Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika

Part 6

Chapter 63,696 wordsPublic domain

Sie kamen zurück mit der Botschaft, daß nicht nur von dem zweiten Flußpferd nichts zu sehen sei, sondern auch der kopflose Kadaver, den wir nur mit Mühe im knietiefen Wasser fortbewegt und nicht einmal bis ans Ufer gebracht hatten, verschwunden sei. Wir nahmen an, daß es Krokodile gewesen waren, die den unverletzten Körper angeschnitten und dadurch am Auftrieb verhindert und ebenso den kopflosen Kadaver erst durch Abreißen von Stücken leichter gemacht und dann ins tiefere Wasser gezerrt hätten. Am Rikwasee hatte ich häufig die Beobachtung gemacht, daß auf den Grund gesunkene Flußpferde von Krokodilen angeschnitten wurden, ehe sich die Auftriebsgase entwickeln konnten.

Nun, dann hilft weiter nichts, wir mußten weiter. Zwei Mann tragen den jetzt nur noch etwa hundert Pfund schweren Schädel an einer Stange. Das Gebiß ist prächtig (Abb. 11). Die Stoßzähne sind handgelenkstark, und die beiden unteren Hauer reichten mir, als ich sie später herausnehmen konnte, um den Leib, wenn man Wurzel und Spitze zum Ring zusammenlegte.

Gegen zehn Uhr wurde hinten bei den letzten Trägern ein Nashorn (+Diceros bicornis L.+, Abb. 12) hoch. Geräuschvoll wie eine Dampfmaschine pustend, jagte es an der Karawane entlang, lief auf uns bis auf vierzig Meter zu und schwenkte dann links ab, in der Hügellandschaft im hohen Grase verschwindend. Natürlich lagen wieder sämtliche Lasten auf der Erde. Wegen seiner Angriffslust ist es das von den Negern am meisten gefürchtete Tier. Man sieht es dem ruhig weidenden, plumpen Tier gar nicht an, welch behende Geschwindigkeit es entwickeln kann.

Die Hügellandschaft trat jetzt etwas mehr zurück, und das Gras wurde niedriger, so daß das verbreiterte Flußufer Salzsteppencharakter annahm. Gnus (+Connochaetes taurinus Burch.+), Hartebeeste und Zebras traten in kleinen Herden auf, und Rudel von Schwarzfersenantilopen äugten auf uns aus der Ferne. So blieb das Bild einige Tage, die Elefantenwechsel wurden spärlicher, und nur die Flußpferde blieben zahlreich wie zuvor. Ein heftiger Kopfschmerz hatte sich bei mir bemerkbar gemacht, und ein Ziehen im Kreuz und in den Beinen gab mir Gewißheit, daß sich Malaria eingestellt hatte. Unsere Vorräte waren aufgezehrt, wir waren schon am siebenten Tage unterwegs, statt, wie gerechnet, am fünften bis sechsten auf eine Ortschaft zu stoßen. Mein Kaffee war auch zu Ende, ebenso der Brot- und Mehlvorrat, und selbst das Petroleum zu meiner Reiselampe. Nur Reis war für mich noch für eine Mahlzeit vorhanden. Nachmittags nahm ich ein Gramm Chinin und abends ein zweites. Das Fieber ging nicht herunter und blieb auf neununddreißig Grad stehen, ab und zu etwas über vierzig steigend. Nachts erwache ich und nehme halb im Fieberwahn ein drittes Gramm Chinin. Das war auch für meine Pferdenatur etwas zu viel, und am Morgen sah ich die Bescherung, ich hatte mir ein Schwarzwasserfieber zugezogen, das zweite in Afrika, allerdings mit einem Zwischenraum von elf Jahren. Ich versuchte, auf dem Esel zu reiten, nach einer Stunde ging's nicht mehr. Nun heißt zwar bei Schwarzwasserfieber die erste Pflicht, ruhig liegen bleiben, ganz gleich, wo. Meine und meiner Leute Nahrungsmittelverhältnisse zwangen uns aber weiter. Ein paar Schritte machte ich, auf meinen Boy Saleh gestützt -- es ging nicht mehr. Meine Soldaten machten aus meiner Zeltbodendecke eine Hängematte und trugen mich persönlich. Es ging so lange gut, bis das schon mürbe Segeltuch riß. Nun banden sie ihre Schlafdecken als Hängematte an eine Stange, aber bald löste sich auch dort das Gewebe auf, und es blieb nichts anderes übrig, als daß ich mehrere Strickpartien mir um Decke und Stange in kleinen Abständen legen ließ. Fest wie ein Bündel lag ich nun an die Stange angeschnürt. Das durch die Decke gemilderte Einschneiden der Stricke war noch zu ertragen, aber ich konnte mich nicht bewegen und die Tsetsefliegen nicht verjagen, die sich saugend auf Kopf und Gesicht niedergelassen hatten. Ich verlor bei dieser Tour mehrere Plomben aus den Vorderzähnen, wenn ich in Schmerz und Wut in die Decke biß.

