Part 16
Wenn die Strasse um Ecken bog und glatt abgeschnittene Wände ihre eine Seite bildeten, fehlte es niemals an eingekratzten Zeichnungen und Maorinamen, wozu sich das Gestein, ein weicher Mergel, vortrefflich eignet, und einmal stiess ich sogar auf Basreliefs. Eine Rieseneidechse, ein menschliches Antlitz sowie gleich daneben der entgegengesetzte Pol eines menschlichen Torso mit etwas anstössigem Detail und ein verschlungenes knollenförmiges Etwas, das ich nicht zu enträthseln vermochte, waren die Gegenstände, deren Darstellung kein geringes Formenverständniss bekundeten. Diese Skulpturen befanden sich so hoch oben, dass sie nur während des Strassenbaus gefertigt worden sein konnten.
So reich und üppig die Vegetation entfaltet war, so arm schien die Thierwelt vertreten zu sein. Meine zoologische Ausbeute war dementsprechend gering. Ich schälte beträchtliche Partieen von faulen Baumstämmen ab, ohne eine einzige Schnecke zu finden. Ziemlich häufig fand ich dagegen eine unserem Süsswassergammarus ähnliche Krusterart, die hier im feuchten Mulm lebt.
Nichts unterbrach die tiefe einsame Stille des Neuseeländischen Forstes als hie und da die schüchterne Stimme eines Glockenvogels, welche klang wie die Vorbereitungen eines Punschgläservirtuosen, der den Ton seiner Instrumente prüft.
Es wurde kalt, als der Abend hereinbrach und der Sonnenschein immer höher an den vergoldeten Gipfeln der Bäume und Berge emporrückte. Ich traute meinen Augen kaum, als ich Eiskrusten an den Kanten des Strassenkoths entdeckte, und ich fühlte einige Beunruhigung, als der Himmel immer dunkler und der Weg immer undeutlicher wurde, und jener Militärposten, in dem ich übernachten wollte und der nach meiner Schätzung schon lang hätte kommen müssen, noch immer nicht erscheinen wollte. Auch hier arbeiteten Soldaten und zwar eingeborene an der Herstellung und Verbesserung der Strassen, und in einer gewissen Entfernung, war mir gesagt worden, würde ich wahrscheinlich ein Zeltlager finden, welches aber jetzt auch irgendwo anders aufgeschlagen sein konnte. Endlich stieg unten im Thale eine Rauchsäule empor zu den Sternen, die bereits hell durch die Bäume herabblinzelten.
Was ich suchte, sollte mir noch nicht zu Theil werden. Nur ein einziges Zelt stand zwischen Felsblöcken am Ufer eines rauschenden Baches, und um das Feuer davor sass eine zahlreiche Maorifamilie. Drinnen im Zelt quiekste ein Säugling, und zwei grosse zottige Hunde knurrten sehr unangenehm, als ich zu ihnen hinabstieg. Keine Möglichkeit Auskunft zu erhalten. Niemand, auch der uniformirte Vater nicht, verstand was ich wollte. Alle sahen mich scheu und misstrauisch an, die Hunde schnupperten knurrend an mir herum, und der Säugling hörte nicht auf zu quieksen. In solcher Gesellschaft wäre ich um keinen Preis geblieben so müde ich auch war, und lieber wollte ich im Busch irgendwo zu schlafen versuchen.
Um nicht umsonst in die Schlucht mich bemüht zu haben, machte ich die kosmopolitische Geberde des Trinkens und bat um »Wai« (Wasser). Der Mann stiess die Frau an, die Frau aber murrte und zeigte sich nicht geneigt meinethalben aufzustehen, so dass ich selber ein Gefäss ergriff und zum Bache kletterte, um Wasser zu schöpfen. Dies war das einzige mal, dass ich von Maoris unfreundlich behandelt wurde, wobei allerdings als Entschuldigung in Betracht kommt, dass mein plötzliches Erscheinen in so später Stunde verdächtig sein mochte.
