Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 40

Chapter 403,559 wordsPublic domain

Der Mann war von einer Gesellschaft Dajak aus Serawak, die sich vor einigen Monaten eine Zeitlang am Mahakam auf hielt, zurückgeblieben und man hatte ihm, da er sich allerhand Airs zu geben verstand, selbst ein Kajanmädchen zu heiraten gestattet. _Banjin_, hatte sofort gemerkt, welch einen Eindruck er auf seine Umgebung machte und dass diese sich leicht einschüchtern liess. Wenigstens begann er, seine Frau schlecht zu behandeln, fremdes Eigentum zu gebrauchen, von den Leuten alles, was er nötig hatte, zu fordern, die Frauen zu belästigen, kurzum, er betrug sich so, wie es seiner wilden Laune im Augenblick passte. Damit ihm die Kajan nichts anzutun wagten, drohte er ihnen mit der Rache des Radja von Serawak, so das _Kwing Irang_ seinen Leuten riet, noch Geduld mit dem Subjekt zu üben. Da _Bang Lawing_ vom Ikang augenblicklich anwesend war, wurde diese Staatsangelegenheit von den beiden Häuptlingen im Geheimen behandelt, denn als ich mich am folgenden Morgen in der Frühe als Arzt nach _Kwing Irangs_ Wohnung begab, um mich nach dem Befinden einer seiner Frauen zu erkundigen, fand ich dort die beiden Häuptlinge, einige der vornehmsten Alten des Stammes und _Banjin_ versammelt. Ich hatte _Banjins_ Geschichte, da sie sich auf den Reisfeldern abspielte, erst vor wenigen Tagen erfahren und es interessierte mich zu sehen, was sie mit dem Individuum anfangen würden. Ich durfte der Beratung beiwohnen und setzte mich daher zu den übrigen. Der Schuldige hatte bereits bei meinem Eintritt seine hochfahrende, aggressive Haltung aufgegeben und war an die Wand gelehnt in sich zusammengesunken. Man wagte in meiner Gegenwart nicht, mit der Sache deutlich ans Licht zu kommen, und aus _Banjins_ früherer Haltung schloss ich, dass man auch nicht energisch gegen ihn aufgetreten war. _Kwing Irang_ wagte kaum zu erwähnen, welch eine Angst und Unruhe dieser junge Taugenichts bei seinem Schwiegervater anstiftete, und sprach noch von einem Vergleich, obgleich sich der ganze Stamm nach der Abfahrt dieses Gastes sehnte.

Trotz der offenbaren Verlegenheit des Schuldigen hatte _Kwing_ nicht den Mut, ihm zu sagen, dass er sich entfernen müsse. Daher mischte ich mich in die Angelegenheit und erklärte dem Manne kurz und bündig, dass er, als eine Plage des ganzen Stammes, sich mit der ersten Gelegenheit zu den Pnihing und von dort weiter nach Serawak zu begeben habe. Der Mann wagte mit keinem Wort zu widersprechen und da machte _Kwing Irang_ den Vorschlag, dass er, bis sich eine Reisegelegenheit für ihn finde, bei den Familien seiner Sklaven auf dem Reisfelde wohnen sollte. Der Verstossene verschwand sogleich und mit ihm auch der Druck, der auf den Angesehensten des Stammes gelastet hatte. Abends führten drei Männer _Banjin_ in einem Boot nach dem Reisfeld, wo sich die Menschen seiner Drohungen wegen sehr vor ihm fürchteten. Die Männer baten mich daher dringend um Erlaubnis, den Mann binden und sich wehren zu dürfen, falls er auf Frauen und Kinder einen Anschlag machen sollte. Dagegen hatte ich natürlich nichts einzuwenden. Infolgedessen hielten zwei Männer die Nacht über bei _Banjin_ Wacht, der sich übrigens eines friedlichen Schlummers erfreute.

