Raubwild und Dickhäuter in Deutsch-Ostafrika
Part 5
Ein kleines Bachbett, das zurzeit trocken war, hatte Flußpferden zum Ausstieg an das höhere Flußufer gedient; der Wechsel war aber schon älteren Datums und die Losung prasseldürr. Wir folgten dem Bachbett aufwärts und sahen etwa dreißig Stück nur männliche Wasserböcke. Um sie dem Lager noch näher zu treiben, gingen wir, bis sie Wind bekamen. Es war mehr eine Spielerei von mir, aber der Versuch glückte. Durch langsames Nachgehen trieben wir sie bis auf hundert Meter aufs Lager zu. Plötzlich stutzten sie vor den Brennholz holenden Negern, und ich nahm auf neunzig Meter den stärksten Bock aufs Korn und ließ fliegen. Mit gesenktem Äser (Maul) ging er noch einige taumelnde Schritte näher zum Zelt und lag dann mit gutem Lungenschuß. Leider war er genau so mager, als die tagsüber gesichteten. Den Negern ist das ja ganz gleichgültig, meinen Appetit schärfte das kränkliche Aussehen jedoch nicht, und ich verzichtete auf den Genuß.
Nun, da die Leute ihren Willen, d. h. Fleisch zu ihrer Polenta hatten, gab ich mich der Ruhe hin. Schöner lockerer Sand am Ufer lockte zum Niederlegen, und die am Uferrand stehenden wilden Feigenbäume dämpften das noch immer grelle Sonnenlicht. Einige meiner Leute kamen zum Wasser, das einen klaren Tümpel von etwa Hektargröße bildete, und spülten die Därme des Wasserbockes, um sich diese Delikatesse mundgerecht zu machen. Wäre kein Wasser in der Nähe gewesen, so wäre es auch gegangen, indem die Därme einfach umgedreht und mit der Hand abgestreift worden wären.
Während ich den Leuten so zusehe, fällt mir auf dem Wasserspiegel in der Nähe der Spülstelle auf, daß kleine, aus dem Wasser ragende Zweige hin und her schwimmen, untertauchen und wiederkommen, so daß ein mechanisches Bewegen durchs Wasser ausgeschlossen erscheint. Ich rufe die Leute an, was das wäre, und erhalte die Antwort: +cambale mingi sana+ -- sehr viele Welse.
Na gut! Fisch hatten wir längere Zeit nicht gehabt, und wenn sie so gierig waren, wie die vor uns, so versprach das einen leichten Fang. Von einer Wasserbockkeule ließ ich das Fleisch abschneiden, band dann den Knochen an einen Strick, diesen an eine Baumwurzel und schnitzte mir dann einen Stiel zu meiner Hechtgabel, die ich noch aus meiner Jugendzeit besitze.
So, nun noch einen Nagel durchgetrieben, daß die Öse fest am Stock sitzt, und die Sache kann losgehen. Schon von weitem sehe ich, daß der Köder gut angenommen war. Der Strick wurde hin und her gezerrt, und einzelne Rücken schoben sich aus dem plätschernden Wasser. Vorsichtig ging ich näher. Es waren mächtige Kerle dabei, deren Bart über Bleistiftstärke Dicke hatte. Ich suchte mir einen mittleren von 1 Meter Länge aus und hatte ihn an der Gabel, die ich aber fest an den Grund drücken mußte, damit er sich nicht losriß. Ich schickte einen Mann ins Wasser, der untergreifen mußte, und mit gleichzeitigem Schwunge lag der Wels hilflos im losen Sande. Die anderen Welse nahmen keine Notiz von uns, sie mußten im Tümpel wohl nicht mehr allzuviel finden und waren deshalb so gierig, daß sie auf nichts mehr acht gaben. Die Gabel kam nun noch ein paarmal zur Anwendung, dann nahmen der mir helfende Mann und dazugekommene andere Träger einfach die Hände und warfen Fisch auf Fisch in den Sand, bis ich sagte: »Jetzt sind's genug!« Bald waren alle Fische kopflos und wegen ihrer Dicke der Länge nach halbiert; auf Stäbe gespießt und ums Feuer gesteckt, begannen sie ihren Räucher- oder vielmehr Dörrprozeß, für meine Nase allerdings kein idealer Genuß. Ist man aber erst über ein Jahrzehnt in Afrika, d. h. wirklich darin und nicht nur an der Küste und in Orten der Bahnlinie, dann ist die Nase auch an mancherlei Düfte gewöhnt, ohne ihrem Träger Übelkeit und Brechreiz zu verursachen, wie so oft im Anfang. Am nächsten Morgen waren so viele getrocknete Fische vorhanden, daß, nachdem sich jeder Träger die Menge auf seine Last geschnürt hatte, die er noch gerade zu tragen vermochte, neben dem Rest des Wasserbockfleisches noch zwei Traglasten übrig blieben, die die in Kidoti mitgenommenen Mehlträger auf ihrem Rückwege mit nach Hause nehmen wollten; sie verschnürten sie deshalb sorgsam in Borassusblätter und hingen sie zum Schutze gegen Hyänen drei Meter über der Erde an einem Baum auf.
