Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 47

Chapter 473,447 wordsPublic domain

Solange die Künstlerinnen kleine Kinder haben, dürfen sie ihr Amt nicht ausüben. Den höchsten Lohn, einen Gong, dürfen sie erst nach 20 jähriger Amtstätigkeit fordern. Vor dieser Zeit müssen sie sich mit bescheideneren Löhnen, die in Perlen und Zeugen bestehen, begnügen. Sobald eine Künstlerin eine der genannten Vorschriften vernachlässigt, dunkeln ihre Linien nicht nach oder sie wird krank und stirbt.

Der Tätowierberuf ist insofern erblich, als eine junge, Frau die beste Gelegenheit hat, die Kunst von einem älteren Familiengliede zu erlernen.

Bisweilen bilden sich die Frauen, um von einer Krankheit zu genesen, zu Tätowierkünstlerinnen aus. Bleibt nämlich eine ärztliche Behandlung seitens einer Priesterin erfolglos, so rät man der Kranken, sich durch einen Schutzgeist vom _Abu Lagan_ zur Künstlerin inspirieren zu lassen, um gleichzeitig mit dessen Hilfe die verlorene Gesundheit wiederzufinden. Die Frauen können sich aus diesem Anlass nur zu Priesterinnen oder zu Tätowierkünstlerinnen, die Männer auch zu Schmieden und Hirschhornschnitzern beseelen lassen.

So erlebte ich selbst, dass _Uniang Anja_, die zweite Frau von _Kwing Irang_, als sie von den Folgen eines Abortus nicht genesen konnte, sich von einer anderen Priesterin mit einem Geist der Tätowierkunst beseelen liess, nachdem sie früher bereits, für eine andere Krankheit, einen Geist der _dajung_ hatte herbeirufen lassen.

Die Frauen der Bahau und Kenja dürfen sich nur zu bestimmten Zeiten tätowieren lassen, da für die Dauer der Tätowierperiode die ganze Familie Verbotsbestimmungen unterworfen ist. Meistens wird nach der Reissaat, in der Jäteperiode, tätowiert, da für dergleichen dann am meisten Zeit vorhanden ist.

Bei den Kajan am Mendalam ist in der Saatzeit das Blutvergiessen verboten, daher auch das Tätowieren.

Befindet sich eine Leiche im Hause, so muss das Tätowierverfahren bis nach dem Begräbnis verschoben werden.

Zwei weitere Gründe, die eine schnelle und vollständige Ausführung der Tätowierung verhindern, bestehen, besonders bei den Mädchen, in der Furcht vor Schmerz und in dem Unvermögen, die für eine vollständige Tätowierung erforderliche Summe von 25-30 fl. aufzubringen. Die Prozedur wird ferner auch durch böse Träume, wie z.B. von Hochwasser, das starke Blutung bedeutet, aufgehalten oder vollständig unterbrochen, so dass man häufig unvollständig oder gar nicht tätowierten Frauen begegnet.

Eine Frau der Long-Glat muss an jedem Tage, an dem sie tätowiert wird, als Zuspeise für die Künstlerin ein schwarzes Huhn schlachten. Für die Männer sind die erwähnten Hinderungsgründe von weit geringerer Bedeutung, da ihre Tätowierung eine viel unvollständigere ist.

Bei den Kenja darf die Operation nicht im Hause, sondern nur in eigens zu diesem Zwecke erbauten Hütten stattfinden. Die männlichen Familienglieder müssen sich während der Tätowierperiode in Baumbast kleiden, auch müssen sie die ganze Zeit über im Hause anwesend sein. Befinden sich die Männer auf Reisen, so darf kein weibliches Familienglied tätowiert werden.

Beim Kenjastamm der Uma-Tow darf nur dann tätowiert werden, wenn sich gleichzeitig auch die Tochter eines vornehmen Häuptlings behandeln lässt. Ist diese aber, etwa infolge eines Trauerfalls, verhindert, sich der Operation zu unterwerfen, so dürfen sich die Mädchen des ganzen Stammes nicht tätowieren lassen.

