Reise durch den Stillen Ozean

Part 11

Chapter 113,472 wordsPublic domain

Noch eine Biegung, eine hochbeinige hölzerne Brücke erscheint, wir poltern donnernd im Gallop über sie hinweg. Die gefährliche Gorge ist hinter uns, aber auch die schöne romantische Szenerie ist vorüber, und die Ansiedelung Woodville zieht sich an der Strasse entlang, auf welcher Schaaren gesund und fröhlich blickender Kinder uns entgegen lärmen. Die Brücke ist zugleich die Grenze zwischen den Provinzen Wellington und Napier, und wir befinden uns nun in der letzteren. Bis nach Takapau, unserem Nachtquartier, ging es durch den Seventy Miles Busch und hauptsächlich durch skandinavische Ansiedelungen, deren eine den Namen Danewirk führt.

Mittag machten wir in einem einsamen Gehöft, in dessen Nähe ich die ersten Maorihütten im alten Style sah, niedrig und mit vorspringendem Dach tief in der Erde steckenden Schweizerhäuschen nicht unähnlich, melancholisch öde, ohne Menschen, nur von einigen weidenden Pferden umgeben. Ein altes Maoriweib begegnete uns in Lumpen gehüllt, blieb oft stehen und saugte gierig an einer Medizinflasche, welche einen röthlichen Stoff, wahrscheinlich Rum enthielt.

Unser Nachtquartier Takapau bestand aus einem Gebäude, welches den stolzen Namen »Railroad Hotel« unter dem Giebel trug. Hinter ihm jungfräulicher Urwald, vorne eine wellenförmige Stoppel und Moorebene, von einer Eisenbahn weit und breit nichts zu entdecken. Der Schienenstrang von Napier her war vorerst noch nicht über das Stadium des Projektirtseins hinausgekommen, aber doch gab es hier in der Wildniss bereits ein Railroad Hotel.

Am nächsten Tag, der uns nach Napier bringen sollte, kamen wir zum Dinner an eine höhere Stufe der durch die künftige Bahn bedingten Entwicklung. Waipakarao hiess der Ort, ein Dorf der Zahl, ein Städtchen dem Aussehen seiner Häuser nach, die alle neublinkend in einer Reihe stehen, ringsum weitgestreckte Wiesenflächen. Es berührte komisch, mitten in solcher Ländlichkeit die Aufschrift »Bank of New Zealand« zu lesen. Grossartige Geldgeschäfte waren in dieser Filiale wohl noch nicht abgemacht worden. Indess war hier die Eisenbahn schon im Bau begriffen, die Gegend ist fruchtbar, und aus der einen halben Strasse kann sich in kürzester Zeit eine blühende Stadt entwickeln.

Dass es in Waipakarao viel Vieh geben musste, darauf deuteten die allenthalben auf den Wiesen errichteten Schlachtgalgen hin. Ich hatte diese eigenthümlichen Gerüste, welche dazu dienen, die unglücklichen Rinder mittels eines Rades in die Höhe zu winden, um sie bequemer zu tödten und abzuhäuten, aus der Ferne für Ziehbrunnen gehalten, bis ich sie näher betrachtete und die blutigen Spuren ihres Zweckes einsah.

Unweit davon kreuzten wir den Tukituki Fluss in der landesüblichen Weise, indem wir einfach hindurchfuhren, neben der Eisenbahnbrücke, die in den nächsten Tagen vollendet sein sollte. Bald darauf gings durch das Städtchen Waipawa und über den Eisenbahndamm, vor welchem bereits eine funkelnagelneue Tafel »Look out for the Locomotive« warnte.

Wieder kam eine Stunde menschenleerer Einsamkeit, und unter einem immer düsterer werdenden Himmel dehnte sich eine wüste gelbgebrannte Steppe, durch welche ein ausgetrocknetes kiesiges Flussbett mit einem dünnen Wasserfaden sich schlängelt. Phormiumdickichte und die seltsamen starren Büschelköpfe der für Neuseeland so charakteristischen Cordyline australis, einzeln oder zu kleinen Wäldchen gruppirt über jene hervorragend, sahen fast aus, als ob sie einer früheren geologischen Epoche angehörten und nicht mehr in unser Zeitalter passten. Ringsum Todesstille. Selbst Pferde und Wagen sind kaum hörbar auf dem weichen Rasen, der ab und zu den schwarzen Moorboden bedeckt.

