Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 34

Chapter 343,329 wordsPublic domain

Die Verkleidung fand auf einer weiter oben im Mahakam gelegenen Geröllbank statt, nachdem alle in Ruhe ihr Mahl beendet und die letzten Vorbereitungen für die Maskerade getroffen hatten. In einigen langen Böten, von kleinen Knaben gerudert, kamen die sehr wild aussehenden Gestalten flussabwärts bis zur Landungsstelle gefahren, wo andere Männer damit beschäftigt waren, nach dem Bad ihre schönsten und längsten Lendentücher um die Hüften zu schlingen. Ebensowenig wie die Bahau für sich selbst einen guten Bade- oder Anlegeplatz am Ufer freihalten, indem sie etwa in den Fluss gestürzte Baumstämme aufräumen, hatten sie jetzt für die Landung der Geister, die ihnen zu einer guten Ernte verhelfen sollten, irgend welche Vorbereitungen getroffen. So landete denn die phantastische Gesellschaft zwischen halb verfaulten Baumstämmen und den Erdmassen, die bei dem niedrigen Wasserstand zum Vorschein kamen.

Schweigend bestiegen die Geister das hohe Ufer und begaben sich sogleich auf den freien Platz, der sich zwischen der provisorischen Wohnung des Häuptlings und der unsrigen befand. Hier wurden sie von einer zahlreichen Menge erwartet, die ihre schönsten, mit Stickereien und Figuren verzierten Kleidungsstücke angelegt hatte. Viele Kinder und junge Frauen prunkten auch noch mit schön gearbeiteten Mützen, Armbändern und Halsketten. Ich hatte jetzt Gelegenheit, alles Schöne, was der Stamm an Perlenarbeiten und Stickereien besass, kennen zu lernen; für gewöhnlich werden diese Herrlichkeiten verborgen gehalten.

Um alles besser beobachten zu können, begab ich mich zu _Kwing Irang_, den ich in seiner Reisscheune mitten unter allen Körben mit Kampfhähnen hockend antraf. Von hier aus, nicht allzu hoch über dem Erdboden, konnten wir den Tanz gut beobachten.

In einem bestimmten, auf dem Gong angegebenen Rhythmus, von dem, bei Gefahr eines Unglückes für die Teilnehmer, nicht abgewichen werden durfte, stellten sich die grünen Massen in brennender Mittagssonne in einen Kreis und führten unter begleitenden Armbewegungen und Schütteln und Drehen des Hauptes allerhand Schritte aus. Gegen 12 Uhr kamen noch einige verkleidete junge Leute von dem Flüsschen Ikang, um die Zahl der Geister zu verstärken, so dass ihrer dieses Jahr 23 waren. Nachdem sie eine gute halbe Stunde getanzt hatten, wobei ihnen ihre kühle Bedeckung in der Hitze sicher gut zu statten kam, stellten sich alle hinter einander, um die _bruwa parei_ (Seele des Reises) aus fernen Gegenden zu sich zu holen.

Bald darauf begannen die _hudo kajo_ (Verkleidete mit Holzmasken) doch zu ermüden und der Anführer begab sich mit seinem _krawit bruwa_ voran in den Versammlungssaal, der die Menschenmenge kaum zu fassen vermochte. Daher wurde die Kinderschar entfernt und für die grünen Geister in der Mitte ein freier Raum geschaffen, worauf sich die unförmlichen, mit grotesken Masken gekrönten Grashaufen am Boden niederliessen und, nach den Bewegungen der Blätter zu urteilen, auf sehr menschliche Weise nach Luft zu schnappen begannen. Einer der Vermummten hielt es hinter seiner Maske nicht aus und legte sie ab, um zu trinken. Da verliess _Kwing Irang_ seine krähende Gesellschaft und begab sich ebenfalls in den Saal, wo er sich zwischen einigen der ältesten vornehmen Männer niederliess und auch mir einen Platz anbot.

Wahrscheinlich hatte man diesen Augenblick erwartet, denn plötzlich wurde alles still und _Kwing Irang_ benützte die Gelegenheit, um durch den Mund eines der Ältesten den Masken und durch diese dem ganzen Stamme öffentlich zu verkünden, dass wir Weissen wiederum gekommen waren, um längere Zeit unter ihnen zu wohnen, dass wir nichts Böses im Schilde führten und er daher von allen erwartete, dass sie uns helfen und nie hindern würden. Ein gutmütiges Gebrumm oder Gebrüll stieg aus den grünen Haufen hervor und die Masken gaben durch sprechende Kopfbewegungen ihr Einverständnis zu erkennen, das auf uns eine sehr beruhigende Wirkung ausübte.