Die Ulu-Ajar Dajak benützen zum Tätowieren ein Instrument, das aus einer 10 cm langen und 1 cm breiten Kupferplatte besteht, die vorn rechtwinklig gebogen in einen scharfen Zahn endigt. Der Zahn wird in die nicht gespannte Haut getrieben, indem man mit einem kleinen Holzstück leicht auf die Kupferplatte klopft.

Die Bahau- und Kenjafrauen tätowieren mit einem rechteckig gebogenen Holzstück (_ulang brang)_, in welches 2 bis 3 kupferne Nadeln mittelst Guttapercha befestigt sind (Siehe Tafel: Pfeilköcher, Giftbrett u.s.w. Fig. u). Sowohl dieser Nadelhalter als auch der mit Baumwolle umwundene hölzerne Klopfer (_tukul ulang_, Fig. v) sind oft mit schönen Schnitzereien verziert. Die Künstlerin verfährt folgendermassen: Nachdem sie die Tätowiermuster mit dem gebräuchlichen Färbemittel, einem Gemenge von Wasser und Russ des weissen Damaraharzes, auf die Haut gedrückt hat, taucht sie die Nadeln in ein Gefäss (_bungan tedak_, Fig. t) mit derselben Flüssigkeit und treibt mit diesen Nadeln die Kohlenteilchen unter die Haut, indem sie mit dem Klopfer auf den Nadelhalter schlägt. Dieser ruht, um besser regiert werden zu können, mit dem Stiel auf einem Kissen. Die Operation veranlasst anfangs eine unbedeutende Blutung, nur da, wo dickere Linien ein wiederholtes Eindringen der Nadeln erfordern, mischen sich einige Blutstropfen mit dem überschüssigen Färbemittel und werden von einer Gehilfin entfernt. Die Patientin sitzt oder liegt während der Operation am Boden, die Künstlerin und deren Assistentin nehmen einander gegenüber, zu beiden Seiten des zu bearbeitenden Teiles, Platz und halten mit den Zehen die Haut gespannt (Siehe nebenst. Tafel).

Werden empfindliche Körperteile tätowiert, so krümmen sich die Mädchen vor Schmerz und weinen; oft haben sie auch später noch viel durch eine hinzugetretene Entzündung zu leiden. Eine vollständige Schenkeltätowierung kann am Mendalam in drei Tagen beendet werden; der zweite Schenkel wird erst, nachdem der erste geheilt ist, vorgenommen. Die Gliedmassen werden in folgender Reihenfolge tätowiert: Hand, Fuss, Unterarm und Schenkel. Der ganze Prozess dauert unter Umständen zwei Jahre.

Obgleich die Kajan viel geschickter und mit geringerem Blutverlust als die Ulu-Ajar Dajak tätowieren, tritt an den operierten Stellen doch stets eine kleinere oder grössere Schwellung auf; häufig auch eine ernsthafte Entzündung. Verschwindet diese bald, so erhält man später dunkle, scharfe Linien, tritt dagegen eine Ulzeration mit starker Narbenbildung auf, so verliert die Zeichnung viel an Deutlichkeit und verschwindet sogar, wenn ein Keloid entsteht, vollständig, denn das Keloid verdeckt die Figur und die Ulzeration verursacht ein Ausstossen der Kohlenteilchen. Nachdem die Entzündung und eventuell die Ulzeration geschwunden sind, werden die dunklen Linien der Figuren durch das junge Narbengewebe verdeckt und erscheinen dadurch blass, ausserdem tritt dieses aus der Umgebung reliefartig hervor. Nach dem Einschrumpfen des Narbengewebes werden die Farben wieder gut sichtbar. Dank dem sorgfältigen Verfahren der Kajan bemerkt man auch auf stark tätowierten Schenkeln und Armen nur wenig Narbengewebe. Haben die Figuren dennoch zu stark durch die Entzündung gelitten, so lassen manche sie durch die Künstlerin überarbeiten.

An die reiche Tätowierung der Frauen knüpft sich der Glaube, dass man einst nach ihrem Tode ihre Knochen an der Imprägnierung mit schwarzen Kohlenteilchen wird unterscheiden können. Am Mahakam, ursprünglich wohl auch am Mendalam, herrscht nämlich zum Teil noch die Sitte, dass die Knochen der Verstorbenen nach einigen Jahren von ihren Angehörigen gesammelt und in einer Urne in Grabhöhlen niedergelegt werden.

