Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 29

Chapter 293,477 wordsPublic domain

Die Ma-Suling und die Ma-Pagong haben sich im Merasègebiet in zwei Dörfern gemeinsam niedergelassen, bei Napo Liu (oberhalb der Insel) dicht bei der Flussmündung, und weiter oben in Lulu Sirang. Diese beiden Dörfer waren früher Jahrzehnte lang vereinigt gewesen, aber im Jahre 1896 trennten sie sich derart, dass jetzt in beiden sowohl ein Haus der Ma-Suling als eines der Uma-Pagong steht. Die Niederlassung von Napo Litt regiert der Häuptling _Ledju Li_ und die von Lulu Sirang der Häuptling _Bo Ngow_. Am Mendalam und in den beiden Niederlassungen am Merasè wohnen die Uma-Pagong mit den Ma-Suling zwar gemeinschaftlich, aber, so viel mir bekannt, in gegenseitiger Unabhängigkeit.

Nach ungefährer Schätzung beträgt die Seelenzahl bei den Seputan 500, den Pnihing 1500, den Kajan 800, den Ma-Suling mit den Uma-Pagong 1300, den Long-Glat 1600 und den Nomadenstämmen 400, so dass die Bevölkerung am oberen Mahakam oberhalb der Wasserfälle ungefähr 6000 Seelen stark sein muss.

Neben dieser eigentlichen Bevölkerung halten sich im Gebiet des oberen Mahakam bei allen Stämmen, die ihnen Zuflucht gewähren, d.h. bei allen ausser den Pnihing, zahlreiche Fremde auf.

Diese sind hauptsächlich Malaien oder, besser gesagt, Mohammedaner verschiedener Blutmischung und Dajak aus anderen Gegenden, die sich hier vor allem mit dem Sammeln von Buschprodukten befassen. Unter den Malaien befinden sich viele, die ihr eigenes Land in der Nähe der Küste Verbrechen oder Schulden wegen verlassen und bei den Bahau Schutz gesucht haben. Die zahlreichen Arten Guttapercha und Rotang, die am oberen Mahakam zu finden sind, lockten mit der Zeit immer mehr Fremde heran. Besonders unter dein gutmütigen, rechtschaffenen Häuptling _Kwing Irang_ erschienen viele malaiische Buschproduktensammler, die aus dem Gebiet des oberen Murung gebürtig waren; ihr Häuptling _Temenggung Itjot_, ein Nachkomme des von dem Krieg mit Bandjarmasin her bekannten _Antassari_, erhielt jedoch von den Kajan kein Niederlassungsrecht und durfte daher auch nicht mit einer Tochter aus der Häuptlingsfamilie in die Ehe treten. _Itjot_, der sich mit den Seinen verfeindet hatte, zog zu den Ma-Suling an den Merasè, heiratete dort die Tochter eines vornehmen Häuptlings und lebte seit 1893 in der neuen Heimat. Es sammelten sich um ihn die Buschproduktensucher, von denen sich viele gleichfalls eine Frau unter den Ma-Suling wählten, und beuteten die Wälder am Merasè aus, die sehr gross und reich an Buschprodukten waren. Nachdem sie die Wälder erschöpft hatten, zogen die meisten nach anderen Gegenden. Unter anderem suchten sie bei den Long-Glat in Long Tepai, Batu Sala und Lulu Njiwung Einfluss zu gewinnen, um sich in ihren Gebieten der Buschprodukte bemächtigen zu können; sie konnten aber, hauptsächlich beim Häuptling _Bo Lea_, ihre Raubpolitik nur mit grosser Vorsicht betreiben. Die meisten durften nicht einmal in einem Dorfe längere Zeit wohnen bleiben. Der energische Pnihinghäuptling _Belarè_ verstand diese für die Stämme gefährlichen Gäste sogar fast gänzlich fernzuhalten.

Der Wunsch der Häuptlinge, den Stamm nach. Möglichkeit zu vergrössern und das Ansehen, das sich die Fremden durch wirkliche oder vorgegebene Talente als Medizinmänner und Handwerker zu geben wissen, erleichtern den Fremden im allgemeinen die Aufnahme unter den Bahau.