Dieser feierliche Austausch der Gedanken und Gefühle wurde durch das Gejauchze unterbrochen, das die Kinder draussen beim Erblicken einer langen Reihe von Korbmasken (_hudo adjat_) anhoben. Was uns betraf, so wurden wir weit mehr durch eine folgende Reihe _hudo lakeuj_, lieblicher junger Mädchen, die in Männerkostüm an der Maskerade teilnahmen, gefesselt.

Die _hudo adjat_ besteht aus einem Rotangkorb, überzogen mit weissem Zeuge, auf welchem man mittelst einiger Lappen, einiger blinkender Deckel und ein paar Kattunstreifen, an welche Ohrringe gehängt werden, die charakteristischen Merkmale eines Kajankopfes nachahmt. In diesen Korb wird der Kopf zur Hälfte hineingesteckt und der ganze Körper dann mit einer Jacke und grossen Tüchern behängt; durch zwei Bambusstöcke werden die Ärmel der Jacke seitlich in die Höhe gehalten. Diese unförmlichen Gestalten bewegten sich im Tanzschritt über den Platz; aber trotz des Geflüsters, dass hinter diesen Masken die höchsten Damen der Kajanwelt, ja sogar die beiden Frauen von _Kwing Irang_ verborgen waren, konnten sie unser Interesse doch nicht von den jungen Mädchen ablenken, die in dem ihnen ungewohnten Kostüm schüchtern hinter den _hudo adjat_ einherschritten.

Der Gegensatz zwischen den jungen, vollen Gestalten in der kleidsamen, kecken Männertracht und den formlosen Massen war allerdings gross genug. Die jungen Mädchen hatten auf ihre Kleidung mehr Geschmack und Sorgfalt verwandt als die jungen Männer selbst zu tun pflegen. Die Tücher um Lenden und Haupt aus reinem, weissem Kattun oder Baumrinde waren gefällig geschlungen und auch das Schwert und der lange Schal waren geschmackvoll gewählt worden. Bereits 1896 waren mir diese Mädchen, bevor ich sie noch als solche erkannt hatte, durch ihre hübsche Kleidung unter der Menge aufgefallen. Nur einige von ihnen schienen die Vorstellung bereits öfters gegeben zu haben, zeigten sich freier und wagten selbst einen Tanzschritt anzuschlagen; die meisten befanden sich überdies noch in einer ihnen fremder. Umgebung, so dass die Zuschauer sicher mehr Genuss von der Vorstellung hatten als sie selbst. Das Urteil der Frauen über diese Gruppe lautete nicht günstig, auch schienen sich die Gattinnen des Häuptlings unter ihren Körben über ihre jüngeren Gefährtinnen geärgert zu haben, wenigstens versprach uns mittags _Uniang Anja, Kwing Irangs_ zweite Frau, dass sie abends mit einigen Auserwählten in der _amin_ des Häuptlings die Vorstellung wiederholen wollte und zwar wie es sich gehörte.

Unsere Aufmerksamkeit fand eine plötzliche Ablenkung. Die Menschenmenge stob aus einander und aus dem Walde hinter dem Hause traten sechs zerlumpte Individuen hervor. Zerschlissene Matten umhüllten ihren Körper, auf dem Kopfe trugen sie schmutzige, alte Rotangkappen oder Mützen aus Fell, das bereits die Haare verloren hatte; alte Tragkörbe, hölzerne Speere und übertrieben grosse Pfeilköcher in Form von für Schweinefutter bestimmten Baumbusgefässen an der Seite vervollständigten die Ausrüstung. Nach allen Seiten scheue Blicke werfend schlich die Bande vorsichtig heran und wurde, besonders seitens der Jugend, mit Jubel und Spott begrüsst. Uns wäre die Bedeutung dieser Szene unverständlich gewesen, wenn man uns nicht gesagt hätte, dass man sich gelegentlich der Maskenperiode auch über Menschen und Zustände lustig mache. Hier handelte es sich um eine Verspottung des Lebens der Punan in den Wäldern. Die Punan, die von den Bahau im Grunde sehr gefürchtet werden, bilden nämlich ihrer eigentümlichen Lebensweise wegen einen dankbaren Gegenstand für den Spott. Die Darsteller ernteten daher auch reichen Beifall seitens des Publikums; wahrscheinlich macht man sich bei nächster Gelegenheit über uns Europäer lustig, indem man uns etwa beim Pflanzen- und Steinesammeln oder beim Enthäuten der Vögel darstellt.

