Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 23
Hier hatten die drei Wächter bereits eine Leiter zur Ersteigung des hohen Uferwalls und Gerüste für unsere Hütten hergestellt, so dass nur noch das Segeltuch aus den Böten geholt zu werden brauchte, um uns ein schützendes Obdach vor dem Sturzregen zu verschaffen; bei hungrigen und ermüdeten Menschen ruft der Regen auch in den Tropen eine sehr unangenehme Stimmung hervor. Für uns Europäer gab es aber so viel Interessantes zu hören, dass nach dem Wechsel der nassen Kleider die letzten Unannehmlichkeiten bald vergessen waren.
Mehr als drei Wochen hatten die Wächter allein, mitten in diesem nur von den nomadisierenden Stämmen der Bukat und Bungan Dajak durchzogenen Urwäldern, zugebracht; sie hatten sich aber nie geängstigt. Bereits wenige Tage nach ihrer Ankunft hatte sich das Gerücht von ihrer Anwesenheit mit so vielen guten Esswaren auch in diesen weiten Wäldern verbreitet. Erst waren ein paar Bunganmänner auf Kundschaft gekommen und, nachdem man sie freundlich empfangen hatte, folgten bald auch Frauen und Kinder, die alle ein Geschenk an Reis und Tabak erhielten, das für sie einen ganz besonderen Glücksfall bedeutete. So gestaltete sich den drei Männern die Einsamkeit noch erträglich und die Ungeduld wurde ihnen nicht zu quälend.
Da in den letzten Jahren alles niedrigere Gehölz der nächsten Umgebung von vorüberreisenden Gesellschaften zum Bau von Lagern gefällt worden war und unser zahlreiches Geleite es zu mühsam fand, Holz von weiter her zu beschaffen, übernachteten sie in sehr primitiven Hütten auf den Geröllbänken unten im Fluss. Auf einen trockenen Abend folgte aber eine nasse Nacht. Wir schliefen noch nicht lange, als wir von einer allgemeinen Unruhe am Flussufer geweckt wurden. Der Regen vom Nachmittag musste auch in einem Teil des Stromgebietes des oberen Bulit gefallen sein; denn das Flüsschen stieg innerhalb einer halben Stunde um zwei Meter und seine Wassermassen überfielen plötzlich die Schläfer auf der Bank.
Die Gesellschaft musste so schnell nach oben flüchten, dass einige ihr Hab und Gut nicht mehr in Sicherheit bringen konnten und zusehen mussten, wie ihre Tragkörbe mit dem so kostbaren Inhalt von dem Strome fortgerissen wurden. Während des folgenden Tages stieg und fiel das Wasser abwechselnd. An eine Fahrt auf dem Bulit war nicht zu denken, daher widmeten wir uns ganz dem Ordnen des Gepäckes, das uns, seines Umfanges wegen, trotz der ansehnlichen Trägerzahl für den Landtransport viel Schwierigkeiten verhiess. Daher kam _Akam Igau_ mit dem Vorschlag, nicht wie auf der letzten Reise südlich vom Berge Lekudjang zum Penaneh zu ziehen, sondern durch das Tal des oberen Bungan und seines Nebenflusses, des Betjai, nördlich vom Lekudjang, den Howong, einen Nebenfluss des Mahakam, zu erreichen. Der Weg über den Penaneh führte nämlich über die zahlreichen Bergrücken, welche die südlichen Quellflüsse des Bungan trennen, ausserdem waren die Pnihing, die früher am oberen Penaneh wohnten und uns auf der Reise 1896 die erste Hilfe im Mahakamgebiet geleistet hatten, inzwischen an einen weiter unter am Fluss gelegenen Ort gezogen, so dass wir diesmal einen viel weiteren Weg selbständig zurückzulegen gehabt hätten als damals.