Die Tätowierungen sind nicht nur für die verschiedenen Stämme, sondern auch für die verschiedenen Stände innerhalb eines Stammes charakteristisch. Übrigens ist die Sitte des Tätowierens, wie jede andere Mode, der Veränderung unterworfen und zwar hauptsächlich deswegen, weil auch bei den Bahau die Niederen mit den Höheren zu wetteifern streben und die Tätowierung der Häuptlinge erst von den Freien und dann von den Sklaven nachgeahmt wird. Derartige Nachahmungen finden auch unter den Stämmen statt; so haben die früher mächtigen Long-Glat ihre Tätowiermethode bei den anderen Mahakamstämmen eingeführt. In den 30-40 letzten Jahren ist sowohl am Kapuas als am Mahakam bei den niederen Ständen die alte Art der Tätowierung durch die neue verdrängt worden.

In früheren Jahren trugen am Mendalam, wie _Akam Igau_ sich noch erinnerte, nur die Häuptlingsfrauen Schenkelverzierungen; bei den gewöhnlichen Frauen war damals nur eine gleichmässig schwarze Bedeckung der Unterschenkel und Füsse gebräuchlich, wobei nur einige schmale Linien von natürlicher Hautfarbe als Umgrenzung rautenförmiger Flächen freigelassen wurden. Man bezeichnet diese Art der Tätowierung als _tedak danau_ = Seeentätowierung. Ich sah nur noch ein sehr altes Mütterchen auf diese Weise verziert.

Nach Auffassung der Kajan ist die Tätowierkunst auch den Tieren nicht ganz unbekannt, denn es beschlossen einst die Krähe von Borneo und der Argusfasan, sich gegenseitig ihr früher sehr schlichtes Gefieder zu verzieren. Die kluge Krähe, die sich sehr gut auf das Tätowieren verstand, machte sich sogleich ernsthaft ans Merk und es gelang ihr auch nach angestrengter Arbeit, ihren Freund prachtvoll zu schmücken. Darauf bemühte sich der Argusfasan, der Krähe den gleichen Dienst zu erweisen. Der Fasan ist aber ein dummer Vogel, auch merkte er bald, dass er der Arbeit nicht gewachsen war, daher nahm er die ganze schwarze Farbe und verteilte sie gleichmässig auf das Gefieder seines Freundes; seit der Zeit tragen sie beide ein so verschiedenes Gewand.

Bei sämtlichen Bahau am Mendalam trifft man die gleiche Art der Tätowierung. Die Männer schmücken sich der Reihe nach Schultern, Brust, Ober- und Unterarm mit Rosetten und stilisierten Hundeköpfen. Die Schulterrosette erhält der junge Mann, bevor er noch an einem grossen Handelszuge oder an einer Kopfjagd teilgenommen hat, für die übrigen Verzierungen wird aber eine derartige Gelegenheit abgewartet und, da die Tätowierungen in der Regel während des Zuges ausgeführt werden, wählt man für sie die typischen Muster der besuchten Stämme. Dieser Brauch wird aber nicht streng eingehalten; will ein junger Mann sich auch ohne Verdienste, aus Eitelkeit, tätowieren lassen, so steht ihm nichts im Wege.

Die Häuptlinge lassen sich viel weniger und seltener als die freien Kajan und Sklaven tätowieren; sie tragen selten mehr als eine Schulterrosette.

Die Tätowierung des linken Daumens und eine Schenkelverzierung werden den sehr tapferen Männern vorbehalten; am Mendalam war niemand vorhanden, der letztere besass, und eine Tätowierung des linken Daumens trug nur _Akam Lasa_, der Häuptling der Ma-Suling. Dass einige vielgereiste Männer, wie _Akam Igau_, keine Tätowierungen besitzen, ist dem Einfluss der Malaien zuzuschreiben, der am Mendalam bereits so bedeutend ist, dass, wie früher erwähnt, _Akam Igau_ seinem ältesten Sohne in Bunut eine malaiische Erziehung hatte geben lassen.