Hierauf führten kleine Knaben allerhand Vorstellungen auf, die wir nicht gut verstanden, die den Zuschauern aber grossen Spass bereiteten.

Inzwischen hatten sich die _hudo kajo_ in ihren Wohnungen oder, falls sich diese noch nicht hier befanden, in einer verborgenen Ecke mit Hilfe ihrer Angehörigen ihres grünen Geistergewandes und ihrer Masken entkleidet und wollten augenscheinlich die Gelegenheit, mit so vielen zusammenzusein, nicht vorübergehen lassen, ohne sich mit einander im Kreiselspiel, das alle Kajan leidenschaftlich lieben, zu messen. Die gebräuchlichen Kreisel (_asing_) sind ungefähr 3 dm hoch, haben eine eirunde, seitlich abgeplattete Form und enden oben in einer stumpfen Pyramide, unten in einer stumpfen Spitze. Sie werden aus dem härtesten und schwersten Holze hergestellt, zuerst mit einem Meissel roh bearbeitet und dann mit der Hand beschnitten und oft sorgfältig geglättet.

Der Kreisel wird dadurch in Bewegung gebracht, dass man ihn von oben an mit einer dünnen Schnur, die allmählich dicker wird und an ihrem Ende einen Durchmesser von 3 cm erreicht, umwickelt und diese beim Schleudern des Kreisels an dem verdickten Ende schnell zurückzieht. Die Kreisel, besonders die platteren Formen, lassen, wenn sie von kräftigen Männern geschleudert werden, ein lautes Brummen ertönen.

Am Kreiselspiel beteiligt sich stets eine beliebige Anzahl junger Leute; der erste Spieler schleudert seinen Kreisel mitten auf den freien Platz, der zweite versucht den seinigen derart zu werfen, dass er den ersten verdrängt, selbst aber in Drehung bleibt. Sowohl bei diesem Spiel als auch bei dem der Kinder im allgemeinen habe ich nie einen anderen Zweck erkennen können als Freude am Spiele selbst und an der körperlichen Übung; von einer Preisgewinnung ist nie die Rede, auch wird nie einer mattgesetzt, so dass auch der Ungeübteste so lange mitspielen kann, als er will. Es beteiligten sich 20-30 Männer am Spiel.

In dem auf nebenstehender Tafel dargestellten Augenblick hat die rechts im Vordergrund stehende Figur ohne Kopftuch soeben den Kreisel geschleudert, der im Schatten des Hauses, vom Beschauer aus links, unter dem Arm des in Wurfbewegung begriffenen Mannes zu erkennen ist. Dieser sowie zwei andere Männer links im Hintergrunde halten ihre Kreisel in der Hand, bereit sie im nächsten Moment den Vorgängern nachzuwerfen. Weiter rechts ist ein Mann noch gerade in der Wurfbewegung begriffen, hat aber augenscheinlich mit seinem Kreisel das Ziel verfehlt.

Bereits einige Tage vor diesem Wettspiel hatten sich einige Männer nach der Rückkehr vom Reisfeld noch in der Dämmerstunde im Spiel geübt. Das Kreiselspiel wird, wie verschiedene andere, nur gelegentlich des Saatfestes betrieben. Auch noch in der letzten Saatperiode nehmen Erwachsene, meist aber kleine Knaben mit kleinen Kreiseln, das Spiel wieder auf. Auf andere Weise wird das Kreiselspiel auch von den Malaien an der Westküste gepflegt.

