Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 27
Der Stamm der Bukat lebt in Gruppen von Familien für gewöhnlich in den Urwäldern des Quellgebietes der Flüsse Kapuas und Mahakam und hält sich, wie auch die anderen Nomadenstämme, bald in diesem bald in jenem Flusstal auf, je nachdem die Anwesenheit von Wild, Baumfrüchten und wildem Sago ein Verweilen wünschenswert erscheinen lassen. Selbst in dieser Wildnis dürfen sich die Bukat nicht willkürlich irgend einer Gegend bemächtigen, sondern ihre verschiedenen Familiengruppen sehen bestimmte Flussgebiete als ihr Eigentum an und lassen die anderen nur gegen eine Entschädigung dort jagen und Früchte sammeln. Die Bukat verbringen den grössten Teil des Jahres im Walde und kommen überhaupt nur ungern mit den sesshaften Stämmen am Kapuas und Mahakam in Berührung. Zur Zeit der Reisernte jedoch lassen sie sich vorübergehend bei dem einen oder anderen Stamme, wie z.B. jetzt am Howong, nieder, um Reis, Zeug, Salz, Perlen und dergl. gegen ihre Waldprodukte einzutauschen. Die Bukat empfingen uns ängstlich, aber doch, nach Art der Bahau, freundlich, breiteten einige Rotangmatten für uns aus und setzten uns einige Waldfrüchte vor. Zu meinem Erstaunen entdeckte ich hier eine Frucht namens _kapulasan_, die in der Umgegend von Buitenzorg auf Java viel gebaut wird, deren Heimat dort jedoch nicht mehr bekannt ist. Aufmerksam geworden beobachtete ich später längs des ganzen oberen Mahakam das Vorkommen des Baums, der diese Frucht liefert. Zufälligerweise hatte unter den vielen herrlichen Waldfrüchten, die man mir auf der vorigen Reise brachte, gerade diese gefehlt. Zur grossen Genugtuung unserer Gastherren assen wir die saftreichen Früchte geradezu mit Gier, worauf sie von allerhand wichtigen Angelegenheiten, die ihnen auf dem Herzen lagen, zu reden begannen. Es handelte sich, wie so häufig bei diesen Leuten, wieder um Verletzung ihrer Ansprüche auf verschiedene Gebiete. So hatte man am Kapuas bei der Verteilung des Zehnten aus dem Ertrage der Buschprodukte ihre Häuptlinge übergangen, obwohl diese vor langen Jahren ebenfalls das Kapuasgebiet durchstreift hatten. Ihre hierauf begründeten Rechte hatten die Bukat jedoch am Kapuas nie geltend gemacht, so dass wir ihnen rieten, sich an den Kontrolleur von Putus Sibau zu wenden, zu dem sich in der gleichen Angelegenheit auch der ihnen verwandte Stamm der Bukat aus dem Gebiete des Gung begeben hatte. Hiermit kamen wir auf ein anderes Kapitel zu sprechen, auf Streitigkeiten zwischen diesen Gung Bukat und einem vornehmen Bukathäuptling, der sich augenblicklich bei den Pnihing am Serata aufhielt. Diesem sollte nämlich infolge seiner Abstammung das Gebiet des Gung eigentlich gehören; in Putus Sibau konnte man natürlich auch von diesen Verhältnissen keine Ahnung haben. Der Punan _Tetuhè_, der uns begleitete, weil er selbst als Nomade mit diesen Bukat in Verbindung stand, übernahm es, bei seiner Rückkehr zum Kapuas alle diese Rechtsfragen zur Sprache zu bringen.
Während wir mitten in unserer Unterhaltung mit den Bukat begriffen waren, traf wieder eine Schar Träger mit dem auf dem Wege noch zurückgebliebenen Gepäck ein. Wir hatten des Morgens, in Anbetracht der starken Ermüdung und schlechten Ernährung unserer Leute, nicht durchzusetzen gewagt, dass sich alle energisch an der Arbeit beteiligten; so hatte sich denn auch nur ein Teil der Träger auf den Weg gemacht und die Malaien, die bei dem Rest des Gepäckes als Wache zurückgeblieben waren, meldeten, dass sich immer noch 24 Blechkisten mit Salz im Walde befanden. Wir verliessen daher eiligst unsere neuen Bukatfreunde, um zu beraten, was weiter zu tun sei.