Das Verhältnis zwischen Malaien und Dajak ist darin eigentümlich, dass einige Häuptlinge die Malaien gänzlich abzuwehren trachten, in dessen sie bei anderen zu hohem Ansehen gelangen. Von Einfluss ist hierbei die grosse Bewunderung, die sie bei den jungen Mädchen erregen. Viele Malaien sind daher auch mit den vornehmsten oder schönsten Mädchen der Stämme, in denen sie sich gerade aufhalten, verheiratet. In der Regel lassen diese Männer ihre Frauen, sobald ihre Existenz mühsamer wird, einfach im Stich und ziehen zu anderen Stämmen oder in andere Gebiete. Das geschah u.a. bei den Ma-Suling, als der Guttapercha am Merasè sein Ende erreichte.

Zu den Bahau, die aus dem Apu Kajan gebürtig sind, gehören zweifellos die Kajan, Ma-Suling und Long-Glat. Die Pnihing schreiben sich zwar gern den gleichen Ursprung zu, wahrscheinlich aber mit Unrecht. Erstens ist es gewiss, dass sie aus dem Gebiet des oberen Kapuas, wo noch ein kleiner Teil Pnihing wohnt, in das Tal des Mahakam gezogen sind und dass sie seit dieser Zeit ständig in dessen Quellgebiet gelebt haben. Zweitens haben die Pnihing einen viel kräftigeren Körperbau und andere Sitten als die übrigen Stämme am Mahakam. Sie können nicht, wie die Bahau, Schwerter schmieden und in Holz und Knochen schnitzen; ihre Männer und Frauen tätowieren sich nur wenig, unsystematisch, augenscheinlich als Nachahmung anderer Stämme; Kriegstänze, die unter den Bahau allgemein üblich sind, kennen sie nicht. Der Umstand, dass sie das Fleisch der Horntiere essen, was andere Stämme nicht tun, macht es mir besonders wahrscheinlich, dass sie eher zu den Kapuasstämmen als zu den Bahau gerechnet werden müssen. Ihre Sprache ist mir unbekannt.

Die Pnihing gehören vielleicht zu der Bevölkerung, die im Gebiet des Mahakam wohnte, bevor die Bahau hier eindrangen. Diese berichten, dass sie das Land von Stämmen eroberten, die Pin-Metjai, Nè-Kiham, Pin-Buwat, Pin-Kunjong, Ten-Nean, Pera-Téran, Nè-Berang und Pin-Bawan hiessen.

Alle diese Stämme flohen durch das Kasotal, teils nach dem Kapuas, teils nach dem Barito. Die Ot-Danum am Miri, einem Nebenfluss des Kahajan, werden noch mit Sicherheit als Nachkommen dieser Stämme bezeichnet. Zu ihnen begeben sich die Mahakambewohner auch vorzugsweise, um Köpfe zu jagen. Man schreibt diesen Urbewohnern alle Überreste aus früheren Zeiten zu, hauptsächlich die Steine mit Figurenzeichnungen am oberen Mahakam. Den einen, im Tjehan, suchten wir auf; ein zweiter liegt auf dem Abhang am Auer Kebalan unterhalb Long 'Kup und ein dritter im Fluss vor der Mündung des Danum Parei; letzterer kommt nur bei niedrigem Wasserstande zum Vorschein.

Auch die steinernen Gerätschaften und Tempajan, die beim Fällen der mächtigen Wälder am Blu-u gefunden wurden, sind wahrscheinlich diesen Stämmen zuzuschreiben. Als lebende Beweise ihres Bestehens können die zahlreichen Sklaven der Mahakamstämme gelten, welche alle in den damals geführten Kriegen erbeutet wurden. Die Überlieferung ihrer Herkunft ist den Sklaven noch wohl bekannt und sie bleibt ihnen unter den Kajan auch bewusst, da diese ihre Sklaven in grösserer Abgeschiedenheit halten als die anderen Stämme. Sie fühlen sich grösstenteils noch fremd unter den Kajan, obwohl sie, mit Ausnahme einiger später geraubter Sklaven, alle im Stamme geboren sind, und folgen ihren eigenen Sitten, indem sie z.B. noch Hirsche und wilde Rinder essen.