Essen mochte ich im Lager nichts. Es gab nur gedörrtes Wasserbockfleisch und abgekochtes lauwarmes Ruahawasser. Von diesem zwang ich so viel in mich hinein, als mir ohne Brechreiz möglich war, um die mit Blut verstopften Nieren wieder zu spülen und arbeiten zu lassen. Einen Mann sandte ich voraus, um mir aus der unmöglich weit entfernten Ortschaft eine Papay (Baummelone) zu holen, koste es was es wolle. Spät am Abend kam er ergebnislos zurück, er brachte aber einen Fischer mit, den er mit zwei anderen Leuten getroffen hatte.

Nun konnte ich mich wenigstens über die Gegend orientieren. Die Ortschaften flußabwärts waren mehrere Tage entfernt, die auf der Karte angegebenen existierten nicht mehr. Ihre Bewohner waren flußabwärts gezogen, weil sie infolge der zahlreichen Elefanten, Nashörner und Flußpferde nie eine ordentliche Ernte einbringen konnten, sondern nur auf Fischfang angewiesen waren, um dann mit der geräucherten Ware spärliche Lebensmittel eintauschen zu können. Viel braucht der Neger nicht, aber dies war ihnen doch zu primitiv, und sie verließen diese Gegend schon lange, wie ich zu meinem Leidwesen hörte.

Die drei Fischer konnten uns keine Lebensmittel ablassen, denn sie hatten selber nichts außer Dörrfischen. Uns war es um Mehl oder Reis zu tun, da Fleisch und Fisch allein den Verdauungsapparat zu sehr anstrengt und auf die Dauer Darmkrankheiten hervorruft. Einer meiner Leute hatte einen wilden Bienenschwarm entdeckt, es war aber nur eine kleine Honigwabe drin von halber Handgröße, die anderen Waben enthielten Brut oder waren so wenig angefüllt, daß der Honig noch nicht herausfloß.

Am nächsten Tage bei den Fischern angekommen, bogen wir vom Ruaha links ab auf das Dorf Hobola zu. Nach sechsstündigem Marsche erreichten wir drei ganz primitive Hütten. Hier erhielt ich einige Stücke Maniok, den ich erst rösten ließ und heißhungrig verzehrte. Endlich am neunten Tage erreichten wir Hobola. Schon von dem Anblick der hübschen Hütten, zwischen denen zahlreiches Federvieh herumlief, kam ich wieder zu Kräften. Bald hatten die Leute gehört, daß wir ein paar Tage gehungert hatten und daß ich schwer krank sei. Sie schleppten in großen Mengen Süßkartoffeln, Maniok, Kürbisse, Zuckerrohr und Eier herbei, und es begann ein Schmausen meiner Leute bis zum nächsten Morgen. Ich selbst leistete auch darin Erhebliches und hielt meinen Koch bis elf Uhr nachts in Atem. Erst ließ ich mir Kürbissuppe machen, dann Süßkartoffeln rösten, dann solche kochen. Zwei große Portionen Rührei genoß ich in den Pausen und kaute dann noch eine Stange Zuckerrohr. Jedenfalls futterte ich mich in dieser einen Nacht völlig zu Kräften.

