Quer Durch Borneo; Erster Teil

Chapter 18

Chapter 183,398 wordsPublic domain

Da holte _Tipong_ mit den anderen Priesterinnen einen grossen Behälter mit _kawit_ herbei, erwärmte sie zum Schein, steckte sie in kleine Bambusgefässe und stellte diese zerstreut auf dem Felde auf. An jeder Stelle, wo ein solches Opferpäckchen niedergelegt wurde, blieb _Tipong_ mit zwei Oberpriesterinnen stehen und redete halblaut mit den Geistern. Leider konnte ich wegen der lauten Schläge der Gonge nichts von ihrem Gemurmel verstehen.

Darauf folgte die Aufrichtung des Opfergerüstes unter der pyramidenförmigen Hülle: fünf _dajung_ knieten vor der Öffnung; die älteste nahm aus einem Behälter die von den Männern geschnitzten Hölzer und stellte sie so zu einem _pelale_ auf, wie es in dem Kapitel über Gottesdienst beschrieben worden ist. Über das Ganze setzte sie ein Dach, das gleichzeitig dazu diente, zwischen den vier, oben herausragenden, kleinen Stützbalken eine grosse Anzahl _kawit_ zu tragen. Rings um das Gestell wurde etwas Hühnerblut gegossen und einige Reiskörner gesät, worauf die Öffnung der Hülle mit ein paar Holzstücken geschlossen wurde. Auch hierbei musste die Priesterin den Geistern eine lange Rede halten, die erst beendigt wurde, nachdem ein paar Bambushalme und Fruchtbaumzweige rings herum in den Boden gepflanzt worden waren. Einige geschlachtete Küchlein, einige Eier und kleine Bambusgefässe mit Schweineblut wurden als weitere Opfer für die Geister an die Zweige gehängt.

Hiermit war die eigentliche Zeremonie beendigt; die Teilnehmer waren aber noch nicht befriedigt; besonders trachteten die Mütter kleiner Kinder von dem aussergewöhnlichen Einflusse, der von dem Opfergestell ausströmen musste, für ihre Kleinen Nutzen zu ziehen. Zuerst wurde uns der Behälter mit den übriggebliebenen _kawit_ gereicht, um unsere Hand hineinzustecken und darauf eine Schüssel mit Wasser. Durch beide Handlungen sollte unseren Seelen etwas Angenehmes erwiesen werden.

Hierauf verteilte man _kawit_ unter die Frauen, die sich mit den Kindern auf den Tragbrettern oder mit diesen allein zum Opfergerüst begaben; unter Hersagen einiger Worte liessen sie den guten Einfluss des _pelale_ auf die am Tragbrett hängende Schlinge übergehen und legten dann eine _kawit_ neben ihm auf den Boden nieder. Mit dem Befestigen einer _kawit_ am Tragbrett erreichte die Zeremonie ihr Ende.

Erst im letzten Augenblick traf _Ju_, der älteste Sohn des Häuptlings (_Akam Igau_ hatte ihn seltsamer Weise, wie er angab, um ihm ein glücklicheres Dasein zu verschaffen, in Bunut Malaie, d.h. Mohammedaner werden lassen), mit seiner Frau ein, so dass ich, sehr befriedigt über meine Beharrlichkeit, mit der Gesellschaft heimkehrte.

Am ersten Tage des Saatfestes darf die ganze Bevölkerung, die sehr jugendliche und sehr alte abgerechnet, von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends nicht baden (_pongan);_ hierauf folgt eine 8 nächtliche Ruhezeit (_melo)_, in der man weder arbeiten noch mit seiner Umgebung verkehren darf. Am 10ten Tage, dem ersten einer zweiten Periode von einem Tage und acht Nächten, folgt, wie am ersten, das _pongan_, das Badeverbot. In der folgenden, achtnächtlichen Periode wird das grosse, eigentliche Reisfeld besät. Am roten Tage gilt wieder das _pongan_, diesmal ohne folgendes _lali_, und mit einem weiteren _pongan_ am loten Tage ist die Zeit der Reissaat abgelaufen.