Unter den Long-Glat sind die meisten Sklaven durch Heirat in den Stamm aufgenommen worden. Eine von dort gebürtige intelligente Sklavin, Uniang Pon, die viel gereist war, erzählte mir, dass man die Sklaven, ihrer grossen Anzahl wegen, unter die Stämme unterhalb der Wasserfälle verteilt hatte, da sie sonst den Bahau hätten gefährlich werden können.

Wie gross der Einfluss der Sklaven bisweilen gewesen ist, erkennt man daraus, dass die Kajan, die früher, nach eigener Angabe, Busang sprachen, sich jetzt des _kehob_ Pin (Sprache der Pin) bedienen, eines Dialektes des Busang, der durch die Sklaven verändert worden ist.

Die Bahau zogen auf verschiedenen Wegen und zu verschiedenen Zeiten zum Mahakam, der sie, der Überlieferung nach, durch seinen grossen Fischreichtum angelockt haben soll.

Die Ma-Suling und Ma-Pagong zogen mit denjenigen, die jetzt am Mendalam wohnen, aus dem Apu Kajan zuerst zum Njangejan und teilten sich erst dort. Sie zogen teils zum Mendalam, teils zum Mahakam, wo ihnen das grosse Kalkgebirge, in dem sich der Batu Matjan, Batu Ulu und Batu Brok erheben, lange Zeit zum Wohnplatz diente. Auch die anderen Bahaustämme, die jetzt bei den Long-Glat leben, hielten sich ursprünglich dort auf. Die Batu-Pala haben ihren Namen noch vom Batu Pala, dem kleinen Kalkplateau am Merasè in der Nähe des Batu Situn, von wo die Long-Glat sie zwangen, zum Mahakam herunterzuziehen.

Die Kajan dagegen kamen vom Apu Kajan längs dem Boh herab, unter Anführung des Häuptlings _Kwing Irang_, der nach seinem Tode den Beinamen _Singa Melön_ erhielt. Sie fuhren den Mahakam hinauf, bis zu dem Lande, in dem sie jetzt noch wohnen. Seit der Zeit wurden sie von sechs Häuptlingen regiert, also dauert ihr dortiger Aufenthalt noch nicht länger als 150 Jahre. Gleichzeitig mit ihnen zogen noch viele andere des gleichen Stammes aus dem Apu Kajan fort. Nach ihrer Überlieferung hatten sie sich, um über einen Fluss zu gelangen, eine Brücke gebaut. Als die Vordersten das andere Ufer erreicht hatten, bemerkten sie einen Hirsch (_pajo_) und begannen: "_pajo, pajo_" zurufen. Die Hinteren verstanden jedoch: "_ajo_ (Kopfjagd), _ajo_" und erschraken darüber so sehr, dass sie die Rotangtaue, an denen die Brücke befestigt war, durchschnitten, worauf diese in den Fluss fiel. Darauf kehrten sie für immer nach dem Apu Kajan zurück und liessen die anderen allein zum Mahakam ziehen.

Die Long-Glat wanderten aus dem Apu Kajan am Ende des 18. Jahrhunderts unter dem Häuptling _Ding_ aus. Streitigkeiten mit anderen Stämmen zwangen sie zum Auszug; wahrscheinlich liegen allen anderen Auswanderungen die gleichen Ursachen zu Grunde.

Auch die Long-Glat folgten dem Boh, aber sie lebten längere Zeit an der Mündung (_long_) des Glat, nach dem sie auch ihren Namen tragen. Von hier aus zogen sie zum Mahakam hinunter und liessen sich an der Mündung des Njian nieder, von wo sie durch eine Kriegsbande unter dem Häuptling _Ding_ aus Long Howong, am mittleren Mahakam, vertrieben wurden. Eine Frau hatte hierzu die Veranlassung gegeben.

