Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 48

Chapter 483,507 wordsPublic domain

Das Hauptgewicht wird bei den Frauen der Long-Glat und bei denen der weiter unten wohnenden Stämme auf eine geschmackvolle und sorgfältige Ausarbeitung der Schenkeltätowierung gelegt. Wie aus nebenstehende Abbildung (Tafel: Tätowierung E.) ersichtlich, bestehen diese Muster aus drei verschiedenen Teilen, einem Mittelstück, das durch eine Art _klinge, kalong usung tinggang_ (Schnabel des Nashornvogels) genannt, zusammengestellt wird, zwei gleichen Seitenstücken, für die stets als Motiv stilisierte Flugfedern des Argusfasans (_kerip kwe_) verwendet werden, und einem weiteren Hinterstück links, das aus 1 bis 2 Teilen bestehen kann. Dieses letzte Stück, das nach hinten den Abschluss bildet, entlehnt sein Motiv der Zeichnung auf einem Prunkgrab (_song_) und wird _kalong song sepit_ genannt (_sepit_ = Hinterseite der Tätowierung).

Das Mittelstück der Schenkeltätowierung lässt das Knie der Long-Glat-Frauen unbedeckt und weicht hierin von demjenigen der Frauen in Udju Halang ab, bei denen die Tätowierung bis zur halben Kniescheibe herabreicht. Bei diesen Frauen werden die Figuren unten auch nicht, wie bei denen der Long-Glat, durch Linien begrenzt. Während bei den Long-Glat die _klinge tedak_, oder wie sie sie nennen, die _terong betik_, in wechselnder Richtung angebracht werden, richten die Frauen der Uma-Luhat die Figuren stets mit den Tierköpfen nach unten, ausserdem ist bei ihnen die Tätowierung an der Aussenseite des Beines um eine Figurenreihe höher. Die Long-Glat beginnen mit der Ausführung der Tätowierung an der Vorderseite, die Uma-Luhat an der Hinterseite des Beines.

Auf den ersten Blick tragen die Muster bei beiden Stämmen den gleichen Charakter; die Mittelstücke bestehen beinahe stets aus Bögen, deren abgewandte Enden in mehr oder weniger deutliche Tierköpfe auslaufen. Diese stellen entweder den Kopf des Nashornvogels oder, wenn Zähne vorhanden sind, den einer Naga dar. Die Zwischenräume werden mit zierlichen Arabesken ausgefüllt. In diesen Füllfiguren sind die Motive, denen sie ihr Entstehen verdanken, oft sehr schwer zu erkennen; bisweilen treten aber auch hier deutliche Tierfiguren zu Tage. So sind z.B. auf Tafel: Tätowierung F. für die innere Verzierung des _terong betik_ der Long-Glat (Fig. a), bei dem eine doppelte, gleichmässige Nagafigur das Hauptmotiv bildet, zwei Nagaköpfe gebraucht, die sich in der Mitte vereinigen, nur ein Auge besitzen und noch rechts und links zwischen den aufgesperrten Kiefern eine Zunge hervorstrecken. Die Oberkiefer besitzen noch eine Reihe Zähne, die aber nicht mehr mit ihnen in Verbindung stehen. Sowohl die Ober- als die Unterkiefer verlaufen in zierlichen Bögen, die sich mit anderen vereinigen. Die unteren Nagaköpfe haben zu beiden Seiten die Augen eingebüsst, ein seltener Fall; die beiden Kiefer tragen aber noch Zähne.

Vergleicht man die Mittelfigur von a mit der von b, so sieht man, dass diese sich von jener ohne viele Übergänge ableiten lässt, während aber das ursprüngliche Kopfmotiv in a noch deutlich erkennbar ist, ist e an und für sich nicht verständlich.

Die Motive, welche den Tätowierungen der Frauen zu Grunde liegen, sind in allen Ständen die gleichen, nur sind auch bei diesen Stämmen der Entwurf und die Ausführung bei Häuptlingsfrauen besser als bei Sklavinnen, auch sind die Figuren bei jenen oft grösser (Tafel: Tätowierung G., Fig. d, Tätowiermuster einer Sklavin; Tafel: Tätowierung H., Fig. e und f, Tätowiermuster angesehener Frauen). Die Anzahl Reihen zur Füllung der Vorderseite ist bei den Sklavinnen dementsprechend grösser.