Ich war noch keine tausend Schritt weiter gegangen und machte mich eben mit dem Gedanken vertraut, die Nacht durchzumarschiren, als etwas Helles aus der Dunkelheit zwischen den Bäumen auftauchte und ein Hund zu bellen begann.
Eine Holzhütte, einige Zelte -- es war mein langersehntes und schon als verloren betrachtetes Nachtquartier. Auf mein Pochen öffnete sich die Thüre der Hütte, und ich stand vor dem Kommandanten des Platzes Apro Pioaro, einem schönen braunen Sergeanten.
Seine hohe kräftige Gestalt, die edle Gesichtsbildung und die geschmackvolle Uniform der Neuseeländischen Konstabulary Force machten ihn zu einer musterhaften militärischen Erscheinung. Weniger günstig nahm sich neben ihm seine Gattin aus, die sich alsbald beeilte, mir eine Taube des Waldes und etliche Bataten zum Abendmahl zu bereiten. Sie hiess Mangorewa. Ich liess mir beider Namen von ihm in mein Tagebuch schreiben.
Als ich mit dem Essen fertig war, hatte mittlerweile mein liebenswürdiger und chevaleresker Wirth in einem leerstehenden Zelt draussen ein vortreffliches Lager zurechtgemacht. Wir plauderten noch ein Weilchen und rauchten aus schrecklich schmutzigen Thonpfeifen ätzenden Maoritabak, und wir wären sicher noch viel länger zusammen geblieben, wenn nicht Mangorewa, um uns ein Zeichen zu geben, sich demonstrativ entkleidet und ins Bett gelegt hätte. Ich wollte meinem Gastfreund etwas Tabak anbieten, doch er protestirte dagegen und litt nicht einmal, dass ich anderes als sein eigenes Kraut rauchte.
Die Nacht war kalt, aber es lagen so viele Decken und alte Soldatenmäntel auf der Farnstreu in meinem Zelt, dass ich nicht zu frieren brauchte. Nur der Hund des Kommandanten, der durch eines der vielen Löcher hereinkroch und sich mir beigesellte, da er wahrscheinlich ältere Rechte auf das Bett hatte, störte mich zuweilen. Draussen grunzten und schnüffelten alte und junge Schweine schlaflos hin und her, und jedesmal so oft diese unwirsch sich zankten oder eines an der Leinwand vorüberstreifte, fühlte mein Genosse sich verpflichtet hinauszufahren und aufzubegehren. Oben schimmerte der Mond und unten strich die erfrischende Waldluft durch das Gewebe. Ich wickelte mich wohlig in die wärmenden Decken und dachte an die ferne Heimath.
Am frühen Morgen lauerte bereits die ganze Bewohnerschaft des Militärpostens neugierig auf den Moment, da ich die Zeltwand auseinanderschlagen und erscheinen würde. Aus jeder Spalte und aus jedem Fensterchen der Hütten und Zelte guckte ein ungekämmter Weiber- oder Kinderkopf und starrte verwundert mich an.
Ich wollte nach dem Frühstücksthee meinem Sergeanten ein paar Shilling in die Hand drücken, er nahm aber durchaus kein Geld. Da ich jedoch auf Zahlung bestand, so wurde er weich und sagte verschämt und verlegen lächelnd: »Ask Woman«. Ich gab nun Mangorewa meine Münze, welche sie rasch einsackte, während Pioaro mir noch ein paar Schiffszwiebacke aufnöthigte und seinen russigen Pfeifenstummel zum Andenken schenkte.
Ungefähr zwei Gehstunden vor Tauranga liegt das nur aus einem Hotel und einigen Hütten und Zelten mit gemischter Bewohnerschaft bestehende Dorf Oropi, welchem der hier endende Busch seinen Namen verdankt. »Oropi« ist die Maoritransskription für das englische »Europe«. Diese Ortschaft war einst der äusserste von der Küste her vorgeschobene Punkt europäischer Kultur, und mit ihr begann damals für die Maoris des Inneren Europa.
