Reineke Fuchs

Part 1

Chapter 13,762 wordsPublic domain

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Anmerkungen zur Transkription.

Das Original ist in Fraktur gesetzt. Schreibweise und Interpunktion des Originaltextes wurden übernommen; lediglich offensichtliche Druckfehler sind stillschweigend korrigiert worden.

Worte in Antiqua sind so =gekennzeichnet=, gesperrte so ~gesperrt~.

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Reineke Fuchs

Reineke Fuchs

Der alten Sage nacherzählt

von

Helene Fuchs

Mit Illustrationen in Farbendruck nach Originalen

von

Max Wulff

1921

Meidinger's Jugendschriften Verlag G.m.b.H. Berlin W. 66

Inhalt.

Seite

Einleitung 7

~Reineke Fuchs.~

1. Kapitel. Reineke wird angeklagt 9

2. Kapitel. Braun entbietet Reineke an des Königs Hof 15

3. Kapitel. Hinze überbringt den Befehl des Königs 22

4. Kapitel. Grimbart bei Reineke. Die Beichte 26

5. Kapitel. Das Gericht und der Urteilsspruch. Reineke unter dem Galgen 33

6. Kapitel. Die Geschichte von der Verschwörung 40

7. Kapitel. Reineke tritt seine Pilgerfahrt an. Lampe und Bellyn in Malepartus 49

8. Kapitel. Die Sühne. Reineke wird abermals angeklagt 58

9. Kapitel. Grimbart in Malepartus 65

10. Kapitel. Reinekes zweite Beichte 69

11. Kapitel. Reinekes Verteidigung 75

12. Kapitel. Der Mann mit der Schlange 81

13. Kapitel. Reineke verteidigt sich weiter. Der wunderbare Ring, der Kamm und der Spiegel 87

14. Kapitel. Neue Lügen Reinekes und seine Freisprechung 96

15. Kapitel. Neue Anklagen Isegrims und Reinekes Verteidigung 102

16. Kapitel. Die Forderung und die Vorbereitung zum Zweikampfe 111

17. Kapitel. Der Zweikampf und seine Entscheidung 115

Einleitung.

Schon in den frühesten Zeiten des Menschengeschlechts hat sich die Phantasie des Volkes damit beschäftigt, das Leben der Tiere zu vermenschlichen, d. h. Tiere wie Menschen von bestimmtem Charakter und Stande reden und handeln zu lassen. Solche Tiermärchen und Tierfabeln waren bei den allerverschiedensten Völkern in Umlauf, sie haben aber für uns erst literarische Gestalt angenommen in den Äsopischen Fabeln, die sich von Griechenland aus auf dem Wege über Italien durch schriftliche und mündliche Überlieferung bei allen Völkern unseres Erdteils verbreiteten. Aus einer dieser Äsopischen Fabeln, die von der Feindschaft zwischen Fuchs und Wolf und dem Siege der List des einen über die rohe Kraft des anderen handelt, ist nun die mittelalterliche Tierdichtung hervorgegangen.

Die frühesten Spuren derselben sind in einer lateinischen Dichtung des frühen Mittelalters, die einen Mönch aus Lothringen zum Verfasser hat, zu erkennen. Schon in dieser Erzählung von der Heilung des kranken Löwen durch die Haut des Wolfes stecken zahlreiche satirische Züge, Beziehungen auf kirchliche und politische Zustände, auf das Leben bei Hofe und im Kloster, und gerade diese satirische Behandlung gibt der ganzen späteren Tierdichtung bis auf unseren Reineke Fuchs das Gepräge.

Auf dem Grenzgebiet zwischen Frankreich und Deutschland hat sich nun auch die weitere Ausbildung der Tiersage vollzogen. Hier wurden zuerst den Tieren menschliche Eigennamen verliehen; ein Vorgang, der an sich nichts Überraschendes hat, rufen doch auch wir unsere Haustiere, Hund und Katze, Ziege und Lamm, Kuh und Pferd, mit Personennamen. Die gewählten Namen sind meist Kose- oder Verkleinerungsformen: Reineke von Reinhart (franz. =Renard=), Hinze von Heinrich, Lampe von Lamprecht, Henning von Johannes usw.

