Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 24
Nachdem ich mit einigen in diesen Gegenden gut bekannten Punan, _Djeléwan_ und _Udjan_, darüber beraten hatte, ob wir diesen wenig verlockenden Landweg überhaupt einschlagen sollten, wurde beschlossen, ihm dennoch zu folgen. Davon, dass wir Europäer aufbrechen konnten, bevor _Demmeni_ wieder zu gehen im stande war, konnte aber nicht die Rede sein; denn in dieser Umgebung mussten wir so lange als möglich beieinander zu bleiben trachten. Ich war daher gezwungen, den Gütertransport gänzlich den Trägern zu überlassen, was ich aus verschiedenen Gründen nur sehr ungern tat. Auch mussten wir überlegen, auf welche Weise wir die Häuptlinge am oberen Mahakam, deren Hilfe wir nötig hatten, am besten von unserer Ankunft benachrichtigen sollten. Da _Akam Igau_ sich bereits auf meiner Reise im Jahr 1896 trotz schwieriger Umstände seines Auftrages trefflich entledigt und uns bei seinen Verwandten eine gute Aufnahme erwirkt hatte, schien er mir auch jetzt wieder die gegebene Persönlichkeit dafür zu sein. Meine Wahl bereitete jedoch _Tigang Aging_, der sich selbst für am besten geeignet hielt, Haupt einer so wichtigen Gesandtschaft zu sein, viel Verdruss; auch erschien ihm der Transport des Gepäcks und die Aufsicht über seine eigenen Stammesgenossen viel weniger angenehm. Ausser _Akam Igau_ beauftragte ich noch vier andere ältere Männer aus verschiedenen Häusern am Mendalam, an den oberen Mahakam vorauszuziehen und _Kwing Irang_, dem mächtigsten Häuptling der dort lebenden Bahaustämme, zu melden, dass unsere Expedition im Anzuge sei und wir ihn um seinen Beistand ersuchten.
_Tigang Aging_ behielt ich, damit er unterwegs keine Händel mit _Akam Igau_ anfing, bei mir zurück, auch sollte er mir bei den Bungan Dajak als Dolmetscher dienen.
Am nächsten Morgen wurden wiederum hauptsächlich Reis und Blechkisten mit Salz unter die Träger verteilt, die in der Voraussicht, längere Zeit allein reisen zu können, sehr vergnügt waren. Es schien mir am besten, dass sie ohne Aufenthalt bis an den oberen Betjai zogen. Sie befanden sich dort auf einem Bergrücken nur einige Hundert Meter unterhalb der Wasserscheide zwischen den Quellen des Betjai und Howong, also an der Scheide des Kapuas- und Mahakamgebietes. Bis zu diesem Punkte sollte _Akam Igau_ die Träger beaufsichtigen und Sorge tragen, dass alles Gepäck dort gut aufbewahrt wurde; dann sollte er mit seinen Begleitern allein weiter zum Mahakam hinunterziehen. Der Korporal _Suka_ und zwei andere Malaien, die unser Hab und Gut bereits am Bulit so gut bewacht hatten, sollten auch jetzt bei den Sachen zurückbleiben und dafür sorgen, dass alle Träger so schnell als möglich zu uns ins Lager zurückkehrten, um uns abzuholen.
Nachdem die ganze Gesellschaft fortgezogen war, blieben wir Europäer mit einigen hier gänzlich unbekannten Javanern, zwei Kapuas Malaien und drei Kajan, von denen zwei krank waren, einsam am Bulit zurück.
Wir konnten uns, da nur ein einziger, von den vielen Trägern ausgetretener und durch den Regen aufgeweichter Pfad in den Wald führte und es überdies viel regnete, nur auf dem kleinen Platz, den ich vor unserem Lager hatte abholzen lassen, einige Bewegung verschaffen.
Um meine Leute die einsame Umgebung, die durch den ständigen Regen noch trostloser wurde, in der Arbeit vergessen zu lassen, liess ich sie Reusen für den Fischfang herstellen; der Bulit führte aber gerade jetzt nicht so viel Wasser, als für das Fischen mit Reusen erforderlich war, und so erhielt ich nur wenige neue Fischarten.
