Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 45

Chapter 453,355 wordsPublic domain

Das Lebensalter, in welchem luetische Anzeichen auftreten, giebt durchaus keine Anhaltspunkte für die hereditäre oder nicht hereditäre Natur der Krankheit. Viele von luetischen Müttern geborene Kinder gaben in den ersten Wochen durch Condylome, Nasen- und Ohrkrankheiten und Ulcera der Haut den Beweis, infiziert worden zu sein; dagegen zeigten sich 20-30 Jahre alte Individuen mit tertiär luetischen Erscheinungen, die eben auftraten, ohne dass die Anamnese oder Spuren auf der Haut eine frühere Infektion anzeigten.

Die Syphilis äussert sich bei den Bahau am häufigsten als "_pra huwat_" (_pra_ = Schmerz, _huwat_ = Körper), Schmerzen in den Gliedern, besonders in Armen und Beinen. Diese Erscheinung geht einem lokalen Ausbruch der Krankheit voraus, bleibt nach einer Behandlung bisweilen noch bestehen und tritt bei Kindern und Erwachsenen gleich stark auf. Die Gliederschmerzen sind oft von einem kachektischen Aussehen des Patienten begleitet. Bisweilen ist nur ein Glied, bisweilen sind alle Glieder geschwollen, häufig aber auch keines. Meist ist das Kniegelenk angegriffen, dabei tritt Schwellung der Bänder auf; Hydrops zeigt sich nicht häufig.

Führt die Schwellung auch zu Geschwürbildungen, was selten der Fall ist, so veranlasst sie langdauernde Fisteln; doch können durch Zerfall und Neubildung von Knochen grosse Veränderungen mit Subluxation stattfinden.

In einem einzigen Falle beobachtete ich bei einem Manne Jahre andauernde Gliederschmerzen ohne begleitende lokale Abweichungen; der Patient sah etwas kachektisch aus und war arbeitsunfähig, empfand aber nach Gebrauch von Jodkali eine baldige Besserung seines Leidens.

Die übrigen Erscheinungen allgemeiner Art: Schlaf- und Appetitlosigkeit, Abmagerung und Schwäche müssen als Folgen der lokalen Leiden aufgefasst werden. Übrigens fiel es mir auf, wie wenig Einfluss eine oft jahrelange Anwesenheit einer ausgedehnten Entzündung auf das Allgemeinbefinden der Patienten übte.

Die Lokalsymptome bestanden hauptsächlich in tubero-ulzerösen Hautand Knochenentzündungen, derselben Art wie bei Europäern, nur veranlassen sie bei den Bahau wegen der äusserst mangelhaften Behandlung, die sie erfahren, bisweilen wahre Verwüstungen. Die Bahau nennen diese Krankheit "_bak_" und die Körperschmerzen "_laui_."

Vor allem werden die Knochen der Nase und des Palatum darum bei ihnen angegriffen und zwar mit der gewöhnlichen Folge von Ozaena, Sattelnase und Kommunikation der Nasen- und Mundhöhle. In höherem oder geringerem Grade werden auch alle übrigen Knochen der Sitz osteo-periostaler Entzündungen. Bemerkenswert ist die leichte Verletzbarkeit des Gebisses, das oft so stark von Caries angegriffen wird, dass Männer und Frauen bereits in jugendlichem Alter einen Teil ihrer Zähne verloren haben. Einige sind bereits mit 30 Jahren völlig zahnlos. _Hutchingson_sche Zähne konnte ich bei Erwachsenen, da sie ihre Zähne absägen, nicht konstatieren, wohl aber bei der ersten Dentition der Kinder.

Unter den zahlreichen in Borneo herrschenden Augenkrankheiten bemerkte ich nur höchst selten luetische Keratitis und Iritis. Ob das sehr häufige Vorkommen von Star einer luetischen Infektion zugeschrieben werden muss, konnte ich, da sich mir keine Gelegenheit zur Behandlung prägnanter Fälle bot, nicht weiter untersuchen.

