Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 44

Chapter 443,471 wordsPublic domain

Schmerzen können sie nur sehr schwer ertragen, daher haben sie auch mit jedem Leidenden, besonders wenn er zur Familie gehört, grosses Mitleid. Sobald ein Kind oder ein Erwachsener auch nur scheinbar ernstlich krank ist, nehmen alle Angehörigen an seinen Leiden so lebhaften Anteil, dass sie ihre Arbeit auf dem Felde und im Hause ruhen lassen und bei dem Kranken bleiben, auch wenn sie nicht helfen können. Dies geschieht recht häufig, da die Bahau auch bei unbedeutenden Leiden gleich nachgeben. Man muss daher im Verkehr mit den Eingeborenen vor allem ihrer grossen Sensibilität Rechnung tragen.

Wie leicht sie aus Überempfindlichkeit und heftiger Gemütsbewegung bisweilen den Kopf verlieren können, mögen folgende Beispiele zeigen. Als sich _Kwing Irang_ einst mit einem junge Manne, namens _Aran_, im Walde befand, wurde er durch ein herabfallendes Stück Holz getroffen und begann ernstlich zu bluten. Obgleich die beiden sich dicht beim Hause in einem wohlbekannten Walde befanden, verirrte sich _Aran_, der Hilfe suchen ging, doch zwei Mal und verlor dazu seinen Speer. Der Unfall, an dem er durchaus nicht Schuld war, ging ihm so nahe, dass man ihn später nur mit Mühe dazu bringen konnte, ins Haus zurückzukehren. Er beruhigte sich erst am folgenden Tage, nachdem er sich gut ausgeschlafen hatte.

Nachdem _Bang Lawing_, der jetzige Häuptling der Mahakam Kajan, die Leiche seiner Mutter in Batu Baung beigesetzt hatte, trennte er sich von der Gesellschaft und lief stundenlang durch den pfadlosen Wald nach Hause, statt mit den anderen den Fluss hinabzufahren. Später konnte er nicht angeben, wie er nach Hause gelangt war.

Empfinden die Bahau Scham, so erröten sie oft bis tief auf die Brust. Auch kann man sie vor ihrer Umgebung leicht in Verlegenheit (_hae_) bringen. Ich benützte diese Eigenschaft bei Mann und Frau öfters, um sie zum Halten ihres Versprechens und zur Pflichterfüllung zu bringen. Auf diesem feinen Empfinden, das sich in der Furcht vor der öffentlichen Meinung äussert, ist auch die _adat_ der Bahau hauptsächlich begründet.

Sie besitzen einen ruhig heiteren und wenig zu heftigen Äusserungen geneigten Charakter; sie lieben den Scherz und die Fröhlichkeit und singen und tanzen daher gern miteinander; auch ältere Männer nehmen an den Kriegstänzen Teil und an Festtagen sieht man auch alte Frauen mit den jungen tanzen und singen. Zwar beängstigt sie der Glaube an die Existenz zahlreicher, sehr böser Geister, er drückt sie aber nicht nieder. Man hört sie auch zu Hause häufiger lachen als weinen. Da sie selbst nie heftig werden, flösst ihnen die Heftigkeit anderer Angst ein.

Die Bewohner Borneos zeigen in Bezug auf ihre Konstitution einigt: Eigentümlichkeiten, die sich aus der Wirkung ihres Klimas auf viele Generationen begreifen lassen. Diese Eigentümlichkeiten äussern sich in der Art und Weise, wie sie auf verschiedene Arzneien reagieren, ferner in der grossen Vitalität ihrer Gewebe bei Verwundungen. Die Behandlung von Malariakranken zeigte mir, dass Chinin eine sehr schnelle Wirkung bei ihnen hervorruft. Auch in den ernstesten Fällen bin ich nur selten gezwungen gewesen, mehr als 1 gr Chinin per Tag und per Mal zu erteilen und selbst bei stark chronischen Malariakranken rief diese Dosis in wenigen Tagen eine Besserung hervor. Auf meiner ersten Reise beschränkte ich mich vorsichtshalber auf 1/2 bis 3/4 gr per Tag, als ich aber später keine nachteiligen Folgen bemerkte, gab ich Erwachsenen stets 1 gr per Tag. Um den gleichen Effekt bei Europäern zu erzielen fand ich während des Feldzuges auf der Insel Lombok selbst 3 gr per Mal nicht immer genügend.

