Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 16
Das Charakteristische dieser Totenkleidung besteht in einer Applikation von Figuren, die aus schwarzem Kattun geschnitten sind, auf weiss kattunenen Röcken und Jacken. Von der schwarzen Farbe glauben die Kajan, dass sie auf die bösen Geister, die die Seele des Verstorbenen unterwegs bedrohen könnten, schreckenerregend wirkt. Die Figuren werden von den Männern entworfen und ausgeschnitten und von den Frauen auf die von ihnen verfertigten Kleider geheftet. Gleichfalls von Männern entworfen und von den Frauen angebracht werden auch die mit schwarzer Farbe auf Pandanusblätter gemalten oder aus schwarzem Kattun geschnittenen Figuren für die Hüte und Tragkörbe der Toten. Den Verzierungen der Totenkleidung liegen bei den Kajan als beliebte Kunstmotive der Hund (_aso_, Fig. 3 b), der Mensch (_kelunan_, Fig. 3 a) und Stilisierungen beider zu Grunde. Beim Hunde tritt dabei der Kopf stets am deutlichsten hervor; die übrigen Körperteile verlaufen in so zierlich gebogenen Linien, dass man deren Bedeutung im ersten Augenblick meist nicht erkennen kann.
Die Hüte der Toten (Fig. 6 auf Tafel: Hüte der Bahau) werden viel schöner verziert als die der Lebenden; so dürfen, wie bereits gesagt, mit schwarzen Figuren belegte Kopfbedeckungen bei Lebzeiten nur Abkömmlinge der vornehmsten Häuptlingsgeschlechter tragen, nach dem Tode jedoch werden sie neben dem Grabe viel niedrigerer Personen niedergelegt.
Der Leiche selbst wird im Sarge eine eigenartige Mütze aus Baumbast, die nicht mit Zwirn, sondern mit den früher gebräuchlichen umgedrehten Pflanzenfasern genäht werden muss, aufgesetzt. Die Form dieser Mütze ist für Männer und Frauen verschieden; jenen ist eine Zipfelmütze, diesen eine anschliessende, nach hinten etwas verlängerte Mütze vorgeschrieben.
Einen wichtigen Gegenstand der Totenausrüstung bildet ein Tragkorb (_adjat_, Fig. 1), in dem sich ausser Armbändern (Fig. 1 d) und einem Palmblattsack (_samit_, Fig. 1 e) mit Handarbeiten auch noch Gegenstände befinden, die zur Überwindung aller Gefahren auf dem Wege zum _Apu Kesio_ dienen. Der Korb enthält eine _kawit_ (Fig. 1 c) und zwei kleine Bambusgefässe (Fig. 1 b) mit Speise für die guten Geister, für die auch das Barnbusgefäss (Fig. 1 g) mit Zuckerrohrsaft, das am Tragkorb hängt, bestimmt ist. Drei Säckchen (Fig. 1 h) enthalten eigentümlich geformte Steinchen, die zur Abwehr böser Geister dienen. Zum gleichen Zweck werden auch Tierzähne am Tragkorbe befestigt. Um auf wilden Flüssen das Wasser aus dem Boot schöpfen zu können, wird dem Toten eine halbe Kalabasse (Fig. 1 a) mitgegeben. Schliesslich hängt am Tragkorbe noch eine Leiter (Fig. 1 f), um über Felsen und Abgründe klimmen zu können (Siehe pag. 104).
Den Toten werden auch die schönsten und kostbarsten Armbänder, Halsketten und Ringe für den Aufenthalt im Jenseits in den Sarg gelegt. Daher übt das Grab eines Vornehmen eine so grosse Anziehung auf die raubgierigen Malaien, dass selbst die am Kapuas errichteten Prunkgräber aus Eisenholz nicht fest genug sind, um ihren kostbaren Inhalt vor diesem Gesindel zu schützen. So wurde das Grab von _Akam Igaus_ erster Frau bereits kurz nach deren Begräbnis von Malaien erbrochen und geplündert. Auch in Serawak ist Grabschänderei nichts Unbekanntes.
