Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 36
Gegen halb elf Uhr wurden wir selbst in Wolken gehüllt und konnten uns von der, trotz des heftigen Windes, brennenden Sonne erholen. Lange dauerte die Erholung aber nicht, auch hatte _Bier_, um an einem Tage die ganze Arbeit zu erledigen, alle seine Zeit nötig. Für mich war der Aufenthalt hier oben sehr lehrreich, da er mir eine Vorstellung vom Relief dieser Gegend gab. Die Sonne liess auch auf grosse Entfernung die Einzelheiten in der Landschaft deutlich hervortreten. So zeigte sich, dass die Nebenflüsse des Mahakam an der Nordseite des Batu Lesong durch Erosion interessante Formen hervorgerufen haben. Der lange, leicht gewellte Rücken des Batu Lesong fällt, ausser an den Stellen, wo sich seine Querrücken befinden, senkrecht ab. Als Wasserscheide zwischen Murung und Mahakam musste der Berg einen vorzüglichen Beobachtungspunkt liefern; ich betrachtete ihn daher tagsüber bei verschiedener Beleuchtung, um zu sehen, von wo aus man ihn besteigen konnte. Die Kajan wagten sich nicht so weit fort und die einzelnen Truppen Buschproduktensucher, die sich am oberen Blu-u befanden, hatten von dort aus unmöglich den Gipfel besteigen können. Nach dem Bericht der Leute, führte vom Flusstal des oberen Tjehan aus zwar ein Pass über den Batu Lesong, aber er musste in einem Sattel liegen, weil das Gebirge gerade dort zu einer Höhe von 1800 Metern ansteigt; als Beobachtungspunkt war er also sehr ungeeignet. Mehr schien mir ein auf dem Gipfel befindliches Plateau zu versprechen, von dein aus ein langer Querrücken zwischen dem Danum Parei und Dini zum Mahakam herunterläuft. Ich bemerkte mit meinem Fernglas keine tiefen Einschnitte in diesem Rücken, somit konnte er uns wahrscheinlich mit Hilfe seiner Waldbedeckung zum ersehnten Ziele führen. Von dem rechten Nebenfluss des Blu-u, dem Bruni, aus sollte ein Pfad zum Danum Parei führen und von dort aus musste der Querrücken zu erklimmen sein. Da ich keine Hoffnung hatte, am oberen Mahakam bessere Auskunft zu erhalten, beschloss ich, meinen Beobachtungen zu vertrauen und auf diesem Wege die Besteigung des Batu Lesong später vorzunehmen.
Sehr erhitzt und ermüdet, aber befriedigt von allem Genossenen und Beobachteten, erreichten wir unser Lager, zur grossen Beruhigung _Kwing Irangs_, der sich selbst nicht wieder hinaufgewagt und den Geistern unseretwegen nicht getraut hatte.
Völlig beruhigt zeigte sich _Kwing Irang_ jedoch erst am folgenden Morgen, nachdem ich die Nacht ruhig und traumlos geschlafen hatte; er schloss hieraus, dass sich die Geister trotz meiner auf dein Gipfel begangenen Freveltaten, wie das Umhacken des Gestrüpps, nicht an mich heranwagten.
_Bier_ begab sich bereits sehr früh wieder nach oben, um noch, bevor die Nebel sich erhoben, einige Bergspitzen anzupeilen. Unterdessen beschäftigte ich mich unten mit dem Sammeln von Moosarten, die auf dem Gipfel, wahrscheinlich unter dein Einfluss von Sonne und Wind, nicht vorkamen. In dem feuchten Walde unter den hohen Baumkronen fand ich dagegen eine Menge sehr eigenartiger Formen, so dass ich in Begleitung des Pinau Malaien _Persat_ immer weiter um den Fuss des Gipfels herumging, bis ich plötzlich vor dem unteren Ende der Schutthalde stand, welche die Schweine als Aufgang benützten.
Bei meiner Rückkehr ins Lager fand ich _Bier_ schon vor und so konnten denn sogleich unsere Sammlungen und Instrumente verpackt werden.