Eine einsame Seemöve flog unstät ihre Richtung ändernd über die düstere Landschaft. Hatte sie sich verirrt, oder fliegen hier die Möven über ein hundert Kilometer breites Land von einer Küste zur anderen, oder war es eine darwinistisch gesinnte Möve, die des wilden Seelebens satt sich in den Kopf gesetzt hatte, ein ehr- und tugendsamer Landvogel zu werden? Der Weg wurde wieder herzlich schlecht und nahm stellenweise den Charakter eines richtigen Moorsumpfes an, in den die Räder tief einschnitten, bis wir endlich eine Hügelkette erreichten. Jenseits derselben begann ein Wald, der stellenweise gelichtet und mit den Hütten von Holzschlägern durchsetzt war. Diese Hütten hatten alle nicht nur hölzerne Wände und Dächer, sondern auch hölzerne Schornsteine, aus schweren grob gearbeiteten Bohlen flüchtig zusammengezimmert und grossentheils halbverkohlt.

Kurz vor Te Aute sahen wir in der Ferne einige Maorigehöfte, und bald darauf passirten wir eine noch interessantere Stätte. »Dies ist die Repudiation Office« sagte mit spöttischem Ausdruck der Kutscher, indem er auf eine durch Neuheit glänzende Hütte wies, und machte mich dadurch auf eine berechtigte Eigenthümlichkeit Neuseelands aufmerksam, von der ich noch nichts wusste.

Bekanntlich hatten die Engländer in Folge schreiender offiziell sanktionirter Ungerechtigkeiten von 1860 bis 1870 einen zehnjährigen Krieg mit den Maoris zu bestehen, welcher ihnen oft Gelegenheit gab, soviel Respekt vor der Tapferkeit und Kriegsfähigkeit dieser sogenannten Wilden zu bekommen, dass sie sich nunmehr ängstlich hüten, abermals mit ihnen anzubinden. Die weissen Ansiedler müssen heutzutage das Land, was sie von den Maoris haben wollen, auf ehrliche Weise erwerben, und die gute alte Zeit, in welcher man sich grosse Besitzthümer erschwindeln konnte, ist vorüber. Nun aber entstand eine Partei, welche vorgiebt, dass ihr dieser einfache goldene Mittelweg der Gerechtigkeit noch nicht genüge, und behauptet, sich in ihrem Gewissen so lange bedrückt zu fühlen, bis alle seit undenklichen Zeiten geschehenen Landkäufe geprüft und wenn nicht in Ordnung befunden, rückgängig gemacht worden sind. Solch hoher Edelsinn konnte natürlich nicht verfehlen, sofort die Herzen der Maoris zu gewinnen. Die Gegner freilich waren der Ansicht, dass es nur ein Blendwerk sei, unternommen um die treuherzigen Wilden desto sicherer auszubeuten. Das ungefähr verstand man damals unter Repudiation Party, und die neue Holzhütte an der wir vorüberfuhren, war eines der Hauptquartiere, die Repudiation Office von Te Aute, bestehend aus einem Direktor, zwei Advokaten und zwei Dolmetschern.

Bis nach Te Aute kam uns die fertige Eisenbahn entgegen, und in einem auffallend komfortablen und eleganten Wagen fuhren wir nach Napier. Ein geschwätziger, alter Herr, ein reichgewordener »Schafbaron« sass neben mir und erklärte mir die Gegend. Das Land zwischen Te Aute und Napier ist flach und ganz im Gegensatz zu den bisher gesehenen, weniger kultivirten Gegenden Neuseelands saftig grün von erst kürzlich gesäetem englischem Gras. Ueberall weiden Schafe. Auf einem Farnhügel stand ein alter Maori-Pa, der jetzt nur mehr wenige Hütten enthielt. Noch ragten zwei schlanke Pfeiler, nach oben etwas anschwellend und mit ornamental geschnitzten Kapitälen ähnlich den Gondelpfosten zu Venedig empor, deren früher hier hunderte gewesen sein sollen. Sie waren einst ein charakteristischer Schmuck der befestigten Dörfer.