Die Hauptwaffen der Kajan sind Schwert (_malat_) und Speer (_bakir_); das Blasrohr (_seput_) spielt als Waffe nur eine nebensächliche Rolle; nur wenige verstehen überhaupt mit ihm umzugehen und kein eigentlicher Kajan ist im stande, das Pfeilgift zu sammeln und zu bereiten. Hauptsächlich sind es Abkömmlinge der Punan unter ihnen, die sich mit Vorliebe des Blasrohrs, der ursprünglichen Waffe der Nomadenstämme, bedienen. Das Schwert dagegen ist für den Kajan nicht nur im Kriege. die wichtigste Waffe, sondern auch im täglichen Leben der wichtigste Gebrauchsgegenstand und wetteifert hierin nur mit dem kleinen Messer (_nju_, Fig. h, Taf.: Schwerter der Mendalam Kajan), das an der Innenseite der Schwertscheide in einem besonderen Behälter stets mitgetragen wird. Alle Arbeit, die mit Messer oder Beil nicht ausgeführt werden kann, verrichtet der Kajan mit seinem Schwert, das ihn daher nie verlässt. Bei der Feldarbeit verwendet er zum Abhacken von Zweigen und Gestrüpp allerdings ein für diesen Zweck hergestelltes einfaches Schwert; befindet er sich aber auf weiten Reisen, so benützt er sein Kriegsschwert sowohl gegen den andringenden Feind als auch zum Behauen von Brettern und zum Hacken von Brennholz. Kein Kajan nimmt auf Expeditionen zweierlei Schwerter mit, aber jeder sorgt dafür, dass sein Exemplar alle Zwecke erfüllen kann. Daher werden sowohl am Kapuas als am Mahakam für ernsthafte Kriegszüge meist einfache, aber gut gearbeitete Klingen vorgezogen, während die schönen, mit eingelegtem Kupfer und Silber verzierten Exemplare nur als sehr geschätzte Prunkgegenstände dienen. Nur ein kriegerischer Häuptling, wie der Pnihinghäuptling _Belarè_, nahm auch auf Expeditionen schön gearbeitete Kriegsschwerter mit, aber gelegentlich wird er mit ihnen wohl auch Bäumchen gefällt haben.
Ebenso unzertrennlich wie von seinem Schwerte ist der Kajan von seinem Speer; in den Wohnungen findet man selbst ganze Reihen von Speeren aufgestellt.
In früherer Zeit wurden die Speerspitzen (_tite bakir_) sehr sorgfältig bearbeitet, gegenwärtig aber begnügt man sich mit sehr schlichten Speeren und auf gute Herstellung der Schäfte wird in der Regel gar nicht geachtet. Einen mit Schnitzwerk verzierten Speerschaft sah ich niemals bei den Bahau, höchstens hatte man ihn rund und glatt poliert.
Die Spitzen der Speere, die täglich aufs Feld mitgenommen werden, gleichen einem länglichen, scharf zugespitzten, zweischneidigen, eisernen Blatte; dagegen haben die wirklichen Kriegsspeere die Form eines ausgehöhlten Meissels; sie sind besonders zum Durchbohren der Schilde sehr geeignet, werden aber nie auf die Jagd mitgenommen.
Zum Werfen dient ein kurzer Speer mit kurzer Spitze.
Das Schwert wird, nach der grösseren Sorgfalt, die auf seine Herstellung verwandt wird, zu urteilen, dem Speere bei weitem vorgezogen.
Beim Verzieren der Schwerter nebst Zubehör entwickeln die Kajan viel Geschmack und Kunstfertigkeit; die Männer beim Schnitzen der Griffe (_haupt_, Fig. b) und Scheiden (_bukar_, Fig. c), die Frauen beim Verfertigen von Gürtelquasten (Fig. d) und Belegen (_tap_) aus Wolle oder Perlen. (Siehe Tafel: Schwerter der Mendalam Kajan. u.s.w.).
