Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 35

Chapter 353,461 wordsPublic domain

Inzwischen hatte _Midan_ mir das Essen bereitet. Nach dem Mahl machte ich dem sterbenden _Bo Li_ noch einen Besuch und verschwand dann bei Sonnenuntergang hinter meinem Moskitonetz, wo ich sogleich fest einschlief. Ab und zu erwachte ich durch das Hin- und Hergehen der erregten Menschen, die ihren Häuptling sterben sehen wollten, als plötzlich gegen 10 Uhr heftige Schläge auf grosse Gonge in der Galerie mich vor Schreck zitternd auf meiner Matratze auffahren liessen. Aus der _amin aja_ ertönte Weinen und jammern; _Bo Li_ war also verschieden. Ich machte mich bereit, den Lauf der Dinge in meinem Klambu abzuwarten, als ich beim Schein einer Harzfackel zuerst das Gesicht meines Dieners, dann das von _Itjot_ erblickte, die mich aufforderten, mich sogleich mit ihnen nach _Itjot_s Hause zu begeben, da ich hier bei der Erregtheit der Bahau in solchen Augenblicken nicht sicher, in jedem Fall aber auf der Galerie nur hinderlich sein würde. Ich wagte dem Rate nicht zu widerstehen und begab mich, wenn auch zögernd, mit _Itjot_ nach dessen Wohnung. Unterdessen wurde auch in der Galerie durch Schläge auf die Gonge den Geistern von _Apu Kesio_ und den benachbarten Niederlassungen der Tod des Häuptlings verkündet. Neben dem Weinen der Angehörigen ertönte nun auch das Jammern der Klageweiber. Die Männer hatten sogleich nach des Häuptlings Verscheiden ihre Schwerter gezogen und begannen mit ihnen, um die bösen Geister zu verjagen, heftig erregt in der Luft herumzufuchteln oder auf Wände und Pfosten loszuschlagen. _Itjot_ fürchtete, dass bei dieser Gelegenheit mir oder den Meinen zufällig oder absichtlich etwas zustossen konnte, und war hauptsächlich deswegen gekommen mich abzuholen. Es geschieht nämlich ab und zu, dass im Dunkeln nicht nur die Wände des Hauses, sondern auch einer der Anwesenden getroffen wird. Stirbt ein grosser Häuptling, so wird oft seine ganze Wohnung innen durch Schwertschläge beschädigt.

Vor Ermüdung schlief ich auch in _Itjots_ weit abgelegenem Hause gut ein, musste aber am anderen Morgen früh wieder auf sein, um den vielen Patienten zu helfen, die mit allerhand Leiden zu mir kamen und aus meiner Anwesenheit noch Nutzen ziehen wollten. Sie beeilten sich, weil sie unseren frühen Aufbruch fürchteten; darauf erschien auch _Bang Awan, Kwing Irangs_ Sohn, und meldete, dass wir früh heimkehren mussten, um seinem Vater den Todesfall zu berichten. Die Sache hatte Eile, weil die Leiche nur 4 Tage im Hause bleiben durfte, um dann in einem bereits vorhandenen Prunkgrab (_salong_) eines anderen Häuptlings beigesetzt zu werden. Da das Haus, indem _Bo Li_ gestorben, noch nicht fertig gebaut, sein _lali_ also noch nicht abgelaufen war, musste nämlich nach der acht das Begräbnis so bescheiden als möglich vollzogen werden. _Kwing Irangs_ Gegenwart als Bruder war aber erforderlich und daher Eile geraten.

Dass auch Kajan zu eilen im stande sind, erfuhr ich an diesem Tage, da wir um 8 Uhr wegfuhren und ununterbrochen durchrudernd um 1/2 11 Uhr abends ankamen. Zum Glück war der Himmel etwas bewölkt und der Tag nicht sehr heiss, so dass ich zum Schluss nur hungerig, fröstelnd und steif am Blu-u anlangte.