Ausser dem grossen Festmahl am ersten Tage des Saatfestes und dem zweiten für die geringeren Leute am folgenden Tage haben die Kajan in der ersten Periode der Abgeschlossenheit noch allerlei andere Gelegenheit, um sich zu unterhalten. Sie lassen sich durch das erzwungene Niederlegen von Hammer und Beil, durch das Verbot, abends oder nachts ausser dem Hause zu verweilen, und durch die Abwesenheit von Fremden die Laune nicht verderben. Die Männer finden auch zu Hause in ihren Schnitz- und Flechtarbeiten, die Frauen in ihren geliebten Perlenarbeiten angenehme Beschäftigung. Ausserdem haben die jüngeren Leute mit den Vorbereitungen zu der am Ende der ersten Verbotszeit stattfindenden Maskerade viel zu tun.

Die Masken der Männer und die der Frauen sind ganz verschieden, stellen aber alle die bösen Geister dar. Die entsetzlichen Köpfe und lang behaarten Leiber, welche sie den Dämonen zuschreiben, veranschaulichen die Männer durch hölzerne Gesichtsmasken (_hudo kajo_) und fein zerschlitzte Bananenblätter, die sie sich um den Leib wickeln. Die Frauen verfertigen sich Masken aus Tragkörben (_hudo adjat)_, indem sie diese cylinderförmigen, aus feinem Rotang geflochtenen Körbe mit weissem Kattun, auf den mit grossen Stichen ein menschliches Antlitz genäht ist, überziehen; zu beiden Seiten des Korbes befestigen sie die grossen Ohrgehänge der Kajan. Der Korb wird mit der Öffnung nach unter auf den Kopf der Trägerin gestülpt und diese bis zur Unkenntlichkeit mit Zeug umwickelt.

Während des Saatfestes unterhalten sich die Männer auch öfters mit dem Kreiselspiel (_pasing_). Die Kreisel sind oval, abgeplattet, glatt und 2 bis 3 kg schwer. Das Spiel besteht darin, dass einer den Kreisel (_asing_) seines Vorgängers mit dem seinigen aus dem Wege zu räumen versucht und zwar so, dass der eigene Kreisel sich dabei stets weiter fortdreht, bis auch er das Opfer des folgenden wird. Die älteren Männer benützen bisweilen mehrere Kilo schwere Kreisel aus Eisenholz; meist werden für die Festlichkeit neue Kreisel geschnitzt. Stets fand sich abends auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung eine Gesellschaft junger, bis 30 Jahre alter Männer ein, die vor den weiblichen Zuschauern auf der Galerie in Kraftentfaltung und Geschicklichkeit mit einander wetteiferten.

Der achte Tag bot den Kajanmägen wieder etwas Besonderes, nämlich ein Festmahl mit dem beliebten Klebreis als Hauptgericht.

Am folgenden Tage sammelten die Frauen allerhand essbare Blätter in ihren Gärtchen und auf den Feldern. Wie bei allen religiösen Festen, dienten zum Kochen auch dieser Blätter frische grüne Bambusgefässe. Gegen Abend fuhren die Frauen ans jenseitige Ufer und besprengten die Erde des geweihten Reisfeldes mit dem Wasser, in welchem die Blätter gekocht worden waren. Nachdem sie die geleerten Bambusgefässe zerschlagen und die Trümmer neben dem Opfergestell niedergelegt hatten, kehrten sie befriedigt nach Hause zurück.

Der Tag des zweiten _pongan_ war der Maskerade gewidmet. Gegen Abend begannen sich die Hausbewohner auf der Galerie vor der Häuptlingswohnung zu versammeln und sich ein Plätzchen, von dem aus sie die kommenden Dinge gut beobachten konnten, auszusuchen.

Zuerst erschienen einige in grüne Massen zerschlitzter Bananenblätter verwandelte Männergestalten mit Holzmasken und Kriegsmützen und begannen schweigend, nach dem Rhythmus der Gonge, in der Weise der Javaner beim "_tandak_", einen Tanz auszuführen. Es folgten noch mehr solcher Gestalten, von denen einige auch Kriegstänze nachahmten; infolge des grossen Gewichtes der Blättermassen ermüdeten sie jedoch bald, auch begleiteten sie ihre hohen Sprünge nicht mit Kreischen, wie bei den eigentlichen Kriegstänzen.

