Part 15
Von Wairoa aus kann man den Tarawerasee noch nicht sehen. Er liegt etwa 30 Meter tiefer, und erst mehrere hundert Schritt weiter gegen Nord fällt das Land plötzlich zu ihm hinab. Bis dorthin folgte uns die ganze Bevölkerung nach sowie auch der Wagen mit dem Gepäck, um dann, voll von schreienden Kindern, zurückzukehren.
In einem Rinnsal kletterten wir den steilen Absturz hinunter. Dann gings durch ein sumpfiges Schilfdickicht und über einen Creek, auf dem zwei kleine Kanuus schwammen und die sehr unsichere schwankende Brücke zusammensetzten.
Diesen Creek werde ich niemals vergessen. Mit meinem Bündel in der einen Hand, dem Höllensteinkasten der Photographen in der anderen, zwischen den Zähnen meinen Regenschirm, betrat ich das diesseitige Kanuu, balancirte glücklich hindurch und war eben im Begriff in das jenseitige zu steigen, als hinter mir ein voreiliger Maori das labile Gleichgewicht störte, und ich lag sammt meiner Ladung rücklings auf dem kalten Grunde des Bächleins, und nur die Beine guckten noch aus dem Wasser, wie man mir später erzählte. Ich war nun vollständig durchnässt und sollte auf der ganzen Partie nicht mehr trocken werden.
Wir machten vergeblich ein Feuer an, um uns zu wärmen, bis die langweiligen Maoris ihre Zurüstungen beendet hatten. Ein hübsches braunes Mädchen, welches um Tabak bettelte und Mitleid mit meinem verunglückten Zustand zu haben schien, war mein einziger Trost.
Endlich, endlich stiessen wir ab, nachdem die Photographen sich noch eine Weile wegen ihres Gepäckes herumgezankt. Etliche schmale und lange, aus Baumstämmen gehöhlte Kanuus lagen im Sumpf des Ufers, und in das längste derselben packten wir uns und unsere Sachen. Es ist unbegreiflich, wie auf einem von englischen Touristen so stark befahrenen Gewässer noch solche schlechte und primitive Fahrzeuge benutzt werden dürfen.
Obgleich unsere Maoris bereits eine halbe Stunde lang ausgeschöpft hatten, war der Grund des Kanuus noch immer voll Wasser, als sie uns einzusteigen nöthigten. Wir setzten uns einer hinter den anderen, mit gespreizten Beinen in einander gefügt wie zu einer Bergwerksfahrt, auf den engen Boden, dessen Härte eine Streu Farnkraut mildern sollte, und dessen Wasserstand sehr fühlbar unsere Basis umspülte. Um mich, auch oberhalb dieses gemeinschaftlichen Pegels Feuchten, zu wärmen, bat ich mir einige Gepäckstücke zur Verschanzung aus. Einen Kartoffelsack auf dem Bauch, den Höllensteinkasten als Brustschild, die Camera obscura und das Dunkelzelt gegen den Rücken gestaut, so verwandelte ich langsam durch thierische Wärme die Nässe der Kleidung in einen verhältnissmässig behaglichen Dunst, resignirt und mir wohlbewusst unfehlbar zu ertrinken, falls das schwanke Kanuu umkippen sollte, wozu es einigemal Miene machte.
Je vier Maoris sassen vor und hinter uns und tauchten nach dem raschen Takte eines melodiösen Gesanges die kurzen Pageien ins Wasser. Ganz hinten ruderte der Kapitän und kommandirte mit heftigen und erregten Worten.
Wir schossen aus der Bucht in den See hinaus, die schön bewaldeten felsigen Ufer flogen zurück, ein scharfer Wind wehte uns entgegen, und höhere Wellen leckten links und rechts ins Kanuu. Die Gefährten übernahmen abwechselnd die Arbeit, mit einer alten Konservenbüchse auszuschöpfen. Ich selber, der ich am tiefsten sass, peilte mit meiner Haut den Stand der Flüssigkeit. Sobald sie die Schenkelbeuge zu überfluthen begann, befahl ich zwei Mann an das Pumpwerk.
