Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 49
Zu unserem Trost fanden wir hier bei den Long-Glat mehr zu essen als in den letzten Monaten bei den Kajan. Unsere Schutzsoldaten schossen in der Nähe einiger Salzquellen in kurzer Zeit ein wildes Rind und zwei Hirsche, die nicht nur frisches Fleisch, sondern auch Proviant für die Reise lieferten. Das Konservieren von Fleisch durch Räuchern und Salzen war mir früher mehrmals missglückt; _Bier_, der die Arbeit diesmal auf sich nahm, erzielte ein gutes Resultat, indem er das Fleisch in Stücke, die 2-3 dm lang, 1 1/2 dm breit und 3-4 cm dick waren, schneiden und einen Tag lang über einem Holzfeuer trocknen und räuchern liess. Selbst das fette Schweinefleisch liess sich auf diese Weise aufbewahren. So hatten wir von der Menge Fleisch, die ein grosses Stück Wild liefert, mehrmals einige Wochen essen können, was uns bei Stämmen, die nur eine geringe Anzahl Hühner hielten und bei denen auch der Fischfang wenig ergab, sehr willkommen war.
Meine Gesandten brachten erst am 28. April, nachdem das Wasser stark gefallen war, aus Long Deho den Bericht, dass unsere ganze Gesellschaft dort längere Zeit geblieben war und mit den Bewohnern auf freundschaftlichem Fuss verkehrt hatte, dass sie aber aus Furcht, wiederum durch Hochwasser aufgehalten zu werden, den günstigen Wasserstand benützt hatte, um den Fluss weiter hinunter zu fahren. Der Kontrolleur war, als unsere Gesandten ihre Rückreise antraten, bereits abgereist, während _Bier_ sich sogar einen Tag vorher aufgemacht hatte, um den Fluss zu messen.
Das Wasser fiel ständig, daher suchte ich zum soundsovielten Male, _Bo Lea_ und _Bo Ibau_ dazu zu bewegen, mir über die Wasserfälle zu helfen. Die beiden Häuptlinge waren nämlich, aus Furcht vor _Kwing Irang_, dem daran gelegen war, uns persönlich zu begleiten, bisher meinem Drängen gegenüber taub geblieben.
Ein wichtiger Umstand kam mir zu Hilfe. _Hadji Umar_ hatte durch meine Leute _Njok Lea_ melden lassen, dass dieser mit den 600 Packen Rotang, die sie gemeinschaftlich besassen, so schnell als möglich hinabfahren solle, um die Ware mit ihm unten am Mahakam zu verkaufen. Das half. Nun fand sich plötzlich eine genügende Anzahl junger Leute zur Reise bereit und obwohl ich wusste, dass es ihnen hauptsächlich um den Rotang zu tun war, erfreute mich die Aussicht, wieder ein Stück weiter zu kommen, doch zu sehr, um dem Zufall nicht dankbar zu sein. Eine Verzögerung von einigen Tagen wurde noch dadurch bewirkt, dass einige Leute vom Merasè berichteten, _Kwing Irang_ sei im Begriff aufzubrechen und _Sorong_ befinde sich bereits am Merasè. An diesem Tage traf jedoch niemand ein und als ich am folgenden einige Männer in einem Boot nach oben auf Kundschaft schickte, kamen sie mir abends melden, dass man dort nichts wisse. In der Ungewissheit, ob es _Kwing Irang_ jemals gelingen würde, abzureisen, beschloss ich, die Reise mit _Njok Lea_ zu unternehmen. Dieser hatte es nun mit seinem Rotang so eilig, dass er nicht einmal dafür war, ein Boot zu _Kwing Irang_ zu senden, um zu sehen, wie es dort stand.
Am 3. Mai sollten wir wiederum warten, weil einer der Reisegenossen noch nicht vom Reisfelde zurückgekehrt war, aber ich setzte die Abreise doch leicht durch. Es schlossen sich uns auch einige Böte mit Frauen und Kindern an, die unter unserem Schutze Familienglieder in Long Deho besuchen wollten. Um 9 Uhr brachen wir auf und zwar ohne den Rotang, der, aus Mangel an Hilfskräften, erst nachdem man uns bis oberhalb der Wasserfälle gebracht hatte, abgeholt werden sollte.
