Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 25

Chapter 253,700 wordsPublic domain

Alle Stämme im Innern von Borneo gebrauchen beim Tragen von Lasten auf ungebahnten Wegen den _takin_, einen aus starkem, gespaltenem Rotang geflochtenen und daher biegsamen Tragsack von viereckiger Form. Die hintere Wand des Sackes besteht aus zwei Teilen und ist mit Rotangschnüren versehen, so dass auch umfangreiche Gegenstände in den Korb aufgenommen werden können, indem man die Klappen öffnet und die Fracht an beiden Seitenwänden mittelst der Schnüre festbindet. Auf diese Weise wurden auch die eisernen Köfferchen, in welchen ich die meisten Tauschartikel und meine Kleider bewahrte, transportiert. Ein grosser Vorteil bestand darin, dass die Koffer nicht wegen zu grosser Länge oder Breite aus dem Korbe hervorragten, daher wurde ein Klettern zwischen und unter Felsen und umgefallenen Baumstämmen nicht allzu beschwerlich. Viel Mühe und Überredungskunst war stets erforderlich, um lange, wenn auch leichte Gegenstände, wie Stative und Massstäbe den Trägern aufzubürden. Um g Uhr war das Gepäck verteilt. Die Kajan packten alles so praktisch als möglich zusammen und banden schliesslich noch ihre eigenen Sachen an den Korb. Die _takin_ werden mittelst zweier Rotangseile über der Schulter auf dem Rücken getragen. Ist die Haut nicht ganz gesund, so leiden die Schultern bei längeren Märschen stark und die Tragseile werden daher oft mit Zeug umwunden. Diejenigen, die ihre dicken Kriegsjacken mitgenommen hatten, zogen sie öfters an und setzten dann auch ihre schweren Kriegsmützen aus Rotang auf. Das Schwert hängen alle an die Seite, und in den freien Händen halten einige ihre Schilde, alle aber ihre Speere, die ihnen auf beschwerlichen Pfaden einen ausgezeichneten Halt bieten.

Das Abbrechen des Lagers bestand nur darin, dass die Kajan ihre Schlafmatten zusammenfalteten und vorsichtig aufrollten, die Hütten selbst blieben unversehrt zurück und werden wohl noch ein Jahr lang Zeugnis von unserem Aufenthalt am Ufer des Bulit abgelegt haben.

Ein Träger nach dem anderen verschwand auf dem ausgetretenen Pfade im Walde, und nun wurde es auch für uns Zeit, an den Aufbruch zu denken. _Demmeni_ war mit _Bier_ bereits vorausgegangen, um den Weg langsam zurücklegen zu können; wir hatten bis zuletzt gewartet, um uns davon zu überzeugen, dass nichts im Lager zurückgelassen wurde.

Der Weg bis zum Bungan war nur 5 km lang und nicht steil und wurde daher ohne Schwierigkeiten zurückgelegt. Von Bergen und Gestein sahen wir, bis wir an das Ufer des Bungan gelangten, nichts. Hier fand ich alle vereinigt. Der 60 m breite Fluss war seit dem vorigen Tage stark angewachsen und man fürchtete, dass das Rotangkabel, das früher beim Durchqueren des Flusses als Stütze gedient hatte, die schwer beladenen Träger jetzt nicht würde halten können. Daher waren bereits einige Männer in den Wald gegangen, um neuen Rotang zur Verstärkung zu suchen; gleichzeitig befestigte man das eine Ende des Kabels doppelt stark an den kräftigen Wurzeln der Uferbäume und sandte einen unbeladenen jungen Mann an die andere Uferseite, um dort das Gleiche vorzunehmen.

Einer nach dem anderen stieg darauf vorsichtig längs der steinigen Uferwand zum Flussbett hinab, das gänzlich aus glatten, rundgeschliffenen Felsblöcken von 1/4 bis zu 1 m Durchmesser bestand.

