Part 2
Zornig versetzte der König: »Solcher Frevel soll ohne alle Gnade gestraft werden! Wie konnte es Reineke wagen, einen so edlen Herrn so furchtbar zu schänden? Wahrlich, ich schwöre es bei meiner Ehre und bei meiner Krone: Reineke soll die Strafe erdulden, die du von mir forderst! Halte ich diese Zusage nicht, so will ich nimmermehr ein Schwert führen!«
Sogleich traten alle Edlen zur Beratung zusammen, und man beschloß, einen neuen Gerichtstag zu halten, und Hinze, der Kater, der klug und gewandt war, sollte zu Reineke gehen und ihn zum Könige befehlen. Als dieser Entschluß gefaßt war, wandte sich der König an Hinze und sprach: »Geh' also und sage Reineke, wenn er sich noch länger weigern sollte, vor Gericht zu erscheinen, so würde es ihm und seinem Geschlecht zu ewigem Schaden gereichen.« Hinze erwiderte: »Verehrter Herr König, wollt Ihr nicht einen anderen mit der Botschaft betrauen? Braun ist stark und groß, und ihm mißlang der Auftrag; ich bin klein nur und schwächlich, wie wird es mir ergehen?« Der König versetzte: »Bist du auch nicht groß von Gestalt, so bist du doch klug und gewandt: Es bleibt dabei, du überbringst ihm die Botschaft!« »Herr König!« antwortete Hinze, »Euer Wille geschehe! Sehe ich ein gutes Zeichen zu meiner Rechten am Wege, so wird es mit meiner Reise wohl ablaufen!«
3. Kapitel.
Hinze überbringt den Befehl des Königs.
Als Hinze ein Stück des Weges gewandert war, sah er einen Martinsvogel und rief: »Glück auf, edler Vogel, wende deine Flügel und fliege nach meiner rechten Seite!« Der Vogel flog und setzte sich auf einen Baum, der links am Wege stand. Hinze war darüber sehr betrübt, doch machte er es, wie es so mancher tut, und sprach sich selber Mut zu. Darauf reiste er weiter nach Malepartus und traf Reineke vor der Tür seines Hauses sitzend.
»Guten Abend, Reineke!« sprach Hinze höflich. »Der König sendet mich zu Euch, um Euch vor Gericht zu laden. Weigert Ihr Euch aber, mit mir zu kommen, sagt der König, so wird er Euch und Euer ganzes Geschlecht furchtbar strafen!«
Reineke hieß den Kater herzlich willkommen. Im Innern aber sann er auf neue Ränke, wie er den Kater verraten und betrügen könne. Darum sprach er freundlich: »Lieber Neffe, was wünscht Ihr heute abend zu essen? Denn ich will Euer Wirt sein. Dann gehen wir morgen mit Tagesanbruch nach Hofe. Unter allen meinen Freunden habe ich niemanden, auf den ich mich besser verlassen kann als auf Euch. Nimmer hätte ich es gewagt, mit dem grimmigen Bären, der so stark ist, den Weg zu machen! Aber, Neffe, mit Euch gehe ich gern morgen früh.«
Hinze erwiderte darauf: »Nein, laßt uns lieber jetzt fort! Der Mond scheint hell, der Weg ist gut, und die Luft ist warm.«
Reineke antwortete: »Bei Nacht reisen, bringt Gefahr. Glaubt nur, mancher, der uns bei Tage freundlich grüßt, würde uns bei Nacht Böses tun!«
Hinze sprach: »Vetter Reineke! Laßt mich also wissen, was ich essen soll, wenn ich bei Euch bleibe?« »Wir leben hier von sehr geringer Kost,« antwortete Reineke. »Ich will Euch Honigscheiben vorsetzen, die ganz frisch und süß sind.« »Die habe ich niemals gegessen!« rief Hinze aus. »Gebt mir doch eine fette Maus, die ist mir lieber als Honig!« »So gern eßt Ihr Mäuse?« fragte Reineke. »Ist das Euer Ernst? Nicht weit von hier wohnt der Pfarrer. In seiner Scheune wimmelt's von Mäusen. Wie oft hörte ich ihn darüber klagen!« Unbedachtsam sprach Hinze: »Vetter, bringt mich dahin! Denn mehr als jede andere Speise liebe ich die Mäuse!« »Gut,« sprach Reineke, »Ihr sollt eine Mahlzeit haben, wie Ihr sie niemals gehabt. Kommt, laßt uns gehen!«
