Part 17
Europäische Staare, Finken und Spatzen, Rehe, Fasanen und Rebhühner werden dort nach überstandener Seereise eine Zeit lang gepflegt und dann schubweise in Freiheit versetzt, auf dass sie sich selbständig vermehren und das ursprünglich thierarme Land mit ihrer Nachkommenschaft bevölkern mögen. Die Fasanen gedeihen im Norden Neuseelands bereits so gut, dass man in den Hotels täglich und bis zum Ueberdruss damit gefüttert wird.
Die Spatzen in ihren grossen Flugkäfigen waren eben eifrig beschäftigt, Material zum Nestbauen zusammenzutragen, wobei sie dieselbe wichtigkluge Miene machten, wie bei uns zu Hause. Sie hatten offenbar keine Ahnung, dass sie sich auf der südlichen Hemisphäre befanden, und dass jetzt im Juni der Winter begann. Die Thierchen müssen hier ganz aus ihrer Zeitrechnung kommen. In einem kleinen Gehölz von hohen Manukabäumen, einer Pflanze, die ich bisher nur in Strauchform gesehen hatte, zirpten und jauchzten Staare ihre Frühlingsgefühle in den lauwarmen Sonnenschein hinaus.
Die New Zealand Acclimatisation Society leistet alles Mögliche in der Einfuhr nützlicher Thiere. Die Bienenzucht soll an vielen Orten in bester Blüthe stehen. Sogar Hummeln werden von England aus zu Tausenden importirt, da der Klee zur Uebertragung des befruchtenden Pollen dieser Insekten bedarf. In vielen Flüssen tummeln sich bereits junge Lachse, welche aus Kalifornien stammen, von wo sie als Eier bezogen worden sind und noch immer bezogen werden. In den Verhandlungen dieser verdienstvollen Gesellschaft las ich einst eine sonderbare Debatte, bei welcher von einem Mitglied die Einfuhr schottischer statt kalifornischer Salmonen befürwortet wurde trotz der beträchtlicheren Kosten, »weil diese lebhafter seien und beim Angeln mehr Sport gewährten als jene«.
Natürlich fehlt es auch Auckland nicht an einem eleganten englischen Klub und an einem Athenäum oder Mechanics Institute. Eines Museums war die Stadt erst vor Kurzem theilhaftig geworden, und vor wenigen Tagen hatte die feierliche Eröffnung desselben stattgefunden. Die ganze Bevölkerung strömte hinein es zu besichtigen. Die ausgestellten Sammlungen waren eben so universeller Natur wie die des Wellingtoner Museums und grossentheils geschmackvoll arrangirt. Nur auf dem Gebiete der Kunst war das denkbar Schrecklichste geleistet worden. Ich habe nirgends, selbst in Amerika nicht, empörendere Versündigungen an der heiligen Antike und Klassizität gesehen, als dort in jener Ausstellung. Möchten doch die jungen Damen, die da die Sixtinische Madonna und die Venus von Milo gezeichnet hatten, niemals wieder einen Stift in die Hand nehmen.
Die Maoribevölkerung der Stadt Auckland ist vielleicht etwas stärker als jene von Wellington. Die Maoris unterscheiden sich hier von ihren südlichen Stammesgenossen nur dadurch, dass sie nicht so allgemein Hosen anhaben, sondern es vorziehen, die oberen Theile ihrer nackten Beine mit dem beliebten Schal zu umgürten, was der milderen Temperatur zuzuschreiben sein dürfte.
