Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 37

Chapter 373,518 wordsPublic domain

Da wir noch mancherlei Pläne auszuführen hatten und die Anwesenheit der vielen Malaien unter den Bahau uns unangenehm berührte, liessen wir _Kwing Irang_ bei seinen Hähnen und fuhren selbst mit unseren Leuten und einigen Kajan den Merasè hinauf. Ich wollte das niedrige Fahrwasser benützen, um im Flussbett geologische Untersuchungen anzustellen, und nahm daher in einem kleinen Boot mit wenigen Ruderern Platz, die mich schnell von einem Ufer zum anderen bringen konnten. Festes Gestein, das nicht zu sehr verwittert war, bemerkte ich nur anfangs, weiter aufwärts war alles Gestein mit einer dicken Erdschicht bedeckt, auf der nur Gestrüpp wuchs, da die Ma-Suling während ihres langdauernden Aufenthaltes am Merasè den ursprünglichen Wald längs des ganzen Flusses ausgerodet hatten. Nach vierstündiger Fahrt machte uns _Demmeni_ auf das Grabmal des früheren Häuptlings _Bo Long_ aufmerksam, das er auf der vorigen Reise photographiert hatte.

Bald darauf gelangten wir an eine Stelle des Ufers, an der alte verfaulte Pfähle und eine stattliche Reihe der am oberen Mahakam seltenen Kokospalmen und andere sehr alte Fruchtbäume als Zeugen einer früheren Niederlassung der Ma-Suling übriggeblieben waren. Der Ort schien jetzt nur von Wild besucht zu werden, denn zwischen den hoch aufgeschossenen Pflanzen zeigte der weiche, humusreiche Boden zahlreiche Spuren von Wildschweinen, Hirschen und wilden Rindern, die sich in grossen Herden, um zu grasen und Früchte zu essen, hierher zu begeben schienen. Das Gehen auf dem aufgewühlten Boden war sehr unbequem, aber _Demmeni_ und _Barth_ drangen doch so weit vor, dass sie eine Hütte mit vor Alter halb eingestürzten Wänden entdeckten, in der eine grosse Menge Schädel aufbewahrt lagen. Wir hörten später, dass die Schädel aus dem alten Hause stammten und dass die Ma-Suling sie aus abergläubischer Furcht nicht in das neue Haus herüberzubringen wagten. Auf ihre Bitte musste _Belarè_ später mit seinen Pnihing das gefährliche Werk für sie ausführen. Als Lohn traten sie ihm die Hälfte der Trophäen ab, mit denen er seine Galerie schmückte.

Leider durften wir die Kokosnüsse und anderen Früchte, nach denen uns stark gelüstete, nicht anrühren, da _Ledju Li_ sie wegen des Todes seines Vaters, der diese Fruchtbäume gepflanzt hatte, für _buling_ oder _lali_ erklärt hatte. Nach einiger Zeit sahen wir auf einer sehr ebenen Fläche längs des Merasè die Niederlassung Lulu Sirang hervortreten, in der die beiden Brüder _Obet Dewong_ und _Bo Ngow_ als Häuptlinge herrschten.

Wir wurden von den Brüdern ebenso freundlich wie in Napo Liu empfangen, was uns um so angenehmer berührte, als sie sehr gut wussten, dass wir in politischen Angelegenheiten kamen. Zwar waren die Häuser auch hier noch nicht ganz vollendet, aber die grosse Galerie _Obet Dewongs_ bot uns einen guten Wohnraum.

Während unser Gepäck und unsere Schlafstätte geordnet wurden, begab ich mich zur Häuptlingsfamilie, deren Kinder alle fieberkrank waren. Die Ältesten standen dermassen unter dem Eindruck des weissen Doktors, dass sie das bittere Chinin ohne viel Widerstreben hinunterwürgten; einem kleinen Knaben dagegen konnte ich die Arznei nur in Pillen mit etwas Zuckerrohrsaft beibringen.

