Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 6

Chapter 63,455 wordsPublic domain

Allgemeines über die Insel Borneo--Die Gebirge von Mittel-Borneo--Die Wasserscheiden zwischen dem Mahakam und dem Batang-Rèdjang, Kajan und Barito--Geologie des oberen Mahakamgebietes--Salzquellen--Geologischer Charakter des Apu Kajan--Äussere Gestaltung Mittel-Borneos--Buschvegetation--Meteorologische Verhältnisse.--Bewohner der Insel--Malaien und Dajak--Sesshafte Stämme: Bahau und Kenja--Nomadenstämme: Punan, Bukat und Beketan--Herkunft der Bahau und Kenja--Legende vom Wasser und Feuer-Auswanderungen und Vermischungen der Stämme.--Organisation eines Bahau- bezw. eines Kajan-Stammes--Geschichte der Mendalam Kajan--Glieder eines Stammes: Häuptlinge, Freie und Sklaven-Gegenseitige Verpflichtungen der Stammesglieder--Abstammung des Häuptlings _Akam Igau_.

Die Insel Borneo ist mit ihrer Oberfläche von 734.000 quad. km nach Neu-Guinea die grösste der Welt; sie ist mehr als zweieinhalb Mal so gross als England, Schottland und Irland zusammen. Betrachtet man eine in grossem Massstab gehaltene Karte von Borneo, so bemerkt man, dass vom Zentrum der Insel aus mächtige Ströme nach allen Richtungen hin den Küsten zuströmen; sie durchziehen in ihrem Unterlauf weite Ebenen, die sie mit der Zeit selbst gebildet haben. Die Entstehung so grosser Flüsse und Ebenen ist nur da möglich, wo starke Regenfälle herrschen. Die durchschnittliche jährliche Regenmenge in Borneo ist in der Tat eine sehr bedeutende, sie kann bis über 5 m betragen, doch machen sich auf dem ausgedehnten Gebiet grosse lokale Abweichungen bemerkbar. Wegen ihrer aequatorialen Lage bestreichen die Passatwinde die Insel Borneo lange nicht so regelmässig wie Java, daher ist der Regenfall dort gleichmässiger auf das ganze Jahr verteilt.

In scharfem Gegensatz zu den Nachbarinseln hat man auf Borneo bis jetzt keine tätigen Vulkane gefunden. Zwar entdeckte Prof. _Molengraaff_ im Jahre 1894 südlich vom oberen Kapuas ein ausgedehntes vulkanisches Gebiet, das hauptsächlich aus riesigen Tufflagern besteht, Spuren einer Eruption jüngeren Datums fand er jedoch nicht. Die südlichen Nebenflüsse des oberen Kapuas haben daher auch Zeit gehabt, diese Tufflager durch Erosion in ein höchst eigenartiges Bergland umzuformen, dessen eigentümliche terrassenförmige Erhebungen bisweilen mehr als 1000 m Höhe erreichen. Dem 1825 verunglückten Forschungsreisenden _Georg Müller_ zu Ehren nannte Prof. _Molengraaff_ dieses Gebirge: Müller-Gebirge. Die zahlreichen Petrefakten, welche diese Tufflager enthalten, deuten darauf hin, dass das Müller-Gebirge hauptsächlich in der Tertiärzeit gebildet sein muss.

An der Ostküste, gegenüber der Insel Miang und auf dieser selbst, liegen 100 m hohe Hügel, die in späteren geologischen Perioden durch negative Strandverschiebung entstanden sein müssen; denn man findet auf ihnen die Riesenmuschel (Tridacna). Das ganze flache Gebiet von Kutei wird durch diese auf die Ostküste beschränkte Hügelreihe gegen das Meer hin abgegrenzt. Die vielen Seeen, welche die grosse eingeschlossene Ebene aufweist, lassen vermuten, dass sie früher ein Becken gewesen, das durch den Mahakam und seine Nebenflüsse allmählich angefüllt worden ist. Bereits seit langer Zeit werden in den Hügeln an der Mahakammündung Steinkohlenlager ausgebeutet; vor einigen Jahren sind dort auch reiche Petroleumquellen angebohrt worden.