Bei Long Tepai beträgt die Breite des Mahakam 200 m, unmittelbar unterhalb der Niederlassung wird das Flussbett aber von hohen, felsigen Ufern eingeengt. Dabei treten bei niedrigem Wasserstande zahlreiche Felsblöcke aus dem Flussbett hervor, so dass eine grössere Anzahl Böte nur hinter einander dem gewundenen Fahrwasser folgen kann. Nach einstündiger Fahrt erreichten wir, nachdem der Kiham (Wasserfall) Hulu in dieser günstigen Zeit mit einiger Vorsicht hatte befahren werden können, den mir von 1897 her bekannten Lagerplatz oberhalb des Kiham Hida, von dem aus das Gepäck und die Böte eine grosse Strecke weit getragen werden mussten.
An der Stelle, an der wir uns eben befanden, windet sich der Mahakam um den Batu Ajo; an seinem rechten Ufer erheben sich beinahe horizontale Sandsteinschichten in senkrechten, über 100 m hohen Wänden, während am linken Ufer ein viel höheres Gebirge, der Ong oder Batu Hida, steil aufsteigt. Da der Fluss sich sein Bette in den harten, weissen Hornstein, der in 1/2-1 m mächtigen Schichten unter dem Sandstein liegt, hat erodieren müssen, ist sein Bette über eine etwa 2 km weite Strecke sehr schmal und die Wassermassen, die bei Long Tepai noch eine Breite von 200 m zur Verfügung hatten, drängen sich hier durch einen 15-20 m breiten Spalt hindurch.
Diese Stelle kann nur bei sehr tief stehendem Wasser passiert werden, da bei hohem und besonders bei steigendem Wasserstande die Strömung sehr reissend ist. Auch im günstigsten Falle muss alles Gepäck aus den Böten genommen werden. An den schwierigsten Stellen werden die kleineren Böte mit Hilfe von Baumstämmen, welche als Rollen benützt werden, über die Felsen gezogen, während die grossen Böte, die alle mit einem sehr hohen Rande versehen sein müssen, von den Männern über die Fälle gefahren werden müssen. Das Gepäck wird auf den Felspfaden des linken Ufers hinabgetragen. Die Stellen, an denen Felsen oder Geröllbänke grössere Fälle verursachen, oder die ihrer Enge wegen besonders gefährlich sind, tragen, von oben nach unten gerechnet, folgende Namen: Kiham Hulu; K. Hida; K. Nöb; K. Lobang Kubang; K. Binju; K. Benpalang; K. Kenhè.
Sobald wir oberhalb des Kiham Hida angelangt waren, ging ein Teil der Männer Rotang für unsere Böte suchen, ein anderer begab sich nach Long Tepai zurück, um nun auch die Bündel Rotang hinunter zu befördern.
_Njok Lea_ hatte den Rotang, der unter seinem Hause aufbewahrt lag, bereits am Tage zuvor in dicke Bündel binden und diese am gleichen Morgen ins Wasser bringen lassen. Die Bündel (_gulung_) bestehen in der Regel aus 40 Stücken Rotang von 3-4 Faden Länge, die mit Rotangtauen zusammengebunden werden. Für den Transport zu Wasser vereinigt man diese _gulung_ zu Bündeln von 1 m Durchmesser und lässt sie einfach von der Strömung abwärts treiben, wobei einige in den Wasserfällen zwar auseinander gerissen werden und verloren gehen, die meisten aber heil ankommen. Unterhalb der Wasserfälle werden die Bündel zu Flössen zusammengefügt, die je von einem Steuermann flussabwärts gelenkt werden. Nach einiger Zeit kehrten die Männer zu uns zurück und bald darauf trieb ein Rotangbündel nach dem anderen an uns vorbei und suchte sich durch die brausenden Wasser massen seinen Weg. Einige Männer fingen die Bündel in dem ruhigen Becken auf, das sich unterhalb des Lobang Kubang befindet, und banden sie dort vorläufig fest, um sie später die folgenden Fälle hinuntertreiben zu lassen.