Häufig machte sich Syphilis an den Knochen des Thorax bemerkbar, wo sie hauptsächlich periostale Wucherungen, Gummata, veranlasste, welche bisweilen in Erweichungen übergingen und unter der Haut kalte Abszesse bildeten oder auch aufbrachen und dann ausgedehnte Ulzerationen bewirkten. Auch oberflächliche Ulzera der Haut kommen vor, z.B. an den Mammae. Zu den verbreitetsten Gummata gehören die der obersten Extremitäten, welche osteo-periostal, intramuskulär und in der Haut selbst vorkommen. Während die periostalen Entzündungen fusiforme Geschwülste veranlassen, zeigen die Ulzera der Haut den typischen kraterförmigen Bau der ulzerierenden Gummata mit grauem Boden und der gleichen Neigung zu halbmondförmiger Ausbreitung wie bei der europäischen Lues. Durch ihren Übergang auf Muskeln und Bänder verursachen diese Ulzera im Lauf der Jahre oft tiefgreifende Zerstörungen, die nach spontaner oder durch Behandlung bewirkter Genesung, je nach ihrer Stellung, durch Schrumpfen und Zerstören der Bänder Kontrakturen der Gliedmassen und durch Verkürzung der Muskeln Kontrakturen der Hände und Finger nach sich ziehen.

An den unteren Extremitäten lokalisierten sich weitaus die meisten Affektionen am Unterschenkel und zwar an der Tibia, welche öfters durch aktuelle oder bereits überstandene Periostitis bewirkte Verbildungen aufweist. Durch Fehlen geeigneter Behandlung dauert dieser Prozess oft Jahre und geht dann auf Haut, Zellgewebe und Muskeln über und bildet, falls Genesung eintritt, eine Gewebemasse, in der das subkutane Zellgewebe und die Haut durch Narbengewebe ersetzt sind und die Muskeln, gleichwie an den Armen, atrophiert und verkürzt sind, so dass der Fuss einen verkehrten Stand einnimmt und die Zehen nach oben und rückwärts gezogen werden.

Luetische Orchitis habe ich niemals gesehen; vielleicht begaben sich die betreffenden Kranken aus Schamgefühl nicht in meine Behandlung.

Selten ist es mir geglückt, viszerale luetische Leiden mit Sicherheit zu diagnostizieren. Syphilitische Degeneration der Leber, wobei diese vergrössert, resistent, höckerig und empfindlich wird, beobachtete ich mehrmals. Nervenleiden, die auf Syphilis zurückzuführen waren, begegnete ich nie, ebensowenig Tabetikern.

Von den gewöhnlichen tertiären Hautausschlägen kamen mir nur wenige Formen unter die Augen. In einem einzigen Falle von Rupia syphilitica, in welchem Jodkalium wirkungslos blieb, hatte innerlicher Gebrauch von Quecksilberpräparaten baldige Genesung zur Folge.

Die hereditäre Syphilis äussert sich bei Säuglingen in etwas anderer Form. Diese leiden meist an Condylomen in und am Munde und am Anus, luetischer Rhinitis, Otorrhoe und später an Missbildungen der Zähne. Letztere zeigen nicht selten die _Hutchinson_sche Form und bieten der Caries, die sich in den Vertiefungen ihrer Oberfläche festsetzt, einen besonders günstigen Angriffspunkt; daher bröckeln bereits bei sehr kleinen Kindern die Schneidezähne ab. Die Condylomen um den Mund veranlassen durch Verwahrlosung häufig so tiefe Ulzerationen, dass viele das ganze Leben hindurch' davon Narben behalten. Entstehen derartige Leiden einige Monate nach der Geburt des Kindes, so ziehen sie, wie auch gleichartige Knochenentzündungen, das Allgemeinbefinden des Kindes nicht ernstlich in Mitleidenschaft. Die kleinen Patienten scheinen auch nur wenig oder gar keinen Schmerz zu empfinden und, da kein Fieber eintritt, bleiben Esslust und Schlaf erhalten. Auch bei den Kindern der Bahau ist der supra-epiphysäre Knorpel an den langen Knochen häufig der Sitz des syphilitischen Prozesses; der der Handknochen erinnert dann an eine Spina ventosa, der der Extremitäten an eine Gelenkentzündung. Die trotz starker Schwellung oft ungehinderte Beweglichkeit der Gelenke bringt einen jedoch bald auf die richtige Spur.