Alle diese Figuren werden mit zwei _terong betik_, einer rechten und einer linken Hälfte, auf das Bein abgedrückt. Einfachere Figuren, die vom Schnitzkünstler weniger sorgfältig bearbeitet worden sind, zeigen bisweilen asymmetrische Hälften. Von den Figuren a und b wollte man mir nur eine Hälfte verkaufen, daher sind die Figuren bei der Konstruktion symmetrisch geworden; dagegen sind d, e und f mehr oder weniger asymmetrisch.

Völlig abweichend ist die alte Form der Uma-Luhat (Fig. c), die ebenfalls für das Mittelfeld der Schenkeltätowierung benützt wird In den 4 Ecken finden wir je den stilisierten Kopf eines Nashornvogels.

Berücksichtigt man, dass es mir nur ab und zu glückte, das Tätowiermuster einer Frau käuflich zu erwerben, und dass ich durchaus nicht immer das Schönste erlangen konnte, so kann man sich den Formenreichtum denken, der diesen Stämmen zur Verzierung einer viereckigen Fläche, auf der als Motiv nur ein Bogen angegeben ist, zu Gebote steht. Der den unentwickelteren Völkern so häufig gemachte Vorwurf, dass ihre Kunst von Armut zeuge, trifft für die Bahau in diesem Fall nicht zu.

Das Gleiche gilt auch für die Seitenstücke, die rechts und links vom Mittelfelde angebracht werden und die stets Stilisierungen von Federn des Argusfasans vorstellen. Die Long-Glat bezeichnen sie als "_kenjuj jauk du_". Auch hier habe ich das kaufen müssen, was man mir gerade abtreten wollte. So ist von den Mustern, die ich erhielt, nur dasjenige für die Schenkeltätowierung der Long-Glat vollständig; dagegen fehlen bei den fünf (Tafel: Tätowierung I.) abgebildeten Mustern bei a und b das obere Ende, während c, d und e nur kleine Stücke des Ganzen vorstellen.

Alle diese Muster haben die schönen Augen auf den langen Flugfedern (_kerip_) des Argusfasans (_kwe_) zum Motiv und es spricht für die Phantasie der Bahau, dass sie die auch im übrigen schöne Zeichnung auf der Feder nicht ohne weiteres übernommen, sondern sie durch eigene Erfindungen ersetzt haben.

Die Entwürfe beweisen, dass die betreffenden Künstler nicht an Gedankenarmut gelitten haben, denn betrachtet man ein Muster von oben nach unten, so sieht man, dass das Motiv an verschiedenen Stellen verschieden behandelt worden ist. Dass die Figuren nicht immer symmetrisch sind, muss einer nachlässigen Bearbeitung zugeschrieben werden, da die wirklich guten Schnitzkünstler stets auf Symmetrie achten.

Als Schlussstück zwischen den beiden stilisierten Federn auf der Hinterseite der Schenkel gebraucht man ein _terong betik_, zwischen dessen beiden Hälften die Frauen der Uma-Luhat einen 1 cm breiten Raum lassen. Auch bei den Long-Glat besteht dieses Schlussstück aus zwei Teilen, aber nicht ausnahmslos, wie aus dem sehr schönen Beispiel eines _song sepit_ auf Tafel: Tätowierung J, Fig. e zu ersehen ist.

Die verschiedenen Arten _song sepit_, vom einfachsten bis zum kompliziertesten, sind auf der gleichen Tafel in Figur a, b, c, d neben einander abgebildet. Das _song sepit_, das für die abgebildete Schenkeltätowierung einer Long-Glat verwendet worden ist, stellt sich der Fig. e würdig zur Seite. Obgleich diese Figur asymmetrisch ist, da die eine Hälfte breiter als die andere, hat der Künstler den langen, schmalen Raum doch mit bewundernswerter Geschicklichkeit zu füllen verstanden.

