Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 46
Die genannten vier parasitären Hautkrankheiten der Bahau besitzen alle die gemeinsame Eigenschaft, dass sie mit parasiticiden Mitteln schnell zu kurieren sind. Die Genesungsdauer hängt, in noch höherem Masse als von der Krankheit selbst, von der Dicke der Epidermis an der betreffenden Stelle, auf welche das Medikament einwirken muss, ab. Um das Eindringen der wirksamen Bestandteile in die tieferen Hautschichten zu befördern, benützte ich wässerige Lösungen antiseptischer Mittel, z.B. Sublimat oder eine Chrysarobinlösung in Äther und Alkohol, welche ich mittelst Mackintosch am Verdunsten verhinderte. Die besten Erfahrungen machte ich jedoch beim Behandeln der Eingeborenen mit Jodtinktur, die wegen der Flüchtigkeit des Jod tiefer als die beiden anderen in die Haut eindringt. Eine wiederholte Anwendung dieser Mittel hat stets eine bedeutende Besserung und häufig auch eine völlige Genesung, selbst nach jahrelangem Bestehen der Krankheit, zur Folge. Da, wo das Corium und das Rete Malpighii blossliegen, sind parasiticide Salben von guter Wirkung.
Ausser den ebengenannten Hautkrankheiten kommen unter den Bahau noch Scabies und Frambösia vor; letztere greift hauptsächlich Kinder an. Nach der Genesung behalten die Patienten oft längere Zeit hindurch heftige Gliederschmerzen, die jedoch nicht, wie die durch Syphilis verursachten, nach Gebrauch von Jodkalium weichen.
An Augenkrankheiten kommen unter den Bahau hauptsächlich der Star und granulöse Augenentzündungen vor. Diese sind stark verbreitet, und obwohl sie nur bei langer Dauer von ernsthaften Läsionen der Cornea begleitet sind, findet man bei Erwachsenen doch stets Spuren einer noch vorhandenen oder bereits überwundenen Entzündung der Conjunctiva, die das Sehen häufig stark beeinträchtigt. In den ernstesten Fällen, die ich bei Frauen beobachtete, kam es zu einer vollständigen Obliteration der obersten und untersten Bindehaut, so dass ein Schliessen des Auges verhindert wurde; die Cornea war in diesen Fällen so angegriffen, dass das Gesicht bedeutend geschwächt wurde. Doch beobachtete ich nur zwei Frauen, die nach einer über zwanzig Jahre andauernden Augenentzündung dadurch, dass die Hornhaut sich in eine gelblich weisse Membran verändert hatte, vollständig erblindet waren.
Der Star tritt sowohl am Kapuas als am Mahakam bereits bei jungen Leuten auffallend häufig auf. Ob hiermit andere verbreitete Krankheiten im Zusammenhang stehen, habe ich nicht ermitteln können.
Durch meine ärztliche Praxis unter den Eingeborenen hatte ich mir so viel Einfluss bei ihnen erworben, dass ich nicht zu viel sage, wenn ich behaupte, dass meine zweimalige Durchquerung Borneos und der Besuch bei den Kenja ohne meine Tätigkeit als Arzt nicht ausführbar gewesen wären.
Da die Eingeborenen selbst keine oder doch nur fast wertlose Mittel gegen Malaria und Syphilis besitzen und diese daher auch in leichten Fällen oft tätlich verlaufen, grenzt die Wirkung, welche Chinin, Jodkali und Quecksilberpräparate hervorrufen, in den Augen der Bevölkerung an das Wunderbare. Berücksichtigt man auch die Wirkung der Narkotika, die den Schmerz momentan benehmen, so erscheint es begreiflich, dass die Eingeborenen sich glücklich schätzten, einen weissen Wunderdoktor in ihrer Mitte zu haben.
Wegen ihrer Scheu vor allem Unbekannten fürchteten die Eingeborenen auch anfangs einen möglichen schlechten Ausgang der Kur. Daher war es, besonders in der ersten Zeit, geboten, durch Narkotika, verbunden mit den betreffenden Heilmitteln, auf das subjektive Empfinden der Patienten einzuwirken. Da Chinin und Jodkali einen nicht oft im Stich liessen, machten sie während des Verlaufs der Krankheit einen sehr erwünschten Effekt.