Während Ulcus molle, wie erwähnt, bei den Bahau nicht vorkommt, ist Gonorrhoe stark verbreitet. Unter den verhängnisvollen Folgen dieser Krankheit leidet besonders die Bevölkerung am oberen Kapuas, und zwar weniger die Männer als die Frauen, die häufig über nach der Heirat aufgetretene Leucorrhoe und Metroraghia mit schmerzhaften Menses klagten. Auch beobachtete ich heftige Conjunctivitides, welche sich hierauf zurückführen liessen.

Am oberen Mahakam ist Gonorrhoe minder allgemein verbreitet, auch fand ich bei den Männern keine ernsteren Komplikationen.

Von einer Malariainfektion unabhängige Intestinalleiden ernster Art treten bei den Bahau selten auf. Obgleich ihre Nahrungsmittel, besonders von Kindern, in oft schwer verdaulicher Form genossen werden, sah ich doch selten Fälle von chronischen Bauchleiden. Die wichtigsten vegetabilischen Nahrungsmittel, Reis und Bataten, werden gar gekocht verzehrt; Kinder essen sie jedoch auch roh; auch haben sie noch häufiger als die Erwachsenen die Gewohnheit, alle Fruchtkerne, die kleiner als Pflaumenkerne sind, mit hinunter zu schlucken. Stellen sich schlechte Folgen ein, so übt ein Eccoproctikum oft eine sehr gute Wirkung aus. Derartige Mittel sind auch in der Zeit von Reismangel sehr heilsam, wo neben allerlei Surrogaten, wie Blättern, bei den Mahakamstämmen hauptsächlich der wilde Sago als allgemeines Nahrungsmittel benützt wird. Da der feuchte Sago schnell verdirbt, treten in dieser Zeit zahlreiche Fälle akuter Darmleiden auf und, da ausserdem das Allgemeinbefinden durch Nahrungsmangel stark leidet, sind viele Krankheitsfälle dann schwer zu kurieren.

Derartige Darmkrankheiten werden, wie viele andere, häufig durch Malaria kompliziert; in solchen Fällen erreicht man anfangs mehr mit Chinin als mit Calomel. Eine junge Frau hatte einst infolge Coprostase dermassen durch heftige Krämpfe und Schlaf- und Appetitlosigkeit gelitten, dass sie monatelang entkräftet darniederlag und zum Skelett abmagerte. Ihre Familie, die bereits alle verfügbaren Mittel der Bahau, Malaien und Chinesen vergebens angewandt und die Kranke bereits aufgegeben hatte, war nicht wenig erstaunt, als diese infolge kurze Zeit durchgeführter Evakuierung genas und zu Kräften kam.

Unter den Intestinalwürmern sind Ascariden die häufigsten; sie scheinen jedoch keine ernstlichen Störungen zu veranlassen.

Die Bahau sind ihrem rauhen Bergklima gegenüber auffallend empfindlich. Ihre schwache Kleidung schützt sie von Kind an in nur sehr geringem Masse vor dem Witterungswechsel. So lange warmes Wetter herrscht, merkt man bei ihnen von rheumatischen Leiden nur wenig, sobald aber Regen und Wind eintreten, vor denen sie in ihren Häusern nur geringen Schutz finden, und vor allem, wenn sie in den nasskalten Gebirgswäldern zu leben gezwungen sind, treten bei ihnen Lungenkatarrhe und Gliederschmerzen leichter als bei den gut bekleideten Europäern auf. Dazu stellt sich dann bald Malaria ein, welche das Leiden verschlimmert.