Der Wald lichtet sich, und das nur mehr mit Farn bewachsene Land fällt allmälig zur Bay of Plenty hinab. Von kleinen lauter vulkanischen Inselbergen durchbrochen steigt die blaue Fläche des Meeres zum Horizont empor, und allenthalben erscheinen Farmengehöfte, mit Hainen importirter Pappeln und mit den Rechtecken von Getreidefeldern umgeben, in die braungrünen Wellen der Farnlandschaft hineingestreut. An klaren Tagen ist von hier aus auch die Insel Whakari oder White Island zu sehen, der eine von den beiden Vulkanen Neuseelands, die allein unter den vielen noch thätig sind. Der andere ist der Tongariro südlich vom Tauposee.
Als ich Tauranga erreichte, war es bereits wieder Nacht geworden. In der Dunkelheit hatte ich kurz vorher den Gate-Pa passirt, einen Punkt, der in der Geschichte des erst 1870 beendeten grossen Maorikrieges eine bedeutende Rolle spielt. Der Gate-Pa war ein verschanztes Lager, welches die Eingeborenen so tapfer und erfolgreich vertheidigten, dass trotz ihrer Ueberlegenheit an Zahl und Bewaffnung die stürmenden Engländer mehrmals mit starken Verlusten zurückgeschlagen wurden. Eine Menge Gräber aus jener Zeit bedeckt den Kampfplatz.
Tauranga lernte ich ebensowohl als einen interessanten Zentralpunkt für die umwohnende Maoribevölkerung wie als ein hübsches aufstrebendes Städtchen europäischen Styles schätzen. Gleich der erste Morgen brachte mir wieder schönes warmes Wetter. Lachender Sonnenschein lag über der weiten blauen Bucht mit den vielen kegelförmigen Inseln, als ich aus dem Bett ans Fenster trat.
Mein guter Stern hatte mich zur günstigsten Zeit hieher geführt. Alles war belebt von braunen Gestalten auf der Strasse unten, deren eine Seite das Ufer und deren andere eine Reihe anmuthiger Häuser bildet.
Die Eingeborenen der Bay of Plenty treiben etwas Ackerbau und scheinen noch nicht so vollständig in Faulheit und Liederlichkeit versunken zu sein wie jene des Lake-Distriktes, obgleich auch bei ihnen ein grosser Theil des Verdienstes sofort in Schnaps umgesetzt wird. Am nächsten Tage sollte der wöchentliche Dampfer nach Auckland abgehen, und von links und rechts kamen Maoris über die Bucht herangesegelt und herangerudert um ihren Mais zu verschiffen. Man sah da alte Kanuus und moderne scharfgekielte Böte und gedeckte Kutter von englischer Bauart in ihrem Besitz. Die Kanuus waren im besten Zustand und viel reinlicher und tüchtiger gehalten als jene morschen und lecken Tröge, die auf dem Tarawerasee dem Touristenverkehr dienen. Holzschnitzereien und Federschmuck zierten die Schnäbel. Hochaufgestapelt lagen in ihnen die Säcke, und um das Geschäft zu einer Lustpartie zu benützen kamen gleich die ganzen Familien mit.
Ein buntes charakteristisches Treiben entfaltete sich dem Kai entlang. Draussen lag der Dampfer »Rowena« vor Anker umringt von löschenden Kanuus und Kuttern. Auf der Strasse und auf dem von der Ebbe entblössten Strande hockten gruppenweise Männer, Weiber und Kinder, alle in grellfarbige steife Decken gewickelt. Neue Ankömmlinge erschienen und vergrösserten die Gesellschaft. Wilde Reiter mit flatternden rothen Tüchern sprengten rücksichtslos durch die Menge, barfüssig im Steigbügel, die äussere Stange desselben zwischen der kleinen und der vorletzten Zehe haltend.
Noch nie hatte ich so viele Maoris und zwar so viele echte, von der Zivilisation noch nicht allzustark beleckte Maoris auf einem Fleck versammelt getroffen. Bestand auch ihre Gewandung überwiegend aus europäischen Fabrikaten, so waren doch noch genug einheimische Gewebe aus Phormium und eine Menge einheimischer Schmucksachen vorhanden, natürlich etwas modifizirt durch den Einfluss europäischer Stoffe.
