Reise durch den Stillen Ozean

Part 12

Chapter 123,473 wordsPublic domain

Sechs oder sieben Soldaten, aus welchen ungefähr die ganze bewaffnete Macht bestehen mochte, schlenderten von ihrer Pallisadenkaserne drüben herbei, etwa eben so viele junge Maoriweiber, mit welchen erstere in wilder Ehe zu leben pflegen, tauchten hinter den Hütten auf, setzten ihre Pfeifenstummel in Brand und konversirten lebhaft in ihrer wohlklingenden Sprache.

Aus dem nächsten Manukagebüsch aber trat eine Gestalt, die einer eingehenderen Betrachtung würdig ist. Ich hatte bisher noch keinen Maori anders als in europäischer Kleidung vor Augen gehabt. Jetzt sollte ich zum ersten mal das alte einfachere Maorikostüm, wenn auch mit einigen der Phantasie und europäischer Verweichlichung entsprungenen Abänderungen, an den blassen Gliedern eines Pakeha zu studiren Gelegenheit erhalten. »Mister Jack the Guide of Taupo«, wie er sich genannt wissen will, war es, der mit nackten Beinen und Armen uns entgegeneilte und bei der herrschenden Kälte einen ziemlich frostigen Eindruck machte.

Ein kurzer, dicker Kerl von vielleicht vierzig Jahren mit struppigem Gesicht, dessen Züge den Ausdruck ehrlicher Bonhommie tragen, und struppigem Haarwuchs, dessen Farbe an einzelnen Stellen bereits einen grauen Schimmer zeigt, steckt in einem weissen Hemd ohne Aermel. Um seine Hüften und Schenkel ist eine wollene Decke gewickelt, aus welcher der Griff eines langen Messers guckt, von den Schultern fällt ein Plaid in malerischem Faltenwurf herab. An den Füssen trägt er kurze graue Socken und Stiefeletten mit Gummizügen und weit abstehenden Anziehstrippen vorn und hinten, den rechten mit einem Schnallsporn bewaffnet. Das Haupt schmückt ein hoher schwarzer Kalabreser, wie ihn unsere jüngeren Künstler lieben, und eine hochemporstrebende spitze Fasanenfeder -- Solches ist das flüchtige Porträt von »Mister Jack the Guide of Taupo«, so gut es meine schwache Feder einem wissbegierigen Publikum zu überliefern im Stande ist, und zugleich auch eine Charaktermaske, welche sich wegen ihrer Einfachheit, Bequemlichkeit und Billigkeit der Berücksichtigung eines karnevalliebenden Publikums empfehlen möchte.

Was dieser sonderbare Europäer eigentlich in Taupo zu thun hatte, und womit er sein Leben fristete, war mir ein Räthsel und sollte mir erst morgen einigermassen klar werden. Mister Jack erwies sich übrigens im weiteren Verlaufe des Abends als ein sehr liebenswürdiger Gesellschafter, voll von Schnurren und Abenteuern, mit denen er uns lange ausgezeichnet unterhielt und vollständig vergessen machte, dass er im blossen Hemd mit zu Tische sass.

Ungefähr zweihundert Schritt vom Hotel entfernt fliesst der Waikato aus dem See. Ein baufälliges Fahrzeug mit einer auffallend kleinen Dampfmaschine liegt hier vor Anker, um einmal wöchentlich auf Regierungskosten den See zu kreuzen und die Verbindung mit Tokano, einem Maoridorf an der gegenüberliegenden Seite, zu unterhalten. In Mäanderlinien schlängelt sich der Fluss durch bald steil abfallende, bald terrassenförmige felsige Ufer, an denen sowie an den Abhängen zahlreicher ebenfalls mäandrisch gestalteter Querthäler die kochenden Quellen entspringen.