Unsere Maoris benahmen sich keineswegs vertrauenerweckend. Bei jedem schärferen Windstoss, bei jedem höheren Wellengang fingen sie laut zu schreien an, debattirten unter einander und hörten nicht mehr auf den Kapitän. Dann schien es ihnen auf einmal zu gefährlich, durch die Mitte des Sees zu steuern, sie bogen gegen Land zu und setzten dadurch die ganze Breitseite den Wellen aus, welche auch nicht versäumten, sofort hereinzuschlagen und sie zur Beibehaltung des alten Kurses zu nöthigen. An einer vorspringenden Felsenzunge kamen wir dem Gestein so nahe, dass wir beinahe scheiterten. Kurz eine Gefahr nach der anderen drohte aus der Unentschlossenheit und Aufgeregtheit des braunen Piratengesindels, dem wir in die Hände gefallen waren. Ihre ganzen Navigationskünste, von denen die Neuseeländischen Reisehandbücher viel Rühmliches zu berichten wissen, äusserten sich mehr in einem ewigen wüsten Geschrei, einem ewigen rathlosen Hin- und Herfackeln, als in einer zweckmässigen ernsten Thätigkeit. Und zu alle dem waren die Kerls noch schmälich faul, ruhten gemächlich aus oder frugen uns durch Geberden, ob wir nicht auch einmal rudern wollten.
Die Landschaft ringsum war trotz des ungünstigen Wetters äusserst malerisch, und das dunkle Grün des Wassers wetteiferte mit dem noch dunkleren Grün des über Felsen hereinhängenden üppigen Busches an Kraft und Tiefe. Hie und da erhob sich ein einsamer scheuer Kormoran aus dem Wasser.
Nach etwa zwei Stunden näherten wir uns dem östlichen Ende des Sees, wo eine Bucht in südlicher Richtung sich zu einem Bache verjüngt, der aus dem Rotomahana herabkommt. An einer Stelle ist ein schönes Echo, welches der Maorisage zufolge den in den schroffen Wänden des Ufers hausenden Dämonen seinen Ursprung verdankt. Früher musste man hier ein kleines Opfer leisten, indem man Geld, Zigarren oder Tabak auf einen niedrigen Felsblock legte. Jetzt hatte sich diese alte Sitte so weit abgeschwächt, dass es genügte, ein Stückchen Farnkraut von unserer Streu im Vorüberfahren darauf zu werfen.
Am Eingang zu dem Bach von Rotomahana, ganz nahe dem Ziele, gabs abermals Streit. Es war spät geworden. Unsere Maoris wollten nicht mehr weiter gehen und in ein paar Hütten neben einer heissen Quelle bei guten Freunden übernachten.
Es war ihnen sichtlich darum zu thun, uns möglichst viel Zeit und damit auch möglichst viel Geld für sich abzugewinnen. Im Hintergrunde der buschigen Berge dampfte es gewaltig und vielversprechend empor, und das Wasser war bereits lauwarm, weshalb wir schon eine halbe Stunde früher unsere Trinkgefässe gefüllt hatten.
Wir bestanden darauf, noch heute an Ort und Stelle zu gelangen, und wenn wir auch das schwerere Gepäck bis morgen zurücklassen mussten. Die Maoris gehorchten wider Erwarten, wir stiegen aus und setzten die Reise zu Fusse weiter, während das Kanuu mit nur vier Mann den Bach hinauffahren sollte.
Aber ganz ohne Prellerei konnte es doch nicht abgehen. Der schmale Pfad im Manukagestrüpp setzt plötzlich über den tiefen Bach. Unsere halbnackten Führer wateten einfach durch, indem sie die Hüftenplaids etwas lüpften. Wir armen Europäer waren nicht so praktisch gekleidet und standen verlegen am Rande, während jene sich höhnisch erboten, für einen Shilling uns hinüberzutragen. Wir waren entrüstet ob dieser Frechheit. Sie waren unsere gemietheten Diener, jeder von den Kerls kostete uns per Tag fünf Shilling und die Verpflegung, und nun wagten sie noch uns extra zu brandschatzen. Gerne hätten wir uns der Stiefel und sonstiger Anhängsel entledigt, allein wir hätten sie sicher wegen ihrer Feuchtigkeit nicht wieder anlegen können. Wir wollten um keinen Preis nachgeben und beschlossen, auf das Kanuu zu warten. Drüben zündeten sich die streikenden Maoris ein Feuer an. Wir versuchten dasselbe herüben, aber nicht ein einziges Zündhölzchen war trocken.