Hieraus ersieht man, dass die Konstitution der Dajak bei der Bekämpfung einer Infektion viel stärker mitwirkt als bei Europäern. Die Beobachtung von Prof. _R. Koch_ auf Neu-Guinea, dass erwachsene Eingeborene gegen eine Malariainfektion immun werden und dass diese nur auf Kinder einwirke, stimmt mit der meinigen also teilweise überein. Das Verhalten der Dajak spricht gegen eine vollkommene Immunität der Erwachsenen gegen Malariainfektion. Wie weiter unten ausgeführt werden wird, konnte ich mich bereits in Sambas davon überzeugen, dass beinahe sämtliche Kinder unter i o Jahren eine geschwollene Malariamilz zeigten, welche bei Erwachsenen zwar seltener aber ebenfalls zu finden war. Schon das häufige Vorkommen akuter und chronischer Malaria bei Erwachsenen spricht gegen vollständige Immunität. Dass bei den Dajak in akuten und chronischen Fällen eine geringe Dosis Chinin bereits eine so starke Wirkung erzielt, weist jedoch auf eine partielle Immunität, die sie sich vielleicht durch die in der Kindheit bestandenen Malariaanfälle erworben haben. Hierauf deutet auch die Tatsache, dass ich unter mehreren Tausend Patienten keinen einzigen mit perniziösen Erscheinungen, wie Coma, schweren Icterus, Nervenanfällen u.s.w. auf Malariaanfälle reagieren sah.

Die Wundheilung tritt bei den Bahau, wie schon erwähnt, schneller und vollkommener als bei Europäern ein; hiervon konnte ich mich häufig überzeugen:

Einst brachte man mir einen Dajak, dem von einem Dorfgenossen, der ihn auf der Jagd für ein Wildschwein angesehen hatte, die Tibia auf 4 cm Länge in Splitter zerschossen worden war. Als man mir den Mann am achten Tage nach dem Unfall brachte, war die ganze grosse Wunde in eine septisch infizierte Eiterhöhle verwandelt, in welche die zersplitterten Enden der Tibia hineinragten; die Kugel, die ich unter der Haut an der anderen Seite hindurchfühlte, entfernte ich mittelst eines Hautschnittes. Eine gründliche Desinfektion, die Fortnahme der losen Knochensplitter, eine Drainage und Applikation von Schienen zur Immobilisierung genügten, um den Mann innerhalb kurzer Zeit körperlich wieder herzustellen und das Bein, mit Verkürzung um 1 cm, durch Bildung eines grossen Callus, wieder brauchbar zu machen. Nach einem Jahr war von einer Funktionsstörung nichts mehr zu spüren.

Bei meinem ersten Besuch in Tandjong Karang hinterliess ich dort eine zwölfjährige Patientin, die, nach einem syphilitischen Ulcus an der Kniekehle, der einen Durchschnitt von 10 cm und 2 cm Tiefe zeigte, eine gut granulierte Wunde zurückbehalten hatte. Ich hatte dem Mädchen eine Jodkalilösung zu weiterem Gebrauch übergeben und glaubte sie, als ich mich bei meinem zweiten Besuch, 1 1/2 Jahre später, nach ihr erkundigte, als ein Mädchen mit einem krummen Bein charakterisieren zu müssen. Keiner kannte jedoch ein solches Mädchen. Zu meinem Erstaunen sah ich die Kleine später mit einem ganz geraden, gut beweglichen Bein umhergehen, obgleich die ganze Kniekehle mit Narben bedeckt war. Bei einem europäischen Kinde wäre das Resultat ein ganz anderes gewesen, die Narbenbildung hätte zweifellos eine Kontraktur zur Folge gehabt.