Das Kettengebirge, welches sich von dem an der Westküste gelegenen Tandjong Dato an quer durch die Insel nach Osten, wahrscheinlich bis zum Kap Mangkalihat, erstreckt und die Wasserscheide zwischen zahlreichen Flüssen bildet, besteht grösstenteils aus stark gefalteten Schieferschichten.

Nach den Untersuchungen von Prof. _Molengraaff_ ist dieses Gebirge, nördlich von dem grossen Seeengebiet der Batang-Lupar, aus stark abgetragenen Schiefern zusammengesetzt und erhebt es sich nur ungefähr 200 m über den Meeresspiegel. An der Südseite traf er zum ersten Mal die für Mittel-Borneo charakteristische Danau-Formation [3], deren obere, aus Kieselschiefer, Jaspis und Hornstein bestehende Schichten Radiolarien enthalten und daher Tiefseeablagerungen sein müssen.

Nördlich vom oberen Kapuas und Mahakam, nach Osten zu, steigt dieses Gebirge immer mehr an, behält jedoch stets denselben Charakter bei. Vom Bukit Tjondong aus konnte _Molengraaff_ das Gebirge, das er Ober-Kapuri-Kettengebirge nannte, übersehen; es erwies sich auch später, vom Liang Tibab aus gesehen, als typisches Kettengebirge, das ganz aus zahlreichen, scharfen, in gleichen Entfernungen neben einander sich erhebenden Rücken zu bestehen schien. Wie gesagt, steigt das Gebirge in östlicher Richtung an: der Lawit ist bereits 1767 m hoch, die höchsten Gipfel bei den Kapuas-Quellen erreichen 1900 m und diese Höhe bleibt ungefähr konstant bis zum oberen Mahakam, wo das Kettengebirge vom Batu Tibang durchbrochen wird. Dem Geröll seiner Flüsse nach zu urteilen, scheint dieser letztere Teil des Gebirges eruptiven Ursprungs zu sein.

Östlich vom Batu Tibang setzt sich das Kettengebirge, das jetzt den Namen Bawui Gebirge trägt, weiter fort; in westlicher Richtung, bis zum Batu Okang, dem grossen Bergmassiv, auf dem der Boh entspringt, verschmälert es sich und bildet dort die Wasserscheide zwischen Kajan und Mahakam. Östlich vom Batu Okang ist das Kettengebirge noch unerforscht; künftige Untersuchungen werden aber voraussichtlich ergeben, dass es sich ununterbrochen bis zum Kap Mangkalihat fortsetzt.

Im Flussbett des Selirong und Seliku, der beiden Quellflüsse des Mahakam, beobachtete ich im Hangenden der fast senkrecht aufgerichteten, alten Schiefer beinahe horizontal gelagerte Sandsteinschichten, die im übrigen Teil des Gebirges bereits weggespült sein müssen. Auch dieser mittlere Teil des Kettengebirges ist also nach seinem Entstehen untergetaucht gewesen. Am oberen Seliku befanden sich diese Sandsteinschichten am Fuss des Lasan Tujan in 720 in Höhe, am Selirong, etwas oberhalb des Landweges nach Serawak, in 650 m Höhe. Der Sandstein, aus dem die 5-10 cm dicken Schichten bestanden, war an beiden Orten grobkörnig. Die Schichten fallen unter 26º nach Norden ein und das Streichen ist 236º.

Die Danauformation, die _Molengraaff_ im Seeengebiet der Batang-Lupar, im Bungan und Bulit, an der Südseite des Kettengebirges antraf, stellte ich auch am oberen Mahakam, unterhalb der Mündung des Sikè und im Boh in der Nähe der Ogamündung fest.

Weitere Hornsteinschichten beobachtete ich im Mahakam und zwar in seiner westlichen Reihe von Wasserfällen bei Long Tepai, wo beim Fall des Lobang Kubang die Lagen eine Dicke von 3 dm bis 1 m erreichen. Der hier weisse Hornstein wird von den Sandsteinschichten des grossen Gebirgszuges überlagert, der die Wasserscheide zwischen dem oberen Mahakam und oberen Barito bildet. In seinem von West nach Ost sich erstreckenden Teil heisst dieser Gebirgszug Batu Lesong, seine südliche Fortsetzung heisst bis zur Quelle des Rata: Batu Ajo.