Zu dem Reichtum von Fig. e stehen die schlichten, strengen Formen von d in scharfem Gegensatz. Hier ist die Symmetrie viel besser durchgeführt. Am Holzmodell ist auch deutlich zu sehen, dass es von einem geübten Künstler herrührt; denn das Relief ist besonders scharf und tief ausgeschnitten.

Da alle abgebildeten Figuren _song sepit_ vorstellen, ist es begreiflich, dass die Hauptlinien den gleichen Charakter tragen, doch machen sich bei ihnen, wie bei den Stilisierungen der Feder des Argusfasans, individuelle Verschiedenheiten geltend.

Für die Knöchel gebrauchen die Long-Glat u.a. stets ein Band, das aus sechzehn 3 mm breiten Linien, welche mit ebenso vielen Streifen von der natürlichen Hautfarbe abwechseln, besteht. Das Band wird _tedak aking_ genannt.

Die Füsse werden bei den Frauen dieser Stämme nach Art der Mendalam Kajan tätowiert; nur werden die Streifen stets ganz gefüllt; besondere Figuren werden nicht angebracht.

Für die Tätowierung der Rückseite von Puls und Hand verwenden die Frauen der Long-Glat zwei verschiedene _terong betik_, die durch 4 gerade Linien getrennt werden. Die oberste Figur wird auf die Rückseite von Unterarm und Puls, die folgende auf die Mittelhand tätowiert. Zu den Fingern hin folgen wieder 4 gerade Linien und auf den Gelenken zwischen den Knochen der Mittelhand und der ersten Fingerglieder wird eine Reihe Dreiecke angebracht. Das erste Viereck liegt auf dem ersten Fingerglied, das zweite auf dem zweiten; das Nagelglied bleibt frei, nur das Nagelglied des Daumens erhält einen Fleck.

Als Beispiel für Handtätowierungen der Long-Glat mögen die beiden Figuren a und b auf Tafel: Tätowierung K. gelten. Die zwei _klinge tedak_ von Fig. a stammen aus Long Tepai; das Muster wird _betik kule_, Panthermuster, genannt, weil es das gefleckte Fell eines Panthers nachahmen soll. Dies ist ein seltener Fall, da gewöhnlich nur die Köpfe der Tiere als Motive verwendet werden. Die schwarzen Flecken auf dem Fell des Borneoschen Panthers sind besonders bei der obersten Figur gut getroffen und geschmackvoll stilisiert, in der untersten Figur treten sie weniger deutlich hervor.

Fig. b trägt einen anderen Charakter. Hier ist nur in dem unteren Teil ein Tierornament zu erkennen und zwar in den symmetrisch angebrachten Köpfen des Nashornvogels, die nur aus Auge, Schnabel und Horn bestehen. Die oberste Verzierung von b, in welcher ein Motiv kaum zu erkennen ist, zeichnet sich durch eine bedeutende Asymmetrie aus. Dass diese Asymmetrie in einer Tätowierung der Bahau keine grosse Störung hervorruft, geht aus der Tätowierung der Kajanfrau vom oberen Mahakam hervor (Tätowierung L.). Die obere und die untere Figur waren auf die beiden Seiten desselben Brettes geschnitten. Während die erstere nun stark asymmetrisch ist, hat derselbe Künstler auf der anderen Seite eine beinahe symmetrische Verzierung hergestellt. In der oberen Figur ist ein Tiermotiv nicht leicht zu erkennen, dagegen führen in der unteren die beiden Augen rechts und links in der Mitte wiederum auf zwei Köpfe und zwar, wie das gebogene und das gerade Horn und der grosse Schnabel andeuten, auf die des Rhinozerosvogels.

Die drei Handtätowierungen, die mit den Tätowierbrettchen der Uma-Luhat zusammengestellt wurden, haben einen eigenen, von dem der Long-Glat abweichenden Stil (Tafel: Tätowierung L. und M. Die Verzierungen sind nicht so reich und fein ausgearbeitet als die der Long-Glat, auch ist das Relief niedriger und breiter. Dass auch die Uma-Luhat Tiermotive für ihre Ornamente verwenden, zeigt die oberste Figur von a, bei der zwei mit Zähnen bewaffnete Köpfe deutlich zu unterscheiden sind.