Zum Glück war _Demmeni_ nach dreitägiger sehr strenger Behandlung fieberfrei geworden, und wir konnten ihn, um einen grösseren Ausflug auszuführen, für längere Zeit allein lassen.
Es war nämlich Zeit, dass wir Vorbereitungen für eine topographische Aufnahme des Mahakamgebietes trafen. Diese Aufnahme sollte sich an diejenige anschliessen, welche das topographische Institut in Batavia im Auftrage der Regierung in den Jahren 1885-1896 von dem Flussgebiet des Kapuas hatte ausführen lassen.
Der Topograph _Werbata_ hatte damals den Weg über die Wasserscheide bis Penanéh aufgenommen, hatte aber seine Absicht, von hier aus den Mahakam zu erreichen, aufgeben müssen.
Da wir nun nicht, wie es anfänglich unser Plan gewesen, den Weg über Penanéh einschlugen, sondern längs des nur oberflächlich aus der Ferne von ihm aufgenommenen Betjai zogen, mussten wir versuchen, auf der Wasserscheide einen Punkt zu fixieren, indem wir von dort aus mit dem Theodoliten die Azimute einiger hoher, bekannter Berge bestimmten. War der Fixpunkt gefunden, so konnte von ihm aus, mit Hilfe von Theodolit und Massstab, das ganze Mahakamgebiet aufgenommen werden.
Unser Topograph _Bier_ hatte aber bis jetzt nur in Sumatra gearbeitet und auch meine Reisegenossen hatten bis jetzt nichts von dem Lande gesehen, weil wir von Nanga Era an in der Tiefe eines schmalen, von den bis 600 m hohen, steilen Abhängen des Kapuas-Kettengebirges begrenzten Tales gefahren waren.
Um uns von dem, was die Wasserscheide am Howong nördlich des Berges Lekudjang an Aussicht liefern konnte, eine Vorstellung zu machen, mussten wir eine Bergspitze besteigen und den Wald dort niederschlagen.
Etwas weiter oberhalb unseres Lagerplatzes am Bulit, bei dem _pangkalan_ Mahakam, führte auf den Gipfel des Liang Tibab ein Pfad, den der Topograph _Werbata_ hatte durchhauen lassen, um von diesem Berge aus seine Beobachtungen anzustellen; er hatte daher auch auf dem Gipfel den Wald fällen lassen. Ich hatte den Liang Tibab bereits im Jahre 1894 mit Professor _Molengraaff_ bestiegen, um von hier aus einen Überblick über das durchreiste Gebiet und das Kapuas-Kettengebirge nördlich des Bungan zu erhalten. Zwei Jahre später hatte ich mit _Demmeni_ dort einige photographische Aufnahmen gemacht.
Auch der Kontrolleur _Barth_ wollte das interessante Panorama des Liang Tibab sehen, und so machte er sich denn am 14. September bei herrlichem Wetter mit uns auf den Weg. Ein Bungan Dajak führte uns durch den Wald bis an den Fuss des Berges, von wo aus wir nach einer kleinen Kletterei bald auf den bekannten Pfad gelangten. Dieser war inzwischen so stark mit jungen Bäumen und Sträuchen bewachsen, dass man ihn kaum wieder erkennen konnte. Der Pfad war übrigens leicht zu verfolgen, denn er führte bereits auf 100 m Höhe über einen längs dem Bulit verlaufenden Kamm. Ein Verirren war nicht möglich, da der Bergrücken nur wenige Meter breit war; eher riskierte man einen Absturz von seinen sehr steilen Wänden. Glücklicher Weise verhinderte die dichte Vegetation ein Schwindeligwerden und ermöglichte zugleich auch den Gebrauch der Hände beim Klettern. Der ganze Weg bestand aus Lehmboden und war durch die vielen Regengüsse sehr schlüpfrig geworden.