Noch am gleichen Tage bot sich eine ausgezeichnete Gelegenheit, um den lästigen Gesellen los zu werden. Es erschien nämlich die energische _Hinan Lirung_ vom Howong und stellte nochmals an meinen und der Kajan Reisvorrat ihre Ansprüche. Sie war schon früher einmal mit einigen Männern bei mir erschienen und hatte das Salz gebracht, das ich nach dem Zug über die Wasserscheide im Walde hatte zurücklassen müssen, und war dann mit ihrem Lohn an Reis, Salz und Zeug reich beladen zurückgekehrt. Nun kam sie zum zweiten Mal unter dein Vorwand, dass sie oben keinen Reis mehr habe.

Die Sorge für ihre Stammesgenossen war mit Recht ihr anvertraut, denn, während ihr Mann _Amun Lirung_ den Ruf eines Schwätzers besass, fürchtete man sich vor _Hinan Lirung_. Auch _Kwing Irang_ kam ihr mit wenig Sympathie entgegen, dessenungeachtet gelang es ihr bereits abends, auf Schuld und für eine kleine Menge schwarzen Kattuns, den sie von mir erhalten hatte, eine grosse Menge Reis von ihm zu erpressen. Auch bot sich mir nochmals Gelegenheit, mich von der Unerschrockenheit und Gewandtheit meiner kleinen, untersetzen Freundin zu überzeugen. Sie erzählte mir nämlich, dass sie selbst am oberen Howong einige Batang-Lupar, die bei den Bukat Buschprodukte sammelten, aufgesucht und, wie wir es ihr das vorige Mal aufgetragen, über die Grenze zurückgeschickt hatte. Somit hatte sie sich als würdige Mutter ihrer Tochter _Lirung_ gezeigt, die in ihrer Liebesgeschichte gegen _Si Hebar_ mit so vieler Energie aufgetreten war. _Hinan Lirung_ erwarb sich nun ein zweites Verdienst, indem sie auch den _Banjin_ gern expedieren wollte. Sie hatte für den Mann sogar schon eine weitere Reisegelegenheit gefunden, nämlich die Batang-Lupar, die wir weggeschickt hatten und die sich noch immer bei den Pnihing am Howong aufhielten. _Hinan_ hatte nun zwar für ihre Heldenhaftigkeit eine Belohnung verdient, doch stellte sie immerhin durch ihre energischen Anfälle auf unseren Reis und unsere Tauschartikel an unsere Widerstandskraft allzu grosse Anforderungen. Selbst die Behauptung der jungen Kajan, dass die alte Frau aus persönlicher Sympathie zu mir so häufig angefahren kam, erleichterte mir nicht die Anstrengung, die sie mir verursachte. In unserer schwachen, indolenten Umgebung bot _Lirungs_ ausgesprochene Persönlichkeit jedoch eine Abwechslung und, als wir abends nicht allzu grosse Mengen Reis, Zeug, Perlen und Salz in ihrem Boote verschwinden sahen, drückten wir ihr zum Abschied herzlich die Hand und legten ihr die Sorge für _Banjin_ und die anderen Batang-Lupar nochmals ans Herz. Wahrscheinlich expedierte sie später die Gesellschaft persönlich weiter, wenigstens hörten wir nichts mehr von ihnen.

KAPITEL XVII

Bau des Häuptlingshauses--Besteigung des Batu Lesong--Ermordung einer Sklavin--Schutzleistung gegen Batang-Lupar Banden--Anwerbung netter Leute--Krankenbesuch am Merasè--Reisevorbereitungen--_Bang Joks_ politische Stellung--_Kwing Irangs_ Einzug ins neue Haus--Allerhand Schwierigkeiten--wiederholtes Vorzeichensuchen--Tod eines kleinen Mädchen, Ankunft _Akam Igaus_--Neue Reisehindernisse.

Mit dem Bau von _Kwing Irangs_ neuem Hause brach für die Kajan eine wichtige Periode an, da jede Familie verpflichtet ist, sich durch Beschaffung von Material und durch Arbeitsleitung an dem grossen Werk zu beteiligen. Auch wir interessierten uns lebhaft für das neue Haus, das in grossem Massstab ausgeführt werden sollte und uns daher von dem, was die Bahau auf diesem Gebiete zu leisten im stande sind, eine Vorstellung geben konnte. Ausserdem bot uns der Bau Gelegenheit, zahlreiche religiöse Gebräuche, von denen wir sonst nichts erfahren hätten, kennen zu lernen.