Die Bestandteile eines Kajanschwertes sind genügend bekannt, weniger ist dies vielleicht mit den Anhängseln der Fall, welche ein gut ausgerüsteter Krieger stets am Schwertgürtel hängen hat. Die wichtigsten sind zwei Bambusdöschen mit Feuerstein (_batu tekik_) und Rauchmaterial: Tabak und Bananenblättern; ferner einige Fläschchen mit Arzneien, meist malaiischen Ursprungs, und endlich allerhand Amulette zur Abwehr böser Geister: Flusssteinchen von besonders auffälliger Form, z.B. länglich und stark gebogen oder mit einem auf natürliche Weise entstandenen Loch in der Mitte; Eckzähne von Hunden und Bären, die an alten Perlenschnüren in einem Bündel beieinander hängen; auch Glöckchen (_anhing)_, besonders solche aus altem Eisen, üben eine schutz bringende Wirkung. Unter all diesen Merkwürdigkeiten fiel mir noch etwas Besonderes auf: ein sogenanntes Hahnenei, ein kleines Exemplar des letzten unfruchtbaren Eies einer Henne. Kein Najan beginnt einen Kriegszug ohne ein solches Ei, das bisweilen Jahrzehnte alt ist und in ein Tüchlein eingewickelt in einem besonderen Bambusdöschen (Fig. e) mitgenommen wird. Sonderbarer Weise glauben auch die Bahau, dass ein derartiges Ei von einem Hahn gelegt wird; am Mahakam verteidigte ein Kajanjüngling mir gegenüber mit grossem Ernst diese Überzeugung.
Alle diese Anhängsel sind an der rechten Seite, wo der Gürtel (Fig. f ) mit einer scheibenförmigen Schnalle (_hulo bukar_, Fig. g) geschlossen wird, befestigt. Das Schwert hängt für gewöhnlich an der linken Seite, ist sein Träger jedoch linkhändig, was ziemlich häufig vorkommt, so hängt es rechts und auch die Klinge (_tite_, Fig. a) ist dann rechts und nicht, wie sonst, links ausgeschweift geschmiedet. Auch gewöhnliche Arbeitsschwerter werden für Linkhändige angefertigt.
Hauptsächlich der eigentümlichen Art ihrer Herstellung wegen von Interesse sind die Blasrohre (_seput_): 2 m lange hölzerne Rohre mit gleichmässig weitem Kanal; ist dieser bisweilen nach einer Seite etwas gekrümmt, so wird die Unregelmässigkeit durch Beschweren mit einer Speerspitze (_tite seput_) ausgeglichen. Oft sind die Rohre auch tadellos gerade; unregelmässig gekrümmte sah ich nie.
Die meisten Stämme von Mittel-Borneo verfertigen die Blasrohre selbst aus einem harten Stück Holz, das sie zuerst mit einem 2 m langen Eisen bearbeiten, dessen eines, meisselförmiges Ende schart geschliffen ist. Das Holzstück wird zu diesem Zweck in horizontaler Lage gut befestigt und das Eisen, das stets dünner sein muss als der gewünschte Kanal, wird in dessen Richtung gelegt und durch etliche gekreuzte Bambusstücke gegen den Block gestützt. Durch fortwährendes Stossen mit diesem Meissel wird langsam ein Weg durch den Block gebohrt. Bei ununterbrochener Arbeit kann ein Mann einen solchen Kanal innerhalb eines Tages herstellen, bevor das Blasrohr aber fertig ist, hat es noch manche Prozedur zu erleiden. Zuerst schneidet man das überschüssige Holz an der Aussenseite fort und giebt dann der Wand eine gleichmässige Dicke. Das Glätten des Kanals wird durch Schaben bewirkt. Man benützt hierzu ein Reibeisen (_tossok seput_, Fig. a, Taf.: Pfeilköcher), bestehend aus einem doppelt gefalteten Eisenstab, in den man mit einem Schwert oder Meissel Einschnitte gehackt hat. Mittelst eines langen, dünnen Stieles aus festem Holz oder Rotang wird dieses Reibeisen so lange im Kanal herumgedreht und hin- und hergezogen, bis keine Splitter mehr zum Vorschein kommen.
Zur feineren Bearbeitung verwendet man die harten, scharfen Ränder zweier ungefähr 2 dm langer Bambusstücke, die, an den gleichen Stab zusammengebunden, gerade in die Öffnung passen; durch Hin- und Herdrehen dieser Stäbe erhält der Kanal beinahe die gewünschte Glätte. Den letzten Schliff giebt man ihm durch an einen Stab gebundene Blätter, die unter der Epidermis soviel Kieselsäurekristalle angehäuft enthalten, dass sie sich wie feines Reibpapier anfühlen. Auf ähnliche Weise wird die Aussenfläche des Blasrohrs behandelt: wenn das Messer nichts mehr verbessern kann, kommt eine Art _Bambusreibe (kasa seput_, Fig. b) an die Reihe, bestehend aus dünnen Bambusspähnen, die an 2 Schnüren so nah aneinander gereiht sind, dass sie in gleichen Entfernungen den scharfen, kieselhaltigen Rand nach innen kehren. Diese scharfen Ränder umschliessen das Blasrohr und scheuern, wenn man sie einen Tag lang um die Oberfläche bewegt, alle Unebenheiten ab. Zum Schluss poliert man die Aussenseite mit den gleichen Blättern wie die Innenseite.