Ich habe mich immer wieder darüber gewundert, dass so scharfe, steil abfallende Rücken, die ganz aus Lehm und sehr verwittertem Gestein bestehen, den vielen Sturzregen im Gebirgsland von Borneo Widerstand zu leisten vermögen. Eine der Hauptursachen hierfür ist zweifellos in der dichten Waldbedeckung zu suchen, da die tief eindringenden Wurzeln die kleinen Erdteilchen vor Wegspülung und Absturz beschützen und das dicke Blätterdach die Kraft der niederfallenden Regen bricht.
Trotzdem die Bäume und Sträucher uns den Marsch erleichterten, dauerte es doch beinahe zwei Stunden, bis ich mit _Bier_ den Punkt erreichte, von dem aus der Topograph _Werbata_ seine Beobachtungen angestellt hatte. Der Rücken war hier nur 1 m breit, bestand aus ganz losem, nur durch Wurzeln zusammengehaltenem Gestein und gestattete längs seiner im Winkel von fast 60° ansteigenden Seitenwände hinunterzuschauen. Um Aussicht zu gewinnen, mussten wir erst die seit dem letzten Besuch auf dem Gipfel aufgeschossenen Sträucher forträumen lassen und begannen unterdessen unsere verschiedenen Höhenbarometer nach dieser bekannten Höhe zu regulieren. Von den beiden Aneroïden schien der eine auf der Reise gelitten zu haben, wenigstens wich er stark von dein Hypsometer ab, mit dem er, wie auch der andere, noch in Putus Sibau gut übereingestimmt hatte. Die beiden anderen Barometer gaben, mit Berücksichtigung der Temperatur, die Höhe von 740 m richtig an.
Kaum hatten wir unsere Arbeit beendet, als auch der Kontrolleur mit seinen Begleitern eintraf. Der steile und mühevolle Pfad hatte ihn bis zum Erbrechen angestrengt, aber doch hatte er seinen Zug nicht aufgeben wollen. Das prachtvolle Panorama des Kapuasgebirges, das sich weithin ausdehnte, entschädigte ihn übrigens reichlich für die ausgestandenen Strapazen.
Nach Norden traf der Blick das Ober-Kapuas-Kettengebirge, das, von dichten, ernsten Wäldern gänzlich überdeckt, mit seinen in Wolken gehüllten Gipfeln einen beklemmenden, schwermütigen Eindruck auf den Beschauer machte. Zu Füssen des Gebirges strömte mit allen seinen Nebenflüssen der Bungan, auf dem wir uns so lange mühsam fortbewegt hatten. Aus diesem Tal erhoben sich wie Kulissen die Ketten hinter einander und stiegen erst schnell, dann immer allmählicher nach Norden hin auf, bis ihre höchsten Spitzen, der Kaju Tutung und Kerihum, in den Wolken verschwanden. Das eintönige dunkelgrüne Gewand, welches das ganze Kettengebirge bis auf seine höchsten Erhebungen hinauf umhüllte, machte in seiner stolzen Einfachheit, die weder durch Abwechslung der Farbentöne noch durch eigenartige Felsformationen belebt wurde, einen imposanten Eindruck. Tief unter uns schlängelten sich die Täler des Bulit und Bungan als schmale Streifen nach Westen; zwar waren auch sie mit dunklem Grün überdeckt, aber die steilen Wände der sie einschliessenden Kalkberge hoben sich leuchtend weiss von der Umgebung ab. Als einziges Zeichen menschlichen Lebens sahen wir ganz in der Tiefe zwischen zwei Querkämmen eines hohen Bergrückens eine feine Rauchwolke zwischen den Bäumen aufsteigen. Die Flüsse selbst blieben unserem Auge gänzlich verborgen.
