heilen beflissen war, den Thee kredenzt, als der wachehabende Bootsmann eintrat und den Kapitän frug, ob er nicht die Untersegel festmachen dürfe, da der Wind wieder stärker zu blasen anfing, und noch war der Bescheid darauf nicht gegeben, als ein Pfeifen und Heulen, ein Brüllen und Tosen durch das Takelwerk schwirrte, wie wenn ein Heer Dämonen plötzlich losgelassen wäre auf unser armes Schiff, welches in seinen Grundfesten erbebte und sich jäh auf die Seite legte. Bootsmann und Kapitän eilten zur Thüre hinaus, und ich folgte ihnen.
Der Athem versagte mir, als ich, mich anklammernd, draussen stand. Noch nie hatte ich die Gewalt eines ähnlichen Orkanes empfunden. Es war, als ob Haare, Nase und Ohren weggeweht werden sollten. Gegen die Windrichtung zu blicken war unmöglich, fliegender Wasserstaub verletzte stechend Gesicht und Augen. Nur mit Hilfe der Hände konnte man sich gegen die heranstürzenden Luftmassen vorwärtsziehen.
Vergebens schrie der Kapitän mit der vollen Kraft seiner höchst respektablen Lungen, dass alle Segel festgemacht werden sollten. Fünf Schritte von ihm entfernt war seine Stimme nicht mehr zu hören, und die Segel zerrissen in Fetzen, donnernd gegen die Masten und Riggen schlagend, oder flogen mit einem Krach hinaus in die See, platt wie eine Wand, ohne im Flug ihre gespannte Form zu verlieren. Alle Matrosen, der Steuermann, der Bootsmann, der Proviantmeister und der Koch gingen nach oben, aber jeder hatte genug zu thun, sich zu halten und nicht wegschleudern zu lassen. Ich selbst stellte mich unter das Kommando eines Passagiers, der früher Seemann gewesen, und zog mit ihm und einigen anderen jungen Männern, welche die Angst zur Arbeit antrieb, an den Brassen, um die Raaen der Richtung des Windes parallel zu drehen. Trotz aller Anstrengungen blieben die Fetzen der Segel lose und peitschten donnernd weiter.
Erschüttert stand ich hinten, betrachtete schaudernd den wüthenden Kampf der Elemente und überlegte die Möglichkeit des Ertrinkens. Ich hatte schon oft versucht, meine Phantasie mit diesem Gedanken zu üben. Bei schönem Wetter und während des Tages war es mir nie gelungen, ihn schreckhaft zu finden. Jetzt aber, im Geheule des nächtlichen Sturmes, bei dem ringsum herrschenden Dunkel, in welchem die hoch sich thürmenden schäumenden Wogen gespenstig leuchtend auf und nieder gaukelten, erfüllte mich die Vorstellung, über Bord zu fallen und von dem kochenden Gischt verschlungen zu werden, mit Entsetzen. Wenn jetzt ein anderes Schiff uns entgegenkam, unter der Gewalt des Orkanes ebenso wenig freier Herr seiner Bewegungen wie wir, keine Möglichkeit auszuweichen, es wäre unser Aller Ende gewesen. Ein dröhnender Krach, ein vielhundertstimmiger Todesschrei, und die tosenden Wogen schlugen über uns zusammen, wie über so viele andere vor uns.
Der so plötzlich und unvorhergesehen hereingebrochene Orkan schien womöglich noch heftiger werden zu wollen und nicht eben so rasch wie er gekommen vorüberzugehen. Die See stieg immer höher, und die Euphrosyne bäumte sich in einer Besorgniss erregenden Weise. Die neu eingesetzten Masten fielen, durch die schlechtgespannten Wanten und Pardunen nur locker gehalten, von einer Seite zur anderen, und man konnte deutlich sehen, wie jene Riggen abwechselnd rechts und links sich strammten und erschlafften. Dass wir die Masten behielten, dass sie nicht brachen, war nicht das Verdienst der liederlichen Arbeit der Takler, sondern ein reines Glück.