Am folgenden Tag beschlossen unsere Dorfbewohner, den Leuten am Merasè zu helfen, indem sie ihnen zur Bewirtung der beim Begräbnis Behilflichen ein Schwein und Reis zur Verfügung stellten. Abends kostete es viel Mühe, um in dieser drückenden Arbeitszeit eine genügende Anzahl junger Leute zur Fahrt zu vereinigen. In den letzten Tagen ging alles bei Sonnenaufgang aufs Feld und nur die Kranken und Alten blieben im Hause zurück.

In diesem gewichtigen Falle fanden sich aber doch schliesslich genügend viel Ruderer ein, und so konnte _Kwing Irang_ mit seinem Sohn _Bang Awan_ und seinem Mantri _Bo Kwai_, dem Schweine und dem Reis zum Merasè aufbrechen, um seinem Bruder die letzte Ehre zu erweisen.

Bereits während des _lali nugal_ hatten wir erfahren, dass es unmöglich war, für alle unsere Unternehmungen Männer als Führer oder Ruderer zu finden. In unserer jetzigen Kajanumgebung war aber von Gefahr keine Rede, daher konnten wir auch sehr gut unter unserem eigenen Geleite einige gewandte Leute wählen, die _Bier_ bei der topographischen Aufnahme zu helfen im stande waren; auch erklärte sich der chinesische Händler, der das Flussgebiet und auch die Namen der Berge kannte, bereit, als Führer zu dienen. Am Tage nach der Abreise von _Kwing_ machte sich denn auch _Bier_ mit einem grossen und zwei kleinen Böten, dem Chinesen und zehn unserer Leute auf den Weg, um den Mahakam vom Howong bis an den Blu-u zu messen.

In Anbetracht, dass sein Geleite den Bahau völlig fremd war, sollte _Bier_ sich vorläufig an den Hauptfluss halten. Die Nebenflüsse konnten später gemessen werden, während wir mit _Kwing Irang_ die dort ansässigen Stämme besuchten.

So wurde es denn still in unserer Umgebung und jeder ging seiner Liebhaberei und Arbeit nach. _Barth_ hatte vollauf damit zu tun, alles, was er auf der Reise und später im täglichen Verkehr mit _Adjang_ und der Bevölkerung aufgezeichnet hatte, zu ordnen. Sein Wörterschatz wuchs ständig, indem er den Unterhandlungen zuhörte, die ich den ganzen Tag über beim Einkaufen unserer Lebensmittel und Ethnographica mit Männern, Frauen und Kindern zu führen hatte. Mit seinem geübten Ohr gelang es ihm, zahlreiche Eigenarten der Busangsprache zu beobachten.

Ich war auch diesmal beim Auspacken meines Vorrates an Perlen und Zeugen sehr vorsichtig gewesen; die Festlichkeiten hatten mir aber eine Vorstellung von allem, was ich zu erlangen suchen musste, gegeben, daher begann ich die Kajan mit einigen hübschen Arten von Perlen und Stoffen zu locken. Sie reagierten auch sofort, indem sie mir Stickereien und Perlenarbeiten brachten, die ich früher fast gar nicht hatte erlangen können. Meine schönen _inu beneng_ (Perlen für Kindertragbretter) erregten besonderes Aufsehen und zu meinem Erstaunen wurden mir sogleich einige jener wertvollen Arbeiten abgetreten, obgleich die Menge Perlen, die ich hierfür zurückgab, nicht viel Beifall fand. Weniger gut gelang es mir, für sehr kleine, bunte Perlen, _inu buko_, fertige Arbeiten zu erlangen, wenigstens wollte man mir die Perlenverzierungen der hohen Festmützen dafür nicht abtreten. Nur für meine silbernen Ohrringe (_hisang perak_) und Armbänder aus Elfenbein wollte man sich von den schönen Mützen trennen. Ich hatte aber noch Zeit und musste meinen Preis halten, um des Schönsten und Besten, das die Bevölkerung hervorbrachte, habhaft zu werden, Daher verlief die erste Zeit mit Nachfragen und Unterhandlungen, die erst viel später, oft erst nach Monaten, zu einem Ergebnis führten. _Demmeni_, der sich bereits früher durch das Reparieren von Schmucksachen und allerhand Hausrat bei den Eingeborenen beliebt und bekannt gemacht hatte, erfreute sich wieder eines grossen Zulaufs. In unserer Wohnung fand er aber für seine Werkstätte keinen Platz, daher kam es uns sehr gelegen, dass der Schmied des Stammes, _Awang Kalei_, uns seine neben der unsrigen befindliche Wohnung überliess und selbst auf seinem Reisfelde Quartier nahm.

