Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 43

Chapter 433,481 wordsPublic domain

Bevor sich der Kontrolleur in Bewegung setzen konnte, verstrich jedoch noch eine geraume Zeit. _Bier_ hatte seine Aufnahme noch kaum bis zur Mündung des Merasè ausgeführt, als ihm _Barth_ trotz des hohen Wasserstandes mit einigen Long-Glat entgegen fuhr, um ihm die Möglichkeit zu geben, auch den Pahngè zu messen, der einen wichtigen Handelsweg nach dem Belatung im Gebiet des Murung bildet. Dies glückte denn auch, obgleich die Wasserscheide nicht erstiegen und nur der Fluss selbst aufgenommen wurde. Mit Hilfe der Long-Glat mass _Bier_ später in gleicher Weise auch den Tepai. So lange aber das Wasser in Long Tepai nicht bis zu einem bestimmten Zeichen an einem Felsen im Fluss fiel, war an ein Überschreiten der Wasserfälle nicht zu denken.

Die zwei letzten Monate waren, wegen der Einsamkeit und des Mangels an ernster Arbeit, die sowohl unter der Aussicht auf unsere baldige Abreise als unter unserer Sehnsucht nach dieser litt, sehr unangenehm gewesen; an unseren Sammlungen wurde nicht mehr eifrig gearbeitet, denn für Exkursionen konnten wir von den Kajan, die mit der Ernte beschäftigt waren, keine Unterstützung erhalten und die Ethnographica hatte ich alle eingekauft, bis auf einige besonders schöne Stücke, derentwegen ich bereits seit Monaten mit den Besitzern unterhandelte, ohne dass vorläufig ein Resultat zu erwarten war. Ich verschob diese Käufe bis zu meiner Rückkehr von der Reise zur Küste.

Auch meine Kranken liessen mich im Stich, in dieser günstigen Jahreszeit kamen nur selten Malariafälle vor und die chronischen Krankheiten hatte ich so weit als möglich geheilt oder den Patienten die Mittel zu weiterer Selbstbehandlung gegeben.

Überdies sah es in unserer Wohnung ungemütlich aus, denn die vielen Ethnographica und Vögel waren, sobald man Kisten für sie hergestellt hatte, eingepackt worden. Alle diese Umstände liessen uns den langsamen Fortschritt der Reisevorbereitungen seitens der Kajan noch unangenehmer empfinden.

Nachdem der Häuptling Anfang März das _lali parei_ noch in seiner kleinen Wohnung gefeiert hatte, fand der Einzug in das neue, noch nicht ganz fertige, aber doch regendichte Haus statt, worauf zwei Tage _melo_ und dann die Aufhebung der Verbotsbestimmungen (_bet lali_) für das Haus folgten. Der ganze Stamm beteiligte sich an den Festlichkeiten, die uns für einige Tage Abwechselung boten. Leider folgte hierauf wieder ein unvermeidliches achttägiges _melo_ und dann erst begann man das grosse Häuptlingsboot in Ordnung zu bringen. Erst mussten aber noch Ränder (_apin_) im Walde gesucht werden, was keine Kleinigkeit war, da die Länge des Bootes 18 m und die Breite 1,2 m betrug. Diese Arbeit wurde aber, als sich die Kajan einmal ernsthaft aufrafften, über Erwarten schnell ausgeführt und in einem Tage waren auch die Bretter an das Fahrzeug gebunden worden. Zwar wusste ich, dass viele Leute ihren Reis für die Fahrt zubereitet hatten, aber da seither viele Monate verstrichen waren, hatten diese Vorbereitungen kaum noch einen Wert. Selbst die Erklärung eines Mantri, dass ich es hoch anschlagen müsse, dass _Kwing Irang_ doch mit mir ging, obgleich sich ein Bahauhäuptling, wenn er eben sein Haus bezogen hat und dieses auch noch nicht vollendet ist, nicht auf die Reise begeben dürfte, verbesserte meine Stimmung nicht sonderlich.