Bei Einbruch der Dunkelheit wurden diese Tänze von der aufregenden Vorstellung einer Wildschweinjagd abgelöst. Das Schwein stellte ein Mann dar, der sich einen aus Holz geschnitzten Schweinekopf aufgesetzt und einige Tücher umgebunden hatte; mit seinen gut nachgeahmten Bewegungen und Lauten machte er auch wirklich einen sehr schweineähnlichen Eindruck. Einige junge Leute funktionierten als Hunde, die den alten Eber zum Stehen gebracht hatten, und verursachten durch Anfallen, Zurückweichen und Kläffen einen entsetzlichen Lärm auf dem kleinen Platze. Die für gewöhnlich so ruhigen Kajan nahmen an dem Geschick des _bawui_ (Wildschwein) lebhaften Anteil; es herrschte ein buntes Durcheinander, das sich bei gelegentlichen Seitensprüngen des Schweines mitten unter die weibliche Jugend noch erheblich steigerte. Trotz der Wildheit des seltenen Schauspiels war auch bei den jüngsten bis einjährigen Zuschauern von Angst und Schrecken nichts zu merken; aus aller Mund klang mir lautes, herzliches Lachen entgegen.

Dem Auftreten der jungen Mädchen mit ihrem _hudo adjat_ ging eine obszöne Vorstellung eines Mannes voraus.

Mittags hatten mir bereits _Paja_, die zweite Tochter _Akam Igaus_, und deren Freundin mit viel Grazie vorgetanzt, um mich bei Tageslicht alles gut sehen zu lassen. Jetzt erschienen aber acht auf gleiche Weise verkleidete junge Mädchen. Beim trüben Schein der wenigen Harzfackeln und unter den sanften Tönen einer Art Mundharmonika, welche einer der Zuschauer spielte, gingen die Mädchen im Tanzschritt mit begleitenden Armbewegungen langsam hinter einander her. Nur zwei oder drei der Mädchen zeigten wirkliche Begabung zum Tanz und führten, für einen Kenner indischer Tänze, gefällige Bewegungen aus; die übrigen liefen mit eckigen, unverständlichen Gebärden nur so mit.

Mit einem letzten _pongan_ wurde die Zeit der Reissaat abgeschlossen und zugleich die des Jätens eingeleitet. Wir liessen uns nochmals, von der Wohnung des Häuptlings aus, mit einigen Priestern zum geweihten Reisfeld übersetzen. Dort wurden wiederum _kawit_ verfertigt und unter dröhnendem Geläut der Gonge und Gemurmel in altem Kajanisch auf dem Opfergerüst zu den alten, bereits vertrockneten, hinzugefügt.

Inzwischen hatte die älteste Priesterin _Usun_ mit einer Schaufel, an welche eine _kawit_ gebunden worden war, auf dem Platze rings um den _pelale_ gejätet, und nun begann auch die übrige Gesellschaft auf dem anderen Teil des Feldes zu jäten. Hierauf wurde das Feld nochmals mit einem Dekokt essbarer Blätter, in das wir vorher unsere Finger hatten tauchen müssen, besprengt und die Bambusgefässe zertrümmert zu den anderen gefügt. Nachdem die Kindertragbretter wieder mit _kawit_ versehen worden waren, konnten wir befriedigt das andere Ufer aufsuchen, Opfer und Feld den Sorgen der aufgerufenen Geister überlassend. Gleichwie diese an den Herrlichkeiten auf dem _pelale_, konnten wir uns zu Hause an einer Extramahlzeit von Klebreis, den die Frauen der Häuptlinge selbst gestampft hatten, erquicken.