Bald nach Beginn einer Praxis unter den Stämmen von Mittel-Borneo wird man gewahr, dass einzelne Krankheitsgruppen bei ihnen alle übrigen in den Hintergrund drängen; es sind dies: Malaria, venerische Krankheiten (Syphilis und Gonorrhoe) und parasitäre Hautkrankheiten, welch letztere auch auf den anderen Inseln des indischen Archipels verbreitet sind. Eingeschleppte Infektionskrankheiten, wie Pocken und asiatische Cholera, treten bei diesen in grosser Abgeschiedenheit wohnenden Stämmen nur selten in das allgemeine Krankheitsbild.

Unter den Bahau, die ein 250 m ü.d.M. gelegenes Bergland bewohnen, bestehen weitaus die meisten Patienten, die einem täglich zur Behandlung zugeführt werden, aus Malariakranken. Diese Erscheinung erklärt sich daraus, dass streng genommen alle auf den Körper einwirkenden schädlichen Einflüsse das labile Gleichgewicht, in welchem sich viele Personen zeitweilig oder dauernd der Malariainfektion gegen über befinden, zerstören können. Da die Faktoren, welche ein Ausbrechen der Malaria veranlassen, sehr mannigfaltig und zahlreich sind, ist das häufige Auftreten dieser Krankheit bei den Dajak begreiflich. Nach meiner Erfahrung wird die Malaria hauptsächlich durch folgende Ursachen hervorgerufen: Übermüdung, kaltes Baden, Indigestion, Erkältungen mit Rheumatismus und Husten, Verwundungen, ferner durch andere Infektionen, wie Influenza und Anthrax. Einen Beweis dafür, dass die genannten Faktoren wirklich ein Ausbrechen des Fiebers veranlassen, indem sie den Körper schwächen und dadurch für Malariainfektion empfänglich machen, fand ich darin, dass es mir stets glückte, das Fieber mit einer temporären Dosis Chinin bleibend zu vertreiben, während die ursprünglichen Krankheiten wie Indigestion, Influenza u.s.w. unabhängig von der Malaria ihren normalen Verlauf nahmen. Dass kaltes Baden, besonders nach Erhitzung, sowohl bei Bahau und Javanern als bei Europäern, innerhalb 6 Stunden einen Malariaanfall zur Folge hat, beobachtete ich zu wiederholten Malen.

Einen anschaulichen Eindruck vom schwächenden Einfluss der Malaria auf die Bevölkerung erhielt ich bei einer Untersuchung ihres Verbreitungsbezirkes im Sultanat von Sambas an der Westküste Borneos, wo ich 3 Jahre als Arzt tätig gewesen bin. Die Abwesenheit der Malaria in den Morastgegenden längs der grossen Flüsse auch bei intensiver Bodenkultur, wie Anlagen von Plantagen, und ihre Anwesenheit in einigen dichtbei auf Sandboden gelegenen Dörfern hatte damals meine Aufmerksamkeit erregt. Die Reisen, die ich zum Zweck von Impfinspektionen unternehmen musste, führten mich in die verschiedensten Teile des Sultanates und gaben mir Gelegenheit, ungefähr 3000 Kinder unter 10 Jahren zu untersuchen. Das Resultat dieser Beobachtungen war, dass alle Kinder aus den Hügel- und Gebirgsgegenden Milz- und Lebertumoren, in diesem Fall ein Zeichen chronischer Malariainfektion, besassen, während die aus den Morastebenen auf Meereshöhe nur da, wo der Boden sandhaltig war, wie in der Dünengegend nördlich von Sambas und am Fuss alteinstehender, aus den Morästen hervorragender Berge, eine vergrösserte Milz zeigten. Die gleichen Beobachtungen sind übrigens bereits an anderen Orten gemacht worden, es ist z.B. bekannt, dass die Morastgegenden bei Pontianak und Bandjarmasin auf Borneo und bei Palembang auf Sumatra viel weniger durch Malaria zu leiden haben als die Hügel- und Gebirgsländer derselben Inseln.