Neu gestärkt und wie zu neuem Leben erwacht ging es am nächsten Morgen vor Tagesanbruch weiter. Gegen elf Uhr erreichten wir das Dorf Kirengwe an der Straße Kissaki-Mahenge. Hier hatte ich mein Rad stehen lassen, und mit dem Gefühl »nur nach Hause« ließ ich meine Leute Lager machen und setzte mich selbst aufs Rad, um gegen einhalb ein Uhr in Kissaki zu sein.

Jedenfalls war ich der erste Europäer, der diese gänzlich unberührte Gegend durchquert hatte. Unser rasches Vorwärtskommen auf dieser unbewohnten Strecke verdanke ich meinen gut eingeübten Trägern, die mich schon monatelang auf Reisen begleiteten. Heute sind alle Mühseligkeiten vergessen, und gern erinnere ich mich dieser Reise, die mir so reichen Einblick in dieses Stück erhaltenen Dorados der Riesen aus der Urzeit gewährte.

=Flußpferde= (+Hippopotamus amphibius L.+).

Viele Reisende berichten aus Afrika, daß Flußpferde harmlose Tiere wären, die niemand etwas zuleide täten und den Menschen aus dem Wege gingen. Sie verurteilen auch die Jagd auf Flußpferde, erklären den Abschuß für unweidmännisch und möchten die Flußpferde von der Liste der zur Jagd erlaubten Tiere gestrichen wissen.

Ohne Zweifel haben sie teilweise recht. Es gab Leute, die sich Jäger nennen, sich an einen Wassertümpel setzten, in dem sich Flußpferde befanden, und die dann auf eins schossen, worauf die übrigen untertauchten. Vorsichtig kommt wieder ein Kopf aus dem Wasser, um Luft zu schöpfen; puff, wird auch er beschossen, das erste könnte ja nicht tödlich getroffen sein, und so geht's weiter. Am nächsten Morgen schwimmen dann zwanzig und mehr Leichen auf dem Wasser, der Rest ist ausgewandert. Ich spreche hier von häufig vorgekommenen Tatsachen. Solche »Jäger« haben aber gewöhnlich in Afrika zum erstenmal ein Gewehr in der Hand gehabt und halten sich nun für geübt, wenn sie eine Kugel aus dem Lauf lösen und einigermaßen richtig ans Ziel bringen können; Liebe und Interesse für Wild fehlt ihnen; die Natur selbst ist ihnen fremd. Sie gleichen den Engländern, die das Tontaubenschießen von Monaco und Ostende auf das Wild übertragen und mit ihrer Rekordwut die Kreatur zugrunde richten. Durch das neue Jagdgesetz, das für einzelne Bezirke eine Einschränkung vorsah, ist ihnen das Handwerk gelegt worden. --

Die Erlegung von Flußpferden kann dem Jäger aber auch reine weidmännische Freuden bescheren. In den Gebieten, wo sich dieses riesige Wasserschwein mit der Kultur trifft und seines Feldschadens wegen häufig verfolgt wird, werden auch namentlich die älteren Bullen äußerst angriffslustig. Wer an der Wehrhaftigkeit zweifelt, braucht sich nur einmal einen alten Bullenschädel mit seinen gewaltigen Stoßzähnen und Hauern im Unterkiefer genau anzusehen (s. Abb. 11). Wie mancher Neger hat im Rufidji schon seinen Tod gefunden, weil ein bösartiger Bulle ein harmloses Kanu umstieß oder zerbiß. Mancher mir bekannte Europäer geriet durch Flußpferde, ohne daß er sie beschoß, infolge Kenterns seines Bootes in die Gefahr des Ertrinkens oder des Todes durch den Angriff eines Krokodils und wurde nur mit Mühe gerettet.

