Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 42
Nach dieser vorläufigen Beratung kam ich mit dem Kontrolleur überein, dass wir jetzt, wo die Mahakamstämme uns so günstig gesinnt waren und selbst Angelegenheiten, die sie so nahe angingen, mit uns berieten, eine Teilung unserer Gesellschaft riskieren konnten, und so beschlossen wir, dass _Barth_ mit allen bewaffneten Malaien nach Long Tepai ziehen sollte, um dort nach Umständen zu handeln, und dass _Hadji Umar_, der die dortigen Verhältnisse und Menschen am besten kannte, ihn begleiten sollte. _Barth_ sollte so lange in Long Tepai bleiben, bis ich mit _Kwing Irang_ bei ihm eintraf, um dann gemeinschaftlich die Reise nach der Küste fortzusetzen.
Auf die Frage, wann er mit uns würde abreisen können, antwortete _Kwing Irang_ nur: "so bald als möglich," ohne einen bestimmten Termin anzugeben.
Am 9. Februar teilte sich unsere Gesellschaft tatsächlich und _Barth_ fuhr mit den Seinen, zur grossen Zufriedenheit _Bo Tijungs_, flussabwärts.
In Long Tepai fand er alle bereit, sogleich einen Kriegszug nach dem oberen Tepai zu unternehmen; doch brachte er die Leute dazu, sich vorläufig darauf zu beschränken, unter Leitung einiger unserer besten Schutzsoldaten auf Kundschaft auszuziehen und zwar in so grosser Anzahl, dass man auch stärkeren Banden Widerstand leisten konnte.
Die Expedition brachte die Nachricht zurück, dass die Batang-Lupar, die in der Hütte gewohnt hatten, wahrscheinlich keiner grösseren Bande angehörten und so eilig geflohen waren, dass sie ihr Hab und Gut hatten zurücklassen müssen. Nachdem die Gesellschaft einige Tage in der Batang-Lupar Hütte gewohnt hatte, zog sie mit allen transportablen Gegenständen nach Long Tepai zurück und beruhigte die Dorfbewohner. Beinahe hätte sich auf dem Zuge ein Unglück zugetragen, da einer von _Hadji Umars_ Begleitern, ein zum Heidentum übergetretener Malaie aus Serawak, gleichfalls namens _Umar_, plötzlich sein Gewehr auf _Njok_, den ältesten Sohn von _Bo Lea_, angelegt hatte. Wenn einer unserer Schutzsoldaten das Gewehr nicht in die Höhe geschlagen hätte, wäre _Njok_ sicher niedergeschossen worden. Der Mann war sogleich in den Wald geflohen und hatte sich nicht mehr sehen lassen. Acht Tage darauf erfuhren wir, dass _Umar_ erschöpft in Long Bulèng angelangt war. Später beging er Ähnliches am Serata und verursachte schliesslich auch bei den Kajan grosse Aufregung, indem er fünf junge Malaien verwundete und einen Dajak tötete. Jetzt sahen selbst die Kajan ein, dass der Mann an Verfolgungswahnsinn litt. _Kwing Irang_ hatte mir nicht glauben wollen, als ich den Mann für geisteskrank erklärte und ihm nach dem Begebnis in Tepai riet, das gefährliche Individuum nach Serawak zurückzusenden. Mit vieler Mühe gelang es den Kajan, den Mann, der sich im Walde versteckt hielt, zu töten.
Nun folgte für mich eine sehr ruhige Zeit, in der ich nur für den täglichen Unterhalt meiner Leute zu sorgen, meine ethnographische Sammlung zu vergrössern und die Lebensverhältnisse der Kajan zu studieren hatte. Der Bau von _Kwing Irangs_ Haus bildete für mich den Mittelpunkt des Interesses.