_Kwing Irang_ kehrte unmittelbar nach dem Begräbnis seines Bruders wieder zurück; er hatte auch keine Nacht mehr am Merasè verbringen dürfen, weil die einen Monat dauernde Verbotszeit gleich nach der Bestattung eingetreten war und es bei Strafe hoher Busse keinem, der nicht am Mesarè wohnte, in dieser Zeit gestattet war, das Flussgebiet zu verlassen oder zu betreten. Händler, die sich vorübergehend dort aufhielten, hatten sich noch in den letzten Tagen schleunigst davongemacht, um nicht einen Monat Zeit zu verlieren.

_Kwing Irangs_ Familie ging in Trauer bezw. in Halbtrauer, indem sie alle Schmucksachen und schönen Kleider ablegte und besondere Trauerkleider anlegte. Letztere bestanden für _Kings_ Frauen in schlichten Jacken und Röcken, waren aber nicht aus Baumrinde oder hellbraunem Kattun verfertigt. Auf uns Europäer machten die Frauen jetzt, da sie nicht mit Schmucksachen bedeckt waren, einen viel nackteren Eindruck als früher. _Kwing Irangs_ Traueranzug bestand aus einem Lendentuch (_ba_) von hellbraunem, d.h. weissem, im Morast braungefärbtem Kattun. Handelt es sich um einen Todesfall in der Familie selbst, so tragen die Frauen am Mahakam, wie die am Mendalam, eine _ta-a_ und eine ärmellose Jacke aus Baumbast oder braunem Kattun und ein in Form einer Kappe um das Haupt gewundenes Tuch (Siehe nebenstehendes Bild).

Wegen der Halbtrauer der Häuptlingsfamilie durften keine Festlichkeiten im Stamme gefeiert werden, bevor am Merasè am Ende der Verbotszeit das erste _bet lali lumu_ (Ablegen der Trauer) durch Opfer stattgefunden hatte.

Am 7. November kehrte _Bier_ sehr befriedigt von seiner ersten Flussmessung zurück, denn es war ihm gelungen, die anfängliche Schwierigkeit, am Ufer selbst einen Beobachtungspunkt zu finden, zu überwinden. Leider wurde seine gute Stimmung nicht von seinen Begleitern geteilt; sowohl der Chinese als die Malaien beklagten sich bei mir über _Biers_ rauhe Behandlung und erklärten, in Zukunft nicht mehr mit ihm allein reisen zu wollen. _Bier_ kehrte nämlich diesen Leuten gegenüber zu stark den Europäer und deutschen Unteroffizier heraus. Die Nachricht berührte mich sehr unangenehm, weil gerade die Malaien bei der Aufnahme am besten helfen konnten und es unter diesen Umständen viel zu gefährlich gewesen wäre, _Bier_ Bahau mitzugeben. Nach einiger Überlegung mit dein Kontrolleur suchten wir _Bier_ begreiflich zu machen, dass ein Europäer sich auch einem Eingeborenen gegenüber nicht alles erlauben dürfe, fanden aber bei dem rauhen Soldaten nicht viel Verständnis und so blieb mir nur die Wahl, die topographische Aufnahme gänzlich aufzugeben und _Bier_ so schnell als möglich an die Küste zu senden oder stets selbst mit ihm zu ziehen, was für mich so viel bedeutete, als meine ethnographischen Studien grösstenteils aufzuopfern. Die Wichtigkeit einer guten Karte von Mittel-Borneo und die Aussicht, gleichzeitig auch auf geologischem Gebiet mehr leisten zu können, brachten mich dazu, letzteres zu wählen. Mein Verdruss steigerte sich noch durch den Bericht der Malaien, dass _Belarè_ jetzt in der Saatzeit nicht mit uns zum Ursprung des Mahakam ziehen könne und dass er auf seine frühere Forderung von 1-2 Reichstalern pro Tag und Person zurückgekommen sei, ein Zeichen, dass _Belarè_ zum Unternehmen des Zuges nicht geneigt war und dass wir unseren Plan vorläufig aufgeben mussten, so gern wir auch die Grenzen gegen Serawak festgestellt hätten.