Der Kanal hat bei allen Blasrohren ungefähr den gleichen Durchmesser, nur seine Länge variiert innerhalb bestimmter Grenzen. Gute Exemplare besitzen ein Mundstück aus Horn, Zinn oder Kupfer und ein aufrechtes Eisenstäbchen am andern Ende dient dazu, dem Schützen das Zielen zu erleichtern.
Die Pfeile (Fig. c und d), welche mit dem Blasrohr abgeschossen werden, besitzen, je nach dem Zweck, für den sie bestimmt sind, eine verschiedene Form und sind ausnahmslos vergiftet. Ihr Schaft wird aus Palmblattstielen, in der Regel aus denen der Sagopalme (Eugeisonia tristis), verfertigt.
Die Pfeile tragen, damit sie im Kanal dicht anschliessen, an ihrem Ende ein kegelförmiges, sehr leichtes Holzstückchen. Ihre Spitze wird, zum Töten kleiner Tiere, durch Einschrumpfenlassen am Feuer gehärtet und dann mit einer Lage schwarzen Giftes bestrichen (Fig. c.) Sollen mit den Pfeilen Menschen, Hirsche oder Wildschweine getötet werden, so fügt man in einen Einschnitt der Schaftspitze eine feine, dünne Spitze aus Bambus oder am liebsten aus Blech und bestreicht diese mit einer dickeren Lage Gift, die sie zugleich auch im Schaft befestigt, jedoch nur so weit, dass sie, wenn sie einmal durch die Haut gedrungen ist, mit ihren Widerhaken in der Wunde stecken bleibt und sich vom Schafte leicht lösen kann (Fig. d). Bisweilen bewirkt man auch das Abbrechen eines Teiles des Schaftes selbst, indem man ihn mit einem ringförmigen Einschnitt versieht.
Die Pfeile werden in grösserer Anzahl in einem besonderen Bambusköcher (_telanga_, Fig. e und f) von ungefähr 9 cm Durchmesser aufbewahrt.
Der Bambus ist 30 cm oberhalb des Halmknotens, der den Boden des Köchers bildet, abgeschnitten und am oberen Teil rings um die Öffnung etwas beschnitten, um bequem mit einem Bambusstöpsel (am Kapuas, Fig. e) oder mit einem runden, kegelförmigen, hölzernen Stöpsel (am Mahakam, Fig. f) geschlossen werden zu können. Am Köcher wird ein oft hübsch geschnitzter hölzerner Haken (Fig. g) befestigt, den die Jäger, wenn sie sich auf die Jagd oder in den Krieg begeben, an der rechten Seite in ihr Lendentuch stecken.
In einem Köcher befinden sich ungefähr 24 Pfeile von verschiedener Form und zwar sitzt jeder gesondert in einem dünnen Bambusbehälter (Fig. h), damit sie einander auf langdauernden Reisen nicht beschädigen. Da die Pfeile und ihre Behälter viel kürzer als der _telanga_ selbst sind, werden sie noch gesondert in Stückchen Fell (Fig. k) des grossen Eichhörnchens oder des kleinen Hirsches gehüllt, an welchen sie bequem hervorgeholt werden können. Durch verschiedene Farben oder an das Ende aufgeschobene kleine Perlen unterscheidet man die Pfeile für grössere und kleinere Tiere.
Neben diesen fertigen Pfeilen stecken im Köcher noch mehrere Päckchen (Fig. i und l) unvollendeter Pfeilschäfte, deren noch stumpfe Spitzen meistens bereits im Feuer gehärtet worden sind (Fig. m). Jedes dieser Päckchen wiederum befindet sich in einer besonderen ledernen Hülle. Der Köcher enthält ausserdem noch ein Stöckchen mit scharfer Spitze (Fig. n), auf die man beim Schneiden die konischen Hölzchen steckt, welche hinten an die Pfeilschäfte befestigt werden. Die Bahau und Punan nehmen stets einen Vorrat dieser Hölzchen in einer flaschenförmigen Kalabasse (Fig. o) mit hölzernem Stöpsel mit, die sie an den Köcher hängen; da sie überdies auf dem Grunde des Köchers immer ein bis mehrere Stücke Pfeilgift mitnehmen, können sie auch im Walde stets neue Pfeile herstellen. Neben der Kalabasse hängt noch ein Bambusbehälter mit Zunder und Feuerstein (Fig. p), die auf Reisen stets mitgeführt werden.