Abends erwies sich der Versammlungssaal als viel zu klein, um alle, die das _hudo lakeuj_ der Frauen, unter _Uniang Anjas_ Leitung, ansehen wollten, aufzunehmen, trotzdem die Kajan vom Ikang und viele weiter wohnenden Familien bereits vor Einbruch der Dunkelheit sich auf den Heimweg gemacht hatten. Wir trugen das unsere zum Feste bei, indem wir mit Petroleumlampen den Tanzplatz erleuchteten, der sonst nur durch Harzfackeln spärlich erhellt wird, was vielleicht für die Augen der Kajan, aber nicht für die unseren genügte, um von dem Schauspiel einen richtigen Eindruck zu erhalten. Zum Glück bereitete unsere Extravaganz uns viel Genuss, denn sechs junge Frauen, die nicht nur mit ihrem Äusseren, sondern auch mit ihren Leistungen zu glänzen verstanden, folgten _Uniang_. Diese hatte zwar bei ihren 30 Jahren, in denen sie oft krank gewesen war, viel an Schönheit eingebüsst, war aber ihrer Rolle als Vortänzerin immer noch würdig; sie führte nicht nur die Tanzschritte, sondern auch die begleitenden Armbewegungen mit Grazie aus. Nach einer bestimmten Melodie, welche auf einer Guitarre (_sape_) gespielt wurde, tanzte _Uniang_ auf echt indische Weise, mit viel Beugungen und ruhigem Bewegen der Gelenke, aber doch weit lebhafter, als es auf Java üblich ist. Die Aufführung wurde von keinem Gesang begleitet.

Der Tanz hatte erst nach dem Abendessen, gegen 4 Uhr, begonnen und dauerte sehr lange, so dass sich viele der Unseren nach den Ermüdungen des Tages bereits vor Ablauf dieses sehr eigenartigen Schauspiels zur Ruhe begaben; nur der Kontrolleur und ich mussten, als die Hauptpersonen, noch Stand halten. Freilich hatte mich _Kwing Irang_, der mit seinem Söhnchen _Hang_ bei uns sass, schon während der Vorstellung darauf vorbereitet, dass ich nachher noch an einer Beratung teilnehmen musste, da _Li_, Häuptling der Ma-Suling und Halbbruder von _Kwing_, schwer krank war und man mich nur, um das _lali_ der Kajan nicht zu stören, nicht bereits gerufen hatte. Jetzt, wo die Verbotszeit ihr Ende erreicht hatte, war aber auch keine Zeit mehr zu verlieren und ich sollte am anderen Morgen sogleich mit einem Boot zum Merasè aufbrechen.

Trotz aller Eile fand ich am folgenden Morgen doch noch Zeit, _Jung_ und die Seinigen, die bereits nachts angekommen waren und jetzt, wo unser _lali_ vorüber war, baldmöglichst an den Kapuas zurückkehren wollten, noch zu empfangen. Ich gab ihnen wegen ihres Lohnes und der Verteilung meiner Böte, die noch am _pangkalan_ Howong im Walde lagen, Briefe an den Kontrolleur von Putus Sibau mit. Die Böte verkaufte ich für 2 bis 3 Dollar das Stück an Liebhaber und belohnte einzelne Häuptlinge noch besonders, indem ich ihnen eines derselben schenkte.

_Kwings_ ältester Sohn, _Bang Awan_, hatte alle Mühe, für die Fahrt nach dem Merasè genügend Leute zu finden, weil alle auf ihren Feldern eifrig beschäftigt waren; aber nach dem Essen glückte es ihm doch noch, eine Bemannung für das Boot zu beschaffen, und so fuhr ich denn mit ihm, _Midan_ und meinem Hunde ab. Nach den Berichten, die mir _Jung_ vom Merasè gebracht hatte, musste der Zustand des Kranken hoffnungslos sein; ich hielt es aber doch für geraten, zu ihm zugehen. Auf unserer Fahrt, während welcher die Sonne ununterbrochen auf die Wasserfläche herniederbrannte, passierten wir unter anderen auch die mir von früher her bekannte Niederlassung der Long-Glat, Lulu Njiwung, in der noch _lali nugal_ herrschte. Bei Batu Sala legten wir an, um die neuesten Nachrichten vom Merasè zu vernehmen, damit wir nicht nach dem Tode des Häuptlings dort ankämen und durch das dann eingetretende _lali_ dort festgehalten würden; auch wollte ich in Batu Sala den Häuptling _Paren_ und dessen Familie begrüssen. Die Berichte lauteten zwar nicht ermutigend, aber gestorben war _Li_ noch nicht, daher machten wir uns schnell auf die Weiterreise und erreichten um 4 Uhr Napo Liu, die Niederlassung, in der _Li_ als Gemahl der Frau Eipo lebte, die hier Häuptling der Ma-Suling war.

