Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 26
_Tigang Aging_, der sich in _Akam Igaus_ Abwesenheit als Herr und Meister aufspielte, wollte bereits am anderen Tage den Geistern auf der Wasserscheide opfern (_napo_) lassen, aber bevor alle und alles im Lager beisammen waren, konnte davon keine Rede sein. So machten sich anderen Tages alle Träger und Malaien mit _Tigang_ wieder auf den Weg zum alten Lager. Beinahe alle Männer brachten mit grosser Kraftanspannung an diesem Tage zwei Mal eine Fracht nach oben; trotzdem blieb aber immer noch ein Rest im Lager am Betjai zurück. Da _Demmeni_ sich von der Reise etwas ermüdet, im übrigen aber wohl fühlte, blieb er noch unten, während der Kontrolleur bei uns im Lager eintraf.
Trotz der grössten Sparsamkeit begann der Reismangel so fühlbar zu werden, dass wir abends berieten, was weiter zu tun sei. Dass _Bier_ mit seiner Aufnahme begann, war dringend notwendig, daher wurden ihm drei Malaien und drei Kajan mit einer genügenden Menge Reis zugeteilt, um am folgenden Morgen die Messungen anfangen und den Weg selbständig bis an den Mahakam fortsetzen zu können. _Barth_ sollte mit _Demmeni_ wiederum für den Gütertransport sorgen und ich mit den notwendigsten Trägern vorausgehen und bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling weiter unten am Howong, Proviant und Hilfe für unsere Leute suchen.
Um den Rest unseres Gepäckes abholen und dann opfern zu können, hauptsächlich aber, um im Walde nach Nahrungsmitteln suchen zu lassen, musste ich noch einen Tag in unserem nasskalten Lager verbringen. Alle Männer, die nicht beim Tragen halfen, schickte ich in den Wald, um _owur nanga_ (Palmkohl = junge Sprosse von Eugeisonia tristis) und wenn möglich auch Sago aus dem Stamm der Palme zu sammeln. Leider fanden die Leute zwar viel _owur_ aber nur sehr wenig Sago, so dass der erste Hunger zwar gestillt wurde, eine kräftigere Nahrung aber immer noch fehlte.
Abends fand das Opferfest statt; alle kleideten sich etwas sorgfältiger als gewöhnlich an, legten sich ihr Schwert um und begaben sich mit einigen Eiern, die stets auf grösseren Expeditionen zu diesem Zwecke mitgenommen werden, auf die Wasserscheide; dort pflanzten sie Stöcke in den Boden, spalteten deren Spitzen in 4 Teile und klemmten die Eier als Opfergabe für die Geister der Wasserscheide hinein.
Da _Tigang_ viel redete, aber mit seinen Leuten weniger gut als _Jung_, der selbst mitarbeitete, umzugehen verstand, teilte ich ihm mit, dass ich seine Hilfe bei _Amun Lirung_, dem Pnihinghäuptling, nötig hätte. Obgleich ihm der grosse Marsch nicht verlockend erschien, fühlte er sich in seiner Eitelkeit dadurch doch so geschmeichelt, dass er _Jung_ gern sein Amt, die Überwachung des Gütertransportes, überliess, und so machten wir uns bereits früh Morgens mit 8 Mann und einem Bukat, _Udjan_, als Führer auf den Weg. Wie immer, ging ich, um mein Geleite zur Eile anzuspornen, voraus, schlug aber einen falschen Pfad ein, so dass die Träger bereits ein gutes Stück auf dem richtigen Wege weitergegangen waren, bevor ich mit _Tigang_ mein Versehen bemerkte. Hoch über einem steilen Abhang holte ich die Träger ein. Die Eingeborenen nannten den Platz "_labu aso_", d.h. Platz, an dem die Hunde stürzen. Ein halb verfaulter Baumstumpf wurde mir als Überrest eines Baumes gezeigt, auf den _Georg Müller_ 1825 mit den Punan um die Wette geschossen hatte; seine Flinte hatte über ihre Blasrohre den Sieg davon getragen.