Die Kälte wurde ungemüthlich und wir wurden weich und gewährten den Shilling. Die Maoris kamen und luden uns auf den Rücken. Indess, für mich war heute ein Unglückstag. Mein Bursche glitt aus, und ich lag abermals im Wasser. Dass er dennoch seinen einmal versprochenen Shilling erhielt, schien ihn sehr zu rühren, und von nun an war er die Aufmerksamkeit selbst.
Jetzt galt es eine der schwierigsten und gefährlichsten und schauerlichsten Partieen, die ich jemals gemacht, und wir bedurften jetzt doppelt einer ortskundigen Führung. Es war dunkel in dem Manukadickicht geworden. Die Maoris nahmen uns bei den Händen und zogen uns durch Dick und Dünn. Allenthalben begann es wieder zu brodeln und zu qualmen. Aus schwarzen Abgründen unten stampfte und hämmerte es drohend herauf, heisses Wasser spritzte uns ins Gesicht, und Dampfwolken benahmen jeglichen Blick, während wir, festgehalten und geleitet von den starken Armen der Wilden und willenlos ganz in ihre Gewalt gegeben, über morsche Mauerkanten und schlüpfrige Lehmabhänge vorwärtsstrebten, links und rechts, vor uns und hinter uns das Verderben. Ein einziger Fehltritt und wir kochten in einem der siedenden Kessel.
Durch das Manukagebüsch schimmerte eine weisse Fläche, es lichtete sich, und wir waren am Fusse der berühmten, herrlichen Sinterterrasse Tetarata. Wir schritten über ihren glatten Spiegel den jenseits errichteten Hütten zu, in denen wir übernachten wollten. Rechts dampfte der kleine See Rotomahana. Stimmen von Wasservögeln, deren nächtliche Ruhe wir störten, liessen sich in seinem Schilf vernehmen.
Auch rings um die Hütten sind kochende Quellen und Tümpel zum Baden. Ich beeilte mich, aus den nassen Kleidern und aus der kalten Luft ins warme Wasser zu steigen. Während ich dort das sauer verdiente Abendbrot verzehrte, Schokolade, Eier und Kartoffeln, in irgend einer der vielen natürlichen Kochgelegenheiten zubereitet, trockneten unterdessen meine Kleider auf geheizten Steinfliesen. Wahrscheinlich würde ich auch auf unserem Farnlager ausgezeichnet geschlafen haben, wenn nicht eine kleine Art Stechfliegen uns belästigt, wenn nicht eine Kompagnie Ratten rücksichtslos und ungestüm um den Kartoffelsack der Photographen, auf dem mein müdes Haupt ruhte, hin und her geraschelt, und wenn nicht die Maoris nebenan fortwährend geplaudert hätten.
Früh am Morgen erhoben wir uns, zuerst die gestern in der Dunkelheit passirte weisse Terrasse zu besichtigen. Sie lag von den Hütten nur durch einen niedrigen mit Farn und Manuka bewachsenen Vorsprung getrennt. Wenige Schritte, und das grösste Wunder Neuseelands öffnete sich unseren Augen.
