Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 5
Hier waren unterdessen aus Pontianak nachbestellte Güter angekommen, auch allerhand nützliche Dinge, wie Kisten für Lampen und andere tägliche Gebrauchsartikel, verfertigt und ein Vorrat Segeltuchs zugeschnitten, besäumt und mit Seilen versehen worden. Ferner hatte _Demmeni_ auf seine photographische Ausrüstung viel Arbeit verwandt; ebenso _Bier_ für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes alles vorbereitet.
Um alles hatte sich der Kontrolleur _Barth_ bekümmert, und ich sah zu meiner Befriedigung, dass er auch mit den Eingeborenen sehr gut umzugehen verstand. Da die allgemeine Verkehrssprache der Bahau, das Busang, ihm noch unbekannt war, hatte er sich alle Mühe gegeben, sie vor dem Beginn des Zuges zu erlernen.
Ich hatte bereits 1894 dem ältesten Sohne _Akam Igaus_, namens _Ju_, das Lesen und Schreiben mit lateinischen Buchstaben beigebracht; nun hatte er den Kontrolleur gebeten, auch seinen jüngeren Sohn, _Adjang_, im Lesen und Schreiben des Malaiischen, das er nur notdürftig sprach, zu unterrichten. _Adjang_ war studienhalber nicht nur monatelang beim Kontrolleur in Putus Sibau geblieben, sondern zog auch mit uns zum Mahakam. Während unserer Reise durch den Urwald lernte er abends im Lager seine Lektionen ebenso eifrig wie in Putus Sibau, und am Mahakam angekommen las und schrieb er bereits befriedigend.
Da an der Ausrüstung nichts mehr zu tun übrig blieb und das für die Reise so günstige trockene Wetter anhielt, hätte mich die Ungeduld, endlich fortzukommen, sehr gequält, wenn die Bewohner der Niederlassungen ober- und unterhalb von Putus Sibau meine ärztliche Hilfe nicht ständig in Anspruch genommen und mich gezwungen hätten, mich um ihre Interessen zu bekümmern.
Unterhalb Putus Sibau waren in den letzten Jahren Niederlassungen der Kantu Dajak entstanden. Dieser mit den Batang-Lupar verwandte Stamm aus dem Seengebiet war von diesen aus seinem alten Wohnplatz nach Südwesten vertrieben worden. Seit der Zeit hatten sich die Kantu bald hier bald da in sehr kleinen Niederlassungen weiter oben am Kapuas verteilt. Sie waren viel zugänglicher als die Kajan und interessierten mich auch durch ihre Kunstfertigkeit in der Herstellung von Webereien und Perlenarbeiten, so dass ich es lebhaft bedauerte, mich mit ihnen aus Zeitmangel nicht mehr abgeben zu können. Da sie mehr als die anderen Stämme geneigt waren, ihre seltenen Produkte um hohen Preis loszuschlagen, gelang es mir, in kurzer Zeit allerlei anzuschaffen, was mir von ihrer sehr hoch stehenden Webe- und Färbeindustrie eine Vorstellung geben konnte.
Auch mit den weiter oben wohnenden Taman Dajak kam ich dadurch in Berührung, dass sie mir ihre Kranken brachten und durch vorteilhaften Verkauf ihrer eigenartigen Kleidungsstücke von mir zu profitieren trachteten. Verschiedene Personen boten mir auch ihre aus bunten Perlen und Muscheln (Nassa callosa) verfertigten Jäckchen und Röckchen an, die sie früher bei ihren religiösen Festen trugen, jetzt aber, wegen der Ausbreitung des Islam in ihrem Stamm, nur selten mehr gebrauchten. Diese in schönen farbigen Mustern ausgeführten Kleidungsstücke sind in jeder Familie altes Erbgut, dessen Herstellung viel Zeit und Geld gekostet hat; unter gewöhnlichen Umständen sind sie auch beinahe nicht zu erlangen. In dieser Erwägung kaufte ich die schönsten dieser Kleidungsstücke und rettete sie so vor dem Untergang.