Südlich des Bungan Tales erhoben sich nur zwei höhere Bergrücken, der Tanah Kuban, dicht bei den "Gurung Delapan", und der Rücken, von dem der Liang Tibab einen der höheren Gipfel bildet; dieser stieg weiter nach Süden bis zu einer Höhe von 1100 m an. Zwischen diesen beiden Bergrücken zog sich in leichten Windungen, nach Süden immer breiter werdend, das Flusstal des Langau hin. Obgleich Punan und Buschproduktensucher in diesem Gebiete umherstreiften, liess die ununterbrochene Waldbedeckung deren Anwesenheit doch nicht ahnen. Im Süden und Westen begrenzten zwei spitze Berge, der Sara und der Hariwun, das Langau Gebiet, während im Hintergrunde zwischen diesen beiden der Menakut aus dem Stromgebiet des Kréhau zum Vorschein kam. Am südlichen Ufer des Kréhau, fern am Horizont, wurde das eigenartige Müllergebirge mit seinen langgestreckten Tuff-Hochflächen sichtbar.
Nach Süden hin benahm uns der ansteigende Rücken des Liang Tibab die Aussicht; dagegen bot uns der freie Osten einen interessanten Anblick. In der Mitte zahlreicher, waldbedeckter Kämme von viel geringerer Höhe erhob sich im Süd-Osten der obeliskenförmige Pemeluan bis zu 1300 m Höhe, während etwas östlicher der riesige Terata die Landschaft beherrschte. Die Wände beider Berge waren viel zu steil, um von der Vegetation bedeckt sein zu können, und bildeten daher mit ihren weissen, grauen und braunen Farben einen schönen Gegensatz zu dem schlichten Grün um ihren Fuss und Gipfel. Im Nord-Osten lag der Lekudjang, längs welchem wir zum Mahakam ziehen mussten. Von unserem Standpunkt aus hob sich der westliche, abgestürzte Teil der Kraterwand dieses alten Vulkans von dem übrigen waldbedeckten Teil schön ab. Wegen der vorgelagerten Gebirgskämme und des schmalen Raumes zwischen ihr und dem nördlich gelegenen Kettengebirge, kam die Wasserscheide mit dem Howong nicht klar zum Vorschein, aber doch schien es möglich, auf ihr einen passenden Punkt zu finden, von dem aus man auf den Sara, den Hariwung und irgend welche anderen Gipfel visieren und dadurch Fixpunkte für unsere topographische Aufnahme des oberen Mahakamgebietes gewinnen konnte. Der nördliche Abhang des Lekudjang war allerdings steil, aber wir beschlossen doch, zu versuchen, den Berg von dieser Seite aus zu besteigen, weil wir hierdurch eine Aussicht auf das Gebiet des Howong und Mahakam gewinnen konnten.
Der Wind wehte heftig auf unserem hohen Punkt und wir konnten uns auf dem schmalen Platze nicht bewegen; ein längerer Aufenthalt auf der Höhe erschien uns somit nicht verlockend und wir beeilten uns, trotz der genussreichen Aussicht, wieder in die Tiefe zu gelangen. An den steilen Abhängen des Kammes ging der Abstieg schnell von statten und im Lager angekommen suchten wir, müde aber befriedigt, unsere Klambu auf.
In den letzten Tagen hatten wir in unserer Nähe öfters Hunde bellen gehört; augenscheinlich zogen ihre Eigentümer, die Bungan Dajak, unter _Lakau_ um unser Lager herum und wagten nicht, sich bei uns zu zeigen. Als sie sich endlich davon überzeugt hatten, dass wir nicht kamen, um den an dem Malaien _Adam_ verübten Mord zu rächen, wagten sich erst einige Männer heran und, als diesen nichts geschah, auch mein Bekannter _Lakau_ mit seinen Töchtern, an die ich auf den früheren Reisen bereits Arzneien verabreicht hatte. Die armen Leute litten sehr an Nahrungsmangel, ich konnte ihnen aber keinen Reis, nur Salz mitgeben. Nachdem sie ihren Hunger bei uns gestillt hatten, baten sie um Arzneien. Die Häuptlingstöchter hatten wiederum dringend Jodkali nötig; der Vorrat, den ich ihnen 1896 gegeben, hatte sie völlig hergestellt, seit einigen Monaten waren die alten Leiden aber wiederum zum Vorschein gekommen. Ich versprach einen neuen Vorrat Jodkali, falls sie mir Flaschen bringen würden. Das versprachen sie für den folgenden Tag, wo der ganze Stamm an uns vorüber ziehen sollte, um im Gebiete des unteren Bulit nach Waldfrüchten zu suchen. Ein Malaie, der mit den Bungan Dajak zusammenwohnte, schien den Reis minder gut entbehren zu können, wenigstens brachte er ein uns sehr willkommenes Huhn, um es gegen Reis auszutauschen.