Frisch und fröhlich marschierte die Karawane dann an dem noch kühlen Morgen weiter. Viel Gelände gewannen wir nicht auf unserem Wege, denn Gestrüpp und hohes Gras zwangen uns, nur Elefantenwechsel zu benutzen, die außerdem nicht gerade in der gewünschten Richtung führen. Man muß daher oft Leute nach rechts gehen lassen, um festzustellen, ob wir uns auch parallel am Fluß halten. Diese Wechsel sind zwar, wenn weniger benutzt, am Boden in achtzig Zentimeter- bis Meterbreite gut glattgetreten, aber von der Seite ragen Dornenzweige herein, und von oben hängen armdicke Schlingpflanzen herunter, um die sich der Elefant zwar wenig kümmert, da er sie einfach beiseite drückt oder zerreißt, die aber den Trägern mit der Last auf dem Kopfe äußerst hinderlich sind, namentlich wenn die Last sperrig ist, wie das beim Zelttisch, dem Feldbett und den Zeltlasten der Fall ist. Mühsam müssen die Vordermänner dann mit dem Buschmesser Luft schaffen, was die Leute recht ermüdet. Damit ich zu allererst die Natur immer frisch vorgesetzt bekomme, gehe ich mit meinem Boy Saleh und einem alten Jagdbegleiter -- Mohamadi Kungulio -- der früher berufsmäßiger Elefantenjäger war, fünfhundert Meter voraus.
Wir warten nun und wollen die Karawane aufmarschieren lassen und dann den Leuten etwas Rast gönnen. Wir warten, warten, warten -- nichts kommt. Endlich wird mir's zu bunt, und ich lasse Saleh laut rufen. Nach dem zweiten »Huiiiii« zupft mich Mohamadi Kungulio am Ärmel -- +tembo kule, na kule, na kule+ -- Elefanten dort und dort und dort, die Richtung mit dem zur Schnute geformten Mund angebend. Da höre ich auch schon meine Leute hinter mir aufschreien und für eine halbe Minute kracht's und prasselt's im Wald und Gebüsch, als ob ein Zyklon hindurchbrauste. Ich selbst sah für kurze Augenblicke vier Elefanten, die mit den Ohren schlugen und im Laufen den Rüssel nach allen Richtungen in die Luft warfen, um zu winden. Zwei kamen auf uns zu, zwanzig Meter in der Breite getrennt; wir blieben ruhig stehen, ohne uns zu rühren, und sie schlürften weiter auf die Karawane zu, ohne Notiz von uns zu nehmen. Wir steckten rasch das trockene Gras in Brand, um sie durch den Brandgeruch weiterzuvertreiben, und gingen dann zurück zu den Trägern. Hier lagen meine Lasten am Boden, von den Leuten keine Spur; erst nach mehrmaligem Rufen kommen einige zaghaft hinter Stämmen hervor oder von Bäumen herunter. Zu Schaden ist keiner gekommen, nur meine Lasten werden durchs Hinwerfen etwas beschädigt sein. Nun lachen die Leute sich gegenseitig aus wegen der überstandenen Angst. Die vordersten hatten drei Elefanten schlafend stehen sehen; nach der Beschreibung der Leute mußten wir auf sechs Meter an ihnen vorbeigegangen sein, hatten aber nichts gemerkt. In Angst hatten sich die Leute nicht weiter vorgewagt, sondern waren mit der Last auf dem Kopfe stehen geblieben und hatten erst nach dem »Huiiiii« die Lasten weggeworfen und waren ausgerückt, als einer der aus der Ruhe gestörten Elefanten die Richtung auf sie zu nahm. Es mögen insgesamt etwa dreißig Elefanten gewesen sein, die sich lang auseinandergezogen zur Ruhe untergestellt hatten.