_Doris_ hatte mit den Seinen nicht viel Glück gehabt, unter den geschossenen Vögeln fand sich keine neue Art; dagegen konnten die Pflanzensucher eine grosse Fracht neuer Pflanzen nach unten befördern.
Trotz aller bösen Prophezeiungen der Kajan war unser Zug somit ohne Unfall verlaufen. _Kwing Irang_ war nicht einmal, wie nach der Besteigung des Batu Kasian im Jahre 1896, erkältet. Damals fasste er seine Erkrankung als eine Strafe der Geister auf; in Wirklichkeit war sie die Folge einer kalten, regnerischen, auf 600 m Höhe verbrachten Nacht. Diesmal hatte ich ihm vorsichtshalber für die Nacht ein flanellenes Sporthemd gegeben, das ihn so gut erwärmt hatte, dass er nun aus Befriedigung über seine heldenhafte Besteigung des Geisterberges bereit war, mich zu einem Weiher zu begleiten, der in der Nähe des Batu Plöm im Walde liegen sollte und in welchem sich die Donnergeister des Batu Mili jede Nacht zu baden pflegten. Leider kam es nicht zu diesem Ausflug.
Obgleich _Kwing Irang_ und seine Leute nur unter meinem Schutz das Unternehmen gewagt hatten und viel mehr Menschen mitgegangen waren als ich nötig hatte, musste ich doch allen den üblichen Lohn von 2.50 fl. in drei Tagen und dem Häuptling 2.50 fl. pro Tag geben. Da es sich hier nur um eine Exkursion von kurzer Dauer handelte, war der Preis erträglich.
Anders verhielt es sich bei unserem Zuge an den Merasè den wir, nachdem die Verbotszeit dort beendet war, unternahmen. Der Zweck unseres Aufenthaltes am Mahakam machte es notwendig, dass wir uns möglichst lange bei den Stämmen aufhielten, und nun meinte _Kwing Irang_, dass wir es unserer Würde schuldig waren, bei den Ma-Suling mit zahlreichen Böten und Menschen aufzutreten. Ich legte jedoch auf seine einigermassen selbstsüchtige Begründung nicht viel Gewicht, da unser Ansehen bei den Bahau auf etwas anderem als einem grossen Gefolge beruhen musste, und beschloss daher, zur Erforschung des neuen Gebiets alle unsere Sammler und die übrige Gesellschaft und nur eine beschränkte Anzahl Bahau mitzunehmen, die im Grunde doch nur ein von mir bezahltes Geleite _Kwing Irangs_ bildeten. _Kwing_ wollte nämlich die Gelegenheit benützen, um mit seinen Kampfhähnen am Merasè zu glänzen; dabei sollte das zahlreiche Gefolge noch zur Erhöhung seines Ansehens dienen. Infolge der guten Ernte befanden sich nicht nur die Kajan, sondern auch die Hähne in blühendem Zustand und versprachen, die Ehre des Häuptlings gegenüber den Bakumpai oder Barito Malaien, die sich bei _Itjot_ am Merasè aufhielten, gut zu vertreten.
Die Hahnenkämpfe (_petuduk_) sind seit zwei Generationen bei allen Bahau am Mahakam durch die Malaien von Kutei eingeführt worden. Die Malaien betreiben die Hahnenkämpfe. nur als Hazardspiel, bei dein die Kraft und Gewandtheit der mit eisernen Sporen (_tadji_) bewaffneten Hähne nur insofern Interesse einflössen, als sie den Gewinn oder Verlust eines hohen Einsatzes oder einer Wette bestimmen. Den gleichen Charakter tragen die Hahnenkämpfe auch bei den Bahau unterhalb der Wasserfälle, hauptsächlich bei den Häuptlingen _Kanu Jok_ und _Si Brit_ oder Raden _Mas_, die, als sie vom Sultan jahrelang in Tengaron zurückgehalten wurden, dort malaiische Gewohnheiten annahmen. Auch unter den Häuptlingen oberhalb der Wasserfälle nimmt die Überzeugung immer mehr zu, dass sie es ihrer Würde schuldig sind, Kampfhähne zu halten; selbst mancher ihrer jungen Untertanen besitzt einen Hahn. Nur ein Häuptling von der hohen Stellung _Kwing Irangs_ hält sich eine grössere Anzahl Hähne; die übrigen finden es zu lästig, die Tiere so lange zu füttern und durch Baden, Massieren und Üben zum Kampfe vorzubereiten. Unter den Pnihing fand ich nur bei _Belarè_ einen Hahn, der in einem Korbe in der Galerie hing. Er verkaufte seine Hähne aber lieber, als dass er sie selbst kämpfen liess.