Mit Rücksicht auf den vorausgeschwommenen Rotang wurde es für ratsam gehalten, nicht am Kiham Hida, sondern weiter unten das Lager aufzuschlagen, und so beeilte man sich, alles wertvolle Gepäck und die Kisten mit Ethnographica dorthin zu schaffen. Die Familien, die mit uns reisten, hatten gleich nach ihrer Ankunft begonnen, ihr Gepäck so weit als möglich abwärts zu tragen. Da sie einen grossen Reisvorrat mitgenommen hatten, um ihn in Long Deho, wo Reismangel herrschte, zu hohen Preisen zu verkaufen, hatten sie sehr grosse Lasten zu befördern. Trotzdem hatten sie es so eilig, weiterzukommen, dass sie nicht mit uns Schritt hielten. Als sie daher weiter unten, statt den Reis mit uns über Land zu transportieren, die kleineren Wasserfälle hinunterfahren wollten, schlugen ihre zu schwer beladenen Böte um und die Männer verloren zwar nicht ihr Leben und ihre Böte, aber ihren kostbaren Reis.
Ich sorgte dafür, dass alles, was getragen werden konnte, aus den Böten geholt wurde; alle Pflanzen mussten natürlich im grossen Boot bleiben, ebenso die grossen Kisten. Obwohl ihm sein Rotang sehr am Herzen lag, traf _Njok Lea_, in gleicher Weise wie früher _Akam Igau_ und _Kwing Irang_, alle Vorsichtsmassregeln beim Transport, so dass kein Boot umschlug und keine Kiste fiel. Nachts sank das Wasser noch um einen halben Meter, die grossen Böte konnten daher am folgenden Morgen ohne grosse Gefahr die Fälle passieren. Da die Kajan unter _Kwing Irang_ 1897 das grosse Boot mit lebenden Pflanzen wohlbehalten nach unten geschafft hatten, lag den Long-Glat viel daran, ihnen an Geschicklichkeit nicht nachzustehen. Sie wussten auch, dass ich damals durch die beiden Fälle Binju und Kenhè gefahren war, und schlugen mir vor, es diesmal auch mit ihnen zu versuchen. Das Wagstück erschien mir nicht gross und ich befand mich bereits mitten auf dem Fluss, als ich am Ufer _Njok Lea_ bemerkte, der aus Verzweiflung über unser ruchloses Unternehmen die Arme in die Luft erhob; doch verloren seine Leute das Vertrauen nicht.
Der Kiham Binju, der auf den Lobang Kubang folgt, stellt eine verengte Flussstelle mit heftiger Strömung dar, aus welcher hohe Felsblöcke hervorragen. Mit einiger Vorsicht legt man die erste Strecke gut zurück, dann aber wird das Boot von einer Stromschnelle gepackt und geradeaus auf eine alleinstehende Felsspitze geschleudert. Die Wassermassen, die rechts vom Felsen verhältnismässig ruhig fortströmen, prallen etwas weiter unten an das hohe Ufer an, links aber bilden sie einen Strudel, dessen mittlerer Trichter bei normalem Wasserstande sicher einen Meter tief ist. Da man, um rechts weiter unten nicht an das felsige Ufer geschleudert zu werden, über diese Stelle hinweg muss, kann sie nur von langen, schweren Böten, die mit grosser Geschwindigkeit ankommen und sich daher nicht leicht ablecken lassen, überwunden werden. Das Wagstück gelang, aber _Njok Lea_ liess es doch nicht zu, dass _Demmeni_ uns in dem zweiten grossen Boote folgte. Wir übernachteten unterhalb des Binju. Die Nacht blieb trocken, aber morgens hörten wir es im Osten gewittern, auch fiel ein schwacher Regen. Der Fluss begann sogleich zu steigen, doch ist, um den Kiham Kenhè zu passieren, ein hoher Wasserstand günstiger als ein sehr niedriger. Wir beeilten uns daher mit unserer Mahlzeit und fuhren bis zum Anfang des Kenhè. Hier beschlossen wir, das Gepäck nicht auf dem Bergpfade nach Hait Aja (grosser Sand), unserem nächsten Lagerplatz, tragen zu lassen, sondern mit ihm die Fahrt zu wagen.