Der gleiche Unterschied machte sich auch im Aussehen der Bevölkerung bemerkbar, sobald ich Gelegenheit hatte, diejenige in Gegenden, welche von Malaria infiziert waren, mit einer anderen in nichtinfizierter Gegend unter im übrigen gleichen Umständen zu vergleichen. Am meisten fiel mir dies am Teberau, einem Nebenfluss des kleinen Sambas, unweit der Hauptstadt Sambas auf, wo zwei von Malaien bewohnte Dörfer keine Stunde von einander entfernt liegen; das eine befindet sich auf einem Morast, das andere auf einer 40 m hohen Hügelreihe. Unter 12 Kindern des ersten Dorfes hatte 1, unter 25 des zweiten hatten 20 eine harte Milz, die unter dem Rippenbogen hervortrat. Letztere hatten ausserdem, wie ihre Eltern, eine schwächliche Konstitution und ein kränkliches Aussehen, im Gegensatz zum frischen, kräftigen Aussehen ihrer Nachbarn im Morastdorfe. [6]

Übereinstimmend mit diesen Beobachtungen lieferten die Statistiken des Sultans von Sambas für die Bewohner der Ebene gegenüber denen der Hügel eine mittlere Lebensdauer im Verhältnis 3 : 2--ein sprechender Beweis für den schädigenden Einfluss der Malaria auf die Lebenskraft der Bevölkerung. Dass die gleichen Verhältnisse auch in Mittel-Borneo herrschen, davon habe ich mich während eines beinahe 5 jährigen Aufenthaltes inmitten der dortigen Bevölkerung, bei der ich zahllose Malariafälle akuter und chronischer Art zu behandeln hatte, überzeugen können. Bei den dort herrschenden Zuständen sind die meisten Personen während einer längeren oder kürzeren Lebensperiode fieberkrank, was auch auf die noch ungeborenen Nachkommen von schwächendem Einfluss sein muss.

Die verbreitetste Form, unter welcher die Malaria bei den Bahau auftritt, ist die der Quotidiana intermittens, welche über kurz oder lang in die der Quotidiana remittens übergeht. Viel seltener sind Fälle, welche zur Continua gehören. Auch gab nur eine kleine Minderheit meiner Patienten an, dass sie jeden 2ten Tag einen Fieberanfall zu überstehen hatte.

Charakteristisch für die Malaria der Bahau ist, dass die Kranken nach einem Anfall nicht transpirieren, selbst wenn eine deutliche Intermission eingetreten war. Erst wenn der Anfall durch Chinin vollständig gehoben worden, tritt Transpiration als Zeichen endgültiger Besserung ein. Sie selbst wissen das auch sehr gut. Durch Malaria verursachte plötzliche Todesfälle habe ich nicht beobachtet; ebensowenig Fälle sehr perniziöser Art; die Malaria trägt in Mittel-Borneo stets den Charakter eines subakuten oder chronischen Leidens.

Bei kleinen Kindern geht die letzte Malariaperiode in der Regel in eine Continua mit oder ohne Diarrhoe über; bei älteren Personen treten gegen das Ende hauptsächlich Erbrechen und Diarrhoe auf, wobei die Patienten bei geringer Temperaturerhöhung schnell abnehmen und sterben. In der Regel sind die Kranken im Beginn dieses Stadiums durch vorsichtiges Verabfolgen von Laudanum und dann von Chinin noch zu retten.

Als günstigsten Zeitpunkt für den täglichen Gebrauch einer Dosis Chinin erwies sich der, in welchem sich der Patient am wohlsten fühlte und seine Temperatur am niedrigsten war. Eine Verabreichung mehrerer Dosen Chinin per Tag in Fällen einer undeutlichen Intermission hatte selten guten Erfolg.