Daß wir vorbeigingen, ohne die drei Elefanten zu bemerken, ist nichts Verwunderliches. Im dichten Blätter- und Astgewirr, aus dem nur Teile der Tiere sichtbar sind, läuft man sehr leicht vorbei; die Säulen (Beine) dieser großen Dickhäuter sehen Baumstämmen täuschend ähnlich, und oft hat die vorzügliche Mimikry (Anpassung an die Umgebung) meine nicht gerade schlechten Jägeraugen getäuscht, wenn ich auf frischer Elefantenfährte pirschte, und nicht, wie heute, Routen aufnehmend und nur beobachtend meines Weges zog.
Erzählte doch ein Spaßvogel, er habe einen Büffel vor sich gehabt, und zum sicheren Schuß an einem Stamme angestrichen[5]; nach dem Schuß wäre der Büffel davongelaufen, sein Stamm aber auch, und erst jetzt habe er gemerkt, daß er eine Elefantensäule für einen Stamm angesprochen habe.
Ist dies auch etwas toll geflunkert, so habe ich, wie viele Elefantenjäger, doch oft über eine Viertelstunde neben einem Elefanten gestanden, auf den ich achtlos gelaufen war, weil ich einen anderen, entfernteren schießen wollte, der nicht günstig stand. Solange der Elefant nicht Wind bekommt, reagiert er nur schwach durchs Gesicht und achtet auf Geräusche, die durch Gehen oder Brechen im Busch verursacht werden, recht wenig.
Nach dem überstandenen Schrecken ging es wieder weiter. Um ähnlichen Überraschungen vorzubeugen, zündete ich immer vorn das Gras an, womit ich gleichzeitig meinen folgenden Trägern das Zeichen gab, wie weit ich voraus sei, da sie an der Ausbreitung des Feuers merken konnten, wie lange es schon brannte.
Wir überschritten jetzt ständig Flußpferdpfade, die alle frisch begangen waren. Einem Pfad, auf dem die Losung noch so frisch war, daß sie noch Luftbläschen enthielt, folgte ich bis zum Wasser. Schon nach hundert Metern stand ich vor dem Ruaha, der sich hier durch eingelagerte Felsbänke seenartig erweiterte, d. h. er füllte trotz der Trockenheit das ganze Flußbett aus. Ein wunderbares Bild hatte ich, als ich den Wasserspiegel überblicken konnte. Mir gegenüber in fünfzig Meter Entfernung lagerten im seichten Wasser mehrere Flußpferde (+Hippopotamus amphibius L.+, s. Abb. 10). Einzelne stiegen auf den Steinklippen umher, den ganzen Körper außerhalb des Wassers, und balanzierten trotz des massigen Körpers geschickt auf den schmalen Stützpunkten herum. Andere jagten sich im neckischen Spiel im Wasser, und zwei junge Bullen probierten gegenseitig ihre Stoßzähne, indem sie Lippen gegen Lippen stießen. Fast sah es so aus, als ob diese massigen Mäuler sich zum Kusse berührten. Man hörte aber deutlich das Aneinanderklirren der Stoßzähne, die im Maul verborgen lagen, und konnte sich einen Begriff davon machen, wie es später im blutigen Ernst zuginge. Ein auf einer Sandbank liegender alter Bulle ließ deutlich erkennen, daß auch die dickste Schwarte Risse bekommen kann; in allen Richtungen war seine Rückenpartie vom Kampfe zerhackt, teils alt und weißlich verharscht, teils neueren Datums, an der rosigen Farbe erkennbar. Insgesamt mochten es mehr als vierzig Flußpferde gewesen sein, die da beisammen waren. Sie nahmen kaum Notiz von mir. Auf mein lautes Händeklatschen antwortete nur der alte Bulle durch tiefes Rohren, bemühte sich jedoch nicht aus seiner bequemen Lage. Von der anderen Gesellschaft hoben nur einige die Köpfe, schüttelten die kleinen Lauscher und pflegten dann weiter der Ruhe. Lange konnte ich mich nicht von dem Bilde trennen, aber ich war noch nicht am Ende meines heutigen Marschzieles. Drei Stunden wenigstens wollte ich noch weiter gehen.