Aber nicht nur im Wasser können Flußpferde unangenehm werden, wie aus folgendem hervorgeht. Im März 1912 kehrten in Kissaki eines Abends zwei Neger von der Arbeit zurück. Es war gegen neun Uhr und ziemlich dunkel, wie meist in der Regenzeit. Kurz vor ihrem Dorfe sahen sie ein großes schwarzes Tier an der Straße stehen. Der eine der Männer klopft mit dem Stiele seiner Hacke an einen Baum, und im Augenblick werden beide angegriffen. Der eine entkommt, der zweite fällt auf dem schlüpfrigen Boden hin und streckt die Beine in die Luft. Schon hat ihn das Flußpferd erreicht und zermalmt ihm gänzlich den Unterschenkel. Es wurde erst durch das Geschrei der Dorfbewohner vertrieben. Da alle Wege tief voll Wasser standen, war eine Verfolgung durch Aufnahme der Fährte am nächsten Morgen ausgeschlossen.

Beim zweiten Falle erschien im Juli desselben Jahres ein alter Bulle mittags um 12 Uhr in einem Dorfe. Die Leute hörten das Laufen und glaubten, ein Europäer sei geritten gekommen. Als sie zu seiner Begrüßung aus ihren Hütten heraustraten, sahen sie ein Flußpferd laufen. Eine alte, schwerfällige Frau lief ihm in den Weg und erhielt einen solchen Hieb mit den Hauern, daß die Rippenpartie der linken Seite samt den Rippenknochen aufgerissen wurde.

Da ich dringend verreisen mußte, hatte ich selbst keine Zeit, die Verfolgung aufzunehmen, und schickte deshalb fünf Leute mit Gewehren ab, um das bösartige Tier, das sich seit längerem eine halbe Stunde abseits des Flusses in den Maisfeldern aufhielt, deren Hüter angriff und nur schwer zu verjagen war, unschädlich machen zu lassen. Angeblich hatten es die Leute beschossen. Es habe auch schwer vom Blatt geschweißt, trotzdem sei es entkommen. Den Mgetafluß habe es durchschwommen und sich stets auf dem trocknen Lande in Sicherheit zu bringen gesucht. Ich konnte diese Behauptungen wegen meiner dazwischenliegenden Abwesenheit nicht nachprüfen. Einige Zeit später, als das Flußpferd wieder gemeldet wurde, brachte es der Baumeister S., der die Station Kissaki baute, zur Strecke.

+a.+ ~Die Jagd der Eingeborenen auf Flußpferde auf dem Njassasee.~

Häufig hatte ich am Njassastrand in den frühen Morgenstunden oder auch am Tage, wenn der See wellenlos lag, die Umrisse der der Flußpferdjagd obliegenden Wakissi beobachtet. In Kanus, die sechs bis acht Leute fassen, stand am Bug der Harpunier mit der Harpune, die stets auf dem nach oben ausgestreckten Arm wagerecht gehalten wird. Immer folgte ein Kanu ohne Harpunier. Nie waren es aber mehr als zwei Kanus, die gemeinsam fuhren. Vom Land aus gelang es mir nicht, den Augenblick des Harpunierens zu erspähen, wohl aber sah ich mehrmals die Leute mit ihrer Beute im Schlepptau heimkehren und diese im seichten Wasser zerlegen.

Ende des Jahres 1902 konnte ich die Angst des Wakissihäuptlings Mandemera, daß mir ein Unfall zustieße und er dann dafür verantwortlich gemacht würde, besiegen und ihn breitschlagen, mich auf solche eigentümliche Jagd mitzunehmen.

Zunächst will ich kurz die Ausrüstung beschreiben. Die beiden Kanus boten Platz für vier bis sechs Personen, trugen aber im Notfall das Doppelte. Es waren ausgehöhlte Baumstämme, deren Öffnung oben breit genug war, daß ich, ohne mich seitwärts zu drehen, im Niedersitzen meine Hüften hineinbrachte.

Zu jedem Boot gehörten vier Mann mit dem am Njassa gebräuchlichen kurzstieligen Paddelruder (s. Abb. 13, rechts) mit lanzettlichem Blatt, das, ohne am Bootsrand aufgelegt zu werden, mit beiden Armen gehandhabt wird. Die Ruderer sitzen am Boden des Bootes mit vorgestreckten Beinen und bewegen nur den Oberkörper beim Rudern.