Der Tod seines Bruders hatte _Kwing Irangs_ Unternehmungsgeist nicht gelähmt; denn gleich nachdem die drückendste Saatperiode vorüber war, erklärte er sich bereit, mit uns den Batu Mili zu besteigen. Da es sich jetzt um einen Zug von mehreren Tagen handelte, nahm ich auch die Jäger und Pflanzensammler mit, damit sie von der Fauna und Flora dieses jungfräulichen Berges eine gesonderte Sammlung anlegten. _Bier_ und ich wollten uns mit der Aufnahme und dem Studium der Formationen dieses Teils des oberen Mahakam beschäftigen. _Kwing Irang_ nahm 17 junge Leute und ich noch die vier Malaien von früher mit.

Um den grossen Umweg über die Reisfelder zu vermeiden, fuhren wir den Mahakam abwärts, bis zum Batu Plöm (_plöm_ = Splitter), einem grossen Andesitblocke, der im Fluss unmittelbar am Fuss des Abhanges liegt, dem entlang wir auf steilem Pfade schnell bis zu dem eigentlichen, zylinderförmigen Gipfel des Batu Mili hinaufklimmen konnten. Der Batu Plöm besteht aus dem gleichen Gestein wie der Batu Mili und nach der Sage der Kajan ist er auch in der Tat von diesem abgestürzt.

In früherer Zeit, so lautet die Sage, reichte der Batu Mili bis an den Himmel und zwar zum grossen Verdruss der Stämme am Mahakam; denn sobald der Reis unten zu reifen begann, kamen allerhand Tiere vom Himmel auf die Erde herab und frassen die ganze Ernte auf. Daher beschlossen einige Stämme: die Punan, Pnihing, Kajan und Long-Glat, diese Verbindung aufzuheben und den Batu Mili umzuhacken. Sogleich machten sich alle ans Werk, aber nur die Kajan und Long-Glat besassen Beile, die anderen bearbeiteten den damals weichen Stein mit einem Bambusstück. Sie verursachten daher auf dein Stein keine so glatten Flächen wie diejenigen, die mit Beilen arbeiteten, was sich noch heute an ihrer Haut erkennen lässt, denn Punan und Pnihing leiden viel mehr an schuppenbildenden Hautkrankheiten als Kajan und Long-Glat. Es dauerte lange, bis alle ihr Werk beendet hatten, auch lief es nicht ohne Unfall ab; zuerst flog ein Splitter in das Auge eines der vornehmsten Häuptlinge jener Zeit, _Bang Ka-ang_, der unten am Mahakam stand und das eifrige Arbeiten über ihm beobachtete. Nur mit grosser Mühe gelang es, mittelst eitles sehr harten Stückes Holz den Splitter zu entfernen, der jetzt noch als Batu Plöm in Form eines mächtigen Felsblockes im Mahakam liegt.