Am jenseitigen Ufer lag ein freistehender Hügel von 180 m Höhe, der Batu Marong, der uns einen schönen Überblick über die Umgebung versprach; ich bestieg ihn daher noch am selben Abend, um von dort aus mit _Bier_ über die Aufnahme des Merasè zu beraten. Ein steiler, halb wieder verwachsener Pfad führte uns auf den Gipfel, auf dem nur zwei Bäume und einige Sträucher standen, so dass wir bald eine Aussicht auf die von der Abendsonne beleuchtete Landschaft erhielten.

Wir fanden für die Hartnäckigkeit, mit der die Ma-Suling am Merasè wohnen bleiben, darin eine Erklärung, dass der Fluss durch ein besonders breites und ebenes Tal strömt, das für den Reisbau sehr geeignet sein muss. Hiervon zeugte der Pflanzenwuchs, denn das dunkle, wellige Grün des Urwaldes war erst in einigem Abstand an den Bergabhängen zu sehen, während die helleren, ebeneren grünen Massen des jungen Waldes und der Strauchvegetation die Stellen andeuteten, welche die Ma-Suling einst bereits bebaut hatten. Von _alang-alang_ und Gras, die an anderen Orten so bald auf kultiviertem Boden auftreten, bemerkten wir nichts.

Die Landschaft entzückte uns so sehr, dass es einige Zeit dauerte, bis wir über die topographische Aufnahme ernstlich zu beraten anfingen. Nach Norden hin, wo sich das hohe, steile Kalkgebirge, in dem der Serata, Merasè, Tepai und Nijan ihren Ursprung nehmen, mit seinen malerischen Formen erhob, war der Blick besonders anziehend. Die mächtigen, hellen Wände sind ihrer Steilheit wegen nicht bewachsen und heben sich daher von dem Grün ringsherum schön ab. Wir waren hier von den höchsten, spitzen Gipfeln des Kalkgebirges, dem Batu Matjan und Batu Brok, die nach beiden Seiten hin nur allmählich in vielgipflige Rücken auslaufen, nicht weit entfernt.

Ausser von diesen Bergen wurde die Aussicht nicht beeinträchtigt, so dass sich dieser Hügel für _Bier_ als Beobachtungspunkt, von dem er die nächste Umgebung und verschiedene Berge anvisieren konnte, ausgezeichnet eignete. Von dem Quellgebiet des Mahakam, das im Norden liegen musste, konnten wir uns von hier aus keine Vorstellung machen, doch schien dies uns von einem alleinstehenden, hohen Berge am oberen Merasè aus möglich zu sein, daher beschlossen wir, ihn zu besteigen. Vielleicht konnten wir von diesem aus auch den Batu Tibang entdecken, auf dessen Abhängen die Hauptflüsse des Stammlandes der Bahau und Kenja entspringen und der daher als der Mittelpunkt der Welt angesehen wird. Wir hatten uns bereits vom Lekudjang und Batu Mili aus vergeblich nach dem Batu Tibang umgesehen, der uns auch als Grenzzeichen zwischen englischem und niederländischem Gebiet von Wichtigkeit erschien; ebenso hatten wir vergeblich versucht, _Belarè_ zu einem Zuge nach dem ersehnten Berge zu bewegen. Auf eine zuverlässige Auskunft seitens der Ma-Suling konnten wir nicht rechnen, da diese selbst für die ins Auge fallenden Gipfel des hohen Kalkgebirges, das sie täglich vor sich sehen, keine besonderen Namen besitzen und sich von dem Verhältnis dieser Berge zu denen am oberen Serata, Tepai u.s.w. keine Vorstellung machen können. Sie wussten nur; dass der Berg, den wir besteigen wollten, Situn heisst und, wie beinahe alle alleinstehenden Berge, von gefürchteten Geistern bewohnt wird. Während wir uns abends in weitem Kreise sitzend unterhielten, erzählten uns einige Siang Dajak vom Barito, die hier für die Zeit, wo sie im Tal des Merasè Guttapercha suchten, verheiratet waren, etwas Näheres über das Gebiet am oberen Merasè, in dem sie an äusserst steilen Bergabhängen gearbeitet hatten. Eine genauere Vorstellung von den Flusstälern in dieser Gegend hatten jedoch auch sie nicht.