Der kleine vielgebuchtete See Rotomahana, dessen trübe Fläche und struppige dampfende Ufer jeglichen Reizes entbehren, ist in ein enges Thal gebettet, dessen Böschungen allenthalben von kochenden Quellen, kochenden Pfützen und Schlammvulkanen durchwühlt sind. Mitten in diesem Wirrsal von siedendem Schmutz hat die Natur bizarrer Weise zwei so ätherische, mährchenhafte Gebilde aufgebaut, wie vielleicht kein drittes mehr auf der Erde zu finden ist. Einander schräg gegenüberliegend, ungefähr nordöstlich und südwestlich vom See fliessen zwei breite, erstarrte Ströme einer unendlich zart und weichgefärbten Substanz von oben herab, die zwei Kieselsinterterrassen Tetarata und Otukapuarangi. Der Form nach gleichen sie beide gefrorenen Kaskaden, die in einer Höhe von etwa 25 Meter aus dem Berge hervorquellen und in sanften Staffeln sich in den See ergiessen, unten ausgebreitet zu einem flachen etwa 100 Meter betragenden Bogen.
Man steigt, theilweise in einer dünnen spiegelnden Schicht lauen Wassers watend, über die Staffeln empor. Die zarten Krystallblumen, welche den Boden bedecken, knirschen unter den Füssen wie Reif oder hartgefrorener Schnee.
Oben gähnt ein dampfender Kessel, der ab und zu aufwallen soll, von einer Platform umgeben. In jede der vielen regellos gehäuften Staffeln sind Schalen gehöhlt, welche Wasser von allen Temperaturen enthalten, je höher und näher dem Kessel oben, desto wärmer, je niedriger, desto kühler. Wülste von ornamentalen Stalaktiten umfassen diese unübertrefflichen Badebecken, deren Innenflächen gepolstert sind mit zarten Sinterkrystallen, nachgiebig dem geringsten Druck der Haut, ein Stoff würdig des raffinirtesten Sybariten.
Das Wunderbarste jedoch an den beiden Terrassen sind die Farben. Tetarata ist glänzend alabasterweiss und mit schwärzlichen Dendritenzeichnungen geschmückt, Otukapuarangi aber ist von einem wohllüstigen Rosaroth angehaucht. Die mit Wasser gefüllten Schalen beider schillern in mattem Blau, das bei Otukapuarangi oft in die anderen Farben des Regenbogens hinüberspielt. Dunkelrothe Felswände und dunkles Manukagestrüpp bilden den Hintergrund.
Trotzdem wir schlechtes Wetter hatten, und ein feiner Regen uns frösteln machte, badeten wir auf beiden Terrassen in verschiedenen Schalen, mehr aus Pedanterie als aus Gelüste.
Die zweite südöstliche Terrasse konnte man nur mit dem Kanuu erreichen. Leider ist dieselbe mit unzähligen eingekritzelten Namen von Besuchern verunziert. Neben einem durch amerikanische Reklamenhaftigkeit berüchtigten Schneider in Auckland fand ich auch den Herzog von Edinburgh in dieser geschmacklosen Weise verewigt. »Te Plines, te Plines« (the Prince) machte mich mein Führer aufmerksam darauf.
Der Prinz hat hiedurch ein sehr schlechtes Beispiel gegeben. Jeder richtige Engländer thut jetzt dasselbe. Hätte Seine Königliche Hoheit statt dessen lieber sich für die alten nunmehr vermodernden Skulpturen von Ohinemutu interessirt und einige durch Kauf erworben, so würde er dadurch der loyalen Nachahmungssucht des englischen Touristengesindels eine viel vernünftigere und heilsamere Richtung angewiesen haben. Die Maoris hätten dann vielleicht bei gesteigerter Nachfrage sich wieder einer Kunstindustrie zugewendet, für welche ihre Altvordern so viel Neigung und Geschick besassen und für welche auch die jetzige Generation unverkennbar grosse Begabung zeigt, und es wäre vielleicht ein Erwerbszweig wiedererstanden, geeignet, eine edle und liebenswürdige Rasse zu den Segnungen der Arbeit zurückzurufen.
An unserem Lagerplatz erhielt ich noch ein paar heisse Kartoffel, welche mein Bursche mit einer Muschel schälte, und nahm dann Abschied von den Gefährten, ohne sie um den projektirten dreiwöchentlichen Aufenthalt bei diesem Wetter und in dieser Jahreszeit sehr zu beneiden. Ich habe später wieder von ihnen gehört. Sie mussten noch viel von der Geldgier der Wairoabevölkerung ausstehen, welche der Ansicht war, dass Fremde eigentlich nur mit je zwei Mann im Solde (5 Shilling pro Mann und Tag) an den Ufern des Rotomahana verweilen dürften.