Der Wasserstand war für mein grosses Boot gerade der richtige und ich begann die Fahrt, wie früher bereits, stehend. Die heftige Strömung brachte aber das Fahrzeug so sehr ins Schwanken, dass ich mich setzen musste, um nicht umzufallen, und gleich hinter Kelang Gak, wo sich ein kleiner Fluss über 50 m hohe Felsen in den Mahakam ergiesst, schlug eine Welle über das Boot. Der grosse Bootsraum füllte sich aber nicht so leicht mit Wasser und da wir uns hier am Ende der Flussenge befanden, beunruhigten wir uns nicht. Im Kenhè werden die Wassermassen durch zwei hohe Felsen in einem sicher nicht über 15 m breiten Bette wie durch einen Trichter gepresst, derart, dass sie in der Mitte wild dahinschiessen, zu beiden Seiten aber einige Meter weit ruhiger strömen. Die Bemannung musste nun das Boot nicht nur in diesem ruhigeren Wasserstreifen zu halten suchen, sondern es auch schneller als die Strömung fortbewegen, da es sonst am hinteren Ende gepackt und mit der Spitze gegen die Felswand oder in das tobende Wasser gedreht worden wäre; in beiden Fällen schlägt das Boot um und zerschellt in der Regel vollständig.
Bevor meine Leute noch längs des Uferpfades _Demmeni_ erreicht hatten, um auch ihn im zweiten grossen Boot durch den Kenhè zu befördern, stieg das Wasser um 6 Meter. Die Felsen am Anfang des Kenhè wurden fast gänzlich überflutet und weiter abwärts geriet die ganze Wasserfläche in Aufruhr und bildete zwei grosse Strudel, über die unser Boot aber noch gut hinwegkam. Schlimmer erging es dem Malaien _Bang W-a_, der mit uns nach Udju Tepu reisen wollte, weil er sich nach der Ermordung seines Halbbruders _Adam_ bei den Bahau nicht mehr sicher fühlte. Der Mann hatte sein kleines Boot hinter das grosse von _Njok Lea_ gebunden, wurde aber vom Strudel losgerissen und verschwand in der Tiefe. Nach einiger Zeit kam er aber, zur grossen Belustigung der Long-Glat, mit seinem Boote wieder nach oben und wurde von ihnen für den Verlust seiner Sachen so reichlich entschädigt, dass er sein Untertauchen kaum zu bereuen hatte. Des mit enormer Schnelligkeit steigenden Wassers wegen machten sich die Leute um die Rotangbündel, die oberhalb der letzten Fälle angebunden waren, Sorgen. Nach einiger Zeit wurden auch die ersten Bündel heruntergetrieben und bei Halt Aja, wo das Wasser stiller wurde, mit vieler Mühe ans Land gezogen. Einige Männer begaben sich zu Fuss wieder nach oben, um auch die übrigen Bündel zu lösen, damit sie nicht hoch auf den Felsen liegen blieben, von wo man sie bei niedrigem Wasserstande nur schwer in den Fluss hätte schaffen können. Viele wurden auf dem Wege nach unten zwischen Felsblöcken und Baumstämmen eingeklemmt und mussten befreit werden. Glücklicher Weise blieben die Bündel heil und kamen, nachdem man auch noch den folgenden Tag mit ihnen zu tun gehabt hatte, wohlbehalten an.
Eine Gesellschaft Buschproduktensucher, Kahájan Dajak, die uns entgegen kam, berichtete, dass sie dem Kontrolleur unterhalb des Kiham Halo, wo er sein Lager aufgeschlagen hatte, begegnet war. Da das Wasser ebenso schnell fiel als es gestiegen war, konnten wir am 7. Mai ruhig nach Long Deho weiterfahren.