Um nur schnell fortzukommen, hatten viele Träger von _Kwing Irang_ sich bereits von selbst mit unseren Kisten an den Mahakam aufgemacht. _Kwing_ selbst jedoch wartete mit 20 jungen Kajan und einigen Pnihing auf unsere Befehle. Mit _Amun Lirung_, oder besser gesagt mit dessen Frau, kam ich überein, dass sie mir für 12 Packen schwarzen Kattuns zu 12 m Länge die 24 Kisten mit Salz an den Blu-u schaffen sollten. Zwar dauerte es einen ganzen Monat, bis sie mit ihrer Fracht bei mir am Blu-u anlangten, aber die Reisnot entschuldigte die Verspätung.
Aus Furcht vor einer Steigerung der Lasten und des Hungers hatten es unsere Träger mit dem Aufbruch zum Mahakam sehr eilig. Da ich aber nichts mehr von unserem Gepäck zurücklassen wollte, vereinbarte ich, dass unsere ermüdeten Mendalam Kajan unter Aufsicht von _Barth_ und _Demmeni_ alles Gepäck dem Howong entlang bis an den Pfad, der zum Mahakam führte, bringen sollten, während die frischeren und kräftigerer Mahakam Kajan es von dort über die Hügelrücken bis an den Anlegeplatz der Böte befördern sollten. Nicht minder froh als seine Leute war _Kwing Irang_ über unsere Abreise; denn er hatte im Pnihinghause keinen Platz gefunden und mit den Seinigen in und unter einer Reisscheune übernachten müssen. Das Übernachten im Freien ohne Dach über dem Haupte finden die Bahau aber sehr unangenehm und, wenn es geregnet hätte, wären viele von ihnen krank geworden.
So verabschiedete ich mich denn von meinen Gastwirten und zog mit _Kwing Irang_ an den Mahakam voraus. In unserem Eifer fortzukommen übersahen wir jedoch das winzige Nebenflüsschen des Howong, längs dessen wir zum Mahakam abbiegen mussten, und irrten einige Zeit umher, bevor wir es wiederfanden. Ich hatte in der letzten Zeit so viel an Märschen durch Wald und Flüsse genossen, dass ich unseren jetzigen Zug, besonders da mir die Hügelrücken, die uns vom Mahakam trennten, recht hoch vorkamen, sehr unangenehm empfand.
Auf einem dieser Hügel trafen wir _Bier_ mit seinem Geleite; er hatte die ganze Zeit über mit gutem Resultat gearbeitet und es gelang ihm, seine Messungen bis zum Mahakam noch am gleichen Tage zu beenden.
Die Pnihing hatten zwar den besten Anlegeplatz am Mahakam ausgesucht, dennoch mussten wir von der Höhe des Bergrückens einen sehr steilen Abhang hinunterklettern, um an das Flussbett zu gelangen. Hier fanden wir die Mahakamer auf einem Platze gelagert, der nirgends eben genug war, um ein Zelt aufschlagen zu können. Es mussten erst Terrassen aus Holz, die teilweise über das Wasser hinausragten, gebaut werden, um für unsere Zelte einen Untergrund zu beschaffen.
Inzwischen erneuerte ich die Bekanntschaft mit dem vornehmen Pnihinghäuptling _Belarè_ und feierte Wiedersehen mit _Akam Igau_.
Nach seinem guten Äusseren zu urteilen, das von dem unserer erschöpften und abgemagerten Kuli stark abstach, war es _Akam Igau_ inzwischen am Mahakam gut ergangen, was er mir denn auch zugab. _Belarè_ erzählte, dass er mich nicht bei _Amun Lirung_ begrüsst habe, weil er einen kleinen Enkel mit auf die Reise genommen hatte.