So wurde jede weitere Behandlung des Reisfeldes mit religiösen und kulinarischen Zeremonien eingeleitet, während welcher der Gemeinde stets einige Nächte Verbotszeit und bestimmte Spiele vorgeschrieben waren. Wie wir gesehen haben, wurde während des Saatfestes Kreisel- und Maskenspiel vorgenommen; beim ersten Einbringen des Reises (_lali parei_) beschoss man einander mit Lehmpfropfen aus kleinen Blasrohren--früher fanden dabei auch noch Scheingefechte mit hölzernen Schwertern statt--; während des Neujahrsfestes sind bei den Männern Wettkämpfe im Ringen, Hoch- und Fernspringen und Laufen im Schwange. Auch mit den Frauen wird unter grosser Fröhlichkeit gekämpft, wobei mit Wasser gefüllte Bambusgefässe die Hauptwaffen darstellen.

Den Glanzpunkt des Jahres bildet bei den Kajan das _dangei_, das Neujahrsfest; die Ernte ist dann völlig eingebracht und in allen Familien herrscht Überfluss. Die schönsten Kleider, die während des ganzen Jahres sorgfältig aufbewahrt liegen, werden hervorgeholt und die ganze Bevölkerung lebt 8 Tage lang nur ihrem Vergnügen. Beim _nangei_ herrscht auch keine Verbotszeit, fremde Gäste sind im Gegenteil bei den Festen sehr willkommen. Alle wichtigen Familienereignisse, welche das Herrichten einer Festmahlzeit erfordern, werden in dieser Zeit des Wohllebens gefeiert: alle im Laufe des Jahres geborenen Kinder erhalten nun ihren endgültigen Namen; die bis dahin verschobenen Hochzeiten finden nun statt.

Die _adat_ hat Jungverheirateten übrigens für die ganze Zeit vor dem gemeinsamen Neujahrsfeste so viel Verbotsbestimmungen vorgeschrieben, dass junge Leute, schon um allen diesen Unbequemlichkeiten in den Flitterwochen zu entgehen, erst kurz vor dem Neujahrsfest heiraten.

Begreiflicher Weise wurde im langen Kajanhause bereits lange vor dem Feste von nichts anderem als von den kommenden Tagen gesprochen, und mancher opferte viele Mass Reis, um von den Malaien noch etwas besonders Schönes zur Ergänzung seiner Festkleidung zu erhandeln.

In grossen Mengen wurde alles, was für die Mahlzeiten und religiösen Handlungen erforderlich war, aus Wald und Feld zusammengebracht; die Männer holten in Böten Brennholz und frischen Bambus herbei, die Frauen gingen gebückt unter der Last grosser Körbe mit Bananenblättern, welche als Unterlage für den zu stapelnden Reis und als Material für die _pemali_ dienen sollten.

Am 2. Juni wurde es Ernst: aus der Wohnung des Häuptlings, der die ganze Leitung und die Hauptkosten des Festes auf sich zu nehmen hatte, zogen 4 Mann aus, um einen Fruchtbaum zu fällen und 4 Planken daraus zu hacken, welche den Priestern bei den heiligen Handlungen als Diele (_tasu nangei_) dienen sollten.

Diese 2,5 m langen Bretter tragen an den beiden zugespitzten Enden roh geschnitzte Menschenfiguren und werden von dem Häuptling bis zum folgenden _dangei_-Fest, wo sie durch andere ersetzt werden, aufbewahrt.

Die _dajung_, welche über die ganze Dauer des Festes Gäste der Häuptlingsfamilie sind, zogen, zehn an Zahl, bereits am Vorabend des _nangei_ in die Wohnung _Akam Igaus_ und verkündeten den Geistern aus _Apu Lagan_, dass das Neujahrsfest angebrochen sei.

Als Willkommgruss und zur Anlockung der Geister hatte man vor dem noch geschlossenen Dachfenster (_huwabw_) in der Häuptlingswohnung ein Bambusgefäss mit Esswaren befestigt und darunter alte Schwerter und Speerspitzen aus dem sehr geschätzten Eisen vom Balui oder Batang Rèdjang, von wo die Kajan es in früheren Zeiten mitgebracht hatten, aufgehängt. Aber nicht nur der Häuptling bereitete den Geistern einen festlichen Empfang, sondern aus allen Wohnungen der Wohlhabenderen wurden Tragkörbe mit kostbaren Gegenständen geholt und neben einander vor dem Fenster niedergesetzt, wo sie während der ganzen Festdauer verblieben.