Selbst am 10. März beanspruchte _Kwing_ noch meine Hilfe, weil er selbst keine genügende Anzahl Menschen zusammen bringen konnte, um in seiner Vorgalerie eine Diele legen zu lassen. Diese bestand aus zahlreichen, schweren Brettern des Tenkawangbaumes, der trotz seiner Nützlichkeit hierfür in grosser Zahl geopfert wurde. Die Bretter waren ungefähr 1 dm dick und 5-7 dm breit bei einer Länge von ungefähr 10 m. Aus einem grossen Baum wurden zwei Bretter hergestellt und zwar vereinigten sich stets zwei Familien, ein bearbeitetes Brett zu liefern.

Um diese Bretter an Ort und Stelle, drei Meter hoch über den Erdboden, zu heben, waren mehr Männer als die sechs oder acht, die ständig am Hause arbeiteten, erforderlich, aber da alle eifrig auf ihren Feldern beschäftigt waren, bat mich _Kwing Irang_, noch einmal die Leitung einer Versammlung übernehmen zu wollen, in der den Familienhäuptern nochmals eingeschärft werden sollte, dass sie ihrem Häuptling und mir gegenüber verpflichtet waren, wiederum Hilfe zu leisten.

A m folgenden Tage wurden in der Tat alle bereits vorhandenen Bretter an ihren Platz gelegt, aber es erwies sich, dass noch so viele Familien die Lieferung ihrer Planke bis nach der Ernte oder nach dem Bau ihrer eigenen Wohnung verschoben hatten, dass noch ungefähr die Hälfte der 13 × 28 m grossen Oberfläche ungedeckt blieb. Hierfür gebrauchte jedoch _Kwing_ die noch nicht benützten Bretter der Mittelwand, die man vorläufig aus altem Material hergestellt hatte und die man erst nach der Rückkehr von der Küste vollenden wollte.

Unter diesen Beschäftigungen trat der z B. März ein, bis _Sorong_ mit vier Mann auf die Vorzeichensuche ging. Nach der Meinung der meisten Kajan geschah dies viel zu früh, aber _Kwing Irang_ tat alles, was er konnte, um die Reise zu beschleunigen, ohne die _adat_ und seine eigenen Interessen allzu sehr zu benachteiligen. Vom 24sten bis zum 28sten durfte nämlich nichts Besonderes ausgeführt werden, da der Mond in dieser Zeit, wo er am vollsten ist, "schlechter Mond" (_bulan dja-ak_) genannt wird. Die Kajan bauen in dieser Zeit keine Häuser und Böte und gehen auch nicht auf die Vorzeichensuche. Dass _Sorong_ sich so früh aufgemacht hatte, half leider nichts, denn am 30. März kam er mit der traurigen Nachricht zurück, dass _Obet Dewong_ nun doch, nach einem Ausflug in den Wald, gestorben war. Durch einen derartigen Todesfall verlieren die gefundenen Vorzeichen ihren Wert und es müssen später wieder neue gesucht werden.

Noch am gleichen Tage kam von den Pnihing aus Long 'Kup die Nachricht, dass _Paren_, der kleine Sohn, den _Kwing_ dort von seiner jüngsten Frau hatte, seit einigen Tagen an Fieber litt und dass man den Vater erwarte. Mit dem Versprechen bald zurückzukehren begab sich _Kwing_ noch am selben Nachmittag nach Long 'Kup.

Als _Kwing_ in den ersten Tagen nicht zurückkehrte, ging _Sorong_ in zwei Böten wiederum auf die Vorzeichensuche.

Da der Häuptling im Fall des Todes seines Sohnes überhaupt nicht hätte reisen dürfen, begann ich mich zu beunruhigen und fuhr am 2. April selbst nach Long 'Kup, um zu sehen, wie die Sachen standen und ob ich helfen konnte. Bei meiner Ankunft war man gerade damit beschäftigt, _Kwings_ Gepäck für die Rückreise in die Böte zu laden; auch war im Zustand des Knaben eine Besserung eingetreten. Es zeigte sich, dass man ein grosses Beschwörungs- und Genesungsopfer (_enah abei_) gebracht hatte und dass die Kajan von dem herrlichen Klebreis mit Schweinefleisch, den sie genossen hatten, noch ganz erfüllt waren. Von dem Rest der schönen Opfergerichte sollte ich nun durchaus auch noch etwas geniessen. Ich liess mich nicht lange nötigen und zwar nicht nur, um meinen Gastherren eine Freude zu bereiten, denn auf meinem Tisch war in letzter Zeit so selten Fleisch erschienen, dass ich das fette Schweinefleisch, trotzdem es ohne Salz gekocht war, gierig verzehrte.