Bereits bei stillstehendem Wasser musste das Gehen auf ihnen beschwerlich sein. Jetzt wateten die Träger bis zur Brust in dem brausenden Strom, erreichten aber doch, mit der einen Hand auf den Speer gestützt, mit der anderen das Rotangseil festhaltend, wohlbehalten das andere Ufer. Da nie mehr als zwei bis drei Träger gleichzeitig sich am Seil festhalten durften, dauerte der Übergang sehr lange, hatte aber den Vorteil, dass keiner der Männer fiel und unser Gepäck auch nicht nass wurde. _Demmeni_, für den ein kaltes Bad durchaus nicht wünschenswert war, nahm der kräftige _Jung_ sogleich bereitwilligst auf den Rücken und brachte ihn glücklich, nur mit nassen Füssen, an das andere Ufer. Jetzt kam die Reihe an uns andere Europäer. Ich übergab meinen Revolver und mein Gewehr einem Kajan und begann dann mutig den Kampf mit dem Wasser. Kaum war ich 20 m vom Ufer entfernt, als ich mich mit Erstaunen fragte, wie die Kajan in diesem Chaos runder Blöcke unter Wasser einen Stützpunkt für ihre Füsse hatten finden können. Augenscheinlich boten meine Kleider der heftigen Strömung besonders viele Angriffspunkte, denn ich musste mich mit beiden Händen am Rotang festklammern, um Stand zu halten. Sehr bedächtig suchte ich für jeden Fuss einen Stützpunkt und war bisweilen froh, wenn sich der Fuss zwischen zwei Steinen festklemmte, obwohl ich ihn beim nächsten Schritt oft nur mit Mühe wieder befreien konnte. Vorsichtshalber gingen ein Kajan vor und einer hinter mir, ich kam aber doch noch ohne ihre Hilfe hinüber. Drüben tröstete ich mich an dem Anblick, den _Barth_ und _Bier_ bei ihrem Durchzug boten.

Nachdem alles heil herübergebracht worden, konnten wir endlich weiter ziehen, waren aber doch froh, als wir nach einer Stunde eine Gruppe Hütten erreichten, in welchen unsere Leute früher übernachtet hatten. Ich beschloss, es für den ersten Tag genug sein zu lassen und sah mit Vergnügen, dass _Demmeni_ sich gut gehalten und auch kein Fieber bekommen hatte.

Am folgenden Morgen wollte ich mit _Bier_ und den notwendigsten Trägern vorausgehen, um noch den Lagerplatz mit unserem Gepäck an der Wasserscheide zu erreichen; die Kajan meinten jedoch, dies sei unmöglich. Erst regnete es und, als es etwas trockener wurde, schienen nur wenige Lust zu einem Eilmarsch zu verspüren. Ich hatte aber _Jung_ als Oberhaupt der Träger und als Führer gewählt und mit seiner Hilfe brachte ich die Leute in Bewegung. So machte ich mich denn mit _Bier_, 4 Malaien, unter denen auch mein Diener _Midan_ war, und 6 Kajan auf den Weg.

Auf einem abscheulichen Pfade begegneten wir einigen unserer Träger, die sich auf eigene Hand aufgemacht hatten. Sie gaben uns eine Vorstellung davon, auf welche Weise schwer beladene Eingeborene Wegstellen überwinden, die dem Europäer, auch unbelastet, der Schwierigkeiten genug bieten. Vor unserer letzten Lagerstätte hatte der Weg über einen Bergrücken geführt und war nicht besonders mühsam gewesen, jetzt aber lief er einen steilen Abhang aufwärts, mit dem sich ein Bergrücken, den wir seiner Höhe wegen nicht überschreiten konnten, zum Bungantal hin abdachte. Wäre der Abhang nicht bewachsen gewesen, wodurch der Ausblick auf den brausenden Strom in der Tiefe verdeckt wurde und man unwillkürlich ein Gefühl der Sicherheit erhielt, so hätten wir dem Pfade nicht folgen können. Man musste ständig auf und nieder klettern, unter überhängenden Felsen hindurch, um abgestürzte Baumstämme herum kriechen und hatte über dem gähnenden Abgrund nie mehr als ein paar Fuss Raum zur Verfügung. Auf derartigen Pfaden kommen den Eingeborenen ihre beweglichen, kräftigen Zehen, mit denen sie sich in dem weichen Boden festklammern, und ihr geschmeidiger Körper zu Gute. Sie legten auch nur bei solchen Spalten ihre Last ab, die entschieden zu schmal waren, um mitsamt der Packung hindurchzuschlüpfen. Nach kurzer Zeit sahen wir sämmtliche Träger hinter uns und hatten jetzt nur selbst darauf bedacht zu sein, uns durchzuschlagen. Den ganzen Morgen über behielt der Weg den gleichen Charakter und erst an der Mündung des Léja veränderte sich das Bild.