Die Konstitution meiner Patienten kam mir oft zu Hilfe; ausserdem achtete ich darauf, keine zu weit vorgeschrittene Krankheit anders als mit der Vorausbemerkung, dass meine Hilfe vielleicht nicht mehr ausreichend sein würde, zu behandeln. Nachdem ich gemerkt hatte, dass auch weit vorgeschrittene Krankheiten bei vorsichtiger Behandlung eine gute Wendung nehmen konnten, stieg mein Selbstvertrauen und später brauchte ich nur selten einen Kranken für unheilbar zu erklären.
Betrachten wir nun, was die Bahau selbst über ihren Körper denken und wie sie ihre Krankheiten bekämpfen, so stossen wir auf die seltsamsten Vorstellungen. Dass diese mehr auf Phantasie als Beobachtung beruhen, sehen wir daraus, dass sie auch von dem, was sie äusserlich an ihrem Körper wahrnehmen, nur unklare Begriffe haben. Bei meiner Ankunft waren ihnen Herz- und Pulsschlag noch nicht bekannt, erst nachdem ich einige Monate. unter ihnen praktiziert hatte, erfuhren sie, dass sie einen Puls hatten, an dem ich häufig den Grad ihrer Krankheit beurteilen konnte. Da sie im übrigen gut zu beobachten im stande sind, kann man hieraus schliessen, dass Herzleiden nur selten bei ihnen vorkommen. Ausser einigen auf Beriberi beruhenden Fällen von Herzleiden erinnere ich mich tatsächlich keine anderen konstatiert zu haben.
Die Schläge der Arteria abdominalis, die sie beim Betasten ihres Leibes im Fall von Bauchschmerz fühlten, wirkten auf sie sehr beunruhigend. Immer und immer wieder wurde ich gefragt, ob das Klopfen nicht die Ursache des Leidens sei. Als ich die Gesunden sich auf den Rücken legen und auch sie das Klopfen der Arteria abdominalis fühlen liess, gerieten sie in grosses Erstaunen. Dagegen wissen alle Stämme, dass sie als Folge der Malaria eine harte Geschwulst an der linken Seite besitzen. Daher nennen die Dajak von Sambas die Malaria: _demom batu_ = Fieber mit dem Stein; die Kajan am Mendalam nennen die geschwollene Milz: _kalong pra_ = Krankheitszeichen; die Kajan am Mahakam bezeichnen die Milz als _ong eram_ = Krankheitskörper.
Von der Dauer einer normalen Schwangerschaft haben die Bahau nur eine sehr mangelhafte Vorstellung; sie nehmen an, dass sie nur 4-5 Monate dauert, d.h. so lange, als sie die äusseren Veränderungen an der Frau wahrnehmen können. Da mir diese Unwissenheit kaum glaublich erschien, stellte ich in verschiedenen Gegenden hierüber Nachforschungen an, aus denen ich merkte, dass die vielen Fehl- und Frühgeburten sowie die sehr verbreiteten Geschlechtskrankheiten der Frauen das ihre zu dieser falschen Auffassung beigetragen haben. Dass zur Zeugung Testikel erforderlich sind, wissen die Eingeborenen ebenfalls nicht, denn sie halten ihre kastrierten Jagdhunde, denen die Weibchen nicht vollständig gleichgültig sind, für zeugungsfähig.
Alles Weisse, was sie am toten Körper bemerken, wie Nerven, Sehnen und Blutgefässe, nennen die Bahau "_huwat_", auch nehmen sie an, dass in diesen die Kraft sitzt. Dass die Arterien der lebenden Menschen Blut enthalten, ist ihnen nicht bekannt.
Von dem Verstande und dessen Sitz machen sich die Bahau eigenartige Vorstellungen, die ich ganz zufällig kennen lernte.