Die Ma-Suling kannten zwar einen Weg, der auf den Situn führte, aber dieser begann am Tasan, einem kleinen Nebenfluss des Merasè, den _Ledju Li_ wegen des Todes seines Vaters für _buling_ oder _lali_ erklärt hatte; somit hatten wir wenig Hoffnung, diesen günstigen Aussichtspunkt zu erreichen.

Am folgenden Tag traf _Kwing Irang_ mit den Seinen bei uns ein und versprach, mit _Ledju_, sobald dieser nach Lulu Sirang kommen würde, über die Angelegenheit zu reden. Nach einigem Zögern war auch _Obet Dewong_ bereit, uns zu begleiten, und _Kwing Irang_ wollte uns für den Zug seinen besten Ratgeber _Sorong_ und acht Kajan zur Verfügung stellen.

Die Häuptlinge hatten noch ein besonderes Interesse an dieser Exkursion; nach der Überlieferung stammen nämlich alle Pflanzen, die man bei religiösen Zeremonien auf dem Reisfelde gebraucht und mit dem Reis gleichzeitig baut, von diesem Berge Situn und sollten dort noch wild vorkommen. Es erwies sich, dass dies nicht der Fall war, aber immerhin lehrte uns diese Überlieferung, dass auch die Kajan einst in diesen Gebieten gewohnt haben müssen. Wir erfuhren später, dass zwei der höchsten Gipfel, deren Namen wir damals noch nicht kannten, zum Batu Matjan gehörten, von dem mir _Kwing Irang_ bereits früher berichtet hatte, dass sein Stamm einst auf ihm gelebt und Reisfelder angelegt habe. Er hatte sich den Batu Matjan aber eher als Hochfläche gedacht.

Während wir in den folgenden Tagen auf _Ledju_ warteten, nahm _Bier_ die Umgebung auf und ich beschäftigte mich mit den Bewohnern des langen Hauses, die stark am Malaria litten. Zu meiner Freude konnte ich viele, auch die Kinder des Häuptlings, von ihrer Krankheit heilen.

Ich erlaubte diesen, sich ein hübsches Stück Zeug oder Ohrringe als Geschenk auszusuchen, und erfreute auch die Eltern mit einem Gegenstand, den sie sich wünschten. _Bo Ngow_ hatte glücklicher Weise weniger Kinder und auch seine Frau lebte nicht mehr, so dass er an meine Vorräte geringere Ansprüche stellte; allerdings wurde dieser Vorteil durch seine sehr hübsche und sympathische Tochter teilweise wieder aufgehoben.

Indem ich mit so vielen in Berührung kam, bot sich mir eine gute Gelegenheit, Ethnographica zu sehen und einzukaufen, und, da ich nicht mehr besonders sparsam zu sein brauchte, erwarb ich manche schönen Perlenarbeiten, Matten, Röcke u.s.w. In verborgenen Winkeln am Feuerherde entdeckte ich auch noch einige alte, irdene Töpfe (_taring tanah)_, wie sie früher am Mahakam gebrannt wurden. Zum Erstaunen der Hausbewohner kaufte ich diese Zeugen einer verschwundenen Industrie, auch wenn sie einen Riss hatten; da ich in Salz, Perlen und Zeug einen hohen Preis für sie bezahlte, habe ich wahrscheinlich alle erworben, die noch vorhanden waren.

Den beiden Häuptlingen konnte ich noch anders als durch Geschenke einen Gefallen erweisen. Sie hatten nämlich in diesem Jahre jeder ein sehr grosses Boot gebaut, um es an den Sultan von Kutei zu verkaufen, der sie gut bezahlte, da Böte von dieser Grösse unterhalb der Wasserfälle nicht mehr gebaut werden. In Gesellschaft von _Kwing Irang_ und _Sorong_ besichtigte ich die Böte, von denen jedes 21 m lang und 4-5 Fuss breit war. Das eine Boot war etwas dünner, aber dafür tiefer als das andere; aber beide entsprachen vollständig unserem Zweck und so kaufte ich sie für den geforderten Preis von 100 fl. das Stück. Den gleichen Preis hatte ich auch einige Jahre vorher den Pnihing für ein ähnliches Boot bezahlt.