Fälle von Malaria larvata beobachtete ich zwei Mal in Form von periodisch auftretender Diarrhoe, die auch nach monatelanger Dauer durch Chinin in kurzer Zeit kuriert werden konnte. Einmal wurde ein junger Mann, der monatelang zu ängstlich gewesen war, um sich mir zu nähern, durch jeden Abend wiederkehrende Augenblutungen zu mir getrieben. Da man ihm Blindheit prophezeit hatte, entschloss er sich, wenn auch voller Angst, zu mir zu kommen. Durch die Periodizität der Blutungen aufmerksam geworden, gab ich ihm 6 Stunden vor dem gewöhnlichen Eintritt der Blutungen 1 gr Chinin ein mit dem Resultat, dass die Blutungen auf hörten.

Als Beispiele für den Verlauf und die Behandlung typischer Malariafälle unter den Bahau mögen die folgenden dienen:

Auf meiner ersten Reise brachte man mir einen 11 jährigen Ulu-Ajar Dajak, der das Jahr vorher so krank gewesen war, dass er sich nicht mehr erheben konnte. Obgleich er augenblicklich nicht mehr so schwach war, litt er doch sehr durch asthmatische Anfälle und schmerzhaften Husten. Sein Körper war mager und unentwickelt, und zur Arbeit war er nicht fähig. Sein Thorax war der eines Emphysematikers, auch litt er stark an Dyspnoe. Der obere Brustteil war stark erweitert und bei jedem Atemzuge kontrahierten sich die beiden Sternocleido-mastoidei und verursachten dabei ein Hervortreten ihrer Wülste unter der Haut. Die Herzdämpfung hatte sich bis auf die linke Seite des Sternum beschränkt. Bei der Auskultation war überall ein Röcheln zu vernehmen, das eine Entzündung der Bronchien anzeigte. In der Herzgegend war kein anormales Geräusch hörbar, nur das diastolische Geräusch der Lungenarterie war lauter als gewöhnlich. Die vergrösserte Milz reichte bis auf 4 1/2 cm unterhalb der Rippen herab, die Leber bis auf 5 1/2 cm. Anfangs erschien es mir sehr schwierig, die Störungen der Respirationsorgane zu beseitigen, auch fürchtete ich, das Vertrauen der Eingeborenen, nach deren Ansicht die Medizin alles und so schnell als möglich heilen muss, zu verlieren. In Anbetracht der Hypertrophie der Bauchorgane beschloss ich jedoch, meinem Kranken 1 1/2 gr Chinin einzugeben, eine Quantität, die bitter genug war, um eine suggestive Wirkung auszuüben. Zu seinem Besten trieb den Knaben die Neugier jeden Morgen nach meiner Hütte und so konnte ich ihm täglich seine Dosis verabfolgen.

Nach 10 Tagen erzählte der Knabe, dass die Atmungsbeschwerden sich gebessert hätten, auch konnte ich mich selbst von dem günstigen Einfluss der Behandlung überzeugen. Die Milz war nicht mehr fühlbar; die Leber hatte sich bis auf Fingersbreite unterhalb des Rippenbogens zurückgezogen; die Auskultation ergab nur hie und da ein schwaches Rasseln.

In der folgenden Periode erhielt der Patient seine Arznei nur in grossen Zwischenräumen; aber seine Lebenskräfte hatten bereits die Oberhand gewonnen, so dass er körperlich vollständig wiederhergestellt wurde. Nach einigen Wochen war auch die Erweiterung des Thorax verschwunden, das Spiel der Sterno-mastoide war beim Atmen nicht mehr sichtbar; die Herzdämpfung war wieder normal und auch die Auskultation ergab nichts Krankhaftes. Nur die asthmatischen Anfälle nachts hatten in dieser Periode noch nicht völlig aufgehört.

Einen anderen interessanten Malariafall bot mir ein 8 jähriger Knabe, der mir durch das enorme Volumen seines Bauches aufgefallen war. Die Haut des Abdomens war infolge der starken Ausdehnung glänzend geworden und der Leibesumfang betrug 78 cm. Die Anamnese ergab nur einige Fieberanfälle. Der Knabe klagte augenblicklich nur über Atemnot, die ihm Arbeit und Spiel unmöglich machte.