Die wichtigste und für die ganze spätere Zeit bedeutungsvollste Darstellung hat die Tiersage in Nordfrankreich gefunden. Französische Spielleute verfaßten eine Anzahl von Tierschwänken, =branches=, aus denen allmählich der große französische =Roman de Renard= herauswuchs.

Indessen erreicht das Tierepos seine klassische Gestalt in den Niederlanden. Nach verschiedenen Vorstufen erhielt es seine endgültige Fassung im 15. Jahrhundert in Flandern durch Hinrik van Alkmar, dessen Werk dann von einem Unbekannten in die niedersächsische Mundart übertragen wurde. So entstand der »Reynke de Vos«, der zuerst im Jahre 1498 in Lübeck gedruckt und darauf zu wiederholten Malen bis auf die neueste Zeit ins Hochdeutsche und in andere Sprachen übertragen wurde.

Eine Prosaübersetzung dieses »Reynke« von dem bekannten Leipziger Professor Gottsched wurde endlich die Quelle für das klassische Tierepos der Neuzeit, für Goethes köstlichen »Reineke Fuchs«. Auch wir haben uns im ganzen dieser Quelle angeschlossen.

Möge die alte Dichtung in der neuen Fassung auch weiter ihren Zauber ausüben und recht viele jugendliche Leser durch ihre frische Natürlichkeit und ihren gesunden Humor erfreuen!

Reineke Fuchs.

1. Kapitel.

Reineke wird angeklagt.

Es war an einem Pfingsttage; Wälder und Felder grünten und blühten; die Vögel sangen ihre fröhlichen Lieder; der Tag war heiter und das Wetter schön, als Nobel, der Löwe, der König der Tiere, Boten aussandte und alle seine Untertanen an seinen Hof entbieten ließ. Darauf erschienen viele große Herren mit starkem Gefolge: Braun, der Bär, Isegrim, der Wolf, Lütke, der Kranich, Marquart, der Häher, und viele andere; sie alle waren gekommen, um ihrem Herrn die schuldige Ehrfurcht zu bezeigen. Nur Reineke, der Fuchs, fehlte. Er mied den Hof, denn er hatte so viele lose Streiche begangen und den Tieren so viel Böses angetan, daß er unter ihnen nur noch einen Freund hatte, Grimbart, den Dachs, mit dem er nahe verwandt war.

Als der ganze Hof versammelt war, trat Isegrim, der Wolf, vor den Thron des Königs und begann zu klagen: »Gnädigster Herr und König! Ihr seid edel und groß und verhelfet einem jeden zu seinem Rechte! So helfet auch mir jetzt und strafet Reineke für all das Böse, das er mir und den Meinen zugefügt hat. Mein Weib hat er beschimpft und meine Kinder hat er mit schädlichem Unrat besudelt, daß drei von ihnen blind in der Höhle liegen. Längst schon sollte er mir für seine bösen Taten Rede stehen, aber er hält sich in seiner starken Burg versteckt. Gnädigster Herr! Wollte ich all das Böse erzählen, das mir dieser Bube zugefügt hat, wahrlich, es gehörten Wochen dazu. Ich übergehe es daher mit Stillschweigen. Jedoch die Verhöhnung meines Weibes und das Unglück meiner Kinder sollen nicht ungerächt bleiben.«

Kaum hatte Isegrim seine Rede beendet, da sprang Wackerlos, das Hündchen, hervor und erzählte kläglichen Tones in französischer Sprache, wie es einst so arm gewesen, daß es nur ein kleines Würstchen besaß, und auch dieses habe Reineke genommen.