So zum Beispiel trugen einige Weiber weissglänzende Haifischzähne mit scharlachrothen Siegellacktropfen in den Ohren. Diese Art Schmuck ist so gesucht, dass es sich verlohnt hat, ihn aus Fayence nachzubilden, wovon ich später in Auckland mich überzeugte. Fast allen Männern hingen von den rechten und dadurch langgedehnten Ohrläppchen schwere tropfenförmige Grünsteinstäbe an einem schwarzen Seidenband mit lose flatternden Enden herab. Auf der Brust zweier älteren Frauen bemerkte ich jenes kostbare Grünsteinamulett, eine stylvoll gearbeitete Fratzenfigur mit Perlmutteraugen, welches man Tiki heisst. Ein grobes Hemd, ein paar schlumpige Röcke und der nie fehlende möglichst bunte Schal bildete die Kleidung fast aller Weiber. Auf dem Kopf, dessen dichtes blauschwarzes Haar oft struppig und ungekämmt in das braune Gesicht mit den grossen Augen hereinfiel, sassen bei einigen Männerhüte, bei anderen elegante Damenbaretts mit Schleier, während sie alle barfuss waren. Eine einzige nicht mehr ganz junge Dame bewegte sich schmerzhaft und ungeschlacht in engen Stiefeletten. Die meisten trugen keine Bedeckung oder hatten den Schal über sich gezogen, so dass nur die Pfeife aus dem unförmlichen Klumpen oben herausguckte, wenn sie auf dem Boden sassen. Säuglinge wurden huckepack in einer kapuzenartigen Ausbuchtung mitgeschleppt. Die Männer waren oberhalb der Unterextremitäten ebenso gekleidet wie die weissen Arbeiter und Farmer Neuseelands, mit dem Gebrauch einer Hose jedoch hatten sie sich noch nicht befreundet. Eine um die Hüften geschlungene Wollendecke, die bis zu den Knieen reichte, vertrat dieselbe. In den malerischen Schlapphüten waren meist schlanke und spitze Fasanenfedern befestigt.
Hier beobachtete ich zum ersten mal und zu meiner grossen Freude die eigenthümliche Begrüssung mittelst der Nasen, für welche ich bereits zu spät gekommen zu sein befürchtet hatte, und für welche man die ganz unpassende Bezeichnung »Nasenreiben« erfunden hat. Es werden hiebei die befreundeten Nasen aneinandergedrückt und verharren in dieser intimen Berührung regungslos etliche Augenblicke.
Ein junges hübsches Weib mit einem Kinde auf dem Rücken und einer Thonpfeife im Mund sass umgeben von einem Dutzend Genossinnen am Strande. Auch diese hatten Thonpfeifen im Mund und klatschten und lachten, riefen den vorübergehenden Männern zu, wickelten sich bald so bald anders in die bunten Tücher, liessen sie fortwährend herabrutschen, um sie dann mit einer groben ungraziösen Bewegung wieder hinaufzuziehen, hockten entweder aufrecht mit untergeschlagenen Beinen oder stemmten halb liegend den Kopf auf den Ellbogen. Das hübsche Weib schien die Vornehmste unter ihnen zu sein. Da näherte sich ihr ein alter Mann, nacktbeinig und mit ganz blau tätowirtem Gesicht, entblösste ehrerbietig sein Haupt, bot ihr die Hand, beugte sich zu ihr nieder und drückte seine ziselirte Nase an die ihrige glatte, indem er ein sehr andächtiges Gesicht dazu machte. Wenn man nicht genau zusah, konnte man glauben, dass er sie küsse. Allerdings dauerte es viel länger, als bei uns für eine blosse Begrüssung erlaubt wäre.