Von dieser Stelle an fiel der Pfad so steil ab, dass man bis in das Tal hinunter mehr gleiten als gehen musste. Im Tal lagen grosse Mengen scharfkantigen Gesteins, das sich durch seine leuchtende Weisse lebhaft von der dunkelgrünen Umgebung abhob; es waren die Reste einer Goldmine, welche die Pnihing hier früher angelegt, jetzt aber verlassen hatten. Der Howong hatte so viel von diesem Gestein mitgeführt, dass es noch in einer Entfernung von vielen Kilometern im Flussbette Bänke bildete. Für unsere beschuhten Füsse war das Gehen auf den spitzen Steinen angenehmer als auf dem runden Geschiebe des Betjai; unsere barfüssigen Träger dachten allerdings anders und waren froh, als wir weiter unten im Flussbett wieder die gewöhnlichen, runden Geröllsteine antrafen.
Bereits bei Beginn unserer Wanderung war unser Führer _Udjan_ sehr schweigsam gewesen und hatte uns weder über den Weg noch über die Möglichkeit, noch am gleichen Tage die Niederlassung der Pnihing zu erreichen, viel mitgeteilt. Er hatte in den letzten Tagen an Fieber gelitten; jetzt blieb er ständig zurück und klagte über unseren schnellen Gang. Als er endlich merkte, dass Eile dringend notwendig war, raffte er sich auf. Mittags erreichten wir das Nebenflüsschen, das _Udjan_ uns als geeigneten Platz zum Übernachten angegeben hatte; unter den gegenwärtigen Umständen konnte davon aber keine Rede sein. Zwar wartete ich hier alle meine zurückgebliebenen Träger ab, erklärte diesen aber sogleich, dass ich in der Hoffnung, das Pnihinghaus zu erreichen, bis zum Einbruch der Nacht den Marsch fortsetzen wolle; vom Lekudjang, aus gesehen, war mir nämlich der Abstand nicht sehr gross vorgekommen. Meine Erklärung wurde von allen, hauptsächlich von _Tigang_, mit verdrossener Miene aufgenommen Ich machte jedoch _Tigang_ darauf aufmerksam, dass ihm jetzt, wo er mich zum ersten Mal begleitete, sein Ehrgefühl gebieten müsse, nicht zurückzubleiben. Das sah er auch ein und zeigte sich zum Weitergehen bereit. Noch einige Stunden ging es im Bette des Howong abwärts, dann trafen wir auf frühere Reisfelder, die wir, um grosse Windungen des Flusses abzuschneiden, durchquerten.
Gegen 3 Uhr erreichten wir die neuen Reisfelder der Pnihing. Die freie Aussicht, die wir hier wieder einmal genossen, und die Gewissheit, in der Nähe menschlicher Wohnungen zu sein, die wir seit 40 Tagen nicht gesehen hatten, belebten meine Kräfte. Um 4 Uhr befand ich mich endlich mit _Udjan_ und einem Malaien vor dem eingekerbten Baumstamm, der als Treppe zum hohen Pnihinghause hinaufführte; es kostete mich aber einige Mühe, meine erschlafften Glieder noch diese letzten 4 Meter hinaufzubefördern. Zwei Stunden darauf langten auch meine Träger an.
Das Haus erschien fast leer; auf der Galerie befanden sich nur eine alte Frau und ein Kind, die mit Erstaunen den ersten Weissen betrachteten, der sich bei ihnen zeigte. _Amun Lirung_ (= Vater von _Lirung_) kam mir aber sogleich vor seiner Wohnung entgegen. Er schien sich bereits über die Begrüssungsform der Weissen unterrichtet zu haben, denn er reichte mir die Hand; auch erzählte er, dass beinahe niemand im Hause anwesend war, da fast alle Familien augenblicklich auf den Reisfeldern wohnten. Hierauf verschwand er eiligst in seiner Wohnung, aus der er sehr bald mit einer Sklavin und einigen Rotangmatten wieder zum Vorschein kam. Die Matten breitete er für mich und mein Gepäck auf dem Boden der Galerie aus. Nachdem wir uns niedergelassen hatten, begann die Unterhaltung. Mein Gastherr zeigte sich als lebhafte, gesprächige Natur, machte mir aber im übrigen einen so wenig vertrauenerweckenden Eindruck, dass ich mir die Geringschätzung, mit der die weiter unten am Flusse wohnenden Pnihing- und Kajanhäuptlinge mir auf meiner vorigen Reise von ihm gesprochen hatten, sehr wohl erklären konnte. Seine Frau _Hinan Lirung_ ( = Mutter von _Lirung_) blieb vorläufig noch verborgen, ich suchte sie aber, auf Anraten _Tigang_s, später in ihrem Wohngemache auf. Sie empfand über unsere Ankunft weder Angst noch Unwillen, sondern schien ganz von den Vorbereitungen für unseren Empfang in Anspruch genommen zu sein. Bei meinem Eintritt kniete sie gerade vor einem grossen Topf mit Reis und Bataten. Sie hatte mit ihrer Fürsorge das Richtige für unseren Empfang getroffen und besass, wie ich später bemerkte, in der ganzen Häuptlingsfamilie am meisten Verstand, den sie auch in wichtigen Angelegenheiten des Stammes gut zu gebrauchen wusste. Meinem Diener übergab sie für mich eine Portion Reis und ein Ei und versprach auch etwas Früchte.