_Kwing Irang_ kaufte seine Hähne in der Regel von seinen Freien, die die Tiere teilweise bereits selbst dressiert hatten. Die ausgebreitete Hühnerzucht der _panjin_ verfolgte ursprünglich den Zweck, Opfertiere zu liefern; seit Einführung der Hahnenkämpfe wird sie aber in noch grösserem Massstabe betrieben.
Eine bestimmte Rasse wird nicht gezogen; in früheren Jahren hatten jedoch die Malaien vom Kapuas und unteren Mahakam dem Häuptling einige besonders grosse Exemplare von Kampfhähnen mitgebracht und von diesen stammen seine jetzigen, grossen Hähne ab.
Beim Abschied im Jahre 1897 hatte _Kwing Irang_ auch mich gebeten, beim nächsten Besuch Hähne mitzubringen. Der eifrige Betrieb der Hühnerzucht kam uns sehr zustatten, da er uns ständig mit Hühnern und Eiern versorgte. Die Kampfhähne unterscheiden sich von den überall sonst auf Borneo vorkommenden Hähnen nur durch ihre Grösse; besondere Rassenmerkmale besitzen sie nicht.
Die Kämme werden den Hähnen kurz abgeschnitten und auch die Sporen werden meist mit einem Stück Blech abgesägt und zwar so, dass keine Blutung entsteht. Man tut dies, damit sich die Hähne bei Übungsgefechten keinen Schaden zufügen können.
Bei ernsten Gefechten werden den Tieren ungefähr 7 bis 8 cm lange, scharf geschliffene Sporen (_tadji_) an die Unterseite des Fusses gebunden. Der Sporn wird stets nur an einem Fuss befestigt; er läuft entweder gradlinig oder gebogen oder gewunden in eine Spitze aus.
Die Sporen werden von bestimmten Personen, die die Kunst an der Küste gelernt haben, geschliffen und zwar aus Rasiermessern, Tischmessern u.a., welche von Malaien eingeführt werden. _Kwing Irang_ und sein Sohn _Bang_ hatten es im Schleifen besonders weit gebracht; ihre Sporen waren so fein bearbeitet, dass sie tadelloser auch aus einer europäischen Werkstatt nicht hätten hervorgehen können.
Das Schleifen geschieht auf Drehscheiben von verschiedener Grösse und Feinheit, die auf einem einfachen Gestell ruhen und von einem Knaben mittelst einer hin- und hergezogenen Schnur in Bewegung gesetzt werden. Auch diese Drehscheiben sind von den Malaien übernommen worden.
_Kwing Irang_ besass, je nach der Beschaffenheit seines Reisvorrats und der Aussicht auf künftige Gefechte, zwischen 5 und 30 Hähnen, von denen jeder gesondert in einem aus Rotang geflochtenen Korbe unter dem Dache seiner Wohnung hing oder bei den zuverlässigsten seiner Sklaven einquartiert war.
Die Hähne werden morgens und abends ausschliesslich mit ungespelztem Reis gefüttert; sie bekommen wenig zu trinken und gehen nur dann frei herum, wenn der Häuptling sich mit ihnen abends beschäftigt, mit ihren Klauen Gymnastik treibt und die Tiere miteinander kämpfen lässt. Die Hähne werden in der Regel täglich im Fluss gebadet und nass wieder in den Korb gesetzt.
Wahrscheinlich, würde man auf die körperliche Entwicklung der Hähne noch grössere Sorgfalt verwenden, wenn nicht, besonders bei den Bahau, die Farbe und Anordnung der Federn bei der Beurteilung der Tauglichkeit eines Tieres eine so grosse Rolle spielten. Es werden zwar von der Gegenpartei auch die Entwicklung der Muskeln und die Körpergrösse in Betracht gezogen, aber die Farbe der Federn erscheint doch ebenso wichtig. Daher werden, um den Wert der Hähne herabzusetzen, häufig vor den Kämpfen einige Federn von besonders guter Bedeutung ausgezogen.