Es dauerte bis zum Mittag des folgenden Tages, bis unsere ganze Gesellschaft mit allem Hab und Gut am Ufer des Mahakam vereinigt war, und es erwies sich bald als unmöglich, mit allen und allem gleichzeitig den Mahakam hinabzufahren. Zwar hatten alle Niederlassungen der Kajan und Pnihing am Mahakam ihre grössten Böte zur Verfügung gestellt, aber wegen des hohen Wasserstandes durften sie nicht schwer beladen werden. Auf einen günstigeren Wasserstand zu warten, war bei der herrschenden Nahrungsnot unmöglich; und so musste ich mich dazu entschliessen, einen Teil unserer Leute vorläufig zurückzulassen. Ich teilte den Häuptlingen in einer Zusammenkunft meinen Plan mit, sie selbst hatten nicht gewagt, mir diesen Vorschlag zu machen. Alle zeigten sich einverstanden und versprachen, ihre Reisegenossen in einigen Tagen abzuholen. Die Zurückbleibenden sollten sich bei _Amun Lirung_, den Bukat oder im Walde die notwendige Nahrung zu verschaffen suchen.
Am anderen Morgen zeigte es sich, dass das Fassen und Ausführen von Beschlüssen für Bahauhäuptlinge sehr verschiedene Dinge sind; denn keiner von ihnen war im stande, einen Teil seiner Untertanen zum Zurückbleiben zu zwingen. Die Insubordination, die überall herrschte, veranlasste seltsame und komische Szenen.
Zwar begann man damit, mein Gepäck regelrecht in den Böten unterzubringen, kaum war dies aber geschehen, so ergriff jeder eiligst seinen Tragkorb, lud ihn auf den Rücken und sprang, zur Abfahrt bereit, in ein Boot. So kam es, dass die Böte der Kajan und Pnihing, die vor unseren Hütten lagen, bevor wir sie noch betreten hatten, teils von der eigenen Mannschaft teils von Eindringlingen überfüllt waren. Ein Boot war sogar zum Sinken überladen, und doch wagte es die eigene Bemannung nicht, die Zuströmenden abzuweisen. Unterdessen standen die Häuptlinge rat- und machtlos am Ufer und in der Furcht, zurückbleiben zu müssen, mischte sich sogar einer von ihnen, seine Würde vergessend, unter die Schar der Bestürmer. Mit strenger Miene, drohendem Stock und ernsten Ermahnungen suchte ich nun allein die Ordnung aufrecht zu erhalten. Zuerst schickte ich die am Ufer stehenden zurück und entlastete dann die Böte von denjenigen, die zurückbleiben mussten. Aus jeder Mendalam Niederlassung nahm ich 8 Mann mit und dank dem sanften Charakter meiner Kajan gelang es mir, nur mit Einbusse der Hälfte meiner Stimme abzufahren.
Unterhalb einer Landzunge des anderen Ufers hatte sich _Akam Igau_ mit seinen Leuten gelagert und bei unserer Ankunft bot sich dort ein noch heiterer Anblick.
In dem sehr grossen, breiten Boote des Pnihinghäuptlings _Belarè_ standen die Kajan Mann an Mann neben den Pnihing, ohne für den Häuptling selbst einen Platz frei zulassen. Dieser betrachtete mit seinem Enkel an der Hand vom Ufer aus gelassen die Bestürmung seines Fahrzeuges. Ich kam diesmal wirklich in Versuchung, von meinem Stocke Gebrauch zu machen; aber da mir eine derartige Einführung bei den Mahakamstämmen doch nicht geraten erschien, suchte ich schliesslich auch hier auf Kosten meiner Kehle die weisen Beschlüsse der Häuptlinge zur Ausführung zu bringen.
In Anbetracht des hohen Wasserstandes waren unsere Fahrzeuge auch jetzt noch sehr schwer beladen, aber bei der Umsicht der Pnihing und Mahakam Kajan und der Besorgnis ihrer Häuptlinge für unsere Sicherheit hatten wir nichts zu fürchten und fuhren schnell flussabwärts an den Mündungen des Kaso, Serata und Tjehan vorüber bis vor das Haus des Häuptlings _Belarè_.