Um an den Howong zu gelangen, konnten wir erst dem Bungan und dann dem Betjai bis zur Wasserscheide folgen, hatten diese dann auf bequemem Pfade zu überschreiten und zum Howong hinunterzusteigen. Dort wohnte seit langer Zeit ein Pnihingstamm, der uns beim Transport helfen und nötigenfalls auch mit Reis versehen konnte.
In Anbetracht dass auch _Georg Müller_ im Jahre 1825 diesem Weg, allerdings in umgekehrter Richtung, gefolgt war und dass er überdies für mich neu war, ging ich gern auf _Akam Igaus_ Vorschlag ein, und wir beschlossen, nur bis zum _pangkalan_ (Halteplatz beim Beginn des Weges zum ...) Howong den Bulit aufwärts zu fahren und nicht, wie in den Jahren 1894-1896, erst vom_ pangkalan_ Mahakam aus den Landzug zu beginnen.
Gegen Abend fiel das Wasser ständig und wir hofften, unsere Fahrt am anderen Morgen auf dem nur 15 m breiten Flüsschen bei einer für unsere Böte genügenden Tiefe des Wassers fortzusetzen.
Alles auf einmal zu transportieren war jedoch unmöglich, daher sollten der Sergeant _Duni_ und ein Schutzsoldat _Bajan_ mit einigen kranken und auf der Reise verwundeten Kajan beim Reis zurückbleiben und später vom _pangkalan_ Howong aus abgeholt werden.
Am ersten Tage begegneten wir Bungan Dajak, die auf der Reise nach Putus Sibau begriffen waren. Sie zeigten sich anfangs scheu, obgleich ich bereits auf der früheren Reise mit ihnen verkehrt hatte. Augenscheinlich fürchteten sie unseren Zorn, weil sie den Malaien _Adam_ ermordet hatten. Ich wusste aber, dass dieser _Adam_, ein aus Serawak entflohener Bandit, diese schwachen Stämme entsetzlich betrogen hatte, dass er sich sogar als Repräsentant der Regierung aufgespielt und sich als solcher vieler vom Mahakam stammender Güter bemächtigt hatte; ausserdem hatte er im Jahre 1896 alles getan, damit unsere Expedition von den Mahakamstämmen schlecht empfangen würde. Ich beruhigte die Leute über die Folgen ihrer Tat und beschloss, um Zeit für die Erneuerung unserer Bekanntschaft zu gewinnen, erst kochen und das Nachtlager aufschlagen zu lassen. Nachdem sich die Bungan beruhigt hatten, erzählten sie mir, dass _Adam_ sehr schlecht gegen sie gewesen sei. Als sie einst gemeinsam von Putus Sibau, wohin sie sich begeben hatten, um Handel zu treiben und den Kontrolleur zu sprechen, zurückkehrten, liess _Adam_ nicht zu, dass sie die mitgebrachten Waren in ihre Hütten brachten, sondern zwang sie, einen Teil ins Wasser zu werfen. Einen kleinen Knaben, der noch etwas von den Schätzen retten wollte, verwundete er mit dem Schwerte, worauf dessen älterer Bruder einen vergifteten Pfeil auf ihn abschoss. Nun fassten auch die anderen Mut und beschossen ihn mit Pfeilen; sie wagten aber nicht, sich ihm zu nähern, und so hatte er noch Zeit gehabt, sich bis zu einer Felsenhöhle fortzuschleppen, wo er sein Leben endete.
Die Bungan besassen keine guten Böte und baten mich daher um eines der unseren, von denen wir ohnehin einige zurücklassen mussten; denn meine Kajan hatten für ihre Rückkehr nicht so viele nötig. Ich sagte ihnen ein Boot zu unter der Bedingung, dass sie beim Transport unserer Güter längs des Bulit bis zum Bungan behilflich sein sollten, worauf sie hauptsächlich wegen der zu erwartenden guten Reismahlzeiten eingingen.