Zwei Mann standen am Steuerrad und konnten es kaum bändigen. Mehr als einmal wurde der eine von ihnen in die Höhe gehoben und war in Gefahr kopfüber wegzufliegen, vielleicht über das niedrige Geländer in die See hinab, was schon oft genug geschehen ist.
Sowohl Neugierde als auch die Absicht Trost zu spenden führten mich ins Familienkompartment des Zwischendecks hinab. Vorsichtig durch die Finsterniss den heftigen Bewegungen des nassen, schlüpfrigen Bodens entgegen von einem Stützpunkt zum anderen springend gewann ich die nächste Lücke, um hinabzusteigen. Aber die Treppe fehlte, sie lag in Trümmern unten und kollerte im Verein mit sämmtlichen theils noch ganzen theils zerschlagenen Koffern und Kisten dem Rollen des Schiffes entsprechend hin und her. Mit Hilfe eines Taues, welches mich pendelförmig von einer Seite zur anderen schleuderte, gelang es mir, mein Ziel zu erreichen.
Was ich hier unten sah und hörte, liess Alles hinter sich, was ich bisher in zahlreichen Sturmnächten auf Postdampfern gesehen und gehört. Nur wenige Laternen brannten noch, weil die meisten zerschellt waren. Das Knarren der Balken und der Lärm der hin- und hergeworfenen Gepäckstücke, das Rauschen der hin- und herfliessenden und zerspritzenden Wasserbäche, die durch die Lucken heruntergossen, die Gebete und Flüche, das Gejammer und Gewimmer der Menschen, jedesmal so oft eine grössere Sturzsee brüllend gegen das Schiff anprallte und auf das Deck schlug, zu einem grässlichen gemeinsamen Aufschrei sich steigernd, übertäubten den draussen wüthenden Kampf der Elemente. Sie glaubten hier alle, dass die Euphrosyne untergehen müsse, und dass das letzte Stündlein geschlagen habe. Die Schrecken des Todes hatten den Stumpfsinn der Seekrankheit durchbrochen, und statt der allgemeinen Gedrücktheit des vorhergegangenen Nachmittags herrschte wahnsinnige Aufregung. »Vater unser, der du bist« -- »Oschdschje nasch ktury jeschtem w Niebie« -- »Heilige Maria, bitt für uns« -- »Fader vor, du, som er i Himmelen« -- »denn Dein ist das Reich und die Herrlichkeit« tönte es in sinnverrückendem Chaos aus den höhlenartigen Familienkojen, in welchen Männer, Weiber und Kinder jeglichen Alters kreuz und quer durcheinander lagen und sich krampfhaft an einander festkrallten, ohne ein beständiges Auf- und Niederrutschen vermeiden zu können. Einige waren herausgepurzelt, krümmten sich weinend auf dem Boden, mit Beinen und Armen die sie attakirenden Kisten abwehrend, und wagten nicht, wieder aufzustehen.
Da verfluchte laut ein Vater sich und die Auswanderungsagenten, das Schiff und Neuseeland, und was sonst noch mit der Seereise zusammenhing und betheuerte wiederholt, dass er gerne sterben würde, weil er es verdient, wenn nur seine Frau und seine drei Mädchen nicht wären, und sicher würde er auch die Haare sich ausgerauft haben, wenn er die Hände freigehabt hätte, mit denen er die Hüften der Gattin umklammert hielt. Dort schalt und schlug ein Anderer seinen zitternden Jungen, weil er die unaufhörlichen Vaterunser nicht schnell genug losliess und voller Verwirrung in das weniger wirksame »Ich glaube an Gott den Vater« gerieth. Erdfahl und entstellt tauchte ein langes Gesicht aus seiner Höhle bei meiner Annäherung und schien mich fragen zu wollen. Die Lippen bewegten sich, aber ich vernahm keine Stimme. Ein krampfhaftes Würgen und Schluchzen, ein Brecherguss, und die nächste anprallende Woge schleuderte das Gespenst in die Dunkelheit zurück.