Bei unserer Ankunft trafen wir nur den alten Häuptling _Bo Adjang Ledjü_ mit einer grossen Anzahl weiblicher Familienglieder zu Hause. Wir wurden in dem verlassenen Hause des Malaien _Inoi_ empfangen, der aus Bandjarmasin gebürtig und hier einige Jahre als Schreiber und Berater _Bang Joks_ tätig gewesen war. Er hatte mit vielen seiner Stammesgenossen in einer der Schulen, welche die Rheinische Mission in der "Zuider-Afdeeling" errichtet hat, seine Bildung genossen. Auch _Barth_ hatte in seinem Hause gewohnt. Nachdem wir uns eingerichtet hatten, begannen wir Umschau zu halten und die alten Bekannten zu begrüssen.
Obgleich Long Deho ein sehr grosses Dorf ist, eine zahlreiche Bevölkerung enthält und von Händlern von der Küste, die hier vor allem in Buschprodukten Handel treiben, viel besucht wird, sieht es doch baufälliger und vernachlässigter als die Niederlassungen weiter oben am Flusse aus. Dies ist zum Teil der geringen Energie der Bewohner zuzuschreiben, die in Übereinstimmung hiermit unter allen Mahakamstämmen am meisten an Nahrungsmangel leiden.
Der greise _Bo Adjang_, der mich vor zwei Jahren noch humpelnd in meiner Wohnung besucht hatte, war inzwischen so zusammengefallen, dass er abgezehrt und mit geschwollenen Gelenken bewegungslos auf seiner Matratze sass und sich von seinen zahlreichen Töchtern und Frauen pflegen liess. Er musste ungefähr 90 Jahre alt sein, denn er erinnerte sich noch, mit etwa 15 Jahren, _Georg Müller_ 1825 bei seinem Vater gesehen zu haben. _Adjang_ war nämlich der jüngste Sohn des berühmten Long-Glat-Häuptlings _Bo Ledjü Aja_, der seiner siegreichen Kriegszüge wegen als der _Napoleon_ von Borneo bezeichnet worden ist. Da die Bahau in Bezug auf alles, was die Ermordung von _Georg Müller_ betrifft, sehr verschlossen sind, hatte ich mit _Adjang_, als einem Augenzeugen, Bekanntschaft geschlossen. Er erzählte, dass _Georg Müller_ ein Mann mit einem grossen Bart gewesen sei; auch zeigte er min _Müllers_ Feuersteingewehr, das ich ihm abkaufte. _Adjang_ war infolge seines Alters minder zurückhaltend als die anderen und berichtete mir einiges über _Müllers_ trauriges Ende (pag. 281).
Wie ich mich bei _Bo Adjang_ überzeugen konnte, wird die Vielweiberei bei den Long-Glat-Häuptlingen unter malaiischem Einfluss in weit höherem Grade als oberhalb der Wasserfälle betrieben. Von _Adjangs_ zahlreichen Frauen lebten noch fünf, von denen zwei zur Arbeit bereits zu alt waren, drei aber alle Dienste verrichteten, die anderswo den Sklavinnen zufallen. Eine der Frauen war so jung, dass sie erst seit wenigen Jahren seine Gattin sein konnte. Ferner waren vier verheiratete Töchter anwesend, weil der Tod des kranken Vaters jeden Augenblick erwartet wurde.
_Adjangs_ ältester Sohn, _Ibau Adjang_, und zwei Sklavinnen vervollständigten die Familie, deren Zusammenleben durch Zwistigkeiten aller Art so unangenehm geworden war, dass man seit meinem vorigen Besuch ein grosses Wohngemach angebaut hatte, in dem nun zwei Frauen mit ihren Kindern getrennt lebten. In dem gleichen Genrache hatten auch _Ibau Adjang_ und seine Schwester _Dèw Adjang_ ihre eigenen Kammern, in denen sie schliefen und ihr Privateigentum bewahrten.