Die meisten kosteten 20 bis 26 Dollar; für ein besonders schönes Röckchen musste ich sogar 35 Dollar bezahlen. Die Besitzerin dieses Kleinods, eine Taman Frau am Mendalam namens _Litong_, war anfangs durchaus nicht geneigt, mir diesen ihren schönsten Schmuck abzutreten und ich hatte bereits alle Versuche, sie zu erweichen, aufgegeben, als ihr Vater, von einem Handelszuge aus Bunut zurückkehrend, den hohen Preis erfuhr, den ich geboten. So kam er eines schönen Tages nach Putus Sibau und übergab mir sehr erfreut für die 35 Dollar das Röckchen. Hätte ich geahnt, dass er ganz gegen den Wunsch seiner Tochter handelte und dass diese, wie ich später durch Kajan erfuhr, vor Kummer heisse Tränen vergossen, so hätte ich meine Sammellust vielleicht bezwungen.
Auch die Taman Dajak, die am Sibau wohnten, der neben unserer Wohnung in den Kapuas strömte, trugen dazu bei, uns die erzwungene Ruhe nicht allzu fühlbar werden zu lassen. Wenige Tage nach meiner Rückkehr nach Putus Sibau holten vier dieser Sibau Dajak mich in einem Boot in ihre Niederlassung ab, wo einer der Ihren, der sich beim Holzhacken mit dem Schwerte das Bein verletzt hatte, heftig blutend darniederlag. Den Verwundeten nach Putus Sibau zu bringen schien unmöglich; so blieb mir nichts anderes übrig, als mit den nötigsten Hilfsmitteln und einem unserer Malaien zum Kranken zu reisen. Nach dreistündiger Fahrt in schwankendem Nachen erreichten wir das lange Haus, auf dessen grosser Galerie vor der Häuptlingswohnung eine Menge Männer, Frauen und Kinder um eine Gruppe herumhockte, die sich mit der Pflege des Kranken beschäftigte. Dieser schien ein kräftiger junger Mann zu sein; auf dem Rücken zwischen seinen jammernden Angehörigen liegend zeigte er bereits eine verräterische graubraune Leichenfarbe, auch hatte er schon das Bewusstsein verloren und sein Puls war nicht mehr fühlbar. Sein rechter Fuss war an der Innenseite, unterhalb des Knöchels, verwundet und mit alten Lappen voll geronnenen Blutes verbunden. Fortwährend tröpfelte noch Blut aus dem Verbande, was hauptsächlich wohl einem zweiten Verbande zugeschrieben werden musste, den man um die Wade angebracht hatte und der, gleichwie auch die horizontale Lage des Beines, einen Abfluss des venösen Blutes verhinderte. Während ich den zweiten Verband abnehmen und das Bein hoch halten liess, erzählte man mir, wie sich der junge Mann die Wunde beigebracht hatte. Die Abwesenheit des Pulsschlags bewies, dass die Blutung auch während des Transportes nach Hause sehr heftig gewesen sein musste. Man hatte, um die Blutung zu stillen, das gebräuchliche Mittel, gekaute Sirihblätter mit Kalk, auf die Wunde gelegt, welch letzterer adstringierend wirkt und durch das starke Anpressen mittelst der Blätter zugleich als Tampon dient. Da der Patient augenscheinlich nicht mehr viel Blut zu verlieren hatte und seine Herztätigkeit sehr schwach war, musste ich einen neuen Bluterguss bei der Untersuchung zu vermeiden trachten und hielt daher den Kautschukschlauch am Schenkel bereit. Zum grossen Erstaunen der Taman kam, da ich das Bein hoch halten liess, beim Wegnehmen der schmutzigen Lappen und Sirihballen kein Tropfen Blut mehr aus der Wunde; doch war die bis tief hinter den maleolus internus reichende Wunde durch die falsche Behandlung bereits so infiziert, dass an einen aseptischen Heilverlauf nicht zu denken war.