Diesen galt mein erster Ausflug am folgenden Tag, der von besserem Wetter als die vorhergehenden begünstigt war. Beinahe hätte ich den undeutlichen Weg durch das Gebüsch verloren, welches an manchen Stellen so hoch wurde, dass es mir einen als Richtpunkt dienenden Berg zur Rechten verbarg, während die Sonne nur minutenweise sich sehen liess, wenn nicht einige weisse und halbweisse Kinder mit Handtüchern mich eingeholt hätten, welche demselben Ziele wie ich, den warmen Bädern, zustrebten.

Einem der Mädchen war es offenbar sehr unangenehm, dass ich auch baden ging, und sie schickte ihren jüngeren Bruder als meinen Führer ab, dem sie Instruktionen zuflüsterte, und dem ich bald anmerkte, dass er mich nur von der rechten Fährte abbringen sollte, während die übrige kleine Schaar zurückblieb. Erst als ich dem jugendlichen Schlaukopf erklärte, dass es mir zunächst nur darum zu thun sei, die Gegend in Augenschein zu nehmen, und dass ich nicht vor zwei Stunden baden würde, schien er bereit, mir den Badeplatz zu zeigen.

Eine halbe Stunde waren wir plaudernd weitergewandert, und mehrmals hatten wir Fasanen, an denen die Gegend reich sein soll, aufgescheucht als endlich die erste Dampfwolke ziemlich nahe vor uns emporqualmte. Gleich darauf dampfte es auch dicht neben uns aus einem metertiefen Loch, in dessen Grund nichts als feuchte zerrissene Erde und verdorrtes Farnkraut zu erblicken war. Ein starker Schwefelgeruch erfüllte die Luft. Es galt jetzt, vorsichtig den schmalen Pfad zu verfolgen, und ich fühlte mich gehoben durch das Bewusstsein, mitten in jenem merkwürdigen Gebiete zu stehen, von dem ich in der Heimath Hochstetters vortreffliche Schilderung mit so grossem Interesse gelesen hatte.

Rechts und links begann es aus vielen Stellen zu dampfen. Vom Rande eines Abgrunds schauten wir hinab auf das herrlich klare dunkelgrüne Wasser des langsam dahin fliessenden Waikato. An seinen steilen Ufern qualmte es hier und dort zum immer freundlicher werdenden Himmel empor, und seltsam grell stach das von der Sonne beschienene Weiss des Dampfes von den gesättigten Tönen der Umgebung ab.

Eine niedrige Thalschlucht öffnete sich, durch welche ein warmes Bächlein dem Flusse zueilt, und in welcher zwei Schilfhütten liegen, halbverborgen von Farn und Phormium. Dort unten sind die Bäder.

Ich dankte meinem jungen Begleiter und schlug die gerade Richtung ein nach jener ersten und bedeutendsten Dampfwolke, trotz aller Warnungen, die ich gelesen und gehört. Auch hier machte ich wieder die Erfahrung, dass im Allgemeinen die Gefährlichkeiten nicht so gefährlich sind, als sie beschrieben werden. Es war zwar manchmal gewiss überraschend, plötzlich vor einem tiefen Loche zu stehen, in dessen Grund es leise und unheimlich dampfte, und der wie geröstete und mit einzelnen Büscheln vertrockneten Grases und spärlichem dürrem Buschwerk besetzte Boden war so weich und morsch, dass man bei jedem Tritte einen Zoll tief einsinkend die Empfindung der Unsicherheit bekommen konnte. Wenn man aber mit der nöthigen Vorsicht zu Werke ging, das dichtere Gestrüpp, welches den Boden gänzlich verdeckte, mied und nicht gerade drauf los rannte, war kein ernstlicher Unfall zu befürchten.

Ich durchstreifte kreuz und quer das Ideal eines koupirten Terrains. Auf den ersten Blick flach und nur von kümmerlicher Vegetation bewachsen, sind die beiden hohen Ufer des Waikato allenthalben von Laufgräben ähnlichen Schluchten durchzogen, die alle fünfzig bis hundert Schritt fast rechtwinklig bald rechts bald links umbiegen, so dass man nie wissen kann, woher sie kommen und wohin sie führen, und oft dieselbe Schlucht zweimal hinab und hinaufklettert, die man leicht hätte umgehen können, wie man zu spät erfährt.