Der Bach, durch den wir nach dem Tarawerasee zurückfuhren, hatte so viele Krümmungen, dass das lange Kanuu kaum durchkommen konnte. Wir blieben auch mehrmals stecken und wurden von der starken Strömung halb in die Quere getrieben, was immer viel Geschrei und wenig zweckmässige Anstrengungen der acht braunen Kerls zur Folge hatte, die sich ihrer Kleider entledigten, um gleich hinausspringen und schieben zu können. Unterwegs wurde noch eine Ladung Schilf, die ein plötzlich aus dem Uferdickicht auftauchender Maori von herkulischen Gliedmassen geschnitten hatte, mitgenommen und da wo der Tarawerasee beginnt, angehalten, um in einer nahen Hütte zu plaudern und Kartoffeln zu essen. Ich hatte zwar das Kanuu für den Tag gemiethet und war somit rechtlich Besitzer und Befehlshaber desselben, musste mir aber gefallen lassen, was meinen Maoris gut dünkte und unterliess auf Grund gemachter Erfahrungen jegliche Aeusserung eines Willens.
Auch hier sind warme Quellen. Ein junges Mädchen zum Skelett abgemagert, lag in einer Badepfütze und verzehrte mit dem gierigen Appetit einer Rekonvaleszentin gekochte Teichmuscheln, während ein altes Weib gleich daneben in einem siedenden Sprudel die Kartoffeln für uns bereitete.
Ich war schliesslich doch dankbar für die von meinen Leuten eigenmächtig verfügte Unterbrechung der Heimreise. Denn einer von ihnen hatte die Pause dazu benützt, aus seiner Wollendecke, zwei Stangen und zähen Schilfhalmen ein zwar nicht marinemässiges aber doch sehr wirksames Sprietsegel herzustellen, welches bei der günstigen steifen Brise, die gerade wehte, das lange schmale Kanuu mit einer Schnelligkeit durch die aufspritzenden unwillig zischenden Wellen jagte, die einem ordentlichen breitgebauten Segelboot nie gelungen wäre. Es war trotz Kälte und Nässe ein Hochgenuss, so dahin zu stürmen, ganz nahe an den Felsblöcken und den weit über sie hereinhängenden riesigen Bäumen mit ihren herrlich dunklen Schatten vorbei, so rasch, dass sie oft nicht mehr zu unterscheiden waren, und das ganze Ufer wie verwischt am Auge vorbeihuschte.
Meine Maoris jauchzten vor Vergnügen, schrieen und sangen und klatschten in die Hände, höhnten grinsend die hinten nachrollenden Wellen, die uns nicht einzuholen vermochten und drohten mit der Faust auf jene, welche jeden Augenblick vorwitzig über den niedrigen Rand leckten, so dass sie dann doppelt emsig ausschöpfen mussten. Oder sie stellten sich im flatternden Hemd mit gespreizten Beinen auf die Borde und breiteten ihre Lendenbekleidung, die wollene Decke, als Hilfssegel aus, deren Zipfel sie mit Füssen und Händen festhielten, so dass ihr geschickt balancirender Körper zugleich Mast, Raa und Schoten ersetzte.
Als wir um die Felsenecke, an der wir gestern den Göttern so wohlfeil geopfert hatten, bogen, änderte sich leider der Wind und wurde so unbestimmt, dass es mit dem Segeln nicht mehr gehen wollte. Von allen Seiten schossen Böen aus den Schluchten herab und kräuselten weithin erkennbar kreuz und quer den hüpfenden See. Wir mussten noch über zwei Stunden rudern, was den Maoris viel weniger zu behagen schien als das Segeln, und sichtlich gewährte es ihnen grosse Befriedigung, dass auch ich theils aus Langweile theils aus Frost zuweilen Wasser schöpfte oder mit der Pageie vorwärtslöffelte.