Wir befanden uns hier inmitten einer interessanten Bergformation. Bereits an der Mündung des Bulit bemerkte ich einen weissen Kalkstein, weiter aufwärts wurden die Kalksteine immer zahlreicher, bis wir, nach einer Fahrt von einigen Stunden, zu beiden Seiten des Bulittales steile, 150-250 m hohe Kalkberge auftauchen sahen. Beim ersten Blick erinnerten ihre überhängenden Wände im unteren Teil an die Tufflager im Mandaigebiet, aber die unregelmässigen Höhlen und tiefen Klüfte hoch oben benahmen mir bald den Irrtum. Über eine Geröllbank klimmend, auf der einige Felsstücke anderer Formation mit ausgesprochener Schichtung hervorragten, gelangten wir bald an den Fuss eines der Berge. An der Seite, wo wir standen, hing eine 60 m hohe Felswand über uns, die an den Stellen, wo nicht Moose und Algen eine rote, braune oder graue Farbe hervorgerufen hatten, bräunlich weiss war. Zahlreiche, bis ein Meter lange Bienennester, deren Bewohner auf diese Entfernung kaum sichtbar waren, hingen von den Wänden wie von Gewölben herab.
Der untere Teil der überhängenden Wand war, infolge der Erosion des durch die poröse Kalkmasse dringenden Wassers, in tiefe, breite Gruben und Spalten zerklüftet, die ganz unten zu Höhlen anwuchsen, an deren Eingang wir prachtvolle Stalaktiten bewunderten. Aussen waren diese bewachsen und dunkel gefärbt, an der inneren Seite waren sie aber schön weiss geblieben.
Ausser zahlreichen Schmetterlingen und Bienen, die das an vielen Stellen durchsickernde Wasser aufsaugen, beobachteten wir als Hauptbewohner dieser Höhlen nur Fledermäuse und Schwalben, von denen letztere essbare Nester bauen, die am Mahakam einen wichtigen Ausfuhrartikel bilden. Auf dem Boden hatte sich im Laufe der Zeit eine dicke Guanolage gebildet, deren durchdringender Geruch sich weit in der Umgegend verbreitete.
Die Höhlen dienen den nomadisierenden Familien der Punan und der ihnen ähnlichen Bungan Dajak als Schatz- und Totenkammern.
Unser Geleite zeigte für die Kalkbildungen viel weniger Interesse als wir und nur einzelne wagten es, sich den Höhlen, welche ihre Phantasie mit einem Heer von Geistern bevölkert, zu nähern. Keiner war auch dazu zu bewegen, irgend etwas in der Umgebung anzurühren, und so begannen wir denn selbst mit einem Hammer einen Teil eines Stalaktiten abzuschlagen, um seine Bestandteile später untersuchen zu können. Er erwies sich als sehr porös; trotzdem kostete es viel Mühe, ein Stück abzutrennen. Der lange Stab tönte dabei wie eine Glocke, wir hörten aber aus Furcht, das ganze Stück auf unsere Köpfe zu bekommen, bald mit diesem gefährlichen Glockenspiel auf.
Um eine gute photographische Aufnahme machen zu können, musste ein Baum gefällt werden. Während wir mit dem Aufsuchen eines geeigneten Standplatzes beschäftigt waren, verschwand, aus abergläubischer Furcht, einer der Kajan nach dem anderen, und von den drei übriggebliebenen wagte keiner, den Baum zu fällen. Ich ergriff daher ein Dajakbeil und machte mich selbst an die Arbeit. Einem danebenstehenden Pnihing wurde die Situation allmählich doch peinlich und, nachdem er sich überzeugt hatte, dass ich immer noch lebend auf meinen Beinen stand, überwand er seine Angst und nahm mir die Arbeit ab, die er sicher in einem Zehntel der Zeit vollführte.
KAPITEL XI.