Vor allem musste der Patient wieder zu Kräften kommen, dann konnte man ihn, zwecks einer rationellen Behandlung, nach Putus Sibau bringen lassen. Ich desinfizierte daher die Wunde so weit als möglich, bestreute sie mit Jodoform, tamponierte sie gründlich und empfahl den Taman, das Bein ständig hoch liegen zu lassen und gut für den Patienten zu sorgen.
Dank seiner kräftigen Konstitution war der Mann nach zwei Tagen bereits so weit, dass seine Familie ihn mir zur weiteren Behandlung nach Putus Sibau bringen konnte. Nachdem ich schon gehofft, dass keine Nachblutung den Heilprozess stören würde, rief man mich doch sechs Tage darauf nachts, weil der Verband ganz mit Blut durchtränkt war. Es blieb nun nichts anderes übrig, als die Galerie unserer Kaserne zum Operationszimmer zu machen und den gewandtesten meiner Gehilfen zum Assistenten zu promovieren. Zum Glück gelang es mir bald, die Blutungsquelle zu entdecken. Ich hatte bereits vorher versucht, die Wunde von dem nekrotischen Gewebe zu reinigen, aber die Infektion hatte sich bereits zu sehr verbreitet. Sobald die Schlinge um den Schenkel etwas gelockert wurde, quoll in rhythmischen Stössen eine Blutmenge, augenscheinlich aus der arteria tibialis postica, hervor. Beim Schein einiger Lampen entfernte ich so lange nekrotisches Gewebe, bis die Arterie bloss lag; es zeigte sich, dass diese auf die ungünstigste Weise beschädigt war, nämlich halb durchgeschnitten, so dass die Enden sich nicht zurückziehen konnten und wegen der Retraktion der Ränder ständig offen gehalten wurden. Mit einigen Bedenken, wegen der stark entzündeten und infizierten Umgebung, entschloss ich mich doch, das Gefäss zu durchschneiden und die beiden Enden zu unterbinden. Glücklicher Weise schlossen sich die Gefässe und eine Blutung trat nicht mehr ein, trotzdem sich die Entzündung über den ganzen Unterschenkel verbreitete. Einige Einschnitte bis in das subkutane Gewebe, zur Entfernung des Eiters, und eine Ausspülung mit Borwasser übten eine gute Wirkung. Infolge unserer sorgsamen Pflege kam der Taman bald wieder zu Kräften, und nachdem der Kontrolleur von Putus Sibau nach unserer Abreise noch einige Zeit für ihn gesorgt hatte, konnte er wieder nach Hause gebracht werden, wo er bald völlig genas.
Der langdauernde Aufenthalt in Putus Sibau hatte noch den grossen Vorteil, dass wir uns über die aus Java mitgenommenen und uns grösstenteils fremden Leute ein Urteil bilden konnten. Bereits als ich sie in Dienst nahm, hatte ich dafür gesorgt, dass jeder von ihnen einen Kameraden oder Verwandten bei sich hatte, damit er sich nicht einsam fühlen sollte. Da eine gute Stimmung unter den Teilnehmern einer Expedition deren guten Erfolg wesentlich beeinflusst, freute es mich sehr, zu bemerken, dass Zwistigkeiten unter unseren Leuten wenig vorkamen. Nur der zweite Jäger, _Djumat_, erregte zu meiner Verwunderung bei seinen mohammedanischen Glaubensgenossen durch seine ständigen religiösen Übungen Anstoss. Wie ich bei meiner Rückkehr von den Kajan hörte, war er, ein europäisches Halbblut, zum Islam übergetreten. Obgleich beinahe mein ganzes Geleite mohammedanisch war, hatte ich doch von Beten und von anderen religiösen Verrichtungen nie etwas gemerkt; nur _Djumat_ war hierin sehr eifrig und ärgerte dadurch die anderen so sehr, dass einer der Schutzsoldaten zuletzt auf seiner Violine zu spielen begann, sobald _Djumat_ seine Gebete anfing. Wahrscheinlich geschah dies nicht wegen der Andachtsübungen selbst, dazu waren meine Javaner und Malaien zu friedliebend, sondern weil sie ihn besser kannten als ich. Bald hörte ich auch einige Bemerkungen über _Djumat_, der sich viel mit den Chinesen auf dem Markte abgab, und eines Morgens fand ich auf der Galerie einen zusammengefalteten chinesischen Brief, den ich aber nicht lesen konnte. Etwas Besonderes vermutend, wollte ich meine farbigen Begleiter doch nicht in die Angelegenheit einweihen, und da auch unsere Europäer das Schreiben nicht lesen konnten, liess ich es unbeachtet. Der Schreiber schien aber die Sache ernst zu nehmen; denn zwei Tage darauf erhielt ich ein anderes Briefchen, diesmal malaiisch geschrieben. Der Inhalt des Briefes war der, dass _Djumat_ den chinesischen Frauen auf dem _pasar_ auf brutale Weise nachstellte und dass ein derartiges Betragen meines Personals mir am Mahakam gefährlich werden konnte. Für mich war diese Tatsache zu wichtig, um ihr nicht Rechnung zu tragen.