Auf der anderen Seite des Hafens, dem Waitemata Hotel gegenüber, zieht sich das »Northshore« entlang, eine Art Vorstadt, grösstentheils aus anmuthigen Villen bestehend. Dorthin fuhr ich in Gesellschaft zweier junger Franzosen, die ich bei Tisch kennen gelernt hatte. Der eine von ihnen war in Sedan Artillerieoffizier und Gefangener, und somit schon einmal mir ziemlich nahe gewesen. Jetzt führte uns der Zufall im Lande der Antipoden noch enger zusammen. Der Zweck des Ausfluges nach dem Northshore war hauptsächlich, frische Austern direkt vom Felsen weg zu speisen. Jeder bewaffnet mit einem tüchtigen Messer, einer Zitrone und einer Flasche kalifornischen Weines, richteten wir eine wahre Verheerung unter den schlüpfrigen Thieren an. Nur die zarteste Kindheit wurde geschont. Die Mahlzeit hätte komfortabler, gewiss aber nicht heiterer sein können. Ehe wir nach Hause zurückkehrten, bestiegen wir noch einen der vielen kleinen Vulkane, an denen hier nirgends Mangel ist, genossen die Aussicht und konstatirten, dass oben zwei alte Schiffskanonen lagen, der Verrottung preisgegeben.
Dieser Tag war der letzte mit schöner Witterung. Gleich am nächsten Morgen fing es wieder an zu regnen, und regnete fort, so lange ich noch in Neuseeland blieb. Es war die Regenzeit, der Winter von Auckland, die ihren Einzug gehalten hatte. Auckland hat in Bezug auf Temperatur ungefähr dasselbe Klima wie Sizilien oder Griechenland, ist aber viel reicher an Regen. In Invercargill, der südlichsten Stadt Neuseelands, soll man zuweilen Schlittschuhlaufen können.
So blieb mir denn nichts übrig als meine Ausflüge auf die nächste Umgebung und auf den unerlässlichen Besuch der Goldminen an der Themse einzuschränken. Die Themse fliesst von Südost her in die südöstliche sackartige Ausbuchtung des Hauraki-Golfs. An ihrer Mündung liegen rechts die beiden Goldstädtchen Grahamstown und Shortland mit zusammen 8000 Einwohnern.
Am 20. Juni reiste ich auf dem kleinen Dampfer »Durham« dorthin ab, durch die Güte unseres Konsuls mit Empfehlungsbriefen ausgestattet. Kalte strömende Regengüsse wurden nur selten von kurzen launischen Sonnenblicken unterbrochen. Die Fahrt, welche sechs lange Stunden dauerte, bot unter solchen Verhältnissen wenig Interessantes und noch weniger Genuss. Alles aussenbords war grau, als der Waitemata-Hafen hinter uns lag, an dessen Eingang mitten im Wasser auf hohem Balkengerüst ein rundes Haus steht mit einer Veranda ringsherum und einem Leuchtthurm über dem Dache, den Wächter mit seiner Familie beherbergend. Gewiss eine so gut ventilirte Wohnstätte, wie man sie nicht besser wünschen kann, und zugleich eine meer- und sturmumbrauste Idylle fern vom Gewühle des Landes. Kinder spielten auf der Veranda, ein Hund bellte unseren vorüberfahrenden Dampfer an, und die Gattin des Wächters klopfte Kleider aus. Unten am Gerüst hingen ein Boot und ein kürzlich erst gefangener Haifisch.
Die meisten Passagiere waren der Seekrankheit zum Opfer gefallen, als wir endlich Grahamstown, unser Ziel, in Sicht bekamen, und zugleich der Regen aufhörte und die Sonne durchbrach.
Am Fusse hoher Berge und dann auch weiter oben begannen einzelne Häuser aufzutreten und umzäunte Gärten, so steil ansteigend, dass ihre Begrenzungen wie die Vierecke eines an der Wand hängenden Planes erschienen. Fabrikartige schwarze Gebäude und hohe Schornsteine mischten sich unten am Ufer dazwischen. Immer kahler wurden die Bergwände hinter ihnen, zerkratzt und zerwühlt von gieriger Menschenhand und mit zahlreichen Löchern von unten bis oben, die ins dunkle Innere führen -- die »Thames Goldfields« lagen vor mir, und der Dampfer stiess an die Landungsbrücke.
