Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 39

Chapter 393,347 wordsPublic domain

Als der Himmel sich etwas aufhellte, begaben wir uns auf einen neben dem Hause gelegenen 100 m hohen Hügelrücken, auf dem die Pnihing den Wald für die Anlage eines Reisfeldes gefällt hatten. Der Hügel bot uns einen schönen Aussichtspunkt, der steile und gewundene Pfad, der über halb verfaulte Baumstämme und Äste und zwischen nassem Gestrüpp hindurch führte, war aber nichts weniger als bequem. Auf dem Gipfel angelangt dauerte es noch einige Zeit, bis die Wolken sich genügend verteilten, um uns eine beschränkte Aussicht auf den Batu Lesong und das Gebirge am Ulu Serata zu gewähren. In der Nähe war kein höherer Gipfel vorhanden, der uns eine umfangreichere Aussicht gewähren konnte, daher beschlossen wir, unseren Aufenthalt am Tjehan abzukürzen. _Bier_ sollte am folgenden Tage den Tjehan so weit als möglich hinauffahren und den Fluss dann bis zu seiner Mündung messen. Wir wurden aber noch einen Tag lang durch allerhand Geschäfte aufgehalten, hauptsächlich auch durch die zahlreichen Pflanzen, welche unsere Pflanzensucher gesammelt hatten. Der von uns bestiegene Hügelrücken bot ebenfalls eine reiche Flora; besonders auffallend waren die zahlreichen Arten der Farren. Einige besassen höchst seltsame Blätter, z.B. grasförmige, oder vollständig viereckige, oder in Form von Eichenblättern; die meisten zeigten die dunkle, stahlblaue Farbe der echten Urwaldpflanzen. Die Exemplare wurden an Ort und Stelle in kleine Körbe gepflanzt, die ich zu diesem Zwecke mitgebracht hatte, sie füllten nicht weniger als 7 grosse Körbe; ausserdem hatte _Amja_, der sich hauptsächlich mit dem Herbarium beschäftigte, noch von diesen und anderen Arten eine grosse Menge getrocknet.

Den dritten Tag unseres Aufenthaltes widmete ich gänzlich den Hausbewohnern, indem ich bereits früh morgens mit einer allgemeinen Austeilung von Fingerringen begann, die ich ihnen früher versprochen hatte. Obgleich die Frauen bereits das vorige Mal zahlreiche Fingerringe von mir gekauft oder erhalten hatten und diese Zierrate an den Händen der stets arbeitenden Frauen sich als sehr undauerhaft erwiesen hatten, schien sich die Lust nach ihrem Besitze nicht vermindert zu haben; denn die Frauen eilten aus der ganzen Niederlassung herbei und belagerten uns in dichten Haufen. Da hier viele Frauen und Töchter von Häuptlingen anwesend waren, denen ich nicht allen besondere Geschenke geben konnte, erwies ich ihrer Würde die nötige Aufmerksamkeit, indem ich ihnen gestattete, nicht nur einen, sondern mehrere Fingerringe selbst zu wählen. Dieses Vorrecht, schien in der Tat viel Anerkennung zu finden.

Unter den Anwesenden vermisste ich ein auffallend hübsches Mädchen, das, wie ich erfuhr, die Tochter des Häuptlings _Bang_ war. Vor Sorge um ihren Mann, den Malaien _Si Hebar_, der vor langer Zeit mit dem Versprechen bald zurückzukehren nach dein Busang gezogen war, um dort Buschprodukte zu sammeln und nichts von sich hatte hören lassen, war die Frau nicht dazu zu bewegen gewesen, in unsrer heiteren Gesellschaft zu erscheinen.