Auf Andringen von _Kwing Irang_ und seinen Mantri beteiligten sich einige Monate hindurch beinahe täglich einige Männer an der Arbeit, aber der Bau schritt doch lange nicht so schnell vorwärts, als der Häuptling und ich es wünschten. _Kwing_ hatte mir bereits öfters mitgeteilt, dass, so lange er sein neues Haus noch nicht bezogen hatte, von einer Reise zur Küste keine Rede sein konnte. Jetzt, wo meine Gegenwart aus politischem Interesse bei den Long-Glat viel notwendiger war als bei den Kajan, wurde meine Ungeduld, das Haus endlich fertig dastehen zu sehen, begreiflicher Weise immer grösser. Und doch wollte ich die Reise ohne Kwing Irang lieber nicht fortsetzen, da seine Anwesenheit für den Eindruck auf die weiter unten wohnenden Stämme von zu grosser Bedeutung war. Von diesem Gesichtspunkte aus war es sehr günstig, dass der Kontrolleur schon jetzt die Möglichkeit hatte, sich bei den Long-Glat einzuleben; die Berichte, die er ständig nach oben sandte, lauteten auch sehr befriedigend.
Immer wieder wies ich die Kajan auf ihre Pflicht, sich mit aller Kraft dem Hausbau zu widmen. Es wurden selbst zweimal des Abends Versammlungen abgehalten, in denen ich mit allem Einfluss, den ich besass, für den Bau des Hauses eintrat; der Häuptling konnte nämlich keine Arbeiter mehr finden, da die Leute mit dem Bau ihrer eigenen Wohnung beschäftigt waren. Zu meiner Genugtuung wurden meine Vorstellungen wirklich beherzigt und der Hausbau schritt, im Vergleich mit der sonstigen Arbeitsweise der Bahau, schnell vorwärts. Die Kajan waren hiervon so überzeugt, dass sie mir sagten, das Haus sollte später stets: "_uma tuan Doktor_" (Haus des Herrn Doktor) heissen. Nichtsdestoweniger schienen mir die Tage kein Ende nehmen zu wollen.
_Bier_ hatte seine Aufnahmen in Zeichnung gebracht und es wurde für ihn Zeit, seine Arbeit an einem anderen Ort fortzusetzen. Da auch der Kontrolleur in Long Tepai nur fünf Schutzsoldaten bei sich hatte, schien es mir notwendig, uns unabhängig von den Bahau Hilfskräfte zu verschaffen, die mir auch, nachdem ich den Kontrolleur bis nach Samarinda begleitet hatte, bei meiner Rückkehr ins Innere von Nutzen sein konnten. Ich nahm daher sogleich die besten Elemente von _Hadji Umars_ Gesellschaft und ausserdem auch noch einige andere Malaien aus unserer Nachbarschaft in meinen Dienst. Die Leute waren froh, dass sie nun, wo die Kajan nicht mithalten konnten, von der Gelegenheit, einen guten Lohn zu verdienen, profitieren konnten. Es wurde mir um so leichter, Personal zu finden, als keinem von uns bisher ein Unglück zugestossen war und ich durch meine ärztliche Praxis das Vertrauen aller genoss. Im Hinblick auf meinen späteren Besuch bei den Kenja war ich auf Leute des gleichen Landes angewiesen, da ich erfahren hatte, dass nur ein kleiner Teil meines jetzigen Geleites dafür geeignet war oder geneigt sein würde, noch ein zweites Jahr bei mir zu bleiben. Unter den javanischen Leuten waren mehrere, die mir von keinem Nutzen sein konnten und die ich daher nach Java zurückschicken wollte, während die Malaien von der "Wester-Afdeeling" von Borneo, sowohl die Schutzsoldaten als die Melawie Malaien, sich zu sehr nach ihren Familien sehnten, um noch weiter mitgehen zu wollen. Indem ich von den Javanern, die in letzter Zeit ein sehr faules Leben geführt hatten, alle entbehrlichen Leute wählte, gelang es mir, _Bier_ für drei Böte eine Bemannung zu verschaffen, mit der er den Mahakam vom Blu-u bis Long Tepai weiter aufnehmen konnte; von dort aus sollte er mit Hilfe der Long-Glat, die ihm der Kontrolleur zu verschaffen suchen musste, weiterarbeiten.