Von der in Goldplätzen herrschenden Verwilderung und Lasterhaftigkeit haben unsere Romanschreiber so haarsträubende Bilder entworfen, dass man sich gefasst machen möchte, in ihnen nur schrecklich verthierte Mördergestalten, die beständig nach Blut und nach Gold lechzen, durch düstere Gassen von Lasterhöhlen schleichen zu sehen. So schlimm sah es nun in Grahamstown nicht aus. Die Strassen machten ganz denselben soliden Eindruck wie die der anderen Städte Neuseelands, die ich passirt hatte, und trugen ein viel älteres und fertigeres Gepräge als der kurzen Zeit ihrer Existenz entsprach. Wenn man bedenkt, dass im Jahre 1867 als hier zuerst Gold entdeckt wurde, die See noch an jungfräuliche schroffe Felsenufer schlug oder unwegsame Sümpfe überfluthete, wo jetzt eine ganz ansehnliche Niederlassung mit ausgedehnten Maschinerien steht, muss man alle Achtung vor der schöpferischen Kraft des Goldes bekommen.
Es war gerade eine Periode der äussersten Geschäftsstockung. Die Minen gaben seit längerer Zeit kaum mehr Gold genug um ihre Bearbeitung zu lohnen, und die vielen müssigen Bummler vom Typus des pfiffigen Börsenjuden bis zu jenem des borstigen und struppigen Hinterwäldlers, welche gruppenweise an den Ecken der sonst öden und menschenleeren Strassen herumlungerten, aus kurzen Pfeifen rauchten, häufig spuckten und die Hände in den Hosentaschen verbargen, waren wahrscheinlich vazirende Goldspekulanten und Digger.
Ich logirte mich in demjenigen von den vielen Hotels ein, welches dem Pier zunächst lag. Dann ging ich aus, meine Empfehlungen an die Managers verschiedener Minengesellschaften abzugeben. Aber nur zwei konnte ich anbringen, die an die Caledonia- und die an die Kuranui-Mine. Die anderen hatten wegen Mangel an Geld ihre Buden zugeschlossen und die Arbeit für einige Zeit eingestellt.
Der Name »Thames Goldfields« ist geeignet ganz falsche Vorstellungen hervorzurufen. Es handelt sich durchaus nicht um eine in der Fläche ausgebreitete Oertlichkeit. Die »Thames Goldfields« sind sehr steile, durch schmale Querschluchten abgetheilte Bergmassen, in deren Inneres von allen Seiten und von unten bis oben Löcher getrieben sind, welche im Verein mit dem zerkratzten und zerwühlten Zustand der Bergwände, mit den vielen sich kreuzenden hochbeinigen Holzbrücken und mit den vielen Fabrikschornsteinen der ganzen Gegend einen sehr unruhigen Charakter geben.
Das Gold ist hier in dünnen Quarzadern enthalten, welche die aus einem weichen Mergelsandstein bestehenden Berge kreuz und quer durchziehen. Hat man eine derartige goldführende Quarzader gefunden, so verfolgt man sie bis sie aufhört. Als ich zum ersten mal das Material sah, welches aus den Bergen zu Tage gefördert und in grossen Haufen aufgeschüttet wird um in die Stampfwerke zu wandern, war ich sehr überrascht über seine Beschaffenheit. Die Quarzadern sind so dünn, dass sie als lauter kleine Bröckel in die anklebende schmierige Masse des Muttergesteins gebettet und von dieser eingehüllt, zu einem dicken thonartigen Brei zusammengebacken erscheinen. Die fachmännische Bezeichnung »Dirt« entspricht seinem Aussehen vollkommen.