Kaum war ich zum ersten mal Zeuge dieses seltsamen Aktes gewesen, als Andere hinzutraten, dasselbe zu thun, und das Nasendrücken auf allen Seiten losging. Das Merkwürdigste war mir die ernsthafte, traurige Miene, die sie allgemein dabei machten, statt dem Vergnügen des Wiedersehens Ausdruck zu verleihen. Sie schienen weinen zu wollen, und ein paar alte Weiber sah ich wirklich Thränen vergiessen. Diese unterschieden sich auch dadurch, dass sie ihre Nasen nicht ruhig aneinander hielten, sondern einigemal zusammenstiessen. War die Zeremonie, wobei man sich umarmte oder doch wenigstens die Hand gab, vorüber, so verschwand sofort die Traurigkeit, und das Lachen und Schwatzen begann.
Die Sitte des Nasendrückens wird heutzutage fast nur mehr von alten Männern und Weibern geübt. Die jüngere Generation hat sich das europäische Küssen angewöhnt, moderne Männer schütteln sich einfach die Hände nach englischem Vorbild. Wie aus dem Wort »Hongi«, welches sowohl »Riechen« als auch das Nasendrücken, als auch das von den Weissen importirte Küssen bedeutet, hervorgehen möchte, lag der Sinn des Nasendrückens darin, dass man den Geruch des geliebten Wesens einathmen wollte.
Ganz Tauranga schien heute blos von Maoris bewohnt zu sein, und auch im Hotel beherrschten sie heute den grossen Barroom, obwohl für sie eine eigene ziemlich unreinliche Stube reservirt und mit der Aufschrift »He Ruma mo nga Maori« (wörtlich »ein Zimmer für Maoris« -- Ruma das englische Room maorisirt und nga der Plural des unbestimmten Artikels, der in den arischen Sprachen fehlt) versehen war. Es wurde viel Schnaps konsumirt, und am Nachmittag taumelten genug Betrunkene herum. Sie hatten aber alle gemüthliche Räusche und thaten niemand etwas zu Leid, ganz im Gegensatz zu den tobsuchtartigen Ausbrüchen englischer Säufer.
Von der in Neuseeland herrschenden geschäftlichen Bummelei und Gemüthlichkeit hatte ich schon manches gehört und in Foxton auf der Eisenbahn eine kleine Probe erlebt. Ich sollte nun abermals um eine Erfahrung hierüber bereichert werden.
Meinen ursprünglichen Plan, über Land nach Grahamstown zu gehen, musste ich wegen der winterlichen Witterungsverhältnisse aufgeben. Der Weg von Katikati am Nordende des Taurangahafens nach Ohinemuri an der Themse, die sich in den Haurakigolf ergiesst, war durch Ueberschwemmungen unpassirbar geworden und durch mehrere angeschwollene Bäche ohne Brücken unterbrochen, wie die »Bay of Plenty Times« berichtete. Ich verlor dadurch die Möglichkeit eines Besuches der dortigen Kauriwälder und der südlichsten Mangrovesümpfe der Erde, die sowohl in der Themse wie in der Lagune von Katikati als äusserste Vorboten der Tropen auftreten sollen. So sehr mir die Unannehmlichkeiten einer längeren Dampferfahrt widerstrebten, blieb mir nichts anderes übrig als auf der Rowena nach Auckland zu reisen.
Am 14. Juni Mittags um zwölf sollte sie abgehen. Aber der Manager hatte eine Jagdpartie unternommen, kein Mensch wusste, wann er zurückkehren würde, und ohne ihn konnte der Kapitän nicht die Anker lichten. Etwa zwölf Passagiere fanden sich zur festgesetzten Stunde an Bord ein. Wir warteten den ganzen Nachmittag auf den Manager. Der Manager kam nicht. Wir gingen wieder an Land, ermahnt vom Kapitän in der Nähe zu bleiben, wir gingen wieder an Bord, wir fluchten und drohten. Es half nichts, ohne den Manager konnte die Rowena nicht in See stechen.