Inzwischen zeigte es sich, dass _Ledju_ sich mit seiner Ankunft bei uns nicht beeilte, auch brachten andere die Nachricht, dass er wegen des Todes eines Kindes in einer Sklavenfamilie die Trauer noch nicht gänzlich abgelegt hatte, so dass die Aussicht, ihn hier zu sehen, nicht gross war _Kwing_, der hier keine Gegenpartei für seine Kampfhähne fand, sehnte sich danach, wieder hinunter zu ziehen und, da es hier oben auch für den Kontrolleur nicht viel zu tun gab, sollte er _Kwing_ begleiten. Am 26. Januar reisten beide ab. Sicherheitshalber gab ich ihnen alle Schutzsoldaten nach Napo Liu mit, wo die Gesellschaft auf mich warten sollte. _Sorong_ und die Seinen blieben zurück, um uns unter _Obet Dewongs_ Führung nach dem Situn zu geleiten. Der Zug wurde unter _Kwing Irangs_ Verantwortung unternommen, der meinte, dass ihm, da _Ledju_ nicht gekommen war, um das _lali_ des Tasan aufzuheben, als ältestem Familienglied das Recht zustand, uns gegen eine Busse an _Ledju_ den Fluss hinauffahren zu lassen. Wegen des hohen Wasserstandes war an diesem Tage jedoch an eine Fahrt nicht zu denken, auch hatte ich noch keine Zeit, da man mir nun auch von den Reisfeldern Kranke zur Behandlung brachte und ich Chinin mit einer Gebrauchsanweisung austeilen und den Lueskranken eine Jodkalilösung in Flaschen zubereiten musste. Einige Dorfbewohner setzten noch vor meiner Abreise die anfangs geforderten hohen Preise für Ethnographica herab und so hatte ich so viel zu tun, dass ich mich geduldig auf die Versicherung, dass der Merasè schnell fallen würde, verliess.

Trotz des hohen Lohnes, den ich ausgesetzt hatte, konnte _Obet Dewong_ am anderen Morgen nur mit Mühe acht Mann dazu bewegen, ihre Arbeit unseres Zuges wegen zu unterbrechen; daher waren wir erst um 9 Uhr reisefertig. Unsere Pflanzensucher begleiteten uns mit ihren Tragkörben: sie hatten in den letzten Tagen bereits in der Umgebung prächtige Pflanzen gefunden, auf dem Batu Marong unter anderen eine Aroïdee, deren grosse Blätter wie aus dunkelbraunem Sammet geschnitten aussahen.

Ausser den Hütten auf den Reisfeldern weiter oben sahen wir nur noch eine kleine Niederlassung oberhalb der Mündung des Asa, der in einem sehr breiten Tal längs der senkrechten, nördlichen Wand des Ong Dia strömt. Das Tal wird nach Westen durch die Verlängerung des Ong Dia Rückens abgeschlossen, der sich in nördlicher Richtung bis zum Kalkgebirge Batu Matjan hinzieht.

Nach zweistündiger Fahrt erreichten wir die Stelle, wo der Tasan von Norden her in den Merasè mündet, der hier um den südlichen Abhang des Batu Situn eine Biegung macht. Etwas weiter oberhalb der Mündung fuhren wir unter dem Rotang hindurch, den _Ledju Li_ als Verbotszeichen quer über den Fluss hatte spannen lassen.