Mit dem Kontrolleur _Barth_ und dessen Kollegen von Putus Sibau kam ich überein, dass wir gleich die Ankunft des kleinen Dampfers "de Punan", der uns die letzte Post und noch einige Güter bringen sollte, benützen mussten, um uns dieses lästigen Reisegenossen zu entledigen. Sobald denn auch der Dampfer angekommen war, erhielt _Djumat_ zu seiner Verwunderung den Befehl, sich bereit zu halten, um sich zwei Stunden später nach Java einzuschiffen. Diese plötzliche Entlassung musste ihn umsomehr in Erstaunen versetzen als er, wie auch seine Kameraden, bereits in Java 75 fl. Vorschuss von seinem Lohn erhalten hatte. Sein Betragen, das in seiner javanischen Umgebung nicht viel Anstoss erregte, war jedoch in unserer künftigen Lage, mitten unter den eingeborenen Stämmen, viel zu gefährlich, als dass ich die übrigen Männer nicht auf den Ernst eines solchen Vergehens hätte aufmerksam machen müssen. Bereits seit langem wusste ich, dass eine grosser Teil der Morde und Unglücksfälle von Malaien unter den Dajak hauptsächlich daher kam, dass die malaiischen Männer darauf ausgingen, die dajakischen Frauen zu verführen. Obgleich es nämlich bei den Bahau, nach längerem Aufenthalt in ihrer Mitte, wohl gestattet ist, mit einem der jungen Mädchen, die in ihrem Tun und Lassen fast gänzlich unabhängig sind, ein Verhältnis anzuknüpfen, geschieht es doch häufig, dass die Malaien, mit Hilfe von Geschenken und anderen Mitteln, mit der ersten besten Frau, die sich hierfür empfänglich zeigt, einen intimen Verkehr anzubahnen versuchen. Da aber die eheliche Treue bei diesen Stämmen sehr streng gehalten wird, laden sich die Malaien durch ihr leichtsinniges Betragen die Rache des beleidigten Gatten auf den Hals. Ich suchte daher, wenn wir irgendwo bei den Bahau längere Zeit bleiben mussten, tun ihr Vertrauen zu gewinnen, alles daranzusetzen, um ein derartiges Betragen zu verhindern. So hatte ich von Anfang an getrachtet, etwas ältere Männer für unseren Zug anzuwerben und habe auch später durch leichtsinniges Betragen meiner Leute nicht viel Unannehmlichkeiten gehabt.
Nach meiner Abreise von Tandjong Karang nahmen die Kajan noch öfters jede Gelegenheit wahr, um uns in Putus Sibau zu besuchen, teils aus persönlicher Anhänglichkeit, teils um noch einiges vorteilhaft zu verkaufen, teils um noch allerhand Neues und Schönes von unserer Ausrüstung zu sehen.