Dieses ganze Gebirge erscheint als ein schmaler, sehr steiler, oben abgeflachter Rücken. Seine grobkörnigen Sandsteinschichten erreichen eine Mächtigkeit von 5-50 m und haben eine Neigung von 8º nach Süden.

Der 1800 m hohe Batu Lesong wird seiner regelmässigen Form wegen von den Eingeborenen mit einem Reisblock, _lesong_, verglichen. Bei einer Besteigung des Batu Lesong im Quellgebiet des Blúu konstatierte ich, dass er sich mit senkrechten 4-500 m hohen Wänden aus den Flussbetten, welche das Wasser nach Norden in den Mahakam, nach Süden in den Busan und Belatung wegführen, erhebt. Der Hauptrücken ist nur 1-2 km breit und sendet nach Norden eine Reihe von Querrücken, welche die Täler der Nebenflüsse des Mahakam von einander scheiden. Zum Mahakam hin fallen diese Querrücken oft sehr steil ab, zwischen dem Blúu und Danum Parei mit einer Höhe von 1000 m; dazu sind sie oft so schmal, dass sie kaum für einen Pfad Platz lassen. Eine starke Abtragung wird durch die üppige Vegetation verhindert. Nach Osten hin nimmt die Höhe des Batu Lesong immer mehr ab; seine Fortsetzung, Batu Ajo, ist nur noch 1000-1200 m hoch. Das Gebirge, welches den gleichen Charakter stets beibehält, kehrt sich mit einer scharfen Wendung nach Süden; es scheint das vulkanische Müller-Gebirge nach Osten zu begrenzen.

Die nördlichen, zwischen dem Sumwé und Merásè gelegenen Nebenflüsse des Mahakam, sowie der betreffende Teil des Hauptstromes selbst, haben sich ebenfalls ihre Betten aus beinahe horizontalen Sandsteinlagern erodieren müssen. Diese gehören dem ursprünglich augenscheinlich mit dem Batu Lesong zusammenhängenden Ong Dia (ong = Gebirge) der Bahau an. Der Ong Dia ist nicht über 900 m hoch, läuft in Form eines schmalen Rückens dem Batu Lesong parallel, fällt dem Mahakam zu steil ab und dehnt sich in nördlicher Richtung bis zu dem hoch aufragenden Kalksteingebirge Batu Matjan aus. An die steilen Wände des Ong Dia lehnen sich auf der Mahakam Seite eine Reihe von Hügeln in Gestalt von 200-500 m hohen steilen Kalkbergen, welche die Erosion des Sandsteins aufzuhalten scheinen.

Das eben erwähnte nördliche Kalksteingebirge liegt zwischen dem Serata und oberen Tepai und erhebt sich mit seinen eigentümlichen Formen bis zu einer Höhe von 1900 m; es giebt dem Serata, Sumwe, Merásè, Tepai, Glat und anderen Flüssen den Ursprung, während südlich von ihm der obere Mahakam einen mächtigen Bogen nach Westen macht, bevor er den Weg nach Süden einschlägt. Die höchsten Berge dieser Kalkformation heissen: Batu Matjan, Batu Brok und Batu Ulu.

Diesem grossen Kalkgebirge schliesst sich eine Reihe schmaler, sehr steiler, freier Kalkberge von 300-900 m Höhe an, welche ich längs den Ufern des Tjehan unterhalb des Pakatè und weiter östlich längs dem Mahakam bis an den Blúu entdeckte. Der Kalk hat eine dichte Struktur und findet sich teils massig, teils in Schichten bis zu 40 m Mächtigkeit. Diese fallen am Mahakam sowohl als am Tjehan ungefähr gleich unter 44° nach Süden und das Streichen ist 242°, also im wesentlichen gleich dem der oben erwähnten Sandsteinschichten.

Zu den höchsten Erhebungen dieser Kalkberge gehört der Liang Karing an der Mündung des Tjehan, der Liang Nanja im Flusstal selbst und der Batu Baung am Mahakam.