Um den Gipfel des Batu Mili in die gewünschte Richtung fallen zu lassen, umwanden ihn die Arbeiter mit einem kolossalen Rotangseil, aber als die Masse zu wanken begann, erschraken sie so gewaltig, dass jeder Stamm sich in seine Böte stürzte und schleunigst in sein Land zurückkehrte, und zwar die Kajan und Long-Glat flussabwärts, die Pnihing flussaufwärts. Die Punan vergassen in ihrer Verwirrung, von ihren Böten Gebrauch zu machen, und flüchteten nur so in die Wälder, in denen sie auch heute noch umherschweifen.

Da niemand das Rotangseil leitete, verwickelte es sich zwischen den Felsen, so dass dieser Teil des Batu Mili mit seinem Fuss im Mahakam schief hängen blieb. Infolge dieser Abdämmung staute sich der Fluss derart, dass alles Land flussaufwärts, bis auf einen Berg, auf den sich alle Menschen flüchteten, unter Wasser gesetzt wurde. Lange Zeit lebten sie dort, bis eines Tages zwei Männer, die in einem grossen Boote auf der Wasserfläche fuhren, durch eine mächtige Liane, wie sie glaubten, aufgehalten wurden. Mit ihren Beilen machten sie sich über die vermeintliche Liane her und es gelang ihnen auch, sie zu durchhacken es war aber das Rotangseil, an dem das abgeschlagene Stück des Batu Mili hing, das nun mit heftigem Aufschlag auf die Erde niederstürzte, auf welcher es noch heute als Batu Lesong (Scheidegebirge zwischen Mahakam und Murung) liegt. Das Wasser des Mahakam strömte nun ab und zwar mit solcher Kraft, dass es die beiden Männer in ihrem Boote bis zum Meere mitführte, wo sie ertranken.

Beim Abströmen des Wassers blieben die Fische in den Fasern des zerrissenen Rotangseiles hängen, wodurch die Bahau das Weben von Netzen lernten; sie stellen jetzt noch ihre Netze stets aus dieser Liane (_tengang_ oder _aka klea_) her.

Nachdem die Menschen dieses grosse Werk vollführt hatten, fand _Bang Ka-ang_, dass er sie belohnen müsse, und beschloss daher, den Mahakam, Barito und Kapuas mit Fischen zu bevölkern. Zu diesem Zwecke zog er abwärts, bis unterhalb der Wasserfälle des Mahakam und warf die Fische von dort aus in den Barito und Kapuas, was natürlich nur einem Menschen von seiner Grösse möglich war.

Als er den Fluss weiter hinunter fuhr, begegnete er Menschen, die viel kleiner waren als er. Der Sohn des dortigen Häuptlings spielte mit einem Rotang, der dick wie ein Schenkel war, und machte dem Riesen_ Bang Ka-ang_, um ihn zu erschrecken und aus dem Lande zu vertreiben, weiss, dass sein Vater diesen Rotang als Beinring benütze. "Dann muss Dein Vater sehr gross sein" rief _Bang Ka-ang_ aus "rufe ihn mal her, damit wir sehen, wer der Stärkere ist!"

Der Häuptling liess aber den ganzen Tag auf sich warten und, als er nachts am Ufer erschien, stiess er ein solches Gebrüll aus, dass es _Bang Ka-ang_ nun wirklich angst wurde und er den Fluss hinunter flüchtete; seither hat man nie mehr etwas von ihm vernommen.

Am oberen Mahakam nennt man den Regenbogen "_Bang Ka-angs_ Lendentuch" (= _ba_ _Bang Ka-ang_).