Hier lagen die verlassenen Hütten der Bungan Dajak unterhalb eines prachtvollen Wasserfalles, über den sie als Brücke einen Baumriesen hatten fallen lassen. Die zwei Felsen, die den Fall senkrecht zu beiden Seiten einschlossen, waren 25 m von einander entfernt und obwohl der hellgraue, glatte Stamm gewiss 40 in über dem brausenden Wasser lag, hatte man es für überflüssig gehalten, den Stamm mit einem Geländer zu versehen.

Die verlassenen Hütten machten die Wildheit und Einsamkeit der Umgebung doppelt fühlbar, und so eilten wir nach kurzer Rast von hier fort, den neuen Reisfeldern der Bungan zu, die nach _Jung_ nicht mehr weit entfernt waren und uns eine freie Fläche bieten sollten.

Die Steilheit der Bergwand nahm allmählich ab und der Pfad längs dem Fluss wurde gangbarer. Wir passierten noch einen der mächtigen Wasserfälle, von denen wir bereits fünf an diesem Morgen begegnet waren, und dann lag plötzlich an der Mündung des Léja eine fast ebene Fläche vor uns, auf welcher die Bungan den Wald gefällt und Reisfelder angelegt hatten.

Die freie Fläche und der warme, heitere Sonnenschein machten nach den vielen Tagen, die wir in den feuchtkalten Wäldern in der Tiefe der Talgründe zugebracht hatten, einen wahrhaft erquickenden Eindruck. Wie verlockend war es, sich am Waldesrande niederzulegen und sich in den Anblick des lieblichen Bildes zu versenken. Wir hatten aber einen noch zu weiten Weg zurückzulegen, um uns diesen Genuss gönnen zu können, und so wartete ich denn mit _Jung_, der allein meinem schnellen Schritt zu folgen im stande gewesen war, die Ankunft von _Bier_ und den Trägern ab, um uns nach dem besten Pfad über diese Felder zu erkundigen.

Nach einigem Zögern behauptete einer der Kajan, dass wir längs des Flussufers am bequemsten weiter kommen würden, und sogleich machte ich mich auf den Weg. Der Mann hatte sicher nicht gewusst, was er sagen sollte; denn gerade dieser Teil der Felder war kaum zu überschreiten. Wie die Bahaustämme im allgemeinen, hatten auch die Bungan nur einen kleinen Teil des gefällten Holzes verbrennen können, aber, entweder aus Nachlässigkeit oder wegen zu grosser Feuchtigkeit, war auch viel kleines Holz, Zweige und niedere Sträucher, unverbrannt geblieben. Viele der gefallenen Baumriesen versperrten mit einem Wald halb verkohlter Äste den Weg, was bei anderen Stämmen nie vorkommt. Alle Bäume waren längs des Abhanges mit ihren Kronen zum Ufer hin gefallen, so dass wir über jene hinweg oder unter ihnen hindurch klettern mussten; die verkohlte Baumrinde erleichterte uns einigermassen die Arbeit. Lagen zu viel Bäume über einander oder waren die Stämme zu dick, so mussten wir uns durch ihr dichtes Gezweige hindurcharbeiten und noch dazu auf freiem Felde in der heissen Mittagssonne, nachdem wir wochen lang im kühlen Walde gelebt hatten. Der etwas vollblütige _Bier_ kam daher ziemlich erschöpft auf der anderen Seite der Felder an und sehnte sich nach Ruhe und Erfrischung in einer Kajanhütte.