Am gleichen Abend waren wir wieder in Long Blu-u zurück, wo ich zu meinem Verdruss hören musste, dass ein neunjähriges Mädchen, das die Eltern allein zu Hause gelassen hatten, plötzlich erkrankt und gestorben war. Wahrscheinlich hätte ich dem Kinde nicht helfen können und die Kajan trösteten sich mit der Annahme, dass das Kind vielleicht über irgend ein Tier gelacht und daher von den Donnergeistern getötet worden war. Mir schien eine Vergiftung vorzuliegen, ich hielt es aber für geraten, meine Vermutung nicht auszusprechen, da sich sonst alle vor Vergiftung gefürchtet hätten.

Infolge des Todesfalles durfte man, solange das Kind nicht bestattet war, weder an den Böten noch an der Reiseausrüstung arbeiten, auch liess _Kwing Irang_ den _Sorong_, der bereits einen günstigen Vogel gesehen hatte, zurückrufen, da die Vogelschau in diesem Fall _lali_ war. Der Häuptling beredete zwar die Eltern der Verstorbenen, die Leiche in einer Felsenhöhle (_liang_) beizusetzen und ihr nicht erst, wie man anfangs beabsichtigt hatte, eine Hütte zu bauen, was lange gedauert hätte; aber immerhin verloren wir durch diesen Todesfall wieder zwei Tage.

Darauf begannen _Kwing_ und sein Sohn _Bang_ wirklich eifrig an ihren Böten zu arbeiten und viele Freie folgten ihrem Beispiel; zugleich wurde _Sorong_ wiederum auf die Vogelschau geschickt, die ihn allmählich zu langweilen begann. _Sorong_ war nämlich ein in der Jugend geraubter Kahájan Dajak, der dem Glauben der Bahau, obgleich er beim Häuptling eine bevorrechtete Stellung genoss, nicht viel Wert beilegte; nur äusserte er hierüber nie seine Meinung.

Am 10. April langte _Akam Igau_ mit den Seinen unerwartet bei uns an. Sie hatten alle diese Monate bei ihren Verwandten am Tawang verbracht und wegen des hohen Wasserstandes im Makaham eine mühevolle und lange Rückreise gehabt. Nachdem sie die Wasserfälle passiert hatten, waren sie gezwungen gewesen, noch sechs Nächte in Long Tepai zu verbringen., weil man dort wegen des Baues eines neuen Hauses auf die Vogelschau ausgegangen war.

Die Mendalam Kajan brachten die Nachricht, dass der Kontrolleur und _Bier_ bereits nach Long Deho gereist waren, aber dass sich _Bang Jok_ einen Tag vor ihrer Ankunft nach Udju Halang begeben habe, wo seine Schwester gestorben war. Obgleich letzteres sicher der Fall war, schien mir _Bang Joks_ Abreise im letzten Augenblick doch nur ein Vorwand zu sein. Also war es in Kutei doch gelungen, diesen bedeutenden Häuptling vor uns derart in Schrecken zu versetzen, dass er seine eigene Furcht vor Kutei dabei vergass. _Bang Joks_ wurde auch sogleich von dem Sultan mit einem Dampfboot von Udju Halang nach Tengaron abgeholt, wo wir ihn später trafen.