In der Tat zogen am anderen Morgen Männer, Frauen und Kinder, alle beladen, am jenseitigen Ufer vorüber und warfen auf uns und unsere Umgebung neugierige, scheue Blicke. Nur einige Männer wateten zu uns herüber und erzählten, dass sie sich fürs erste in unserer Nähe niederlassen wollten, um in der Umgegend Früchte zu suchen. Unsere Malaien hatten bereits einige Male herrliche Früchte gefunden, die Bungan kannten aber die Fruchtbäume dieser Wildnis, wie wir die unserer Gärten kennen. Aus dem Bericht der Bungan ersahen wir, dass man unsere Gegenwart nicht allzusehr fürchtete, und beschlossen daher, unseren augenblicklichen Nachbarn einen Besuch abzustatten. Um ihnen eine Freude zu machen, nahmen wir Glasperlen und Angelhaken als kleine Geschenke mit. Unter _Tigang_s Führung gelangten wir nach einer halben Stunde auf einem für uns Europäer nicht erkennbaren Pfade zu einer mit wenig Gestrüpp bedeckten Lichtung im Walde. Einige sehr primitive nach Art der Punan und Bukat gebaute Hütten standen hier neben einander.
Eine schräge Wand, die aus ineinander geflochtenen Zweigen bestand und mit Blättern gedeckt war, ruhte mit einem Ende unter einem Winkel von 60° auf dem Erdboden, während das andere von Pfählen gestützt wurde. Aus den gleichen, grossen, runden Baumblättern, mit denen dieses Dach gedeckt war, bestanden auch die Seitenwände, welche gegen Regen und allzu heftigen Wind Schutz bieten sollten. Die grösste Hütte in der Mitte wurde von der Häuptlingsfamilie bewohnt. Sowohl in dieser Hütte als auch in den übrigen hatte man den Boden mit dünnen, neben einander ruhenden Baumstämmen belegt. Der Herd befand sich dem Eingang gegenüber unter der schrägen Wand; er bestand nur aus einigen Steinen, auf denen eiserne Kochtöpfe standen. Unter dem Herde hatte man etwas Erde auf den Boden gestreut und über demselben ein Gestell für Brennholz angebracht.
Nach den Britschen zu urteilen, die je zu zweien an den Seitenwänden standen, schliefen der Häuptling und seine Frau auf der einen und ihre beiden Töchter auf der anderen Seite. Wo der Erdboden etwas abschüssig war, ruhten die vorderen Enden der Balken des Fussbodens auf einem starken Querbalken, so dass der Fussboden ein Stück weit vor dem Dache hervorragte und eine kleine Plattform bildete, von der aus ein frisch gefällter Baumstamm als Pfad zum Boden führte. Alle Hütten waren nach dem gleichen Plan gebaut.
Wir fanden nur wenige Bewohner im Lager; die meisten suchten in der Umgegend nach Waldfrüchten; nur Kranke und sehr kleine Kinder hatte man in den Hütten zurückgelassen. Die anwesenden Frauen litten entweder an Malaria oder an luëtischen Ulcerationen und bereiteten uns aus Scheu einen sehr kühlen Empfang, der auch, als wir unsere kleinen Geschenke austeilten, nicht wärmer wurde. Während wir einige Zeit zwischen den Hütten umhergingen, in der Hoffnung, dass man sich an unsere Anwesenheit gewöhnen würde, traten einige ältere Frauen und Kinder am jenseitigen Ufer aus dem Walde hervor; kaum merkten sie aber, dass Besuch im Lager war, als sie schleunigst die hohe Ufermauer wieder hinauf flüchteten.