Als ich mich auf meiner zweiten Reise einige Tage in Long Tepai aufhalten musste, suchte ich morgens nach meiner Ankunft einen alten Patienten, den Häuptling _Bo Ibau_ auf. Der dürre Sonderling mit der Habichtsnase sass in seiner Kammer und schnitzte einen Schwertgriff aus Hirschhorn. Er war in früheren Jahren der beste Schnitzkünstler im Dorfe gewesen, hatte aber seiner. Augen wegen die Arbeit lange Zeit ruhen lassen müssen. Ich traf ihn in guter Stimmung, da er mit Hilfe der Brille, die ich ihm geschenkt hatte, wieder in der Nähe sehen und daher die geliebte Schnitzarbeit wieder aufnehmen konnte. _Ibau_ klagte, dass die jungen Leute heutzutage nur schlechte Arbeit lieferten und fügte hinzu: "sie haben nichts in ihrem Bauche (_djian hipun nun nun halam butit)._" Ich glaubte ihn anfangs nicht gut zu verstehen und liess ihn die Worte wiederholen; allmählich merkte ich aber, dass mein alter Freund in der Tat mit dem Bauche zu denken glaubte. Auch erfuhr ich später, dass alle Bahau und Kenja derselben Meinung sind.
Den Schlaf fassen die Bahau als den Zustand auf, in dem eine ihrer beiden Seelen, die _bruwa_, den Körper zeitlich verlässt. Der Traum entsteht entweder dadurch, dass die Seele das Geträumte wirklich erlebt, oder dass die Geister dem Schläfer etwas zuflüstern. Die Träume der Priester sind besonders bedeutungsvoll. Von der Wohltat eines erquickenden Schlafes für Kranke haben sie keine Ahnung; wenn einer ernstlich krank ist, verhindern sie ihn durch Schreien und Schütteln am Einschlafen, selbst wenn der Kranke den Schlaf sehnlichst wünscht (Siehe pag. 333).
Ihrer Schöpfungsgeschichte (pag. 129) zufolge sind die Bahau aus unbelebter Materie und zwar aus Baumrinde hervorgegangen. Das Leben wird erst durch die beiden Seelen "_bruwa_" und "_ton luwa_" in den Körper gebracht (Näheres Kap. V).
Alles, was die _bruwa_ zum Entfliehen bringt, verursacht Krankheit. Da die _bruwa_ auf die gleiche Weise wie der Mensch denkt und empfindet, kann sie durch alles, was diesen erschreckt, vertrieben werden, wodurch der Körper krank wird. Die Priester suchen daher, um einen Kranken zu heilen, dessen entflohene Seele in den Körper zurückzulocken. Auf dieser Vorstellung basieren im Grunde alle Heilmethoden der Priester. Das Einfangen der Seele geschieht mit Hilfe der guten Geister aus dem _Apu Lagan_, der Vermittler zwischen Hauptgöttern und Menschen.
Zum Glück sind sie in ihrem Vertrauen auf die Hilfe der Geister nicht so blind gewesen, dass sie den günstigen oder ungünstigen Einfluss einiger Faktoren auf den Verlauf einer Krankheit nicht selbst bemerkten. Hieraus hat sich bei ihnen ein sehr kompliziertes diätetisches System entwickelt, das neben den Beschwörungen der _dajung_ bei jeder Krankheit angewandt wird.
Im allgemeinen sucht man die Krankheit dadurch zu bekämpfen, dass man sich verschiedener Speisen, des Badens, schwerer Arbeit etc. enthält. Für die verschiedenen Leiden bestehen auch verschiedene Vorschriften, die man gegenwärtig unmöglich als Bussen auffassen kann; sie sind teilweise auch so treffend gewählt, dass sie auf persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen beruhen müssen. Bei den Kajan am Mendalam gelten folgende Vorschriften:
Verboten ist bei Diarrhoe: harter Reis, Zuckerrohrsaft, Bananen, Klebreis, gekochte Bananen, kaltes Wasser, einige Arten Fische, Baden bei hohem d.h. kaltem Wasser; erlaubt sind: weich gekochter Reis und gute Fische.
Verboten ist bei Fieber: kaltes Wasser, Zuckerrohrsaft, Zucker, Gebäck und Baden bei Hochwasser.