Am folgenden Morgen hatte ich meine Toilette noch kaum beendet, als vier von _Adjangs_ Frauen bei mir eintraten und meine Tauschartikel, von denen ihnen der Kontrolleur viel erzählt hatte, besichtigen wollten. _Barth_ selbst hatte seinen Vorrat bereits in Long Tepai fast gänzlich erschöpft und so hatte man alle Erwartung auf mich gespannt. Ich fühlte mich der Häuptlingsfamilie gegenüber ohnehin verpflichtet, und da _Bang Jok_ geflohen war, kam meine Freigebigkeit der Familie _Adjang Ledjüs_ zugute. Zuerst musste ich wiederum die Armbänder aus Elfenbein zeigen; vorsichtshalber holte ich auch nur diese aus der Kiste hervor. Von den Frauen hatte keine ein grosses Geschenk von mir zu beanspruchen, aber die einen waren etwas angesehener oder sympathischer als die anderen, so dass ich bald merkte, dass ein Satz Armbänder nicht genügen würde. Die vier vorhandenen Sätze wurden auch sogleich von den Damen in Beschlag genommen, doch sahen sie ein, dass ich sie unmöglich alle abtreten konnte; da sie sich jedoch ebensowenig von den Armbändern zu, trennen vermochten, verfielen sie auf den Ausweg, mir hübsche Perlenmützen und andere kostbare Perlenverzierungen als Gegengeschenk anzubieten. Die einen zeigten sich hierin freigebiger als die anderen, und so gelangte ich in kurzer Zeit zu mehreren schönen Stücken, die ich auf andere Weise nicht hätte erwerben können. Mit diesen Unterredungen und der Behandlung _Adjangs_, den ich von Fieber und Husten befreien sollte, und vieler anderer Kranken verging der Tag. Da ich den günstigen Wasserstand noch benützen wollte, um die folgenden Wasserfälle zu passieren, war ich sehr wenig erbaut, als abends die Nachricht kam, dass es _Njok Leas_ Leuten noch nicht gelungen war, allen Rotang von Hait Aja abzuholen; überdies mussten die Bündel hier von neuem gebunden werden.
_Sekarang_ hatte, durch die Erfahrung belehrt, bereits abends zuvor alle Pflanzen unter dem Palmblattdache des grossen Bootes hervorholen und an Land bringen lassen. Da er dies bei jedem Aufenthalt tun liess, litten seine Pfleglinge nur während der Fahrt durch Hitze, Dunkelheit und schlechte Luft. Sie sahen in der Tat nach unserer Ankunft am unteren Mahakam nicht schlechter als am oberen aus.
Während ich als Arzt einen Rundgang durch die Niederlassung machte, wurde es mir plötzlich klar, warum es mit dem Herbeischaffen des Rotang so langsam vorwärts ging; in der einen Familie, in der sich ein hübsches junges Mädchen befand, traf ich den einen Long-Glat, in einer anderen den anderen u.s.f. Die jungen Leute, die _Njok Lea_ mitgenommen hatte, fanden hier so viele Bekannte und liebe Verwandte, dass sie in den ersten Tagen nur für diese Sinn hatten und _Njok Lea_ nicht viel mit ihnen anstellen konnte. Nachts lag er auch beinahe allein in dem grossen Raume, der den Long-Glat in unserem Hause angewiesen worden war, während die übrigen die Vorrechte genossen, welche die unverheirateten Frauen den Junggesellen gewähren dürfen. Erst am dritten Tage waren alle Bündel geordnet, aber noch nicht zu einem Floss, das man schon hier zusammenstellen wollte, vereinigt worden. Das Wasser war indessen wieder gestiegen und die Geröllbank, die am jenseitigen Ufer den richtigen Wasserstand für das Passieren der unteren Wasserfälle angab, war bereits überschwemmt.