Auch die Männer werden von Frauen tätowiert. Tandjong Karang besass zwei sehr gute Tätowierkünstlerinnen. Eine andre, _Unjang Pon_, war 1894 von Lulu Njiwung am Mahakam nach dem Mendalam gereist. Da sie schöne _klinge tedak_ im Mahakamstil besass, liessen sich viele junge Leute von ihr tätowieren.

Die Tätowiermuster werden von den jungen Leuten selbst oder von deren Freunden verfertigt; die Muster der Künstlerin entsprechen nur selten vollständig dem Geschmack des Publikums. Wie bereits gesagt, werden die Muster auf kleinen Brettern in Relief geschnitten, eine Arbeit, die ausschliesslich Sache der Männer ist (Siehe Tafel: Tätowierung A. Fig. a-n). Nur selten werden die Figuren à jour geschnitten (Fig. o und p). Fig. a stellt eine einfache Schulterrosette vor; bei der Schulterverzierung b kommt die Rosettenform nur in der Mitte zum Ausdruck.

Betrachten wir, um die Motive der Muster besser zu verstehen, zuerst Fig. d und e, die, gleich b, c und f, "_aso_" genannt werden. _Aso_ bedeutet Hund. In den betreffenden Figuren ist der Kopf des Tieres in zierliche Arabesken verwandelt worden. Bei diesen Stilisierungen bleiben das Auge, die beiden Kiefer und zwischen diesen öfters die Zunge am längsten erhalten. Die Kiefer lassen sich häufig an den Zähnen erkennen (Fig. e, 2 und 3 und Fig. f, bei 2, nicht mehr bei d). In d stellt 1 das Auge in der gewöhnlichen, mehr oder weniger verzierten, runden Form dar. Den runden Fleck in der Mitte könnte man als Pupille auffassen. Das Auge ist mit verschiedenen Verzierungen umgeben, von denen die Kiefer 2 und 3 und die kleine Zunge 4 charakteristisch sind. Kiefer 2 verläuft in zierlichen Windungen, während Kiefer 3 in einen schlichten Bogen endet. In etwas veränderter Form findet man das Auge, die Kiefer und die Zunge in den Figuren b, c, o und p wieder.

In Fig. c geht die Phantasie des Künstlers noch einen Schritt weiter; die Figur ist hier aus der Vereinigung zweier Köpfe entstanden, von denen an der einen Seite die zwei Kiefer 2 und 4 und die Zunge 1, an der anderen die Kiefer 3 und 6 und die Zunge 7 noch zu erkennen sind. Bemerkenswert ist das Verbindungsstück 5, weil es das gemeinschaftliche Auge beider Köpfe darstellt. Wie an einem anderen Ort gezeigt werden soll, dient in der Ornamentik der Bahau das Auge, da es am strengsten bewahrt wird, als bestes Kennzeichen für ein Kopfmotiv; daher ist es ratsam, das Auge bei der Zergliederung der Motive als Ausgangspunkt zu wählen. Die Schulterrosette a lässt sich somit der Reihe nach von den stilisierten Hundeköpfen e, bei dem noch Kiefer und Zähne vorhanden sind, und von d, mit den zahnlosen Kiefern, ableiten. Fig. b stellt eine Vereinfachung von Fig. c dar. In b sind die Kieferpaare noch angedeutet, aber das Auge tritt bereits in den Vordergrund und wird in a zu einem selbständigen Motiv.

Die Tätowiermuster Fig. o und p wurden für mich von einem Schnitzkünstler in Tandjong Karang geschnitten, um mich einige hübsche Stücke eigener Erfindung sehen zu lassen. Ihrer Grösse wegen sind sie mehr für eine Brust- als für eine Armverzierung geeignet, obwohl Armfiguren gelegentlich auch auf der Brust, auf dem Pectoralis major, angebracht werden.