Beide kamen bald an die Scheune. Reineke hatte in der vorigen Nacht ein Loch durchgebrochen und einen Hahn geraubt. Um den Dieb das nächste Mal zu fangen, hatte Martinchen, des Pfarrers Sohn, eine Schlinge gelegt. Reineke wußte das, darum sprach er:
»Neffe Hinze, kriechet in das Loch, Ihr werdet dort Mäuse in Menge finden. Ich werde indessen Wache stehen. Wenn Ihr satt seid, kommt wieder heraus. Wir bleiben dann die Nacht über in meiner Wohnung, und früh morgens machen wir uns auf den Weg zum König.« Ängstlich sprach Hinze: »Soll man es wirklich wagen, da hineinzukriechen? Die Pfaffen haben auch bisweilen Böses im Sinne.« Da sagte Reineke: »Seid Ihr so furchtsam? Das wußte ich nicht. So kommt, laßt uns umkehren! Mein Weib wird uns gute Speisen vorsetzen, wenn auch die Mäuse dabei fehlen.«
Nun schämte sich Hinze seiner Ängstlichkeit. Er kroch in das Loch, aber o weh! er geriet in die Schlinge. Nun wollte er zurück, der Strick zog sich aber nur fester um seinen Hals, daß er weder vorwärts noch rückwärts konnte. Da fing er an zu heulen und flehte den Fuchs um Hilfe an. Dieser freute sich des wohlgelungenen Streichs, sprang vor das Loch und rief dem Kater zu: »Hinze, wie schmecken die Mäuse? Sind sie auch gut und fett? Ihr singt ja so schön beim Essen, ist das bei Euch Sitte? Wie gern wollte ich, daß Isegrim in demselben Loche steckte wie Ihr! Dann sollte er mir alles bezahlen, was er mir Leides getan hat!« Mit diesen Worten lief er davon.
Der arme Hinze, der sich nicht befreien konnte, miaute und knurrte ganz jämmerlich. Das hörte Martinchen, des Pfarrers Sohn, der die Schlinge gelegt hatte. Schnell sprang er aus dem Bett, weckte Vater und Mutter und alles Gesinde und rief voll Freude: »Gott Lob und Dank! Mein Strick war gut gelegt! Nun ist der Hühnerdieb gefangen! Jetzt soll er aber auch seinen Lohn haben!« Alle liefen zur Scheune, selbst der Herr Pfarrer ging mit. Martinchen ging mit einem Stock auf den Kater los und versetzte ihm derbe Schläge, ja er schlug ihm sogar ein Auge aus. Der Pfarrer aber hatte einen Stiel von einer Mistgabel genommen, womit er Hinzen totschlagen wollte. Als der Kater merkte, daß er sterben sollte, wurde er sehr zornig. Er sprang auf den Pfarrer los und biß und kratzte ihn an den Beinen und an dem ganzen Leibe, bis dieser ohnmächtig zu Boden sank. Nun ließen alle vom Kater ab, eilten zum Pfarrer, trugen ihn ins Haus und legten ihn sorgfältig zu Bett. Hinze indessen in seiner großen Not dachte nur an seine Rettung. Verzweifelt fing er an den Strick zu zerbeißen und zu zernagen, und siehe da! endlich war er entzwei! Schnell kroch er zum Loche hinaus und machte sich auf den Weg nach des Königs Schlosse.
Es war schon heller Tag, als er dort ankam. Der König erschrak, als er den armen Hinze so zerschlagen und auf einem Auge geblendet wiedersah. Er geriet in großen Zorn, als er von Reinekes neuer Freveltat hörte.