Fig. b auf Tafel: Tätowierung M. zeigt, in welcher Weise die Künstler eine Figur von der anderen ableiten. In der linken, oberen Ecke der unteren Verzierung ist ein Auge angegeben, von dem aus sich ein mit Zähnen versehener Kiefer nach innen und unten erstreckt. In der rechten Ecke befindet sich im Grunde die gleiche Verzierung, aber durch die Verbindung des Auges mit der weissen Linie, welche sich zwischen den zwei schwarzen befindet, ist die gleiche Figur entstanden, die wir bei der Armtätowierung der Kajan am Mendalam finden; doch ist sie dort aus der Stilisierung eines Eulenauges mit dem Bug eines Bootes hervorgegangen.

Die Kenjastämme vom oberen Kajan tätowieren sich auf die gleiche Weise wie die Bahau. Sie zeigen aber einige Eigentümlichkeiten, die um so bemerkenswerter sind, als die Kenja noch den ursprünglichen Zustand dieser Stämme repräsentieren.

Der Busang sprechende Stamm der Uma-Lekèn tätowiert auf eine andere Weise als die übrigen Kenjastämme, die ihren eigenen Dialekt besitzen. Als Beispiel für die eigentliche Kenjatätowierung mag die alte Methode der Uma-Tow dienen (Tafel: Tätowierung N), die neuerdings aber mehr und mehr durch die der Uma-Lekèn, welche derjenigen der Kajan am Balui und Mendalam gleicht, verdrängt wird. Die Frauen der Uma-Lekèn reisen daher jährlich zu den anderen Stämmen am oberen Kajan, um sie zu tätowieren.

Die Männer der Kenja tätowieren sich sehr wenig und nur zum Schmuck. Sie erzählten mir, dass die Baliau die Sitte, sich nach begangenen Heldentaten tätowieren zu lassen, von den Bukat übernommen haben.

Die alte Tätowierung der Frauen vom Stamme Uma-Tow besteht in der Hauptsache in einer Verzierung der Hände, Arme und Beine. Die Armtätowierung zeigt unterhalb des Ellbogens ein breites Band, das an der Innenseite einen 2 cm breiten Hautstreifen frei lässt (Tafel: Tätowierung N. Fig. a). Von dem Bande verlaufen bis zu den Fingernägeln Längsstreifen, die nur zweimal von Querlinien von der natürlichen Hautfarbe unterbrochen werden. Dies ist durchaus die _danau_-Tätowierung, welche früher bei den Busang sprechenden Baliau angewandt wurde.

Die Beinverzierungen sind auf der gleichen Tafel in Fig. b, c, d, e, f abgebildet; sie werden so angebracht, dass b vorn auf dem Schenkel oberhalb des Knies, e an der Aussenseite des Beins, d unterhalb der Kniescheibe längs des Schienbeins, e darunter und f an der Innenseite des Beins zu liegen kommt. Ferner tätowieren sie auf die Wade, unter der Kniekehle, eine Verzierung, die dem Mittelstück von c gleicht.

Von den Frauen der Häuptlingsfamilie ist jedoch keine mehr auf diese Weise geschmückt, diese lassen sich alle von den Frauen der Uma-Lekèn tätowieren und viele _panjin_ folgen ihrem Beispiel.

Die Tätowierungen der einfachen und die der angesehenen Frauen unterscheiden sich hauptsächlich durch die Anzahl der verwendeten _iko_, Schwanzlinien, (Tafel: Tätowierung O. und P.). Die Kenjafrauen tragen bis zu 16 solcher Linien, die bis auf die halbe Wade hinunterreichen. Die _klinge_, die für die Lekèn-Tätowierung bei den Kenja gebraucht werden, sind sehr zahlreich. Hier ist die Tätowierung einer vornehmen Frau wiedergegeben, der allein das Recht zusteht, ein Muster mit zwei Hundeköpfen zu gebrauchen, ferner die einer _panjin_, bei der das Tiermotiv in den Hintergrund tritt.