Meine alte Freundin _Usun_ gab jedesmal an, bei welcher Familie ein solcher Korb geholt werden musste; sie schien aber trotz ihrer priesterlichen Würde profane Empfindungen nicht ablegen zu können. Sie lebte nämlich mit einer ihrer Nachbarinnen, _Anjè Do_, in Unfrieden, weil diese ihr im Handel mit religiösen Gegenständen mir gegenüber stark Konkurrenz machte, und suchte sich jetzt dadurch an ihrer Feindin zu rächen, dass sie deren Korb nicht holen liess. _Tipong Igau_ jedoch durchschaute den Gemütszustand der Alten und kam ihrem Gedächtnis zu Hilfe, so dass auch _Anja Do_s Korb zu seinem Rechte gelangte und wie die übrigen von den Frauen bei Fackellicht und unter Beckenschlag in die _amin_ des Häuptlings getragen wurde.

Nachdem alle Körbe mit ihren Herrlichkeiten beisammen waren, bedeckten sich die Priesterinnen die Brust mit einem Tuche, öffneten das Dachfenster und hielten alle gleichzeitig an die Geister von _Apu Lagan_ eine lange Ansprache, bei der _Usun_ immer den Anfang machte. Das Gleiche geschah aussen auf der Galerie unter dem zweiten, ebenfalls geöffneten Dachfenster. Die Bedeutung dieser Rede war die, dass die guten Geister von _Apu Lagan_, angelockt durch alles Schöne, das man ihnen in den Körben zum Opfer brachte (natürlich nur zum Schein), den Bitten der _dajung_ Gehör geben und durch das geöffnete Fenster in die Wohnung des Häuptlings eintreten und während der ganzen Festzeit im Stamme verweilen sollten.

Hierauf begannen die Priesterinnen um eine Kriegsmütze und einen Kriegsmäntel, die sie mitten auf eine Matte gelegt hatten, herumzulaufen; leider konnte ich wegen des ständigen Schlagens auf kupferne Becken nichts von ihrem Gemurmel verstehen.

Am 3. Juni fand das eigentliche Fest statt. Die Frauen begannen beizeiten für eine genügende Menge Klebreis zu sorgen, der in gedörrter Form als _kertap_, mit oder ohne Palmzucker, mit geräuchertem _tapa_ als Zuspeise, eines der beliebtesten Gerichte bildet. Die Männer beschäftigten sich inzwischen mit dem Aufrichten des _djehe nangei_ (Neujahrspfahl), den sie aus einem Fruchtbaum hergestellt hatten. Hierbei verfuhren sie folgendermassen: sie gruben auf dem Platze vor der Häuptlingswohnung ein Loch, in welches die Priesterinnen Reis, Fisch und Hühnerfleisch legten. Um diese Grube legten sie die vier _tasu nangei_ als Diele für die Priesterinnen, die während der heiligen Handlungen den Erdboden nicht berühren durften. Nachdem die Oberpriesterin acht Mal (der heiligen Zahl entsprechend) um die anderen, die zusammengedrängt ebenfalls auf den Brettern standen, herumgelaufen war, fing sie durch eine Bewegung mit einem Stück weissen Kattuns eine Seele, wahrscheinlich die des Fruchtbaumes, warf sie schleunigst in die Grube und schloss diese mittelst eines mit Bananenblättern überzogenen Rotangringes von der Grösse der Grubenöffnung; das Blatt hatte sie zuvor mit einem alten Schwerte durchstossen.