Funkelnden Auges trat Hinze, der Kater, hervor und sprach: »Wo ist wohl einer in der ganzen Versammlung, der nicht Reineke mehr fürchtete als Euch? Was aber die Klage des Wackerlos betrifft, so gehörte die Wurst mir. Ich kam einstmals bei Nacht in eine Mühle, fand den Müller schlafend und nahm die Wurst. Kam sie in den Besitz des Hundes, so verdankt er sie meiner List!«

»Was nützen Klagen und Reden!« sprach der Panther. »Sind nicht genug Schandtaten des Frevlers bekannt? Er ist ein Dieb und ein Mörder! Verlören wir alle, auch der König, Gut, Ehre und Leben, er lachte dazu, würde ihm nur ein einziger Bissen von einem fetten Huhn dabei zuteil! Hört nur, was er noch gestern Lampe, dem Hasen, angetan! Hier steht er, der friedliche Mann, und wird die Wahrheit meiner Rede bezeugen. Reineke sagte, er wolle ihn singen lehren und zu einem Kaplan machen. Ohne Arg setzte sich Lampe vor ihm nieder, und beide begannen zu singen. Doch plötzlich ergriff Reineke den Hasen und versuchte ihn zu erwürgen. Wäre ich nicht zufällig des Weges gekommen, unfehlbar hätte er ihn getötet. So aber gelang mir's, den Braven zu retten. Seht hier die frischen Wunden am Halse des friedlichen Mannes, der gewiß niemandem Übles tut. So saget nun an, Herr König, und ihr, Vasallen des Reiches, soll es ohne Strafe hingehen, daß Reineke also freventlich des Königs Frieden zu brechen wagt?«

Da sprach Isegrim: »Reineke tut nimmermehr Gutes! Am besten für alle würde es sein, Reineke wäre tot! Wird ihm aber auch diesmal verziehen, so wird es noch manchem unter uns schlimm ergehen, der es jetzt am wenigsten ahnt!«

Länger vermochte Grimbart, der Dachs, nicht zu schweigen. Er trat mutig hervor, um seinen Verwandten zu verteidigen. »Herr Isegrim,« sprach er, »es ist ein altes Sprichwort: ›Feindes Mund schafft selten Frommen.‹ Ihr habt es jetzt leicht, meinen Oheim zu schmähen, da er nicht zugegen! Stünde er hier und besäße wie Ihr des Königs Liebe, so hättet Ihr Euch wohl bedacht, ihn also anzuschwärzen und die alten Geschichten hervorzukramen! Freilich, von dem, was Ihr Reineke getan, schwieget Ihr weislich! Manche der Herren hier wissen es wohl, wie Ihr und Reineke einst ein Bündnis schlosset und einander versprachet, treue Freunde zu sein. Hört, Majestät, wie Isegrim die Treue gebrochen! Einmal fuhr ein Mann durch den Wald, der Fische auf seinen Wagen geladen hatte. Isegrim verspürte große Lust, von den Fischen zu essen. Er hatte aber kein Geld, sich welche zu kaufen. Da schaffte Reineke Rat. Er legte sich auf den Weg und stellte sich tot. Als nun der Fuhrmann herankam und meinen Oheim liegen sah, stieg er vom Wagen herab, zog sein Messer hervor und wollte ihm das Fell abziehen. Da Reineke sich aber nicht regte noch rührte, hielt er ihn für tot und warf ihn auf den Wagen. Alles dies wagte mein Oheim um Isegrims willen! Als der Wagen weiterfuhr, warf Reineke fortwährend Fische herab. Der Wolf kam herbei und ließ sich's wohl schmecken. Endlich sprang mein Oheim herab, um auch von den Fischen zu essen; allein Isegrim hatte sie alle verzehrt. Ja, er hatte so viel gefressen, daß er fast platzte. Meinem Oheim gab er die Gräten.

Ein andermal entdeckte Reineke bei einem Bauern ein frischgeschlachtetes Schwein. Er vertraute es in gutem Glauben dem Wolfe. Beide gingen hin; Reineke kroch zum Fenster hinein und warf das Schwein herunter. Isegrim packte es und lief mit ihm davon. Da erwachten die Hunde im Hofe, ergriffen Reineke und zerzausten ihm furchtbar sein armes Fell. Mit knapper Not kam er davon, gelangte zum Wolfe und forderte sein Teil. Der hatte indessen das ganze Schwein verzehrt und gab meinem Oheim das Krummholz, daran es gehangen hatte.