Alle Viertelstunden stießen wir jetzt am Lande auf schlafende Flußpferde, die wir hoch machten, damit sie unter der nachfolgenden Karawane keine Verwirrung anrichten konnten. Eilig trotteten sie dem Flusse zu. Auf einen jungen Bullen waren wir bis auf 1 Meter aufgelaufen, ohne ihn im Grase zu sehen. Schießen wollte ich nicht, da ich mir nur einen alten Bullenschädel mitnehmen wollte und die Tiere hier fern von allen Anpflanzungen keinen Schaden anrichten können. Anfangs glaubte ich, er schliefe. Als ich aber eine kleine Seitenwendung machte, bewegte er seine Lauscher und drehte seine Lichter so nach mir, daß ich den blutunterlaufenen Augapfel sah. Ich winkte meinen beiden Leuten mit den Augen und wollte mich vorsichtig zurückziehen und ihn erst dann hoch machen. Ganz sympathisch war mir seine große Nähe nicht. Sowie ich den linken Fuß hinten aufgesetzt hatte und den Körper nachzog, sprang er auf, warf sich nach mir herum, und mit knapper Not entging ich durch einen Seitensprung einem nach mir geführten Stoß; dann raste er auf meine beiden Begleiter zu, ohne jedoch Notiz von ihnen zu nehmen, als sie durch einen hastigen Satz aus seiner Fahrtrichtung flüchteten. Saleh wollte mir und Mohamadi Kungulio die Hand schütteln zur Beglückwünschung nach überstandener Gefahr. Mohamadi als alter Elefantenjäger lachte ihn aber aus und meinte wegwerfend: »Hm, ein Flußpferd ist kein Nashorn,« womit er ja schließlich recht hat im zweifachen Sinne seiner Worte.
Wir kamen jetzt an einen versumpften Flußlauf, der von links auf den Ruaha zu führte. Dicht war der Sumpf mit Nymphazeen bewachsen, auf deren schwimmenden Blättern braune und schwarze Blätterhühnchen (+Phyllopezus africanus Gmel.+) trippelten. Bei unserer Annäherung fingen sie an zu gurren, und dieser gurrende Ton setzte sich über den ganzen Sumpf fort. Zahlreiche Dickhäuter mußten hindurchgewechselt sein, denn nach allen Richtungen konnte man die Linien der im Gehen umgewendeten Nymphazeen sehen, deren rotbraune Unterseite sich deutlich vom übrigen Grün abhob. Hellgrüne Flecken bildeten die Fanna-Rosetten dazwischen. In der Mitte standen zwei Nimmersatte (+Pseudotantalus ibis Linn.+) auf einem Ständer und putzten sich das Gefieder. Weiter unten nach dem Fluß zu sah ich einige weiße Vögel, konnte aber auch durchs Glas nicht bestimmen, ob ich Reiher oder Löffelgänse vor mir hatte.
Um die Fährten am Rande des Sumpfes zu lesen, beschloß ich, ihn zu umgehen. Ich hatte dabei die Nebenabsicht, falls die weißen Vögel Reiher wären und Schmuckfedern trügen, einen bis zwei zu erlegen.