Als wir Napier erreichten, war es bereits Nacht. Ich fuhr in einer Droschke ins Kriterion Hotel, berühmt in ganz Neuseeland durch seine grossartige und kostspielige Anlage, sowie auch durch die Marotte des reichen Besitzers, der diesem unrentirlichen Institut zu Liebe jährlich einen Theil seines Einkommens zusetzt.

Napier, ein Städtchen von 3000 Einwohnern, ist auf und um einen Sandsteinfelsen gebaut, der isolirt mitten aus niedrigen marschigen Ufern in die weite Hawkes Bay hineinragt und nur durch einen schmalen, theilweise von Menschenhand gebildeten Deich mit dem Hauptland zusammenhängt. Nach innen eine Lagune, nach aussen der weite Ozean, ohne Unterlass seine Wogen gegen flache Dünen heranrollend, sind die Begrenzungen. Falls die Brandung hier jahraus jahrein mit derselben Heftigkeit fortdonnert, wie ich sie während der zwei Tage meines Aufenthalts gehört, beneide ich die Bewohner Napiers nicht um ihre so malerische Lage. In den Häusern am Strande konnte man damals nur schreiend und mit dreifachem Kraftaufwand konversiren.

Ein Theater in »Oddfellows Hall«, ein Lesekabinett »Athenäum« genannt, wie es in jedem Städtchen Neuseelands zu finden ist, eine Irrenanstalt und ein Gefängniss, die Post und die Provinzialregierung sind die öffentlichen Gebäude, alle natürlich von Holz, aber stylvoll konstruirt, um welche sich, theils zu geschlossenen sauberen Strassen gereiht, theils mit Gärten umgeben, Häuser jeglichen Grades von Kultur gruppiren bis hinab zu den aus Brettern und Leinwand, aus Blechfetzen und Pappendeckel lumpig zusammengeflickten Hütten der ärmeren Maoris.

Es giebt viele Maoris hier und in der Umgebung, und manche von ihnen erfreuen sich grosser Wohlhabenheit und leben vollkommen europäisch. Braune Kavaliere und Damen zu Pferd scheinen zu den häufigen Erscheinungen zu gehören. Die Männer sitzen stets tadellos im Sattel und sind oft prächtige, martialische Gestalten. Den Weibern aber fehlt trotz des wallenden, langen Kleides, trotz des Zylinderhutes mit fliegendem Schleier und trotz der zierlich in behandschuhter Hand gehaltenen Reitgerte jene leichte Grazie, die uns englische Amazonen in Hyde Park so anziehend macht. Ihre Züge sind unweiblich grob, ihr schwarzer Haarwust meist nicht genug gepflegt, und in allen Bewegungen ist soviel Urwüchsiges, Eckiges, dass ihr Vornehmthun höchstens komisch, wenn nicht gar abgeschmackt wirkt.

Da wo die Lagune sich in die See öffnet, ist der Hafen. Nur wenige und nur kleinere Fahrzeuge lagen in ihm, als ich ihn besuchte. Einsamkeit liebende Kormorane trieben sich daneben herum und fischten, so tief im Wasser schwimmend, dass blos die schlangenförmig langen Hälse herausguckten und an Ringelnattern erinnerten, die in einem Sumpf auf Frösche Jagd machen. Mehr menschliches Treiben herrschte in einigen Werkstätten am Kai, in denen eifrig an Dampfkesseln gehämmert wurde, und um die herum eine kleine Vorstadt im Aufblühen begriffen war.