Während die Kajan unsere Böte an Land zogen und an den Bäumen festbanden, damit sie bei plötzlich eintretendem Hochwasser nicht fortgeführt wurden, hielten wir mit _Kwing Irang_ auf dem Batu Plöm sitzend einen kleinen Kriegsrat. Da ich wusste, mit welcher inneren Angst der Häuptling die Besteigung unternahm, hatte ich mir vorgenommen, auf alle seine Pläne einzugehen. _Kwing_ schlug vor, dass wir erst bis zur senkrechten Felswand hinaufsteigen und dass meine Malaien und seine Kajan dann Leitern und Stützen an den schwierigsten Stellen anbringen sollten; gegen Abend wollte er dann zuerst den Gipfel ersteigen und dort ein kleines Schwein, ein Huhn und einige Eier opfern, um die über unser Eindringen in ihr Gebiet erzürnten Geister zu besänftigen. Ich hatte gegen diesen, auf kajanischen Aberglauben begründeten Plan nichts einzuwenden und so kletterten wir denn längs des Grates, bei einer durchschnittlichen Steigung von 43°, bis zu der lotrechten Felswand hinauf und gingen links um sie herum bis zu der Stelle, wo der früher von mir benützte Bergrücken die Wand erreichte. Hier fanden wir einen Platz, auf dem der Häuptling mit der Hälfte seiner Leute einige Zelte aufstellen konnte, während die andere Hälfte einen Weg nach oben für uns herrichtete. Gegen Abend war dieser fertig und _Kwing Irang_ begann seinen Aufstieg. Nach dem Bericht der Malaien wurde ihm zuletzt so angst und bange, dass sie ihn nur mit Mühe dazu brachten, den Gipfel völlig zu erklimmen. Nachdem er den Geistern sein Opfer dargebracht hatte, beeilte er sich mit dem Abstieg und war sehr froh, nachts mit heiler Haut wieder bei uns im Zelte sitzen zu können. Die Nacht war regnerisch und stürmisch gewesen, trotzdem machten _Bier_ und ich uns schon in der Morgendämmerung auf den Gipfel auf. Wegen der Leitern war die Besteigung diesmal viel müheloser als früher; innerhalb einer halben Stunde hatten wir die 150 m zurückgelegt.

Auf dem Gipfel erwartete uns eine wunderbare Aussicht. Die Wolken, die nachts die Landschaft am oberen Mahakam bedecken, lagen jetzt unter uns und die Sonne schien herrlich auf die schneeweisse Fläche herab; nach der feuchtkalten Atmosphäre in den Wäldern am Bergabhang berührte uns die hier oben herrschende Wärme aufs angenehmste. Der Himmel war wolkenlos. Wir wurden nicht müde, unsere Blicke über das weite, strahlend weisse Nebelmeer schweifen zu lassen, aus dem einzelne hohe, dunkle Bergspitzen, unbekannt und geheimnisvoll, hervorragten. Noch nie war es uns geglückt, eine so unbeschränkte Aussicht über Mittel-Borneo zu geniessen.

Obgleich wir die Entfernung der hintersten Berge nicht kannten, sagten uns doch einige bekannte Gipfel im Kapuasgebiet, dass sie sehr gross sein musste. Über der Wasserscheide kam der Terata und hinter ihm noch andere Gipfel zum Vorschein. Nach Osten hin zog sich längs des Horizontes ein gipfelreiches Gebirge; es musste das Ober-Kapuas-Kettengebirge sein; seine einzelnen Spitzen und Rücken waren aber nicht zu unterscheiden. Unzweifelhaft setzte sich dieses Gebirge in das Gebiet des oberen Mahakam fort und wahrscheinlich auch noch weiter östlich, was wir vom Lekudjang aus nicht hatten sehen können. Auch jetzt wurde uns die Aussicht nach dieser nordöstlichen Richtung durch dicht vor uns liegende, hohe Bergspitzen benommen, nach dem Verschwinden des Nebelmeeres musste sich jedoch der Zusammenhang dieses Berglandes mit dem Ober-Kapuas-Kettengebirge feststellen lassen.

Auch nach Süd-Osten erhoben sich zahlreiche Gipfel aus der Wolkenmasse, während genau nach Süden der Batu Lesong mit seinen leicht gewellten Gipfel den Gesichtskreis abschloss.