Die Niederlassung bestand aus mehreren grossen, langen Häusern und einigen kleineren von malaiischer Bauart und befand sich auf einem grossen, flachen Terrain, das trotz des augenblicklich bedeutenden Wasserstandes doch noch 4 m hoch war und daher von Überschwemmung nur selten zu leiden haben konnte. Mitten in der langen Reihe erhob sich das besonders grosse Haus, das die Häuptlingsfamilie mit ihren Sklaven bewohnte. Während ich den langen mit Einkerbungen versehenen Baumstamm emporkletterte, bemerkte ich, dass das Haus ganz neu war. Seine Wände waren grösstenteils noch nicht bearbeitet und auch Feuerherde und allerhand Vorrichtungen an der Galerie waren noch nicht angebracht worden. Zum Umschauen liess man mir aber keine Zeit, sondern führte mich sogleich in die grosse _amin_ zum Kranken. Dieser lag in einem Raume, der von dem übrigen grossen Gemache durch eine Wand geschieden war. Der früher bereits magere Mann war nun zum Skelett abgemagert und lag mit der für die dunklen Rassen charakteristischen grüngrauen Totenfarbe halb bewusstlos da. Viele Frauen sassen mit gedrücktem Ausdruck um ihn herum, suchten ihm mit kaltem Wasser das Haupt zu kühlen, ihm noch etwas Nahrung beizubringen und ihn durch Zuspruch bei Besinnung zu erhalten. In dem weiten Raum befanden sich viele Menschen, Bahau und Malaien, die alle schweigend Betel kauten, den _Bulan_, die Häuptlingstochter, umherreichte.

Bereits der erste Eindruck des Kranken flösste mir wenig Hoffnung ein, als ich auch keinen Puls mehr fühlte, wusste ich, dass hier nicht mehr zu helfen war. Hätte man mich trotz der Verbotszeit einige Tage früher gerufen, so wäre die Aussicht auf Rettung viel grösser gewesen; denn die Krankheit, akute Malaria, hatte den für Mittel-Borneo typischen Verlauf genommen. Die Fieberanfälle hatten sich während 14 Tagen wiederholt, bis sich häufige und wässrige Entleerungen des Darmes mit tenesmi einstellten, welche den Zustand des Kranken komplizierten. Während der letzten 4 Tage war der Patient dadurch sehr geschwächt worden, trotzdem das Fieber stark nachgelassen hatte. Wegen des _lali nugal_ der Kajan hatte man gewartet, mit dem Resultat, dass die Krankheit nun in kürzester Zeit tötlich verlaufen musste. Damit die Schuld an dem Tode nicht mir zugeschoben werden konnte, erklärte ich sofort, nicht mehr helfen zu können. Auf meine Nachfrage erfuhr ich, dass auch hier wieder die Behandlung des Kranken viel zur Verschlimmerung seines Zustandes beigetragen haben musste; man hatte ihm, hauptsächlich gegen die Intestinalkrankheit, Arzneien der Bahau, Malaien und Chinesen eingegeben, von denen jede für sich schon auf einen geschwächten Körper höchst schädlich einwirken musste. Ferner hatte der arme Kranke, als sein Zustand ernst wurde, auch durch den Aberglauben seiner Umgebung entsetzlich zu leiden, da diese ihn durch Zuspruch und selbst durch Anfassen am Einschlafen zu verhindern suchte. Die Bahau tun dies, weil sie annehmen, dass die Seele den Körper sowohl im Schlafe als beim Tode verlässt und beim Einschlafen eines Schwerkranken nicht wieder zurückkehren könne. Selbst heftiger Protest seitens des Kranken bringt die Leute nicht von ihrer Handlungsweise ab. Für einen europäischen Arzt, der froh ist, wenn seine Patienten im Schlafe wieder Ruhe und Stärkung finden, ist es sehr schwer, sich in einem derartigen Fall eines Widerspruches zu enthalten; und doch muss man sich, um nicht selbst Gefahr zu laufen, in hoffnungslosen Fällen hierzu überwinden. Wo indessen begründete Aussicht auf Genesung vorhanden war, habe ich die Verantwortung gegenüber der verblendeten Familie auf mich zu nehmen gewagt.

Obgleich _Bo Li_ bereits viel zu schwach war, um sprechen zu können, und seine Augen auch schon halb gebrochen waren, ermunterte man ihn doch ständig dazu, einen Laut von sich zu geben. Ich verliess daher schnell das traurige Schauspiel, wurde aber draussen auf der Galerie sogleich von Bahau, Malaien und Bakumpai umringt, die alle aus Interesse für den Kranken oder aus Furcht, wegen der nach dem Tode eintretenden Verbotszeit in der Niederlassung eingeschlossen zu werden, sich bei mir erkundigten, ob noch Hoffnung vorhanden sei. Ich konnte weder diesen noch den beiden Söhnen des Häuptlings, _Ledju_ und _Ibau_, die übrigens selbst kaum noch zu hoffen wagten, einen tröstlichen Bericht geben. Die Brüder und einige andere stellten mittelst einiger Planken auf der Galerie eine Erhöhung her, auf der ich mein Klambu aufrichten konnte; auch gaben sie meinem Bedienten Reis und ein Huhn, um mir ein Abendessen herzurichten, und zogen sich dann zu ihrem Vater zurück.