An der Aussenseite des Schenkels reicht die Tätowierung bis zum halben Gesäss, an der Innenseite dagegen nur bis zur Schenkelfalte. Überdies sind die Figuren an der Innenseite des Schenkels spärlicher, weil die Haut an diesen Stellen besonders empfindlich ist. Die brauen lassen sich diese Tätowierung vor ihrer Heirat anbringen und zwar erst auf der Hinterseite des Schenkels, dann auf dem Knie und schliesslich auf der Vorderseite.

Die Handtätowierung der Kenjafrauen stimmt im wesentlichen mit der der Mendalam Kajan überein.

KAPITEL XX.

Reise zur Küste: von Long Blu-u nach Long Tepai--Passieren der westlichen Wasserfälle--Flössen des Rotang--In Long Deho bei _Bo Adjang_--Aufenthalt wegen Hochwassers--Ertrinken zweier Long-Glat--Ankunft _Kwing Irangs_--Weiterreise mit den Kajan--Passieren des Kiham Udang--Wiedersehen mit dem Kontrolleur in Long Bagung--Begegnung mit Kenja--Über Uma Mehak, Udju Halang, Ana und Tengaron nach Samarinda.

Am 13. April fand unsere langersehnte Abreise von Long Blu-u endlich statt. Die Kajan, die durch den Bau ihrer eigenen Wohnung und andere Arbeiten daran verhindert waren, uns zur Küste zu begleiten, brachten uns jetzt nach Long Tepai, teils um etwas zu verdienen, teils um auch etwas für uns getan zu haben. Am ersten Taue fuhren wir bis Batu Sala, übernachteten dort und trafen bereits am Vormittag des folgenden Tages in Long Tepai ein.

Das Flusstal verbreitert sich vom Batu Mili an; unmittelbar an den Ufern befinden sich nur wenige Hügel und erst in grösserem Abstand sind einige Berge sichtbar. Zwischen den zahlreichen Inseln bei Lulu Njiwung wählt man, je nach dem Stand des Wassers, um die vielen Stromschnellen zu vermeiden, ein verschiedenes Fahrwasser. Von der Mündung des Merasè an tragen die flachen Ufer nur Gestrüpp, niedrigen Wald und einige Reisfelder. Bei Long Tepai erreichen die Ausläufer des Batu Lesong, der sich hier dem Mahakam nähert, dessen Ufer.

Long Tepai stellt oberhalb der Wasserfälle die wichtigste Niederlassung der Long-Glat vor, weniger ihrer Grösse, als der Persönlichkeit ihres Häuptlings _Bo Lea_ wegen. Der Häuptling von Lulu Njiwung, _Ding Ngow_, ist in bezog auf seine Geburt zwar vornehmer, er ist aber ein junger, unbedeutender Mann, während _Bo Lea_ als bejahrter Mann und energische Persönlichkeit, trotzdem er nur der Sohn einer _panjin_ ist, in den Augen der Bahau viel mehr Ansehen geniesst. Sein Einfluss lässt sich bereits daraus beurteilen, dass bei der Teilung der Niederlassung Lirung Ban die meisten Bewohner ihm folgten (pag. 281). Als ich mich im Jahre 1896 nach dem oberen Mahakam begab, gereichte es meinem Geleite von Mendalam Kajan zur grossen Beruhigung, dass _Bo Lea_ mit meiner Expedition einverstanden war. Nachdem ich in Long Blu-u zurückgeblieben war, begab sich _Akam Igau_, nur um sich _Bo Lea_ vorzustellen, nach Long Tepai. Bei meinem Besuch in Long Tepai hatte ich damals das Glück gehabt, den Häuptling von einer akuten Diarrhoe, die ihn an den Rand des Grabes gebracht hatte, kurieren zu können.