Verboten ist bei Husten: _keladi_, Zucker, Zuckerrohrsaft, gerösteter Klebreis, Gurken, Rauchen, Betelkauen und schwere Arbeit.
Bei einer Knieentzündung verbietet man: Laufen, Treppensteigen, trockenen und hart gekochten Reis, gedörrten Fisch, Schweinefleisch, Eier, Salz und essbare Baumblätter.
Berücksichtigt man, dass derartige Verordnungen bei den Malaien auf Borneo nur in sehr rudimentärer Form vorhanden und dass ein grosser Teil dieser Vorschriften auch nach der Auffassung europäischer Ärzte wirklich zweckmässig sind, so erscheinen sie uns für die Bahau um so anerkennenswerter. Überdies sind diese diätetischen Vorschriften in den Verhältnissen, in welchen die Dajak leben, beim Fehlen eigentlicher Heilmittel und bei der kräftigeren Konstitution ihrer Kranken viel wichtiger als bei den Europäern und deren günstigeren Lebensumständen.
Auch für Hautkrankheiten werden zahlreiche Verhaltungsmassregeln angegeben und, da man für diese auch noch wirksame Arzneien besitzt, sind die Bahau ebensogut als europäische Ärzte im stande, ihre parasitären Hautkrankheiten zu kurieren. Bei einer derartigen Kur darf nicht gebadet, nicht transpiriert und nicht gekratzt werden; auch darf der Patient keine Süssigkeiten, keinen jungen Bambus, _keladi_, Farrenspitzen, Salz, Schweinefleisch, spanischen Pfeffer und Mehl geniessen. Da die Heilmittel in Lösung auf die Haut gestrichen werden, sind die 3 ersten Vorschriften rationell; das Verbot der Speisen jedoch ist nachteilig, da es die ohnehin schon lästige Kur so sehr erschwert, dass nur sehr wenige sich ihr mit genügender Ausdauer unterwerfen. Der Erfolg ihrer Heilmittel ist häufig nur ein zeitweiliger, weil sie von der kontagiösen Natur dieser Krankheiten keinen Begriff haben und sich mit ihren eigenen Kleidern, Liegmatten etc. immer wieder von neuem infizieren.
Die Verbotsbestimmungen bei Krankheiten kommen den Eingeborenen so selbstverständlich vor, dass sie mich, wenn ich ihnen eine Arznei gab, sogleich fragten, was _lali_, verboten, sei. Meine Vorschriften, welcher Art sie auch waren, wurden stets treu befolgt. Oft verbot ich das eine oder andere nur, um das Vertrauen in meine Arzneien nicht wankend zu machen. Von besonderer Bedeutung war dies in einigen Fällen, wo die Befolgung diätetischer Vorschriften von grösserer Wichtigkeit als das Einnehmen von Arzneien war; bei sehr kleinen Kindern konnte ich oft nur auf diese Weise eingreifen.
Während meines zweiten Aufenthaltes am Mendalam kamen dort innerhalb dreier Tage 3 Fälle sehr akuter choleraähnlicher Bauchkrankheit vor. Der erste, in Tandjong Kuda, verlief tätlich, ohne dass ich den Kranken sah. Am folgenden Tage erkrankte in meiner Nachbarschaft eine Frau mit allen Choleraerscheinungen, doch half ich ihr mit einer starken Dosis Landanum den Anfall überstehen. Ein oder zwei Tage darauf rief man mich zu einem Manne in Tandjong Kuda, der an der gleichen Krankheit litt. Auch bei ihm hatte Laudanum eine ausgezeichnete Wirkung, nur war ich gezwungen, ihn seinem Schicksal zu überlassen mit dem Resultat, dass er 2 Tage später infolge des Genusses verschiedener gekochter Baumblätter einen Rückfall bekam und starb. Da diese Fälle der Cholera sehr ähnlich waren, glaubte ich die Umgebung am besten durch Regelung des Trinkwassergebrauchs zu schützen. Ich liess daher mit Hilfe der beiden Häuptlinge _Akam Igau_ und _Tigang_ durch die _dajung_ eine grosse Beschwörung abhalten, verbot für 4 Tage das Trinken ungekochten Wassers und. warnte sie vor den Flussbädern, die übrigens in dem schnell strömenden Wasser von geringerer Bedeutung waren. Auch unreife Früchte setzte ich auf die Verbotsliste und hatte die Freude zu sehen, dass man sich sowohl in Tandjong Kuda als in Tandjong Karang an die Vorschriften hielt und keine weiteren Krankheitsfälle mehr vorkamen.