Spät am Nachmittag kam ich nach Wairoa, von wo aus ich sofort zum abermaligen Erstaunen der irischen Hotelfamilie nach Ohinemutu abmarschirte, welches ich erst nach mehreren Stunden todmüde erreichte, nachdem ich mich in der stockfinsteren Nacht zu allem Ueberfluss noch um eine beträchtliche Strecke verirrt hatte.
Nach meiner Rückkehr von Rotomahana lernte ich den Native-Kommissioner Mister Davis kennen, einen würdigen alten Herrn, berühmt in ganz Neuseeland wegen seiner Gelehrsamkeit in Maoriangelegenheiten. Er war von Auckland nach Ohinemutu gekommen, um Streitigkeiten mit den Eingeborenen zu schlichten.
Da Mister Davis hier öfters und dann meistens längere Zeit zu thun hatte, so war unter seiner Leitung eine Art Schule für die zahlreiche Jugend des Dorfes entstanden, die er jedesmal wieder auffrischte. Missionsanstalten wie früher scheinen seit dem letzten Krieg in Neuseeland kaum mehr zu existiren. Ich habe wenigstens niemals von einer solchen gehört. Trotzdem soll es unter der jetzigen Generation der Eingeborenen nur wenige geben, die nicht schreiben und lesen können. Ohne eigentliche Lehrer zu haben lernen sie es einer vom anderen, und an allen Mauern und Zäunen, an allen Felswänden im Walde sieht man Namen und Zeichnungen eingekratzt, welche die bedeutende Vorliebe der Maoris für graphische Künste dokumentiren.
Mister Davis lud mich eines Abends ein, seine Singschule zu besuchen. Ich hörte da ausser echten Maorigesängen auch einige ins Maori übersetzte englische Lieder. Mitten darunter kam ein Hymnus, von drei Mädchen vorgetragen, der mir durch die Fremdartigkeit seiner Melodie und seines Textes sehr vortheilhaft vor den übrigen auffiel. Es war ein tonganischer Gesang, den die Mädchen in Auckland von tonganischen Matrosen erlernt hatten. Als Mister Davis seinen Schülern und Schülerinnen mittheilte, dass ich ein Deutscher sei und ein vom Englischen verschiedenes Idiom spräche, liessen sie mich bitten, ihnen eine deutsche Rede zu halten, was ich gerne that, ohne mich sonderlich kümmern zu müssen, was ich sagte. Mit grosser Befriedigung wurde konstatirt, dass es wirklich ganz anders klinge als Englisch. Eine der jungen Damen, die eine sehr schöne Handschrift besass, schrieb mir noch eine Sentenz auf einen Zettel, dann ging ich nach Hause. Jene Sentenz lautete folgendermassen: »Ki a Tiamana tena koe. Me whakaako koe ki te reo Maori. Heoi ano na Maraea i tuhi. Ki a ora tonu koe« (Deutscher, sei gegrüsst. Lerne doch die Maorisprache. Dieses hat die Maraea geschrieben. Möge deine Gesundheit beständig sein).
Ohinemutu besitzt keinen Arzt, und so wurde ich während meiner Anwesenheit häufig als solcher in Anspruch genommen, was mir sehr lieb war, da ich so tiefer in die Geheimnisse der Maoribevölkerung einzudringen hoffte. Ich wurde indess stets nur von Weissen zu Eingeborenen gerufen. Diese selbst schienen mich nicht zu wünschen und zu mir viel weniger Vertrauen zu haben als zu einem in der Nähe wohnenden Zauberer. Selten erntete ich etwas wie Dankbarkeit. Vielleicht auch fürchteten die Maoris, dass ich Bezahlung verlangen würde.
Zwei mit Knochensyphilis behaftete Weiber waren die einzigen Fälle von Interesse. Sie leugneten hartnäckig, jemals an primären Erscheinungen gelitten zu haben. Es wäre von höchster Wichtigkeit zu beobachten, wie der Verlauf dieser Krankheit unter dem Einfluss der täglichen und langdauernden heissen Bäder, denen die Bevölkerung von Ohinemutu obliegt, sich gestaltet.