Selten vergingen einige Tage, ohne dass ich Besuch bekam, und jetzt waren es nicht nur, wie in früherer Zeit, erwachsene Männer und einzelne Frauen, die sich aus dem Mendalamgebiet herauswagten, sondern es kamen auch viele Knaben und Mädchen und sahen sich zum ersten Mal in ihrem Leben Putus Sibau mit seinen vielen Malaien, Chinesen und seinem Markt an. Auch viele 18-20 jährige Frauen erklärten, noch nie hier gewesen zu sein; zum Übernachten konnten sie sich aber nicht entschliessen, sie sorgten vielmehr alle, vor Einbruch der Nacht aus dieser fremden Umgebung wieder fortzukommen.
Besonders meine Freundin _Usun_, die älteste und oberste Priesterin von Tandjong Karang, benützte jede Gelegenheit, um nach Putus Sibau zu kommen, und es zeigte sich, dass aufrichtiges Interesse sie dazu trieb. Bereits bei meinen Besuchen 1894 und 1896 hatte sie mir allerhand, nach ihren Begriffen schöne Geschenke gemacht, auch war sie die einzige Frau ihres Stammes gewesen, die es gewagt hatte, sich photographieren zu lassen. Auch jetzt wieder gab sie uns einen starken Beweis ihres Vertrauens, indem sie einmal mit einer Gesellschaft vom Mendalam ankam, mehrere Tage allein bei uns blieb und erst mit einer zweiten Gesellschaft nach Hause zurückkehrte. _Usun_ äusserte oft ihre Besorgnis aller Gefahren wegen, die uns auf den weiten Reisen bedrohten, besonders beunruhigte sie mein Plan, in das ferne Gebiet des Apu Kajan, das Stammland ihrer Vorfahren, einzudringen, ein Land, das in ihrer priesterlichen Wissenschaft einen mythischen Charakter angenommen hatte und von dem sie wusste, dass es von den so gefürchteten Kenjastämmen bewohnt wurde.
Wenige Tage vor unserer Abreise kam _Usun_ mit einigen Männern und Frauen von Tandjong Karang zu uns herunter und bat um die Erlaubnis, bis zu unserer Abfahrt bei uns bleiben zu dürfen. Zugleich gab sie zu verstehen, dass sie, da es nun doch zum Scheiden kam, beschlossen hatte, ihren kostbarsten, oder besser gesagt, ihren heiligsten Besitz zwischen ihrem Enkel und mir zu teilen, damit diese geweihten Gegenstände mich vor allen Gefahren, denen ich entgegen ging, beschützten. Sie übergab mir ein sehr altes Schwert, das, nach der Aussage meiner 70 jährigen Freundin, bereits in ihrer Jugend sehr alt gewesen war, ferner Kieselsteine von aussergewöhnlicher Form in einem kleinen Säckchen und ein steinernes Fläschchen mit etwas Kokosnussöl. In diesen ernsten Abschiedstagen wurde _Usun_ gestattet, ihre Schlafmatte in der kleinen Kammer auszubreiten, in welcher der Kontrolleur _Barth_ auf einer Seite und ich auf der anderen unsere Moskitonetze aufgehängt hatten. Beim Erwachen am anderen Morgen sah ich, dass _Usun_ bereits alle ihre Vorbereitungen getroffen hatte
an der Stelle, wo sie geschlafen hatte, lagen auf einer kleinen Matte neben einander die für mich bestimmten Schätze, ausserdem das Geldstück und die Perlen, die ich ihr als _usút_ gegeben hatte, d.h. damit diese Dinge in gleicher Weise in ihre Hände übergehen könnten, wie ihre Talismane in die meinen und der Geist, der in letzteren steckte, nicht erzürnt würde. Darauf sprach sie, vor der Matte hockend, die Geister an, die in den Gegenständen hausten und trug ihnen auf, mich gegen alle Angriffe böser Geister zu schützen, mich vor Anstrengungen sowie vor einem Fall in den Bergen oder Tälern zu behüten und zu verhindern, dass meine Seele sich von mir entfernte. Weiter berichtete sie den Geistern der geweihten Gegenstände, dass ich die Absicht habe, sie zum Mahakam und weiter bis zum Apu Kajan zu bringen. Auch erzählte sie ihnen, dass ich ihr das Geldstück und die Perlen gegeben, damit sie an Stelle der alten Gegenstände in ihren Händen zurückblieben.