Als ich draussen auf der Galerie an die Aussenwand gelehnt in dem herrlichen Gefühl sass, wieder ein festes Dach über mir und einen trockenen, ebenen Boden unter mir zu haben, bemerkte ich einige Malaien, die von der Mahakamseite aus den Howong durchwateten und bald darauf vor uns erschienen. Sie erzählten, dass _Kwing Irang_, der Kajanhäuptling vom Blu-u, der mir bis an die Mündung des Howong entgegen gereist war, sie auf Kundschaft zu _Amun Lirung_ gesandt habe, um zu erfahren, ob wir bereits eingetroffen seien.
_Akam Igau_ hatte seine Sendung, wie es sich zeigte, gewissenhaft erfüllt; er hatte sich zuerst zu dem wichtigsten Pnihinghäuptling, _Belarè_, begeben, dann weiter flussabwärts _Kwing Irang_ am Blu-u aufgesucht und war schliesslich noch weiter zu _Bo Léa_, dem Häuptling der Long-Glat, gegangen; alle drei Niederlassungen hatte er auf unsere Ankunft und unsere Absichten vorbereitet. Seine Aufforderung, uns baldmöglichst Hilfe zu senden, hatte grossen Eindruck gemacht, denn _Kwing Irang_ war sogleich mit vielen Böten den Mahakam hinaufgefahren, unglücklicher Weise ohne vorher eine für längere Zeit ausreichende Menge Reis zu beschaffen. Sie hatten Tage lang mit Hochwasser kämpfen und jetzt sogar einen Tag warten müssen und wären, wenn ich nicht gekommen wäre, aus Reismangel wieder umgekehrt, was für unsere Expedition, bei der herrschenden Nahrungsnot, sehr verhängnisvoll hätte sein können. Die Malaien berichteten, dass nach _Kwing Irangs_ Beispiel auch _Belarè_ und andere Pnihing mir entgegengefahren seien. Sehr beruhigend wirkte auf mich die Nachricht, dass sich die Batang-Lupar Banden auf Befehl des Radja von Serawak aus dem Gebiet des oberen Mahakam zurückgezogen hatten. Halb ausgeruht und ermuntert durch die guten Nachrichten raffte ich mich nach Ankunft der Träger auf, nahm ein erfrischendes Bad und wechselte meine Kleidung.
Obgleich diese Niederlassung der Pnihing nur 20 Familien umfasste, die ihren Reisvorrat beinahe gänzlich verbraucht hatten, bewirtete _Hinan Lirung_ meine Leute doch mit Reis und Bataten; ich selbst genoss zum Reis noch das Ei und würzte es mit dem Salz, das ich mitgenommen hatte und von dem ich meiner Wirtin sogleich als Gegengeschenk einen Teil anbot. _Amun Lirung_ forderte mich auf, die Nacht sicherheitshalber in seiner _amin_ zu verbringen und, sobald sich die Unruhe dort etwas gelegt hatte, verschwand ich in meinem Klambu.
Am 25. September erwachte ich mit dem angenehmen Bewusstsein, keinen Marsch mehr unternehmen zu müssen. Die Pnihing zogen dem Kontrolleur zu Hilfe und kehrten abends jeder mit einer schweren Kiste beladen zurück. An den folgenden Tagen konnte ich sie aber auch gegen gute Belohnung nicht dazu bewegen, den Zug zu wiederholen. Um _Kwing Irang_ von unserem Tun und Lassen zu unterrichten, sandte ich ihm _Tigang_ entgegen, der sich gleichzeitig auch nach einer Gelegenheit, Reis für uns zu beschaffen, umsehen sollte. _Tigang_ brach auch sogleich in Gesellschaft der malaiischen Kundschafter auf. Er musste, um _Kwing Irang_s Lagerplatz zu erreichen, zuerst das Flussbett des Howong ein Stück weit durchwaten und dann über Land zum Mahakam ziehen. Der Howong stürzt sich nämlich mit einer Reihe sehr steiler Fälle von ungefähr 120 m Höhe in den Mahakam und ist daher auf dieser Strecke nicht befahrbar. Da auch unser Gepäck auf jenem Wege zum Mahakam getragen werden musste, liess ich _Kwing Irang_ bitten, mir seine Kajan zu Hilfe zu schicken.