Erhabener Herrscher, so könnte ich hundert solcher Streiche und mehr erzählen, die Isegrim an Reineke verübt hat! Um aber auf das Märchen vom armen, mißhandelten Hasen zurückzukommen, so sage ich Euch: Soll der Lehrer nicht das Recht haben, den Schüler zu züchtigen? Sagt selbst, was soll aus der Jugend werden, wenn alle Unart unbestraft bliebe? Nun klagt Wackerlos, Reineke habe ihm einst ein Würstchen genommen. Er hätte besser geschwiegen! Hinze, der Kater, sagt ja, die Wurst war gestohlen! Reineke ist ein braver Mann! Hört nur, wie er lebt, seit des Königs Frieden den Tieren verkündet ward! Er speist nur einmal des Tages und enthält sich jeglichen Fleisches. Sein Schloß Malepartus hat er verlassen und baut sich eine einsame Klause. Mir, seinem Neffen, tut es weh, daß er hier so verklagt wird, und ich bitte Eure Majestät, ihn bald seinen Feinden gegenüberzustellen.«

Kaum hatte Grimbart seine Rede beendet, da kam Henning, der Hahn, mit seinem ganzen Gefolge. Auf einer Bahre trugen sie Kratzefuß, die beste der Hennen. Traurig trat Henning vor den König und sprach: »Gnädiger Herr! Erbarmet Euch meiner und meiner Kinder, denen Reineke großes Leid zugefügt hat! Noch vor kurzem erfreute ich mich mit meiner Frau meines stolzen Geschlechtes. Zehn Söhne und vierzehn Töchter blühten uns lieblich heran. Starke Mauern umgeben den Klosterhof, auf welchem wir leben. Oftmals schlich Reineke bei Nacht um die Mauern, aber sechs treue Hunde wachten beständig und verjagten ihn immer. Da sann er auf List: Einstmals kam er als Klausner verkleidet mit einem Brief, daran Euer Siegel hing, zu mir. In dem Brief stand geschrieben, daß Ihr, Herr König, allen Tieren festen Frieden gebietet.

Reineke fügte hinzu, er habe ein Gelübde getan, kein Fleisch mehr zu essen und ein frommes Leben zu führen; deshalb brauche sich niemand in Zukunft vor ihm zu fürchten. Darauf nahm er Abschied von mir und zog seines Weges.

Da war ich sehr glücklich, eilte zu meiner Frau und den Kindern und erzählte ihnen die ganze Geschichte. Ach, wie waren sie froh! Wir eilten alle hinaus ins Freie, denn niemand lebt gern hinter Mauern. Doch wehe! Reineke hatte sich im Gebüsch versteckt, sprang hervor und holte sich eins meiner Kinder. Seitdem kam er immer wieder bei Tag und bei Nacht, so gut hatte ihm mein Söhnlein geschmeckt, und selbst die treuen Hunde konnten uns nicht mehr vor ihm schützen. Von allen meinen Kindern blieben mir nur noch fünf. Sehet, Herr König, diese blühende Tochter hat er mir gestern getötet, die Hunde jagten sie ihm ab. Ich bringe Euch nun den Leichnam, daß Ihr Euch meines Unglücks erbarmt und an dem Mörder Vergeltung übt!«

Da sprach der König zornig: »Nun, Herr Dachs, höret Ihr wohl? Sind das die Fasten, die sich Euer Oheim auferlegt? Aber ich verkünde es Euch, er soll gestraft werden für alle seine Missetaten! Zunächst aber soll Eure Tochter, trauriger Henning, mit allen Ehren bestattet werden.«

Darauf wurde von allen Anwesenden ein feierlicher Gesang angestimmt und die tote Henne in die Erde gesenkt. Auf ihr Grab setzte man einen schönen, blanken Marmorstein; darauf stand zu lesen in goldenen Buchstaben:

»Kratzefuß, Hahn Hennings Tochter, die beste, Die stets viel Eier legte im Neste, Die wohl mit ihren Füßen konnte schraben, Liegt unter diesem Steine hier begraben. Der falsche Reineke hat sie erbissen, Sie will, daß die ganze Welt es soll wissen.«

Darauf rief der König alle Weisen seines Reiches zusammen, um mit ihnen über Reinekes böse Taten zu Rate zu sitzen. Man beschloß, einen Boten zu ihm zu senden und ihn aufzufordern, am nächsten Gerichtstag bei Hofe zu erscheinen, bei Todesstrafe aber nicht auszubleiben. Braun, der Bär, wurde auserwählt, die Botschaft zu überbringen. Und der König sagte zu ihm: »Braun, sei auf deiner Hut! Der Fuchs ist falsch und hinterlistig, er wird dich belügen und betrügen!«

»Das soll er wohl bleiben lassen!« versetzte der Bär. »Ich beteuere es mit meinem Eide: Reineke soll mir nicht das Geringste tun! Es würde ihm auch übel bekommen!«

2. Kapitel.

Braun entbietet Reineke an des Königs Hof.

Stolzen Mutes machte sich Braun auf den Weg zu Reinekes Burg Malepartus. Er wanderte durch eine große, sandige Wüste, bis er endlich die schönen, grünen Berge erreichte, an denen das Schloß lag.

Er pochte mehrmals an die schwere, verschlossene Pforte. Es erschien aber niemand, zu öffnen. Da rief er laut: »Reineke, seid Ihr drinnen? Ich bin Braun und komme als Bote des Königs. Ihr sollt bei Hofe vor Gericht Euch stellen! Folget Ihr aber nicht dem Befehle, so seid Ihr des Todes! Darum rate ich Euch, folgt mir sogleich zum König!«

Reineke lag drin auf der Lauer und hörte alle diese Worte.

»Könnte ich doch diesem Braun,« so dachte er, »für seine hochmütige Rede etwas aufzählen!«

Gleich zu öffnen, schien ihm nicht ratsam, Braun konnte ja noch andere Tiere im Hinterhalt haben. Um nachzudenken, was am besten zu tun sei, ging er tiefer in seine Festung hinein. Malepartus war kunstvoll gebaut, Löcher und Gänge gab es hier und manche verborgene Pforte, die er je nach Bedarf öffnete oder verschloß. Hier fand er Schutz, wenn er verfolgt ward, und manches unschuldige Tier verirrte sich hier hinein und fiel ihm zur Beute.

Als Reineke sich überzeugt hatte, daß der Bär allein gekommen war, trat er hinaus und begrüßte ihn: »Seid willkommen, Oheim Braun! Ich las eben die Vesper. Darum konnte ich nicht sogleich kommen. Ich hoffe, daß Eure Ankunft mir zum Vorteil gereichen wird! Es war aber ein anstrengender Weg für Euch! Ihr schwitzt ja, daß Euer Haar naß ist! Hatte denn der König keinen anderen Boten als Euch, den edelsten Herrn des Reichs? Indessen ist es zu meinem Nutzen; Euer kluger Rat wird mir beim König zu statten kommen. Höret, werter Oheim, ich hatte beschlossen, morgen am Hof zu erscheinen, doch habe ich von einer Speise, an die ich nicht gewöhnt bin, zu viel gegessen, und sie verursacht mir große Schmerzen im Leibe.«

»Was aßet Ihr denn?« fragte Braun.

Reineke versetzte: »Was nützt es Euch, wenn ich es Euch sage! Es war nur eine einfache Speise! Ein armer Mann kann ja nicht wie ein Graf leben! So haben wir jetzt in der Not frische Honigscheiben gegessen, die es hier reichlich gibt. Davon bin ich so krank!«

»Ei, ei,« versetzte Braun, »haltet Ihr Honig für etwas Schlechtes? Honig ist eine kräftige Speise, die ich allen anderen Gerichten vorziehe. Lieber Reineke, verschafft mir welchen, ich will Euch dafür nach Kräften dienen und Euch immer dankbar sein!«