Darauf zogen die Long-Glat, unter Anführung der beiden Brüder _Ibau_ und _Ledju_ über die westlichen Wasserfälle bis dicht an die Mündung des Merasè. Diese beiden Brüder waren als Söhne des früheren Häuptlings _Ding_ noch im Apu Kajan geboren und spielten am oberen Mahakam viele Jahre hindurch eine grosse Rolle. Noch einmal mussten sie, wahrscheinlich infolge ihrer eigenen Übeltaten, bis zur Mündung des Serata flüchten, wenigstens unternahm _Ledju_ vom Serata aus den grossen Kriegszug gegen die Turi (Taman), die am oberen Kapuas wohnten. Sämtliche Stämme mussten sich ihm ergeben. Er fuhr selbst den Kapuas bis Semitau abwärts und verbrannte unterwegs alle Niederlassungen. Auch unternahm er grosse Züge nach dem Barito und oberen Kahájan, dem mittleren Mahakam und sogar nach dem Apu Kajan, wo er jedoch in der Nähe der grossen Wasserfälle des Batu Plakau geschlagen wurde. Für alle dies: Kriegszüge beanspruchte er die Hilfe aller Stämme am oberen Mahakam, die ihm tributpflichtig waren oder die er gezwungen hatte, aus ihren Bergfestungen am oberen Serata und oberen Merasè hinunterzuziehen. Die Ma-Suling liessen sich damals am unteren Merasè nieder, die Ma-Tuwan mussten mit den Long-Glat zusammenziehen, ebenso die Batu-Pala, die ein Jahr lang belagert werden mussten, bevor man ihr Haus verbrennen konnte. Dies war überhaupt die gebräuchliche Weise, um die Bewohner zum Auszug zu zwingen; bisweilen trug man ihnen vorher noch ihr Hab und Gut aus dem Hause.

So zwang z.B. _Ledju_ seinen Bruder _Ibau_, der sich mit einem Teil des Stammes von ihm geschieden hatte und auf einem Kalkplateau bei der Mündung des Sumwé lebte, sich wieder mit ihm zu vereinigen. Die Kalkberge tragen noch jetzt den Namen Liang Totong (_totong_ = brennen). _Ledju_ trieb die Untertanen seines Bruders mit ihrer Habe aus dem Hause und verbrannte dieses. Seither wohnten sie gemeinsam in Lirung Ban, einer Ebene am Mahakam, in der Nähe der Merasèmündung.

In damaliger Zeit waren auch die Kajan und Pnihing von den Long-Glat unterworfen und ihnen tributpflichtig gemacht worden. Die Tributpflichtigkeit muss darin bestanden haben, dass die Long-Glat das Recht hatten, sich an Böten und Vieh einige beliebige Stücke mitzunehmen. Wahrscheinlich stand aber dieses Recht nur den Häuptlingen zu. Noch gegenwärtig herrscht die Sitte, dass ein junger Pnihinghäuptling, sobald er zum ersten Mal eine Niederlassung der Long-Glat betritt, dem betreffenden Häuptling ein Geschenk, ein Boot, ein Fischnetz oder einen Gong mitbringt. Übrigens sind die Stämme, die nicht mit den Long-Glat zusammenwohnen, unabhängig. Die Kajan erkennen die Oberherrschaft der Long-Glat nicht mehr öffentlich an, da ihr vor kurzem verstorbener Häuptling _Kwing Irang_ aus der Häuptlingsfamilie der Long-Glat stammte.

Die Macht der Long-Glat hat sich einerseits vermindert, weil ihr Charakter weniger kriegerisch geworden ist, anderseits, weil der Stamm nicht mehr beieinander blieb. Bereits _Ledju_ zog, nachdem der ganze Mahakam oberhalb der Wasserfälle unterworfen war, mit der Hälfte des Stammes nach dem mittleren Mahakam, unterhalb der Wasserfälle. Er führte einen Teil der Ma-Tuwan, Uma-Wak, Batu-Pala und anderer Stämme mit sich und überliess _Ibau_ die Herrschaft über den oberen Mahakam. Der Auszug war durch die Heirat veranlasst worden, welche zwischen _Ledju_ und der Tochter eines dort lebenden vornehmen Häuptlings, namens _Owat_, stattfand, und vielleicht auch durch Mangel an gutem Ackerboden für die zahlreichen Bahau und durch die Nähe der Küste, die ihnen Salz, Tabak und Leinwaren lieferte. Seine Nachkommen herrschten über alle Bahaustämme am mittleren Mahakam.