Für die Schenkeltätowierung der Männer fand ich am Mendalam nur ein einziges Motiv, nämlich das eines Hundes mit schlangenartigem Körper (Fig. f), bei dem die Beinpaare andeuten, dass es sich um ein vierfüssiges Tier und nicht um eine Naga oder eine Schlange, wie man beim ersten Blick denken könnte, handelt. Das Hundemotiv ist bemerkenswerter Weise überhaupt das einzige, mit dem sich die Männer der Mendalam Kajan und der Bahau im allgemeinen tätowieren.

Die Tätowierung der Frauen ist bei den Mendalamstämmen weit höher entwickelt als die der Männer.

Vor 30 bis 40 Jahren bestand die Tätowierung der Frauen, wie oben bereits gesagt ist, in einer einfachen Seeentätowierung (_tedak danau_), bei der das Unterbein von der halben Kniescheibe bis zur Fusswurzel einförmig dunkelblau tätowiert wurde. Die blaue Fläche wurde durch 4 Längs- und 2 Querlinien in 12 Vierecke zerlegt. Diese Linien, die 6 mm breit waren, wurden durch nicht tätowierte Stellen gebildet und zeigten daher die natürliche Hautfarbe. Von den Linien liefen zwei seitlich, parallel dem Schienbein und zwei zu beiden Seiten der Waden, in ungefähr gleichen Abständen von einander. Die beiden Horizontallinien verteilten diese Flächen je in drei Bleichhohe Vierecke. Auf die gleiche Weise wurden die Unterarme vom Ellbogen bis zum Puls verziert.

Ob diese Tätowiermethode damals auch bei den Häuptlingsfrauen gebräuchlich war, konnte ich nicht feststellen, ich halte es aber für wahrscheinlich, da sie damals überall, auch bei den Mahakamstämmen, verbreitet war.

Seit geraumer Zeit ist aber bei den Frauen der Häuptlinge eine andere Art der Tätowierung im Schwange, bei der Unterarme, Handrücken, Schenkel und Fussrücken mit sehr komplizierten und schön ausgearbeiteten Figuren verziert werden. Die übrigen Frauen ahmten diese Methode nach, so dass das _danau_-Muster allmählich verschwunden ist und augenblicklich alle Frauen, von der Häuptlingstochter bis zur niedersten Sklavin, nach der neuen Mode tätowiert sind. Die Tätowierungen der angesehenen Frauen unterscheiden sich von denen der gewöhnlichen Frauen zwar nicht durch die Zeichenmotive, aber durch die Art der Bearbeitung und durch die Anzahl der Grenzlinien, welche diese Motive trennen und zugleich zu ihrer Zusammenstellung dienen. Je grösser nämlich die Zahl dieser Grenzlinien, desto höher ist der Rang ihrer Besitzerin. So gehört die auf Tafel: Tätowierung B. abgebildete Schenkeltätowierung, der als Hauptmotiv ein Menschenkopf (_kohong kelunan_) zu Grunde liegt, einer _panjin_ (Freien), weil die Köpfe nur von 4 Grenzlinien (g) umgeben sind; dagegen ist die Schenkeltätowierung auf Tafel: Tätowierung C., die einer Häuptlingsfrau, weil das Kopfmotiv 6 Grenzlinien (g) besitzt. Das Gleiche gilt für die Zahl der Linien in dem Motiv "_pusung_" der Armtätowierungen (Tafel: Tätowierung D. Fig. a und b). Sklavinnen dürfen diese Figuren nur mit drei Linien begrenzen. Ausserdem sind die Muster bei den Wohlhabenderen besser ausgearbeitet, weil sie geschicktere Tätowierkünstlerinnen und schönere _klinge tedak_ bezahlen können.

Die Schenkeltätowierung der Frauen wird mit zweierlei _klinge tedak_ zusammengesetzt, erstens mit einem viereckigen, einen Menschenkopf darstellenden Muster, das man für die obere Reihe, die Vorderseite und die Hinterseite unten verwendet, indem man sie neben einander auf die Haut abdrückt (Siehe Tafel: Tätowierung B.). Das zweite, für die Hinterseite bestimmte Motiv, _ketong pat_ genannt, ist mit einem anderen _klinge_, das vier verschlungene Linien darstellt, ausgeführt.