Die Mendalam Kajan wollten sogleich weiterreisen, ich konnte sie daher nur mit Mühe dazu bewegen, noch einen Tag zu warten, um unsere Briefe mitzunehmen. Da _Kwing_ in seinem neuen Hause noch keine Gäste empfangen durfte, übernachteten sie in Long Bulèng. Am anderen Tag kam _Sorong_ endlich melden, dass die wichtigsten Vögel ihre Zustimmung zur Reise gegeben hatten. In einem Gespräch mit dem Häuptling äusserte dieser den Wunsch, mit allen Kajan, die mitgehen sollten, ein _melo njaho_ von zwei Tagen abzuhalten; danach sollte man mein Gepäck in die Böte laden. Nach dem monatelangen Warten kostete es mich einige Selbstüberwindung, meine Zustimmung zu geben, aber da _Kwing Irang_ die Sache für wichtig hielt, willigte ich ein. Zwei Tage darauf wurden morgens alle Böte zu Wasser gelassen und mit Reis, Guttapercha etc. beladen. Zwischen meinen seit so langer Zeit schon gepackten Sachen sitzend beobachtete ich von meiner Wohnung aus mit grosser Befriedigung die Emsigkeit der Kajan, als ich diese plötzlich in grosser Hast alles Gepäck wieder den hohen Uferwall herauftragen sah; selbst die Frauen halfen mit, um schneller fertig zu werden. Ihre Handlungsweise erschien mir unerklärlich, aber gleich darauf teilte man mir im Namen von _Kwing Irang_ mit, dass von einer Abreise keine Rede sein könne, weil einer ihrer wahrsagenden Vögel, noch dazu der _hisit_, erst über das Haus und dann sogar durch das Dach ins Haus geflogen sei. Für den Anfang einer Reise war dies ein äusserst ungünstiges Zeichen, daher musste nach einem _melo njaho_ von vier Tagen von neuem auf die Vogelschau gegangen werden. Nach dieser Zeit war aber der Monat so weit vorgeschritten, dass man zufolge der _adat_ keine grosse Reise mehr unternehmen durfte, sondern bis zum nächsten Neumond (_bulan pusit_) warten musste. Das hiess aber meiner Geduld zu viel zumuten und ich erklärte _Kwing_, dass ich mich von _Akam Igau_, der mit seinen Leuten noch nicht abgereist war, nach Long Tepai werde bringen lassen, um dort auf ihn zu warten oder mit Hilfe der Long-Glat weiter nach Long Deho zu gehen.

_Kwing_ zeigte sich zwar mit meinem Plane einverstanden, nur billigte er nicht die Begleitung der Mendalam Kajan und versicherte, dass seine eigenen Leute mich nach Long Tepai bringen würden, unter Anführung des alten, halb blinden Priesters _Bo Jok_, der die Long-Glat über den Stand der Dinge aufklären sollte.

_Kwings_ Vorschlag passte mir um so besser, als _Akam Igau_ sich nicht gern noch länger aufgehalten hätte. Er trat denn auch wirklich am 12. April seine Heimreise an, nachdem wir seine ganze Gesellschaft mit Salz versorgt hatten.

KAPITEL XVIII.

Äusseres der Bahau--Körperbau--Sinnesorgane--Charakter--Eigentümlichkeiten ihrer Konstitution--Krankheiten der Bahau: Malaria, venerische Krankheiten, Intestinalkrankheiten, Rheumatismus, Kropf, Infektionskrankheiten verschiedener Art, Augenkrankheiten, parasitäre Hautkrankheiten--Wert einer ärztlichen Praxis unter den hingeborenen--Vorstellungen der Bahau von ihrem Körper, ihrem Geist, dem Schlaf und den Krankheiten--Heilmethoden der Priester--Diätetische Mittel--Befolgung ärztlicher Vorschriften--Arzneien der Eingeborenen--Massage, Dampfbäder.

Aus der geringen Bevölkerungsdichte von Mittel-Borneo geht bereits hervor, dass hier Zustände herrschen müssen, die einer normalen Vermehrung der Menschen entgegenwirken. Die schädlichen Faktoren, die hier in Betracht kommen, sind erstens in den Verhältnissen der Umgebung selbst zu suchen, zweitens in dem Umstand, dass sich die Bevölkerung vor den nachteiligen Einflüssen dieser Umgebung nicht zu schützen weiss. Üble Gewohnheiten der Stämme, wie Kopfjägerei und Unsittlichkeit, schädigen eine Vermehrung in weit geringerem Grade.