Ich schenkte _Usun_ zuletzt noch, da meine Vorräte es zu erlauben schienen, einen Satz schöner Armbänder aus Elfenbein. Bis zum letzten Augenblick blieb _Usun_ bei uns und, während ich des Morgens mit dem Verteilen von Menschen und Gütern in die Böte viel zu tun hatte, strengte sie sich an, mir mit ihren alten Beinen wie mein Schatten zu folgen und hörte nicht auf, mir unter heissen Tränen Segenswünsche auf die Reise mitzugeben.
Mit _Akam Igau_ hatte ich abgemacht, dass er seine Leute dazu bringen sollte, gleich nach der Rückkehr der vorausgeschickten Gesandtschaften die wahrsagenden Vögel zu befragen. Am 24. Juli kehrten die Gesandtschaften endlich gemeinsam zurück; ihre Reisen waren ohne Unfall verlaufen, nur hatten sie, wegen des sehr hohen Wasserstandes, lange gedauert; auch war es ihnen nicht geglückt, den Bulit aufwärts bis zum Landweg zu gelangen; sie hatten aber den Reis an der Mündung des Bulit unter dem Schutze von Korporal Suka und zwei anderen zurückgelassen.
Den folgenden Tag kam _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda mit dem Bericht, dass in seinem Dorf für sechs Tage "_melo njaho_" ein "Stillsitzen wegen der Vorzeichen" angesagt war, weil man ein Reh über ein eben bearbeitetes Feld hatte laufen sehen (ein böses Omen) und dass man erst nach dieser Ruhezeit, unter Anführung des Ma-Suling namens _Obet Lata_, zur Beobachtung der Vorzeichen aufbrechen würde.
Nach Ablauf dieser sechs Tage kam _Tigang Aging_ abermals nach Putus Sibau, diesmal mit dem Vorschlag, wiederum einen Teil unseres Gepäckes unter Aufsicht der zwei alten Häuptlinge _Seniang_ und _Akam Lasa_, je mit zehn Mann; vorauszuschicken. Diese Leute waren nämlich nicht im stande, den Zug mitzumachen, wollten aber, wie es schien, auch noch etwas verdienen. Nachdem ich diesem Vorschlage in der Überlegung zugestimmt hatte, dass wir dadurch später um so schneller flussaufwärts fahren konnten und ich, um nur endlich fortzukommen, möglichst viel Freunde gewinnen musste, verpflichtete sich wiederum _Tigang_, den _Obet Lata_ bereits am folgenden Tage auf die Vogelschau auszusenden. Auf diese Weise suchte sich _Tigang_ als Herrn der Mendalambewohner aufzuspielen, obwohl er sehr gut wusste, dass _Akam Igau_ von mir als Führer angesehen wurde. Mein Hauptziel war jedoch die Abreise, der ich mit Ungeduld entgegensah, da die Trockenzeit bereits zwei Monate gedauert hatte und jeder Tag uns Regen und ungünstig hohen Wasserstand bringen konnte; daher fand ich alles gut, was uns einen Schritt weiter brachte. Es verging aber ein Tag nach dem andern, ohne dass wir etwas anderes hörten, als dass die Vögel noch immer nicht alle erforderlichen Zeichen gegeben hatten, bis endlich am 16. August _Akam Igau_ seinen Sohn _Adjang_ abholte, um gemeinschaftlich mit den übrigen Teilnehmern an der Expedition ein _melo njaho_ zu feiern, da die Vögel jetzt genügende Auskunft gegeben hatten. Zwei Tage darauf sollte die ganze Gesellschaft bei uns eintreffen.
Um _Akam Igaus_ Oberherrschaft wieder einzuschränken, kam auch _Obet Lata_ im Auftrage _Tigangs_ am folgenden Tage und meldete, dass man aus Tandjong Kuda aufbrechen werde, dass man sich aber, wie auch auf der vorigen Reise, noch einen Tag an der Mündung des Mendalam aufhalten wolle, um noch einen besonderen Vogel zu befragen.