Der Pnihinghäuptling wies uns Europäern und den Malaien als Wohnung ein alleinstehendes Haus an, das so hoch und auf so dünnen Pfählen gebaut war, dass mir angst und bange wurde beim Gedanken, dass 20 Menschen und alles Gepäck da hinauf geschafft werden sollten. Der Boden des Hauses befand sich 6 m über der Erde und die Pfähle waren nur 2 × 1.5 dm dick. Da meine Malaien aber nichts gegen den Einzug in diesen Vogelbauer einzuwenden hatten, liess ich alles Gepäck nach oben bringen und erklomm zuletzt selbst die steile Leiter. Die Höhe unserer Behausung schützte uns wenigstens vor dem oft lästigen Besuch von kleinen Kindern und Hunden.
Jetzt, wo ich zum ersten Mal seit langer Zeit all unser Hab und Gut beisammen in einem geschlossenen Raum aufgestapelt sah, wurde es mir bewusst, wieviel Sorgen und Mühen diese hundert Packen und Kisten meinen Trägern auf den schwierigen Pfaden durch Wälder und Flüsse verursacht hatten, und die abgearbeiteten Gestalten meiner braunen Reisegenossen wurden mir dadurch um so lieber. Ich beeilte mich denn auch, meinen Mendalam Kajan so schnell als möglich Reis und Böte zu verschaffen, damit sie ihre zurückgebliebenen Stammesgenossen abholen konnten. Mit Geschenken und guten Worten gelang es mir bei den Pnihing, die Hälfte meiner Leute auszurüsten und sie am folgenden Tage flussaufwärts zu schicken. Die andere Hälfte begab sich mit _Kwing Irang_ an den Blu-u, um sich dort verproviantieren zu lassen, und zwei Tage darauf fuhren auch sie an uns vorüber den Mahakam aufwärts. Die Häuptlinge hatten ihnen natürlich nicht ihre besten Böte zur Verfügung gestellt, aber es kamen doch alle unsere Kuli wohlbehalten bei uns an, so dass ich froh sein konnte, so viel Gepäck ohne Verlust oder Schaden an Menschenleben bis an den Mahakam gebracht zu haben.
Meine erste Aufgabe bei _Belarè_ bestand in der Löhnung aller, die mir geholfen hatten. _Kwing Irang_ und seine Kajan wollten warten, bis ich zu ihnen zog, und begaben sich daher gleich weiter auf die Heimreise. In der Lohnfrage kamen zuerst die Pnihing aus den Niederlassungen am Tjehan und Long Kub in Betracht. Mein reicher Vorrat an Tauschartikeln erlaubte mir, ihre Dienste mit _batik_-Stoffen, weissem, rotem, und schwarzem Kattun und rotem Flanell reichlich zu bezahlen. Ihre Häuptlinge erhielten je eine hübsche Jacke oder ein seidenes Umschlagetuch. Meine Dankbarkeit für unsere wohlbehaltene Ankunft verleitete mich, den Leuten zu viel zu geben, mit Rücksicht auf künftige Lohnansprüche musste ich mich daher bereits am anderen Tage den Pnihing von _Belarè_ gegenüber mässigen. Diese erhielten nun zwar weniger, eine Handvoll Salz als Zugabe stellte aber jeden zufrieden, ausserdem hatten wir, da wir noch einige Tage bei ihnen bleiben sollten, Gelegenheit, ihren Frauen und Kindern mit allerhand beliebtem Tand wie: Fingerringen, bunter Wolle, Nadeln und Perlen eine Freude zu bereiten. Ich hatte mich nämlich, hauptsächlich auf Anraten von _Kwing Irang_, dazu entschlossen, noch einige Tage _Belarès_ Gast zu bleiben, ein Beschluss, der nach den überstandenen Anstrengungen bei allen Beifall fand.