Unterdessen liess eine zur Seite kauernde _dajung_, um die Geister auf die wichtige Handlung aufmerksam zu machen, zwei Bambusstäbe rhythmisch auf eine Matte niederfallen. Bei den Tönen dieses _tekok_ berichtete die Priesterin den Geistern von den Festplänen ihres Stammes, von seinen Nöten und Wünschen. Die zwei männlichen Priester hoben hierauf das Bäumchen, stellten es mit dem Gipfel voran in die Grube und pflanzten es fest, so dass seine etwas bekappten Wurzeln 3-4 m über dem Boden zu stehen kamen. Zu diesem Bäumchen fügten andere Männer, in gleicher Reihe und in gleichen Abständen, noch 7 andere Bäumchen hinzu und pflanzten dann eine zweite Reihe von 8 Bäumchen dieser gegenüber, in ungefähr 1 1/2 m Entfernung. Beide Reihen wurden auf halber Höhe durch kleine Querbalken mit einander verbunden. An allen Bäumchen hatte man, etwas unterhalb der Wurzeln, eine Fläche mit 8 Einschnitten, deren Bedeutung mir unbekannt geblieben ist, angebracht. Auf die Querbalken wurden vier weitere Balken und auf diese die vier Bretter (_tasu nangei)_, die vorher den Boden bedeckten, gelegt; so entstand oben, zwischen den zwei Reihen Pfählen, ein gedielter Raum. Das ganze Gerüst war so gestellt worden, dass man mittelst einer Treppe bequem aus der Häuptlingswohnung in diese kleine Kammer gelangen konnte. Die Wände der Kammer wurden mit meterlangen, kunstvoll hergestellten Spähnen aus besonderem Fruchtbaumholze gefüllt und der Raum schliesslich mit Bambuszweigen leicht beschattet. Zum Schluss wurde das Opfergerüst, _dangei_ genannt, noch an den vier Seiten durch gekreuzte Balken gestützt und stand jetzt fix und fertig da. So bleibt das Gerüst nicht nur während der ganzen Festzeit, sondern auch während des ganzen folgenden Jahres stehen, bis Wind und Wetter es zum grössten Teil zerstören und sein Nachfolger es beim nächsten _nangei_ völlig verdrängt.

Nachmittags wurde unter dem _dangei_, bei dem zuerst errichteten Pfahl, ein gleicher _pelale_ (Opfergestell), wie der auf dem geweihten Reisfelde beim Saatfest, aufgestellt, diesmal mit weniger _kawit_. Statt dessen opferte man gegen 4 Uhr ein Ferkel, befestigte es an einem Querbalken und liess es dort hängen, bis es verweste.

Auch jetzt brachten die Mütter ihre Kleinen zum _pelale;_ zuerst erschienen die zwei ältesten Enkelkinder des Häuptlings, der jüngste auf seinem Tragbrett, schön geputzt mit einem Kopftuch aus chinesischer Seide; ebenso schön gekleidet war das junge Mädchen, das die _hawat_ auf dem Rücken trug. Der andere Enkel wurde, als zu gross, nur durch seine _hawat_ vergegenwärtigt, deren heilsamen Einfluss man später auf die übliche Weise auf ihn übertrug, indem man seinen Zeigefinger in einer am Tragbrett hängenden Schlinge hin- und herbewegte (_njina)_. Die beiden Trägerinnen der _hawat_ hatten, wie beim Saatfest, den von den vielen Opfergaben am _pelale_ ausströmenden guten Einfluss in den Schlingen aufgefangen, um den _bruwa_ der Knaben etwas Angenehmes zu erweisen.

Nach Sonnenuntergang fand für alle, die augenblicklich in der _amin_ des Häuptlings wohnten, also für Familienglieder im engeren Sinne, Leibeigene und Priesterinnen, eine gemeinsame _mela_ statt. Hinter ein ander begaben sich erst Männer, dann Frauen, dann Leibeigene und zuletzt die _dajung_ von der Galerie des Hauses auf die kleine Plattform des _dangei_, auf der eine Priesterin mit einem alten Schwerte stand. Die betreffende Person, mit der die _mela_ vorgenommen wurde, stellte einen Fuss auf einen alten Gong und die Priesterin bestrich ihren Arm von oben nach unten mit dem Schwerte. Je älter und vornehmer die Person war, desto länger wurde sie gestrichen. Alle hatten sich für diese Gelegenheit besonders schön gekleidet; die _dajung_ trugen ihre hübschen Brusttücher umgeschlungen. Als die _mela_ mit ihnen selbst vorgenommen wurde, setzten sie sich eine Kriegsmütze aufs Haupt, die vorn mit dem Kopfe des Rhinozerosvogels und hinten mit dessen Schwanzfedern geschmückt war. Den Priesterinnen wurden hauptsächlich Handflächen und Fusssohlen gestrichen. Zuletzt nahm auch die diensttuende _dajung_ auf dem Gong Platz und liess sich von einer anderen streichen.