Im Jahre 1825 traf _Georg Müller_ mit _Ledju_ zusammen und wurde von ihm über die Wasserfälle geleitet und der Sorge seines Bruders _Ibau_ anvertraut. In gleicher Weise verfuhr man später mit mir, bei meinem Zuge in der umgekehrten Richtung. Da in damaliger Zeit sowohl die Kajan als die Pnihing, die _Müllers_ Geleite bildeten und ihn beim Gurung Bakang ermordeten, unter _Ibaus_ Herrschaft standen, ist anzunehmen, dass der Mord auf dessen Befehl stattfand. Dass der Sultan von Kutei an dem Mord die Schuld trägt, ist unwahrscheinlich, weil die Bahau damals von Kutei gänzlich unabhängig waren.

Bemerkenswert ist, dass nur _Müller_ ermordet wurde. Zwei seiner Soldaten erreichten den Kapuas, die übrigen wurden als Sklaven zum Mahakam zurückgeführt; keiner von diesen sah Java wieder. Ich erfuhr dies sowohl durch einen Augenzeugen, _Adjang_, den jüngsten Sohn von _Ledju_, als auch noch durch andere. _Adjang_, mit dem ich in Long Deho viel verkehrte, starb dort im Jahre 1900, im Alter von 90 Jahren.

_Ibau_ war eine friedsame Natur und hatte einen Ruf als Schnitzkünstler. Er und sein Sohn _Bo Kulè_ verstanden, die Long-Glat beisammen zu halten, aber nach des letzteren Tode war ein Teil des Stammes mit seinem Nachfolger _Ngow Kulè_ unzufrieden und zog mit _Bo Lea_, einem Häuptling von niederer Geburt aber hohem Ansehen, weiter abwärts. Von den Manok-Kwe kamen sämtliche mit, weil _Bo Lea_ mit der Tochter ihres Häuptlings verheiratet war. Gegenwärtig leben sie alle in Long Tepai. Auch _Ngow Kulè_ blieb nicht an dem alten Ort Lirung Ban, wo der Stamm sich nach vielen Jahren wiederum ein Haus gebaut hatte, sondern liess sich in Lulu Njiwung nieder. Sein Sohn _Ding Ngow_, der sein Nachfolger geworden ist, lebt jetzt noch dort.

Trotzdem die Ma-Suling und Kajan jetzt von den Long-Glat unabhängig sind, besteht doch noch zwischen ihnen ein Band, nämlich die Häuptlinge, die alle entweder von der Häuptlingsfamilie der Long-Glat abstammen oder mit Gliedern von ihr verheiratet sind. So heiratete _Bo Edo_, die Schwester von _Bo Kulè_, einen Kajanhäuptling _Owat_, dessen Söhne der Reihe nach über die Kajan regierten; der letzte war _Kwing Irang_.

_Bo Edo_ hatte aus zweiter Ehe mit einem _panjin_ einen Sohn _Li_, der mit der vornehmsten Ma-Suling Frau verheiratet war. Sein Sohn _Ledju Li_ war in Napo Liu, einer der Niederlassungen der Ma-Suling am Merasè, Häuptling. In Lulu Sirang wiederum ist ein anderer Häuptling mit einer Schwester von _Bo Lea_ verheiratet. Auch unter den Häuptlingen der Pnihing vom Tjehan, dem Serata und von Long 'Kup giebt es verschiedene, die aus dem Geschlechte von _Bo Kulè_ abstammen, so dass sich weitaus die meisten Häuptlinge am Mahakam oberhalb Tepu von derselben Familie herleiten.

Diese Familienbeziehungen haben zur Folge, dass bei einigen grossen Arbeiten, wie beim Bau von Häusern durch die Häuptlinge, alle Stämme am oberen Mahakam Hilfe leisten, indem sie einen schweren Pfahl aus Eisenholz liefern.