Einen weiteren Grund für diese Verlängerung unseres Besuches bei den Pnihing bildete für mich der Wunsch, mit diesem einflussreichen Häuptling und den Seinen gut zu stehen; denn nur so konnte ich den Hauptzweck meines Aufenthaltes am Mahakam, die Bevölkerung vom politischen Standpunkt aus zu studieren, erfüllen. Ich hatte mir nun zwar, wie auch bei meiner früheren Reise, vorgenommen, meinen festen Wohnplatz bei dem mächtigsten Mahakamhäuptling _Kwing Irang_ aufzuschlagen; _Belarè_ war aber von alters her sehr neidisch auf dessen Stellung, und so riet mir jener selbst an, auch seinen Nebenbuhler mit einem längeren Besuch zu beehren. Inzwischen hatte _Kwing_ auch Zeit, ein Haus für mich in Stand zu setzen und für meine Leute ein Unterkommen zu beschaffen.
Unser Besuch befriedigte nicht nur die Eitelkeit der Pnihing, sondern kam ihnen auch in praktischer Hinsicht sehr zu statten; denn meine ärztliche Hilfe war auch hier wieder sehr nötig. Gleich am ersten Tage wurde ich zu zahlreichen Malaria- und Lueskranken gerufen. Indem der Kontrolleur mich auf meinen Krankenbesuchen begleitete, hatte er Gelegenheit, sich in vielen Wohnungen vorzustellen, die er sonst, ohne indiskret zu sein, nicht hätte betreten dürfen. Meine Praxis gewann mir bald das früher bereits erworbene Vertrauen der Leute wieder zurück, so dass bald dieser, bald jener sich wieder in meine Hütte wagte, um gegen Reis oder Früchte etwas von meinen Artikeln zu erhandeln. Die einen lockten die anderen heran und bald kletterten die Besucher ununterbrochen auf der hohen Treppe in unsere mit Gepäck und Menschen ohnehin schon überfüllte Hütte hinauf.
Auch aus der Ferne brachte man mir Kranke. In einer weiter unten am Fluss gelegenen Niederlassung, Long Kub, hatte man _Kwing Irang_ auf seiner Durchreise gebeten, dort zu übernachten, um den Häuptling _Erang Parèn_, der wie seine Schwester, _Belarès_ Frau, an periodischen Ausbrüchen von Wahnsinn litt, am folgenden Tage zu mir zu geleiten. So kamen die Häuptlinge denn auch mit grossem Gefolge bei mir an--leider ohne ein Resultat zu erzielen; denn es schien mir geratener, lieber sogleich meine Ohnmacht einzugestehen, als die Leute mit Scheinmitteln hinzuhalten oder ihnen Beruhigungs mittel zu geben, die in den Händen dieser Menschen gefährlich hätten werden können.
Da _Belarè_ so viel daran gelegen war, als einer der vornehmsten Häuptlinge angesehen zu werden, war es mir sehr angenehm, dass ich sowohl ihm als _Kwing Irang_ als Anerkennung für die Hilfe, die sie mir auf der vorigen Reise geleistet hatten, seitens der Regierung ein Geschenk anbieten konnte. _Belarè_ fand nun zwar den vergoldeten Silberbecher, den ich ihm überreichte, als Schaustück sehr schön, aber viel zu prunkend, um ihn täglich zu gebrauchen, und erbat sich daher von mir persönlich zum Alltagsgebrauch noch einen Satz Elfenbeinarmbänder, wie ich ihn _Hinan Lirung_ geschenkt hatte. Überzeugt, dass mein wegen seiner Wildheit berüchtigter Freund nicht daran gewöhnt war, einen einmal geäusserten Wunsch fahren zu lassen, gab ich ihm nach, nahm mir aber vor, in Zukunft so sparsam als möglich mit meinen Tauschartikeln umzugehen.
Die Pnihing verlangten wohl unter dem Eindruck meiner grossen Vorräte für Böte, die ich jetzt anschaffen musste, so hohe Preise, dass _Akam Igau_ mir riet, mich lieber an ihre Verwandten am Tjehan zu wenden, die an neuen Böten eine grosse Auswahl besassen. Meinem Gastherrn gefiel dieser Plan jedoch durchaus nicht, und ich hatte alle Mühe, ein kleines Boot mit 4 Ruderern zu erlangen, das mich mit _Akam Igau_ und meinem Diener _Midan_ an den weiter oben in den Mahakam mündenden Tjehan bringen sollte. Nach sechsstündiger Fahrt erreichten wir um 4 Uhr nachmittags das Haus der Pnihing, das am rechten Tjehanufer erbaut war; bei meinem ersten Besuch vor zwei Jahren war es noch nicht vollendet gewesen.