Ankunft am _pangkalan_ Howong--Unterhaltung im Lager--_Akam Igau_ zieht zum Mahakam voraus--Aufbruch eines Teils der Kuli zur Wasserscheide--Erscheinen von Bungan Dajak Besuch im Lagerplatz der Bungan--Rückkehr der Träger--verschwinden des leises--Landzug in Eilmärschen--Passieren des Bungan--Nahrungsnot--Lager unterhalb der Wasserscheide.
Bereits früh am folgenden Tage erreichten wir den _pangkalan_ Howong. Ida wir hier voraussichtlich einige Tage warten mussten, bis all unser Gepäck beisammen war, wurde ein festeres Lager als gewöhnlich aufgeschlagen. In kurzer Zeit wurden für uns und die verschiedenen Gruppen unserer Ruderer gute Hütten und für unsere Vorräte ein paar feste Schutzdächer aufgestellt.
Es zeigte sich, dass wir alles ohne Unglücksfälle und wenig beschädigt, in kürzerer Zeit als die vorigen Male, zu Wasser befördert hatten. Leider liessen die ungeschickten Punan noch im letzten Augenblick ein Boot, als es zwischen zwei Felsblöcken eingeklemmt sass, voll Wasser laufen. Die mit Harz verklebten eisernen Kisten trieben anfangs auf dem Wasser und konnten aufgefischt werden; sie mussten aber, da trotzdem Wasser eingedrungen war, doch ausgepackt werden. Unglücklicher Weise regnete es den ganzen Tag, so dass in der ohnehin feuchten Umgebung ein Trocknen kaum möglich war.
Unsere ganze Gesellschaft genoss übrigens die erzwungene Ruhe in dem angenehmen Gefühl, dass ein wichtiger und gefährlicher Teil der Reise bereits zurückgelegt war. Wie gewöhnlich verstanden die Kajan, die freie Zeit am besten zu benützen; sie hatten in ihren Tragkörben allerhand Arbeit mitgenommen, mit der sie sich während der langen Abende angenehm beschäftigten. Beim Schein einer kleinen Blechlampe schnitzte der eine ein neues Ruder, der andere einen Teller, ein dritter, Liebhaber feiner Arbeit, stellte einen Mandau-Schwertgriff her. Viele lagen auch neben einander und plauderten über die Tagesereignisse; trotz aller Anstrengungen der verflossenen Tage schien keiner ruhebedürftig zu sein. Wurde die Stimmung besonders heiter, so begann einer der älteren Männer, Couplets, welche die Stammesgeschichte behandelten, vorzutragen; in den Kehrreim stimmte die ganze Gesellschaft mit ein. Der Gesang wirkte auf die Dauer etwas eintönig, klang in dieser Umgebung aber doch anziehend und legte ein gutes Zeugnis für die Stimmung meiner Kuli ab; daher horchte ich mit Vergnügen, wenn mir nicht vor Müdigkeit die Augen zufielen. Wir Europäer hatten nämlich trotz unserer guten Lampen keine Lust gehabt, irgend etwas vorzunehmen und hatten uns früh schlafen gelegt.
Am anderen Morgen sandte ich einen Teil unserer Leute an die Mündung des Bulit zurück, um die dort mit dem Reisvorrat Zurückgebliebenen abzuholen. Abends langten alle und alles wohlbehalten bei uns an.
Hatten an dem einen Abend die Männer aus Tandjong Karang etwas vorgetragen, so begannen am folgenden die Leute aus Pagong sich hören zu lassen und zwar wieder auf ganz verschiedene Weise.
Da wir nun einmal unsere Reise so weit gefördert hatten, durfte ich mit Ruhetagen auch nicht mehr allzusehr geizen und liess daher meine Kajan nach ihrer Art geniessen.