Die mehr oder minder stark dampfenden Löcher sind ziemlich zahlreich. Da eines aussieht wie das andere, wurden sie mir bald gleichgültig, und ausser dem Urheber meiner ersten verheissenden Dampfwolke, einem kochenden Sprudel von grösseren Dimensionen, war nichts Besonderes zu entdecken. Schon aus einer gewissen Entfernung hörte ich den dumpfen unterirdischen Lärm desselben, und als ich an dem brunnenartigen Schachte stand, in dessen Tiefe es brodelte und brummte und hämmerte wie in einer Fabrik, in der viele Maschinen zu gleicher Zeit arbeiten, fühlte ich etwas wie Grauen bei dem Gedanken auszugleiten und hinabzufallen. Nur auf kurze Augenblicke, wenn eben ein Windstoss den aufsteigenden Qualm zerriss, war ein Stückchen des kochenden und sprudelnden Wassers zu sehen. Rothes verwittertes Gestein bildet die Wände des Schachtes, über dessen unregelmässig zerrissene Ränder bleiches, wassersüchtiges Farnkraut hängt, kränkelnd unter der fortwährenden warmen Bethauung.

Ich war mittlerweile müde geworden, und die Frist, die ich den Kindern von Tapuaeharuru zum Baden versprochen, war abgelaufen, so dass ich beschloss mich nun selbst durch ein warmes Bad für meine Forschungsreise zu belohnen.

In jenem Miniaturthal mit den Schilfhütten sah es anmuthiger aus als oben auf dem kahlen dürren struppigen durchfurchten Plateau, über welches ein frostiger Wind strich. Je weiter ich kam, desto idyllischer wurde die niedliche engbegrenzte Landschaft. Auf einem Pfahl ein Taubenschlag aus Flechtwerk, zwei oder drei niedrige Hütten aus demselben Material, weidende Schafe und ein bellender Hund, ringsum dichte üppig grünende Vegetation und steile Felswände, gerade hoch genug um gegen die kalten Winde Schutz zu gewähren, bilden die Bestandtheile dieses reizenden stillen Winkels. Ich näherte mich den Wohnstätten, und eine junge Maoridame, auffallend hübsch und reinlich, erschien in phantastischer und zugleich so dürftiger Gewandung, dass ich beinahe Entschuldigungen stammelnd zurücktrat. Das war kein Maoriweib gewöhnlicher Art. Ein gewisses Parfüm entduftete ihrem Körper, ich roch Europa. Warum musste mir sofort Mister Jack the Guide of Taupo einfallen? Ich weiss es nicht. Meine Ahnung aber war richtig wie ich später erfuhr. Dieses war des alten Gauners (wilde) Ehegattin, eine Häuptlingstochter, welcher das Land ringsum mit dem lieblichen Thal und dem warmen Bächlein gehörte. Er und sie repräsentiren allegorisch Gott und Göttin der wunderbaren Heilquelle, deren gedruckte Analyse ich gestern hatte würdigen müssen, und für welche er sich wie jeder Quellenbesitzer nicht nur des Lake-Distrikts von Neuseeland, sondern der ganzen Erde eine grosse Zukunft verspricht. Mit einem solchen mythologischen Beruf ist selbstverständlich europäische Zugeknöpftheit unvereinbar, daher die Einfachheit seiner und ihrer Bekleidung.

Das Bad ist stylvoll wie die Eigenthümer desselben. Mehrere heisse Quellen entspringen in dem Thal und vereinigen sich zu einem ungefähr metertiefen und einen guten Sprung breiten Bach, der geschäftig zwischen Farn und Phormium dem Waikato zueilt. Da wo sein Wasser sich zu der Temperatur eines angenehmen Wannenbades abgekühlt hat, ist es aufgestaut, und mit einem Dach aus Lattenwerk überbaut, an welchem Geisblatt zwanglos hinanklettert und graziöse Zweige im Winde schaukelt. Eine Schilfhütte dient zum Auskleiden, ein Spiegel ohne Rahmen, dessen nackte zerkratzte Quecksilberfläche das Konterfei voller Löcher zurückstrahlt, und ein geschriebenes Plakat, welches besagt, dass der einmalige Genuss all dieser Schönheiten einen Shilling kostet, sind das Mobiliar des Innern. Den schmalen Zugang und die Hütte selbst überwuchert hohes Phormiumschilf und säuselt seine Melodien, vom Zephyr bewegt. Schmeichelnd fallen die Sonnenstrahlen durch die Blätter der Laube, und schmeichelnd umspült das laue Wasser die erfreuten Glieder des Badenden.