An Fährten stellte ich fest: drei afrikanische (Spitz-)Nashörner (+Diceros bicornis L.+, s. Abb. 12), dann Flußpferde, Elefanten, Wasserböcke und Zebras sowie einen starken Löwen. Es waren wirklich Reiher (+Herodias alba Linn.+), wie ich auf hundertfünfzig Meter ausmachen konnte. Beim Näherkommen sah ich durchs Glas, daß nur einer gute Federn hatte, d. h. diese ragten über den Stoß als vom Wasser zusammengeklebtes Schwänzchen. Auf einem Flußpferdwechsel, der durchs Gebüsch führte, kam ich ungefähr auf vierzig Meter heran und holte mir den Federträger mit einem Schuß meines kleinen 6 mm-Bayardkarabiners, der, rauchlos beschossen, nur sehr schwach knallt. Mein Vogel schwamm sofort auf dem Wasser, und die anderen lüfteten nur etwas die Flügel. Mit dieser Beute war ich sehr zufrieden. Die Federn waren zwar durch das Schleifen im Schlamm an den Spitzen braungrau gebeizt, bei den trockenen Federn war aber nichts davon zu merken.
Ich stieß wieder zu meiner Karawane, die sich inzwischen ausgeruht hatte, und wir setzten den Weitermarsch fort. Bei Durchquerung eines Dickichts, das wenig Ausblick gewährte, schreckte uns plötzlich ein in allernächster Nähe ausgestoßener fauchender Grunzton. »Mbuisi«, wilde Hunde (Hyänenhunde), sagte Mohamadi. Ich bückte mich möglichst tief und sah zwei Löwen von merkwürdig dunkler, ins Braune gehender Farbe, mit dunkelbraunem Kopf, mähnenlos und nur halb so groß als ausgewachsene Löwen, weshalb ich sie für junge Tiere hielt. Mohamadi und Saleh hatten sechs Stück gezählt, und jener erklärte mir, daß es sich um »Buschlöwen« handelte, die nicht größer würden und stets in Rudeln jagten. Sie griffen Menschen niemals aus freien Stücken an, kämen auch niemals in die Nähe der Dörfer. Sobald jedoch einer von ihnen angeschossen wäre, gingen alle solidarisch zum Angriff über.
Vor sechs Monaten hatte mir Pater Jäckel von der Missionsstation Tununguo, ein sehr eifriger Jäger, erzählt, daß er einen solchen kleinen Löwen geschossen hätte, drei andere seien darauf geflüchtet. Ich hielt damals Pater Jäckels Beute für einen jungen Löwen, da ich mir einbildete, alles größere deutsch-ostafrikanische Wild aus eigener Anschauung zu kennen, und sah nun, daß ich mich getäuscht hatte. Leider habe ich auch späterhin keinen dieser kleinen, kaum bekannten und bisher unbeschriebenen Löwenart wieder zu Gesicht oder gar zum Schuß bekommen.
Die überall im Grase liegenden Flußpferde wurden uns bald äußerst lästig; da sie in so großer Anzahl herumlagen, erlosch mein Interesse für sie. Einige Male folgte ich noch ihren Pfaden bis zum Wasser und sah dann stets Flußufer und Sandbänke von ihnen bevölkert. Ich habe auf dieser Reise mindestens tausend Stück gesehen; da ich nur ab und zu Ausblick auf den Fluß hatte und dort stets eine größere Anzahl -- zwanzig bis vierzig -- sichtete, muß die wirkliche Menge ganz gewaltig sein. Kein Mensch hatte sie hier gestört, und andere Feinde gibt es wohl kaum für sie, da sie mit ihren Mitbewohnern des Wassers, den Krokodilen, friedlich auszukommen scheinen. Es mag höchstens ab und zu einmal ein Löwe ein junges Flußpferd schlagen.
Auf einer Insel, die zurzeit mit der Landseite trockene Verbindung hatte, schlug ich das Lager auf. Ich hatte von hier aus Ausblick auf stark benutzte Tränkstellen an beiden Flußufern. Der Ruaha floß hier in nur vierzig Meter breiter Rinne in reinem Sandbett. Außer einigen großen Bäumen, die mir Schatten gewährten, war die Hälfte der Insel mit dichtem, hohem Schilfrohr bestanden. In dem trockenen Teil des Flußbetts waren zahlreiche, zum Teil tiefe Tümpel, die von sehr mannigfacher Vogelwelt bevölkert waren. Ich sah hier die ersten jungen Nilgänse (+Alopochen aegyptiacus Linn.+), die noch nicht flügge waren.