Bei den Hahnenkämpfen gewinnt derjenige Hahn den Sieg, der den anderen tötet oder in die Flucht jagt. Man beginnt die Tiere zu reizen, indem man dem einen den Kopf festhält und das andere hineinhacken lässt, bis man aus der Heftigkeit der Anfälle ersieht, dass die Tiere genügend in Wut geraten sind. Dann setzt man die Hähne in einem Abstand von 4-5 m auf den Boden und lässt sie gleichzeitig auf einander los. In der Regel laufen sie auf einander zu, fliegen an einander auf und suchen sich mit ihren Sporen zu verwunden. Bisweilen ist keiner der Hähne kampflustig; die Wette bleibt dann unentschieden. Dies ist auch der Fall, wenn beide Tiere gleichzeitig an ihren Funden sterben, oder wenn der Sieger den Besiegten, der ihm zugetragen wird, nicht mehr hacken will, zu hacken wagt oder wegen Ermüdung oder Blutverlust nicht mehr zu hacken im stande ist. Können beide Hähne nicht mehr weiterkämpfen, so gewinnt ebenfalls keine der Parteien.
Die Wunden, die die Tiere einander beibringen, sind oft sogleich tötlich. Dringt der eiserne Sporn in den Leib, so wird dieser nicht selten 67 cm weit aufgerissen, der Hals wird bisweilen mit einem Mal gänzlich durchgeschnitten. Öfters kann ein Hahn seinen Sporn, wenn er in einem Knochen festsitzt, nicht befreien; man wartet dann eine Zeitlang, nimmt die Tiere dann auf und sieht den Kampf, wenn beide Tiere noch leben, als unentschieden an. Es kommt vor, dass die Tiere nur schwach verwundet sind oder hauptsächlich Fleischwunden haben. Merkwürdiger Weise verstehen die Bahau derartige Wunden mit Nadel und Faden geschickt zu nähen und zu heilen, während sie noch nicht auf den Gedanken gekommen sind, die Wunden bei Menschen auf die gleiche Art zu behandeln. Wahrscheinlich haben sie mit der Sitte der Hahnenkämpfe zugleich die der Wundbehandlung von den Malaien übernommen. Die Kajan verteidigten mir gegenüber das grausame Gefecht mit den Sporen damit, dass auf diese Weise dem Leiden der Hähne schnell ein Ende gemacht würde, während sie ohne Sporen so lange kämpften, bis sie vor Erschöpfung oft tot niederfielen.
Bei den _panjin_ werden die Hahnenkämpfe nur als Zeitvertreib, den sich nur die Wohlhabenden und auch diese nur in bescheidenem Masse erlauben dürfen, aufgefasst. Nach vollbrachtem Tagewerk lassen die jungen Leute abends öfters ihre Hähne miteinander kämpfen, aber nur sehr selten mit Sporen und um einen Gewinn; auf Wetten lassen sie sich überhaupt nicht ein. Den Einsatz bildet eine alte Perle, ein Beil oder ein Schwert. Verheiratete Leute beteiligen sich nur ausnahmsweise an diesem Vergnügen, das in dieser Form durchaus unschuldig ist. Lassen sich dagegen die Häuptlinge auf ihren Reisen flussabwärts mit Malaien oder Barito und Kahájan Dajak in Wettkämpfe ein, so wird der Einsatz stets so hoch wie möglich gewählt.
Die Sitte verlangt, dass die Stammesgenossen auf den Hahn ihres eigenen Häuptlings setzen. _Kwing Irangs_ Einsatz variierte zwischen 5 und 40 fl.; sein Gefolge wettete 1 bis 2.50 fl. pro Person, so dass stets noch 50 bis 60 fl. hinzukamen und bisweilen 100 fl. auf einen Hahn gesetzt wurden. _Bang Jok_ und die Malaien setzten oft noch grössere Summen auf ihre Hähne; _Kwing Irang_ tat es nur bei einigen besonderen Tieren.