Die Entwicklung der Bahau und Kenja ist noch nicht so weit fortgeschritten, dass sie Krankheiten mit eigenen, wirksamen Mitteln bekämpfen können; bemerkenswert ist dagegen, dass sowohl bei Bahau als bei Kenja in hohem Masse die Vorstellung herrscht, dass sich Krankheiten durch diätetische Mittel bekämpfen lassen. Die Konstitution der Bahau unterstüzt sie im Kampfe gegen Krankheiten nur wenig, daher haben sie unter diesen während ihres ganzen Lebens mehr oder weniger zu leiden. Vor allem sind es Malaria und venerische Krankheiten, Syphilis und Gonorrhoe, welche die Lebenskraft der Eingeborenen untergraben. Die Malaria wirkt schwächend auf den Organismus, die venerischen Krankheiten verhindern ausserdem eine stärkere Vermehrung.

Die Bewohner von Mittel-Borneo sind mittelgross und schmächtig von Gestalt, doch kommen auch schön gebaute Körper bei ihnen vor, überdies werden sie nicht durch Rhachitis und Tuberkulose verunstaltet. Sie gehören zu einer Rasse mit schwarzem, glattem Haupthaar und mittelmässiger bis schwacher Körperbehaarung. Obgleich einzelne Personen auch welliges, bisweilen sogar krauses Haar besitzen und das Braun der Haut auch sehr dunkel sein kann, habe ich auch unter den Jägerstämmen im Innern der Insel nie Menschen mit Spuren des Negertypus gesehen oder von ihnen sprechen hören.

Trotz ihres schmächtigen Körperbaues besitzen die Bahau gut entwickelte Muskeln, mit geringer Neigung zu Fettbildung, sowohl unter der Haut als an einzelnen Körperstellen. Wirklich fette Individuen sah ich nie; die entstellenden Schmerbäuche, die bei Europäern vorkommen, fehlen bei ihnen gänzlich. Auch findet man nur selten Personen mit Muskeln, die von einer Fettschicht verdeckt sind; am ehesten kommt dies bei erwachsenen jungen Frauen vor.

Die Gesichtsform ist oval, häufig rund mit wenig vortretenden Backenknochen. Die Augenspalten, aus denen lebhafte, dunkelbraune Augen hervorschauen, sind nur schwach geöffnet; Personen mit nach Mongolenart schräg noch aussen verlaufenden Augenspalten sieht man nur selten, die meisten bemerkte ich unter den Kenjastämmen von Apu Kajan. Eine Hautfalte über dem inneren Augenwinkel fehlt gänzlich.

Die im allgemeinen platte Nase ist gerade; ihre Flügel sind nicht besonders breit. Individuen mit eingestülpter oder mit stark gebogener Nase kommen ebenfalls vor.

Der Mund ist nicht auffallend gross; es giebt selbst Frauen mit hübschem, kleinem Mund; auch sind die Lippen nie sehr dick.

Die Bahau besitzen von Natur ein sehr gut entwickeltes Gebiss, sie misshandeln es aber durch das in letzter Zeit Mode gewordene Absägen, Ausfeilen, und Durchbohren der Zähne. Caries und Missbildungen, die durch Syphilis verursacht werden, sind häufig.

Über die Gliedmassen ist nur zu bemerken, dass sie zum Körper in guten Proportionen stehen; die Arme sind verhältnissmässig etwas länger als bei den Europäern. Die schön gebildete, aber nicht schwere Muskulatur weist mehr auf Geschmeidigkeit und Gewandtheit als auf grosse Kraft.

Hände und Füsse sind stets klein und wohlgebildet, leiden aber viel durch harte Feldarbeit, Verwundung und Krankheit, so dass man bei älteren Leuten häufig Missbildungen antrifft. Bemerkenswert ist der grosse Zwischenraum, der häufig zwischen der ersten und zweiten Zehe vorkommt. Der Winkel, den diese beiden Zehen bilden, kann bis zu 60° betragen.