Reineke rief: »Treibt keinen Spott mit mir, Oheim Braun!« Braun erwiderte: »Nein, so wahr Gott mir helfe!« »Nun, wenn es Euer Ernst ist,« sprach Reineke, »so will ich Euch Honig verschaffen. Der Bauer Rüsteviel wohnt kaum eine halbe Meile von hier. Er hat so viel Honig, wie Ihr noch nie beisammen gesehen habt.«

Brauns Gelüste nach der süßen Speise ward immer größer, und er sagte: »Führt mich nur sogleich hin, lieber Reineke, ich will es Euch stets gedenken. Sollte ich mich aber mal an Honig wirklich satt essen, so müßte man mir sehr viel davon vorsetzen.«

»O,« versetzte Reineke, »Euch soll es an Honig nicht fehlen! Zwar wird mir das Gehen heute schwer, doch will ich Euch zuliebe den Weg gern machen. Denn Ihr seid mir der Liebste von allen meinen Verwandten. Und Ihr werdet mir auch am Hofe des Königs beistehen und mich gegen meine Feinde verteidigen. Folget mir nur! Ich will Euch so honigsatt machen, daß Ihr eine Weile genug habt!«

Voller Freude folgte ihm der Bär; der Abend war hereingebrochen, als sie an des Bauern Rüsteviel Hof kamen. Dort lag eine mächtige Eiche, die weit aufgespalten war, denn der Bauer hatte zwei starke Keile hineingetrieben. Nun sprach Reineke: »Sehet, Oheim, in diesem Baum ist mehr Honig, als Ihr verzehren könnt. Nehmt nun davon, doch ja nicht zuviel, es könnte Euch schaden!«

Braun erwiderte: »Sorget nur nicht! Ich weiß wohl Maß zu halten in allen Dingen.«

Also ließ sich der Bär betören und steckte seinen Kopf und die Vorderpfoten tief in den Baum hinein. Nun zog der Fuchs mit großer Anstrengung die Keile heraus, der Spalt ging zusammen, und da war nun der Bär mit Kopf und Füßen gefangen! O, wie er da bat und flehte! Doch der Fuchs hatte kein Erbarmen. Da fing der Bär an zu heulen und mit den Hinterfüßen zu schlagen und machte solchen Lärm, daß der Bauer herbeikam. Als Reineke ihn sah, rief er dem Bären zu: »Nun, Freund Braun, schmeckt der Honig süß? Jetzt kommt Rüsteviel und wird Euch wohl zur Mahlzeit ein Schlückchen kredenzen.« Und damit machte er sich auf den Heimweg nach seinem Schloß Malepartus.

Als Rüsteviel den Bären erblickte, lief er sogleich ins Dorf, rief alle Bauern zusammen und sprach: »In meinem Hof hat sich ein Bär gefangen, kommt geschwind mit mir!« Schleunigst folgten ihm alle; ein jeder nahm eine Waffe: der eine eine Heugabel, der andere eine Harke, der dritte einen alten Spieß, der vierte einen Zaunpfahl. Der Pfarrer und der Küster kamen auch herbei. Ja, sogar des Pfarrers alte Köchin wollte dabei nicht fehlen; sie hatte als Waffe ihren Spinnrocken ergriffen, um damit des Bären Fell gehörig zu bearbeiten. Als der arme Braune den Lärm und das Geschrei der vielen Menschen hörte, ward ihm himmelangst zumute. Mit gewaltigem Ruck riß er den Kopf aus der Spalte, doch, o weh! die ganze Haut mit beiden Ohren blieb darin stecken, und das Blut rieselte ihm am Halse herunter. Und noch immer war er an den Pfoten gefesselt. Näher und näher kam das Toben. Da riß er mit größter Kraftanstrengung die Tatzen heraus, doch das Fell blieb im Spalt stecken. Die Füße taten so weh, daß er nicht laufen konnte; da kamen auch schon die Bauern herbei und fielen über ihn her mit Schlägen und Stößen. Auch die Weiber halfen mit, ihm das Fell zu gerben. Der Pfarrer schlug ihn mit einem langen Stabe. Von fern warfen sie mit Steinen. Endlich kam auch noch Rüsteviels Bruder und versetzte ihm einen so wuchtigen Schlag vor den Kopf, daß ihm für einen Augenblick Hören und Sehen verging. Dann aber sprang er rasend vor Schmerz empor und geriet zwischen die Weiber. Diese erschraken gewaltig und sprangen so eilig davon, daß viele in den tiefen Mühlbach stürzten. Da rief der Pfarrer: »Kinder, seht, dort schwimmt Frau Jutte, meine treffliche Köchin! Zwei Tonnen Bier gebe ich zum Besten, wenn ihr sie rettet!« Da liefen alle zum Bache und retteten die Weiber.