Der Rat wurde einberufen, um über Reinekes Strafe zu beschließen. Da sprach Grimbart, der Dachs: »Unter diesen Herren sind freilich viele, die meinen, daß Reineke eine strenge Strafe verdient hat. Dennoch kann man ihm nicht das Recht des freien Mannes vorenthalten, dreimal vor Gericht geladen zu werden. Kommt er das dritte Mal nicht, so werde das Urteil gesprochen!«
Der König versetzte: »Wer unter euch ist so kühn, daß er ihm die dritte Vorladung bringen möchte? Wer hat ein Auge oder einen Leib zuviel, den er um diesen Bösewicht aufs Spiel setzen möchte? Mich dünkt, es wird sich hier niemand finden, der dazu Lust hätte!«
Da rief Grimbart mit lauter Stimme: »Höret, Herr König, ich übernehme die Botschaft!«
Der König erwiderte: »So gehe denn hin und lade ihn vor Gericht! Doch nimm deine Weisheit zu Rate, du weißt, wie boshaft dein Oheim ist!«
Grimbart versetzte: »Darauf wage ich es und hoffe, ihn gewiß mit mir an den Hof zu bringen.«
4. Kapitel.
Grimbart bei Reineke. Die Beichte.
Also ging Grimbart nach Malepartus und fand Reineke mit seiner Frau und seinen Kindern vor der Tür sitzend. Er redete ihn also an:
»Oheim Reineke, zuerst biete ich Euch meinen freundlichen Gruß! Ihr seid so gelehrt, so weise und klug, daß ich mich wundere, wie Ihr des Königs Wort so unbeachtet lassen könnt! Ich rate es Euch, kommt mit mir an den Hof! Denn die Verzögerung kann Euch keinen Vorteil bringen! Es ist wahr, man hat viele Klagen gegen Euch vorgebracht, und Ihr werdet nunmehr zum dritten Male vorgeladen. Folgt Ihr aber auch dieses Mal nicht, so wird der König mit seinem Heere kommen und Euer Schloß belagern. Dann wird es Euch, Eurem Weibe und Euren Kindern Gut und Leben kosten. Da Ihr dem Könige also doch nicht entgehen könnt, so ist es gewiß am besten, wenn Ihr jetzt mit mir an den Hof kommt. Ihr habt Euch ja schon oftmals aus der Schlinge gezogen! Eurer Überredungskunst wird es auch diesmal gelingen, Eure Feinde zu widerlegen und den König für Euch zu stimmen!«
»Euer Rat ist gut, Neffe!« versetzte der Fuchs. »Es ist freilich am besten, daß ich an den Hof komme und mein Recht selbst wahrnehme. Ich hoffe auch, der König wird mir Gnade widerfahren lassen. Er weiß es wohl, daß ich ihm in seinem Rate dienen kann, und das verdrießt manchen, der bei ihm ist. Der Hof kann ohne mich nicht bestehen. Hätte ich noch viel mehr Unrecht getan und viel schwerere Sünden auf mich geladen; gelingt es mir nur erst, mit dem König zu sprechen, so werde ich seinen Zorn schon besänftigen. Zwar hat er viele, die mit ihm zu Rate sitzen, doch wissen sie niemals das Richtige zu treffen. Soll irgendein Beschluß gefaßt werden, so ist es stets Reineke, der den Ausschlag geben muß. Viele mißgönnen mir das und haben mir deshalb den Tod geschworen. Das beklemmt mir das Herz, denn ihrer sind mehr denn zehn, und sie sind mächtiger als ich allein. Trotzdem ist es besser, ich gehe selbst mit Euch an den Hof und stelle mich meinen Anklägern gegenüber. Und wenn ich nicht gewinne, so ist mir's vielleicht möglich, mit meinen Feinden einen günstigen Vertrag abzuschließen.«
Darauf rief Reineke seine Frau und seine Kinder herbei und sprach: »Frau Ermelyn, ich gehe mit Neffe Grimbart zu Hofe. Sorget mir indessen gut für unsere Kinder, ganz besonders für unseren Jüngsten, Reinhartchen! Seine Zähne stehen ihm so zierlich um sein Mündchen, daß ich hoffe, er wird einst ganz seinem Vater gleichen. Auch für Rossel sorgt gut, er ist gleichfalls ein hübsches Kind, und ich habe ihn ebenso lieb. Hütet die Kinder, während ich fern bin, und ich will Euch dankbar dafür sein, wenn ich glücklich zurückkehre.«
Mit diesen Worten nahm er Abschied und ließ Frau und Kinder in Sorgen zurück.