Eines der Familienhäupter machte mir den Eindruck, ganz besonders tröstenden Zuspruchs zu bedürfen, aber meine theilnehmenden Worte wurden keiner Antwort gewürdigt. Er hatte nicht Zeit, sich mit irdischen Reden zu befassen und unterbrach nicht eine Sekunde den Fluss der Thränen und der Ave Marias, welche er rastlos immer wieder von vorne begann und mit einer Zungenfertigkeit von sich stiess, dass seine sechs Kinder ihm nur nothdürftig folgen konnten und über ein Wort nach dem anderen stolperten.
Die Anzahl der ruhigen und besonnenen Passagiere war eine sehr geringe. Am ernstesten und vernünftigsten betrugen sich die Dänen, am wahnsinnigsten und verzweifeltsten geberdeten sich die Polen. Erst nach längerem Suchen fand ich einige Männer, welche mir zu helfen fähig waren, die aus den Kojen Gefallenen aufzurichten und in Sicherheit zu bringen. Die Kisten festzumachen war unmöglich und musste bis zum Tageslicht verschoben werden.
Bei den unverheiratheten Frauenzimmern sah es etwas besser aus als im Familienkompartment. Die Treppe nach dieser Abtheilung war noch erhalten, das nicht so zahlreiche Gepäck an seiner Stelle geblieben. Nur die Lampen waren in Stücke gegangen, und bis auf die trübe schimmernden Spalten der Bretterwand, jenseits welcher die Familien hausten, herrschte Dunkelheit in dem Raum. Gleich beim ersten Schritt vorwärts stiess mein Fuss auf ein weiches Hinderniss. Die Blendlaterne zeigte mir ein weibliches Gewand, dann ein Paar Beine und in entgegengesetzter Richtung ein bleiches Antlitz, und zwar das der schönen Amanda aus Kopenhagen. Der ganzen Länge nach lag sie hingestreckt auf dem Boden und umklammerte einen Stützbalken. Ich versuchte sie aufzuheben, aber eine schwere Last an ihren Füssen zog sie immer wieder zurück. Ich beleuchtete nun auch diese Gegend und fand die verhasste Bettgenossin der eleganten Modistin, welche sich beharrlich weigerte, die jener gehörenden Knöchel loszulassen. Auch einige andere Mädchen waren aus ihren Doppelbetten gefallen und schrieen laut als ich sie beleuchtete, vielleicht aus wahnsinniger Angst, vielleicht um mein Mitleid zu erregen.
Die aufsichtführende Matrone streikte, sie lag seekrank in ihrer Koje und stöhnte. Ich konnte deshalb trotz der sittenstrengen englischen Bestimmungen, die keinem Mann der Besatzung den Zutritt in den Jungfernzwinger gestatten, nicht anders als einen gerade disponiblen Matrosen zum Aufräumen hier unten zu requiriren.
Ich kletterte wieder nach der Kajüte zurück, in welcher mittlerweile unter dem Einfluss des immer fürchterlicher werdenden Stampfens und Rollens fast alle Gegenstände sich losgerissen hatten. Tische, Stühle und Ofenschirm, Gläser, Teller und Seekarten, sowie die grosse Medizinkiste flogen von einer Wand zur anderen. Der kleine Köter des Kapitäns kroch mir ängstlich winselnd zwischen die Beine und machte mich straucheln. Ich trat ihm so unglücklich auf eine Pfote, dass er heulend nach der anderen Ecke entfloh, wo ihm sofort der Ofenschirm auf den Rücken purzelte, während mir meine Thür auf- und zuschlagend den Finger zerquetschte.
Nirgends war Ruhe zu finden, und ermüdet und schläfrig wanderte ich beständig hin und her. Zuweilen dachte ich wohl selbst in jener Nacht, dass wir den Morgen nicht mehr erleben würden.
Kapitän und Mannschaft blieben auf Deck. Es war jetzt nichts zu thun. Wir trieben ohne Steuerung auf den Wogen, einem gnädigen Schicksal vertrauend. Von den Segeln peitschten nur mehr etliche kleinere Lappen an den Raaen. Der Orkan hatte das Uebrige weggeweht und dadurch viel Mühe und Arbeit erspart.