Von Napier ging es in zwei Tagereisen nach Tapuaeharuru am Taupo-See. Da man mir sagte, dass die Postkutsche schon des Morgens um 5 Uhr von einem isolirten Wirthshaus an der anderen Seite der Lagune abfahren sollte, verliess ich den Abend vorher das schöne, vortreffliche Kriterion Hotel und quartierte mich drüben ein. Ich lernte in diesem Wirthshaus eine Spelunke kennen, welche von einem Schotten gehalten, nicht nur mit dem Kriterion Hotel, sondern auch mit Allem, was ich jemals von englischem Komfort und englischer Reinlichkeit gesehen, den diametralsten Gegensatz repräsentirte.

Nach einer sehr schlechten Nacht wurde ich nebst vier Reisegefährten, die sich noch nach mir eingefunden hatten, endlich um vier Uhr, als es noch dunkel war, geweckt und genöthigt, ein Frühstück zu nehmen oder vielmehr blos zu bezahlen, da keiner in so zeitiger Stunde und bei dem überall im Hause herrschenden Gestank essen konnte. Es war dies eine unverschämte Tyrannei des mit den Wirthsleuten im Bunde stehenden Kutschers, der uns zwei Stunden später, als wir alle Hunger hatten, an einem freundlich aussehenden Gehöft vorbeitrieb und gleichsam höhnisch bemerkte, dass dies ehemals die Frühstücksstation gewesen sei, dass er aber den Eigenthümer für irgend einen Zwist durch Entziehung der betreffenden Einnahme gestraft habe.

Unsere Fahrt begann unter keineswegs heiteren Auspizien. Der Wagen war den zu überwindenden Terrainschwierigkeiten angemessen beiderseits einen Fuss schmäler als die Radaxen und gewährte kaum vier Passagieren hinreichend Raum im Innern. Es regnete, keiner wollte auf dem Bock aussen sitzen, und alle fünf drängten sich innen zusammen, alle fünf nervös durch Hunger und dementsprechend unliebenswürdig.

Von Gegend war wenig zu sehen, und eine Hecke von mächtigen Agaven, womit man ein Stück angepflanztes Land zum Schutz gegen weidende Rinder und Pferde umzäunt hatte, war lange Zeit das einzige Interessante. Es überraschte mich, dass diese Abkömmlinge der Wüste in einem so feuchten Lande ganz gut zu gedeihen schienen.

Der Weg hörte bald auf, einer im europäischen Sinn zu sein. Wir fuhren durch eine Schlucht aufwärts, durch welche ein Fluss in einem kiesigen Bett sich herabschlängelte, welchen wir fast jede Minute, das Wasser hoch emporspritzend, passirten, jetzt nach dieser, dann nach jener Seite, da das uns als Strasse dienende flache Ufer bald links bald rechts von den Windungen angeschwemmt war. Meine Gefährten behaupteten, wir müssten fünfzig mal durch den Fluss, es wird aber wohl nicht viel öfter als zwanzigmal gewesen sein. Nur zweimal kam das Wasser in die Kutsche, und hatten wir die Beine aufzuheben um trocken zu bleiben.

Da der Wagen sehr eng und unbequem, und die Mitpassagiere sehr breit und rücksichtslos waren, kam mir ein steiler Berg äusserst erwünscht, um auszusteigen und zu Fuss vorauszugehen. Je höher ich kam, desto seltener wurde Phormium, Kohlbaum und Gebüsch und desto ausgedehnter dichtes Farnkraut bis schliesslich ringsum nichts anderes mehr zu sehen war, als jene eigenthümliche, einförmige Farnhügellandschaft, wie sie wohl nur in Neuseeland vorkommt.