Kaum waren sie eine kleine Stunde gegangen, als Reineke sprach: »Hört mich, lieber Neffe und Freund! Ich bin recht in Angst, denn ich fürchte, ich gehe in den Tod. Meine Reue aber über meine begangenen Sünden ist so groß, daß ich zur Beichte gehen möchte. Da aber kein Pfarrer zur Stelle ist, so bitte ich Euch inständig, laßt mich vor Euch beichten! Habe ich all mein Unrecht gestanden, so wird mir leichter ums Herz werden.«
Grimbart versetzte: »Ihr müßt vor allem geloben, in Zukunft nicht mehr zu rauben und von allem Verrat und anderen Tücken für immer abzulassen. Wenn Ihr das nicht beschwört, kann keine Beichte Euch nützen.«
»Das weiß ich wohl!« erwiderte Reineke, »und so fange ich an. Hört wohl zu!
=Confiteor tibi Pater et Mater=, daß ich der Otter und dem Kater und vielen anderen Tieren manches Unrecht zugefügt; das will ich reuig bekennen und Buße dafür tun!«
Der Dachs unterbrach diese Rede: »Das verstehe ich nicht! Ihr müßt deutsch mit mir reden!«
Reineke fuhr fort: »Ich habe gesündigt an allen Tieren, die jetzt leben! Und bitte sehr, sie mögen es mir verzeihen! Ich habe Braun, den Bären, nach Rüsteviels Hofe geführt. Dort habe ich ihn im Baumspalt eingeklemmt; er zerriß sich Gesicht und Tatzen und bekam Schläge in Menge.
Hinze führte ich zur Scheune und hieß ihn Mäuse fangen. Er geriet in die Schlinge, mußte viele Prügel ertragen, ja verlor sogar ein Auge dabei.
Auch der Hahn verklagt mich mit Recht. Ich habe ihm viele seiner Kinder geraubt und getötet.
Isegrim, dem Wolf, habe ich mancherlei Tücke zugefügt. Einmal, es mögen wohl sechs Jahre her sein, besuchte er mich im Kloster Elkmar, wo ich mich damals aufhielt. Er wollte auch Mönch werden und hub an, an der Glocke zu läuten. Das gefiel ihm vorzüglich, und da ich das merkte, band ich ihm beide Vorderfüße an dem Strick zusammen. Nun konnte er läuten nach Herzenslust.
Als das Läuten aber gar nicht aufhörte, liefen alle Leute auf der Straße herbei und die Mönche aus dem Kloster; sie meinten, der Teufel sei da. Als sie den Wolf sahen, schlugen sie alle furchtbar auf ihn los; man ließ ihm nicht Zeit, zu erklären, daß er ins Kloster wolle. Halb zu Tode geprügelt, entkam er schließlich. Dennoch blieb er dabei, in den geistlichen Stand eintreten zu wollen. Deshalb bat er mich, ihm die Platte zu scheren. Da brannte ich ihm die Haare so sehr ab, daß ihm die Haut zusammenschrumpfte.
Einstmals führte ich ihn ins Jülicher Land zum Hause eines reichen Pfaffen. Dieser hatte ein großes Vorratshaus, in dem große, duftende Schinken, fette Würste und andere köstliche Speisen aufbewahrt waren. Auch ein Trog mit frisch eingesalzenem Fleische stand darin. Isegrim brach sich ein Loch durch die Wand, da er sich einmal recht satt an Fleisch essen wollte. Er kroch hinein und aß und aß, bis sein Hunger gestillt war. Nun wollte er wieder heraus, aber o weh! vom übermäßigen Essen war sein Bauch so dick geworden, daß er nicht durch das Loch zurück konnte. Wo er also hungrig hineingekrochen war, konnte er satt nicht mehr hinaus. Das war mir nun gerade recht, ich lief ins Dorf und machte Lärm und Geschrei, um die Leute auf die Spur des Wolfes zu bringen. Ich lief in das Haus des Pfaffen, der eben am Tisch saß und speiste.