Die Harpune (s. Abb. 13, links) ist ein am Blatte oval geschmiedetes und haarscharf geschliffenes Eisen von 6 cm Länge und 4 cm Breite. Oberhalb des Blattes steht als Widerhaken ein eiserner Dorn von der Dicke und Länge eines kleinen Fingers, dann folgt eine mit einer Öse versehene Lasche. In dieser ist eine aus Hanffaser festgeflochtene Leine gut verknüpft. In die Lasche wird locker ein aus hartem, zähem Holz gearbeiteter, fünf Meter langer Schaft gesteckt, an dem die Harpune durch die an der Öse befestigte Leine festgezogen wird. Bei Lockerung der Leine trennt sich die Harpune sofort vom Schaft. Der Schaft von Handgelenkstärke wird durch monatelanges Liegen im Schlamm mit mehrmaligem Erhitzen über Feuer besonders schwer und wuchtig gemacht und wiegt dann gebrauchsfähig fünfunddreißig bis vierzig Pfund. Man muß die Harpunenführer bewundern, daß sie stundenlang dieses Gewicht auf dem erhobenen Arm balanzieren können. Die oben erwähnte Leine ist sechzig bis siebzig Meter lang und liegt sauber aufgerollt hinter dem Harpunenträger. Eine zweite ist zur Reserve vorhanden. Dann kommen auf jedes Boot noch zwei Dutzend starke Speere mit 30 Zentimeter langem, dreieinhalb bis vier Zentimeter breitem Blatt. Die Speere sind mit Blatt etwa 1,6 m lang.

An einem windstillen Morgen fuhren wir bei der ersten Dämmerung ab. Östlich von uns sah und hörte man schwach einige Flußpferde, die, aus der Lufiriomündung kommend, langsam in den offenen See zogen. Ich befand mich im Boot beim Harpunenträger -- dem Häuptling Mandemera selbst -- und hatte, weil ich von dieser Art Jagd noch nichts verstand und daher sonst passiv bleiben wollte, die Beaufsichtigung der Leine übernommen, um möglichst genau vom Bug aus beobachten zu können. Ich hatte bis auf Hut, Hemd und Hose alles abgelegt, um gegebenenfalls im Schwimmen nicht behindert zu sein, falls das Boot zum Kentern kam, was häufig vorkommen sollte. Außer uns beiden trug das Boot vier Ruderer. Das zweite Boot war ebenfalls mit vier Ruderern bemannt und trug noch einen Mann und einen Jungen. Jener sollte speeren, der Junge ihm Ersatzspeere reichen.

Klar grün schimmerte das Njassawasser. Es war so durchsichtig, daß man am Bug, ohne verzerrte Bilder zu bekommen, auf dem Sandboden jedes Steinchen schimmern und jeden Fisch schwimmen sah. Der See mochte fünf Meter tief sein, wie ich mich belehren ließ. Mandemera bestimmte die Tiefe nach der Farbe des Wassers. In einem Kilometer Abstand von den Flußpferden fuhren wir zunächst zu diesen parallel. Dann wurde ein Bogen geschlagen, der die Tiere zwischen uns und das Land brachte. Da sich auch die Flußpferde gleichzeitig vom Ufer entfernten, waren wir etwa 6 Kilometer weit draußen im See. Nun warteten wir mit eingezogenen Rudern. Oft war von den Flußpferden nichts zu sehen. Sie schwammen unter Wasser; näher und näher kamen sie. Erst sah man eine Fontäne zerstäubten Wassers aufsteigen, dann erst hörte man den prustenden Ton, der durch das Ausstoßen der Luft verursacht wird. Auf 150 Meter waren sie jetzt an uns herangekommen. Es war 7 Uhr morgens. Nun suchten sie seitlich auszubiegen, da sie wohl die feindliche Absicht witterten. Unsere Ruderer traten in Tätigkeit, und Mandemera stellte sich in Positur, wie ich sie so häufig vom Land aus beobachtet hatte. Das zweite Boot fuhr in drei Meter Abstand eine halbe Bootslänge hinter uns. Nun waren wir heran. Zehn Meter vor uns tauchte der Wassersprudel auf. Dann hob sich das Tier mit halbem Körper aus dem Wasser und versank lautlos. Es waren vier Flußpferde. Mandemera hatte es auf das letzte abgesehen. Er schien es unter Wasser genau im Auge zu haben, ich konnte nichts sehen, da ich saß. Da tauchte vor uns in fünf Meter Entfernung die Nase auf und war auch schon wieder unter Wasser.