Der Wald, in dem wir uns eben befanden, war von der Regierung, aus Furcht vor Zusammenstössen mit den Köpfe jagenden und Buschprodukte raubenden Stämmen aus Serawak, den Dajak noch nicht zur Ausbeutung frei gegeben worden und daher in seiner Unberührtheit besonders reizvoll. Die Gipfel der Bäume erhielten durch die wehenden, meterlangen Blätter der Rotangpalmen einen eigenen Schmuck; auch zeigten die Baumfarne hier zum ersten Mal ihr helles, spitzenartiges Laubwerk. Ein überall vorkommender Baum, dessen weisse Blüten die Geröllbänke bedeckten und das ganze Flusstal mit ihrem herrlichen Duft erfüllten, schien auch auf eine grosse Menge Insekten sehr anziehend zu wirken: Zahllose Arten Fliegen, Bienen und Wespen umschwärmten die Blüten und da, wo die Sonnenstrahlen einen Durchgang fanden, schwebten Gruppen eigenartig schöner Schmetterlinge. Es fiel uns aber auf, dass sich unter diesen im Ganzen wenig neue Arten befanden, während die Nachtschmetterlinge und die übrige Insektenwelt uns abends durch ihren Reichtum in Erstaunen versetzte. Der Schein unserer Lampen lockte aus der dunklen Umgebung zahllose kleine Nachtfalter herbei, die sich an der hellen Innenseite unserer Dachbedeckung niederliessen und uns durch ihre unbeschreibliche Mannigfaltigkeit in Formen und Farben erfreuten. Fingen wir die sitzenden Tierchen mit dem weiten Hals einer Flasche mit Cyankalium auf, so fielen sie von selbst hinein und wir konnten sie nach Belieben bewundern. Matte und metallglänzende Farben auf dem verschiedensten Grunde und in den schönsten Zeichnungen erfreuten das Auge; unser Entzücken erregte aber ein sehr grosser Falter mit weissen Atlasflügeln, deren Ränder mit den zierlichsten Arabesken aus Gold geschmückt waren. Leider liess sich gerade dieser Falter nicht fangen, er war, wie auch die anderen grossen Arten, sehr scheu und zeigte sich nur auf Augenblicke. Auch das Aufstellen von Lampen im Walde führte zu keinem befriedigenden Ergebnis.
Die Kajan hatten für dergleichen weder Auge noch Zeit und zogen beinahe alle in den Wald hinein. Die Punan gingen mit ihren Hunden auf die Jagd; einige Kajan suchten _aka klea_, eine Liane, um mit ihren Fasern unsere Fischnetze auszubessern, die beim Auswerfen auf dem mit totem Holz und Steinen bedeckten Grunde des Flusses stark gelitten hatten; wieder andere begaben sich auf den Fischfang.
Dank dem Fischreichtum dieser Flüsse stand unserem Geleite stets reichlich Fischfleisch als Zukost bei seinen Reismahlzeiten zur Verfügung. Das brachte mich auf den Gedanken, von allen Arten kleine Exemplare zu konservieren; eine derartige Sammlung, verglichen mit einer zweiten aus dem Mahakamgebiet jenseits der Wasserscheide, musste von Interesse sein. Ich suchte daher, wenn die Fischer abends ins Lager zurückkehrten, kleine, unverletzte Fische aus und legte sie in die hiefür mitgenommenen Flaschen in 20 % ige Formalinlösung. Auch sorgte ich dafür, dass meine Sammlung durch die besonderen, kleinen Arten der Fische der kleinen auf 500-600 m Höhe gelegenen Bergbächen bereichert wurde. Ich hatte bereits auf meiner vorigen Reise eine grosse Anzahl Fischarten sammeln lassen, aber aus Mangel an gut schliessenden Flaschen verdarb ein grosser Teil auf der weiteren Reise.