In den zahlreichen Höhlen dieser Berge bewahren die Eingeborenen ihre Kostbarkeiten auf und setzen sie ihre Toten bei. Ähnliche grosse Felsenhöhlen sollen auch im grossen Kalksteingebirge z.B. im Batu Matjan, Batu Brok u.a. vorkommen.

Ausser den eben besprochenen beiden Gebirgsgliedern kommt im Gebiet des oberen Mahakam noch eine Reihe vulkanischer Andesitkegel vor, die sich im Tal des Blúu von Süden nach Norden hinzieht. Der nördlichste dieser Kegel ist der Batu Mili 840 m, ihm gegenüber an der Mündung des Blúu liegt der Batu Kasian 650 m, weiter südlich der Moang 900 m. Am Fuss dieser Hügel kommen Quellen vor, die gleichzeitig Salz und Kohlensäure liefern; die Bevölkerung benutzt sie zur Salzgewinnung. Bei einer dieser Quellen, der Span Dingei am Fuss des Moang, glückte es mir im Jahre 1896 mit _Kwing Irang_, dem Häuptling der Mahakam Kajan, eine alte Vorrichtung zur Salzgewinnung auszugraben. Als auf Anweisung von _Kwing Irang_ neben einer Reihe Felsen von glasigem Eruptivgestein die Erde fortgeschafft wurde, kam der Rand eines ausgehöhlten Baumstammes von 6 dm Durchmesser zum Vorschein, der senkrecht in den Boden gerammt war. Etwas tiefer bemerkten wir einen zweiten hohlen Baumstamm, der in den ersten hineingesteckt war und aus dem das Wasser kräftig hervorsprudelte. Die Baumstämme dienten dazu, das Wasser vor Verunreinigung durch hineinfallende Erde zu schützen. Gegenwärtig wird die Quelle ihres geringen Salzgehaltes wegen nicht mehr ausgebeutet, in früherer Zeit jedoch wurde das Salzwasser aufgefangen und in grossen Töpfen verdampft.

Trotz der Einfuhr von Salz von der Küste her benutzten die Ma-Suling am Merásè noch bis vor kurzem eine andere, salzhaltigere Quelle, Sepan Daja, am Fuss des Ong Dia zur Salzgewinnung. Eine Analyse des mitgenommenen Wassers ergab folgende Bestandteile

per Liter Wasser (neutral).

Kieselsäure (Si O2) 0.068 g Chlor (Cl) 3.592 g Kalk. (Ca O) 0.202 g Magnesia. (Mg O) 0.098 g Kali (K2 O) 0.095 g Natron (Na2 O) 3.260 g

Was das Gestein am Grunde des Mahakambettes betrifft, so sah ich unterhalb der Mündung des Kaso, bis oberhalb der westlichen Wasserfälle, jüngere Schiefer in dünnen Schichten mit 1-10 cm dicken sandsteinartigen Schichten abwechseln. Alle diese Schichten streichen von West nach Ost, im Grossen und Ganzen mit der Richtung des Flusslaufes übereinstimmend.

Von der Vereinigung des Selíku und Selírong an bis zur Mündung des Blúu fällt der Mahakam von 550 auf 200 in Höhe; bei der Fahrt den Boh, Oga, Temha und Meseai aufwärts steigt man von 150 bis 600 m Höhe, wo der Landweg zum oberen Kajan beginnt.

Von hier aus kann man die Wasserscheide längs einem ins Tal des Laja, eines Duellflüsschens des Kajan, hinabführenden Querrücken in einem Tage überschreiten. Der Kajan entspringt in der Nähe auf dem Batu Telunjôn und strömt in nördlicher Richtung, in 600 m Höhe, durch ein ausgedehntes Hügelland, das die Bahau Apu Kajan nennen.

Die Erhebungen bestehen hier hauptsächlich aus Rücken, die sich von der Wasserscheide aus nach Norden erstrecken; sie sind, wie die Wasserscheide selbst, aus altem Schiefergestein gebildet, das unter der allgemeinen Büschbedeckung verborgen, fast nur in den Flussbetten zum Vorschein kommt. Diese Schiefer sind schwach gefaltet und fallen im allgemeinen unter 45°-70° nach Süden; das Streichen ist 245°-275°. An einigen Stellen werden die Schiefer von Sandsteinschichten bedeckt. Diese sind 1-6 dm dick und liegen horizontal den älteren, geneigten Schieferschichten auf. Die Schiefer werden von Basaltgängen durchbrochen.