Die Temperatur kann um einige Grade erhöht und erniedrigt werden durch eine Schleuse, die aus einer Nebenquelle kälteres Wasser einlässt. Schliesst man die Schleuse ganz, so steigt die Wärme bald auf eine unangenehme Höhe, das Bad beginnt zu dampfen, und man beeilt sich wieder aufzumachen. Sehr merklich ist auch der Unterschied zwischen den oberen und unteren Schichten des Bades, und deutlich fühlt man beim Unter- und Auftauchen die heissere Zone der Oberfläche.

Es blieb mir nur noch übrig, unten am Ufer des Waikato einige andere heisse Quellen aufzufinden, und ich hatte Alles gesehen, was in Tapuaeharuru zu sehen ist, zum Aerger von Mister Jack, der nicht begriff, wie man ohne seine Führung und Erklärung herumzustreifen wagte.

An einem Punkte strömt dem dunkelgrünen Waikato so viel heisses Wasser zu, dass man im Sommer in ihm selbst warme Bäder geniessen kann. Weiter oben in der Mitte eines grösseren, ziemlich seichten Beckens, dessen Umfang sich nicht übersehen lässt, da es halb von einer dunklen Felsenhöhle überwölbt ist, wallt es in beständigem Kochen. Der ganze Grund ist bedeckt mit zierlichen Sinterinkrustationen von Farnblättern, die sich von den bekannten Erzeugnissen des Karlsbader Sprudels dadurch unterscheiden, dass sie aus Kiesel und nicht aus Kalk bestehen. Greift die Hand achtlos hinein, um sich ein Andenken herauszuholen, so fährt sie sogleich erschrocken vor der Hitze wieder zurück. Ein alter erloschener Geyser dicht nebenan arbeitete zuweilen noch vor wenigen Jahren. Jetzt ist von ihm nur mehr die Umwallung, die er sich aus Inkrustationen aufgebaut hat, vorhanden.

Um ein Gebüsch biegend, stand ich plötzlich vor zwei Maorihütten. Kein Mensch war in ihnen, die hölzernen Fensterladen waren zu und die Thüren mit europäischen Vorhängeschlössern versperrt. Hinter einem zweiten Gebüsch grub ein altes hässliches Maoriweib Kartoffel aus der Erde, obwohl heute Sonntag, Sonntag unter englischer Flagge war, und nahm mürrisch vor sich hinstierend nicht die geringste Notiz von meiner Anwesenheit.

Unweit davon musste ich etwas entdecken, was Mister Jack keineswegs zur Ehre gereichte. Durch Stauung und Erweiterung hatte die Natur in dem Netzwerk der vielen heissen, warmen und kühlen Bäche das herrlichste natürliche Wannenbad geschaffen. Zarte weissschimmernde Sinterkrusten überzogen die Innenfläche und die vom Grün des Farngestrüpps eingefassten Ränder und auch hier konnte durch seitliche Löcher, die man mit Grasbüscheln verstopfte, die Temperatur regulirt werden. Gewiss war dieses Gebilde im Stande Mister Jack Konkurrenz zu machen, und er hatte es deshalb mit Schmutz vollgeschüttet.