Dieser Dirt wird nun durch eigene Oeffnungen in das Innere der Batterien geschaufelt und in die Stampftröge vertheilt, wo er unter beständigem Zufluss von Wasser so lange zerstossen wird, bis er als feiner Schlamm durch die nadelstichgrossen Löcher des Siebes, welches die eine Seite der Tröge bildet, entweichen kann. Dann fliesst er in kleinen schmutzigen Bächen über geneigte mit wollenen Decken bekleidete Ebenen von 15 bis 20 Schritt Länge in ein System geräumiger Bottiche. Schmale mit Quecksilber gefüllte Rinnen unterbrechen quer diese Ebenen, denn alles Gold wird in der Form von Amalgam gewonnen. Die schwereren Goldtheilchen sinken in die Rinnen und werden vom Quecksilber chemisch gefesselt, während die Quarztheilchen abfliessen. Sollte es einem Goldtheilchen gelingen sich durch die Rinnen zu schmuggeln, so ist es noch lange nicht vor der Affinität des Quecksilbers gerettet. Es verfällt nur etwas später den Umarmungen dieses nach der Paarung mit ihm lüsternen Elementes. Der ganze Schlamm wird nochmal und zwar viel gewaltsamer mit dem Quecksilber zusammengebracht. Man lässt ihn zuerst in den grossen Bottichen sich absetzen, in welche von Zeit zu Zeit auch die Wollendecken der geneigten Ebenen ausgewaschen werden. Das geklärte Wasser fliesst oben über, unten sammeln sich alle die suspendirten Stoffe, um schliesslich in die nach ihrem Erfinder so genannten Berdans gebracht zu werden. Unter diesen versteht man riesige eiserne Reibschalen, die mit Wasser gefüllt sind und auf deren Grunde abermals Quecksilber lauert. Drei grosse und schwere Kanonenkugeln werden darin herumgerührt und pressen auf diese Weise jegliches Theilchen in intimen Kontakt mit dem Quecksilber.
Fängt nun das Quecksilber, sowohl der Querrinnen oben als der Berdans, an krümelig zu werden, so ist dies ein Zeichen, dass es grösstentheils zu Amalgam geworden und nahezu mit Gold gesättigt ist. Das Quecksilber hat seine Pflicht gethan und kann gehen, oder vielmehr es wird schnöde zum Gehen gezwungen, indem man das Amalgam in eisernen Retorten erhitzt, bis das Quecksilber als Dampf in die untergestellten Wassergefässe entweicht und wieder in seinen alten goldlosen Zustand zurückkehrt, um von Neuem dem Gold nachzustellen und in die Dienste des Menschen zu pressen.
Das in der Retorte zurückbleibende rohe Gold kommt dann auf die Bank um durch einen feineren chemischen Prozess geläutert und von dem Silber, das sich fast stets in seiner Begleitung findet, geschieden zu werden.
Ich kletterte, von einem Bediensteten der Caledonia-Gesellschaft, der gerade die Runde zu machen hatte, geführt, einen halben Tag lang in den Stollen und Schächten der Minen herum, jeder eine Stearinkerze in der Hand. Diese sind nämlich hier das allgemein übliche, sonst nicht für bergmännisch geltende Beleuchtungsmittel. Jeder Arbeiter, den wir auf unseren dunklen Wanderungen einsam oder in kleinen Gesellschaften trafen, hatte eine Stearinkerze mittels eines Lehmknollens neben sich an den Felsen geklebt. Man pflegt hier zwei Stearinkerzen lang, das heisst sechs Stunden täglich zu arbeiten. Die Arbeiter wurden entweder im Taglohn mit 6 Shilling bezahlt oder hatten eine Ader gepachtet und arbeiteten auf eigenes Risiko. Es wurde gerade sehr wenig Gold gefunden, nur eben so viel als sich verlohnte überhaupt zu graben. Deshalb waren die Stollen auch alle offen, und die schweren Thüren mit grossen Schlössern an den Eingängen erinnerten nur mehr an die vergangene Blüthezeit der Goldgräberei, in welcher eine strenge Kontrole nöthig und nützlich war.