IX.
VON OHINEMUTU NACH AUCKLAND.
Abschied. Pokohorungi und der Oropibusch. Maoriskulpturen. Eine misstrauische Waldfamilie. Der Sergeant Apro Pioaro und seine Gattin Mangorewa. Tauranga. Reges Leben und Nasendrücken. Abermals ein Stück Neuseeländischer Bummelei. Der Dampfer Rowena. Merkury-Bay. Ankunft in Auckland.
Es gefiel mir in Ohinemutu so gut, dass ich meinen ursprünglichen Reiseplan unberücksichtigt liess und länger blieb als vorausbestimmt war, bis ich eines schönen Morgens Abrechnung mit meinem Mammon hielt und die schreckliche Entdeckung machte, dass ich nicht mehr Geld genug besass um den nächsten Postwagen abzuwarten. Mit Wechseln war hier nichts zu machen. Ich musste fort, fort nach zivilisirteren Gebieten, wo es Banken gab, und zwar schleunig und zu Fuss. Denn selbst ein Pferd oder sonstiges Vehikel hätte ich nicht mehr bezahlen können.
Umsonst schlug die Wirthin, umsonst schlug der Rossarzt, Pferdeverleiher und Lohnkutscher, umsonst schlugen die rheumatismusgelähmten Badegäste die Hände über dem Kopf zusammen, als ich ihnen mittheilte, dass ich »aus wissenschaftlichen Gründen« zu Fuss durch den schauervollen Oropibusch nach Tauranga gehen wolle. Meine wissenschaftlichen Gründe waren unerschütterlich. Ich schnürte mein Bündel, übergab das schwerere Gepäck zum Nachsenden, drückte Allen zum Abschied die Hände und schritt hinweg -- wenn die Wirthin und der Rossarzt und die Badegäste nur halbwegs aufrichtig waren, in mein sicheres Verderben.
Ich trennte mich ungern von Ohinemutu, und jedesmal so oft das freundliche dampfende Dörfchen zwischen den Farnhügeln wieder auftauchte, sandte ich ihm zärtliche Blicke zurück.
Im Halbkreis zieht sich die Strasse um das westliche Ufer des Sees und kriecht dann ins Dickicht des Busches hinein. Die Insel der schönen Hinemoa ruhte duftig unter den Strahlen einer wolkenlosen Sonne, und ein kühles Lüftchen milderte angenehm die Wärme des Tages. Da wo die Farnlandschaft aufhört und der Busch beginnt, liegt die Maoriansiedelung Pokohorungi, und ich bog von der Strasse ab um sie in Augenschein zu nehmen. Wenige Zelte und Strohhütten standen zwischen frischgefällten Baumstämmen, über Feuerstellen mit glimmender Asche hingen grosse eiserne Kessel. Hunde bellten, und ein paar braune nackte Kinder liefen eilig hinweg, indem sie besorgt »Pakeha, Pakeha« riefen. Unter einem Baum sassen mehrere Frauenzimmer und assen Kartoffel. Sie machten Witze über mich, lachten laut auf, und ein aussergewöhnlich hübsches Mädchen reichte mir zum Willkomm eine geschälte Kartoffel, die ich mit Dank annahm.
Der Oropibusch, den ich nun betrat, unterschied sich in nichts von den anderen prachtvollen Wäldern Neuseelands, die ich bisher gesehen. Streckenweise war der lehmige Weg so aufgeweicht, dass die Stiefel in Versuchung kamen den Beinen abtrünnig zu werden und im knietiefen Brei stecken zu bleiben. Beständig ging es bergauf und bergab, und war ich ein paar hundert Meter aufwärts gestiegen, so musste ich sicher eines kleinen Flüsschens halber eben so tief wieder hinabsteigen. Ich freute mich, nicht zu Wagen hier durchzupassiren. Denn abgesehen von der bei diesem schlechten Zustand der schmalen Strasse naheliegenden Gefahr in den Abgrund zu stürzen bot die Wagenfahrt hier kaum ein nennenswerthes Vergnügen.