Nach Auffassung der Bevölkerung dehnt sich das Gebiet des Apu Kajan bis zu der Stelle aus, wo der Kajan eine lange Reihe unüberwindlicher Wasserfälle, Baröm, bildet. Der Beschreibung zufolge muss der Fluss dort über eine grosse Strecke hin von sehr hohen Bergen eingeschlossen sein.

Etwas Näheres wissen auch die Eingeborenen nicht über dieses ihnen selbst unbekannte und mystische Gebiet; künftige Forschungsreisen werden hoffentlich auch dorthin Licht bringen.

Nach diesem kurzen geologischen Überblick über Mittel-Borneo betrachten wir uns im folgenden das Land, wie es sich dem Beschauer in seiner äusseren Gestalt darbietet.

Man kann sich Mittel-Borneo am besten als ein mit Urwald bedecktes Gebirgsland vorstellen, dessen bedeutendste Flussläufe unter 200 m Höhe liegen und dessen höchste Bergspitzen 2000 m nicht überragen. So grosse Erhebungen kommen jedoch in der Nähe menschlicher Wohnungen nicht vor; Niederlassungen finden sich stets nur an den Flüssen und höher als 250 m liegen sie in Mittel-Borneo überhaupt nicht.

Das ganze Land ist mit ununterbrochenen, Jahrhunderte alten Wäldern bedeckt, die, je nach der Höhe ihrer Lage, von einander verschieden sind. Diejenigen Wälder, mit denen der Mensch in Berührung kommt, zeigen eine äusserst üppige Vegetation, die zwischen einem Gerüst von Riesenstämmen mit alles überdeckendem Blätterdache eine Menge kleinerer Bäume, Sträucher und Kräuter gebildet hat, so dicht, wie sie hohe Temperatur und ständige Feuchtigkeit auf humusreichem Boden allein zu schaffen vermögen. Auf dieses alles überwuchernde Pflanzenkleid übt die menschliche Tätigkeit wenig Einfluss aus. Für seine relativ geringen Bedürfnisse fällt der Mensch stellenweise den Wald, dessen Boden für 1-2 Jahre als _ladang_ (trockenes Reisfeld) gebraucht wird; aber unmittelbar darauf wird diese kleine Lücke in der Buschbedeckung von der alles beherrschenden Vegetation wieder ausgeglichen, so dass binnen weniger Jahre nur der Eingeweihte die Spuren früherer menschlicher Arbeit erkennen kann. So wurde in früherer Zeit ein grosser Teil der tiefer gelegenen Wälder durch seine Bewohner gefällt, aber, wenn nicht hie und da steinerne Gerätschaften zurückgeblieben wären, käme man schwerlich auf die Vermutung, dass an Stelle dieser sogenannten Urwälder einst Reisfelder gestanden.

Die ungestörte Ruhe, welche die verlassenen Reisfelder geniessen, gestattet dem Gestrüpp und Busch, sogleich wieder ihr Reich einzunehmen, und noch keine einzige Grasart, nicht einmal das im übrigen Indien so häufige und verbreitete _alang-alang_ hat sich im Gebirgslande von Mittel-Borneo entwickeln können. Erst seit ungefähr dreissig Jahren ist am oberen Mahakam Gras aufgetreten, zum grossen Verdruss der Bewohner, die es nun aus ihren Reisfeldern jäten müssen.

Die Buschvegetation findet in der aequatorialen Lage des Landes eine mächtige Stütze, da der Einfluss der Passatwinde, der in höheren Breiten den Wechsel von Regen- und Trockenzeit hervorruft, sich hier nur in geringem Masse geltend macht. Daher erleidet die Vegetation von Mittel-Borneo niemals die Nachteile einer langdauernden Dürre, die den Graswuchs öfters begünstigt; auch schafft die grosse Ausdehnung der Wälder selbst, ausser der Zufuhr von Wasserdampf aus dem Meere, einen Überschuss an Feuchtigkeit in der Luft, während in den kühlen Räumen unter dem Blätterdache und im Boden beständig ein grosser Feuchtigkeitsvorrat angehäuft bleibt.