Als ich wieder nach dem Hotel des Herrn Becker zurückkam, war das Dinner schon längst vorüber, und die beiden Kutscher, meine Gefährten, Mister Jack und die ganze Soldateska des Platzes waren alle betrunken. Mister Jack ärgerte sich erst ein wenig und schimpfte, dass ich ohne ihn, den »Guide of Taupo«, Umschau gehalten und sämmtliche Sehenswürdigkeiten selber gefunden. Ich zahlte ihm seinen Shilling für das Bad und lobte seine Besitzung. Das versöhnte ihn wieder. Der Spekulationsgeist erwachte in ihm. Ich war ja ein Medikal Man und konnte vielleicht seiner Quelle von Nutzen sein. Er redete mir zu, dass ich bis zur nächsten Post bei ihm bliebe, und führte die ganze Eloquenz seines alkoholischen Zustands ins Feld, mich noch mehr für sein idyllisches Thal zu interessiren. Er log, was er konnte. Er schwur ich hätte das Beste doch nicht gesehen, er suchte in jeder Weise auf mein Gemüth zu wirken und erzählte von gräulichen Gespensterstimmen, die dort allnächtlich ihr Unwesen trieben. Er fluchte und tobte, er zog sein Messer aus dem Gürtel und stiess es in den Tisch, um mich zu überzeugen. Alles umsonst.

Trotz des besoffenen Lärms der wilden Gesellschaft schlief ich den sanften Schlaf des Gerechten, als ich plötzlich unsanft erwachte. Die Fensterscheiben meiner Erdgeschosskammer klirrten zerbrochen zu Boden, ein wüstes Geheul, ein Stampfen und Kämpfen draussen im Freien, und ich eilte hinaus. Man hatte sich geprügelt, und einer der Söldlinge war in seiner Tobsucht so weit gegangen, nicht nur meinem biederen Landsmann dem Wirth das Gesicht voll blauer Flecken zu schlagen, sondern auch rings ums Haus zu laufen und der Reihe nach die Fenster zu zertrümmern. Der Bösewicht lag nun gefangen, mit Stricken gefesselt und nackt auf der Strasse. Die Kutscher und meine Reisegefährten hatten ihn nach längerem Ringen bezwungen und ihm dabei die Kleider vom Leibe gerissen. Nun standen sie gleich Schergen um ihn herum, schnaubend von der gehabten Anstrengung. Die übrigen Söldlinge waren entwichen.

Kalt lächelnd blickte der Mond auf die merkwürdige Gruppe, neben welcher die Gestalt Mister Jacks sass und sich den Rücken rieb. Sein Hüftenplaid war ihm abhanden gekommen, und ohne schützende Hülle ruhte seine Basis auf dem feuchten Rasen. Er schien sich über die Veranlassung dieses unerquicklichen Zustands unklar zu sein. Ueberrascht schaute er um sich, rieb sich den Rücken, kratzte sich hinter den Ohren und blinzelte gegen den Mond, als ob er ihn fragen wollte.

Dem Tobsüchtigen verordnete ich einige Eimer kalten Wassers über den erhitzten Kopf bis er mit den Zähnen klapperte dann brachten wir ihn und Mister Jack, der ebenfalls fror, ins Bett und legten uns selber schlafen.

Zwei Stunden später graute der Morgen, und der Kutscher trommelte uns aus den Betten. Wir kamen nun in einen noch schmäleren Wagen, weil von jetzt ab die Poststrasse noch schlechter wurde, als sie bisher gewesen. Der Mangel an Raum sollte durch Wegfall der Polster ausgeglichen werden.

Leider blieb von den Reisegefährten nur einer zurück und wurde durch einen andern ersetzt, einen Offizier der Konstabulary Force, der wegen Krankheit nach Tauranga zum Arzte fuhr und eine neue Art unangenehmer Gesellschaft repräsentirte, indem er beständig durchs Fenster hinaus seiner läufigen Hündin zubrüllte und sie zur Keuschheit ermahnte den Anfechtungen eines männlichen Köters gegenüber, welcher sie mit heisser Liebe verfolgte, bis wir anhielten und ihn mit einem Strick vor Anker legten. Die alten Gefährten waren womöglich noch rücksichtsloser als je, und mürrisch und grämlich wie alle Menschen, denen es nicht vergönnt ist, ihren Rausch auszuschlafen. Abermals stand ein schwerer Tag bevor.