Von besonderer Wichtigkeit war aber für uns die Tatsache, dass unser Zug nach der Ostküste fast gänzlich von diesem grossen Unternehmen der Kajan abhing; denn ohne deren Hilfe konnten wir kaum die Reise ausführen, auch war es vom politischen Gesichtspunkte aus beinahe eine Notwendigkeit, dass _Kwing Irang_ uns selbst zur Küste geleitete. Bevor aber der Hausbau nicht bis zu einem gewissen Punkt gediehen war, konnte sich der Häuptling mit einer grossen Anzahl von Männern unmöglich auf Reisen begeben; somit betrachtete ich den Gang der Arbeit einerseits mit Interesse, suchte aber anderseits allen meinen Einfluss geltend zu machen, um _Kwing Irang_ zu unterstützen, wenn die Leute nicht den gewünschten Eifer zeigten und lieber ihren eigenen Geschäften nachgingen.

In einem späteren Kapitel sollen der Hausbau und die mit ihm verbundenen Festlichkeiten und religiösen Zeremonien ausführlich beschrieben werden; hier möge nur das, was auf unser tägliches Leben Bezug hatte, erwähnt werden.

_Demmeni_ traf alle Massregeln, um die wichtigsten Perioden beim Bau des Hauses durch photographische Aufnahmen zu fixieren, wobei er gleich Anfangs mit der Schwierigkeit rechnen musste, eine Szene bei Nacht aufzunehmen. Die Kajan achten nämlich auch beim Hausbau streng auf die Vorzeichen und trafen daher wie beim Reisbau, um einem eventuellen ungünstigen Bescheid zu entgehen, die Vorsichtsmassregel, die Arbeitsperiode nachts einzuleiten, da die wahrsagenden Vögel dann schlafen. _Demmeni_ bereitete alles für eine Aufnahme bei Blitzlicht in freier Luft vor, aber die Natur half ihm mit einem heftigen Regenguss über diese Schwierigkeiten hinweg. Die Zeremonie musste auf den Tag verschoben werden und wir brauchten die Kajan nun nicht mit unseren künstlichen Blitzen zu erschrecken.

Bereits am vorhergehenden Tage waren Frauen und Kinder eifrig damit beschäftigt gewesen, Klebreis in Form dreieckiger Päckchen in Palmblätter zu wickeln und im Freien in grossen Kesseln zu kochen. Den Reis lieferten zum grösseren Teil der Häuptling, zum kleineren die Freien, dafür hatten diese aber beim Stampfen geholfen. Andere begaben sich auf den Fischfang, da der Häuptling allen Mitarbeitern Fische als Zuspeise anbieten musste.

Abends versammelten sich die vornehmsten Alten, um mit Hilfe von Rotang den Platz zu vermessen, auf dem das Haus stehen sollte. Sie hatten sich von den Dimensionen des Hauses einen Plan entworfen und begannen nun, indem sie mit ausgestreckten Armen ein Stück Rotang massen, die Länge und Breite des Hauses zu bestimmen. Ihr einem Faden entsprechendes Mass wird _depa_ genannt.

Schwieriger war es, mit dem Rotang ein richtiges Rechteck zu bilden. Hätte ein Sachverständiger die Führung übernommen, so wäre das Kunststück vielleicht geglückt, da nun aber acht oder zehn Männer mithelfen wollten und jeder seine Meinung geltend machte, misslang das Experiment und das Rechteck wurde immer wieder schief. Schliesslich rief man _Demmeni_ als Autorität im Gebiete der Baukunst zu Hilfe und, da alle auf ihn hörten, erhielt man bald das gewünschte Rechteck, auf dem die Pfähle verteilt werden sollten. Hierauf ging man an die Verteilung der Seiten und gab durch in den Boden gesteckte Stöcke an, wo die Pfähle eingerammt werden mussten.