Trotzdem die Häuptlinge nicht zu Hause waren, begannen wir doch sogleich die vielen halb und ganz fertigen Böte zu besichtigen, und mit _Akam Igaus_ Hilfe erwarb ich für schwarzen Kattun und Perlen sogleich zwei derselben. Zwei andere Böte, die ich gern erstanden hätte, gehörten dem Häuptling _Parèn_, der abends zurückkehren sollte; daher machte ich es mir inzwischen auf der grossen Galerie vor seiner Wohnung bequem. Reis einzukaufen, glückte mir nicht, da die Pnihing den Seputan am Kaso bereits viel verkauft hatten; einen besseren Erfolg hatte ich mit Batatenmehl.
Nach _Parèns_ Ankunft wurde ich mit ihm wegen der Böte bald handelseinig; da er so viel von meinen schönen Tauschartikeln gehört hatte, sprach er den Wunsch aus, dass seine Frau _Adjei_ und sein kleiner Neffe _Kwing_ mich zu _Belarè_ begleiten sollten, um sich als Lohn für die Böte unter allen Herrlichkeiten selbst etwas auswählen zu dürfen. Obwohl ich diesem Dorfe nur einen kurzen Besuch machte und seine Männer für ihre Dienstleistungen von meiner mildtätigen Stimmung bei der Ausbezahlung des Lohnes am meisten Vorteil gehabt hatten, wollte ich doch auch bei den übrigen Bewohnern eine gute Erinnerung hinterlassen und forderte daher Frauen und Kinder auf, mich am folgenden Morgen vor meiner Abreise zu besuchen, um sich kleine Geschenke abzuholen. Trotz unserer früheren Bekanntschaft wagten sich anfangs doch nur wenige in meine Nähe, kaum hatten diese aber jeder einen Ring mit bunten Glassteinen erhaltet), als die Besucher in hellen Haufen aus allen Türen zum Vorschein kamen. Die Frauen waren auf diese wertlosen Ringe ganz versessen. Als ich auf meiner vorigen Reise in der Zeit der Reisnot nirgends mehr Reis auftreiben konnte, verkauften mir diese Frauen ihren letzten Vorrat für diese Fingerringe.
Gegen 10 Uhr morgens fuhren wir mit vier neuen Böten und einem fünften mit _Adjei_ und _Kwing_ ab. Bei _Belarè_ angekommen fiel es meinen Gästen, _Adjei_ und _Kwing_, sehr schwer, unter allen Tauschartikeln eine Wahl zu treffen. Endlich gaben sie sich mit einer hübschen Jacke, einem Sarong aus _batik_ und einigen Perlen zufrieden.
_Demmeni_ hatte seine Zeit inzwischen auf andere Weise gut verwendet; durch allerhand Gaukelspiel, durch Explodierenlassen von Magnesiumpulver und Verbrennen von Magnesiumband hatte er die Pnihing in so gute Stimmung versetzt, dass der Kontrolleur es für wünschenswert hielt, mit ihm noch einige Zeit zu bleiben. Da auch _Belarè_ diese Gäste gern behalten wollte, beschloss ich, allein zu _Kwing Irang_ an den Blu-u zu ziehen, um dort alles für einen längeren Aufenthalt vorzubereiten.