Dies geschah auch beim Bau des mächtigen Hauses von _Kwing Irang_. Jede Niederlassung lieh ihre Hilfe, ausser Lulu Njiwung, dessen junger Häuptling, _Ding Ngow_, sich zu hoch achtete, um seine Hilfe anzubieten, weil er in direkter, männlicher Linie von _Ibau_ abstammte. Wegen der Eigenart der Bahau, das Ansehen eines Stammes auch von den persönlichen Eigenschaften und vom Alter seines Häuptlings abhängen zu lassen, stand _Kwing Irang_, als Häuptling der Kajan, höher als sein junger Neffe in Lulu Njiwung und alle übrigen Häuptlinge. Vor diesen hatte er ausserdem voraus, dass sowohl sein Vater als seine Mutter aus Häuptlingsfamilien abstammten, ferner war er der älteste seines Geschlechtes und ein Mann nach dem Sinn der Bahau. Im Vergleich mit seiner Umgebung zeichnete er sich durch Friedensliebe aus, so dass unter seiner Regierung bei den Kajan nur noch selten Kopfjägerei geübt wurde; jedem gegenüber war er gerecht und selbstlos, nur war er ein Feind von energischen Massregeln. Obwohl einige andere, wie _Belarè_ bei den Pnihing und _Bo Lea_ bei den Long-Glat, viel mehr Energie zeigten, erkannten sie doch mit den anderen Häuptlingen _Kwing Irang_ als den Höchststehenden oberhalb der Wasserfälle an. Diese Oberherrschaft bezog sich tatsächlich aber nur auf allgemeine Interessen, wie Unterhandlungen mit Serawak und den benachbarten Ländern, auch genoss er das Vorrecht,für die hohen Bussen aufkommen zu müssen, die von diesen Ländern aus wegen erbeuteter Köpfe auferlegt wurden.

Stammbaum der hipui bei den Mahakam Kajan.

Bo Kwing Irang (Singa Melön)--Bo Uniang (Gattin von Lalau Anjè) Bo Kwing (Mann) Bo Tukau (Frau) Ding Tukau Bang Lawing (Nachfolger von Kwing Irang und Gatte von zwei panjin der Kajan) ein Sohn

Lirung (Gattin des Malaien Utas) Bang

Uniang (Gattin von Tekwan, hipui der Ma-Suling) Lasa

Dja-Ang

Owat (Gatte von Bo Edo)

Uniang (Gattin von Bo Ibau in Long Tepai) Adjang Ibau zwei Töchter

Kwing Irang Bang Awan (Sohn einer panjin der Kajan) Hang (Sohn von Uniang Anja, einer hipui der Long-Glat) Perèn (Sohn einer hipui der Pnihing)

Li (Sohn eines panjin der Long-Glat, Gatte von Ero, _hipui_ der Ma-Suling) Ledju (Häuptling der Ma-Suling in Napo Liu) Ibau Bulan (Gattin des Ledju Adjang)

Lalau (Gatte einer hipui in Long Medang) Tuka (gestorben in Tengaron) Ding (zu den Kajan geflohen) Edo (Gattin eines Malaien in Uma Mehak)

Auf die inneren Angelegenheiten eines Mahakamstammes hat niemand anders als die Glieder des Stammes selbst Einfluss. In dieser Beziehung wird die Autonomie des Stammes streng gewahrt. Einem Europäer, der an andere Verhältnisse gewöhnt ist, erscheint es auffallend, dass so kleine Stämme so gänzlich unabhängig voneinander und mit so wenig Verbindung untereinander am gleichen Flusse leben können.

Der gegenseitige Verkehr findet in der Tat nur durch einzelne Männer, die an Handelsreisen gewöhnt sind, statt. Nach der allgemeinen Sitte kehren diese Händler in den meisten Niederlassungen, an denen sie vorüberfahren, ein, um Neues zu hören oder mitzuteilen.

Frauen begeben sich zu fremden Stämmen nur, um Familienangehörige zu besuchen, und auch dies geschieht selten. So besuchen sich die Frauen der verschiedenen Niederlassungen der Long-Glat. Gleichwie viele 20 jährige Frauen der Mendalam Kajan noch nie in dem nur 3 Stunden entfernten Putus Sibau gewesen waren, kannten die meisten Frauen der Mahakam Kajan nur ihre eigene Niederlassung.