Jetzt sah auch ich das Tier unter Wasser. Ganz rosig durchscheinend schimmert seine Haut, ganz verschieden von dem sonstigen bräunlichen Ton. Nun tauchte es zwei Meter seitwärts vor uns auf, sofort wendeten unsere Boote. Wieder schwamm es unter uns. Es schien mir greifbar nahe. Mandemera sagte, ohne seine Stellung zu verändern, es schwimmt zu tief. Wohl eine Stunde folgten wir dem Flußpferd und bewegten uns kreuz und quer fahrend dem Lande zu. Wir waren nur noch etwa vier Kilometer vom Strand entfernt und die anderen Flußpferde weit draußen im See. Mandemera sagte mir, ich stoße nur, wenn es nach [Illustration: Abb. 14. Flußpferdjagd der Eingeborenen auf dem Njassasee. (Nach Skizze des Verfassers gez. von M. Zimmer.)]

oben schwimmt, um Luft zu holen. Dies geschah alle drei bis fünf Minuten. Wie mir schien, verpaßte der Häuptling gute Momente. Plötzlich sah ich, wie Mandemera die Spitze der Harpune langsam senkte. »Gib auf die Leine acht!« rief er mir zu. Das Flußpferd tauchte auf, wieder hatte er nicht gestoßen, und ich fing an, ungeduldig zu werden. Jetzt erhob er sich auf den Zehen, und die Harpune mit beiden Händen fassend stieß er zu (Abb. 14). Ich spähte über den Rand und sah, wie sich das Flußpferd im Wasser überschlug. Indem ich hastig die Leine abwarf, sah ich, wie Mandemera jetzt den harpunenlosen Schaft in der Rechten hielt und durch die Linke die Leine gleiten ließ. Halb links waren wir über das Flußpferd hinweggefahren. Jetzt tauchte es auf, etwa 10 Meter rechts von uns, seine Wasserfontäne war hellrot vom Schweiß. Rückwärts fahrend hatte Mandemera den Harpunenschaft abgelegt und ließ sich von mir einen Speer reichen. Ungefähr zwei Drittel der Leine waren abgelassen. Mandemera faßte sie jetzt straff und sagte zu mir »festhalten«; schon merkte ich das Reißen des flüchtenden Tieres. Ich spreizte meine Knie, um fest im Boot zu sitzen, und ließ die Leine am Bootsschnabel aufliegen. Tief neigte sich dieser nach dem Wasser; obwohl die Ruderer Gegengewicht gaben, nahmen wir doch Wasser über, das ein Mann eilig mit einem halben Flaschenkürbis ausschöpfte. Vierhundert Meter hatten wir so in schneller Fahrt, vom Flußpferd gezogen, zurückgelegt, das zweite Kanu hielt sich an unserem Boote fest. Mandemera und ich hatten scharf zu halten, weil wir die Last beider Boote schleppten.