Doch verging auch diese schreckliche Nacht, zwar langsam und qualvoll, aber sie verging doch. Endlich, endlich dämmerte der Himmel, und der Morgen stieg herauf. Je heller es wurde, um so deutlicher zeigten sich die angerichteten Verwüstungen. Das Deck des Schiffes bot einen tragikomischen Anblick. Es sah aus wie ein Krautacker, in dem eine Heerde Wildschweine und ein unwirscher Herbstwind gehaust haben. Der ganze Vorrath an frischen Kohlköpfen war aus seinem Behälter unter den umgestürzt auf der Kajüte festgezurrten Rettungsböten entwichen und kollerte oder klebte, von dem heftigen Rollen und Stampfen hin- und hergeschleudert und an allen Ecken und Kanten zersplitternd, in kaum mehr verwendbaren Fetzen herum. Die beiden grossen Wasserfässer auf Deck waren zertrümmert. Sie hatten sich losgerissen und waren erst, als sie bereits genug Zerstörung angerichtet, selber in Stücke gegangen. Die Kappen der Zwischendeckslucken, ein Stützpfosten der Böte, die Thür zum Hospital, das Salzfleischfass, ein paar Bänke und ein Häuschen zu unaussprechlichen Zwecken waren ihnen zum Opfer geworden.
Es war kein Raum im ganzen Schiff, in dem sich nicht Gegenstände losgerissen und im Hin- und Herfallen Unfug verübt hätten. In der Kajüte purzelten noch immer ohne Unterlass der grosse und der kleine Tisch, einige Klappstühle, der eiserne Ofenschirm und der Ofen, die zerschellte Medizinkiste, Salben und Mixturen, überall Theilchen klebrigen Stoffes zurücklassend, zerbrochene Weinflaschen, einige Löffel und Gabeln sowie das Thermometer klappernd und klirrend hin und her, und kläglich winselnd suchte der kleine Ami vergeblich nach einem Winkel, in welchen er sich vor der Verfolgung durch jene oft sehr unsanften Gegenstände flüchten konnte. Ganz besonders der Ofenschirm schien es auf ihn abgesehen zu haben, und Ami zuckt seit jener Schreckensnacht jedesmal nervös zusammen, so oft man mit dem Fuss an Eisenblech stösst. Auch in der Küche war Alles kaput geschlagen. Der aus Backsteinen gebaute Heerd für die Passagiere hatte einige Löcher bekommen und wackelte morsch hin und her. Nur für die Kinder und Kranken konnte heute gekocht werden. Die Uebrigen mussten kalt essen, sofern sie überhaupt Appetit hatten.
Es gab jetzt vollauf zu thun, aufzuräumen und zusammenzunageln. Eine Menge Wunden und Quetschungen kamen, geflickt und verbunden zu werden. Wunderbarer Weise war keine schwere Verletzung darunter. Einer der Polen hatte sich den Arm luxirt, und ein kleiner dänischer Junge einen Schädelbruch erlitten, an dem man das Gehirn deutlich pulsiren sah, der aber ganz überraschend günstig verlief und heilte. Ich musste allein und ohne Assistenz arbeiten. Besass ich auch einen förmlichen Stab dienstbarer Geister, die ich im Namen der Neuseeländischen Regierung aus den Reihen der Emigranten ernannt hatte, sie waren alle seekrank und unbrauchbar. Nicht um Millionen wären sie zu bewegen gewesen, mir beizustehen.
Anders war es mit den Neulingen unter der Mannschaft. Für diese gab es weder Rast noch Ruhe, ob sie gleich zu sterben vermeinten. Unser Kajütsjunge Hannes zum Beispiel war das reinste Bild des Jammers. Er machte seine erste Reise. Bis vor wenigen Tagen noch bei der Mutter zu Hause, hatte er keine Ahnung gehabt, wie es zuginge auf dem Salzwasser. Und jetzt, kaum dass wir draussen waren, gleich dieser scheussliche Sturm voller Schrecken und Todesangst, das ganze Weh der Seekrankheit im Inneren wühlend, und trotzdem keine Schonung, die rohe Faust eines Seemanns beständig auf dem Nacken, jeden Augenblick Püffe, Fusstritte und Ohrenkniffe. Der arme Junge dauerte mich. Bleich, verstört und ungekämmt, die Augen stier geöffnet, mit bebenden Lippen, wankte er halbtodt, hin- und hergestossen von den Bewegungen des Schiffes, zwischen Kajüte und Pantry und zwischen Pantry und Kajüte auf und ab, ohne zu wissen, was er that, und häufig rann ihm eine Thräne über die fahlen Wangen.