Gern hätte ich mir einige davon gefangen, da sie im Geflügelhof ganz zahm werden und auch späterhin nicht fortfliegen. Wir plagten uns aber bis Sonnenuntergang vergeblich. Sie hielten sich immer in der Nähe des Wassers und ließen sich durch keine List davon abschneiden. Auf dem Wasser aber war alle Mühe aussichtslos; sie tauchten so geschickt und kamen zwischen schwimmenden Blättern und Ästen unbemerkt wieder an die Oberfläche, wo man sie erst nach längerem Umherstreifen wieder entdeckte.
Als ich noch bei Tageslicht -- um die durch das Lampenlicht herbeigelockten Insekten nicht ständig aus Suppe und Fleischtunke herauslesen zu müssen -- meine Mahlzeit einnahm, die sich, wie stets auf Reisen, aus vereinigtem Mittags- und Abendbrot zusammensetzte, sah ich auf der rechten Flußseite (dem Jagdreservat) zwei Elefanten langsam auf den Fluß zu wechseln. Sie kamen bis auf einige Meter an den Fluß heran, knieten dort nieder und schaufelten mit den recht langen Stoßzähnen -- an der schlanken Form der Stoßzähne erkannte ich sie als alte Kühe -- den Sand auf. Dann erhoben sie sich wieder und halfen mit den Vordersäulen nach, um die Vertiefung größer zu machen. Sie warteten eine kleine Weile, sogen sich mehrmals hintereinander die Rüssel voll und entleerten sie in ihr Maul, dann wurden einige Rüssel voll über den Rücken und die riesenhaften, lebhaft hin und her bewegten Ohrmuscheln gespritzt (Der deutsch-ostafrikanische Elefant (+Loxodonta africana knochenhaueri Mtsch.+, s. Abb. 18) hat im Gegensatz zu +Elephas maximus L. [E. indicus]+ riesenhafte Ohren. Auch seine Stoßzähne sind erheblich größer und erreichen ein Gewicht von 300 Pfund und eine Länge von 2,8 Metern.), bis sie in steinerner Ruhe dastanden, in der hereinbrechenden Dunkelheit immer verschwommener und gewaltiger erschienen und sich schließlich ihre Schatten meinem Auge ganz auflösten. Leider erschien der Mond erst gegen vier Uhr morgens als letztes Viertel.
Von allen Seiten hörte ich in dieser Nacht Elefanten trompeten und beim Laubäsen in den Ästen brechen. Ab und zu gurgelte in dem lautlos fließenden Ruaha das Wasser, wenn Flußpferde heraus oder hinein wechselten. Dazwischen schreckten Buschböcke mit ihrem tiefen Bellton. Einmal erwachend, hörte ich ein Flußpferd ganz dicht bei meinem Zelt Schilf äsen. Ganz gleichmäßig wechselten das Rupfen und die Kaugeräusche ab, so daß ich bald wieder einschlief. Es ist eine weihevolle Stimmung, die einen beherrscht, wenn man in der von frevelnder Menschenhand noch nicht berührten Natur das Leben dieser Urriesen auf sich einwirken lassen kann.
Am Morgen erwacht, ging ich im Schlafanzug aus dem Zelt, und mein erster Blick galt der Stelle, wo gestern abend die Elefanten gestanden hatten. Sie war natürlich leer, aber ein größeres dunkles Etwas lag am Boden, dessen Natur ich mit dem Glas nicht ausmachen konnte. Mohamadi Kungulio, als Monfidyi (Bewohner des Rufidjideltas) an Wasser mit Krokodilen gewöhnt, schwamm hinüber und fand -- die Nachgeburt eines Elefanten. Hätte ich von diesem nächtlichen Vorgang eine Ahnung gehabt, so hätte ich mich sicher hinübergepirscht, um diesen Vorgang, der wohl selten eines Menschen Auge geboten wird, zu belauschen. Frisch gekalbte Elefanten hatte ich früher am Njassa häufig gesehen, sie waren aber immer einige Tage alt, da ich sie nur dadurch zu Gesicht bekommen hatte, daß mir gemeldet wurde, der Elefant, der immer dort und dort zur Tränke zieht oder nachts die Zuckerrohrpflanzungen abweidet, hat jetzt ein Junges.