Leider fanden wir hier nichts anderes als Wasser und einen Baumstamm, um darauf zu sitzen, bis unsere Träger ankamen und einen verborgenen Vorrat Bataten hervorholten. Sogleich machten sie sich daran, die Bataten in einem Topf gar zu kochen, aber vor Hunger ass jeder von uns eine Knolle roh auf. Die Träger waren nicht minder ermüdet als wir, sie waren aber von den Hütten der Bungan an über dem Bergrücken hoch über der Ladang einem viel besseren Wege gefolgt.

Obgleich es erst Mittag war, behaupteten die Leute doch, an dem Tage nicht mehr weiter zu können; augenscheinlich hatten sie überlegt, dass die folgenden von ihnen gebauten Hütten sehr hoch am Betjai lagen und dass sie diese doch nicht mehr erreichen konnten. Auch die malaiischen Schutzsoldaten und mein Junge _Midan_, die alle an ihrem Gepäck zu tragen hatten, erklärten, vor Ermüdung nicht weiter gehen zu können.

Bei dem herrschenden Nahrungsmangel bedeutete aber ein Aufenthalt ein Aufgeben der ganzen topographischen Aufnahme und so musste ich denn trotz allem versuchen, mit _Bier_ weiter zu kommen. Dieser war zwar sehr ermüdet, wollte aber, als erprobter Topograph und weil es sich um sein Amt handelte, doch nicht zurückbleiben. _Jung_ war, wie immer, zu allem bereit und nahm die topographischen Instrumente, den Theodolit und die kleinen Massstäbe auf seine Rechnung; sein Bruder belud sich mit meinem Bettzeug und einem Dreifuss, und zwei andere kräftige junge Leute trugen das Bettzeug von _Bier_ und die notwendigsten Nahrungsmittel, und so machten wir sechs uns auf den Weg.

Als man uns im letzten Augenblick noch einige heisse Bataten zu verspeisen gab, wurden in der Ferne die ersten schwer beladenen Träger sichtbar. Ich fürchtete jedoch, sie könnten meine Getreuen wankend machen, brach daher eiligst auf und begann mit steifen Beinen weiter zu marschieren. Zum Glück wanderten wir jetzt längs des Léja durch ein Längstal, das zwar nicht so wild romantisch war wie das Quertal des Bungan, dafür aber viel breiter und ebener; auch folgten wir einem für diese Gegenden guten Pfade.

Das Strauchwerk benahm uns nicht gänzlich das Sonnenlicht, daher konnten wir uns in unseren nassen Kleidern, in denen es uns während der Rast gefröstelt hatte, etwas erwärmen. Nach 3/4 Stunden verliess der Pfad den Léja und führte uns dessen Nebenfluss, den Betjai, aufwärts, der uns in östlicher Richtung direkt zur Wasserscheide bringen sollte. Der Pfad lief hier wieder durch den Wald, verursachte uns aber keine Schwierigkeiten, nur mussten wir öfters die Uferseiten wechseln und daher den nur 20 m breiten, wenig tiefen Fluss durchqueren; bisweilen wateten wir auch 100 m weit im Flussbette selbst. Das Wasser reichte zwar nur bis an die Kniee, war aber sehr kalt, so dass wir wiederum fröstelten; zudem war der Grund auch hier ganz mit glattem, rundem Geröll bedeckt und nötigte bei der heftigen Strömung auch den mit einem Stocke versehenen zu vorsichtigem Gehen. Treu blieben unsere Wachthunde uns zur Seite; war das Wasser tief, so schwammen sie, war die Strömung zu heftig, so liefen sie am Ufer entlang. Auf solchen Expeditionen waren sie stets viel zu müde, um mit einander zu kämpfen, was sie sonst mit Vorliebe taten, auch wagten sie es, aus Furcht vor der neuen Umgebung, nicht, sich von uns zu entfernen.