Unter den weiteren internen Krankheiten der Bahau ist noch der Kropf (im Busang _kon_) zu erwähnen, der bei dem einen Stamme mehr bei dem anderen minder verbreitet ist, bei keinem jedoch gänzlich fehlt. Bei den Frauen ist eine, wie es scheint, stets gleichmässig hypertrophierte Schilddrüse ganz allgemein zu finden. Zwischen diesen leicht hypertrophierten Schilddrüsen und weit nach aussen hervorstehenden Kröpfen findet man alle Übergänge. Bei den grösseren Formen ist die Hypertrophie nur selten gleichmässig, in der Regel überragt die eine Hälfte bei weitem die andere. Eine cystoide Degeneration der Schilddrüse habe ich selten konstatieren können. In wie weit diese Krankheit an der Entstehung der in Mittel-Borneo häufig vorkommenden psychisch und physisch schlecht entwickelten Individuen Schuld trägt; lässt sich bei den Bahau, bei denen Syphilis so hochgradig verbreitet ist, nicht feststellen.

Diese Hypertrophieen liessen sich leicht behandeln und oft habe ich mir mittels 1 gr Jodkalilösung, welche ich Erwachsenen per Tag erteilte, die Gunst der Frauen erworben, die die Schlankheit ihrer Hälse mit grosser Befriedigung wiederkehren sahen. Durch anhaltenden Jodkaligebrauch nahmen auch bedeutende Kröpfe an Umfang ab.

Auch bei Männern kamen einige ernstere Fälle von Kröpfen vor, doch im Ganzen weit seltener als bei Frauen.

Während alle erwähnten Krankheiten an der geringen Bevölkerungsdichte von Mittel-Borneo zum grossen Teil die Schuld tragen, übt die Abwesenheit verschiedener anderer, für gewöhnlich verbreiteter Leiden wiederum einen günstigen Einfluss auf die Vermehrung der Bewohner. So habe ich während meiner langjährigen Praxis unter den Bahaustämmen nie einen Fall von Tuberkulose, sei es der Lungen, Haut oder Knochen, konstatieren können. Unter den Dajak, welche sich viel an der Küste aufhalten, glaube ich, ein einziges Mal Lungentuberkulose beobachtet zu haben.

Ferner glaube ich, mit Sicherheit die Abwesenheit von Rhachitis feststellen zu können, da diese mir unter den Tausenden fast nackten Gestalten, welche ich stets zu beobachten Gelegenheit hatte, sicher nicht entgangen wäre. Auch die typischen Verkrümmungen, die als Folge dieser Krankheit auftreten, habe ich bei den gut gebauten Bahau nie bemerkt.

Auch bin ich von der Abwesenheit oder dem sehr seltenen Vorkommen von malignen Tumoren, Sarkom und Karzinom überzeugt. Ein einziges Mal erinnerte mich eine luetische Neubildung an Sarkom oder Karzinom, aber die günstige Wirkung von Jodkali benahm bald alle Zweifel. Dagegen kamen Fibrome, besonders Keloide der Narben, häufig vor. Ebenso konstatierte ich zwei Mal an den Erscheinungen und durch objektive Untersuchung Fibroide des Uterus.

Ansteckende Krankheiten ernster Art kamen während meines Aufenthaltes unter den Eingeborenen nicht vor; ihre Niederlassungen liegen in grossen Abständen von einander und von der Küste entfernt, so dass die Möglichkeit einer Übertragung von Infektionen gering ist. Aus Berichten über eine Choleraepidemie, die in früheren Jahren bei ihnen geherrscht hatte, konnte ich ersehen, dass wenn einmal eine sehr ansteckende Krankheit in ein Bahaudorf eingeschleppt wird, ein grosser Teil der Bewohner ihr zum Opfer fällt. Dies ist hauptsächlich den bei ihnen herrschenden hygienischen Zuständen zuzuschreiben, ferner auch dem Umstand, dass ihnen jeder Begriff vom Wesen dieser Krankheiten fehlt.