Das Haus sollte 23 m breit werden, d.h. gleich breit wie der Rücken, auf dem die Niederlassung gebaut werden sollte. Es sollte ferner an das provisorische Häuptlingshaus anschliessen und sich bis zu dem langen Versammlungssaal, in dessen Verlängerung man unser Haus gebaut hatte, ausdehnen. Halbwegs hatten wir bereits beschlossen, dass _Midan_ und _Doris_, deren Küche und Werkstätte sich an den beiden äussersten Enden des Saales befanden, ausziehen sollten, wir waren aber doch überrascht, als bereits am selben Tage nach der religiösen Zeremonie, welche das Einrammen des ersten Pfahles begleitete, einige junge Männer auf das Dach kletterten und über _Midan_, der gerade unser Essen kochte, das Dach abzubrechen begannen. Sie liessen sich aber überreden, erst in der Mitte zu beginnen, so dass _Doris_ Zeit hatte, seine Werkstätte mit Hilfe einiger Kajan und unserer Malaien in die Wohnung der Malaien an der Mündung des Blu-u überzuführen; auch kamen wir überein, dass _Doris'_ Werkstätte als Küche für _Midan_ reserviert werden sollte.

Dank den vielen hilfreichen Händen wurde der Saal binnen weniger Stunden seines Daches beraubt, die Dielenbalken abgenommen und die Pfähle mittelst eines Querbalkens, den man mit Rotang horizontal an ihnen befestigt hatte und an dem alle gleichzeitig zogen, aus dem Boden gehoben; darauf wurde in dem Teile, in dem sich in Zukunft die Küche befinden sollte, eine Seitenwand aus Baumrinde angebracht. Als wir gegen Mittag, erfüllt von dem interessanten Schauspiel, das die Aufrichtung des Hauptpfahles durch die Männer und Frauen des ganzen Stammes geboten hatte, in unsere Wohnung zurückkehrten, sah alles wieder so aus, als ob hier nie ein Saal gestanden hätte.

Während der Monate Dezember und Januar beteiligte sich täglich eine grössere oder geringere Anzahl Männer am Hausbau; die Frauen arbeiteten nach dem ersten Tage nicht mehr mit, aber jede Familie stellte so viele jungen Männer zur Arbeit, als sie bei der Feldarbeit entbehren konnte. Die _panjin saju_ waren im Hilfeleisten am eifrigsten, von den übrigen Familien konnte der Häuptling mit seinen Mantri nur mit Mühe genügende Unterstützung erhalten. Sowohl aus diesem Grunde als auch damit nicht einzelne bevorzugt würden, wollte _Kwing Irang_ nicht, dass einige Leute bei uns für Geld arbeiteten. Daher war es unmöglich, für längere Zeit eine grössere Anzahl Männer zu vereinigen, und voraussichtlich trat hierin sowohl während des Hausbaus als während der folgenden Reisernte keine Änderung ein. Ich war daher darauf bedacht, meine Zeit, ausser durch ethnographische Studien, auch noch auf andere Weise nützlich zu verwenden.

Ende Dezember war es _Hadji Umar_ geglückt, mit seiner Familie von Long Tepai nach Long Bulèng überzusiedeln, wo er sich beim Malaien _Utas_ einquartierte. Ausser seiner Familie hatte _Umar_ ungefähr acht seiner besten Buschproduktensucher bei sich, Malaien und Dajak, die sich teils als seine Schuldner, teils als seine Geschäftsteilnehmer seit Jahren mit ihm im Urwalde aufhielten. Sie wären gern in meinen festen Dienst getreten, aber ich hatte für sie keine ständige Arbeit, auch vertraute ich ihnen nicht ganz. Dagegen konnten sie mir bei der geplanten Besteigung des Batu Lesong sehr gut als Kuli und Ruderer dienen, ich hatte dann nur wenige Kajan nötig. Da auch die Kajan noch nie dieses Grenzgebirge mit dem Stromgebiet des Barito bestiegen hatten und wir unserem eigenen, auf dem Batu Mili entworfenen Plane folgen wollten, konnten uns diese kräftigen Fremden ebenso gut Hilfe leisten.