Eine Stunde nach der anderen verging, während welcher wir im Wasser gegen Strömung und Geröll und auf dem Lande gegen Baumwurzeln und Felsblöcke ankämpften. Jeder Schritt verlangte so viel Aufmerksamkeit, dass wir für unsere Umgebung kein Auge hatten. Begreiflicher Weise wurde auch kein Wort unnütz gesprochen. Da wir über den noch zurückzulegenden Weg unsicher waren, begann unsere Lage gegen drei Uhr, unserer grossen Ermüdung wegen, kritisch zu werden. Indem ich mit _Jung_ stets voran marschierte, schleppte ich die anderen mit; um 1/2 4 Uhr musste ich jedoch Halt machen, da _Bier_ vor Erschöpfung am Flussufer niedergefallen war. Er erklärte zwar, dass etwas Ruhe und Nahrung ihn bald wieder herstellen würden; aber es war mir doch eine grosse Beruhigung, als der hinterste Träger erklärte, die gesuchten Hütten seien ganz in der Nähe. _Jungs_ Bruder brachte aus seinem Tragkorbe _kertap_ zum Vorschein und reichte ihn mit Wasser dem Erschöpften als Magenstärkung. Nun merkten _Jung_ und ich, dass auch wir eine Erfrischung sehr nötig hatten, setzten uns daher auf eine Sandbank im Flusse und teilten brüderlich den übrigen _kertap_. Die Rast gab auch mir den letzten Stoss; nur mit Mühe schleppte ich mich die 300 m bis zu den Hütten weiter und legte mich dort auf einer zum Lagerplatz für die Nacht bestimmten Bank nieder.

Auch jetzt wieder kam uns unsere Gewohnheit, zwischen unserer Matratze stets einen Reserveanzug einzupacken, sehr zu statten. Als wir unsere durch und durch nassen und von der Kletterei über halb verkohlte Baumstämme geschwärzten Kleider gegen trockene vertauschten, durchzog uns das erste Gefühl von Wohlbehagen. Die Kajan zündeten schnell ein Feuer an und kochten Wasser, das uns, mit etwas kondensierter Milch vermischt, einen herrlichen, heissen Trank lieferte. Bei unserer Übermüdung waren wir aber nicht im stande, von dem primitiv zubereiteten Reis etwas zu geniessen. So war es uns eine angenehme Überraschung, als einer der Kajan mit einer unserer Konservenkisten ankam, die er ganz in der Nähe im Walde gefunden hatte. Einer der Träger musste die Kiste dort niedergelegt haben, statt sie, wie es seine Pflicht war, bis zu dem Proviantlager weiter oben zu bringen. Durch seine Nachlässigkeit waren wir nun in den Besitz verschiedener Konservenbüchsen gelangt, deren Inhalt auch bald unseren Appetit wieder belebte. Unsere Hunde waren jedoch so müde, dass sie die Reste, für sie aussergewöhnliche Leckerbissen, nicht einmal anrührten; sie waren nicht dazu zu bewegen, ihren Platz hinter unseren Klambu zu verlassen und schliefen jetzt friedlich neben einander, während sie sich für gewöhnlich immer den besten Platz streitig machten. Wir Europäer waren übrigens auch zu nichts mehr aufgelegt, gingen bei Sonnenuntergang schlafen und erwachten erst als es heller Tag war.

Nach der Aussage unserer Kajan war es bis zum Stapelplatz unseres Gepäckes nicht mehr weit, daher eilten wir auch nicht mit dem Aufbruch.

Gleich nachdem wir gespeist hatten, erschienen zu unserer grossen Verwunderung mein Diener _Midan_ und einige Malaien. Sie hatten es nämlich doch nicht über sich gebracht, uns gänzlich im Stich zu lassen und waren uns, nachdem sie sich etwas erholt hatten, doch noch am vorigen Tage ohne die Kajan gefolgt. Bevor sie uns aber einholen konnten, war die Dunkelheit eingebrochen und sie hatten unter höchst mangelhafter Bedeckung die Nacht im Walde zubringen müssen. Sie hatten aber trotz ihrer Ermüdung aus Verdruss darüber, dass sie uns nun doch allein gelassen hatten, und aus Angst vor Kopfjägern nicht schlafen können, waren bei Morgendämmerung bereits aufgebrochen und daher so früh bei uns eingetroffen. Nun fingen wir gemeinsam die Wanderung durch den Fluss an und bereits nach zwei Stunden begegneten wir erst einem Hund, dann einem kleinen Knaben und schliesslich unserem Korporal _Suka_ selbst, der sich eben auf den Fischfang begab. Der kleine Knabe war ein Bukat, dessen Familie mit uns zum Howong ziehen wollte. Der pater familias war mit _Akam Igau_ bereits vorausgegangen, um ihm als Führer zu dienen und ihn bei den Pnihing von _Amun Lirung_ einzuführen.