In der Regel verhindert man ein völliges Aussterben des Dorfes dadurch, dass alle Bewohner ausziehen und familienweise weit getrennt von einander im Walde wohnen. Dörfer, die von der Krankheit noch nicht ergriffen worden sind, erklären sich für _lali_ und schliessen sich dadurch von den anderen Dörfern völlig ab. Die Kenja am oberen Kajan erzählten mir, dass eine Pockenepidemie, die in einem ihrer grössten Stämme einst herrschte, eine enorme Sterblichkeit verursacht habe.

Beriberi, die unter den malaiischen und dajakischen Buschproduktensuchern sehr häufig vorkommt, herrscht bei der ansässigen Bahaubevölkerung derselben Gegend nur selten. Bemerkenswert ist, dass die Hühner in den Niederlassungen am mittleren Mahakam sehr unter Beriberi-ähnlichen Lähmungserscheinungen leiden und häufig auch daran sterben.

Von der Influenza haben wir auf unseren Reisen mehrmals zu leiden gehabt. Als _Kwing Irang_ uns 1897 vom Blu-u zum unteren Mahakam geleitete, wurden wir Europäer bei unserer Ankunft in Udju Tepu innerhalb zehn Tage alle von einem rhino-pharyngialen Katarrh befallen. Bei _Berchtold_ trat noch Fieber hinzu; im übrigen waren die Erscheinungen nicht besorgniserregend. Von ungefähr 100 unserer Kajan entging beinahe keiner der Influenza. Wie gewöhnlich komplizierte sich ihre Krankheit durch Hinzutritt von Malaria, die allerdings mit Chinin vertrieben werden konnte, aber der Katarrh und die Kopfschmerzen hielten viele Tage an. Die Bewohner von Tepu waren bei unserer Ankunft zwar gesund, waren aber zwei Monate vorher von der Influenza heimgesucht worden.

Auf unserer letzten Reise 1899 hatten wir weder in Tepu noch am unteren Mahakam von der Influenza zu leiden; doch erkrankte ich mit meinen Malaien und Kajan im April 1900 in Long Deho ernstlich an Influenza. Die Bewohner selbst hatten sich von der Influenza, welche durch Ma-Suling und Dajak vom unteren Mahakam eingeschleppt worden war, noch kaum erholt. Einige der unseren litten ausserdem schwer an Malaria, z.B. der Malaie _Lalau_, und der Husten dauerte über 3 Wochen. Selbst unsere Hunde begannen zu husten.

Als _Kwing Irang_ später mit den Seinen _Demmeni_ und unser Gepäck den Mahakam hinunter nach Long Deho geleitete und sich dort längere Zeit aufhalten musste, wurden alle seine jungen Leute influenzakrank. Die Böte, welche von Long Deho flussaufwärts gingen, brachten die Infektion auch den Stämmen oberhalb der Wasserfälle; jedoch starben nur Alte und Kranke an der Influenza. Die Eingeborenen fürchten sich vor der Ankunft Fremder, weil diese ihrer Meinung nach die "_bengen,_" die bösen Geister, welche die Erkältungskrankheiten verursachen, mitbringen.

Jeder Reisende, der zum ersten Mal mit den Dajak in Berührung kommt, ist von dem unangenehmen Anblick, den ihre Hautkrankheiten auf dem Körper hervorrufen, betroffen. Vor allem ist es die Schuppenbildung der blossen Haut, welche dem Patienten ein so abschreckendes Aussehen verleiht.

Es lassen sich 4 verschiedene Schuppenkrankheiten unterscheiden: Pityriasis versicolor, Tinea circinata, Tinea imbricata und Tinea albigena, von denen die beiden ersteren, oder doch sehr nahe verwandte Krankheiten, auch in Europa vorkommen. Diese 4 Hautkrankheiten, welche vor allen anderen in Borneo vorherrschen, werden durch verschiedene Arten in der Haut lebender Pilze hervorgerufen.

Favus, der anderswo oft sehr verbreitet ist, beobachtete ich nie bei den Bahau.