Hinter der Thür der Pantry stand der Proviantmeister, ein griesgrämiger Tyrann, wie die meisten alten Seeleute, die es zu nichts gebracht haben, und zählte die zerbrochenen Teller, Gläser und Schüsseln, und für jeden Scherben, den er fand, gab er dem Jungen einen neuen Fusstritt. Was nützte es, wenn ich intervenirte und um Mässigung bat. Solches war alte angestammte rechtmässige Seemannsart. Auch der Proviantmeister hatte einst seine Fusstritte und Püffe erhalten. Jetzt war für ihn die Zeit der Vergeltung gekommen, er rächte sich an der jüngeren Generation. Und konnte ich den Jungen immer beschützen, musste er nicht, sobald ich den Rücken drehte, doppelt leiden? In der Kajüte herrschte ihn der Kapitän an und zerrte ihn an den Ohren. Hier sollte er aufwischen, dort sollte er Glasscherben zusammensuchen. An seiner Hose hingen Butter und Salbenreste, der Aermel war mit Rhabarbertinktur getränkt, seine Hände bluteten aus Glasschnitten, und Blut war im Gesicht herumgeschmiert. In seinen Schuhen quatschte das Wasser. Er war die ganze Nacht nicht zur Ruhe gewesen, so krank und elend er sich auch fühlte.
Ein anderer, ein Decksjunge hatte es schlauer gemacht. Er war gleich beim ersten Beginn des Sturmes verschwunden, um nicht zur Arbeit gezwungen oder gar nach oben auf die Raaen geschickt zu werden. Wir glaubten zuerst, er sei über Bord gespült worden. Am nächsten Abend jedoch, als wir bereits Dover uns näherten, tauchte er plötzlich aus seinem Versteck, dem Proviantraum, in den er sich zurückgezogen hatte, um mit seiner Seekrankheit allein zu sein. Er fiel sofort den Erziehungskünsten des Bootsmanns anheim. Die Hiebe klatschten, der Junge heulte. Aber noch oft versteckte er sich, wenn die Wellen höher zu gehen begannen.
Das Barometer stieg ein wenig, und wir athmeten erleichtert auf. Der Sturm legte sich und erlaubte wieder, ein paar neue Segel zu setzen und Kurs zu steuern. Die schlecht befestigten Masten hatten jetzt unter dem Druck der Leinwand mehr Halt, wodurch unsere Hauptgefahr, sie zu verlieren, wenn nicht vorüber, so doch gemildert war. Was jedoch den grössten Trost gewährte, die unheimliche schwarze Nacht, die alle Schrecken verdoppelte, war hinter uns, man durfte wieder frei um sich schauen.
Winzig kleine Fischerböte erschienen und gaukelten so waghalsig und so malerisch mit ihren rothbraunen Segeln auf und nieder über die hellgrünen Wogen der Nordsee, hinter denen sie jeden Augenblick verschwanden, als ob sie von ihnen verschlungen wären. Schiffstrümmer, gebrochene Masten mit Segeln und Takelage daran trieben vorüber. Gar mancher mochte innerhalb der letzten zwölf Stunden sein nasses Grab gefunden haben. Die Luft war so durchsichtig, und die Farben blinkten alle so lebhaft und frisch, dass man meilenweit jeden schwimmenden Balken erkannte. Nur der Himmel über uns war noch düster und dunkel.
Das Barometer stieg langsam und stetig. Auch die See nahm ab, und die Wolkendecke wurde dünner und gleichmässiger. Am Nachmittag fühlten wir uns ausser Gefahr, und gegen Abend konnten wir Dover in Sicht bekommen. Wir hatten allerdings keine Observation und wussten nicht genau, wo wir waren.