Auch bei den Hahnenkämpfen der Bahau spielen nicht mir die Geister mit ihren Vorzeichen, sondern auch allerlei abergläubische Vorstellungen eine wichtige Rolle. Begiebt sich _Kwing Irang_ z.B. mit seinen Hähnen zu einem anderen Häuptling, so fassen die Kajan diesen Zug als einen wirklichen Kriegszug auf und suchen alles zu vermeiden, was der Männlichkeit und Tapferkeit der Hähne schaden könnte. Daher war _Kwing Irang_ bei unserer Reise zur Küste im Jahre 1897 durchaus dagegen, dass Frauen mit uns reisten, weil diese auf seine Kampfhähne einen nachteiligen Einfluss ausüben konnten. Als eine Frau schliesslich doch mitzog, lagerte sich _Kwing Irang_ mit seinen Hähnen stets in möglichst grosser Entfernung von ihr. Nach Ansicht der Bahau wird nicht nur die Kraft der Hähne, sondern auch die der Männer durch die Berührung mit etwas Weiblichem beeinträchtigt. Die Kajanmänner vermeiden es daher, einen Webstuhl oder getragene Frauenkleider anzurühren; tun sie dies, so werden sie "_dawi_", d.h. schwach und haben auf der Jagd, beim Fischfang und im Kriege keinen Erfolg.
KAPITEL XVI
Besuch bei den Ma-Suling am Merasè--In Batu Sala, Napo Liu und Lullt Sirang--Behandlung von Kranken, Einkauf von Löten und Ethnographica--Besteigung des Batu Situn--Beobachtungsposten auf einem Baumgipfel--Rückhehr nach Lulu Sirang--Symbolische Heiratserklärung--Hochzeitsgebräuche--Ehegesetze--Heimkehr nach dem Blu-u--Besuch hei den Pnihing am Tjehan--In Long 'Kup--Besteigung des Liang Baring--Bei den I'nihing am Paketè--Begräbnisstätte der Pnihing--_Hadji Umar_--Zurücksendung einer Batang-Lupar Gesellschaft Beratung wegen des Haushaus--Besuch von _Hinan Lirung_.
Am 20. November konnten wir endlich unseren lang geplanten Besuch bei den Ma-Suling am Merasè zur Ausführung bringen. Früh morgens fuhren wir in zwei grossen Böten ab; in dem unsrigen befanden sich ausser uns Europäern, dem Chinesen _Mi-Au-Tong_ und unseren Malaien nur noch zwei Kajan als Steuermänner, da diese das Fahrwasser am besten kannten. Die beiden jungen Leute hatten mich bereits auf meiner früheren Reise öfters begleitet. Bald nach unserer Abfahrt hörten wir das Brummen eines Rehs, das, als schlechtes Vorzeichen, die Kajan zur Rückkehr und zum Aufschieben eines Unternehmens auf acht Tage zwingt. Ich tat, als ob ich nichts hörte und, als meine Steuermänner unruhig wurden und mich fragten, was ich zu tun gedächte, sagte ich einfach: "weiterrudern", worüber der Chinese in herzliches Lachen ausbrach. Der eine Steuermann, _Owat_, der mit mir auch zum ersten Mal den Batu Mili bestiegen hatte, war mit meiner Antwort augenscheinlich sehr zufrieden, denn er begann mit seinem Ruder kräftig auszuholen und so blieb dem zweiten Steuermann nichts übrig, als dem Beispiel des ersten zu folgen. Gleich darauf holte uns das zweite Boot ein, in dem sich _Kwing Irang_ mit seinem Sohne _Bang_, seinen Kajan und den Kampfhähnen befand. Sie hörten in nächster Nähe vor uns den Ruf des _hisit_ auf ihrer rechten Seite; der Vogel prophezeite ihnen also eine glückliche Reise. Der _adat_ gemäss musste _Kwing Irang_ landen und eine Zigarette rauchen.