Die Flussgeister schienen uns unsere Freveltat nicht übel zu nehmen, denn einer der Ma-Suling entdeckte an einer verbreiterten Stelle, wo das Wasser ruhig strömte, einen grossen Fisch. Das Boot näherte sich lautlos dem Tier und es gelang dem vorderen Steuermann, den Fisch mit seiner Lanze zu spiessen. Das Schlachtopfer wehrte sich zappelnd und tauchte unter, trieb aber, durch den Blutverlust geschwächt, bald wieder an der Oberfläche und wurde mit Jubel in das Boot gezogen.

Weiter oben drängt sich der hier nur 7 m breite Tasan zwischen zwei senkrechten Kalkfelsen hindurch, deren Wände mit Algen, Moos, Farren und anderen Pflanzen feuchter Standorte dicht bewachsen sind.

In früherer Zeit durften die Bewohner dieser Gegenden den Tasan nur bis zu dieser _lobang belare_ (Höhle eines Donnergeistes) hinauffahren; erst seit kurzem wagen sie sich weiter aufwärts. Auch jetzt fuhren wir unter feierlichem Schweigen an dieser Stelle vorüber.

An dem kleinen Fluss Terè weiter aufwärts zogen die Ma-Suling die Böte in den Uferwald, während _Sorong_ mit den Seinen den gleichmässig ansteigenden Rücken hinaufging, um nötigenfalls einen Weg durchhauen zu lassen. Ich folgte ihm langsam mit _Obet Dewong_. Der schwere und bejahrte Mann folgte nur mit Anstrengung, obgleich der Rücken nicht steil und sehr breit war; da _Obet_ in jungen Jahren ein bekannter Jäger gewesen war, gab er sich jetzt alle Mühe, nicht zurückzubleiben.

Bereits bald nach Mittag erreichten wir, auf einer Höhe von 800 m, den Sattel, der unter dem eigentlichen Gipfel lag, und beschlossen, hier unser Lager aufzuschlagen, da wir weiter oben kein Trinkwasser finden würden.

_Sorong_ hatte mit seinen Leuten bereits den Platz zwischen den grossen Bäumen vom Unterholz befreit. Nachdem die Hütte zusammengestellt worden war, blieb noch genügend Zeit übrig, um den eigentlichen Gipfel auszukundschaften.

Dieselben Männer gingen wiederum voraus; wir holten sie aber bald ein, da sie weiter oben in die Rotang- und Moosregion gerieten. Auch die dornigen Stämme der Sagopalmen hielten uns fest, so dass es kaum möglich war, ohne Kleiderrisse und Hautwunden davonzukommen, und so manchmal musste der Pfad durch diese triefende, dunkle Pflanzenmasse gebahnt werden. Für Nashorne schien diese Gegend sehr geeignet zu sein, denn wir bemerkten zahlreiche Spuren von ihnen, auch jagten unsere Leute ein Exemplar auf. In einer flöhe von 1000 m ü.d.M. war alles so dick mit Moos bedeckt, dass wir weder rechts noch links sehen konnten, dazu fiel der Gipfel mit steiler Wand nach unten ab. Es musste noch ein zweiter, höherer Gipfel vorhanden sein, aber bevor wir ihn besteigen konnten, musste _Obet Dewong_ den Geistern erklären, wer wir waren, und was wir hier wollten. Hierzu holte er ein mitgenommenes Ei hervor, klemmte es zwischen die 3 Zinken eines an der Spitze gespaltenen Stockes, den er in den Boden gesteckt hatte, und rief darauf die Geister, die auf dem Situn und auch die, die auf dem Batu Pala am oberen Tasan wohnten, an. Er berichtete ihnen, dass er, der Häuptling von Lulu Sirang, gekommen war, um Kajan vom oberen Mahakam und weisse Fremde, Niederländer, von jenseits des Meeres, welche die Umgegeng besichtigen wollten und durchaus nichts Böses gegen die Geister im Schilde führten, zu geleiten.