Die Kajan wurden durch den Anblick, der sich ihnen bot, ganz verwirrt, sie konnten von keinem einzigen Berge den Namen angeben und hatten augenscheinlich noch nie dergleichen gesehen. Für jemand, der die Bahau nicht näher kennt, ist es fast unglaublich, dass ihnen ihre nächste Umgebung so fremd ist. Nur wenige kennen die Namen der benachbarten Berge, auch wissen sie nicht einmal, wo die Berge liegen, die als ihre früheren Wohnplätze in ihren Überlieferungen eine grosse Rolle spielen, wie z.B. der Batu Matjan, der Batu Brok am Ulu Tepai u.s.w. Nur die Intelligentesten, die viel gereist sind, wissen besser Bescheid, aber auch nur in den Gegenden, die sie auf ihren Zügen passiert haben.

Wir weilten bereits längere Zeit auf dem Gipfel, als sich im Osten ein Wind erhob und das bis dahin bewegungslose Nebelmeer an der Oberfläche in Aufruhr brachte, indem er in das weisse Federbett tauchte und die Dämpfe in leichten Wolken nach oben warf, wo sie sogleich fortgetrieben wurden. Die gleichmässige, weisse Fläche ballte sich zu einzelnen grossen Wolkenmassen zusammen, die neben einander und um uns herumliegend alles bedeckten; sie boten dem Winde mehr Angriffspunkte, gerieten bald in Bewegung und verdeckten alle niederen Gipfel. _Bier_ hatte bereits zahlreiche Gipfel visiert und so wollten wir nur noch warten, bis das Bergland selbst zum Vorschein kam. _Midan_ brachte uns das ersehnte Frühstück, das er einigen Kajan zu tragen gegeben hatte, nach oben und wir genossen einige Augenblicke der Ruhe. In nordöstlicher Richtung musste viel Gestrüpp entfernt werden, um eine freie Aussicht zu erlangen, denn der Gipfel war nur nach der entgegengesetzten Seite hin gänzlich nackt d.h. nur mit wenigen Flechten bedeckt. Die Kajan waren anfangs, aus Furcht die Geister zu erzürnen, nicht dazu zu bewegen gewesen, ihre Schwerter zum Umhacken der Sträucher zu gebrauchen, so dass meine Malaien die Arbeit allein verrichten mussten. Später entschlossen sich auch einige Kajan zum Mithelfen und so wurde die Arbeit für die Aufnahme zeitig genug erledigt. Die Sträucher bestanden aus ganz anderen Arten als unten am Mahakam. Da sie sich alle in Blüte befanden, lieferten sie für das Herbarium einen schönen Fund. Auch die Sammlung lebender Pflanzen konnten die Pflanzensucher bereichern, denn in den Felsspalten wuchsen harren mit grasartigen Blättern und schöne, grossblütige Rhododendren hingen von den Wänden herab. Es dauerte jedoch einige Zeit, bevor wir einiger Exemplare habhaft werden konnten, weil die Wände bis zum obersten, im Durchschnitt nur 60 Meter breiten Gipfel stets senkrecht blieben.

Nach dem Frühstück fand ich, zwischen dem Gestrüpp unterhalb des Gipfels mich hindurchwindend, verschiedene Pfade, von denen meine Leute behaupteten, dass sie von Wildschweinen herrührten. Es musste also noch ein anderer Zugang zum Gipfel vorhanden sein, denn den von uns gewählten konnten Wildschweine nicht gebrauchen. Schliesslich fand ich wirklich eine Schutthalde, die allerdings eine Neigung von 70° besass, die diesen Tieren aber vielleicht doch als Aufgang dienen konnte.

Erst gegen 9 Uhr kam ein Teil der Berge wieder zum Vorschein, unter anderen auch der Höhenzug, der sich von Ost nach West nördlich vom Batu Mili hinzieht und im Ong Dia am Merasè seinen Abschluss findet. Nach dieser Seite zu fällt der Batu Mili sehr steil ab und ist von dem ebenso steilen Ong Dia durch eine 500 m tiefe Schlucht getrennt.