Alle schreckenerregenden Berichte, die ich über _Bo Lea_ zu hören bekam, liefen, wie ich später merkte, darauf hinaus, dass er seine Rechte in bezug auf die Erzeugnisse des Waldes den Malaien gegenüber besser als die anderen Häuptlinge zu wahren wusste und dass jene sich bei ihm weniger breit als anderswo machen durften. Seine Massregeln waren allerdings oft hart, entsprachen aber seiner Natur und waren übrigens auch vom europäischen Standpunkt gegenüber Vagabunden, wie die Malaien es sind, die mit allen Mitteln, die ihren Kopf nicht gefährden, bei den Bahau ein Schlaraffenleben zu führen versuchen, durchaus gerechtfertigt.

Da er, wie alle übrigen Häuptlinge, von Banden, die gegen eine Vergütung von 10% seine Wälder auf Guttapercha und Rotang durchsuchten, sehr bestohlen wurde, hatte er zwei Mal einer Gesellschaft, die die gewonnenen Produkte ohne Bezahlung auf Seitenwegen fortschaffte, ihren ganzen Vorrat abgenommen. Die Schuldigen sorgten dafür, dass diese Tat ruchbar wurde und die an dergleichen energische Massregeln nicht gewöhnten Bahau fanden sie gewalttätig und hart. Übrigens erging es den Malaien bei _Bo Lea_ doch noch besser als bei _Belarè_, bei dem sie sich überhaupt nicht niederlassen durften.

Bei meiner Ankunft hausten in _Bo Leas_ Galerie so zahlreiche Buschproduktensucher, dass ich es vorzog, bei einem niedrigeren Häuptling, _Bo Ibau_, der mit _Kwing Irangs_ Schwester _Uniang_ verheiratet war, meinen Einzug zu halten. Die Kajan waren hiermit natürlich sehr einverstanden, aber aus politischen Gründen hätte ich lieber bei _Bo Lea_ gewohnt, da die Häuptlinge ein Wohnen unter ihrem Dache sehr hoch schlitzen. _Bo Ibau_ stellte uns seine neue, 18 m lange und 8 m breite Galerie gänzlich zur Verfügung.

Fast alle Hausbewohner befanden sich der Ernte wegen auf den Reisfeldern. Im Hause traf ich nur _Bo Ibau_ mit seiner kranken, kleinen Tochter. _Barth_ hatte das Kind bereits zu behandeln versucht, aber es hatte das bittere Chinin nicht einnehmen wollen und litt noch fortwährend an chronischen Malariaanfällen, auch sah es kachektisch aus und zeigte eine starke Hypertrophie von Leber und Milz. Ich verspürte jedoch wenig Lust, mich dem verwöhnten Kinde viel zu widmen und interessierte mich mehr für das, was von dem Kontrolleur und seiner Reise nach Long Deho bekannt war als vorsichtiger Mann wollte mir _Ibau_ über diesen Gegenstand nichts mitteilen und erklärte, dass ich _Njok Lea_, den ältesten Sohn des Häuptlings, der den Kontrolleur selbst nach Long Deho begleitet hatte, hierüber befragen müsse. Da _Njok_ erst abends vom Felde zurückkehrte, machte ich, nachdem ich unseres Gepäckes wegen einige Anordnungen getroffen, einen Gang durch die Niederlassung, um die seit meinem letzten Besuch staugefundenen Veränderungen zu besichtigen.

Die Niederlassung macht einen gut unterhaltenen, aber alten Eindruck, da man zum Bau altes Material, hauptsächlich Pfähle und Querbalken aus Eisenholz, von Lirung Ban, benützt hatte. Hinter dem langen, hohen Hause am Ufer, in dem 16 Familien wohnen, steht ein zweites, gleich langes Haus, das mit dem ersten durch Bretterstege verbunden ist. Sowohl diese Häuser als die anderen und die der Häuptlinge _Bo Lea_ und _Bo Ibau_ sind durch derartige Stege verbunden, so dass man die ganze Niederlassung, ohne den Boden zu berühren, passieren kann.