Des hohen Wasserstandes wegen musste _Bier_ lange Zeit mit seiner Aufnahme warten und noch vor seiner Abreise fanden unsere Gedanken eine plötzliche Ablenkung.
A m Morgen des 23. Februar erschien _Kuntji_, ein Malaie, der bei den Ma-Suling am Merasè lebte, mit einer Anzahl Leute aus Lulu Sirang und meldete, dass der Häuptling _Obet Dewong_ seit einiger Zeit wieder so ernstlich krank war, dass er meine Hilfe sogleich nötig hatte. Die Nachricht berührte mich äusserst unangenehm, denn man schrieb die Krankheit natürlich, diesmal zum Teil mit Recht, unserer Exkursion auf den Batu Situn zu, auch konnten nun die Ma-Suling, die bereits grosse Vorbereitungen getroffen hatten, um unter meinem Schutz die Gebiete unterhalb der Wasserfälle und die dortigen Märkte zu besuchen, nicht mit uns reisen. Da es sich bald herausstellte, dass es dem Häuptling lange Zeit gut gegangen war, dass er aber durch grosse Unvorsichtigkeit, wie durch langes Stehen in kaltem Flusswasser beim Fischen und durch Hacken von Rotang und Brettern für Böte, einen Rückfall bekommen hatte, wollte ich mich in der ersten Aufwallung nicht weiter mit ihm befassen. Ausserdem war die Reise nach Lulu Sirang wegen des Hochwassers im Mahakam und Merasè gefährlich und so schwierig, dass wir kaum Aussicht hatten, die Niederlassung noch am gleichen Tage zu erreichen. Bei ruhiger Überlegung sagte ich mir jedoch, dass der Tod des Häuptlings einen sehr unangenehmen Eindruck hinterlassen würde, den meine Weigerung, ihm zu helfen, nur verschlimmern konnte. Auch fiel mir ein, dass wir möglicherweise einen Teil der Reise über Land zurücklegen konnten, denn ich hatte vom Batu Marong aus gesehen, dass die Gegend zwischen dem Mahakam und Lulu Surang zwar mit Urwald vollständig bedeckt, aber eben war. Da an beiden Enden dieser Ebene, am Mahakam und am Merasè, Ma-Suling wohnten, führten vielleicht Pfade durch den Wald.
Bei näherer Erkundigung bestätigte sich meine Vermutung; wir konnten uns somit die Fahrt auf dem Merasè ersparen und hatten dazu Aussicht, unser Ziel schneller zu erreichen.
Eine halbe Stunde darauf sass ich mit _Midan_, meinem Hunde und den notwendigen Arzneien im Bote der Ma-Suling, das von der heftigen Strömung mit grosser Geschwindigkeit flussabwärts geführt wurde. _Bier_, der am gleichen Tage mit der Aufnahme hatte anfangen wollen, musste die Arbeit wieder aufschieben; auch sollte er in den folgenden Tagen nach Gutdünken handeln.
Bereits um 11 Uhr hatten wir Lulu Njiwung passiert, waren zwischen zahlreichen kleinen Inseln hindurchgefahren und landeten oberhalb der Mündung des Merasè bei der Niederlassung des Ma-Suling-Häuptlings _Tekwan_. Hier stieg ich aus und sandte einige Ma-Suling nach oben, um Führer zu holen, da ich selbst noch viel zu sehr unter dem Eindruck des von _Lasa_ verübten Mordes stand, um dessen Elternhaus betreten zu wollen. Diejenigen, die den Weg nach Lulu Sirang kannten, wohnten auf ihren Reisfeldern, an denen wir vorüber mussten. Zwei junge Ma-Suling aus unserem Boot, mein Diener und mein Hund sollten mich begleiten, während der Malaie _Kuntji_, der nicht mit uns zu gehen wagte, und die vier anderen Ma-Suling versuchen sollten, den Merasè hinaufzufahren.