Durch diese das ganze Jahr anhaltende Feuchtigkeit und den übermässigen Regen ist die Temperatur dieser Gegenden niemals besonders hoch und nur da, wo die Bevölkerung zum Bau der Wohnungen einen kleinen Teil des schützenden Pflanzenkleides zerstört hat, steigt um die Mittagszeit die Temperatur unter einem _kadjang_- (Palmblatt-) Dache auf 30°-31° C, sinkt aber auch nachts selten unter 20° C.

In unmittelbarer Nähe der Berge, mehr am Mandai und Mahakam als im Tale des Mendalam, ist der Himmel oft bewölkt, und nachts bedecken tief hängende Wolken und Nebel den Wald. In der Regel beginnt die Bewölkung gleich nach Sonnenuntergang und verschwindet bei Sonnenaufgang; daher gehört ein klarer Sternhimmel in vielen Gegenden zu den Seltenheiten. Die Gipfel der Berge bleiben oft auch an heiteren Tagen bis zum Abend mit Wolken bedeckt. Das Gleiche gilt, mit geringen Ausnahmen, auch für die Küstengebiete, nur bewirken hier die Seewinde bisweilen kühlere Nächte.

In höheren Regionen verändert sich der Charakter der Vegetation unter dem Einfluss häufiger und regelmässiger Regen auffallend schnell. Gegen die Berge aufsteigend, lassen die mit Wasserdampf stark geschwängerten Luftströme ihre Wassermassen in Form von Regen anhaltend niederfallen und ihre Wolken widerstehen der Sonnenwärme; dadurch kühlen die höheren Stellen so stark ab, dass man auf einer Höhe von 1000 m an, abgesehen von wenigen kleinen Bäumen und niedrigem Gestrüpp, eine dicke, alles überdeckende Moosvegetation antrifft, der man in Java nur auf einer Höhe von 2500-3000 m begegnet.

Die Bewohner Borneos wurden bisher in Dajak (die ursprünglichen Inselbewohner) und Malaien (die eingewanderte Bevölkerung) eingeteilt; jene, sagte man, bewohnen das Binnenland, diese die Küsten. Im allgemeinen ist diese Einteilung richtig, aber hie und da, z.B. in Serawak, bewohnt die heidnische Bevölkerung das Land bis zur Küste, andrerseits leben Stämme, die sich auch Malaien nennen, bis tief ins Innere an den grossen Flüssen. Diese zwei Hauptgruppen sind ausserdem nirgends scharf geschieden, sondern haben sich stark vermischt, was zur Folge gehabt hat, dass sich die Bewohner vieler Orte zwar Malaien und Mohammedaner nennen, in Wirklichkeit aber beinahe oder ganz rein dajakischer Abstammung sind und sich zu einer Religion bekennen, die dem heidnischen Dajaktum viel mehr ähnelt als dem Mohammedanismus. Auch findet man, allerdings weniger häufig, Dajak, in deren Adern malaiisches Blut fliesst. Diese Vermengung wird durch die grossen Flüsse, die für Fahrzeuge der Eingeborenen bis tief ins Innere des Landes zugänglich sind, stark befördert. Die vorzugsweise seefahrenden Malaien konnten sich längs diesen Strömen leicht verbreiten. Wie sehr sich die Malaien an einen Verkehr zu Wasser gebunden fühlen, erkennt man überall daran, dass sie sich hauptsächlich an den grossen Strömen niederlassen und die Dajak in das Bergland an die Nebenflüsse zurückdrängen.