Sie wirkt durchaus unmalerisch, diese Farnhügellandschaft. Ueberall weiche, wellenförmige Konturen und ebenso weiche, unbestimmte Schatten, nirgends eine kräftige Linie, nirgends eine markirte, dunklere Tiefe, alles ist düster olivengrün. Man sieht weit über niedrige Hügel und seichte Thäler. Hier und dort sind vielleicht aus Zufall, vielleicht zu Kulturzwecken grössere Partien abgebrannt und heben sich als schwarze landkartenartige Flächen, mit unregelmässig gebuchteten Konturen halbversengten röthlichen Farnkrautes umsäumt, von der monotonen Umgebung ab. Dies und vorüberjagende Nebelmassen brachten allein einiges Leben in das melancholische Bild. Der Regen hatte zwar aufgehört, aber der Himmel war grau, und immer kälter und feuchter wurde die Luft, und der Dampf, der den mühsam die Kutsche heraufschleppenden Pferden entstieg, war mehrere Minuten sichtbar, ehe diese selbst zwischen den Farnböschungen der lehmigen Strasse auftauchten. Nicht ganz parallel mit dieser und mehr in gerader Linie läuft der Telegraph auf und nieder durch die Wildniss, schon von ferne die Richtung zeigend, die wir einschlagen, und die Höhen, die wir noch erklimmen müssen. So einsam und todesstille war die Gegend, dass es ordentlich überraschend und befremdend war, einem Menschen zu begegnen.

Erst als es wieder abwärts ging, einen sehr gefährlichen Absturz hinab, erschienen mehr Spuren von Zivilisation, und endlich auch das heissersehnte Mittagessen in einem Hotel am Saume der Buschregion. Mit Staunen sahen wir zurück auf die Bergkanten und die sie verschleiernden Wolken, aus denen wir gekommen waren.

Blockhäuser und Pallisadenbefestigungen traten auf, sowie Soldaten der Konstabulary Force, die hier in kleineren Abtheilungen theils zum Strassenbau, theils vielleicht auch zum Schutz gegen die Eingeborenen, denen man noch nicht recht traut, an der ganzen Poststrasse entlang stationirt sind.

Diese Soldaten tragen viel zur Rassenkreuzung bei. Ein Maoriweib mit einem halbweissen Kind bat den Kutscher, ob sie nicht eine Strecke mitfahren dürfe, und wir nahmen sie zu uns in den Wagen, wo sie sehr verlegen in der Mitte auf den Boden sich niederkauern wollte und nur ungern die Kniee eines der Gefährten als Sitz akzeptirte. Ihre Schüchternheit schien mir indess mehr Furcht vor Verachtung und schlechter Behandlung als keusche weibliche Zurückhaltung zu sein.

Unser Nachtquartier, welches wir äusserst ermüdet von dem unbequemen Fahren erst spät in der Nacht erreichten, war Tarawera, worunter ein Wirthshaus mit vielen Nebengebäuden und eine mit Pallisaden befestigte Kaserne der Konstabulary Force in der wilden Gebirgsforstromantik einer Thalschlucht, durch welche ein Giessbach tost, zu verstehen ist.

Wir hatten die Gaststube mit der zwar kaum ein Dutzend Köpfe zählenden, aber dafür desto lebhafteren Soldateska des Platzes zu theilen. Schnaps war auch hier der Genius loci. Unter all den Söldlingen aber ragte an Durstigkeit ein deutscher Landsmann weit hervor. Leider war es mein Loos, seinen Patriotismus herauszufordern. Entzückt, mit mir wieder seine Muttersprache zu reden, wich er nicht mehr von meiner Seite und hörte nicht mehr auf, mir ebenso unermüdlich als unzusammenhängend von seinen Abenteuern zu erzählen, bis er selig unter den Tisch versank.

Am nächsten Morgen fuhren wir im Gebiet der Provinz Auckland dahin. Tarawera war die Grenze von Napier gewesen. Den ganzen Vormittag ging es bergauf und bergab, was mir sehr angenehm war, da ich so nur wenig im Wagen zu sitzen brauchte und vorangehen konnte. Nicht nur die Unbequemlichkeit unseres Beförderungsmittels, sondern auch die zweifelhafte, wenig amüsante Gesellschaft meiner Gefährten, die sich grösstentheils damit unterhielten, einander auf die Füsse zu treten, trieben mich an, jedesmal so viel Vorsprung als möglich zu gewinnen. Ein sehr primitives Postamt stand neben dem Wege, ein Holzkasten, an einen Baum genagelt. Unser Kutscher öffnete das Schloss, ob keine Briefe drin seien und legte einen Pack Zeitungen hinein.