Während meines Aufenthaltes im Jahre 1899 ging _Hiang_, die angesehenste von _Kwing Irangs_ Frauen, mit ihrer Pflegetochter _Kehad_ zum ersten Mal in ihrem Leben zum Stamm der Ma-Suling mit; dabei war sie bereits 50 Jahre alt. Da beide nur Kajan zu sprechen wagten, konnten sie sich nur mit Mühe mit den Frauen der Ma-Suling verständigen, die ein einigermassen verändertes Busang sprachen. Es dauerte zwei Tage, bis _Kehad_ mit ihrer Nichte _Bulan_ in ihrem mangelhaften Busang zu sprechen wagte. Um noch weiter, zu den Long-Glat nach Long Tepai, mitzufahren, fehlte ihnen der Mut. Ebenso verhielt es sich mit den anderen Frauen.

Derartige Verhältnisse führen die Stämme in hohem Masse zum Konservatismus und erwecken in ihnen die Neigung, sich in der ihnen eigenen Richtung weiter zu entwickeln, mit dem Resultat, dass unter allen diesen kleinen Menschengruppen, die aus derselben Umgebung abstammen, eine besondere Sprache und viele besondere Sitten hervorgegangen sind. Misstrauen, Eifersucht und Zwistigkeiten aller Art halten diese Stämme gleich stark von einander entfernt als dies anderswo bei Leuten geschieht, deren Verkehr durch Berge, Wasserfälle oder Wüsteneien verhindert wird.

Eine Verbrüderung der Stämme wird dadurch erschwert, dass die Bahau praktisch endogam sind, obgleich in der Theorie weder ihre _adat_ noch ihre Religion ihnen verbietet, in einen anderen Stamm zu heiraten. Die Endogamie erklärt sich daraus, dass die Häuptlinge ihren ganzen Einfluss aufbieten, um eine Verminderung ihres Stammes durch den Wegzug seiner Glieder zu verhindern; denn im Hinblick auf eine eventuelle Verteidigung ist es wünschenswert, dass die Zahl der Stammesglieder möglichst gross ist.

Ich hatte diese Erscheinung schon bei den zwei Teilen des Kajanstammes zu Tandjong Kuda und Tandjong Karang am Mendalam bemerkt und fand sie in ganz derselben Weise am oberen Mahakam wieder. Hat sich ein Mann in einem anderen Dorfe niedergelassen, so werden noch nach Jahren Versuche gemacht, ihn zur Rückkehr zu bewegen.

Trotzdem ist seit Jahrzehnten von wirklicher Feindschaft und Kampf unter diesen Stämmen keine Rede mehr gewesen. Begreiflicher Weise ist aber auch ein gemeinsames Vorgehen unter ihnen nicht üblich und, wenn, wie es im Jahr 1885 geschah, die Batang-Lupar am Oberlauf grosse Verwüstungen anrichten, fühlen sich die Ma-Suling und Long-Glat durchaus nicht verpflichtet, den anderen Stämmen ernsthaft beizustehen, solange sie selbst nicht bedroht sind.

Der Boden, den ein Stamm der Bahau eingenommen hat, ist Eigentum des Stammes und Glieder anderer Stämme dürfen innerhalb dieser Grenzen kein Land besitzen oder Fische fangen. Alle innerhalb dieses Gebietes gelegenen Landstücke, die noch nicht bebaut gewesen sind, stehen jedem Stammesglied, die Sklaven mit einbegriffen, frei zur Verfügung; nach Beratung mit dem Häuptling wählt jeder den Boden, den er nötig zu haben glaubt. In Zeiten von Reismangel sind die Berge, in denen wilder Sago (_nanga_ = Eugeisonia tristis) wächst, von grosser Bedeutung. Jeder darf dann nach Bedürfnis dort Nahrungsmittel sammeln. Das Gleiche gilt für den Rotang und andere Artikel, welche der Wald liefert; die freien Stammesglieder dürfen sie sogar zum Verkauf sammeln, ohne ihrem Häuptling einen Teil des Ertrages zu geben. Lässt der Häuptling die Buschprodukte durch seine Sklaven suchen, so erhält er den Zehnten des Ertrags; den gleichen Tribut erhält er auch von den Fremden.

Auch Jagd und Fischfang dürfen die Stammesglieder frei betreiben, nur steht dem Häuptling das Recht zu, sobald der Fischstand oder der Stand der Buschprodukte es erforderlich machen, einen bestimmten Fluss oder ein Waldgebiet für verboten zu erklären und demjenigen eine Busse aufzuerlegen, der dieses Verbot übertritt.