Die Nacht brach an, und in unserem unerquicklichen Zustand des Wartens auf unbestimmte Zeit änderte sich nichts zum Besseren. Im Gegentheil. Zwei der Schicksalsgefährten suchten Trost im Brandy, und der eine wurde darüber vorzeitig so seekrank, dass er an die Luft gesetzt werden musste, nachdem er die enge dumpfige Kajüte zu einem noch unerträglicheren Aufenthalt gemacht hatte. Der andere schnarchte, dass die Gläser in den Hängesimsen erzitterten, und ober uns auf Deck grunzte eine für den Markt zu Auckland bestimmte Kompagnie Schweine. Wenn auch die meisten Passagiere mit Kennermiene und Wohlgefallen höchlich den tiefen Bass ihrer Stimmen rühmten und aus ihm allein ein ansehnliches Gewicht zu berechnen verstanden, so konnte mich dieses noch lange nicht mit der Situation versöhnen.
Die beiden Stewards vertrieben sich die Zeit mit Boxübungen. Sie boxten sich nach allen Richtungen durch den Salon so dass man seines Lebens nicht sicher war, und als der Kapitän, ein alter verrunzelter und schäbig aussehender Kerl, herunterkam, suchten sie auch diesen armen Greis mit in ihr Vergnügen zu ziehen. Die Herren Stewards schienen hier überhaupt die erste Rolle zu spielen. Ich verlangte nach einer Kabine, aber man sagte mir, dass keine mehr vorhanden, und dass die Herren auf den Sophas und auf den Tischen zu übernachten pflegten, wo es viel kühler und komfortabler sei. »In Nummer eins und zwei schlafen wir beide, in Nummer drei schläft der Kapitän, Nummer vier ist für Ladies reservirt, fünf und sechs, sieben und acht sind bereits seit heute Morgen mit Beschlag belegt« lautete der Bescheid, als ich genauer inquirirte.
Ich schlief auf einem Sopha ein, und als ich erwachte, rattelte unter mir die Schraube. Die Balken stöhnten, und die Rowena stampfte und rollte auf die unverschämteste Weise. Ich kletterte auf Deck und fand schlechtes Wetter, Kälte und Regen und Gegenwind, ringsum die schwärzeste Nacht, dass man die Hand vor den Augen nicht sehen konnte.
Der Morgen kam. Wir steuerten den grotesken Felsenkuppen des Landes zu, die uns alsbald umringten, und ankerten in Merkury Bay. Unter einem brausenden Wasserfall lag eine Sägemühle in einer Schlucht, deren röthliche Wände zwischen dunklem Grün an Rotomahana erinnerten. Riesige Kauristämme schwammen davor im Wasser, die ersten und letzten die mir aufstiessen.
Wir hatten hier einen Passagier und dessen Gepäck zu landen, womit wir nicht weniger als eine Stunde verloren. Der Kapitän war zu faul selbst ein Boot flott zu machen, und vom Lande aus schien man seine Dampfpfeife nicht hören zu wollen. Endlich zeigten sich zwei Männer mit Riemen vor der Mühle, die sich dem Ufer näherten, machten sich erst daran ein altes leckes Fahrzeug auszuschöpfen und liessen sich dann langsam von der Strömung herabtreiben, ohne eine Hand zu rühren. Mit Stolz antwortete mir mein Nachbar bei Tisch, dem ich mein Staunen über diese Zeitverbummelung mittheilte, ich müsse bedenken, dass ich nicht in Amerika sei.
Wieder rattelten wir weiter. Die Rowena machte kaum sieben Meilen in der Stunde, aber sie wurde von ihrer Maschine ärger gestossen als der schnellste transatlantische Postdampfer. Das elende Fahrzeug erreichte erst in der Nacht den Eingang zu Auckland.
Es war stockfinster und nichts von all den schönen Inselvulkanen zu sehen, die den berühmten Hafen zieren, nicht einmal die Konturen. Nur Lichter, grössere von Leuchtthürmen und kleinere von Wohnstätten, blitzten allerwärts an unsichtbaren Ufern, und wir drehten uns zwischen ihnen durch.