Meine beiden Kajan hüteten sich, über unser Vorzeichen ein Wort zu sagen, und rauchten mit ernsten Gesichtern ebenfalls ihre Zigaretten. Darauf setzten wir unsere Fahrt schnell fort. Wir machten weder in Lulu Njiwung noch in anderen kleinen Niederlassungen Halt, sondern fuhren direkt bis Batu Sala, um mit dessen Bewohnern die Bekanntschaft zu erneuern und _Barth_ den Häuptlingen vorzustellen. Leider befand sich der Häuptling _Paren_ mit seiner Frau in Long Tepai und wir wurden nur von seinem Bruder _Bang_ in der Galerie empfangen. Zwischen ihm und _Kwing Irang_ auf dem Boden sitzend, den Rücken an die schiefe Aussenwand gelehnt, begann ich über alles, was sie seit meiner Abwesenheit erlebt hatten und über die Ernteaussichten zu sprechen. Die Gegenwart des Kontrolleurs, der an der anderen Seite _Kwings_ sass, schien den ängstlichen _Bang_ einzuschüchtern, ich benützte daher einen günstigen Augenblick, um die beiden einander vorzustellen und sprach dann über gleichgültige Dinge weiter. Als sich nach einiger Zeit auch der Kontrolleur an der interessanten Unterhaltung beteiligte, hielt es _Kwing Irang_ fürangebracht, mich zu seinem Schwiegervater _Bo Djo_ zu führen, der Häuptling eines kleinen, bei den Long-Glat lebenden Stammes ist. Ich hatte den alten Mann bereits im Jahre 1897 behandelt; jetzt hatte er wiederum meine Hilfe nötig, da er an Bronchitis und Malaria litt. Er äusserte seine Freude über mein Kommen, erkundigte sich nach seiner Tochter _Uniang Anja_ und deren Söhnchen _Hang_ und wollte wissen, warum sie nicht mitgekommen waren. Ich wagte ihm nicht zu sagen, dass seine Tochter unserer Kampfhähne wegen nicht hatte mitreisen dürfen. _Kwing Irang_, den Kranke unangenehm berührten, entfernte sich und ich betrachtete nun mit Musse meine Umgebung, nachdem ich dem alten Manne versprochen hatte, ihn am folgenden Morgen ärztlich zu behandeln. In dieser von alters her wohlhabenden Niederlassung befanden sich viele schöne, alte Gegenstände und ich begann sogleich die hohe, mit Perlen verzierte Mütze von _Bo Djos_ Tochter, die dem Hause vorstand, zu rühmen; auch erkundigte ich mich, wer ihr den hübschen Rock gestickt hatte. Mein Interesse fand grossen Beifall und so liess man mich auch noch andere schöne Dinge sehen. Auf einige Gegenstände machte ich, um vorläufige Unterhandlungen einzuleiten, ein Angebot. Bei meiner Rückkehr ins grosse Haus begegnete ich verschiedenen Bekannten von früher und begab mich daher in guter Stimmung nach unserer Galerie vor der Häuptlingswohnung, wo man alles für eine Mahlzeit und die Nacht vorbereitet hatte und _Barth_ noch immer in eine Unterhaltung mit _Bang_ vertieft sass.
Am folgenden Tage gab es für mich noch so viel Arbeit im Dorfe, dass ich froh war, als uns ein heftiger Regen des Morgens an der Weiterreise verhinderte; ich hatte nun Zeit, mich mit den zahlreichen Kropf- Fieber- und Lueskranken zu beschäftigen und ihnen Arzneien auszuteilen, die ich in grösserer Menge mitgenommen hatte. Als der Regen nach dem Essen aufhörte, brachen wir, mit dein Versprechen wiederzukommen, zum Merasè auf. Die Bevölkerung hatte nun Zeit, über ihre erste Begegnung mit dein gefürchteten Regierungsbeamten nachzudenken und sich über seine Anwesenheit zu beruhigen. Wegen des hohen Wasserstandes und der Schwere unserer Böte erreichten wir erst nach vierstündiger Fahrt Napo Liu, die Niederlassung der Ma-Suling, in der _Bo Li_ gestorben war. Auf _Kwings_ Rat landeten wir nicht bei des Häuptlings Hause, da _Ledju Lis_ Familie noch Halbtrauer trug, sondern bei _Temenggung Itjot_, der uns schon erwartet zu haben schien. Wenigstens empfingen uns einige hübsch gekleidete Malaien vor der Haustreppe, die zu seinem Badehäuschen führte; sie begrüssten uns und forderten uns auf, ihnen nach _Itjots_ Galerie zu folgen, wo wir eine grosse Gesellschaft Bakumpai, Malaien vom Barito, antrafen. Ich kannte die meisten von meinem vorigen Besuch her, es waren aber noch neue Buschproduktensucher vom Belatung, die bei den Ma-Suling Reis einkaufen wollten, hinzugekommen. Die Gesichter, die uns umringten, waren nichts weniger als sympathisch, aber wir mussten sie ertragen, da der Häuptling uns als Fremde in seiner Wohnung nicht aufnehmen durfte. Neben _Itjots_ Wohnung befand sich eine andere, deren Bewohner augenblicklich auf dem Reisfelde lebten, in diese hielten wir nun unseren Einzug.