Als es bald darauf zu regnen begann, wurden die im übrigen gut unterhaltenen Wege, die zu den Reisfeldern führten, sehr glatt, besonders an viel betretenen Stellen und auf Hügeln.
Nach einer Stunde schlugen wir Seitenwege ein, die zwar viel unebener waren, dem Fusse aber besseren Halt boten. Nach kurzer Zeit erreichten wir die Hütte (_lepo luma_) auf dem Reisfelde, dessen Besitzer uns als Führer dienen sollte. Der Mann behauptete jedoch, nicht fort zu können, und gab uns zwei andere an, die zur Begleitung bereit sein würden.
Auf einigen kaum erkennbaren Pfaden und durch einige Bäche hindurch gelangten wir zu anderen Ladanghäusern, in denen wir zwei Männer fanden, die in der Tat mitgehen wollten.
Von den Reisfeldern führte der Weg in den Wald längs flachen, sandigen Flussbetten, in denen das Waten zwar nicht mühsam, aber beim strömenden Regen auch nicht ermunternd war.
Wir folgten dem letzten Flussbett, das immer steiniger wurde, bis zum Ursprung; hier mussten wir die Ebene verlassen und mehrere hohe Hügel passieren. Die nassen Lehmpfade, die steil nach oben führten, stellten an unsere Beine und Lungen starke Ansprüche, aber auf den Gipfeln der Hügel angekommen fanden wir wirklich gute und nicht glatte Pfade, denen wir stundenlang folgen konnten. Erst bei Einbruch der Dunkelheit stiegen wir abwärts und folgten sehr ermüdet den Pfaden, die durch die Reisfelder der Ma-Suling von _Obet Dewongs_ Dorfe führten. Unglücklicher Weise bestanden diese Pfade grösstenteils aus freiliegenden, dünnen Baumstämmen, von denen je zwei oder drei auf Querbalken neben einander einen Fuss über dem Erdboden ruhten. Strauchelnd, gleitend und fallend bewegten wir uns langsam vorwärts und waren am Ende erstaunt, ohne Arm- und Beinbruch davongekommen zu sein. In einem Ladanghause, in dem Licht brannte, wollten wir uns mit Fackeln versehen, aber die Leiter war hinaufgezogen und, als wir uns dem Hause näherten, löschten die Bewohner das Licht aus und gaben keine Antwort. Unsere Führer erklärten, dass es viel zu gefährlich sei, an andere Hütten zu klopfen, da die Leute sich nachts fürchteten und auf uns schiessen konnten.
So gingen wir denn weiter und erreichten, bevor es ganz dunkel wurde, die Hütte von Verwandten der beiden Ma-Suling von _Obet Dewong_. Nachdem wir hier eine halbe Stunde Rast gehalten hatten, suchten wir mit Hilfe von Harzfackeln in der stockdunklen Nacht weiter zu kommen. Zum Glück befanden wir uns nicht mehr weit von der Niederlassung entfernt, wir mussten nur noch einem kleinen Flusse folgen und dann zum Teil über den Marong hinüber.
Zwischen Wasser und Erde machten wir bereits seit langem keinen Unterschied mehr, daher empfanden wir es auch nicht als besonders unangenehm, dass wir durch einen kleinen, aber sehr geschwollenen Fluss mit moderigem Grunde waten mussten und dass das Wasser uns bis an die Brust reichte.
Die schmale Schlucht zwischen den hohen, dicht bewachsenen Ufern wurde von dem flackernden Schein unserer Fackeln phantastisch beleuchtet. Hinderten uns unter Wasser liegende Äste und Baumstämme am Vorwärtsgehen, so fanden wir am Ufergras und an den Zweigen einen Halt. Mein Hund suchte sich zwischen dem Ufergebüsch heulend seinen Weg, da er gegen die heftige Strömung nicht schwimmen konnte. Der Fluss wurde immer flacher und nach einer halben Stunde verliessen wir das Bette, um den Batu Marong so weit zu besteigen, dass wir auf die andere Seite hinübergelangen konnten. Dort sahen wir den Merasè plötzlich zu unseren Füssen und jenseits des Ufers stand das Haus von _Obet Dewong_. Als habe man uns erwartet, erschienen auf unser Rufen sogleich einige Männer, die uns über den in der Tat sehr geschwollenen Fluss ruderten.