Plötzlich wird die Leine schlaff und, den ganzen Kopf außer Wasser, kommt das Flußpferd laut brüllend auf uns zu. Mir wurde beklommen zumute. Mandemera ging wieder an die Spitze des Bootes, und die Ruderer ruderten mit Kraft rückwärts. Jetzt ist das Tier so nahe, daß ich im Geiste schon unser Boot splittern sehe. Da hat es Mandemeras Speer im Rachen, es schüttelt wütend den Kopf und beißt zu, der Speerschaft zersplittert. Rasch reiche ich Mandemera den bereitgehaltenen zweiten Speer. Er kommt aber nicht mehr zum Stoßen, denn das zweite Kanu kam heran, und blitzschnell hatte sein Speerträger zweimal zugestoßen. Das Flußpferd warf sich hintenüber, etwa wie der Stier den Kopf hochwirft, auf den Schmerz reagierend, wenn er die erhoben gehaltenen Banderillos in den Nacken empfängt, so daß der Torero Zeit hat, zu entfliehen. Schon ist es wieder an der Oberfläche. Die Ruderer leisten Fabelhaftes im schnellen Wenden und Vor- und Rückwärtsfahren. Blutiger Schaum breitet sich auf dem Wasser. Mehrmals noch haben die Speerhalter beider Boote Gelegenheit, zuzustechen, die Bewegungen des Tieres werden matter, die Speerstiche bei jedem Auftauchen häufiger und tiefer. Jetzt ist das Flußpferd wieder oben, es liegt halb auf der Seite. Mandemera sticht so heftig zu hinters Blatt, daß er ins Wasser springen muß, der Speer bleibt stecken. Noch einmal bäumt das Tier auf, uns mit flockigem Schweiß übersprühend, dann sinkt es langsam weg. An der Leine wird es bis an die Oberfläche geholt und noch ein Strick an sein Bein gebunden. Dann werden beide Stricke am Boot festgemacht. Das andere Boot legt sich uns vor. Mandemera und ich halten es mit den Händen fest und, das Flußpferd im Schlepptau, geht's dem Lande zu. Gegen elf Uhr hatten wir wieder Boden unter den Füßen. Die Beute lag drei Meter vom Strand entfernt im See, weil wir sie im seichten Wasser nicht weiterziehen konnten. Es war ein junger Bulle. Das ganze Dorf hatte sich schon versammelt mit Messern und Körben, um das Fleisch abzuholen. Ich sah mir zunächst die Speerstiche an, die zehn Zentimeter breit waren. Vergeblich versuchte ich, einen Speer durch die Haut zu stoßen. Sie federte wie Gummi, und zum Schluß hatte ich das Blatt ganz verbogen. Es scheint bei der Anwendung dieser Waffe, die ich in ihrer Weichheit mit den Händen fast wieder gerade biegen konnte, mehr Geschicklichkeit als Kraft nötig zu sein. Dann ließ ich mir die Harpune herausschneiden, um zu sehen, wie sie saß. Fünfzig Zentimeter weit war sie seitlich in den Nacken gedrungen und hing mit dem Widerhaken am Kehlkopf. Vor dem Zerlegen ging ich nach Hause. Meine Nerven erschlafften stark nach der aufregenden Anspannung, und ich habe auch keine weitere Mitwirkung an derartiger Jagd angestrebt, obwohl sich mir späterhin mehrfach Gelegenheit bot, d. h. die Leute keine Angst mehr hatten, mich mitzunehmen, da diesmal die Sache gut abgelaufen war. Ein Gewehr hatte ich deshalb nicht mit ins Boot genommen, weil ich zu damaliger Zeit nur ~eine~ gute Waffe besaß, die ich nicht verlieren wollte, falls das Boot kenterte, wie mir vorher ausgemalt wurde. Sonst hätte ich dem Tier bald den Fangschuß gegeben, nachdem es an der Harpune saß -- es hat eben nicht jeder eine Negernatur --, Gelegenheit hätte ich dazu gehabt.

+b.+ ~Flußpferde im Rikwasee.~

Gegen Ende des Jahres 1907 hielt ich mich einige Wochen am Rikwasee (Abb. 1) auf. Die Gegend ist recht spärlich bewohnt, wegen der sehr geringen Regenfälle unfruchtbar und sehr, sehr heiß. Groß ist dagegen der Wildreichtum, und in den Mittagsstunden ist stellenweise nichts zu sehen vor dem Staub der sich wälzenden Zebras und der herumgaloppierenden Hartebeeste, denen das Brackwasser des Sees und das Gras der Salzsteppen so vorzüglich bekommt, daß ich nie wieder Tiere in solchem Ernährungszustande sah wie dort. Das Wasser ist belebt von Scharen von Watvögeln. Rosa und weißen Wolken gleich fliegen unzählige Flamingos und Pelikane über das Wasser, das großen Fischreichtum -- allerdings vorwiegend wenig schmackhafte Welse -- beherbergt und außerordentlich viel Schildkröten und Krokodilen zum Aufenthalt dient.