Auch die allgemeine Bezeichnung der eingeborenen Bevölkerung Mittel-Borneos als Dajak ist nicht ganz zutreffend, da diese aus verschiedenen, ethnologisch scharf von einander geschiedenen Gruppen zu bestehen scheinen. Nach meinen im Jahre 1894 an 135 Dajak im Gebiete des oberen Kapuas ausgeführten anthropologischen Messungen scheinen sich diese Gruppen auch körperlich sehr verschieden zu verhalten. Dr. _Kohlbrügge_, der die Freundlichkeit hatte, meine Messungen zu bearbeiten, kam, ohne von den ethnologischen Verschiedenheiten der Stämme etwas zu wissen, auf Grund der Ergebnisse der Schädelmessungen und anderer Körpermerkmale zu der Vermutung, dass Mittel-Borneo von zwei Völkergruppen bewohnt wird, von denen die eine brachyzephal, die andere dolichozephal ist; diese kann zu den Indonesiern gerechnet werden [4]. Zu den Brachyzephalen gehören die Kajan; zu den Dolichozephalen die Ulu-Ajar Dajak am Mandai. Auch vom ethnographischen Gesichtspunkte aus sind diese zwei Gruppen durch ihre sehr verschiedenen Sitten und Gewohnheiten geschieden. Ausserdem sind sie geschichtlich getrennt, denn die Kajan gehören zur grossen Gruppe der Bahau- und Kenjastämme von Ost-Borneo, während die Ulu-Ajar zu den Stämmen gerechnet werden müssen, die als Ot-Danum und Siang am oberen Melawi, oberen Kahájan und oberen Barito wohnen. Dass Dr. _Kohlbrügge_ die Kajan auf Grund der Messungen für ein Mischvolk ansieht, ist sehr richtig, denn dieser Stamm ist seit 150 Jahren von seinem Stammland Apu Kajan am weitesten, bis in das Kapuasgebiet, fortgezogen, wo viele Sklaven, Abkömmlinge von Kriegsgefangenen verschiedenen Ursprungs und Individuen benachbarter Stämme durch Heirat in den Stamm aufgenommen wurden.

Neben diesen zwei grossen Gruppen, welche die ackerbautreibenden Stämme umfassen, giebt es in Mittel-Borneo, in geringerer Zahl, auch Jägerstämme, die unter den Namen von Punan, Bukat und Beketan in den hohen Gebirgen, den Quellgebieten der grossen Ströme, ein Nomadenleben führen. Diese Stämme betreiben wenig oder gar keinen Landbau, sondern leben von Jagd, Fischfang oder Waldfrüchten. Sie scheinen älter als die beiden anderen Gruppen zu sein und gehören vielleicht zu den ältesten Bewohnern Borneos.

Sowohl die Bahau- als die Kenjastämme haben zum gemeinsamen Stammland das Quellgebiet des Kajan bzw. Bulunganflusses, welches Apu Kajan oder Po Kedjin genannt wird. Früher wurden alle Stämme der Bahau und Kenja unter den Namen Paristämme zusammen gefasst.

Augenblicklich bewohnen diese Stämme die Stromgebiete des ganzen Mahakam bis zum Mujub, des Berau und des Kajan, die alle an Borneos Ostküste ins Meer münden; ferner die Gebiete des Oberlaufs der Flüsse, die nach Norden strömen: des Limbang, des Baram und des Balúi oder Batang-Rèdjang. Von hieraus drang ein kleiner Teil der Bevölkerung in die Kapuasebene ein, wo er jetzt am Mendalam wohnt.

Die Bewohner dieser Ländergebiete nennen sich, wie oben gesagt, teils Bahau teils Kenja.

Zu den Bahau rechnen sich die Stämme am Mahakam bis zum Mujub. Oberhalb der Wasserfälle gehören also zu ihnen die:

Seputan im Gebiet des Kasoflusses; Pnihing vom Howong bis zum Sumwé; Kajan vom Sumwé bis zum Dini; Long-Glat vom Dini bis zu den Wasserfällen; Ma-Suling am Merasè.

Unterhalb der Wasserfälle des Mahakam gehören zu den Bahau die:

Hwang-Sirow; Long-Wai; Uma-Lohat in Udju Halang; Hwang-Ana; Hwang-Tring in Tepu.

Am oberen Batang-Rèdjang oder Balui fasst man die Bahaustämme unter dem Namen Kajan, der wieder verschiedene Stämme begreift, zusammen. Ebenso wohnen am Mendalam, dem nördlichen Nebenfluss des Kapuas, Bahau: die Kajan Uma-Aging zu Tandjong Karang und Tandjong Kuda, die Ma-Suling und Uma-Pagong weiter flussaufwärts.