Dieser _Si Hebar_ war einst, als er es in den trostlosen Wäldern am Busang nicht mehr hatte aushalten können, zu den Mahakamstämmen gezogen, bei denen er allen Mädchen die Köpfe verdrehte. Erst lebte er eine Zeitlang mit _Lirung_, der Tochter des Häuptlings am Howong. _Amun Lirung_ und seine energische Gattin waren aber über diese Freundschaft durchaus nicht entzückt und, da _Lirung_, wie wir uns in Long 'Kup, wo sie jetzt mit _Tingang Kohi_ verheiratet ist, überzeugen konnten, kein anziehendes Äusseres besass, war er zu den Pnihing am Pakatè gezogen. _Bangs_ Tochter, die mir schon auf der vorigen Reise ihrer Schönheit wegen aufgefallen war, hatte es dem malaiischen Don Juan angetan, er freite um sie, ohne auf die Gefahr, die ihm vom Howong her drohte, zu achten. Dass ihr Geliebter sie verlassen und wo anders Trost gefunden hatte, konnte _Lirung_ aber nicht verwinden. Sie sehnte sich nach Rache und trug drei Männern der Bukat, die neben der Niederlassung ihres Vaters wohnten, auf, dem _Si Hebar_ im Walde nachzustellen und ihr seinen Kopf zu bringen. Das Schlachtopfer schien indessen etwas Ähnliches von der früheren Geliebten erwartet zu haben, denn er begab sich mir mit grosser Vorsicht ausserhalb des Hauses und die Bukat mussten ohne sein treuloses Haupt nach dem Howong zurückkehren. Lirung geriet über das Missglücken ihres Racheplans in Wut und warf den Bukat vor, dass sie keine Männer seien, dass sie Frauenröcke zu tragen verdienten und dass sie eine solche Männerarbeit mit besserem Erfolge ausgeführt hätte. Tief beschämt kehrten die Bukat in den Wald zurück und schlugen, um _Lirung_ ihre Männlichkeit zu beweisen, zwei Seputan vom Kaso die Köpfe ab. _Si Hebar_ aber hatte seinen Aufenthalt am Pakatè auf die Dauer wohl nicht für sicher gehalten und daher sein Nomadenleben am Busang wieder aufgenommen.

Seine verlassene Frau konnte ihre Neugierde, als das Kichern und Jubeln der Menge bei der Austeilung immer lauter wurde, schliesslich doch nicht bezwingen und erschien plötzlich in unserem Kreise. Sie hatte die Kleidung der Pnihingfrauen gegen ein dunkles, malaiisches Gewand vertauscht, was ihre Erscheinung sehr beeinträchtigte; da sie in den letzten zwei Jahren auch noch ihre Jugendfrische eingebüsst hatte, war sie lange nicht mehr so anziehend wie früher. Für ein hübsches Stück Zeug zeigte sie trotz ihres Kummers immer noch Interesse und, nachdem sie es einmal angenommen, bat sie mich sogleich auch um einen Ring mit einem besonders grossen Stein.

Zum Schluss entspann sich unter uns ein lebhafter Hühnerhandel. Die Hühner, die die Kajan zum Verkauf für uns zur Verfügung hatten, erreichten nämlich ihr Ende und, um nicht gleich auf allerhand Surrogate angewiesen zu sein, versuchte ich hier Hühner einzukaufen. Während die Kajan uns meistens Hennen zu essen gaben, weil sie von den jungen Hähnen eventuelle Kampfhähne erwarteten, verkauften uns die Pnihing lieber die Hähne, da sie die eierlegenden Hühner höher schätzten. Die Hähne waren kaum in unserem Besitz, als die Kajan sie mit viel Aufmerksamkeit betrachteten und betasteten, mit dem Resultat, dass ihrer drei aus _Midans_ Händen gerettet wurden mit dem Versprechen, sie zu Hause durch andere zu ersetzen. Obwohl überzeugt, dass der Tusch nicht zu meinem Vorteil ausschlagen würde, gab ich ihrem Wunsche doch gerne nach.

Nach diesem letzten, ruhigen Tage wollte ich anderen Morgens früh aufbrechen, musste aber die Leute, um die Böte zu Wasser zu lassen und das Gepäck einzuladen, stark antreiben. Bevor wir nämlich nach dem Blu-u zurückkehrten, sollte unterwegs noch manches vorgenommen werden. Am meisten interessierte uns ein Besuch, den wir einem Begräbnisplatz der Pnihing am Fuss des Liang Nanja machen wollten. _Kwing Irang_ hatte uns schon auf der vorigen Reise hierhergeführt, weil er unser Interesse für dergleichen kannte, und wohl auch, um uns von dem Begräbnisplatz der Kajan fernzuhalten. Nun schlug er uns selbst vor, unser Essen auf der Geröllbank unterhalb des Kiham Tukar Anang am Fusse der Kalkberge zu kochen.