Da es durchaus nicht in unserer Absicht lag, diesen scheuen Waldmenschen Schreck einzuflössen und ihnen unangenehm zu sein, machten wir uns sogleich auf den Heimweg. Abends suchte ich den ungünstigen Eindruck unseres Besuches zu verwischen, indem ich dem Häuptling _Lakau_ ein Boot schenkte, das er sich für eine Fahrt nach Putus Sibau sehnlichst gewünscht hatte.
Die Bungan Dajak nehmen unter der Bevölkerung von Mittel-Borneo eine eigenartige Stellung ein; sie bilden im Bungan Gebiete einen Übergang von den echten Nomadenstämmen, wie den Punan und Bukat, zu den sesshaften, Ackerbau treibenden Stämmen. Sie bauen hauptsächlich Reis und süsse Erdäpfel, aber da der Ernteertrag infolge ihrer primitiven Bearbeitung der Felder gering ist, sind sie gezwungen, diese nach der Saat sich selbst zu überlassen, wodurch ein grosser Teil der Ernte den Vögeln, Hirschen, Affen und Wildschweinen zum Opfer fällt. Sie selbst müssen für ihren Unterhalt den Wald durchstreifen, nach Früchten, wildem Sago und Wild suchend. Bei ihren Feldern bauen sich die Bungan Häuser nach Art der ackerbauenden Stämme, nur weniger dauerhaft, während ihres Nomadenlebens begnügen sie sich aber mit den primitiven Hütten der im gleichen Gebiet lebenden Bukat. In ihrer Kleidung, Tätowierung und Bewaffnung ähneln sie sowohl den Bahau als den Punan.
Es fiel mir auf, dass ihre Männer besonders kräftig gebaut und gross von Wuchs waren, einige erreichten eine Höhe von 1.75 bis 1.80 m; die Frauen dagegen waren eher klein von Gestalt. Auch in Hautfarbe, Haaren u.s.w. zeigen sie Verwandtschaft mit den Bahau und Punan.
Am Abend des 15. September kehrten von unseren Trägern zuerst die Ma-Suling mit dem Bericht zurück, man habe das Gepäck bis an den Fuss des Bergrückens, der auf die Wasserscheide führte, gebracht und dort die drei Malaien und zwei Bukat als Bewachung zurückgelassen; ferner, _Akam Igau_ und die Seinen seien weiter an den Mahakam gezogen. Da _Demmeni_ nun auch so weit war, dass er, mit einigen Vorsichtsmassregeln gegen neue Strapazen, weiter ziehen konnte, legten wir uns in der angenehmen Voraussicht, dass die langen, eintönigen Tage nun ein Ende erreicht hatten, schlafen. Zwar regnete es viel und der Bungan musste schwer zu passieren sein, aber dass dies doch möglich war, bewies die Ankunft der übrigen Träger am folgenden Morgen.
Unsere freudige Stimmung wurde leider bald gründlich gedämpft. Auf meine Frage, wie viel Reis man bis an den oberen Betjai gebracht hatte, erfuhr ich zu meinem grossen Schrecken, dass von dem ganzen grossen Vorrat, den sie mitgenommen hatten, nur sechs Säcke übrig geblieben waren und dass wir uns somit gänzlich auf den kleinen Rest, den wir bei uns zurückbehalten hatten, angewiesen sahen. Eine Stunde lang kämpfte ich mit mir selbst, um meine Entrüstung nicht zum Ausbruch kommen zu lassen, denn in dieser kritischen Lage bedeutete eine schlechte Stimmung der Kajan ein Missglücken des Zuges zum Mahakam. Trotz all meiner ernsten Fürsorge vom Beginne an hatte ich nun doch nicht genügend Proviant für mein Personal.