Das Lichtergewimmel vor uns, welches die Stadt Auckland vorstellte, wurde etwas konzentrirter und rückte näher. Die Maschine stoppt, geht wieder an, stoppt nochmals, arbeitet rückwärts, stoppt und geht wieder vorwärts. Die Seeleute werden nervös, schreien und toben, rennen die auf Deck stehenden Passagiere um. Ein Licht rutscht ganz nahe aussenbords vorüber, wir sind am Pier. Noch ein bischen seemännisches Schreien und Toben, und der Dampfer ist mit Tauen festgemacht, ein Brett nach dem Bollwerk hinübergelegt, wir können aussteigen.
Auckland und die Schiffe des Hafens lagen bereits im tiefsten Schlummer, als ich durch den Schmutz des unangenehm langen Piers im Regen dahinpatschte nach dem nächsten Hotel, das mir aufstossen würde. Ein verdriesslicher Policeman, über dessen Gummirock das Wasser herabtriefte, stand im trüben Schein einer Gaslaterne und belehrte mich, dass das »Waitemata Hotel« gleich am Ende des Piers und an der ersten Strassenecke vor mir sei.
Ein braungelber Kerl von unbestimmbarer Rasse, in dessen Stammbaum die verschiedensten Völker des australasiatischen Völkerlabyrinthes zusammengewirkt haben mochten, öffnete mir auf mein lautes Klopfen, schimpfte ein wenig, worauf auch ich ein wenig schimpfte, um gleich danach in einem gemüthlichen Zimmer und in einem vortrefflichen Bett mich glücklich zu fühlen. Ich befand mich zum ersten mal wieder seit längerer Zeit in einem Haus mit steinernen Mauern. Die hohen kahlen Wände, die hohen Fenster mit den chinesischen Rouleaux aus Schilfgeflecht imponirten mir durch ihre Dimensionen. Mir war zu Muthe als ob ich in Europa, etwa in Italien wäre, und die Illusion zu vermehren schlug eine nahe Thurmuhr die zwölfte Stunde in einem Ton, den ich sonst nur im Lande der Zitronen gehört zu haben glaubte.
X.
AUCKLAND UND THAMES GOLDFIELDS.
Sehenswürdigkeiten. Das Northshore. Die Regenzeit hält ihren Einzug. Fahrt nach den Thames Goldfields. Goldgewinnungsprozess. Die Minen und der Schacht der United Pumping Association. Stürmische Rückkehr. Zwei vornehme Maoridamen vom Lande. Auf den Mount Eden. Die King Country und die Abolitionists. Reiseprojekte.
Auckland machte mir auch beim Tageslicht einen sehr günstigen Eindruck und erschien mir fast grossstädtisch, obwohl es nur 21000 Einwohner hat, welche Zahl allerdings noch von keiner anderen neuseeländischen Stadt erreicht ist.
Hier gab es nun wieder eine Strasse, Queenstreet, in der es sich lohnte Abends zu flaniren lediglich des Beguckens der Auslagen und der vielen Menschen halber. Queenstreet sieht halb amerikanisch halb englisch aus und ist zuweilen sehr belebt. Die Nebenstrassen sind dafür um so ruhiger. Was mir an Auckland namentlich imponirte lag wohl in der Steinkonstruktion der Häuser, deren ich entwöhnt war. Das Vorherrschen der dunklen Lava als Baustein giebt der gleich wie Rom über sieben Hügel sich breitenden Stadt einen ernsten, stellenweise düsteren Charakter.
Auf einem der Hügel, dessen nach Osten gerichteter Abhang mit dem Sammetteppich altenglischen Grases geschmückt ist und an seinem ebenen Fusse der Jugend von Auckland als Cricketgrund dient, steht das palastähnliche Hospital der Provinz, und hinter diesem erhebt sich, bedeckt mit einem prächtigen Park, ein anderer Hügel, dessen Spitze den botanischen und zoologischen Garten sowie den Garten der New Zealand Acclimatisation Society trägt.