Die Untersuchung ergab eine Milz von erstaunlicher Grösse und Härte, die nach vorn bis zum Nabel, nach unten bis zu 20 cm unterhalb des Rippenbogens reichte. Auch die Leber war hart und 11 cm tiefer als gewöhnlich fühlbar; der obere Teil des Herzens hatte die normale Stellung verloren und seine Spitze schlug im 3ten Intercostalraume.

Am 4. März begann ich, dem Patienten 1/4 gr Chinin einzugeben; ich hatte aber wenig Hoffnung, dass meine Behandlung auf derartig degenerierte Organe einen genügenden Einfluss haben könnte. Der kleine Wilde besass indessen mehr Ausdauer als die meisten zivilisierten Leute und kam während eines Monats täglich, um seine bittere Arznei zu schlucken.

Am 4. April fühlte er sich selbst gesund; seine Milz war bis auf 5 cm weiter nach oben eingeschrumpft; die Leber war kaum noch unterhalb der Rippen fühlbar; das Herz schlug im 4ten Intercostalraume.

Bei meiner Abreise am 28. April war die Milz als sehr harte, glatte Geschwulst nur noch 9 cm unterhalb der Rippen fühlbar; die Leber war kaum bemerkbar und der Leibesumfang war auf 63 cm zurückgegangen. Der Knabe fühlte sich ebenso wohl und munter wie seine Kameraden und arbeitete schon seit einiger Zeit auf dem Felde.

Ein 3ter Fall betraf einen ebenfalls 8 jährigen Patienten, der körperlich sehr zurückgeblieben war. Auch dieser Knabe hatte früher öfters Fieberanfälle durchgemacht; augenblicklich litt er jedoch hauptsächlich an Dyspnoe. Sein Bauch war geschwollen; die Milz bis 4 cm unterhalb der Rippen fühlbar und die Leber reichte 3 cm weit herab. Während 14 Tage erhielt auch dieser Kranke täglich 1/4 gr Chinin, worauf seine Organe den normalen Umfang zurückgewannen und seine Gesundheit vollständig wiederhergestellt wurde.

Ein 18 jähriger Mann litt bereits seit 3 Monaten ständig an Fieberanfällen, so dass er fast nicht mehr gehen konnte. Er weigerte sich anfangs, die bittere Medizin zu nehmen und während einiger Wochen sah ich ihn täglich magerer werden. Als er endlich doch erschien, konstatierte ich bei ihm eine Leber, die bis auf 4 cm unterhalb der Rippen herabreichte. Nach einem neuen Anfall gab ich ihm in zwei Malen 1 gr Chinin und am folgenden Tage die gleiche Dosis. Die Anfälle hörten auf, aber in Anbetracht der langen Dauer seiner Krankheit erschien mir eine völlige Wiederherstellung unwahrscheinlich, als er mir am dritten Tage selbst eine weitere Behandlung für unnütz erklärte. Zu meinem Erstaunen war in der Tat eine rapide Besserung in seinem Zustande eingetreten; noch vor meiner Abreise erhielt er seine frühere Gesundheit völlig wieder zurück.

In Sambas war einst der Malaie, der mir auf allen Inspektionsreisen als Führer diente, von der Malaria ergriffen worden. Seine Familie rief mich erst nach einigen Tagen, als der Alte bereits dem Sterben nahe war, zu Hilfe. Mit vieler Mühe gelang es mir, ihm in einem fieberfreien Augenblick eine Lösung von 1 gr Chinin beizubringen. Am anderen Tage sass der Patient bereits auf seiner Matratze. Obgleich seine Wiederherstellung nur langsam von statten ging, gelang sie doch vollständig; nur behielt die Milz in diesem Fall stets das vergrösserte Volumen. Der Mann hatte sein Leben lang als Führer durch das ganze Sultanat gedient und dabei stets an Fieber gelitten.