Es stellte sich heraus, dass aller Proviant, mit Ausnahme des Reises, gut angekommen war. Von den mehr als 50 Packen Reis, die ich vorausgesandt hatte, waren zum Glück 11 statt nur 6, wie man mir früher berichtet hatte, angekommen. Wir beschlossen nun, hier auf die Ankunft unserer Träger zu warten und uns für diesen Tag Ruhe zu gönnen. Da unser Lagerplatz auf einer Höhe von 500 m lag und stark beschattet war, kam uns die Temperatur sehr niedrig vor; eine wollene Decke in unseren Klambu war daher sehr angenehm. Immerhin zeigte das Flusswasser noch eine Temperatur von + 20° C.

KAPITEL XII.

Auf der Wasserscheide zwischen Kapuri und Mahakam--Opfer der Kajan--Längs des Howong zu den Pnihing--_Amun Lirung_--Nahrungsmangel und Schwierigkeiten mit dem Transport des Gepäckes--_Kwing Irang_--Löhnung der Träger--Besuch bei den Bukat--Reise zu _Belarè_--Einkauf von Böten am Tjehan--Fahrt zu _Kwing Irang_ am Blu-u.

Im Laufe des Tages kamen genügend viele Träger an, um unser notwendigstes Gepäck über die Wasserscheide zu befördern. Sie brachten auch gute Nachrichten von _Barth_ und _Demmeni_, die uns langsam folgten. Ich merkte bald, dass die Träger diesmal selbst Eile hatten mit dem Transport- die Bataten der Bungan und der eigene _kertap_ ernährten sie nur kümmerlich, auch fürchteten sie das Schlimmste für die nächsten Tage.

Der zur Wasserscheide führende Bergrücken lief steil aufwärts, aber der Pfad schien viel benützt zu sein, denn er war nicht mit Rotang und Gestrüpp verwachsen. Auf halber Höhe hörten wir rechts von uns den Ruf eines _hisit_, was meinem Geleite und daher auch mir eine grosse Beruhigung gewährte, da wir nun das Mahakamgebiet unter günstigen Vorzeichen betraten. Etwas weiter aufwärts bemerkten wir Opferpfähle, die _Akam Igau_ und seine Begleiter hier mit der Spitze zum Kapuasgebiet aufgerichtet hatten, um die bösen Geister zu verhindern, sie weiter an den Mahakam zu begleiten. Obwohl die Vegetation zu beiden Seiten des Bergrückens sehr üppig war, kamen doch ab und zu zwischen dem dichten Grün die benachbarten Berge zum Vorschein; rechts von uns tauchte der gesuchte Lekudjang auf. Zuletzt führte der Pfad wieder durch undurchdringlichen Wald, und bei der starken Steigung hatten wir auch nicht viel Lust, uns weiter Umzusehen.

Nach zwei Stunden veränderte sich das Bild gänzlich; wir zogen mitten über einen Morast, der nach Aussage der Träger auf der Höhe der Wasserscheide selbst lag. Da unser Geleite hier ein Opfer zu bringen verpflichtet war, mussten wir Halt machen und unser Lager aufschlagen. Der Wind wehte aber auf dieser Passhöhe so heftig, dass ich es für geratener hielt, die Zelte ungefähr 50 m weiter unten, jenseits der Höhe, aufrichten zu lassen. Sehr einladend sah es auch dort nicht aus: in der engen Schlucht des Howong stiegen zu beiden Seiten dicht bewachsene, steile Wände auf und ein eisiger Wind blies durch die schmale Spalte. Infolge der vielen Regenfälle triefte die ganze Umgebung vor Nässe; um 6 Uhr morgens zeigte das Thermometer nur + 18.5° C und um 12 Uhr mittags + 21° C; einen schlechteren Lagerplatz hatten wir seit Jahren nicht gehabt.