Aufwärts und abwärts, horizontal und in allen Graden der Neigung sind Schächte und Stollen durcheinander gewühlt. Nur an den allergefährlichsten Punkten sind Stützen angebracht, von all den Vorsichtsmassregeln unserer europäischen Bergwerke keine Rede. Beinahe wäre ich in einen Verbindungsschacht gefallen, der plötzlich mitten im Wege ohne Bedeckung sich aufthat. Mein Führer schien mir Respekt vor seinem Geschäft beibringen zu wollen und hetzte mich durch alle möglichen Schwierigkeiten -- endlose morsche Leitern hinab, auf denen oft meterlang die Sprossen fehlten, und der Fuss vergeblich nach einer Stütze im ungewissen Abgrund unten herumtastete, während oben die zerbröckelnde Erde nachstürzte, durch enge Löcher, durch die man nur auf dem Bauche rutschend sich durchzwängen konnte, auf Schienenwegen entlang, auf denen jeden Augenblick schwerbeladene Wagen aus dem schwarzen Inneren allein und ohne Aufsicht gepoltert kamen und den Leib aufzuschlitzen drohten, falls man sich nicht platt genug an die Wand drückte.
Fast alles Holzwerk in den Gängen war halbverfault. Wasser triefte von der Decke herab, und ungemein zarte flockige Schimmelbildungen, zarter als die zarteste Baumwolle, schmückten die Ecken. An einigen Stellen überraschte mich ein anmuthiges Phänomen zoologischer Natur. Die Decke erschien übersät mit Hunderten kleiner grünlich phosphoreszirender Sterne -- Glühwürmchen, die auf der Rückenseite der drei vorletzten Ringe einen verhältnissmässig grossen länglichen Leuchtapparat trugen. Sie sassen in kleinen schlauchförmigen Gespinnsten etwa viermal so lang wie sie selbst, welche horizontal an den Rauhigkeiten des Gesteins befestigt waren, und von welchen feine Fäden, mit zierlichen Thauperlen besetzt, herabhingen. Näherte man ihnen das Licht, so fingen sie in ihren Schläuchen zu marschiren an und retirirten nach geschützteren Winkeln. Hie und da fand ich in alten Gespinnsten kleine todte Käfer hängen, vielleicht die Imago jener Würmchen.
Den anderen Tag besuchte ich den 200 Meter tiefen Schacht der »United Pumping Association« -- für den richtigen deutschen Studenten gewiss ein Name von ausgezeichnetem Wohlklang. Das grossartige Werk dient dazu, die im Umkreis liegenden Minen zu drainiren. Im Grunde des Schachtes als dem tiefsten Punkt sammelt sich das Wasser des Bodens und wird durch Pumpwerke zu Tage gefördert.
Vergebens suchten mich die Beamten von meinem Vorhaben abzubringen, indem sie mir die schlechte Qualität der Luft, die Hitze und den Ueberfluss an Wasser dort unten in den lebhaftesten Farben schilderten. Ihre Vorstellungen waren auch, wie ich erfahren sollte, nicht übertrieben.
Ich steckte mich in die von Lehm starrenden Kleider eines Arbeiters, betrat in Gesellschaft eines Aufsehers den Fahrkorb und liess mich in den dunklen Schlund hinabsenken. Wir fuhren so rasch, dass man das unangenehme Gefühl des Fallens empfand. Immer kleiner wurde das viereckige Licht über uns, immer wärmer die Luft und immer stärker der dichte und gewaltsame Regen, welcher von den mit Kalkinkrustationen überzogenen Wänden herabstürzte. Neben uns liefen die Röhren und die aus halbmeterdicken Kauribalken zusammengesetzten Pumpenstangen, und das Brausen von Wasserfällen ertönte, so oft wir eines der vielen Reservoirs passirten, durch welche das Wasser von einem zum anderen gegeben wird. Mein Führer zog mehrmals an der Leine und stoppte die Fahrt, um mir das Werk zu erklären. Noch ehe wir unten ankamen, waren wir innen und aussen in Schweiss und Regen gebadet. Die drückend schwüle Luft war mit Feuchtigkeit vollständig gesättigt, das Athmen wurde beschwerlich.
Wir hielten an unserem Ziele, der Schwebekorb stiess auf den Grund des Schachtes. Wir stiegen aus in den schmutzigen Sumpf, welcher knietief den Boden bedeckte. Die Beamten hatten Recht gehabt, hier unten war es fürchterlich. Ich hatte das Gefühl zu ersticken in der unerträglichen Hitze, nur die halbe Atmosphäre war Luft, die andere Hälfte Wasser, welches widerlich lauwarm von allen Seiten herabschoss.