Ich hatte noch kaum Zeit gehabt, mich durch ein Bad im Fluss nach der Hitze und Ermüdung des Tages zu erfrischen, als man mir meldete, dass _Temenggung Itjot_, ein malaiischer Häuptling, der mit einer Tochter eines anderen Häuptlings in der gleichen Niederlassung verheiratet war, mir seine Aufwartung machen wolle; auch eine grosse Gesellschaft verwandter Malaien vom oberen Murung, die gekommen waren, um _Itjot_ nach achtjähriger Abwesenheit in sein Geburtsland zurückzuholen, sollte ihn begleiten. Obgleich meine Zusammenkunft mit _Itjot_ 1896 und 1897 sehr harmlos verlaufen war, erschien mir doch eine Begegnung mit einer grossen Gesellschaft Murunger nicht so ganz ungefährlich, da sie ganz aus Anhängern des von der niederländischen Regierung vertriebenen Sultanats prätendenten _Gusti Mat Seman_ bestand, die sich jetzt an den oberen Barito geflüchtet hatten. Nach Landessitte kam die ganze Schar, zu meiner Ehre und vielleicht auch zur eigenen Beruhigung, mit schönen Schwertern bewaffnet zu mir. Unsere Begrüssung durch Händeschütteln verlief mit den alten Bekannten freundschaftlich, mit den Neuangekommenen dagegen sehr schüchtern, worauf ich mich, allein mit meinem Hunde, mitten unter 25 Feinden meines Vaterlandes niederliess. Die ganze Gesellschaft, mit Ausnahme derjenigen, die ich von früher her kannte, zeigte sich sehr verlegen, so übernahm ich denn die- Leitung des Gespräches und begann zu erzählen, wie es mit dem Kranken stand, auch erkundigte ich mich nach dem Befinden von _Itjot_s Familie und kam hiermit auf ein Thema, das die meisten interessierte. _Itjot_ kam sogleich auf die Sorgen zu sprechen, die ihm die Ernährung eines Kindes, das seine junge Frau an Stelle des eigenen, verstorbenen, angenommen hatte, verursachte. Das Kind konnte von der Mutter nicht ernährt werden und, da andere Milch nicht vorhanden war, musste das Kind mit weich gekochtem Reis und Bananen ernährt werden, wodurch es krank geworden war. Ich glaubte, hier mehr mit kondensierter Milch als mit Arzneien helfen zu können, und so machte ich denn den Pflegevater mit zwei Büchsen Milch glücklich und versprach, ihm am folgenden Morgen zu zeigen, wie er sie gebrauchen sollte. Meine grosse Freigebigkeit fand durchaus nicht den Beifall meines Bedienten _Midan_ und nur zögernd lieferte er den ganzen Milchvorrat, den ich augenblicklich bei mir hätte, aus. Übrigens verwandelte sich auch bei meinen Landesfeinden mancher scheue Blick in einen verwunderten. Es befanden sich nämlich unter ihnen Fieber- Syphilis- und Kropfkranke, die meine Hilfe sehr nötig hatten. Nun war _Itjot_ zwar von früher her an die Gratisausteilung meiner Arzneien gewöhnt, seine unheimlichen Gefährten jedoch sahen mit Erstaunen, dass ich einigen Kranken umsonst etwas Chinin mitgab und ihnen versprach, mich am anderen Morgen persönlich mit ihnen zu befassen. Heikle politische Punkte gänzlich vermeidend erkundigte ich mich, um auch _Itjots_ Bruder, _Raren Na-un_ zu Worte kommen zu lassen, nach einigen gleichgültigen Angelegenheiten vom Murung und so erhielten diese Menschen, die übrigens durchaus keine bösen Absichten gehabt zu haben schienen, von dem ersten Europäer, dem sie am Mahakam begegneten, keinen schlechten Eindruck. Hiervon überzeugte mich der herzliche Händedruck, den ich von den Vornehmsten beim Abschied empfing; die Niederen wagten eine derartige Vertraulichkeit nicht.