Zum Glück waren keine Pnihing unter uns und, ohne den Kajan viel zu sagen, bahnten _Demmeni_ und ich uns einen Weg durch den Waldesrand und fanden denn auch den Pfad, der uns über einige Felsblöcke zur weissen Wand führte, die, soviel wir durch den Wald sehen konnten, So m hoch gerade aufstieg und dann ein überhängendes Gewölbe bildete. Im Walde rührte sich kein Blatt und die senkrecht über uns stehende Sonne warf grelle Lichter und dunkle Schlagschatten auf die wild umherliegenden Felsblöcke, die augenscheinlich von dem hohen Gewölbe einst abgestürzt waren. Während wir noch darüber in Unsicherheit waren, welchen Weg wir in diesem Chaos einschlagen sollten, erschienen zwei unserer jungen Kajan und machten uns hinter einem Felsvorsprung auf neun Särge. aus ausgehöhlten Baumstämmen aufmerksam, die zwischen dem Fuss der Wand und einem grossen Kalkblock in drei Reihen übereinander gestapelt standen. Die Särge mussten bereits alt sein, denn durch den eingesunkenen Boden des einen kam ein Schädel zum Vorschein.

Einer der Kajan erstieg, um besser sehen zu können, einen höher gelegenen Punkt und winkte uns, ihm zu folgen. Wir überblickten nun den ganzen Fuss der Felswand, an der sich in langer Reihe. Gruppen von Särgen befanden, die mit den danebenstehenden Waffen und Kleidungsstücken im grellen Sonnenlicht einen unheimlichen Eindruck auf uns machten; dazu fürchteten wir uns, von Pnihing überrascht zu werden. Still begaben wir uns nach der anderen Seite der Felswand, die uns einen geeigneten Standpunkt zur Aufstellung unseres photographischen Apparates versprach. Den beiden Kajan war es ebenfalls unheimlich zu Mute, sie folgten uns aber doch stillschweigend.

Von der anderen Seite konnten wir alles gut übersehen: die Särge, welche von der überhängenden Wand vor Regen beschützt wurden, standen über und rieben einander um grosse, viereckige Kisten herum, in denen sich durch einander alle Dinge befanden, welche den Toten für das Leben im Jenseits mitgegeben werden, wie Tragkörbe, Hüte, Schilde und Waffen; daneben dienten mit der Spitze nach oben in die Erde gesteckte Speere zum Aufhängen von Kriegsmänteln und Hüten.

Die Särge waren unverziert und bestanden nur aus ausgehöhlten Baumstämmen, die mit einem Brett oder Schild lose bedeckt waren. Dagegen trugen alle Kisten mit den Gegenständen farbige Malereien, hauptsächlich Masken böser Geister; eine Kiste zeigte an einer Seitenwand ein Relief von 3 dm grossen, bunt bemalten Menschenfiguren..

_Demmeni_ und ich fühlten uns durch dieses stille, grellbeleuchtete Schauspiel unter der hohen, weissen Wand mit dem finsteren Urwald ringsherum wie von einem Traume befangen. Während wir alles für eine Aufnahme vorbereiteten, erschien zu unserem Schreck plötzlich ein Hund vor uns, der uns sogleich eine Gesellschaft Pnihing vermuten liess. Das Tier sah so abgezehrt aus, dass es augenscheinlich bereits lange Zeit umhergeschweift war; die Kajan erzählten uns, dass die Pnihing ihre Hunde, wenn sie bissig und daher Kindern gefährlich wurden, bisweilen verstiessen. Unsere Gemütsverfassung wurde dadurch aber nicht ruhiger, daher beeilten wir uns mit der Aufnahme. Unsere Begleiter dagegen wurden so mutig, dass der eine sich bereit erklärte, einen Speer für unsere Sammlung fortzunehmen. Den Ruf eines Grabschänders wollte ich mir in dieser Gegend jedoch nicht erwerben und verbot daher den Raub.

Bei unserer Rückkehr zu den Böten fragte mich _Kwing Irang_, warum wir nicht einige Schädel mitgenommen hätten. Die Kajan selbst wären für eine derartige Schändung ihrer Toten im stande gewesen, uns zu töten. So bestehen zwischen diesen Stämmen stets Missgunst und der Wunsch, einander etwas Unangenehmes zuzufügen.

Inzwischen hatten die Kajan und Malaien ihr Essen gekocht und nach einer eiligen Mahlzeit bestiegen wir wieder unsere Böte und erreichten noch früh genug die Niederlassung an der Tjehanmündung, um noch Hühner und Früchte einzukaufen und zu sehen, ob der Häuptling sein Versprechen, uns Schwanzfedern des Rhinozerosvogels zu besorgen, gehalten hatte. Diese Federn sind nämlich bei den Kajan sehr kostbar und eigentlich auch nicht käuflich, aber die Pnihing, die so viele Jägerstämme unter und um sich haben, waren eher geneigt, sie uns abzutreten. Ich erhielt nun auch eine genügende Anzahl Federn, um die Holzmasken vom Saatfest, die ich ohne Kriegsmützen und Federn hatte kaufen müssen, mit ihnen zu schmücken.