Die Kajan schienen gehofft zu haben, dass ich ohne ihren Beistand auf den Zug nach dem Batu Lesong verzichten würde. Sie fürchteten nämlich, dass mir in diesen ihnen unbekannten und daher unheimlichen Gebieten, in denen die Baritostämme Buschprodukte suchten, etwas zustossen könnte.

Kaum hatten die Kajan daher gehört, dass die Malaien mich begleiten sollten, als verschiedene einflussreiche Männer zu mir kamen, mich auf die grossen Gefahren aufmerksam machten, und mich von meinem Plane abzubringen suchten. Zuverlässige Auskunft über diese Gegend konnte ich nicht erhalten, sie suchten mich im Gegenteil durch allerhand falsche Berichte einzuschüchtern und wankend zu machen.

Um so wenig Männer als möglich mitzunehmen, beschloss ich, den Zug nur mit _Bier_ zu unternehmen und _Demmeni_ und _Doris_ zurückzulassen. _Sekarang_ und _Amja_ dagegen sollten mich begleiten; die Aussicht, eine wertvolle Sammlung Gebirgspflanzen anlegen zu können, war zu lockend, um sie zu Hause zu lassen.

Als _Kwing Irang_ merkte, dass ich ernstliche Vorbereitungen traf, machte er aus der Not eine Tugend, indem er das Seine dazu beitrug, um mich wohlbehalten heimkehren zu lassen. Er trug _Sorong_ auf, mich zu begleiten, und trat mir ausserdem fünf der gewandtesten jungen Männer ab.

Glücklicher Weise kannte _Sorong_ wenigstens den Weg bis zu dem Bergrücken, der zwischen dem Blu-u und Danum Parei auf den Batu Lesong führt. Am 16. Januar brachen wir 24 Mann stark in dreien meiner kleinen Böte auf.

Die letzten Tage vor unserer Abreise waren recht trocken gewesen, so dass der Blu-u gerade genügend viel Wasser enthielt, um am ersten Tage bis an den Ort zu gelangen, wo an seinem Seitenfluss, dem Bruni, die verlassenen Reisfelder aufhören und der jungfräuliche Wald mit seinen Riesenstämmen über dem kleinen Flusse ein schattenreiches Dach bildet. Nachts fiel das Wasser noch mehr, so dass die Böte über die Stromschnellen bei den Geröllbänken mehr gezogen als gerudert werden mussten. Wir Europäer zogen es vor, zu Fuss längs des Ufers zu folgen, hatten aber den Fluss hie und da zu durchqueren. Gegen Mittag mussten immer wieder Steine auf die Seite geworfen werden, um den Böten einen Durchgang zu verschaffen. Erst am folgenden Tage erreichten wir auf die gleiche Weise Long Dungo, den Punkt, wo der Landweg zum Danum Parei beginnt. Hier mussten wir einen Teil des Reises, den wir mit Rücksicht auf die unbestimmte Dauer der Reise in grossen Mengen mitgeführt hatten, zurücklassen. Sollte die Besteigung lange Zeit erfordern, so konnte dieser Vorrat stets abgeholt werden.

Meine Kuli schienen den Rest des Tages gern hier verbringen zu wollen, aber ich kannte die Schwierigkeiten nicht, denen wir weiter oben begegnen würden, und liess, um keine Zeit zu verlieren, die Leute ihre Tragsäcke in Ordnung bringen.

Von der Landzunge an, welche von dem Bruni und einem seiner Nebenflüsse gebildet wird, bestiegen wir zuerst einen sehr steilen und dann immer flacher werdenden Rücken, der direkt auf die Wasserscheide zwischen Blu-u und Danum Parei hinaufführte. Gegen 3 Uhr gelangten wir auf einem alten Pfade der Buschproduktensucher so weit aufwärts, dass wir aus Furcht, auf dieser Höhe kein Wassermehr zu finden, Halt machen mussten.