Die Gifte, welche die Stämme von Mittel-Borneo für ihre Pfeile benützen und durch welche unbedeutende Wunden oft tötlich wirken, sind sehr verschiedenen Ursprungs. Die Bahau unterscheiden 6 verschiedene Arten von Pfeilgiften, die sich von ebenso vielen verschiedenen Bäumen und Lianen herleiten; sie heissen: _tasem; tasem telang; ipu kajo; ipu aka; ipu tana_ und_ ipu seluwang_.
Die zwei _tasem_-Arten werden aus den Giften verschiedener Pflanzen, welche in ganz Mittel-Borneo, sowohl am oberen Kapuri, oberen Barito und oberen Mahakam als am oberen Kajan vorkommen, zusammengesetzt; daher können die _tasem_-Gifte von allen Stämmen, die diese Flussgebiete bewohnen, hergestellt werden.
Dagegen wachsen die die _ipu_-Gifte liefernden Pflanzen nur am oberen Kapuas und oberen Barito, so dass sie nur von den in diesen Gebieten umherschwärmenden Punan und Bukat gesammelt und den anderen Stämmen verkauft werden. können. Die _ipu_-Gifte werden nämlich, als die wirksameren, den _tasem_-Giften vorgezogen. Da die _ipu_ liefernden Pflanzen auch am Kapuri nur an bestimmten Stellen vorkommen, müssen die Sammler oft weite Züge unternehmen, um die Gifte zu finden. Eine gute Fundstelle für die betreffenden Pflanzen bilden die Wälder am Fuss des Bukit Tilung im Mandaigebiet.
Die Herstellung der Pfeilgifte und die sie liefernden Pflanzen sind in Mittel-Borneo nur den Jägerstämmen der Bukat und Punan oder deren Abkömmlingen unter den ackerbautreibenden Dajakstämmen bekannt; daher ist es nur unter besonders günstigen Umständen möglich, sich Pfeilgifte von bekannter Herkunft und die dazu gehörigen Pflanzen zu verschaffen.
Auf meinen drei Reisen in Borneo glückte es mir nur im Jahre 1894, in den Besitz einer einigermassen vollständigen Sammlung der _ipu_-Gifte und des dazugehörigen Herbariums zu gelangen. Bei meiner zweiten Reise 1896 waren die Bukatsöhne, die früher bei den Mendalam Kajan wohnten und mir zu der Sammlung verholfen hatten, fortgezogen und ich konnte in vier Monaten keine zweite zuverlässige Sammlung zu Stande bringen. Im Jahre 1898 erhielt ich zwar die verschiedenen Gifte und das Holz und die Blätter der _ipu_-Pflanzen, aber man führte mich mit den Blüten und Früchten, für die die richtige Zeit augenscheinlich noch nicht gekommen war, irre. Diese letzte Sammlung wurde von Dr. _Boorsma_ im botanischen Institut zu Buitenzorg untersucht; die erlangten Resultate sind in "Mededeeling uit 's Lands Plantentuin" (deel 52) veröffentlicht worden; ihnen entnehme ich auch die weiter unten angeführten Bestandteile der Pfeilgifte. Die beiden Gifte: _tasem und tasem telang_, werden gewonnen, indem man die gleichnamigen Bäume anzapft und den ausfliessenden Milchsaft auffängt. Der _tasem_-Baum erreicht eine bedeutende Grösse, der _tasem telang_ dagegen wird nicht über 1 dm dick.
Der Milchsaft wird mit dem wässerigen Auszug aus dem geriebenen Bast einer Liane, _aka kia_, vermengt. Die Mischung wird in einem alten eisernen Topf, der für andere Zwecke nicht mehr gebraucht wird, bis zu Sirupdicke eingedampft; die Masse erhärtet beim Abkühlen. Das Gift wird vor dem Gebrauch fein gerieben und mit den Blättern von _gambir utan_ (Euphorbiacee) gemengt, ein Verfahren, für welches besondere, oft schön verzierte Brettchen (Fig. q) und Reib stöcke (_ligan_, Fig. r) verwendet werden.