Der wichtigste Teil der Beschwörung bestand darin, dass man die bösen Geister, als die Urheber der Krankheit, daran verhinderte, längs den Bretterstegen, welche vom Fluss zum Hause führten, zu den Bewohnern zu gelangen. Zu diesem Zwecke spannte man längs des Ufers vor dem Hause und auch seitlich ungefähr 1 m über dem Boden Rotangseile, an welche in Abständen von 2 m zur Abwehr böser Geister Blätter von _daun long_ gehängt wurden. An den Stellen, wo das Seil die Wege zum Hause kreuzte, richtete man zu beiden Seiten roh gearbeitete Figuren, eine weibliche und eine männliche, auf. Die Figuren besassen übertrieben grosse Genitalien; der Mann eine nach Kajansitte perforierte glans penis mit hölzernem Stifte; überdies waren sie mit hölzernen Speeren, Schwertern und Schilden als weiteren Abschreckungsmitteln bewaffnet. Zu meiner Beruhigung willigten die Familiengehörigen darein, Kleidungsstücke und Liegmatten der Verstorbenen zu vernichten. Da die _adat_ ihnen das Verbrennen dieser Gegenstände verbietet, warfen sie diese, ohne mein Wissen, in den Fluss.
Die einzigen nennenswerten Arzneien der Kajan werden gegen Hautkrankheiten angewandt; zwei derselben sind in der Tat sehr wirksam:
1. _oroköp_, Blätter von Cassia alata, die auch sonst im Archipel häufig gegen Hautkrankheiten benützt werden.
2. _njerobw bulan_ (im Busang) = _minjak pelandjau_ (im Malaiischen), ein schwarzes, nach Teer riechendes Öl, das aus dem schwarzen Kernholz eines gleichnamigen Baumes fliesst, der nur auf Borneo einheimisch zu sein scheint. Beim Stehen scheidet das Öl eine halbflüssige Masse ab, die _tanah pelandjau_ genannt wird.
Auf die Haut gebracht verursacht diese _tanah pelandjau_ eine Entzündung. Als man diese Masse einst unvermischt auf die Leibeshaut eines Kindes strich, wurde diese so völlig zerstört, dass eine tiefe Wunde entstand. Für den Gebrauch muss das Mittel mit Zuckerrohrsaft vermischt werden. Ein Individuum, das von Kopf bis zu Fuss mit _lusung_ bedeckt ist, kann in 14-20 Tagen genesen, falls es sich tüchtig mit _tanah pelandjau_ einreibt und das Baden vermeidet.
Die Kajan reiben sich täglich mit _oroköp_ ein, wodurch sie allmählich ihren _lusung_ und in viel kürzerer Zeit ihren _kurab_ vertreiben.
Ein sehr wirksames, für die Kajan aber sehr kostbares Mittel ist Petroleum, das, auf die erkrankte Haut gestrichen, binnen 8 Tagen eine Heilung herbeiführt.
Als weitere Behandlungsweisen von Entzündungen und Schmerzen sind bei den Kajan Schröpfen, Tätowieren und Massieren üblich. Die beiden ersten werden besonders bei schmerzhaften Entzündungsgeschwülsten angewandt. Man entzieht das Blut, indem man mit einem spitzen Messer eine grosse Zahl kurzer Einschnitte ausführt und die Blutung von selbst aufhören lässt. Blutstillende Mittel lernte ich nicht kennen. Die Ausführung kleiner Tätowierfiguren auf die entzündete Stelle wirkt wahrscheinlich in gleicher Weise wie die Blutentziehung.