Die Berge und der Busch hörten auf, und ein weites Hochmoor öffnete sich. Hier machten wir Mittag in einer ziemlich rauhen Wohnstätte.

Es war eine Station, mehr des Pferdewechsels halber als zur Bequemlichkeit der Passagiere angelegt. Ein paar niedrige Hütten aus Pfählen, Erde und Stroh, mit einigen abgezäunten Vierecken umgeben, dienen den Postpferden und einem vereinsamten alten grämlichen Stallmeister zur Wohnung. Grämlich wie sein Beherrscher ist der ganze Platz. Pfützen bilden die nächste Umgebung, das schwarze mit gelben Stoppeln besetzte Moor die weitere. Pferde und Schweine trieben sich zwischen den Zäunen umher, und in der Wohnhütte, welche zugleich uns als Speisesaal diente, ein Dutzend Katzen, die einer Sage zufolge zu kulinarischen Zwecken gezüchtet wurden.

Aus zähem gekochten Rindfleisch, Schiffszwieback und Thee bestand die höchst unkomfortable Mahlzeit. Tisch war keiner vorhanden und an Stühlen nur einer mit drei Beinen. Eine Kiste, ein Eimer, ein Hackstock und das Laubbett waren unsere Sitze und die eigenen Kniee die Tische für die blechernen Teller, auf denen wir mit stumpfen, unsauberen Messern das widerspänstige Fleisch zu zerreissen suchten. Auf der einen Seite drohte das grosse Feuer von mannslangen Baumstämmen uns zu versengen, auf der anderen flog durch die offene, nicht zu schliessende Thüre vom Wind herumgewirbeltes Laub auf unsere Speise. Die zwölf Katzen miauten aufgeregt vom süssen Duft durcheinander und suchten uns die Bissen vom Munde wegzukrallen, und zuweilen kam ein dickes, schwarzes Schwein und schnüffelte neugierig zur Thüre herein.

Der Alte war im höchsten Grad unglücklich über die aussergewöhnlich starke Zahl seiner Gäste und die Ueberfüllung der Hütte. Und als nun gar einer von uns die Suppe, die er für sich selbst bei Seite gesetzt hatte, umstiess, und sich herausstellte, dass gerade dieser nicht bezahlen konnte, und zugleich ein paar Gäule durch den Zaun gebrochen waren und ein Loch in die Rasenwand seiner Hütte zu fressen begannen, und als bald darauf eine Gesellschaft von Maoris zu Pferde angesprengt kam und gleichfalls zu essen haben wollte, da kannte seine Aufregung keine Grenze mehr. Zu allem Ueberfluss reizte es den Muthwillen meiner Gefährten, ihn noch schlimmer zu ärgern und in alle Töpfe und Schubladen junge Katzen zu stecken, wobei ich nur verhindern konnte, dass sie die Töpfe ans Feuer schoben. Und als der Alte nach einigen Minuten draussen sich ausgeflucht hatte und wieder hereinkam, und aus jeder Ecke und aus jedem Winkel die dünnen Stimmchen der kleinen Katzen quieksten, da war es höchste Zeit, dass wir aufbrachen und den alten einsiedlerischen Kaliban in seiner Wildniss und mit seinem Zorn allein liessen.

In Opipi, dem pallisadirten Hauptquartier und Sitz des Majors der Konstabulary Force, wo wir durch die in solcher Oede auffallende Erscheinung europäischer Damen überrascht wurden, war der höchste Punkt unseres heutigen Weges und überhaupt meiner ganzen Reise durch Neuseeland, 600 Meter über dem Meere erreicht. Ueber eine sanft abfallende Fläche ging es rasch dem grossen See Taupo Moana zu, dessen Spiegel alsbald uns entgegen glitzerte.