In der Nähe der Mündung trafen wir _Bier_ mit seinen Leuten und blieben noch so lange beisammen, bis wir zu gleicher Zeit abfahren konnten. Um nicht die Niederlassung von _Belarè_ zu übergehen, sollten wir auf _Kwing Irangs_ Rat dort anlegen, obwohl _Belarè_ und _Kaharon_ sich immer noch auf der Jagd am oberen Mahakam befanden.

Wir sahen zwar nur wenige Personen, aber für _Kwing Irang_ und die Seinen war der Besuch doch von Wert, denn sie benützten die günstige Gelegenheit, um _Belarès_ Wohnung und Vorgalerie zu messen, damit sie das neue Haus _Kwing Irangs_, mit Rücksicht auf seine höhere Geburt, entsprechend grösser bauen konnten. Ich begriff anfangs nicht, was sie eigentlich wollten; sie nahmen eine Stange, verkürzten sie auf Armweite und massen dann sehr genau die Dimensionen der Dielen von Wohngemach und Galerie. Da in der letzten Zeit öfters davon die Rede gewesen war, dass man nach Ablauf der drückendsten Saatzeit mit dem Hausbau beginnen wollte, merkte ich, dass sie nun wirklich für ein würdiges Heim für _Kwing Irang_ sorgen wollten. Ihre Beratungen dauerten mir aber zu lange und, da _Kwing_ ohnehin in Long 'Kup übernachten wollte, wir dagegen nicht, über liess ich sie ihren Angelegenheiten und fuhr weiter nach dem Blu-u, wo wir, mit Erfahrungen, Ethnographica, Pflanzen und Böten bereichert, sehr befriedigt anlangten.

Einige Tage darauf erhielten wir durch die Ankunft des Malaien _Hadji Umar_ ganz unerwartet Nachrichten von der Aussenwelt. _Umar_ stammte vom unteren Kapuas her, hielt sich aber seit zehn Jahren als Anführer einer Gesellschaft Buschproduktensucher am oberen Murung und oberen Mahakam auf und genoss sowohl bei seinen Landsleuten als bei den Bahau einen guten Ruf. Ich hatte gehofft, von der Unterstützung dieses Mannes, dessen gute Gesinnung der niederländischen Regierung gegenüber ich kannte und der im Jahre 1897 bei einer Begegnung in Udju Tepu einen günstigen Eindruck auf mich gemacht hatte, Gebrauch machen zu können. Wie wir bereits in Putus Sibau gehört hatten, befand sich aber _Umar_, bei unserer Ankunft am oberen Mahakam, noch an dessen Mittellauf, daher liessen wir den Assistent-Residenten von Samarinda bitten, uns _Umar_ entgegenzusenden. Dieser hatte sich aber nur auf einen Brief des Assistent-Residenten hin nicht flussaufwärts begeben wollen, sondern war, um Näheres zu erfahren, erst nach der Mündung des Mahakam gereist und hatte auch in Tengaron, dem Sitz des Sultans von Kutei, Halt gemacht. Hierdurch erhielten wir so schnell, als überhaupt möglich war, Briefe und Pakete von der Küste. Eine grosse Freude bereitete uns auch ein Packen drei Monate alter europäischer Zeitungen, welche die "Societeit" von Samarinda uns zur Verfügung gestellt hatte. Nachdem wir unsere Neugierde befriedigt hatten, lieferten die Zeitungen noch ein ausgezeichnetes Material zum Einpacken von Vögeln, Säugetierhäuten und Ethnographica.

Von dem grössten Interesse war uns aber _Hadji Umar_ selbst, weil er die Verhältnisse unter den Bahau am besten kannte und weil er uns über die Gesinnung der Long-Glat weiter unten am Flusse am zuverlässigsten Auskunft geben konnte.