Ein fetter Kapaun stand vor ihm. Ich sprang plötzlich hinzu, erfaßte den Braten und eilte davon. Entsetzt sprang der Pfaffe auf, um mir nachzujagen. Dabei riß er den Tisch um: Gläser, Teller, Speise und Trank, alles fiel zur Erde. Immerfort schrie der Pfaffe: ›Schlaget, werfet, stechet, fanget den Dieb!‹ Da er aber in seinem blinden Zorn nicht sah, wo er lief, fiel er in die Pfütze. Eine Menge Menschen waren herbeigekommen, um über mich herzufallen, alle machten großes Geschrei. Aber die Stimme des Pfarrers übertönte alle anderen: ›Habt ihr jemals einen frecheren Dieb gesehen?‹ rief er; ›er hat mir das Huhn vom Tische genommen, an dem ich eben saß und speiste.‹
Ich aber lief, so schnell ich laufen konnte. Als ich an den Speicher kam, in dem Isegrim war, ließ ich das Huhn fallen, weil es mir zu schwer wurde. Ihr könnt Euch denken, daß ich es ungern zurückließ! Als nun der Pfarrer das Huhn aufhob, erblickte er Isegrim, der in dem Loch steckte. Da rief er laut: ›Ihr Freunde, seht, hier ist noch ein viel ärgerer Dieb in meinem Speicher! Ein Wolf, den müssen wir fangen!‹ Alle fielen wie wild über den Wolf her, rissen ihn aus dem Loch heraus und schlugen auf ihn los, daß er wie tot liegen blieb. Darauf schleppten sie ihn auf die Straße über Stock und Stein und warfen ihn schließlich in eine schlammige Grube, denn sie hielten ihn für tot. In solchem Jammer und Schmerz lag er hilflos die ganze Nacht da; wie er endlich davongekommen, weiß ich nicht zu sagen.
Gleichwohl schwur er mir abermals Treue, es war aber nur seines eigenen Vorteils wegen. Es gelüstete ihn, sich einmal an Hühnern recht satt zu essen. Ich sagte ihm, ich wüßte bei einem Bauern ein Hühnerhaus, in dem viele fette Hühner oben auf dem Balken unter dem Dach zu sitzen pflegten. Es war um Mitternacht, als ich ihn dorthin führte. Ein Fenster stand offen, und ich tat, als ob ich hineinkriechen wollte, trat aber wieder zurück und ließ Isegrim voran. ›Kriecht nur mutig hinein, Ihr werdet gewiß bald ein fettes Huhn fassen!‹ rief ich ihm zu. ›Wer nicht wagt, gewinnt nicht!‹
Er kroch mit Gefahr durch das enge Fenster, suchte hier und da herum und rief: ›Ich bin verraten, ich finde keine Hühner!‹ ›Ei,‹ sprach ich, ›die werden weiter hinten sitzen.‹ Der Wolf vergaß jede Vorsicht, so groß war seine Begier nach Hühnern. Er ging immer weiter hinein, ich aber klappte von außen das Fenster zu, daß es laut anschlug. Der Wolf erschrak dermaßen, daß er vom Balken herab und schwer auf den Boden fiel. Die Leute im Hause erwachten von dem Geräusch. Sie kamen mit Licht und fanden den Wolf. Da wurde er wieder geprügelt, und zwar mit solcher Gewalt, daß es ein Wunder ist, wie er mit dem Leben davonkam.
Sehet, Neffe, das sind nun alle meine Sünden, deren ich mich erinnern kann. Sprechet mich nun los davon, und leget mir eine beliebige Buße auf.«
Grimbart war verschlagen und klug; er brach ein Reis am Wege und sprach: »Oheim, schlaget Euch dreimal mit diesem Reis; sodann legt es auf die Erde und springt dreimal quer darüber, ohne zu taumeln. Hernach küßt das Reis ohne Haß, zum Zeichen, daß Ihr gehorsam seid. Diese Buße lege ich Euch auf. Und hiermit spreche ich Euch von Euren Sünden frei; ich vergebe sie Euch alle, so groß auch ihre Zahl sein mag.«
Als Reineke alles nach Grimbarts Vorschrift getan hatte, sprach dieser zu ihm:
»Oheim Reineke, in Zukunft müßt Ihr nun aber ein besseres Leben führen. Alles Rauben, Stehlen, Betrügen und Verraten müßt Ihr lassen. Gehet fleißig zur Kirche; lest die Psalmen, haltet die Feiertage, tröstet die Kranken und gebt Almosen den Armen!«
Reineke sprach: »Alles das will ich geloben und treulich halten mein Leben lang!«
Darauf wanderten beide weiter, bis sie an ein Kloster kamen. Darin wohnten fromme Nonnen, die von früh bis spät zu Gott beteten. Sie hatten viele Hühner, Enten und Gänse auf ihrem Hofe, die oft außerhalb der Mauern herumliefen.