Alles übrige tätowiert die Tätowierkünstlerin aus freier Hand, ohne vorher etwas auf die Haut zu zeichnen. Auf diese Weise wird auch das ganze schöne Kniestück tätowiert.

Als Beispiel für eine Schenkeltätowierung einer angesehenen Frau möge die von _Tipong Igau_, der ältesten Tochter _Akam Igaus_, dienen, welche mit dem _klinge tedak_ Fig. n (Tafel: Tätowierung A.) und einem zierlichen _ketong pat_ zusammengestellt ist (Tafel: Tätowierung C.). Das hier gebrauchte _klinge tedak_ stellt, wie gesagt, einen Menschenkopf (_kohong kelunan_) dar, der von 6 Grenzlinien eingeschlossen ist.

Der stilisierte Menschenkopf ist das einzige Motiv, das am Mendalam für ein _klinge_ der Vorderseite des Schenkels benützt wird. Oft bleiben von dem Kopf nicht viel mehr als zwei Augen und eine Andeutung von Nase und Mund übrig, doch wird er stets weiter als _kohong kelunan_ bezeichnet. Nur _Paja_, _Akam Igaus_ zweite Tochter, war sehr stolz darauf, dass ihre Beine mit einem _usung tingang_ (Schnabel resp. Kopf des Nashornvogels) geschmückt waren. Der Vater hatte ihr dieses Muster von den Long-Glat am Mahakam mitgebracht.

Ebenfalls dem Tierreich entlehnt sind die wellenförmigen Grenzlinien der Schenkeltätowierungen, die als _iko_, Schwanzlinien, bezeichnet werden und die Zickzacklinien im Kniestück, die _kalong njipa_, Schlangenmuster, genannt werden.

Um die Knöchel tragen die Frauen der Mendalamstämme ein ungefähr 7 cm breites Band, das entweder, nach Art der _tedak danau_, einheitlich ist, oder aus parallelen, bis 3 mm dicken Linien besteht, die mit gleich breiten Streifen von der natürlichen Hautfarbe abwechseln.

Ferner sind der Fussrücken (Tafel: Tätowierung D. Fig. c) und die Zehen mit fünf, der Zahl der Zehen entsprechenden Längsstreifen tätowiert, die wiederum durch zwei Querstreifen von der natürlichen Hautfarbe in ungleichen Abständen unterbrochen werden. Zur Fusswurzel hin sind die Streifen am breitesten, zu den Zehen hin verschmälern sie sich. Bei weitaus den meisten Frauen werden diese Streifen gleichmässig blau tätowiert. Einige Häuptlingstöchter versuchen zwar auch hier schöne Figuren anbringen zu lassen, was allenfalls auf dem Fussrücken glückt, aber die dünne Haut der Zehen entzündet sich so leicht, dass von einem Muster meist nicht viel zu sehen ist. Die Fusstätowierung wird meist ohne _klinge tedak_, aus freier Hand, ausgeführt. Fig. c zeigt die Fusstätowierung von _Tipong Igau_, die mit den _klinge tedak_ k, l, m auf Tafel: Tätowierung A., ausgeführt worden ist.

Auch die Tätowierungen auf Unterarm, Handrücken und Finger werden für gewöhnlich von geübten Künstlerinnen ohne _klinge_ ausgeführt, da ihre Zusammenstellung eine sehr einfache ist (Tafel: Tätowierung D.). Wie aus Fig. b ersichtlich, werden neben Tiermotiven, wie Eulenaugen (_manok wak_) und Schwänzen (_iko_), für diese Tätowierungen auch Himmelskörper, wie der Mond (_beliling bulan)_, und Gegenstände aus dem täglichen Leben, wie Haken (_krawit_) und Bootsspitzen (_dolong harok)_, verwendet, diese kehren mit einigen Variationen in den verschiedenen Armmustern wieder.