Bei Leib- und Rückenschmerzen wendet man vor allem Massage an, die mehr in Kneten als in Reiben besteht. Mit der Massage und dem Blutentziehen befassen sich hauptsächlich die _dajung_, die es in ihrer Kunst bisweilen weit bringen.
Für Wunden kennen die Bahau keine Mittel- sie halten sie nur mit Wasser und Kapok rein. Da sie ernste Blutungen nicht zu stillen verstehen, gehen die Leute häufig an kleinen Wunden, z.B. auf dem Fussrücken, zu Grunde. Dagegen verstehen sie zerrissene Ohrläppchen wieder aneinander wachsen zu lassen (Siehe pag. 140).
Bei Entbindungen wird der Leib der Kreissenden mit den Händen geknetet; andere Behandlungsweisen sind unbekannt. Heftige Blutungen verlaufen, wenn sie nicht von selbst aufhören, tätlich.
Die Bahau wenden auch Dampfbäder an. Sie füllen ein Gefäss mit heissem Wasser, fügen einige Blätter hinzu und setzen den Kranken, den sie mit Decken umwickeln, einige Zeit den heissen Dämpfen aus.
KAPITEL XIX.
Allgemeines über Tätowierung--Unterscheidung dreier Gruppen--Vorschriften für Tätowierkünstlerinnen und Patienten--Tätowiergerätschaften--Ausführung und Folgen der Operation--Methoden der Tätowierung bei den verschiedenen Stämmen und Ständen--Seeentätowierung--Tätowierung der Kajan am Mendalam--Tätowiermuster--Tätowierung bei den Mahakamstämmen und den Kenja.
Die Tätowierungen der Dajak dienten ursprünglich wahrscheinlich als Körperverzierungen, gegenwärtig hat aber die Sitte des Tätowierens bei allen Stämmen so tief Wurzel gefasst, dass man sie als einen Brauch ansehen muss, dem zwar keine religiöse Bedeutung zukommt, der aber mit dem Lebenslauf des Individuums eng verknüpft ist.
Die Art der Tätowierung ist in Mittel-Borneo für die verschiedenen Stammgruppen, für die einzelnen Stämme und für Mann und Frau charakteristisch; auch sind die Anlässe, aus welchen tätowiert wird, bei beiden Geschlechtern verschieden. Bei den Männern kann man die Tätowierung im allgemeinen als einen Beweis betrachten, dass sie an gefahrvollen Unternehmungen teilgenommen haben, während sie bei den Frauen, beispielsweise bei denen der Long-Glat, die Einleitung einer neuen Lebensperiode bedeutet.
Die Long-Glat beginnen damit, den Mädchen, sobald sie acht Jahre alt sind, auf den Rückseiten der Finger an verschiedenen Stellen kleine Figuren zu tätowieren; bei Eintritt der Menses wird die Rückseite der Finger vollständig tätowiert und im Lauf der folgenden Jahre wird fortgefahren, bis der ganze Handrücken bis zum Puls seine Verzierung erhalten hat; auf die gleiche Weise wird mit dem Fussrücken verfahren. Mit 18 bis 20 Jahren lassen sich die Frauen die Vorderseite der Schenkel und in späterem Alter, oder wenn sie mehrere Kinder gehabt haben, auch die Hinterseite der Schenkel tätowieren.
Während die Männer die Tätowiermarter gern auf sich nehmen, um nachher als tapfere Männer gekennzeichnet zu sein, wird die Sitte des Tätowierens bei den Frauen durch den Glauben unterstützt, dass den vollständig tätowierten Frauen im Jenseits gestattet wird, im Flusse _Telang Djulan_ zu baden und dadurch in unmittelbare Nähe der Perlen zu gelangen, die sich auf seinem Grunde befinden; die unvollständig Tätowierten dagegen müssen am Ufer stehen bleiben und die gänzlich Untätowierten dürfen sich dem Flusse überhaupt nicht nähern. Dieser Glaube, den ich am oberen Mahakam und bei den Kenja angetroffen habe, erleichtert den Frauen die entsetzlichen Schmerzen, die ihnen der Prozess des Tätowierens verursacht.