Gänzlich beruhigt kletterten wir nun längs eines steilen Abhanges über glatte, moosbedeckte Steine ungefähr 50 m weit hinunter und begannen dann, den eigentlichen Gipfel, der gut 1100 m hoch war, zu besteigen. Auf dem schmalen Gipfel standen wir aber vollständig zwischen hohen Bäumen ohne jede Aussicht; daher musste entweder der Wald gänzlich gefällt werden, woran fast nicht zu denken war, oder auf einem der höchsten Bäume ein Beobachtungsposten gebaut werden. Wohl oder übel entschlossen wir uns zu letzterem und trugen unseren Bahau auf, von einem der schweren Bäume mit breiter Krone die Äste teilweise zu entfernen, so dass auf den übrigbleibenden ein festes Gerüst (_lasan_) aus Holz gebaut werden konnte, auf dem unsere Instrumente aufgestellt werden sollten. Auch musste für uns eine Leiter hergestellt werden. Dieser ihnen gänzlich neue Auftrag schien meine Leute zu reizen, vielleicht hatten sie auch erwartet, dass sie den ganzen Wald fällen sollten. Sie machten sich daher eifrig ans Werk und stellten das Gerüst bereits abends fertig. Frierend, durchnässt und sehr ermüdet kehrten wir nach unserem Lager zurück, in dem _Midan_ uns mit einer Tasse warmer Chokolade empfing. Ein Wechsel der Kleidung stellte unser Wohlbehagen bald wieder her und gleich nach Sonnenuntergang begaben wir uns zur Ruhe.

Das Thermometer zeigte morgens zwar noch 18° C., aber das Aufstehen in der nasskalten Umgebung im dichten Nebel war doch nichts weniger als angenehm. Eiligst begaben wir uns auf den Gipfel, in der Hoffnung, über den Wolken eine ebenso freie Aussicht wie am ersten Morgen auf dem Batu Mili zu geniessen. Es zeigte sich aber, dass der Gipfel unseres Baumes nicht frei stand, sondern dass einige Bäume, die die Aussicht benahmen, gefällt werden mussten. Da unser Baum der höchste war, brauchten nur wenige Exemplare entfernt zu werden.

Zur Erwärmung begann ich auf- und niederzuklettern und Moose und Erdorchideen, die mit ihren prächtig gefärbten und gezeichneten Blättern in Felslöchern verborgen sassen, zu suchen. Gesteine konnte ich nicht sammeln, da alle Stücke an der Oberfläche durch und durch verwittert und nicht mehr zu unterscheiden waren. Nur da, wo ein grosser Block vom Abhang abgestürzt war und die Wand lotrecht aufstieg, konnten wir später mit dem Schmiedehammer einige gute Stücke abschlagen.

Als die Wolken unter und um unseren Gipfel nach 10 Uhr sich zu erheben anfingen, stellten wir unsere Instrumente auf. Obgleich das Wetter nicht sehr günstig war, traten im Laufe des Tages doch die ganze Umgebung und auch die Gebirge in der Ferne der Reihe nach hervor. Es zeigte sich, dass das Kalkgebirge im Norden und Westen zahlreiche Gipfel besitzt und von engen, tiefen Schluchten durchschnitten wird. Aus einer dieser Schluchten kam der Merasè zum Vorschein, was die Berichte der Buschproduktensucher bestätigte. Nach Osten, dem Quellgebiet des Tepai und Nijan zu, geht das Gebirge in plateauförmige Ketten über, deren weisse, senkrechte Wände denen des Batu Brok und Matjan vollständig gleichen und daher ebenfalls aus Kalk bestehen können. Im Gebiet des oberen Tasan wies man uns einen derartigen, oben flachen Berg als den Batu Pala an, auf dem sich der Stamm der Batu Pala einst ein Jahr lang gegen die Anfälle der Long-Glat unter _Ledju Aja_ verteidigt hatte.