Reineke bemerkte sofort die Hühner, und alle seine bösen Gelüste erwachten wieder. Ein junger, fetter Hahn gefiel ihm besonders, er konnte seine Augen nicht von ihm abwenden. Plötzlich sprang er auf ihn zu und packte ihn am Halse, daß die Federn umherflogen.
Entrüstet rief Grimbart: »Unseliger Oheim, was macht Ihr da? Wollt Ihr um einen elenden Hahn wieder in Schande und Sünde verfallen? Wahrlich, das nenne ich eine schöne Buße!«
Reuig sprach Reineke: »Das tat ich nur in Gedanken aus alter Gewohnheit. Bittet Gott, daß er es mir vergebe! Ich will es in Zukunft unterlassen.«
Nun wanderten sie weiter auf der breiten Landstraße. Aber Reineke sah immer nach den Hühnern zurück, er hätte gar zu gern eins gehabt! Grimbart bemerkte das wohl und sprach: »Garstiger Vielfraß! Wo habt Ihr schon wieder Eure Augen?«
Reineke erwiderte: »Ihr irrt Euch gewaltig, verehrter Neffe, wenn Ihr glaubt, ich habe böse Gedanken. Ich richtete eben ein frommes Gebet zum Himmel für die Seelen der Hühner und Gänse, die ich den Nonnen geraubt habe!«
Grimbart schwieg, Reineke aber schaute nach den Hühnern zurück, solange er sie sehen konnte. Endlich erblickten sie das Schloß des Königs, das Ziel ihrer Wanderung.
Aber je näher sie kamen, desto ängstlicher ward Reineke zumute. Er dachte an die vielen Anklagen, die gegen ihn erhoben waren, und wußte nicht, wie er sich rechtfertigen sollte. Am liebsten wäre er noch umgekehrt, aber er schämte sich vor seinem Begleiter, dem Dachs.
5. Kapitel.
Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen.
Als man bei Hofe vernommen hatte, daß Reineke angekommen war, drängten sich alle herbei, ihn zu sehen. Reineke aber stellte sich, als würde er es gar nicht gewahr. Er ging so ruhig und stolz seines Weges, als wäre er des Königs eigener Sohn. Mutig, wie wenn er nie ein Unrecht begangen hätte, trat er vor den König Nobel und redete ihn an:
»Edler König! Gnädiger Herr! Um Eurer Größe und Eurer Würde willen bitte ich Euch, hört meine Verantwortung an! Niemals hat ein Herr einen treueren Knecht, einen ergebeneren Diener gehabt, als Eure königliche Gnaden an mir haben! Zwar sind hier viele, die mich durch falsche Anklagen Eurer Freundschaft, die mich so stolz macht, berauben wollen. Aber Eure Weisheit wird das Lügengewebe meiner Feinde gewiß leicht durchschauen. Sie hassen mich, weil ich Euch jederzeit treulich gedient habe!«
»Schweig'!« sprach der König, »und spare deine Worte! Dein Schmeicheln hilft dir nichts. Deine Übeltaten sollen dir jetzt vergolten werden! Sprich, wie hast du den Frieden gehalten, den ich allen Tieren geboten habe? O du falscher, treuloser Dieb! Hier steht der unglückliche Hahn, der sein ganzes Geschlecht durch dich verloren hat. Du sagst zwar, du liebst mich und willst mir treu dienen. Wie aber hast du meine Boten behandelt? Der arme Braun trägt noch Kopf und Tatzen verbunden. Und der bedauernswerte Hinze hat sogar ein Auge durch deine Falschheit eingebüßt. Ja, es sind Ankläger genug vorhanden, und diesmal soll es dir an den Hals gehen, du treuloser Verräter!«
»Gnädigster Herr,« erwiderte Reineke, »was kann ich dafür, daß Braun mit blutiger Platte heimkam? Warum war er so dreist, sich an Rüsteviels Honig zu wagen? Und wenn er es tat, warum ließ er sich dann von den Bauern schlagen, er, der so stark von Gliedern ist? Und Hinze, der Kater! Ich habe ihn gut aufgenommen und bewirtet. Er war aber nicht zufrieden, sondern wollte sich durchaus Mäuse aus der Pfaffenscheune holen. Das bekam ihm freilich schlecht! Aber was kann ich dafür, und warum soll ich deshalb bestraft werden?