Nach der Malaria haben die venerischen Krankheiten auf das Wohlergehen der Stämme von Mittel-Borneo den verderblichsten Einfluss.

Obgleich ich unter den Eingeborenen am oberen Kapuri und oberen Mahakam Syphilis und Gonorrhoe in hohem Masse verbreitet fand, gelang es mir doch nicht, das dritte Leiden, Ulcus urolle, welches mir wegen der lokalen Schäden, die es verursachen kann, in Laufe einer jahrelangen Praxis nicht hätte verborgen bleiben können, zu konstatieren.

Patienten mit syphilitischen Infektionen stellten sich dagegen täglich bei mir ein und zwar ausschliesslich solche mit der tertiären Form von Haut- und Knochenkrankheiten. Trotzdem ich meine auf Syphilis behandelten Patienten nach Hunderten zählen kann, erinnere ich mich nicht, jemals eine primäre Affektion oder ausschliesslich sekundäre Erscheinungen beobachtet zu haben. Unter den Folgeerscheinungen der Infektion fehlten bei den Patienten sekundäre Kehlleiden, Roseola, papulöse und andere sekundäre Exanthemen, sowie Alopecia syphilitica. Condylomen an Mund und Anus waren bei Erwachsenen sehr selten, eher noch bei kleinen Kindern zu finden. Zweifellose Fälle visceraler Syphilis kamen ebenfalls selten in meine Behandlung. Sicher findet sich also unter den Bahau die Form der Syphilis vor, welche man mangels eines besseren Namens "endemische Syphilis" nennt. Diese Form der Syphilis fand ich bei den Ulu-Ajar Dajak südlich vom oberen Kapuas und nördlich von ihnen bei den Kajan; bei den Kajan am oberen Mahakam war sogar jede Familie mit ihr behaftet. Durch Annahme einer ausschliesslich erblichen Verbreitung bei den letzteren liesse sich hier das Auftreten der tertiären Erscheinungen als hereditäre Syphilis erklären, ihr weniger häufiges Vorkommen bei den benachbarten Stämmen jedoch macht diese Erklärung wieder zweifelhaft; übrigens hielt ich mich bei diesen Stämmen nicht lange genug auf, als dass mir nicht viele Fälle entgangen sein könnten.

Völlig unerklärt blieben aber nach dieser Auffassung die Syphilisfälle, wie sie sich unter den Kenjastämmen zeigten. Diese Fälle trugen, abgesehen davon, dass ihr Einfluss auf die Knochen weniger verderblich schien, den gleichen Charakter wie am Mahakam, ihre Verbreitung war aber eine minder allgemeine, auch sah ich keine weiteren Krankheitserscheinungen bei den Familiengliedern, so dass von einer Verbreitung durch Vererbung keine Rede sein konnte. Man muss daher annehmen, dass sich die Syphilis unter den Bahau- und Kenjastämmen von Person auf Person übertragen lässt, ohne dass sie vorher primäre oder die gewöhnlichen sekundären Affektionen veranlasst.

Diese eigenartige Erscheinungsform der Syphilis in Mittel-Borneo stimmt überein mit dem, was über Tety von Madagaskar, Radesyge von Norwegen, Spirokolon während der Zeit der griechischen Freiheitskriege 1820-1825, Belegh in Arabien (_Palgrave_) und die endemische Syphilis in Litauen und Istrien bekannt ist. Dass es sich bei den Bahau in der Tat um Syphilis handelte, bewiesen nicht nur die verschiedensten Erscheinungsformen, sondern auch die Wirkungen einer therapeutischen Behandlung mit Jodkali- und Quecksilberpräparaten. Gleichwie man bei obengenannten Endemieen oft nur an eine Übertragung durch aussengeschlechtlichen Verkehr denken konnte, wird man auch für die Syphilis der Bahau und Kenja die gleichen Ursachen anzunehmen gezwungen.