In Anbetracht, dass durch die Höhe der Wasserfälle an der Mündung des Howong eine Verbindung mit dem Mahakam auch für Fische unmöglich gemacht oder doch sehr erschwert wurde, hielt ich eine gesonderte Sammlung der Fischarten von Haupt- und Nebenfluss zwecks späterer Vergleichung für wertvoll. Ich setzte daher für jede neue Fischart, die man mir brachte, eine Belohnung aus, wodurch unsere ichthyologische Sammlung mit 15 neuen Arten aus dem Howong bereichert wurde.
Tags darauf sandte mir _Kwing Irang_ einige seiner Kajan, die mich als alte Bekannte sehr freudig begrüssten; sie erzählten, dass sie meiner Ankunft wegen ihr Saatfest aufgeschoben hatten und dass sie wegen Reismangel baldmöglichst in ihre Niederlassung zurückkehren mussten. Da auch _Tigang_ nur einen einzigen Packen Reis hatte auftreiben können, schickte ich ihn am folgenden Tage mit einer reichlichen Menge Tauschartikel wieder aus, um zu versuchen, in einer Pnihingniederlassung am Penaneh wenigstens Bataten aufzukaufen.
Gegen Mittag des folgenden Tages traf _Kwing Irang_ in Gesellschaft des Pnihinghäuptlings _Kaharon_ und einiger anderen mit 50 Trägern bei uns ein.
Es sei mir gestattet, _Kwing Irang_, der grössten und eigenartigsten Persönlichkeit, der ich im Innern Borneos begegnete, hier einige Worte zu widmen. Ist er es doch gewesen, der mir als Berater und Freund auf allen Reisen treu zur Seite stand und dessen Hilfe ich die guten Erfolge meiner Unternehmungen zum grossen Teil verdanke. Ich glaube den Leser am schnellsten mit diesem seltenen Manne bekannt machen zu können, indem ich ihm unsere erste charakteristische Begegnung schildere.
Als ich im Jahre 1896 zum ersten Mal die Mündung des Blu-u erreichte, hatte _Kwing Irang_, der damals weiter oben am Fluss wohnte, ein malaiisches Haus zu meinem Empfange in Stand setzen lassen. Ich verbrachte die Nacht vor unserer Begegnung in unruhiger Erwartung, wusste ich doch aus den Berichten der anderen Stämme, dass das weitere Schicksal unserer Expedition von der Entscheidung des grossen Häuptlings des Mahakamgebietes abhing. _Kwing Irang_, der abends zuvor, nachdem wir uns bereits zur Ruhe begeben hatten, eingetroffen war, schien ebenfalls auf unsere Begegnung gespannt zu sein; wenigstens war ich noch nicht angekleidet, als er melden liess, dass er mich begrüssen wolle. Sogleich wurden zwei Klappstühlchen einander gegenübergestellt und bald darauf sah ich an dem nebenstehenden Hause eine Reihe Männer hinab- und an unserer Baumtreppe wieder hinaufsteigen. Der erste, dessen Haupt über dem Boden erschien, trug eine schwarze Mütze mit breitem Goldrande, unter der ein ältliches, mageres Gesicht mit eingefallenen Wangen, gerader Nase und kleinen Augen mit ruhigem, festem Blick zum Vorschein kam. Dem goldenen Abzeichen nach, das nur er trug, musste der Mann _Kwing Irang_ sein, auch bestätigte mir die Sicherheit seines Auftretens im Gegensatz zu der Steifheit seines Gefolges, dass der grosse Häuptling in der Tat vor mir stand. Ich ging ihm einige Schritte entgegen, reichte ihm die Hand und forderte ihn auf, sich mir gegenüber auf _Demmenis_ Stuhl zu setzen, was dein verschlossenen Eingeborenen einen Ausruf der Verwunderung entlockte. Augenscheinlich war ihm so etwas bei seinen Zusammenkünften mit dem Sultan von Kutei und dem Radja von Serawak noch nicht vorgekommen, denn die Behandlung eines Stuhles war ihm so neu, dass er im Augenblick, wo er sich setzen wollte, umgefallen wäre, wenn ich ihn nicht rechtzeitig aufgefangen hätte. Der Unfall brachte ihn aber durchaus nicht aus der Fassung. Einige Minuten lang sassen wir einander schweigend gegenüber und lernten uns mit den Augen kennen. Was mich betraf, so war ich mit dem empfangenen Eindruck zufrieden und, wie er mir später gestand, ging es ihm ebenso.