Pityriasis versicolor (_panu_ der Malaien; _litak_ der Bahau) äussert sich in Form heller, etwas erhabener Flecke, welche durch eine Infiltration der Epidermis, durch welche die darunterliegende Pigmentschicht weniger sichtbar wird, verursacht werden. Auf der pigmentlosen Haut der Europäer macht sich die Infektion durch hellbraune Flecken bemerkbar.

Die Grösse der Flecken, welche _panu_ oder _litak_ verursacht, variiert zwischen der eines Stecknadelkopfes und einer Handfläche. Die Infektion nimmt sehr verschiedene Dimensionen an; da sie bei den Bahau nur beim Transpirieren Jucken verursacht, wird sie nur selten behandelt und verbreitet sich daher oft über den grössten Teil des Körpers.

Tinea circinata (_kurab_ der Malaien: _ki urip_ der Bahau) stimmt äusserlich am meisten mit Herpes tonsurans überein und zeigt sich in Form runder Flecke, sehr verschiedener Grösse, welche alle aus einem Bläschen, um welches sich konzentrisch gleichartige Bläschen gebildet haben, hervorgegangen sind. Durch Vertrocknen und Springen der Bläschen entsteht Schuppenbildung, hauptsächlich an der Peripherie. Tinea circinata befällt vorzugsweise die Stellen, wo die Epidermis am wenigsten resistent ist. Dass die Krankheit auch die Haare ergriff und dadurch eine teilweise Kahlheit herbeiführte, beobachtete ich weder unter den Bahau noch unter den Kenja.

Tinea imbricata (_lusung_ der Malaien; _ki lan_ der Bahau), äussert sich wie die vorige Infektion zuerst in kleinen Bläschen mit rotem Hof und vergrössert sich auch auf gleiche Weise, was sich besonders auf der zarten Haut der Bahaukinder und auf der der Europäer gut verfolgen lässt. Während jedoch die Haut im Zentrum des Infektionskreises bei Tinea circinata nur wenig Spuren der Entzündung mehr aufweist, entsteht hier bei Tinea imbricata eine zweite Eruption, die sich in zahlreichen, gleich weit entfernten, oft sehr zierlich gebogenen Linien bemerkbar macht. Die Linien zeigen sich auf der Haut durch Schuppenbildung. Die Schuppen können, besonders an Stellen mit dicker Epidermis, bis zu 2 cm lang und 5 mm breit werden. Da die Bahau von dieser Hautkrankheit oft ganz bedeckt sind, machen sie aus der Ferne eher einen weissen als einen braunen Eindruck; in der Nähe erscheinen sie wie mit Mehl bestreut.

Im Gegensatz zu Tinea circinata bildet sich Tinea imbricata hauptsächlich an den Hautstellen mit der dicksten Epidermis, so dass Gesäss und Aussenseite von Armen und Beinen zuerst ergriffen werden, während die Achselhöhlen, die Falten unter den Brüsten und die Leistengegend zuletzt oder auch gar nicht infiziert werden, selbst wenn der ganze übrige Körper, ausser Handflächen und Fussstehlen, welche niemals angegriffen werden, mit der Krankheit bedeckt ist. Verschont bleiben ausserdem die Nägel an Händen und Füssen und die Haare. Auch T. imbricata wird durch einen Pilz, den _Manson_ entdeckte, verursacht. Im Jahre 1897 gelang es mir in Batavia, diesen Pilz zu züchten. [7]

Bei vielen Patienten fiel mir die starke Neigung dieser Hautkrankheit zu symmetrischer Verbreitung auf, die sich selbst dann noch zeigt, wenn die Krankheit bereits 20-30 Jahre bestanden hat. Da auch Tinea circinata und Pityriasis versicolor bei den Bahau die gleiche Eigentümlichkeit zeigen und alle durch einen Pilz verursacht werden, können die Erscheinungen dieser Hautkrankheiten keinem nervösen Ein floss zugeschrieben werden. Es kommt mir viel wahrscheinlicher vor, dass die ständig unbedeckte Haut der Bahau ihre Epidermis und ihre Schweiss- und Fettdrüsen, besonders am oberen Körperteil, viel besser entwickeln kann als die einer stets gleichmässigen Temperatur ausgesetzte Haut der bekleideten Europäer. Da die Dicke der Epidermis und die Fett- und Schweisssekretion, die für den Ort der Entwicklung des Pilzes massgebend sind, sich an verschiedenen Stellen der Haut verschieden, an symmetrischen Körperteilen jedoch gleich verhalten, bewirken sie ein symmetrisches Auftreten dieser Krankheiten.