Am Morgen des 4. Juni erklangen vom _dangei_ herab wiederum die Töne des _tekok_, unter denen eine _dajung_ den Geistern ungefähr 3/4 Stunden lang erzählte, wer die Kajan eigentlich seien, von wem die Häuptlingsfamilie abstamme, was der Stamm in dem betreffenden Augenblick vornehme und was er sich wünsche. Auch mit der Züchtigung der Batang-Lupar, der Erzfeinde der Kajan, wurden die Geister beauftragt. Die ganze Erzählung wurde in Reimform in singendem Tone vorgetragen, wobei das Reimwort lange Zeit die gleiche Endsilbe behielt. An den folgenden Festtagen wiederholte die Priesterin morgens und abends das _tekok_.

Unterdessen herrschte auf der Galerie reges Leben; die jungen Mädchen stampften Klebreis und fanden während des Entspelzens und Beutelns der Reiskörner immer noch Zeit, auf die in der Nähe zuschauenden Jünglinge Geschosse aus Mehl und Wasser abzufeuern. Natürlich wurden diese Angriffe seitens der jungen Männer mit fröhlichen Racheakten beantwortet. Einige sehr ausgelassene junge Mädchen hatten sogar ein kleines Boot auf die Galerie heraufgetragen, um es als Wasserfass zu benützen, und machten den Vorübergehenden, besonders uns bekleideten Europäern, den Weg sehr unsicher.

Das Mehl wurde in der Galerie vor der Häuptlingswohnung auf einen Haufen geschüttet und ein Teil desselben von Knaben mittelst breiter Pandanusblätter in dreieckige Päckchen gebunden und ebenfalls in Dreieckform auf dem Boden aufgestapelt. Nachdem der Vorrat für genügend erachtet worden war, traten die Priesterinnen nach ihrer Altersfolge aus der Häuptlingswohnung auf die Galerie, fassten einander bei der Hand und bildeten einen Kreis um den Mehlhaufen. _Usun_ stand dabei vor den Mehlpäckchen, über welche hin sie wiederum eine _mela_ vornahm: die Glieder der Häuptlingsfamilie reichten ihr der Reihe nach über dem Haufen Mehlpäckchen hin die Hand, die sie mit ihrem alten Schwerte berührte. Dann kamen die Leibeigenen und kleinen Kinder, voran die beiden Enkel des Häuptlings, wiederum von jungen Mädchen getragen, an die Reihe. Schliesslich traten auch die Mütter der übrigen Familien mit ihren Kleinen heran; diejenigen, deren Kinder bereits zu gross waren, um getragen zu werden, brachten deren alte Tragbretter in die Nähe des Mehlhaufens, um dessen segensreichen Einfluss aufzufangen. Auch die Priesterinnen selbst liessen zum Schluss die _mela_ mit sich vornehmen. Alle Anwesenden bekamen einige Mehlpäckchen mit nach Hause, der Rest wurde unter der Häuptlingsfamilie und den _dajung_ verteilt.

Bei dieser Gelegenheit wurden auch die im Laufe des Jahres geborenen Kinder zum ersten Mal öffentlich gezeigt; sie wurden, wie die Häuptlingskinder, von jungen Mädchen auf dem Rücken getragen. Abends gaben die Mütter den Kleinen zu Ehren ein Familienmahl.

Der Vormittag des 5. Juni verlief nach dem _tekok_ des Morgens sehr still. Erst gegen 2 Uhr mittags ertönte der Gong der Priesterinnen, als Zeichen, dass wieder etwas Besonderes vor sich gehen sollte; ich eilte daher aus meiner Hütte in die Wohnung des Häuptlings, wo die _dajung_ mit dem Verfertigen ihrer _pemali_ beschäftigt waren, was stundenlang dauerte.