Die Armtätowierug Fig. b ist die einer gewöhnlichen Kajanfrau. Fig. a stellt wiederum die Armtätowierung der Häuptlingstochter _Tipong Igau_ dar; die Muster sind hier schöner entworfen und sorgfältiger ausgearbeitet; im übrigen sind die Motive hier die gleichen wie bei b. Die Eulenaugen (_manok wak_) befinden sich bei b in den Dreiecken, welche die Bootsspitzen (_dolong harok_) vorstellen. Vergleicht man diese Figur mit a, so sieht man, dass der Schnitzkünstler die Eulenaugen hier mit der innersten Grenzlinie der Bootsspitze verbunden hat, wodurch eine Scheibe, an die sich ein Bogen anschliesst, entstanden ist. Dieses Motiv wiederholt sich in vielen geschmackvollen Variationen in _Tipong Igau_s Tätowierung. Die _klinge tedak_, mit denen dieses Muster zusammengestellt worden ist, sind auf Tafel: Tätowierung A. in Fig. g, h und i abgebildet.

Vor noch nicht allzu langer Zeit verteilte sich. die Sitte des Tätowierens bei den Mahakamstämmen derart, dass die Pnihing gar nicht oder wenig tätowierten, die Bahaustämme, ausgenommen die Long-Glat, die Seeen-Tätowierung gebrauchten und bei den Long-Glat, sowie bei den Stämmen am mittleren Mahakam, besonders von den Frauen, sehr komplizierte Muster angewandt wurden.

Jetzt hat die Sitte des Tätowierens auch bei den Pnihing Eingang gefunden. Ihre Männer verzieren sich, wenn auch spärlich, mit den Mustern der Mendalambewohner. Ihre Frauen lassen sich eigentümlicher Weise nicht nach Art der anderen Bahaufrauen taitowieren, sondern bringen ganz unsystematisch auf Armen und Beinen Stilisierengen des _aso_ an, mit denen sich bei den übrigen Stämmen nur die Männer schmücken.

Bei den Kajan und den übrigen Bahaustämmen am Mahakam tätowieren sich die Männer jetzt in gleicher Weise wie die Kajan am Mendalam, nur die Tätowierung der Frauen weicht gänzlich von der ihrer Schwestern am Mendalam ab und steht völlig unter dem Einfluss der Long-Glat.

Bevor die Frauen die Long-Glat-Tätowierung annahmen, trugen sie eine charakteristische Figur auf dem Handrücken; ich fand sie nur noch bei wenigen.

Dass die Tätowierung der Long-Glat sich erst vor kurzem bei den Kajan eingebürgert hat, geht auch daraus hervor, dass die Frauen ihre _klinge tedak_ noch stets von den Long-Glat beziehen, obgleich die Männer ihres Stammes sie sehr gut selbst schnitzen können. Die Busang sprechenden Stämme, die, ausser den Ma-Suling, den Long-Glat direkt unterworfen sind, nehmen auch noch gegenwärtig in höherem oder geringerem Masse die Tätowiermotive dieses Stammes an, nachdem sie ihre frühere _danau_-Tätowierung aufgegeben haben. Die Hauptstämme, wie die Ma-Suling und Ma-Tuwan, ahmen die Long-Glat vollständig nach, andere gebrauchen zwar die _klinge tedak_ der Long-Glat, tätowieren sich aber nach Art der Kajanfrauen, z.B. die Batu-Pala und noch einige andere, die bereits seit länger als einem Jahrhundert mit den Long-Glat zusammenwohnen.

Unter den Long-Glat findet man also die am Mahakam vorherrschende Tätowiermethode, der, mit geringen Abweichungen, auch alle Bahaustämme unterhalb der Wasserfälle folgen. Bei dieser Tätowierung wird der Schenkel, der Knöchel, der Fussrücken und die Rückseite von Puls, Hand und Fingern verziert. Verschiedenheiten bestehen nur in der Reihenfolge, in welcher die Figuren angebracht werden, und bei denen der Uma-Luhat in Udju Halang z.B. auch in der Anordnung der Schenkeltätowierung. Wenn der Umfang, in dem die Verzierungen bei den Frauen am Mahakam angebracht werden, auch mit dem der Kajanfrauen am Mendalam übereinstimmt, so sind doch die Motive, welche den Tätowiermustern am Mahakam zu Grunde liegen, viel zahlreicher und verschiedener, auch bieten sie in Bezug auf Geschmack und Kunstsinn das schönste, was die Bahau zu leisten vermögen.