Am 18. August schlug endlich unsere Befreiungsstunde; denn bereits des Morgens kam ein bemanntes Boot nach dem anderen hinter der Flussbiegung zum Vorschein. Auch _Seniang_ und _Akam Lasa_ brachten ihre eigenen Böte und Leute mit; gegen ihren Vorschlag, bereits am selben Tage weiterzufahren, hatte ich nichts einzuwenden. Ich gab ihnen eine gute Ladung Reis und Salz mit und so fuhren sie bereits mittags den Kapuas aufwärts.
Die Leute, welche die Mahakamreise selbst mitmachen sollten, übernachteten, der Übereinkunft gemäss, unter _Akam Igaus_ und _Tigangs_ Aufsicht an der Mendalam Mündung, trafen aber schon früh am folgenden Morgen vor unserer Wohnung ein.
Im Ganzen erschienen aus den verschiedenen Niederlassungen am Mendalam ungefähr 110 Mann, die sich in so viel Gruppen verteilten, als die Zahl der Dörfer und Stämme, denen sie angehörten, betrug. Die Kajan aus Tandjong Karang und Tandjong Kuda waren die zahlreichsten, ihnen folgten die Ma-Suling und Uma-Pagong, und schliesslich noch Glieder der Bukat und Punan, der meist nur zeitweise am Mendalam lebenden Nomadenstämme. Jede Gruppe hatte einen eigenen Häuptling oder angesehenen Mann zum Anführer; ich betrachtete aber, wie bereits gesagt, _Akam Igau_ aus Tandjong Karang als Oberhaupt aller, da er als alter weitgereister Mann am meisten Einfluss besass, während sein viel jüngerer Nebenbuhler _Tigang Aging_ aus Tandjong Kuda nur durch seine hohe Geburt sich Ansehen zu verschaffen trachtete. Ihm völlig ergeben war nur _Obet Lata_, der Anführer der Ma-Suling, ein alter unbedeutender Mann, der _Tigang_ als den Schwiegersohn des Ma-Sulinghäuptlings _Akam Lasa_ fürchtete.
Die Männer von Uma-Pagong standen, wie auch auf der vorigen Reise, unter Anführung von _Jung_, einem Adoptivsohn des weiblichen Häuptlings _Bulan_. Es war dies eine junge energische Persönlichkeit, die uns auf der Reise viele Dienste erwies.
Die Gruppe der Punan und Bukat bestand aus 12 Männern sehr verschiedener Abkunft, auch befanden sich unter ihnen einige Leute eines anderen Jägerstammes, der Beketan. _Ludang_, der Punanhäuptling, konnte an der Expedition nicht teilnehmen, liess sich aber durch seinen jungen Sohn _Kwing_ vertreten, dem ein schwächlicher, aber intelligenter Mann namens _Tetuhè_ zur Seite stand.
Um keine Zeit zu verlieren, hatten wir bereits am Tage zuvor alles Gepäck so geordnet, dass die Ladung auf die schnellste Weise von statten gehen konnte. Nun galt es, Menschen und Güter auf die praktischste Weise in die 25 Böte zu verteilen, was insofern seine Schwierigkeit hatte, als die Leute sich bereits in Gruppen verteilt und in den Böten da Platz genommen hatten, wo es ihnen gerade am besten gefiel; dadurch war das eine Boot überladen, das andere beinahe leer; ausserdem nahm jedes Boot so wenig als möglich Gepäck mit, so dass ich das Einladen genau regeln und überwachen musste. Das, erforderte alles viel Hin- und Herreden, Ermahnungen und bisweilen ernstes Auftreten und dauerte bis 10 Uhr morgens. Die ganze Zeit über hatte ich die alte _Usun_ an meinen Fersen. Endlich war alles geregelt, jeder Mann an seinem Platze und wir nahmen vom Kontrolleur Abschied, der uns mit seinen zwei kleinen Kanonen noch eine gute Reise nachdonnerte.
KAPITEL III.