Zur Unterscheidung verwandter Stämme ist die Tätowierung der Frauen geeigneter als die der Männer, da diese sich auf ihren Reisen oft mit den charakteristischen Zeichen ihrer Gastherren schmücken, während die im Stamme bleibenden Frauen meist die ihm eigenen Muster tragen. Ein Eingeweihter kann an den Tätowierungen der Männer erkennen, welche Stämme sie besucht haben; weitgereiste Leute zeigen die Charakteristika der Stämme am Mahakam, Batang-Rèdjang, der Taman Dajak, Punan u.s.w.
In Mittel-Borneo lassen sich hinsichtlich des Tätowierverfahrens und hinsichtlich der angewandten Muster drei Gruppen von Stämmen unterscheiden, die wahrscheinlich mit ihrer geschichtlichen Trennung in den letzten Jahrhunderten in Zusammenhang stehen.
1. Gruppe der Bahau, Kenja und Punan.
2. Gruppe der Bukat und Beketan.
3. Gruppe der Stämme vom Barito und Melawi und der Ulu-Ajar vom Mandai.
Die erste Gruppe trägt Tätowierungen, welche aus dunkelblauen Linien bestehen; die Frauen verzieren Unterarme, Hände, Schenkel und Füsse, die Männer Schultern, Arme und Brust. Der Daumen der linken Hand und die Schenkel dürfen nur bei sehr tapferen Männern tätowiert werden.
Die Männer der zweiten Gruppe tätowieren den ganzen Körper vom Unterkiefer bis zu den Knöcheln mit grossen, dunkelblauen Flächen, aus denen die eigentlichen Figuren in der natürlichen Hautfarbe hervortreten.
Hat sich ein Bukatjüngling auf einem Kriegszuge oder bei einer anderen Gelegenheit ausgezeichnet, so wird ihm zuerst auf die Brust eine dreieckige Fläche tätowiert, darnach werden die Schultern, der Nacken, die ganzen Arme, der Rücken und der Unterkiefer auf die gleiche Weise behandelt; später wird oben an den Waden noch eine viereckige Fläche angebracht. Nach weiteren Heldentaten dürfen sie sich, ausser an der Innenseite, das ganze Bein tätowieren lassen.
Bei der dritten Gruppe beginnen die Männer damit, sich grössere oder kleinere Scheiben auf die Waden, unterhalb der Kniekehlen, tätowieren zu lassen; später werden, im Gegensatz zu den Kajan und Punan, die isolierte Figuren tragen, die Arme, der Rümpf und der Hals vollständig mit zusammenhängenden Figuren aus dunkelblauen Linien bedeckt. Die Frauen verzieren hauptsächlich die Kniee, Unterbeine und Hände.
Die eben erwähnten drei Gruppen unterscheiden sich in Bezug auf die Ausführung der Tätowierung darin, dass die zweite und dritte aus freier Hand tätowiert, während die Künstlerinnen der ersten Gruppe die anzubringenden Figuren erst in Relief auf kleine Bretter (_klinge tedak_ = Tätowierbrettchen) schneiden lassen, diese mit Russ bestreichen, auf die Haut abdrücken und auf den erhaltenen Linien dann Damararuss unter die Haut treiben.
Alle drei Gruppen tätowieren mit Russ, der eine Blaufärbung der Haut bewirkt, nur die dritte Gruppe gebraucht auch rote Farbe.
Bei den beiden ersten Gruppen wird die Tätowierkunst von Frauen ausgeübt, bei der dritten von Männern. Doch hat die _adat_ unter den Bahau und Kenja den Tätowierkünstlerinnen, in gleicher Weise wie den Schmiede- und Schnitzkünstlern, durch verschiedene Verbotsbestimmungen Schranken gesetzt. Da jede Tätowierkünstlerin unter dem Schutze eines besonderen Geistes steht, muss sie ihrem Schutzpatron allerhand Opfer bringen. Sie darf z.B. verschiedene Arten Fische und Blätter nicht essen, auch muss sie für jeden neuen Klienten eine _mela_ veranstalten, bei der sie ihrem Geiste in ihrem Korbe mit Tätowiergerätschaften alte Perlen und _kawit_ anbietet.