Nach langer Dauer von Tinea imbricata nimmt das Pigment unter der infizierten Haut zu, so dass diese nach der Genesung rossfarbig wird. Eine europäische Haut zeigt bereits nach kurzer Krankheitsdauer eine deutliche Pigmentansammlung. In sehr verwahrlosten Fällen von _lusung_ erscheint die Haut bereits vor Eintritt der Genesung blauschwarz.

Bei Anwesenheit anderer Krankheiten kann eine vorgeschrittene _lusung_, wie ich es bei Malaria und Rupia syphilitica beobachtete, plötzlich heilen.

Tinea albigena (_ki-ow_ der Bahau) zeigt in hohem Masse, wie sehr das Vorkommen pathogener Pilze an besondere Eigenschaften der Haut gebunden ist; sie setzt sich nämlich anfangs nur in den bei den Eingeborenen sehr dicken oberen Hautschichten der Handflächen und Fusssohlen fest. Erst nach langem Bestehen greift der Pilz auch die Nägel und die angrenzende Haut der Hand- und Fussrücken an. Am auffallendsten sind die Veränderungen, welche der Pilz in dem Rete Malpighii, in dem sich die braunen Pigmente hauptsächlich befinden, zustande bringt. Ohne dass, oberflächlich gesehen, mit der Hauternsthafte anatomische Änderungen vor sich gehen, verschwindet das Pigment vollständig und regeneriert sich nach Genesung der Hautkrankheit nicht mehr, so dass Handflächen und Fusssohlen, so wie andere infizierte Stellen, ganz weiss erscheinen. Nur ein einziges Mal sah ich auch auf Brust und Stirn dergleichen pigmentlose Flecken mit noch vorhandener Hautentzündung vorkommen.

Der Charakter der anatomischen Veränderungen, welche der Pilz hervorruft, hängt grössten Teils von der Dicke der Epidermis, unter welcher er sich entwickelt, ab. Auch diese Krankheit beginnt mit einer roten, juckenden Schwellung, in deren Mitte sich eine kleine, mit heller Flüssigkeit gefüllte Blase befindet. Ist die Epidermis dünn, wie bei Kindern, so springt sie, ist sie aber dick, wie bei den erwachsenen Eingeborenen, so wird sie losgelöst und platzt erst dann, wenn die Blase einen grösseren Umfang erreicht hat. In ernsteren Fällen wird der grösste Teil der Epidermis an den Fusssohlen abgestossen; in weniger ernsten und in solchen, die, wie es öfters geschieht, in ein chronisches Stadium übergehen, ist die Epidermis bisweilen verdickt und trocken und veranlasst beim Gehen die in Indien sehr berüchtigten Risse, oder sie ist dünn und ungleich gebildet, so dass Hände und Füsse beim Gebrauch schmerzen.

Diese Hautkrankheit ist bisher noch nicht beschrieben und wegen der pigmentlosen Stellen, die sie nach der Genesung auf der Haut zurücklässt, sicher oft mit Vitiligo verwechselt worden; sie ist im ganzen indischen Archipel verbreitet und kommt hie und da auch bei Europäern vor. Wegen ebengenannter Eigenschaft nannte ich diese Pilzkrankheit: Tinea albigena; ich entdeckte den Pilz in einem subakuten Falle in den Schuppen der Fusssohle. Wie der Pilz von Tinea imbricata zeigt sich auch dieser hauptsächlich in Form langer Mycelfäden, bildet aber ein viel undichteres Netzwerk als ersterer. Dieser Pilz scheint auf die gleiche Weise, wie der von Tinea imbricata, kultiviert werden zu können.