Der Weitermarsch bot gegen die Vortage nichts Neues. Flußpferde, Flußpferde, Flußpferde und ab und zu einige Wasserböcke, sonst sahen wir nichts.
Vom Lager wagte ich es, im Fluß zu schwimmen. Hundertfünfzig Meter von mir entfernt lagen mehrere Flußpferde ruhig im Wasser. Durch unseren Lärm aufmerksam gemacht, schwamm eins langsam auf uns zu. Es war wohl mehr Neugierde als Angriffslust. Als es gähnend den Rachen aufriß, sah ich prachtvolles Elfenbein schimmern (Abb. 10). Ich machte meinen oben vom Zelt uns zuschauenden Leuten die Geste des Schießens, und mein Boy Saleh brachte mir gleich mein schwerstes Gewehr, die 11,2 Elefantenbüchse mit 5,5 g rauchlosem Pulver. Auf etwa 30 Meter ließ ich den Bullen herankommen, dann ließ ich, auf das rechte Auge abkommend, fliegen. Ein gewaltiges Plätschern, das mir die Wellen bis an die Brust spülen ließ -- ich stand bis etwas über die Hüfte nackt im Wasser --, und der Bulle lag tot auf dem Wasser, ohne unterzusinken. Auf den Schuß antworteten flußauf und -ab die anderen Flußpferde durch tiefes Rohren.
Um einem Abschwimmen in dem zwar langsam abfließenden Wasser entgegenzuarbeiten, rief ich gleich nach Stricken und Leuten, und bald bewegte sich der Koloß, von Schwimmern gezogen, aufs Ufer zu, während einer auf den Kadaver geklettert war und Umschau hielt, ob kein Krokodil oder Flußpferd in der Nähe sichtbar würde. Plötzlich angstvolles Schreien aller Leute, mein Flußpferd war im Stich gelassen, und alles strebte dem Ufer zu. Ein zweites Flußpferd erschien dicht hinter dem erlegten und gab dem toten Tier gewaltige Stöße. Da mir meine Munition zu kostbar war, rief ich meinem Soldaten beim Zelt zu, einen Schreckschuß abzugeben. Er gab deren zwei ab, die wirkungslos blieben. Na, dann meinetwegen! Ich hatte zwar an einem Schädel genug, aber diesen einen wollte ich auch sicher haben.
Gerade als das Flußpferd den Kopf etwas aus dem Wasser hob und steil nach unten senkte, trug ich ihm meinen Schuß durch die Lichter an. Lautlos versank es, nur der dumpfe Ton der einschlagenden Kugel war weit hörbar. Mit Mühe bekam ich meine Leute so weit, daß sie sich wieder vorspannten. Als die Schwimmer Grund hatten, ging die Sache rasch vor sich. Im knietiefen Wasser wollte es aber nicht weiter gehen, trotzdem zwölf Mann an den Stricken zogen und zehn hinten drückten. Da die Sonne schon untergegangen war, ließ ich den Kopf vom Rumpfe trennen. Vier Mann hatten schwer daran zu tragen. Der Schädel sollte bis zum Morgen durch Entfernen aller Fleischstücke leichter gemacht werden, und drei Mann, die sich immer ablösen mußten, ließ ich unter Aufsicht eines Soldaten ans Werk gehen. Schrilles Trompeten der Elefanten, Rohren der Flußpferde und das Heulen einiger Hyänen, die der Fleischgeruch lockte, machten unser Nachtkonzert. Am Morgen rief ich durchs Zelt, daß zwei Mann nachsehen sollten, ob der Kadaver des zweiten Flußpferdes, das gestern gleich gesunken war, an den Stromschnellen, die weiter unten waren, angeschwemmt sei oder so auf dem Wasser treibe.