Für kurze Zeit liessen sich am anderen Ende des öden Tauposees die schneebedeckten Kämme des Ruapehu bestrahlt von der aufgehenden Sonne blicken. Wir bogen nach Norden und kreuzten auf hölzernen Brücken zweimal während des Tages den gleichfalls nach Norden gerichteten Lauf des Waikato.

Das Manukagebüsch wurde spärlicher, und die Gegend nahm wieder mehr den Farncharakter an. Die Dampfsäulen kochender Quellen verschwanden. Durch romantische Wildnisse stieg die Strasse bergauf und bergab, und schäumende Bäche stürzten sich daneben durch rauhe Schluchten dem Waikato zu. Stumpfe Kegelberge wechselten mit kulissenartigen Bergrücken. Herrliche Fernsichten, wie von einem Maler der klassischen Schule komponirt, thaten sich auf. Dann ging es wieder über eine dürre Grasstoppelebene, in deren Hintergrund sanft ansteigende Hügel mit Gruppen weisslicher Felsblöcke besäet waren, so dass sie Dörfer zu tragen täuschten. Der Leichenstein eines Postpferdes stand hier an der Strasse mit einer Inschrift, welche das treu in seinem Berufe vom Tod ereilte Thier verewigte. Ausser diesem Dokument der höheren Philozoie und der Strasse ist weit und breit nichts Menschliches zu entdecken. Selbst der Telegraphendraht hat uns verlassen und andere Wege eingeschlagen. Keine Vogelstimme lässt sich vernehmen. Ueberall Grabesruhe.

In einem echten Maoridorf, mitten zwischen zackigen Felsen, durch welche in der Tiefe der Waikato tost, machten wir Mittag und wechselten die Pferde. Selbst der Stationswirth, ein Weisser, und seine weisse Gattin, eine junge sanfte Blondine, wohnen hier nur in Hütten aus Flechtwerk. Die Eingeborenen werden jetzt zahlreicher, lumpiger und malerischer, je mehr es nach dem wärmeren Norden geht, ebenso wie bei uns, wenn man über die Alpen gegen Italien zieht. Bis jetzt hatte ich ausser dem blassbeinigen Mister Jack noch keinen echten Maori gesehen. An allen Einschnitten der Strasse sind Maorinamen in englischen Lettern und Maorizeichnungen von nicht geringem Verständniss in den weichen Sandstein gekratzt.

Auf einer Höhe biegt der Weg um die Ecke, der See Rotorua erscheint und vor ihm eine dampfende Tiefebene. Der ganze schwammige Boden ist hier unterwühlt von kochenden Quellen. Schnurgerade durchschneidet die erhöhte Strasse den mit Manukagebüsch besetzten Sumpf, aus dem es links und rechts überall unheimlich brodelt und qualmt und dampft. Was ich in Taupo gesehen, war nichts gegen diesen Anblick, der meine kühnsten Erwartungen weit übertraf.

Die Dunkelheit senkte sich hernieder, als wir in Ohinemutu ankamen, umringt von einem lärmenden Gesindel fröhlicher Maoris, von denen kein einziger eine Hose anhatte, was mir überaus imponirte.

VIII.

OHINEMUTU UND ROTOMAHANA.

Die heissen Quellen und ihre Verwendung. Ein Badeort in des Wortes verwegenster Bedeutung. Legende von der schönen Hinemoa. Maorialterthümer. Ausflug nach Wakarewarewa. Das Labyrinth der Schmutzvulkane. Die Geyser. Der missglückte Haka. Ein interessantes liederliches Kleeblatt. Ausflug nach Rotomahana. Wairoa und seine internationalen Wegelagerer. Stürmische Kanuufahrt über den Tarawera. Streitigkeiten mit den Maoris. Ueberall kocht das Verderben. Ungemüthliche Nacht. Tetarata und Otukapuarangi. Mister Davis und seine Singschule.