Obgleich mein äusserer Mensch durchaus nicht in eine Häuptlingswohnung passte, führte man mich doch sogleich zu _Obet Dewong_, der über mein Kommen sehr erfreut war. Man hatte mich nicht umsonst gerufen; der grosse Mann lag völlig apathisch mit halbgebrochenen Augen da; seine Zunge war trocken und schwarz, auch sprach er nur mit Anstrengung.
Da er täglich um die Mittagszeit einen Fieberanfall bekam, hielt ich es für geraten, ihm nicht vor dem folgenden Morgen Chinin zu geben, ihn augenblicklich durch Kognak mit Wasser zu beleben und dann, da sein Puls es zuliess, mittelst Morphium schlafen zu lassen. Den Kognak musste ich stark verdünnen, da die Kehle der Bahau, die fast nichts anderes als Wasser kennt, für Alkoholica sehr empfindlich ist. Die Wirkung war eine befriedigende, denn bevor ich mich von meiner Übermüdung so weit hergestellt hatte, dass ich an Essen und Schlafen denken konnte, hatte sich der Patient, zur grossen Freude seiner Umgebung, bereits etwas erholt. Nach meiner Mahlzeit von Huhn und Reis gab ich dem Häuptling ein Morphiumpulver, worauf er in ruhigen Schlaf fiel.
Wahrscheinlich schlief mein Patient besser als ich, denn obgleich es _Kuntji_ gelungen war, bald nach uns anzukommen und er mein Bettzeug mitgebracht hatte, schlief ich nur schwer ein und erwachte mit einem heftigen Brustkrampf. Gegen Ende der Nacht legte sich der Krampf und am folgenden Morgen gab es so viel zu tun, dass ich auf mich selbst nicht mehr achten konnte. In aller Frühe gab ich _Obet Dewong_ seine Dosis Chinin, die er bereitwillig einnahm, mit dem Erfolge, dass der Fieberanfall an diesem Tage ausblieb. Darauf strömten wiederum Kranke herbei, die mich um Chinin, hauptsächlich aber um Jodkali baten, dessen gute Wirkung sie seit meinem letzten Besuche, wo ich ihnen dieses Mittel in grösserer Menge verteilt hatte, aus Erfahrung kannten. Unter anderem erfuhr ich von den Leuten, dass viele es lebhaft bedauerten, wegen der Krankheit des Häuptlings nicht mit mir zur Küste reisen zu können. Zwar glaubte der Häuptling immer noch an seine baldige Genesung und an eine Teilnahme an der Reise, aber ich nahm mir vor, ihm wegen seines Leichtsinns in bezug auf seinen augenblicklichen Zustand und in Anbetracht seiner hohen Jahre, auch für die Zukunft Vorstellungen zu machen.
Die vorgenommene Unterredung fand bereits abends statt, auch teilte ich dem Kranken mit, dass ich noch den folgenden Tag bei ihm bleiben wollte, um ihm selbst die Arznei zu verabreichen. Die Chinindosis, die er morgens und abends regelmässig einnahm, und die rationelle Ernährung taten dem Manne sichtlich gut. Am Abend vor meiner Abreise erklärte ich _Obet_ nochmals, dass ich ihn bestimmt nicht auf die Reise mitnehmen würde und dass er sich noch lange nach seiner Genesung in Acht nehmen müsse, um einen Rückfall, der für ihn sehr gefährlich werden konnte, zu vermeiden. Dank den zurückgelassenen Arzneien genas der Patient vollkommen, als er aber später hörte, dass es mit meiner Abreise Ernst wurde und dass die Kajan mich begleiten sollten, zog er doch wieder in den Wald, um seine Böte rüsten zu lassen. Trotz einer Erkältung, die er sich hierbei zuzog, ging er wieder fischen und wurde schliesslich von einem so heftigen Fieberanfall gepackt, dass er nach drei Tagen starb.