Wie solche Mengen Reis hatten verschwinden können, darüber konnte oder wagte man mir keinen Aufschluss zu geben. Die älteren Männer schoben die Schuld auf die vielen _deha njam_ (= jungen Leute), welche, der langen Reisen und der Sorge für die Zukunft nicht gewöhnt, unterwegs so viel Reis verzehrt hätten; die anderen wiederum behaupteten, sie hätten viel nass gewordenen Reis wegwerfen müssen. Trotz dieser Erklärungen blieb mir die Sache rätselhaft, da ich nicht voraussetzen wollte, dass sie den Reis für ihre Rückreise im Walde verborgen hatten. Eine Erklärung der Tatsache konnte den Reis übrigens auch nicht wieder herbeischaffen, und so rief ich denn die Häuptlinge zusammen, um mit ihnen zu überlegen, was weiter zu tun sei. Durch die Sorglosigkeit ihrer Untergebenen hatten wir nun nicht einmal für die Reise bis zum Howong genügenden Proviant, trotzdem erhob keiner seine Stimme gegen eine Fortsetzung des Zuges. Das war schon viel, denn die Häuptlinge wussten sehr wohl, dass wir nun in Eilmärschen den Landweg zurücklegen mussten, dass von Ruhetagen keine Rede sein konnte und vom Gepäck auch nichts zurückbleiben durfte. Die Vertrautheit der Häuptlinge mit der Umgegend eröffnete eine Aussicht, aus der schwierigen Lage herauszukommen. Sie schlugen mir zuerst vor, den Bungan Dajak ein Batatenfeld, das doch von Wildschweinen abgeerntet wurde, abzukaufen; auch sollte ich ihnen an der Wasserscheide einen Tag frei geben, da sie in der Umgegend einige Stellen kannten, an denen man wilden Sago sammeln konnte; ausserdem wusste ich, dass meine Leute für den äussersten Notfall alle _kertap_, den fein gestossenen Klebreis, in ihren Tragkörben mitgenommen hatten.
Eine andere Schwierigkeit bestand darin, dass wir uns auf der Wasserscheide längere Zeit aufhalten mussten, um den zurückgelegten Weg am Mahakam messen zu können. Das war unbedingt nötig, da sonst die ganze topographische Aufnahme des Mahakamgebietes in Verbindung mit derjenigen des Kapuasgebietes überhaupt nicht stattfinden konnte.
Um so schnell als möglich von den Pnihing am Howong Hilfe zu erlangen, erschien es mir am geratenster, das Prinzip des Zusammenbleibens der Europäer und der meisten Malaien zunächst aufzugeben. Nach allgemeiner Beratung wurde daher beschlossen, am folgenden Morgen gemeinschaftlich aufzubrechen und an diesem Tage noch beisammen zu bleiben, um zu sehen, ob alles gut ging, und vor allem, ob _Demmeni_ folgen konnte; war dies der Fall, so sollte ich mit _Bier_ und einigen tüchtigen Männern in Eilmärschen vorausziehen, während der Kontrolleur _Barth_ mit _Demmeni_ dafür sorgen sollte, dass der Nachschub alles Gepäck bis zur Wasserscheide brachte. Hierdurch hoffte ich zu erreichen, dass, bis alle an die Wasserscheide gelangten, sowohl der Lekudjan erstiegen als mit der Messung des Weges begonnen worden war.
Trotz ihres guten Willens zur Weiterreise nahmen die Träger am anderen Morgen nur zögernd unser Gepäck auf den Rücken; kindischer Weise sahen sie sich um, ob die Leute des einen Dorfes nicht am Ende etwas weniger zu tragen bekamen, als die eines anderen, auch kamen sie mit den eigenen Dorfgenossen aneinander. Da unsere Malaien wenig Einfluss auf die Kajan hatten, mussten der Kontrolleur und ich schliesslich selbst alle Kisten, Reispacken, unsere Matratzen und Zeltdecken unter sie verteilen und am Ende noch hier einen Kochtopf und dort eine Lampe in den verschiedenen Tragkörben unterbringen lassen. Nachdem alle gegessen hatten, begannen sie doch eifrigst ihre Tragkörbe in Ordnung zu bringen.