Noch eine Biegung des Weges, und aus der vor uns liegenden Hügelreihe stieg eine weisse Dampfsäule empor wie von der Lokomotive eines fernen Eisenbahnzuges. Wir waren im Gebiet der hochberühmten heissen Quellen und Geyser von Neuseeland.

Ich weiss nicht, welchem geheimen psychologischen Faktor ich es zu verdanken hatte, dass ich jenen interessanten Punkt der Erde mit einer Art Enthusiasmus und einer gewissen Andacht betrat, deren ich mich nicht mehr fähig hielt, und die ich in jüngeren Jahren empfunden hatte, als ich zum ersten mal das Meer erblickte. Jedenfalls trug diese gehobene, ungewohnt affirmative Stimmung wesentlich dazu bei, mir den Genuss des Lake-Distrikts zu erhöhen und mich die Unbilden der Witterung und der Gesellschaft, der schlechten Strassen und der schlechten Transportmittel ignoriren zu lassen.

Kaum war uns jene erste Dampfsäule zu Gesicht gekommen, als auch meine geistreichen Gefährten sofort in der Luft herumzuriechen und mit ihren Nasen auf den Schwefelgeruch der heissen Quellen zu fahnden begannen, über den sie zarter fühlend sich lange beklagten, ehe ich etwas davon wahrnehmen konnte. Dies schien für sie zum guten Ton zu gehören. Sie waren schon oft hier gewesen, die Quellen selbst aber hatte noch keiner besucht.

Noch etwa zwei Meilen führte die Strasse am bimssteinbesäeten Rand des Sees dahin, und wir waren in Tapuaeharuru als es eben dunkel zu werden anfing.

Die Umgebung dieses vorgeschobenen Postens europäischer Kultur ist ein vollendetes Bild unfruchtbarer Wildniss und menschenleerer Einöde. Kein Fahrzeug belebt die weite grüne Fläche des Sees, dessen Wellen monoton an die Lehmwände des Ufers schlagen, kein Baum ist zu sehen, ringsum nichts als Farngestrüpp und Manukagebüsch. Vereinzelte kuppenförmige Berge ragen zwischen wellenförmigen Hügeln hervor. Die schneebedeckten Gipfel des Ruapehu und des feuerspeienden Tongariro, welche bei klarem Wetter den südlichen Hintergrund des Sees bilden, waren von den Wolken dicht verschleiert. Ausser fünf oder sechs Holzhütten zwei grössere Gebäude mit Stallungen und etwas weiter entfernt die mit Pallisadenzaun befestigten Baracken der Konstabulary Force geben allein Andeutungen einer weissen Bevölkerung.

Und mitten in diesem unwirthlichen Erdenwinkel ein vortreffliches Hotel, welches allen Anforderungen englischen Komforts entspricht, mit guten, reinlichen Betten und tadelloser Nahrung, geleitet von einem deutschen Landsmann aus der Rheinprovinz, der hier, nur durch einen jungen, erst kürzlich eingewanderten Italiener unterstützt, ohne weiteres Dienstpersonal alle Obliegenheiten seines Geschäftes erfüllt, und in seiner Person zugleich Koch und Kellner, Stallmeister und Stubenmagd repräsentirt! Wie würde der Gastwirth des ordinärsten Dorfes bei uns verächtlich und entrüstet thun, wenn man ihm zumuthete, Stiefel zu wichsen, Betten zu machen und Zimmer auszufegen. Ich habe aber in einem deutschen Dorf oder Städtchen nie so reinlich und gut geschlafen und gegessen als dort in dem fernen isolirten Tapuaeharuru mit seinem Dutzend Holzhütten.

Unsere Ankunft versammelte die spärliche Einwohnerschaft des Ortes, für welche die beiden Postwagen von Napier südlich und von Tauranga nördlich her zweimal jede Woche die wichtigsten Ereignisse sind. Der Wagen von Tauranga war ohne Passagiere gekommen, der unserige aber brachte deren fünf, eine in dieser Jahreszeit ungewöhnlich hohe Zahl.