Der Malaie zeigte sich anfangs aber nicht sehr gesprächig und zwar nicht nur uns, sondern auch _Kwing Irang_ gegenüber, denn als dieser wie gewöhnlich abends mit den jungen Leuten die Hähne kämpfen liess und _Umar_ ebenfalls in den Kreis trat, grüsste er den Häuptling nur von Weitem. Man hätte glauben können, dass die beiden einander nicht kannten oder dass sie sich täglich sprachen, so wenig Beachtung schenkten sie einander; dabei hatte _Umar_ früher Jahre lang bei _Kwing_ gewohnt und war nun lange fort gewesen, zudem wollten sich beide gewiss gern über die politische Bedeutung unserer Expedition aussprechen. Augenscheinlich hatte _Umar_, als er dem Häuptling abends einen offiziellen Besuch machte, mit diesem überlegt, wie er sich uns gegenüber in Zukunft verhalten sollte, denn am folgenden Morgen hatte sein Gesicht einen weniger ernsten Ausdruck, auch gab er uns im Laufe des Gesprächs eine deutliche Vorstellung von der Stimmung der Niederlassungen unterhalb der Wasserfälle. Nachdem ihm der politische Zweck unserer Reise eingeleuchtet hatte, zeigte er sich geneigt, sich gegen einen Gehalt von 50 fl. monatlich unserer Expedition anzuschliessen. _Umar_ war mit vier Malaien heraufgekommen, wir hofften daher, auch an diesen vier an das Waldleben gewöhnten Menschen gelegentlich eine gute Stütze zu finden. _Umar_ zog vorläufig in das Haus eines Glaubensgenossen, der mit einer kleinen Gesellschaft Mohammedaner am jenseitigen Ufer wohnte. Durch seine Friedensliebe und Gutmütigkeit hatte _Kwing Irang_ bereits seit dem Beginn seiner Häuptlingschaft eine ganze kleine Kolonie von Malaien herangelockt, die sich aber von den Kajan stets in einigem Abstand hielten. Als der Stamm sich noch weiter oben am Blu-u aufhielt, wohnten die Malaien bereits am Mahakam unter Aufsicht eines Bandjaresen vom oberen Murung, namens _Utas_, der mit einer Nichte von _Kwing Irang_, _Lirung_, verheiratet war. _Utas_ lebte teils auf Kosten seiner Frau, teils verdiente er selbst etwas durch Handel und Handwerkerarbeit, wie z.B. durch Herstellen silberner Ohrringe aus Münzen, durch Reparieren von Kupfersachen u.s.w.; ausserdem übte er das Amt eines Arztes und nötigenfalls auch eines Bahaupriesters aus. Er verbrachte seine Zeit abwechselnd bei _Lirung_ am Mahakam und auf sogenannten Handelsreisen am Murung, wo er in Wirklichkeit bei seiner zweiten Frau und seinen Kindern lebte.

Auch jetzt noch nehmen sich die meisten Malaien für längere oder kürzere Zeit Frauen aus dem Kajanstamme. Ausser diesen einigermassen stabilen Familien befindet sich in der Kolonie stets eine grosse Menge Gäste, Händler und Buschproduktensucher, die sich hier nur vorübergehend aufhalten. Zur Zeit des _Hadji Urar_ war der Zufluss an Fremden viel grösser gewesen, aber, seitdem die Guttaperchabäume im Tal des Blu-u ausgerodet worden waren, hatte sich die grosse Menge der Buschproduktensucher am oberen Mahakam um _Temenggung Itjot_ geschart.

Die Niederlassung der Malaien hiess, ihrer Lage an der Mündung des Bulèng nach, Long Bulèng. Da _Hadji Umar_ seine Familie vorläufig noch in Long Tepai gelassen hatte, kehrte er nach zwei Tagen dorthin zurück mit dem Versprechen, in fünf Tagen wieder zurück zu sein. Aus meinem Gespräch mit ihm merkte ich, dass die Häuptlinge am Unterlauf gern etwas Näheres über unsere Pläne hören wollten und dass es hauptsächlich für _Bang Jok_, der in den letzten Jahren zahlreiche Kopfjagden hatte ausführen lassen, eine grosse Beruhigung sein musste, dass wir uns mit dem, was geschehen war, nicht mehr befassen wollten.

Am selben Tage hatten wir noch Gelegenheit, den Kajan zu zeigen, wie wünschenswert unsere Gegenwart für sie war. Eine Gesellschaft Batang-Lupar aus Serawak kam nämlich den Mahakam heruntergefahren mit der Absicht, die Fahrt noch weiter fortzusetzen. Eine derartige kleine Gesellschaft ist aber, wenn sie nicht einen bestimmten Zweck ihrer Reise angeben kann, stets verdächtig, insbesondere in diesem Fall, da aus Serawak Gerüchte über eine drohende Kopfjagd als Strafe für einen an fünf Landsleuten am Boh verübten Mord im Umlauf waren. Der Mord war durch Punan im Auftrage von _Bang Jok_ ausgeführt worden, der das Stehlen von Buschprodukten in seinem Gebiet mit scheelen Augen angesehen und zuletzt seine Zuflucht zu einer so scharfen Massregel genommen hatte.