Bei meiner Abreise am 26. Februar wiegte ich mich jedoch noch in der Illusion, dass ich den Häuptling gerettet hatte, und zu meiner angenehmen Überraschung erklärten sich diesmal sechs Mann ohne Widerrede bereit, mich nach Long Blu-u zurückzubringen. An Napo Liu liess man mich nicht ohne Weiteres vorbeifahren, sowohl bei _Ledju Li_ als bei _Temenggung Itjot_ musste ich viele Kranke behandeln; da der Mahakam überdies noch sehr geschwollen war, wurde es Abend, bevor wir unterhalb der Niederlassung von _Tekwan_ ankamen. Hier herrschte _lali parei_ (Verbotszeit beim Beginn der Ernte), weswegen wir nicht im Dorfe übernachten durften, was mir sehr angenehm war. Als Nachtquartier fanden wir eine leerstehende, kleine Reisscheune, in welcher meine Leute mir das Klambu aufschlugen und sich dann unter demselben neben einander schlafen legten. Glücklicher Weise regnete es am folgenden Morgen nicht, so dass wir mit frischem Mut den Kampf mit der Strömung wieder beginnen konnten. Einige Stellen liessen sich nur mit grosser Anstrengung überwinden, da der Mahakam nachts leider wieder gestiegen war. Als wir zwischen den Inseln hindurch auf gänzlich neuen Wegen fuhren, trafen wir auf einem derselben _Bier_ mit seiner Gesellschaft, der nicht länger auf einen günstigen Wasserstand hatte warten wollen und nun, so gilt es eben ging, für seine Peilungen passende Standorte zu finden suchte. Er erzählte, dass uns einige Schutzsoldaten eine Postsendung aus Long Tepai mitgebracht hatten, die ich ihm zum Trost zukommen zu lassen versprach.
Zu Hause angekommen fand ich alles in Ordnung, nur war ich sehr enttäuscht, dass das Dach des neuen Hauses noch immer nicht ganz gedeckt war und dass noch neue Dachschindeln gemacht werden sollten, so dass wir sicher bis zum folgenden Monat warten mussten, bevor an eine Abreise zu denken war.
Anfang März beauftragte ich die Pflanzensucher, die Pflanzen, die bis dahin frei in Bambuskörben gestanden hatten, in Kisten zu setzen. Die Malaien und Javaner sollten inzwischen unsere Böte mit neuen Rändern versehen und die alten mit Rotang festbinden.
Die Kajan ersahen hieraus, dass ich ernsthaft an die Reise dachte und dass ich nicht die Absicht hatte, wie im Jahre 1897, ihre Ernte abzuwarten. Durch das späte Säen, den Bau des Häuptlingshauses und vieler kleinerer Häuser, sowie durch den vielen Regen, der den Reis nicht reifen liess, war die der Ernte vorangehende Verbotszeit bei den Kajan erst Anfang März abgelaufen. Ich hoffte nun bald zu vernehmen, dass man sich auf die Vogelschau begeben würde, stattdessen erzählten mir einige Knaben im Geheimen, dass man auch noch für die Seitenwände des Hauses Eisenholzschindeln herstellen wollte. Ich war zu sehr daran gewöhnt, durch Umwege hinter die Wahrheit zu kommen, um den Knaben keinen Glauben zu schenken, und rechnete daher sogleich mit einer neuen Verzögerung unserer Abreise. Meine Vermutung erwies sich als richtig, nur beruhte die Verzögerung nicht auf der Herstellung von Schindeln.
Die Hauptsache war, dass wir aus der Zeit, die wir notgedrungen bei den Bahau verbringen mussten, so viel Vorteil als möglich zu ziehen suchten.