Indessen kroch der Bär, halbtot vor Schmerzen, zum Wasser hin, denn er dachte: Lieber den Tod im Wasser erdulden als von den Bauern erschlagen werden. Doch siehe da! Er ertrank nicht, der Strom trug ihn hinweg! Als die Bauern das sahen, riefen sie aus: »O, solche Schande, daß wir den Bären entwischen lassen! Daran sind nur die Frauen schuld, die immer nur stören! Doch komm' nur bald wieder, du Schelm, du hast ja deine Ohren und Handschuhe zum Pfande gelassen!« So folgte dem Schaden auch noch der Spott.

Doch Braun war froh, daß er entkommen war. Er verfluchte den Baum, verfluchte die Bauern, verfluchte aber besonders Reineke, der ihn verraten hatte. Der reißende Strom riß ihn in kurzer Zeit eine Meile hinab. Er kroch ans Land und glaubte bald sterben zu müssen.

Als Reineke den Bären in Rüsteviels Hofe verlassen hatte, war er auf die Hühnerjagd gegangen, aß sich tüchtig satt und lief dann zum Bache, um zu trinken. Dabei sprach er zu sich selbst: »Wie froh bin ich, daß ich es dem Bären mal ordentlich gegeben habe! Er hat jetzt gewiß schon mit Rüsteviels scharfem Beil Bekanntschaft gemacht! Er war von jeher mein Feind! Doch nun ist er tot und wird nicht mehr über mich klagen!« Da hörte er neben sich stöhnen und erblickte den Bären, der matt und blutend im Grase lag.

Da rief Reineke aus: »O Rüsteviel, dummer Wicht, wie konntest du dir die vortreffliche Speise entgehen lassen!« Und höhnisch sprach er zum Bären: »Nun, Oheim Braun, wie hat der Honig gemundet? Habt Ihr vielleicht bei Rüsteviel etwas vergessen? Ich will es ihm melden, daß er es Euch bringe! Ihr habt ihm wohl gar den Honig gestohlen? Oder habt Ihr ihn bezahlt? Lieber Oheim, bei welchem Orden habt Ihr Euer Gelübde getan, daß Ihr ein rotes Barett auf dem Haupte tragt? Oder seid Ihr gar Abt geworden? Der hat Euch gewiß nach den Ohren geschnappt, der Euch die Platte geschoren hat! Auch das Fell von Euren Backen und die Handschuhe habt Ihr verloren!«

Länger konnte Braun die höhnischen Reden nicht ertragen. Er kroch in den Bach, trieb mit dem Strome abwärts und kam an das andere Ufer. Krank und matt lag er da, und traurig sprach er zu sich selber: »Ach, daß mich nur einer tot schlüge! Ich kann kaum von der Stelle und muß noch an den Hof des Königs reisen. Wie wird man mich verspotten, daß ich so arg geschändet bin! Aber Reineke soll es mir büßen!«

Er raffte sich endlich auf, schlich sich mit großer Mühe fort und erreichte am vierten Tage des Königs Schloß.

Als Nobel den Bären so elend und blutend vor sich sah, erschrak er sehr und rief: »Bist du es wirklich, mein teurer Braun? Was ist dir geschehen?«

»Gnädiger Herr König,« erwiderte der Bär, »ich klage Euch mein Leid! Sehet den schändlichen Verrat, den Reineke an mir verübt hat!«