Und hier unten in diesem qualvollen Aufenthalt mühten sich sechs Menschen um ihr tägliches Brot. Der Raum, den sie erweitern sollten, war so eng, dass wir beide kaum mehr Platz hatten. Bis zu den Knieen im Schlamme stehend und strömend von Wasser, heftig athmend und mit dunkelgerötheten Gesichtern verrichteten sie schweigend ihre Arbeit. Ein aus Holz gezimmerter Kanal führte kühlere Luft von den Ventilationsvorrichtungen herbei. Dort das Antlitz hineinzuhalten und einige Züge zu schöpfen war ihre einzige Erholung.
Die Ventilation wurde mittels eines Sturzbaches, der durch einen eigenen etwa 100 Meter tiefen Schacht zerstiebend herabfiel, bewerkstelligt. Die in einzelne Tropfen aufgelöste Wassermasse riss Lufttheilchen mit sich, welche als ein frischer Wind in die horizontal verzweigten Kanäle hineingestossen wurden.
Mit Freude begrüsste ich wieder das himmlische Licht, als wir dem finsteren Schachte entstiegen, nass vom Scheitel zur Zehe. Der Kuranui Manager hatte noch die Freundlichkeit, mir einige Goldspecimens und statistische Notizen von seiner Mine zu schenken. Dann kehrte ich befriedigt ins Hotel zurück.
Nachdem ich so das Wesentlichste gesehen, konnte mich bei dem ewigen Regen und Stürmen und bei dem unwegsamen Zustand der Umgebung nichts mehr an Grahamstown fesseln.
Als ich jedoch am nächsten Morgen wieder auf dem Durham mich einschiffen wollte, hatte eine Sturmfluth das Pier und die unteren Theile der Stadt überschwemmt, so dass man bis zu den Hüften im Wasser waten musste, um die nächste trockene Strasse zu erreichen. Oben in einem Wirthshaus fand ich den Kapitän, der durch die Ueberschwemmung von seinem Schiff abgeschnitten war und bedenklich zweifelte, ob er bei solchem Wetter heute noch die Rückfahrt nach Auckland wagen sollte. Zum Glück klarte der Himmel sich auf, der Sturm legte sich etwas, die Fluth lief ab, und wir lichteten Anker, um eine sehr ungemüthliche Reise anzutreten.
Alle die wenigen Passagiere bis auf zwei Maoridamen und mich waren nach der ersten Viertelstunde intensiv seekrank. Der kleine Durham sprang und schlenkerte ganz verrückt, und seine Schraube arbeitete mehr in der Luft als im Wasser.
Die zwei Maoridamen waren aus Ohinemuri, wie mir der Steward sagte, und von hoher Abkunft, wie ihre stark tätowirten Lippen und Kinne bewiesen. Sie mochten etwa 40 Jahre zählen und waren dementsprechend runzelig. Haifischzähne mit rothen Siegellacktropfen in den Ohren, Grünsteinfratzen mit Perlmutteraugen als Amulette am Halse, falsche europäische Brasselets und Ringe um das Handgelenk und die Finger, alte Mäntel aus Phormium, mit rothen Troddeln und schwarzen Fransen bespickt, um die Schultern, darunter grellrothe wollene Unterröcke und schmutzige Hemden, ungekämmtes wallendes kohlschwarzes Haar, ohne Kopfbedeckung und baarfuss, die Waden mit einem Muster aus kleinen Längsstricheln tätowirt -- so repräsentirten sie den Typus vornehmer Häuptlingsfrauen vom Lande. Auch sie husteten beständig, kein Wunder bei der herrschenden Kälte und bei ihrer leichten Bekleidung.