_Kwing Irangs_ Körper zeigte noch deutlichere Spuren des Alters als sein Gesicht; er schien ein Mann von 55 Jahren zu sein, mit feinem Körperbau, kräftigen Muskeln und geringer Neigung zur Wohlbeleibtheit. Seine Kleidung zeugte von Sorgfalt; ein Tuch aus blauem Kattun bedeckte in zahlreichen Windungen die Lenden und ein Schwert mit schönem Horngriff hing ihm an einem Rotanggürtel zur Seite. An Schmucksachen trug er nur einige Halsketten und silberne Ringe von cm Durchmesser, die an seinen weit ausgereckten Ohrläppchen hingen und unter den offen herabfallenden Haaren hervorkamen. Von einer Tätowierung bemerkte ich keine Spur.
Das freie Auftreten, die sichere Haltung und der gutmütige Gesichtsausdruck _Kwing Irangs_ flössten mir sogleich Vertrauen und die Hoffnung ein, dass wir einander verstehen würden. Die Vorteile, mit den Niederländern auf gutem Fuss zu stehen, leuchteten dem klugen Manne ein und so verständigten wir uns bald über meine weiteren Pläne. Nachdem der sachliche Teil erledigt war, begannen wir eine lebhafte Unterhaltung über allerhand Dinge. Ich zeigte dem Häuptling Bilder und Gewehre, von denen ihn besonders letztere interessierten. Über unserer ersten Begegnung schien ein besonderer Glückstern zu walten. Während ich nämlich _Kwing Irang_ die Einrichtung eines Winchester Repetiergewehres sehen liess, ging plötzlich ein Schuss los, der keinen geringen Schrecken verursachte. Aber glücklicher Weise schlug die Kugel nur ein Loch in das Dach und, da keiner verletzt war, blieben alle auf ihren Plätzen. Ich hatte wiederum Gelegenheit, die grosse Besonnenheit meines neuen Freundes zu bewundern, der die beruhigenden Worte seines Geleites kaum nötig hatte. Ein rechtes Gespräch wollte jedoch nicht mehr in Gang kommen und so verabschiedeten sich unsere Besucher bald darauf.
_Kwing Irang_ ist vor zwei Jahren, bald nachdem ich Borneo verlassen hatte, gestorben.
Der Tod dieses klugen, friedliebenden Mannes, der mit weitem Blick im Interesse seiner Untertanen auch mit ihm fremden Völkern Beziehungen anzuknüpfen sich nicht scheute, bedeutet für das Mahakamgebiet einen grossen Verlust.
Die Mahakam Kajan waren zwar gern bereit, unser Gepäck bis zum Mahakam zu tragen, sahen es aber als Aufgabe ihrer Mendalam Verwandten an, alles Gut, das sich noch beim Kontrolleur befand, bis zu _Amun Lirung_ zu befördern. Die Mendalam Träger waren jedoch nach ihrer Ankunft im Pnihinghause nicht mehr dazu zu bewegen, auch noch den Rest der Sachen abzuholen, was ich ihnen in Anbetracht ihrer hungerigen Mägen nicht verdenken konnte. Gegen hohen Preis gelang es mir, unseren Ma-Suling Trägern noch etwas Reis zu verschaffen und den Kajan teilte ich mit, dass sie unterwegs _Tigang_ mit einem Vorrat Bataten begegnen würden. Diese Aussicht erschien so verlockend, dass sie fast alle wieder auf die Beine brachte. Abends kehrten sie mit dem Kontrolleur und _Demmeni_, die sich beide wohl befanden, zu uns zurück. _Demmeni_ Wurde als alter Bekannter von den Mahakam Kajan freudig begrüsst; dem fremden Kontrolleur gegenüber trat aber die, ihnen eigene ängstliche Zurückhaltung wieder zu Tage.