Im übrigen ging aus den Aussagen der Ma-Suling nichts Sicheres hervor und selbst _Obet Dewong_ der sehr wohl wusste, wie viel uns daran gelegen war, den Batu Tibang zu finden, zeigte uns einen der Gipfel des Kalkgebirges als den gesuchten Berg. Ich war anfangs geneigt, ihm zu glauben, als aber später am Nachmittag in grosser Entfernung hinter diesem Gipfel das Scheidegebirge mit dem Kajanfluss hervortrat, das mit dem Batu Tibang in Zusammenhang stehen musste, sah ich, dass _Obets Dewongs_ Behauptung falsch war und verwies ihm diese Art uns zufrieden zu stellen. Das 1800-2000 m hohe Kalkgebirge verbarg uns das dahinter liegende Gebirge und somit wahrscheinlich auch den Batu Tibang. Das ganze Gebiet des oberen Mahakam jedoch lag schöner als je vor uns. Der ganze südliche Teil bis zum Batu Lesong trat gut hervor, ebenso der Gipfel des Batu Mili über dem Rücken des Ong Dia, während nach Osten der Batu Ajo, Nijan u.s.w. scharf sichtbar wurden. Es gelang _Bier_, die erforderlichen Peilungen und Skizzen bis zum Abend zu beenden, so dass wir unsere Zelte am folgenden Morgen abbrechen konnten und so früh unten anlangten, dass der ganze Teil des Flusses vom Situn bis Lulu Sirang noch gemessen werden konnte. Ich war mit den gesammelten Pflanzen und Gesteinen vorausgegangen und hatte auch noch die Geröllbänke des oberen Merasè und Tasan untersucht, kam aber dennoch mit _Obet Dewong_, den die Exkursion sehr angegriffen hatte, noch zeitig nach Hause. Aus Furcht, dass ich am anderen Morgen früh aufbrechen würde, stellten sich eine Menge Leute mit Hühnern, Früchten, _taring tanah_ und anderen Dingen ein, um hierfür Arzneien oder hübsches Zeug für Röcke oder Perlen einzutauschen. Ich war aber zu müde zum Handeln und versicherte ihnen nur, dass ich mich noch vor meiner Abreise mit ihnen allen befassen würde.

Um seine Aufnahme noch bis zur Mündung des Merasè fortsetzen zu können, machte sich _Bier_ am anderen Morgen als erster auf den Weg. Ich hatte noch viele Stunden damit zu tun, Flaschen mit Jodkalilösung zu füllen, Chininpulver und Pillen auszuteilen und meine schönen Stoffe sehen zu lassen.

Man gönnte mir kaum Zeit zum Essen, doch gelang es mir, noch vormittags abzureisen. Zu meiner Beruhigung fühlte sich _Obet Dewong_ nach einer gut verbrachten Nacht wieder wohler. Ich hinterliess ihre gegen seine Fieberanfälle Chininpulver, dagegen versprach er, die beiden Böte, nachdem sie mit Brettern (_rambing_) versehen worden waren, nach dem Blu-u zu senden.

Die Dorfbewohner sahen uns ungern abfahren, aber ich hatte ihnen fast alle meine Arzneien ausgeteilt, in meinen Tauschartikeln war hauptsächlich durch das Einkaufen von Ethnographica eine grosse Lücke entstanden, und so blieb ihnen wenig mehr zu wünschen übrig. Die Strömung brachte uns bald nach unten und in 3 1/2 Stunden kamen wir in Napo Liu an.

_Ledju Li_ hatte ich für die Verletzung des _lali_ auf dem Tasan eine Busse zu bezahlen; die Angelegenheit wurde jedoch unter _Kwing Irangs_ Leitung schnell geregelt. Weit mehr Unterhandlungen kostete mir eine alte, schöne Perlenverzierung für ein Kindertragbrett (_tap beneng_) mit zwei Menschenfiguren und einem Tigerkopf. Fast der ganze Stamm entrüstete sich darüber, dass ein so altes Stück die Niederlassung verlassen sollte, aber die Tochter der Besitzerin liess sich durch meine schönen Elfenbeinarmbänder zum Verkauf der Perlenarbeit verleiten. Die bereits erwähnte, schöne Jacke mit dein Rand aus Knüpfarbeit wurde mir nun ebenfalls verkauft, so dass ich von unserem Besuch in Merasè sehr befriedigt war.