Die Haut der Baliau und Kenja ist in der Jugend meist eher hellgelb als braun, besonders ist dies bei Kindern, die der Sonne noch nicht ausgesetzt gewesen, und bei jungen Mädchen, die sich bei der Feldarbeit durch Kleider vor Sonnenbrand schützen, der Fall. Ganz allgemein wird die spätere dunkle Hautfarbe der Eingeborenen durch die Sonne bewirkt; ständig bedeckte Körperteile, wie die Lendengegend der Männer und die Beckengegend der Frauen, behalten daher stets ihren hellen Ton.

Trotz ihrer teilweisen Bedeckung ist die Haut der Eingeborenen in Wirklichkeit doch allen Einflüssen der Witterung ausgesetzt, wodurch sie ein grosses Widerstandsvermögen erlangt hat. Chronische Hautentzündungen sieht man bei den Baliau nur selten, obgleich sie in Wald und Feld zahlreichen Verwundungen ausgesetzt sind; nicht spezifische Beingeschwüre, wie sie in Europa vorkommen, sind bei ihnen ganz unbekannt. Solange die Haut noch nicht von parasitären Hautkrankheiten betroffen ist, erträgt sie lange Zeit Druck und Reibung, ohne darauf anders als mit leichter Rötung zu reagieren. Auffallend resistent zeigt sich die Haut der Frauen dem Einfluss der Gravidität und der Lactation gegenüber. Die Frauen der Ot-Danum und Kantu am Kapuri besitzen diese Widerstandsfähigkeit in noch höherem Masse, aber auch bei den Frauen der Baliau und Kenja beobachtete ich selbst bei hochgradiger Schwangerschaft nur selten Striae; auch erhalten die Frauen ihre früheren Formen nach der Entbindung vollständig wieder zurück. Ebenso lassen die Brüste oft nur an den Warzen erkennen, dass eine Frau bereits genährt hat. Bei meinem ersten Aufenthalt bei den Ot-Danum bewunderte ich die schöne Gestalt einer jungen Frau, welche ihre zwei verschiedenaltrigen Kinder gleichzeitig nährte. Am Mahakam hatte ich einst eine junge Frau, die ich ärztlich behandelte, lange Zeit für kinderlos gehalten, bis sie eines Tages mit einer dreijährigen Tochter bei mir erschien und mir erzählte, dass sie ein zweites Kind bereits verloren habe. Selbst wiederholte Schwangerschaften hinterlassen bei den meisten Frauen wenig Spuren, sowohl auf der Haut als in den Körperformen.

Dass die Bahau eine viel geringere momentane Muskelkraft als die Europäer entwickeln, ist um so auffälliger, als sie von klein auf an Feldarbeit und Jagd gewöhnt sind und keine Lasttiere besitzen, so dass sie auch im Tragen ständig Geübt sind. Sie können z.B. nicht so schwere Gewichte, wie ein ungeübter, mittelstarker Europäer heben; auch tragen sie bei grösseren Entfernungen und schlechten Wegen nicht gern über 20-25 kg schwere Lasten auf dem Rücken. Bemerkenswert ist ferner, dass die Kräfte und die Ausdauer bereits bei 30-35 jährigen Männern abnehmen, daher überlassen diese alle schwerere Arbeit auf der Reise gern den 20 jährigen jungen Leuten.

Die Sinne sind bei der Bevölkerung von Mittel-Borneo im allgemeinen gut entwickelt. Beobachtungen hierüber werden dadurch erschwert, dass Krankheiten häufig das Seh- und Empfindungsvermögen beeinträchtigen. Da nur ein sehr kleiner Teil der Bevölkerung Augen besitzt, die weder in jugendlichem noch in späterem Alter einmal längere Zeit krank gewesen sind und hiervon an der Cornea oder Conjunctiva noch Spuren aufweisen, findet man bei ihnen begreiflicher Weise kein besonders scharf entwickeltes Sehvermögen. Überdies haben die Eingeborenen zwischen und in ihren Wäldern gar keine Gelegenheit, sich im Fernsehen zu üben und ihre Sehschärfe hierdurch zu entwickeln.