Auf den Charakter des grossen Bergrückens begierig setzten wir am folgenden Morgen unseren Marsch fort und erreichten ohne andere Schwierigkeiten, als die Überwindung einiger steiler Partieen, gegen

Uhr eine flache Verbreiterung des Rückens, die nach _Sorong_ den höchsten Punkt auf dem Wege zum Danum Parei vorstellte.

Der hohe Wald, der uns auch hier wieder umgab, benahm jede Aussicht; so blieb uns nichts anderes übrig, als die südliche Richtung einzuschlagen, um auf diese Weise auf den Rücken zu gelangen, der uns auf den Batu Lesong führen sollte. Wir befanden uns anfangs plötzlich zwei Mal vor steilen Abhängen, die nach unten in das Tal des Bruni führten, aber einige als Kundschafter ausgesandte Leute brachten uns bald wieder auf die richtige Spur. Der gefundene Rücken war oben 4 bis 10 m breit und wir folgten ihm auf einem für Urwaldverhältnisse sehr befriedigenden Pfade. Da er nie oder nur äusserst selten von Menschen betreten wurde, konnte er nur von Hirschen, Schweinen und Rhinozerossen, die von dem einen Gebiet ins andre zogen, herrühren. Der Pfad führte uns bis dicht an den Batu Lesong und nur ab und zu war ein Schwerthieb erforderlich, um Rotang oder Reisig aufzuräumen.

Vom Batu Mili und Batu Situn aus gesehen zeigte der Querrücken, auf dem wir uns befanden, drei aufeinander folgende Erhebungen, deren Höhe nach unten zu allmählich abnahm. Der höchste, der uns als Beobachtungspunkt dienen sollte, lag auf dem Batu Lesong selbst.

Nachmittags erstiegen wir die, von uns aus gesehen, erste, 75 m hohe Erhebung und trafen hier bereits auf einer Höhe von 950 m ü.d.M. die Moosvegetation. Die niedrigen Bäume, die hier den wichtigsten Teil des Pflanzenwuchses ausmachten, waren infolge ihrer Moosbekleidung zu ihrer vier- bis fünffachen Dicke angeschwollen und zwischen ihnen hingen an den Schlingpflanzen wahre Wände von Moos, so dass man in den Zwischenräumen die Töne gedämpft wie in einem geschlossenen Raume hörte.

Hier ruhte ich mit dreien meiner Leute aus und beschloss, auf die übrigen zu warten, die, mit einer Last von etwa 25 kg beladen, nicht so schnell folgen konnten. Es dauerte einige Stunden, bis der letzte Mann bei uns eintraf, und wir mussten nun an unser Nachtlager denken, das wir in dem Sattel zwischen den beiden ersten Erhebungen aufschlugen. Einen kalten Wind abgerechnet störte uns nichts in unserem tiefen Schlaf, denn selbst die zahlreichen Heimchen und Zikaden, die den Wald weiter unten Tag und Nacht mit ihrem Gezirp erfüllten, waren hier entweder nicht vorhanden oder schwiegen. Wahrscheinlich war ersteres der Fall, denn die sonst stets anwesenden Arten der Morgenund Abendzikaden, die sich nur bei Sonnenaufgang und Untergang hören lassen, waren hier durch andere Arten vertreten. Im Laufe des Nachmittags zog _Sorong_ mit einigen Männern noch aus, einen weiteren Weg zu suchen, und kam mit dem Bericht zurück, dass es am geratensten sei, westlich um den Fuss der zweiten Erhebung statt über deren Gipfel zu gehen. Die sehr steilen, hier und da kahlen Wände sahen in der Tat wenig anziehend aus, daher gingen wir am folgenden Morgen auf gleicher Höhe durch einen sumpfigen Wald weiter. Unseren Kajan lief das Wasser im Munde zusammen beim Anblick der zahlreichen Spuren von Wildschweinen und Nashornen. Nach _Sorongs_ Angabe hatten wir einen kleinen Nebenfluss des Blu-u zu durchschreiten und dann einen Gipfel zu besteigen, den er zwischen den Bäumen glaubte durchschimmern gesehen zu haben.