In meiner Besorgnis, durch Hochwasser in Long Deho aufgehalten zu werden, begrüsste ich am anderen Morgen die wenigen Grashalme, die auf der Geröllbank hervortauchten, mit Freude, und da das Wasser stets weiter fiel, suchte ich _Njok_ zur Abreise zu überreden. Der grossen Gefahr wegen weigerten sich viele, aber ich liess alles Gepäck in meine Böte bringen, erstens um in der Nähe des Kiham Udang, des gefährlichsten Falles zu sein, sobald das Wasser eine Fahrt auf demselben zuliess, zweitens um auf die Long-Glat einen Druck auszuüben. _Njok_ zeigte sich endlich, wenn auch zögernd, damit einverstanden, uns in den zwei grossen Böten weiter zu befördern; für die kleinen wäre die Reise zu gefährlich gewesen, was ich nur zu bald selbst merkte, denn obgleich ich früher bereits bei günstigem Wasserstande diesen Teil des Flusses hinabgefahren war, hatte ich nicht gedacht, dass ein Unterschied von zwei Fuss im Niveau des Wassers einen solchen Einfluss auf die Strömung haben könnte. Gleich hinter den beiden, von den Long-Glat abhängigen Niederlassungen Batu Pala und Uma Wak verengt sich das Flussbett von 150 auf 75 m und weiter unten bahnt sich der Fluss zwischen grossen Sandsteinfelsen (Batu Brang), die nur etwa 40 m von einander entfernt sind, einen Weg. Nachdem wir hier mit grosser Geschwindigkeit hindurch gefahren waren, gerieten wir an eine Stelle, wo das gestaute Wasser, das sich plötzlich verbreiten kann, sehr gefährliche Strudel bildet, die wir nur dank der Schwere unserer Böte und der Geschicklichkeit unserer Mannschaft überwinden konnten. Weiterhin wird der Fluss durch hohe, senkrechte Wände wiederum in ein schmales, nur 60-70 m breites Bette gezwängt, so dass ich der stets heftig bleibenden Strömung wegen schliesslich doch bereute, nicht gewartet zu haben. Ich hoffte jedoch auf ein baldiges Fallen des Wassers und bat daher _Njok_, der nach Long Deho zurückkehrte, so schnell als möglich nachzukommen.
Den Udang zu passieren war unmöglich, denn in seiner engen Schlucht schlugen die zusammengepressten Wassermassen in hohen Wellen empor, während halbuntergetauchte Felsen unregelmässige Strömungen verursachten. Dreihundert Meter weiter aufwärts befand sich aber am linken Ufer eine kleine, von Felsen eingeschlossene Bucht, in der bei normalem Wasserstande Sand und Äste blosslagen, jetzt aber zwei Meter tiefes Wasser stand, das zum Unterbringen unserer Böte gerade genügte. _Njok_ begab sich zu Lande nach Long Deho zurück und zwar schweren Herzens, da er mich nicht dazu bewegen konnte, mit ihm zu gehen, und uns allein mit unseren Malaien und Javanern zurücklassen musste. Wir litten jedoch weniger durch den Gedanken an irgend welche Gefahren als durch den Ärger über das Steigen des Wassers und verbrachten im übrigen in unseren Böten eine sehr ruhige Nacht.
Das Wasser war morgens noch nicht gefallen; ich liess daher auf dem hohen Uferwall einen Platz aushauen, auf dem _Sekarang_ die Pflanzen der frischen Luft aussetzen konnte. Kurz darauf erschienen fünf Long-Glat, die _Njok_ in seiner Besorgnis geschickt hatte, um auf uns und unsere Böte zu achten. Sie erzählten, dass _Njok_ am vorigen Abend vor Erregung nicht hatte essen können. In unserem feuchtkalten Schlupfwinkel, in wenigen Metern Abstand vom brausenden Fluss, verbrachten wir drei Tage, während welcher das Wasser abwechselnd 6 m stieg und dann um ebensoviel wieder fiel. Da der Wald sehr steil anstieg, konnten wir uns keine Bewegung verschaffen, doch gewährte das wilde Tosen der Wasser im Kiham Udang einen prachtvollen Anblick.