Der Farbensinn lässt bei den Bahau nichts zu wünschen übrig; dafür spricht in erster Linie ihr feines Gefühl für Farbenharmonie, das sich in ihren schönen Perlenarbeiten äussert, ferner, dass ihre Sprache nicht nur für alle verschiedenen Farben, sondern auch für deren Nuancen besondere Bezeichnungen besitzt. Diese weichen in mancher Hinsicht von denen der Europäer ab. So heisst in der Busang Sprache schwarz "_tope totoreg" =_ verbranntes Blau; "_tom genang" = dunkelblau;_ "_krotang_" = hellblau, von dem sie an Perlen verschiedene Arten unterscheiden, je nach dem Zweck, für den sie diese benützen, z.B.: "_krotang lawong" =_ hellblau für Kopfbänder. Gelb heisst "_njehang_" und hell rehbraun "_njehang tebli_ (gelbrot)", dunkel rehbraun und dunkelrot werden beide "_li_" genannt. Weiss = _puti_; grün = _nohom_.

Das Tastvermögen der normalen Haut ist bei den Bahau, vielleicht wegen der dicken Epidermis, minder ausgebildet als bei Europäern. Ihre blosse Haut hat für gewöhnlich eine niedrigere Temperatur als die der Weissen, daher vertragen sie bei andauernder Anspannung und Hitze nur schlecht eine stärkere Blutzufuhr und Transpiration und nehmen jede Gelegenheit wahr, um sich zu baden.

Auf Kitzel reagiert ihre ganze Haut weniger stark als die der Europäer, während ihre Handflächen und Fusssohlen wegen der Dicke der Schwielen für Kitzel ganz unempfindlich sind.

Die Bahau besitzen ein gut entwickeltes Gehör; an ihre reit primitiven Mitteln hergestellten Musikinstrumente, wie Flöte und _kledi_, machen sie, was Reinheit des Tones anlangt, grosse Ansprüche. Ihre Lieder erscheinen auch einem europäischen Ohr melodisch. Ihre Gonge tönen uns zu laut, aber auch bei diesen bestimmt hauptsächlich die Reinheit des Tones den Wert des Instruments.

Ob der Geruchssinn bei den Bahau feiner ausgebildet ist als bei den Europäern, wage ich weder aus der Tatsache, dass sie für unangenehme Gerüche, wie die von Leichen und Unrat, sehr empfindlich sind, noch daraus, dass sie bei unbekannten Waldfrüchten nach dem Geruch bestimmen, ob sie giftig oder nicht giftig sind, zu entscheiden; denn die erste Eigenschaft steht mit ihrer allgemeinen psychischen Überempfindlichkeit in Zusammenhang und die zweite beruht wahrscheinlich hauptsächlich auf Erfahrung und Übung.

Die wohlriechenden Gräser, Blätter und Blüten, mit denen sich junge Männer und Mädchen für einander schmücken, duften nach unserem Geschmack nicht immer angenehm; die jungen Leute müssen eben mit den Erzeugnissen ihrer Umgebung vorlieb nehmen. Die Bahau schätzen aber auch europäische Parfümerieen, die bei ihnen in schlechtester Qualität von den Malaien eingeführt werden. Dass auch die Nasen der Bahau für die verschiedenen Sorten unserer Parfümerieen ein scharfes Unterscheidungsvermögen besitzen, erfuhr ich einst am Mendalam, als ich _Paja_, _Akam Igaus_ Tochter, eine Flasche Eau de Cologne N°. 4711 schenkte. Ihre Freundin, die sich gleich darauf ebenfalls eine Flasche erbat, suchte ich mit etwas gewöhnlicher Wasch-Eau de Cologne abzufertigen; nachdem die beiden aber zu Hause gemeinsam den Inhalt ihrer Flaschen geprüft und verglichen hatten, kam die Freundin gleich wieder zurück und erklärte, dass ihre Eau de Cologne schlechter sei als die von _Paja_.

Die Bahau sind sehr sensible Naturen und daher Gemütsbewegungen aller Art sehr zugänglich. Auch bei freudigen Erregungen steigen ihnen Tränen in die Augen; einst sah ich eine Frau sogar beim Anhören eines Grammophons weinen.