Gegen Abend kam _Kaharon_, um mit mir über die Lohnfrage zu beraten; er forderte für den Transport des Gepäckes an den Mahakam nicht weniger als 2.50 fl täglich für den Träger. Für alle Anstrengungen und Entbehrungen, welche die Leute diesmal auszustehen hatten, war der Preis nicht zu hoch, aber als Taggeld für später hätte die Erteilung eines solchen Lohnes Schwierigkeiten verursacht, besonders da den Pnihing Geld viel weniger bedeutete als Tauschartikel. Im Laufe des Gespräches merkte ich, dass _Kaharon_ die Lohnfrage nur berührt hatte, um zu erfahren, ob ich die geleistete Hilfe überhaupt bezahlen wollte. Ich beeilte mich natürlich, ihm zu erklären, dass ich jeden, der mir zu Hilfe gekommen war, belohnen wollte.
Anderen Tages kam _Tigang_ von seiner Forschungsreise nach Nahrungsmitteln zurück; seine Bataten war er unterwegs leider grösstenteils an seine hungerigen Dorfgenossen los geworden, er brachte aber noch einen Packen Reis und eine gute Menge _bulung obe_ ( = Mehl von Bataten) mit. Die Pnihing verstehen dieses Mehl ausgezeichnet zu bereiten, indem sie die Bataten in feine Scheiben schneiden, sie in der Sonne trocknen lassen und dann fein zerstampfen. Jedem Manne liess ich von dem Batatenmehl eine Portion zuteilen, und da auch unsere Wirtin noch von ihren bescheidenen Vorräten nach Kräften beisteuerte, genossen unsere wackeren Träger nach langer Zeit die erste gute Mahlzeit.
Wir hatten alle Ursache, mit unserem Empfang im Mahakamgebiet zufrieden zu sein; denn alle grossen Häuptlinge waren uns zu Hilfe geeilt, auch waren wir hier am Howong mit aussergewöhnlicher Selbstlosigkeit aufgenommen worden. In der ersten Zeit gab ich meinen Gastherren nämlich nichts anderes als etwas Salz und einige Kleinigkeiten, ausserdem erregte ich noch _Hinan Lirungs_ Neid, indem ich _Djulan_, einem lieblichen Bukatmädchen, das mich unter dem Schutz von _Tetuhè_, einem unserer Punan vom Mendalam, öfters besuchte, etwas Tabak, hübsche Zeugstückchen und Ringe schenkte. Die Kleine hatte sich anfangs nur schüchtern in der Ferne gezeigt, wurde nachher aber so zutraulich, dass sie später sogar allein zu mir zu kommen wagte. In Anbetracht der mit Furcht gemischten Missachtung, mit der die Bahau die nomadisierenden Bukat sowie alle Jägerstämme ansehen, stellte ich an _Hinan Lirung_s Nachsicht hohe Anforderungen; es lag mir aber daran, mit diesen scheuen Waldmenschen auf gutem Fuss zu stehen. Ich nahm mir jedoch vor, meine Gastwirtin beim Abschied für alle Güte und Toleranz zu entschädigen. Als praktische Frau gab mir die Alte übrigens bald zu verstehen, dass ihr ein Satz Armbänder aus Elfenbein, wie sie deren mehrere bei mir bemerkt hatte, am willkommensten wäre. Ihre eigenen Armbänder hatte sie nämlich, wie ich später hörte, dazu verwendet, den Reis einzukaufen, mit dem sie uns bewirtete. Um den Wert des Geschenkes zu erhöhen, zögerte ich anfangs mit der Erfüllung ihres Wunsches, liess sie dann aber das Mass angeben und suchte ihr einen besonders schönen Satz aus. Den vielen Besuchen nach zu urteilen, die mir _Hinan Lirung_ im Laufe des Jahres am Blu-u machte, schien ihr unsere Bekanntschaft gut gefallen zu haben.
In der Nähe unseres Hauses hatten sich die Bukat, nach Art der Pnihing, drei kleine Häuser gebaut, die sie jetzt vorübergehend bewohnten. Ich hatte diese scheuen Kinder der Wildnis bis jetzt nicht besucht, um ihnen erst Zeit zu lassen, sich an unsere Gegenwart zu gewöhnen. Jetzt glaubte ich aber, mit _Barth_ einen Besuch bei ihnen wagen zu dürfen.