Als _Belarè_ abends mit einigen der vornehmsten Familienväter zu einem Plauderstündchen zu mir kam, brachte ich das Gespräch auf einen Zug zur Mahakamquelle. Ich hatte nämlich bereits 1896 _Belarè_, der auf seinen Jagden und zahlreichen Expeditionen nach Serawak diesen Teil des Mahakamgebietes gut kennen gelernt hatte, zu diesem Unternehmen zu bereden versucht. Die grosse Reisnot verhinderte uns aber damals an der Ausführung des Planes. _Belarè_ zeigte sich auch jetzt wiederum bereit, mich zu begleiten, verlangte aber für jeden seiner Leute einen und für sich selbst zwei Reichstaler (2 1/2 fl.) als Tageslohn. Da ich noch lange auf tagweise bezahlte Dienste der Bahau angewiesen war, konnte ich auf eine derartige Bedingung natürlich nicht eingehen und begann ihn, wie ich es früher mit _Kaharon_ getan, auf das Unsinnige seiner Forderung aufmerksam zu machen. Auch die Pnihing zeigten sich logischen Beweisgründen zugänglich; denn als ich ihnen den hohen Wert eines Reichstalers begreiflich zu machen suchte und ihnen sagte, dass der Tageslohn in Serawak und Kutei so viel niedriger sei, und dass auch meine Mahakam Kajan so viel weniger erhielten, musste auch _Belarè_, allerdings ungern, zugeben, dass 1 fl. für den Tag bei eigener Beköstigung genügend sei.
Den Lohn für die Begleitung an den Blu-u setzte ich mit _Belarè_ gleichfalls im voraus fest; die Pnihing forderten ein Kopftuch und einige Glasperlen für den Mann. Auch versprach ich _Belarè_, am folgenden Morgen vor unserer Abreise nach seiner Frau zu sehen, die bereits bei meinem ersten Besuch an Anfällen von Verfolgungswahnsinn litt und die ich schon damals für unheilbar erklärt hatte. Während meiner Abwesenheit hatten sich die Anfälle noch einige Mal wiederholt; die grosse, schlanke Frau erschien jetzt magerer und bleicher als je. Vor dem Eintritt eines Anfalls empfand sie Schwindel und einen sonderbaren Geruch in der Nase, dann stellten sich Kopfschmerzen, Blutandrang zum Kopf, glühende Wangen und rot unterlaufene Augen ein. Bald darauf glaubte sie sich von bösen Menschen und Geistern verfolgt, griff nach Schwertern und Speeren zur Verteidigung und wurde dadurch für ihre Umgebung gefährlich. Da man ausserdem noch fürchtete, dass sie sich in ihrer Angst ertränken könnte, mussten einige Männer bei ihr Wache halten. Die zarte Frau entwickelte während der Anfälle so viel Kraft, dass mehrere starke Männer sie nur mit Mühe bewältigen konnten. Nach derartigen Anfällen, die bis zu 8 Tagen dauerten, kam sie wieder zur Besinnung und nach einigen Tagen gedrückter Stimmung wurde sie ganz normal. Die Anfälle waren zum ersten Mal aufgetreten, nachdem die Batang-Lupar aus Serawak im Jahre 1885 _Belarès_ Niederlassung verbrannt und viele Menschen getötet oder als Sklaven fortgeführt hatten. Dass dieser Umstand die Krankheit nicht verursacht, sondern eine erbliche Anlage nur zum Ausbruch hatte kommen lassen, ging daraus hervor, dass ihr Bruder, der Häuptling von Long Kub, ohne diesen Anlass an der gleichen Krankheit litt. Auch jetzt konnte ich leider nichts anderes tun, als die Leute trösten.
Unterdessen hatten meine Begleiter gegessen, ihre grossen Böte unter dem Hause hervorgeholt, ins Wasser gelassen und ihr eigenes Gepäck in den Böten untergebracht. Ich machte von den starken Armen und frischen Kräften der Pnihing Gebrauch, um die meisten und schwersten Kisten sogleich von ihnen an den Blu-u mitnehmen zu lassen, der Rest sollte mit den übrigen Europäern nachkommen. Die meisten Malaien und Javaner zogen sogleich mit mir, um sich nach einer passenden Wohngelegenheit für sich umzusehen. Dass _Belarè_ und die Vornehmsten seines Stammes mir bis zum Blu-u das Geleite gaben, war ein Beweis dafür, wie sehr sie meinen Besuch und den verlängerten Aufenthalt des Kontrolleurs in ihrer Mitte zu schätzen wussten.