Unser schön tätowierter Beketan, namens _Ganilang_, benützte die Musse, um sich an Stelle seines baumwollenen Lendentuches, das durch das ständige Nasswerden in Wasserfällen und Strudeln stark gelitten hatte, eines aus Baumbast herzustellen. Er suchte zu diesem Zwecke einen ihm bekannten Baum aus, entkleidete ihn auf 4 m Länge seiner Rinde und begann mit seinem Mandau-Messer, die Rinden- und Bastteile von einander zu trennen. Den ungefähr 4 m langen, 3 dm breiten und 1 bis 1 1/2 cm dicken, weissen Baststreifen, den er erhielt, rollte er von beiden Enden aus so fest als möglich zusammen und klopfte ihn darauf mittelst eines mit Einkerbungen versehenen Holzstückes mürbe. Indem er das Bündel immer steifer aufrollte, gelang es ihm, die Fasern aus einander zu pressen und den Streifen dadurch zu verbreitern. Nach mehrstündiger Arbeit erhielt er einen 4 m langen und 8 dm breiten, dünnen, biegsamen Lappen, aus dem durch Klopfen beinahe alle weicheren Teile entfernt worden waren. Zur Nacht band ihn _Ganilang_ an einen Baumstamm in stark strömendem Wasser, wodurch vollends der Rest der weichen Teile ausgespült wurde; nach dem Trocknen bildete der Bastlappen ein hellbraunes, praktisches Lendentuch. Kleidungsstücke aus guten Bastarten können monatelang getragen werden.
Die jüngsten unserer Männer verfolgten inzwischen ganz andere Interessen. Im Gegensatz zu meiner vorigen Reise, wo _Akam Igau_ dafür gesorgt hatte, dass sich hauptsächlich kräftige, kriegstüchtige Männer an unserer Expedition beteiligten, befanden sich diesmal viel jüngere Personen, welche das achtzehnte Jahr kaum erreicht hatten, unter unserem Geleite. Ich betrachtete ihre Gegenwart als ein Zeichen von Vertrauen, das man dem Wohlgelingen unserer Unternehmung entgegen brachte, und, da sie sich unterwegs in den Böten gut gehalten hatten, sah ich die fröhlichen, geschmeidigen jungen Männer gern um mich. Für viele bildete dieser Zug, gleichwie für _Adjang_ und _Djawè_, das erste grössere Unternehmen, das sie mitmachten, daher sollten sie bei ihrer Rückkehr unter die erwachsenen Männer des Stammes aufgenommen werden. Vorher mussten sie sich aber, der Sitte gemäss, den _utang_, das Stäbchen, anlegen lassen, welches als Zeichen erreichter Männlichkeit durch die glans penis getrieben und während des ganzen Lebens nicht abgelegt wird. Zu Hause schämen sich die jungen Leute zu sehr vor den Frauen, um dergleichen Manipulationen mit sich vornehmen zu lassen, daher benützen sie lieber eine Reisegelegenheit dazu. In der Besorgnis, dass uns am Ende ein Aufenthalt verursacht werden könnte, war ich über die Nachricht, dass einige bereits den Ruhetag an der Mündung des Bulit und andere den Abend zuvor zur Ausführung der Operation benützt hatten, nichts weniger als erfreut. Obgleich die Operation sehr wenig aseptisch vorgenommen wurde, zeigte sich doch nur in einem Fall eine unangenehme Entzündung; heftige Blutung kam überhaupt nicht vor, auch wurden die jungen Leute dadurch nicht an der Arbeit gehindert; nur ab und zu sah ich einen von ihnen mit schmerzhaft verzogenem Gesicht in einer kühlen Bergquelle sitzen, was ihm augenscheinlich Linderung verschaffte.
Wohl aus Rücksicht auf diese Verhältnisse zeigten _Akam Igau_ und _Tigang_ am folgenden Morgen wenig Lust, den Landzug zu beginnen: da ich aber nicht wusste, wie lange wir noch von unserem Reisvorrat zu leben hatten, hielt ich Eile für geraten und begann, als die Kajan zögerten, mit den Malaien den Reis- und Salzproviant, der vorausgetragen werden sollte, unter die verschiedenen Häuptlinge, je nach der Anzahl ihrer Leute, zu verteilen. Als uns darauf einige der Bungan Dajak, die wir, wie früher mitgeteilt, als Träger und Wegweiser zum Bungan in Dienst genommen hatten, zu Hilfe kamen, rafften sich schliesslich auch die Kajan auf. Zwar blieben hie und da einige in den Hütten zurück und andere begannen mit dem Transport ihrer eigenen Sachen, aber die meisten machten sich doch auf den Weg.