Während unter den Häusern der meisten Bahau nur die nackte Erde mit allen Abfällen des Hauses zu sehen ist, ist der Boden unter den Wohnungen der Long-Glat zur Hälfte gedielt, auch führen von hier aus in jede Einzelwohnung Treppen. Der übrige Teil des Raumes ist durch Verschläge, in denen Ferkel oder besonders schöne Schweine gezogen werden, eingenommen. Die Long-Glat bauen ihre Häuser ohne Galerieen, die ihnen unterworfenen Stämme haben sich aber, trotzdem sie über ein Jahrhundert mit ihnen zusammenwohnen, neben anderen Eigentümlichkeiten, auch ihren alten Baustil erhalten. Ihre langen Häuser ruhen, wie die der übrigen Bahau, auf Pfählen und besitzen eine durchlaufende Galerie. _Bo Leas_ Haus liegt unterhalb derjenigen der übrigen Long-Glat, dann folgen die der Ma-Tuwan, Batu-Pala und Long-Tepai.

Ein Glied der Häuptlingsfamilie der Ma-Tuwan erzählte mit Stolz, dass der Kontrolleur die letzten Tage in ihrer Galerie gewohnt hatte, aus Furcht, durch das _lali parei_ der Long-Glat aufgehalten zu werden, da er beim ersten Fallen des Wassers weiterreisen wollte. Der Felsblock, an dem der Wasserstand abgelesen wurde, war aber während der ganzen Verbotszeit der Long-Glat unter Wasser geblieben, so dass der Kontrolleur sich längere Zeit bei ihnen hatte aufhalten müssen. Zu meiner Zufriedenheit hörte ich, dass die Frau des Häuptlings ihren ganzen Satz _klinge tedak_ (Tätowierbrettchen) dem Kontrolleur verkauft hatte. Ich hatte nämlich _Barth_ gebeten, jede Gelegenheit, schöne Gegenstände aufzukaufen, zu benützen, und ihn mit allem Nötigen versehen.

Spät abends kehrte _Njok Lea_ von seinem Reisfeld am Tepai zurück; man schien ihn vor uns gewarnt zu haben, denn er liess seine Familie und, die seines Vaters auf dem Felde übernachten. Er empfand eine gewisse Genugtuung, dass es den Kajan noch immer nicht geglückt war, die Reise mit mir zu unternehmen, auch berichtete er mit Stolz, dass er dem Kontrolleur nach Long Deho das Geleite gegeben hatte und dass er ihn noch weiter gebracht hätte, wenn der Kontrolleur nicht dort auf mich hätte warten wollen. Er erzählte ferner, dass _Bang Jok_ unterhalb der Wasserfälle einen Wachtposten aufgestellt hatte, um ihn, sobald wir nach unten kämen, zu benachrichtigen, und dass er damals mit Frau und Kindern sein Haus eiligst verlassen hatte. Der alte Häuptling _Bo Adjang Ledjü_ und dessen Familie waren aber zu Hause geblieben und hatten _Barth_ freundlich empfangen.

Obgleich sie vom Kontrolleur bereits gut bedacht worden waren, kehrten die Häuptlingsfamilien in den folgenden Tagen von ihren Reisfeldern heim, um auch von mir Geschenke in Empfang zu nehmen. Glücklicher Weise hatte ich darauf gerechnet und von Anfang an einige Sachen bei Seite gelegt. Es zeigte sich, dass der Satz Armbänder aus Elfenbein, den ich einstens _Hinan Lirung_ gegeben hatte, seine Wirkung bis hierher geltend machte, denn _Bo Lea_ bat sich für seine Frau den gleichen Schmuck aus. Ich ging bei der Austeilung der Geschenke mit Überlegung zu Werke, da ich sehr viele Menschen und noch dazu nach ihrem Range zu beschenken hatte. Darauf blieb mir nichts weiter zu tun übrig, als Patienten zu behandeln und auf den Neumond zu warten, an dem _Kwing Irang_ kommen sollte. Als ich von diesem nichts hörte und einige Gerüchte über seine Ankunft sich als falsch erwiesen, wuchs meine Ungeduld aufs neue. Des hohen Wasserstandes wegen kamen auch aus Long Deho keine Böte heraufgefahren, so dass ich sehr froh war, als sich vier Fremde dazu überreden liessen, mit einem kleinen Boot, das sie über die Felsen tragen oder ziehen konnten, nach Long Deho zu fahren, um dem Kontrolleur einen Brief zu übergeben.