Der Kontrolleur hatte bereits einen Monat bei den Long-Glat in Long Tepai verbracht und somit genügend Zeit gehabt, um die Bevölkerung kennen zu lernen; er selbst war übrigens derselben Meinung. Da _Bier_ sich nun auch mit seiner Gesellschaft dem Kontrolleur angeschlossen hatte, waren beide stark genug, um sich in eine Umgebung zu wagen, von deren friedfertiger Gesinnung wir nicht so ganz überzeugt waren. In dieser Überlegung schlug ich _Barth_ vor, bei günstigem Wasserstand bis Long Deho hinunterzufahren, zudem lauteten die Berichte von dort derart, dass ein längerer Aufenthalt unserer Gesellschaft oder eines Teiles derselben dort sehr wünschenwert war. Der Häuptling von Long Deho, _Bang Jok_, war von unterhalb der Wasserfälle gebürtig und hatte sich mit seinem Stamm erst im Jahre 1893, als er sich in seiner früheren Niederlassung Lirung Tika wegen der Bedrohungen des Sultans nicht mehr sicher fühlte, ober halb der Gastlichen Wasserfälle, des Kiham Halo und Kiham Udang, niedergelassen. Seit der Zeit hatte er allen Versuchen einer Annäherung seitens des Sultans widerstand geboten und war auch nie wieder nach Tengaron gefahren. Doch kam er der Aufforderung des Sultans, die 1895 durch den vornehmen Gesandten _Pangéran Temenggung_ an ihn erging, gegen die Banden Buschproduktensucher aus dem Baritogebiet aufzutreten, nach. Diese Leute brachten nämlich einen grossen Teil der Guttapercha, die sie im Gebiet des mittleren Mahakam sammelten, nach dem Barito hinüber, wodurch sie den Sultan um einen Teil des Ausfuhrzolles von 10%, den er an der Mahakammündung erhebt, schädigten. _Bang Jok_ war nicht im stande, gegen diese starken, gut bewaffneten Banden aufzutreten, und liess daher gelegentlich kleinere Gesellschaften durch seine Untergebenen berauben und töten. Auf diese Weise hatte er direkt und indirekt zu mehreren in den letzten Jahren verübten Morden Veranlassung gegeben und sah daher, aus Furcht vor Strafe, einer Begegnung mit uns Niederländern ungern entgegen.
Da wir wussten, dass _Bang Jok_ alle diese Morde auf des Sultans Rat ausgeführt hatte, und wir übrigens auch nicht das Recht hatten, gegen in früheren Jahren begangene Taten aufzutreten, beabsichtigten wir, auf diese Angelegenheit gar nicht einzugehen. Die Regierung von Kutei jedoch, die unsere wachsende Macht unter den Bahau mit scheelen Augen ansah, benützte _Bang Joks_ Furcht vor uns als wichtigsten Hebel, um zu verhindern, dass auch dieser Häuptling auf unsere Seite trat. Ein gewisser _Hadji Udjon_ hielt sich bereits seit Monaten als Gesandter des Sultans bei _Bang Jok_ auf, um ihn dazu zu bewegen, noch vor unserer Ankunft nach Tengaron hinunterzufahren, von wo aus man ihm allerhand schöne Versprechungen machte. Diese Umstände liessen uns lange Zeit über den Empfang, der uns in Long Deho zu Teil werden würde, in Unsicherheit, und nur die gute Gesinnung der Long-Glat von Long Tepai, naher Verwandter derer von Long Deho, hatte uns einigermassen beruhigt. Ich hielt es daher für notwendig, dass der Kontrolleur ein starkes Geleite bei sich hatte, bevor er sich über die westlichen Wasserfälle nach Long Deho wagte, und wäre am liebsten selbst mit ihm gezogen, wenn ich nicht durchaus auf _Kwing Irang_ hätte warten müssen, besonders jetzt, wo auch die Ma-Suling sich an der Reise nicht beteiligten und wir auch nur mit Hilfe der Kajan alles Gepäck nach der Küste schaffen konnten.