Tags zuvor hatte ich einige Bungan Dajak als Kundschafter und Träger an den Bungan vorausgeschickt; sie kamen jetzt mit der Meldung zurück, der Wasserstand im Bungan sei so hoch, dass man diesen nur mittelst über den Fluss gespannter Rotangseile habe passieren können, auch habe man das Gepäck noch vor der Mündung des Betjai unterbringen müssen; erst am folgenden Tage sollten sie bis an den Betjai geschafft werden.
Der Bericht klang zwar nicht ermutigend, ich hatte aber ohnehin eingesehen, dass wir nicht sogleich weiter konnten, weil sich bei _Demmeni_, der seit dem ersten Tage unserer Ankunft an Malaria litt, noch immer keine Besserung zeigte; gegen Abend kehrte das Fieber stets zurück und liess sich auch nicht durch 2 g murias chinini, die er 8 Stunden vor dem Anfall, innerhalb einer halben Stunde, einnahm, niederschlagen. Da man den Patienten unmöglich über Land transportieren konnte und auch eine Rückreise für ihn nichts Gutes versprach, in Anbetracht, dass es mindestens acht Tage dauern musste, bevor er in Sintang ärztliche Hilfe finden konnte, musste ich versuchen, ihn an Ort und Stelle zu kurieren. Ich brachte daher den Patienten zu Bett und erhöhte die Chinindosis von 2 auf 3 Gramm mit dem Erfolge, dass sich der Kranke zwar schwindelig fühlte, die Temperatur aber nicht mehr stieg. Als am folgenden Tage 2 g Chinin wiederum kein genügendes Resultat ergaben, beschloss ich, noch einige Tage mit strenger Bettruhe und 3 g Chinin fortzufahren. Obgleich diese Behandlung _Demmeni_ durchaus nicht angenehm war, überstand er sie doch mutig, überzeugt, dass er nur auf diese Weise wieder marschfähig werden konnte.
Wir benützten die Wartezeit, um unser Hab und Gut, das während der Reise doch mehr oder weniger feucht geworden war, auf hoch gelegenen Geröllbänken zu trocknen. Einige Packen Seidenstoffe waren durch die Feuchtigkeit gänzlich entfärbt worden, obgleich sie sich in eisernen, mit Harz verklebten Kisten befunden hatten; derartige kostbare Artikel hätten in besonderen, verlöteten Blechkisten aufbewahrt werden müssen.
Den im Lager zurückgebliebenen Malaien hatte ich aufgetragen, auf verschiedene Weise Fische zu fangen; der Erfolg war aber, da die Träger das feinmaschige Wurfnetz mitgenommen hatten, gering.
Mittags kehrte die Trägergesellschaft zurück und bestätigte die Meldung der Bungan Dajak, dass der Weg längs dem Bungan sehr beschwerlich sei. Ferner hatten sie die in diesem Gebiete liegenden Niederlassungen einiger Bungan Dajak erreicht. Deren Häuptling _Lakau_ war mir von der vorigen Reise her bekannt und trug die unmittelbare Schuld an dem Tode des Malaien _Adam_. Diese Bungan hatten meinen Kajan beim fragen nicht helfen wollen, trotzdem sie ihre Reisfelder bereits besät hatten. Ihre Weigerung erklärte sich aus der bei ihnen herrschenden Hungersnot, die sie dazu trieb, ihre Reisfelder zu verlassen und irgendwo am Bulit Waldfrüchte zu sammeln; sie zogen daher mit Frauen und Kindern aus, ihre Felder der Sorge der Natur überlassend.