Von unten heraufziehende Wolken umhüllten uns und der freundliche Sonnenschein, der den dunklen, ewig triefenden Wald etwas belebte, verschwand. Wir zogen über eine Menge abgestürzte, scharf kantige Sandsteinblöcke, die nass und mit Moos bewachsen waren und dem Fuss nirgends einen festen Stützpunkt boten. Bald wurde Arm oder Fuss von den Schlingen und Haken der Lianen festgehalten, bald schlugen uns dornige Rotangranken ins Gesicht, so dass wir unter diesen Umständen an zwei Augen lange nicht genug hatten. Unsere Träger bewegten sich von dem einen Felsblock zum anderen, indem sie sich überall mit Händen und Füssen festklammerten; ihr Schweigen bewies den Eindruck, den diese Umgebung auf sie machte. Später überfiel uns ein kalter Regenguss, der die Nässe unserer Kleider zwar nicht mehr steigern konnte, uns seiner Kälte wegen aber sehr unangenehm berührte. Als wir nach einer Kletterei von einigen Stunden an der Richtigkeit von _Sorongs_ Angaben zu zweifeln begannen, suchten wir uns unter einigen überhängenden Felsblöcken einen trockenen Platz und sandten zwei Malaien vom Melawi auf Kundschaft aus.

Die Rast war uns zwar sehr angenehm, aber das Warten erschien uns schliesslich doch etwas lange, auch brachten uns die Malaien nicht einmal sehr ermutigenden Bericht. Zwar hatten sie den Gipfel gefunden, aber sie zweifelten daran, dass er der richtige war, ausserdem wurde der Weg züi ihm nicht besser. Also ging es zwischen Felsblöcken, Sträuchern und Lianen vorwärts, bis wir an ein trockenes Flussbett gelangten, das nur bei heftigem Regen Wasser zu führen schien. Jetzt bildete es nur einen nackten Einschnitt in der Bergwand, mit verwitterten Wänden und gefüllt mit losem Gestein verschiedenster Grösse. Das Gehen war beschwerlich, aber die ungewohnte Freiheit der Bewegung wirkte ermunternd, daher betraten wir mutig, einer hinter dem anderen, den Pfad, der mit 30° Steigung aufwärts führte.

Das Flussbett wurde bald so steil, dass die Vordersten nicht mehr gehen, sondern an den Wänden hinaufklettern mussten. Die Hinteren suchten ihr Heil sehr bald im Walde, denn die von ihren Vorgängern losgelösten Steine wurden ihnen zu gefährlich. Wir beschuhten Europäer brachten auffallender Weise viel mehr Steine ins Rollen als die barfüssigen Eingeborenen, die noch dazu eine Last zu tragen hatten. Die Biegsamkeit und das Gefühl in ihren Fusssohlen bieten ihnen beim Gehen einen grossen Vorteil, daher verwickeln sie ihre Füsse auch so selten in den Schlingen der Lianen, aus denen man sich oft schwerer als aus Schnüren derselben Dicke befreien kann.

Bald befanden wir uns vor einem Kamin, dessen Wände zu verwittert waren, um an ihnen hinaufklettern zu können. Unsere braunen Gefährten kamen uns wieder zu Hilfe, steckten einige dicke Stöcke zu beiden Seiten in den Boden und geleiteten uns so zu dem zuverlässigeren Waldboden. 100 m höher gelangten wir auf einen schmalen Sattel, der auf der anderen Seite ebenso steil abfiel und somit wieder eine Untersuchung verlangte.

Links von uns erhob sich eine hohe, steile, dicht bewachsene Felswand und rechts ein nur 40 m hoher Hügel, der uns voraussichtlich über die nächste Umgebung einen Überblick geben konnte. Indem wir uns durch moosbedecktes Gestrüpp hindurchwanden und mit Hilfe von Leitern schwierigere Stellen passierten, erreichten wir die Spitze, die mit dichtem Grün von Rhododendren und seltsamen Nepenthes bedeckt war. Eine Aussicht war aber nicht vorhanden, denn unmittelbar über uns umhüllte eine dicke Wolkenlage alle höheren Gipfel.