Dieses Ohinemutu ist nicht nur der interessanteste Punkt von ganz Neuseeland, sondern auch einer der interessantesten Punkte der ganzen Erde.

Ohinemutu liegt etwas nördlich vom Zentrum der Nordinsel am südlichen Ufer des Sees Rotorua. Die Berge treten hier in einen weiten Kreis zurück. Sumpfige Ebenen, von welchen wir gestern den breitesten Theil durchfahren haben, umgeben den See und lassen auf eine ehemals grössere Ausdehnung desselben schliessen. Soweit das Auge blicken kann, qualmt zwischen Farnkraut und Manukagebüsch weissglänzender Dampf empor, und an kühleren Morgen ist die ganze Ebene mit Dampf überlagert. Allenthalben entspringen kochende Quellen, kochende Schlammpfützen und Schlammvulkane.

Doch nicht blos wegen seines kochenden Untergrunds ist Ohinemutu so hoch interessant, sondern auch wegen seiner Maoribevölkerung, die dort, etwa 300 Köpfe stark, noch viel von den alten Sitten beibehalten hat.

Nahe dem Ufer steigt ein isolirter, kaum 25 Meter hoher Hügel, mit europäischen Weidenbäumen bepflanzt, aus dem heissen Sumpf, und an diesem, dem See zugewendet, baut sich die Ortschaft auf. Am Anfang und am Ende einer sehr primitiven Strasse, die sich oben entlang zieht, sind zwei gute Hotels für Touristen und in der Mitte ein Kaufhaus mit einigen Nebengebäuden. Dies ist das weisse Viertel. Alles übrige ist Maori und besteht aus unregelmässig zerstreuten umzäunten Hütten, zwischen denen sich schmale Pfade hindurchschlängeln. Etwas erhöht thront auf einem Ausläufer des Hügels das Versammlungsgebäude der Gemeinde, ein langgestreckter Holzbau, dessen Dach beiderseits fast den Boden berührt. An der Frontseite sind unter dem vorspringenden Giebel der Eingang und zwei hohe Glasfenster. Alles innen und aussen ist mit schönen stylvollen Holzschnitzereien verziert, und an einem Ornament der Dachränder baumelt eine Glocke.

Die Hütten sind niedrig, mit Wänden aus Flechtwerk und Dächern aus Stroh und sehen sehr formlos und ruppig aus, die zum Wohnen bestimmten wenigstens. Die Vorrathshäuschen jedoch, welche in keiner Umzäunung fehlen, sind zierlicher und von Holz, ruhen auf drei Pfosten ein Meter hoch über der Erde und erinnern durch ihre flachen Dächer an grosse Taubenschläge im Schweizerstyl. Eine geschnitzte Figur schmückt den Giebel, und Schnitzereien verkleiden die Dachränder. An den Thüren hängen anachronistischer Weise europäische Vorhängeschlösser.

Die innere Einrichtung der Wohnhütten ist von der grössten Einfachheit und ebenso rauh und unansehnlich wie das Aeussere derselben. In den Strohwänden stecken ein paar Zahnbürsten, ein Kamm, ein Spiegel, eine Axt, eine Flinte und sonstige Gegenstände mannigfaltigster Art, selten in ordentlichem, meistens in halbzerbrochenem, lotterigem Zustand. Unter dem Dach hängen etliche Pageien (kurze löffelartige Ruder) und einige Bretter, auf welche russige Töpfe gestülpt sind. Den Boden bildet die nackte Erde, und unmittelbar auf dieser liegen ohne Erhöhung in den Ecken die Betten, umschlossen von einem Holzrahmen und aus dicken Polstern elastischen Farnkrautes und wollenen Decken bestehend. Bei Reicheren findet man wohl auch Weisszeug, Bettlaken und Federkissen. Bei diesen herrscht ein höherer Grad von Reinlichkeit, und die wollenen Decken zeichnen sich durch grellere Farben und buntere Muster aus. In der Mitte brennt ein Feuer, welches jedoch weniger zum Kochen als zur Erwärmung dient, da zum Kochen die kochenden Quellen viel bequemer zur Hand sind.