Während unseres Besuches bei _Ledju_ erzählte er uns, dass die neuangekommenen Malaien einen Gong als Bussgeld hatten geben müssen, weil sie die Niederlassung vor Ablauf der Trauerzeit betreten hatten. Eigentlich waren auch wir zu einer Busse verpflichtet, aber _Kwing Irang_ erklärte _Ero_, der Wittwe von _Bo Li_, dass wir keine Fremden seien, da wir mit den Kajan zusammenwohnten; so kamen wir mit einem Packen Perlen davon. Die ganze Familie ging noch in Trauer; die Frauen trugen im Hause eine hellbraune _ta-a_, die nur bis an die Kniee reichte; die jungen Söhne waren nur mit einem hellbraunen Lendentuch bekleidet.
Die Gesellschaft Bakumpai war sehr nach _Kwing Irangs_ Sinn; den ganzen folgenden Tag über wurde an nichts anderes als an Hahnenkämpfe gedacht. Die zwei Parteien sassen einander gegenüber und beurteilten gegenseitig ihre Hähne nach der Farbe und Anordnung der Federn, nach der Kraft und dem Temperament. Der gutmütige, vorsichtige _Kwing_ war den die Aufregung des Spiels liebenden Malaien viel zu schwerfällig; die Unterhandlungen schienen ihn auch mehr zu interessieren als der eigentliche Kampf, so dass die Geduld seiner Gegenpartei auf eine harte Probe gestellt wurde. Wahrscheinlich liessen sie sich hierdurch zu Unvorsichtigkeiten verleiten, denn _Kwing_ gewann 4 Mal nach einander; da er sein Glück auch noch am folgenden Tag versuchen wollte, benützte er einen angekündigten Besuch des Häuptlings _Bo Lea_ aus Long Tepai zum Vorwand, um länger zu bleiben.
Inzwischen hatte ich meinen Tag nicht minder gut verwandt, indem ich die Gelegenheit, wenn man mich als Arzt in eine Wohnung rief, dazu benützt hatte, ein Gespräch anzuknüpfen und über allerhand schöne Gegenstände, unter anderem auch über eine sehr alte Perlenverzierung für ein Kindertragbrett (_tap beneng_) und eine Jacke mit einem aus bunter Knüpfarbeit versehenen Rand, zu unterhandeln. Den Eigentümern, die einen sehr hohen Preis von mir forderten, gab ich bis zu meiner Rückkehr von oben Bedenkzeit.
Zugleich sah ich mich nach grossen Böten um, die ich für unsere Fahrt zur Küste nötig hatte. Auf der vorigen Reise hatte ich von _Paren_, dem Pnihinghäuptling am Tjehan, ein sehr schönes Boot gekauft, in diesem Jahre hatte man in seiner Niederlassung aber nur kleine Böte hergestellt, so dass ich diesmal auf die Ma-Suling rechnete. Unter _Itjots_ Hause fand ich nur schmale, schlechte Exemplare, für die die Besitzer morgens einen sehr hohen Preis verlangten, abends aber bereits 50% abliessen. Wie man mir erzählte, sollten in der grossen Niederlassung weiter oben am Merasè schöne Böte zu haben sein, daher beschloss ich, mich dorthin zu begeben.