Aber ich bin in Eurer Gewalt und füge mich demütig Eurem Spruche, er sei gut oder böse für mich. Ihr könnt mich sieden, blenden, köpfen oder hängen, alles will ich ohne Murren erdulden und mein Schicksal aus Eurer Hand empfangen. Mein Tod wird Euch freilich nur wenig Gewinn bringen!«
Da trat Bellyn, der Widder, hervor und rief: »Ja, nun ist es Zeit, unsere Klagen gegen Reineke vorzubringen.«
Da kam Isegrim mit allen seinen Verwandten, Braun, der Bär, und Hinze, der Kater; Boldewyn, der Esel, Lampe, der Hase, Wackerlos, das Hündchen, und Ryn, der große Hund; Metke, die Ziege, und Hermen, der Ziegenbock; auch der bedächtige Ochs und das weise Pferd hatten zu klagen. Selbst die Tiere des Waldes strömten herbei: der Hirsch, das Reh, der Biber und das Kaninchen, auch Martin, der Affe, und der wilde Eber. Ebenso kamen die Vögel herbei: Barthold, der Storch, Marquart, der Häher, und Lütke, der Kranich. Mit lautem Schnattern erschienen Dybke, die Ente, und Alheid, die Gans. Der Traurigste von allen aber war Henning, der Hahn, dem der Fuchs die Kinder geraubt hatte.
Sie alle drängten sich zum König, und jeder klagte mit lebhaften Worten über die Missetaten, die der Fuchs verübt hatte. Das war ein Geschrei, Geheul und Gebrüll, daß der König häufig Ruhe gebieten mußte, um überhaupt etwas von dem Durcheinander der Stimmen zu verstehen.
Auf alle diese Anklagen wußte Reineke mit großer Gewandtheit zu antworten. Er fand für alles die schönsten Entschuldigungen und tat, als ob er noch nie irgend jemand etwas Böses zugefügt hätte. Er sprach mit solcher Überzeugung, daß man glauben konnte, er sei ganz unschuldig und werde jetzt das Opfer seiner Feinde. Als aber alle Tiere erklärten, wahrheitsgemäß ausgesagt zu haben, wurde einstimmig das Urteil des Rates angenommen. Es lautete: ~Reineke, der Fuchs, ist zum Tode verurteilt. Man soll ihn fangen, binden und am Galgen aufhängen.~ So verkündete der König mit mächtiger Stimme vor der ganzen Versammlung. Da sah Reineke ein, daß sein Spiel verloren war. Er ließ sich willig binden, um den letzten Gang anzutreten.
Voll Beifall hatten die Feinde des Fuchses das Urteil aufgenommen. Seine Freunde aber, Grimbart, der Dachs, Martin, der Affe, und einige von seinem Geschlechte standen betroffen und traurig da. Sie hatten es nicht für möglich gehalten, daß ein so strenger Urteilsspruch gefällt werden könnte. Denn Reineke war ein Freiherr, einer der ersten Barone im Reich, und sollte nun ein so schmähliches Ende durch Henkershand erdulden. Dieses Unglück konnten sie nicht ertragen. Darum nahmen sie Abschied vom König und verließen den Hof. Das war nun dem König sehr unangenehm, daß so viele tapfere Junker von ihm gingen, und er sprach zu einem seiner Räte: »Es wäre doch gut, wenn ich mir die Geschichte noch etwas überlegte. Reineke ist ja boshaft und treulos, aber in seinem Geschlechte ist doch mancher brave Mann, den der Hof nur schlecht entbehren kann.«