Augenscheinlich hatten die Pnihing die Gesellschaft Batang-Lupar nicht aufzuhalten gewagt; da die Kajan sich auch nicht energischer zeigten, mussten wir die Sache in die Hand nehmen. Als gesellschaftlich gebildete Menschen kamen die Untertanen des _Radja Brooke_ zu dem Kontrolleur, um ihn wegen ihrer weiteren Fahrt auf dem Flusse um seine Zustimmung zu bitten. Aber _Barth_ verweigerte ihnen diese, weil er in einem friedlichen, in malaiischer Sprache geführten Gespräche nicht erfahren konnte, von wo die Leute herkamen und was sie am Mahakam eigentlich wollten. Zum Erstaunen der Kajan fuhren die Batang-Lupar ohne Widerspruch einfach den Fluss wieder aufwärts.

Unsere Kajanfreunde hatten sich durch dieses Begebnis wieder einmal von unserer Macht und unserem Einfluss überzeugen können, was um so erwünschter war, als unsere und der Kajan Pläne zu kollidieren drohten. Während sie sich von dem grössten Unternehmen, das in einem Stamme vorkommt, dem Bau der Häuptlingswohnung, vollständig beherrschen liessen, wollte ich noch den Batu Lesong besteigen und dann so schnell als möglich flussabwärts fahren, um noch die Verhältnisse bei den Long-Glat kennen zu lernen.

Am 20. Dezember fand zur Beratung verschiedener Angelegenheiten eine Zusammenkunft statt, an der nicht nur die vornehmsten Männer unserer Niederlassung, sondern auch _Bang Lawing_, der Häuptling der Kajan am Ikang, Teil nahmen.

Aus Mangel an Besserem musste die Galerie, an die unser Haus gebaut war, und in der _Midan_ seine Küche eingerichtet hatte und _Doris_ die Vögel und Säugetiere abhäutete, als Versammlungssaal dienen. Viele, denen diese Beschäftigungen noch so gut wie unbekannt waren, zeigten für das, was meine Leute vornahmen, mehr Interesse als für das, was verhandelt wurde. In der Theorie durfte sich zwar jeder frei äussern und mitstimmen, aber in Wirklichkeit waren es doch hauptsächlich die alten, angesehenen Männer, welche die Beschlüsse fassten. Da beim Hausbau hauptsächlich den Priestern, als den Kennern der Vorzeichen, Gehör geschenkt werden musste, schwiegen die anderen von selbst. Übrigens ist es bei den Kajan am Mahakam allgemein Sitte, dass bei dergleichen Versammlungen die jungen Leute zu allem, was die Alten wollen, Ja und Amen sagen. Die Versammlung dauerte trotz der Hitze in dem kleinen Raum von morgens 9 Uhr bis zum Abend, wobei stets neue Leute, die sich für die Angelegenheit interessierten, zuhören kamen und jeder tat, was er wollte. In diesem Fall war die Freiheit des Einzelnen, wegen der Enge des Raumes, in dem jeder nur einen Sitzplatz einnehmen durfte, beschränkt, so dass er nicht, wie wo anders, sein Netz weben, einen Korb flechten, eine Schnur drehen konnte. Aus diesem Grunde waren die Teilnehmer wohl auch für einen schnellen Verlauf der Beratungen, denn obwohl es sich um ernste Dinge handelte, waren die Beschlüsse abends bereits gefasst; nach einigen Tagen sollte mit dem Hausbau begonnen werden, ferner wurde bestimmt, wieviel jede Familie nach der acht an Baumaterial zu liefern hatte; meine Pläne wurden zwar besprochen, doch fand man, dass sie keine Eile hatten; die Besteigung des Batu Lesong wurde allgemein als ein zweckloses, sehr gewagtes Unternehmen aufgefasst und für unsere Reise zur Küste hatten sie wegen des Hausbaus, der den ganzen Stamm in Beschlag nahm, weder Lust noch Verständnis.

Eine weitere Angelegenheit, die sich auf den ganzen Stamm bezog, wagte man, aus Furcht, den Betreffenden zu kränken oder zu reizen, nicht öffentlich zu beraten. Es handelte sich nämlich um einen Gast des Stammes, einen Dajak aus Serawak, namens _Banjin_, der den Dorfbewohnern immer mehr zur Last fiel.