Unsere Träger schlugen in aller Hast die Zelte auf und eilten dann wieder zum alten Lagerplatz zurück, um so schnell als möglich alles Gepäck auf die Mahakamseite zu schaffen. Nur einige Kajan blieben unter _Obet Lata_ bei uns zurück, um uns bei der Besteigung des Lekudjang zu helfen, die wir sogleich vornehmen wollten. Wir hofften von diesem Berg aus einen Überblick über das Gebiet des Howong und Mahakam zu erhalten und auf der Wasserscheide einen geeigneten Punkt zu finden, von dem aus _Bier_ seine Messungen beginnen konnte.

Einem schmalen Kamm auf der linken Seite des Morasts folgend gelangten wir zu einem Punkt, von dem aus einige spitze Gipfel im Kapuasgebiet sichtbar waren. Plötzlich war uns aber der Pfad durch eine steile Wand des Lekudjang abgeschlossen und wir mussten uns nach einer Stelle umsehen, von der aus der Aufstieg möglich war. Obgleich die Steigung durchschnittlich 40° betrug und wir uns auf einer Schutthalde befanden, boten uns doch die wilden Sagopalmen, die hier wuchsen, genügende Stützpunkte, so dass wir uns leidlich fortbewegen konnten. Erschwert wurde die Kletterei durch den Rotang, der uns mit seinen Dornen und Widerhaken auf alle erdenkliche Weise festhielt; auch wurde uns an dieser offenen, der Sonne ausgesetzten Bergwand die Hitze lästig. Nach zwei Stunden war an ein Weiterkommen nicht mehr zu denken; denn wir befanden uns vor einer senkrechten Wand, deren Höhe wir wegen der überhängenden grünen Massen nicht schätzen konnten. Umgehen konnten wir die Wand nicht, weil der Bergrücken, auf dem wir uns befanden, an beiden Seiten steil abfiel. Um nach Norden und Osten Aussicht zu gewinnen, liessen wir einige Bäumchen umhacken, deren Stämme zugleich als Stützen für den Theodolit dienten, mit dem _Bier_ einige Peilungen im Mahakamgebiet vornehmen wollte. Wir befanden uns auf 950 m Höhe, direkt gegenüber dem Ober-Kapuas-Kettengebirge, dessen zwei Erhebungen, Tipung und Dadjang, dicht vor uns lagen. Die Bergkette setzte sich, soweit wir sie nach Osten verfolgen konnten, im Gebiete des oberen Mahakam weiter fort und schien an Höhe immer mehr zuzunehmen. Der Mahakam hat sich in nord-östlicher Richtung in diese Kette sein Bett gegraben. Die zu beiden Seiten des Mahakamtales hinter einander aufsteigenden Bergrücken boten einen prachtvollen Anblick. Der Abstand war aber zu gross und die Luft zu undurchsichtig, um in dem Panorama irgend welche Einzelheiten wahrnehmen zu können. Der Howong schlängelte sich durch ein Hügelland, das in dem alles bedeckenden dunklen Grün hie und da hellere Töne zeigte, die von älteren und jüngeren Reisfeldern der Pnihing, welche hier seit langen Jahren wohnten, herrührten. Nach Westen und Süden benahm uns der Lekudjang jede Aussicht.

Auf dem Rückwege sahen wir uns nach einem Punkt um, von dem aus _Bier_ auch einige Bergspitzen im Westen anvisieren konnte.

In unserem Lager angekommen fanden wir bereits einen grossen Teil unseres Gepäckes vor, aber _Barth_ und _Demmeni_ hielten sich immer noch im Lager am Betjai auf, das sie nicht verlassen wollten, bevor alles Gepäck abgeholt worden war.