Im Anfang versuchten sie, nach Pakeha-Art auf dem Sopha zu sitzen, aber sie quälten sich nicht lange damit, sondern rutschten herab auf den Boden, wo sie sich entschieden viel wohler fühlten, zumal als der Durham immer heftiger zu springen begann, was ihnen keine geringe Furcht einzuflössen schien. Als wir nach einiger Zeit unter dem Schutz einer Bergwand in ruhigere See kamen und an das Dinner denken konnten, waren sie nicht zu bewegen, am Tisch Platz zu nehmen. Sie blieben auf dem Boden und liessen sich dort serviren. Sie bedienten sich übrigens der Gabeln und Messer in geziemender Weise, und als sie fertig waren, zogen sie schmutzige Thonpfeifen aus dem Busen und rauchten.
Nur ein einziger Ausflug wurde mir noch vom Wetter vergönnt. Der Isthmus von Auckland ist bekanntlich eines der grossartigsten vulkanischen Gebiete der Erde. Gleich hinter der Stadt erhebt sich ein noch ganz deutlicher alter Vulkan, der Mount Eden. An einem trüben Sonntag, an dem es ausnahmsweise nicht regnete, machte ich diesem meinen Besuch.
Sobald man die geschlossenen Reihen der Häuser hinter sich hat, beginnt der Weg stetig anzusteigen, und je weiter man geht, desto ausgedehnter wird die Fernsicht. Die Lavaschlacke bildet ein vortreffliches Material zur Strassenbeschotterung und nur ihr verdankte ich die Möglichkeit vorwärts zu kommen. Denn wo sie auf kurze Strecken des Weges fehlte, war der Lehmboden zu einem beinahe unüberwindlichen Brei erweicht.
Ich war schneller oben am Rande des Kraters als ich erwartete. Das Innere des Trichters ist jetzt ebenso wie die äussere Böschung mit europäischem Gras bewachsen, den Grund desselben bedecken Lavablöcke. Der Berg war ehemals ein grosser Maori-Pa und ist von seinen einstigen Bewohnern her ringsum terrassirt. Allenthalben ist der Rasen mit Muschelbruchstücken, den Ueberbleibseln ihrer Mahlzeiten, besät. Pferde und Kühe weiden jetzt, wo einst stolze Häuptlinge hinter kunstvollen Befestigungen ihrer Feinde spotteten und ihnen Wolfsgruben bereiteten, von denen einige noch erhalten sind, falls die betreffenden Vertiefungen nicht als Kochstellen oder zu anderweitigen physiologisch-hygienischen Zwecken gedient haben.
Das Panorama, welches sich zu Füssen des Berges entrollt, muss bei schönem klaren Wetter zu den schönsten der Erde gehören. Nordwärts der Haurakigolf mit den vielen Inseln und Halbinseln, über die der Rangitoto gebieterisch hervorragt, dessen merkwürdige scharfgeschnittene Gestalt mit den beiden symmetrisch links und rechts angefügten kleinen Vulkanen gerade aussieht wie ein idealer Durchschnitt der verschiedenen Kegel eines Vulkans in Hochstetters Buch über Neuseeland. Südwärts die Felsenkulissen des Manukauhafens. In der Mitte der Isthmus mit seinen zahlreichen grossen und kleinen isolirten und gruppirten vulkanischen Kegeln und düsteren Lavafeldern, zwischen denen zerstreute Saatäcker sich emporzudrängen begonnen haben. Die einzelnen Grundstücke sind mit Zyklopenmauern von Lavablöcken eingefasst, was der Landschaft etwas Festungsartiges verleiht. Unten an der Ostseite haben sich zahlreiche elegante Cottages mit wohlgepflegten Gärten angesiedelt, und da wo die Strasse nach Manukau sich hinzieht, sind mehrere Steinbrüche aufgeschlossen, aus denen dichter, schwerer Basalt gewonnen wird.
Reiseprojekte und die Bibliothek des Mechanics Institute waren fortan meine Hauptbeschäftigung. Ich studirte die zahlreichen Neuseeländischen Zeitungen und fand darin manches Neue und Interessante. Auch hier in diesem schönen Lande wird viel geschimpft. Schimpfen scheint ein natürliches Bedürfniss des Menschen zu sein.