Die _tasem_-Gifte werden auf weite Expeditionen in viereckigen Körbchen aus Palmblattscheiden (_takong_, Fig. s) mitgeführt und vor dem Gebrauch in der Nähe des Feuers aufgehängt, um sie zäh-flüssig werden zu lassen.
Eine Analyse des Pfeilgiftes, das einen zähen, schwarzen Extrakt mit intensiv bitterem Geschmack liefert, stellte folgende Bestandteile fest: Antiarin, das giftige Glycosid, das im Saft von Antiaris toxicaria Lesch. enthalten ist; die zwei Alkaloide: Strychnin und Brucin; Upaïn, das durch _Wefers Bettink_ aus dem Milchsaft von Antiaris gewonnen wurde, und Antiaretin, das von _Mulder_ und _Lewin_ als Bestandteil des _antjar_-Milchsaftes angegeben wurde; ferner eine schwach giftige pflanzliche Säure, die ein Aufschäumen verursacht. Derrid, das hauptsächlich in den aus Malakka stammenden Pfeilgiften enthalten ist, fehlte.
Die giftige Wirkung der _tasem_-Gifte muss somit den in Antiaris vorkommenden Stoffen und den Strychnos-Alkaloiden zugeschrieben werden; der hohe Antiaringehalt spielt hierbei zweifellos die Hauptrolle.
Auf Grund der in den _tasem_ anwesenden aufschäumenden Säure nimmt Dr. _Boorsma_ an, dass nicht nur der Milchsaft, sondern wahrscheinlich auch ein Auszug aus dem Bast des _tasem_-Baumes (höchst wahrscheinlich Antiaris toxicaria) bei der Zubereitung verwendet werden. Das in viel geringerer Menge vorkommende Strychnin und Brucin liess sich in kleinen Quantitäten auch in den Holz- und Bastteilen der Liane _aka kia_ nachweisen; diese gehört, wie auch eine mikroskopische Untersuchung feststellte, zu den Strychnosarten.
Was die _ipu_-Gifte betrifft, so bildet:
_ipu tana_ eine teils zähe, teils brüchige, dunkelbraune Masse;
_ipu kajo_ einen weichen, schwarzen Extrakt;
_ipu aka_ eine zähe, braune, von aussen schwarze und bröckelnde, teilweise auch steinharte Masse;
_ipu seluwang_ einen zähen, schwarzen Extrakt.
Alle diese _ipu_-Arten haben einen intensiv bitteren Geschmack. Sie enthalten sämmtlich Strychnin und _ipu tana_ ausserdem auch Brucin. Derrid fehlte auch bei diesen Giften.
Augenscheinlich stammen alle _ipu_-Gifte von Strychnosarten ab. Die Holz- und Bastteile der diese Gifte liefernden Pflanzen ergaben bei der Untersuchung alle als giftige Bestandteile Alkaloide. Nicht nur der Bast, sondern hauptsächlich auch das Holz erwiesen sich als strychninreich, während das Holz von _ipu seluwang_ ausserdem auch noch Brucin enthielt. Es ist daher wahrscheinlich, dass _ipu tana_ und _ipu seluwang_ oder die dazu gehörigen Holzproben aus Versehen verwechselt worden sind.
Da bei _ipu kajo_ hauptsächlich in den Holzteilen viel Strychnin gefunden wurde, ist es wahrscheinlich, dass bei der Herstellung dieses Giftes nicht nur geschabter Bast, sondern auch geschabtes Holz verwendet wird.
Man bereitet sämmtliche _ipu_-Pfeilgifte, indem man den Bast, vermutlich auch das Holz der betreffenden Pflanzen, fein zerreibt, mit Wasser auszieht und die Lösung vorsichtig eindampft, bis sie eine dicke, zähe, schwarzbraune Masse bildet. Diese wird in kleinen Mengen in den Palmblättern einer Licula-Art aufbewahrt. Beim Gebrauch erweicht man das Ende eines Stückchens _ipu_ über Wasserdampf und bestreicht damit die Pfeilspitzen, welche sodann in einiger Entfernung vom Feuer getrocknet werden. Den Wasserdampf lässt man durch die Öffnung eines trichterförmig gewundenen Bananenblattes, das über ein Bambusgefäss mit kochendem Wasser gestülpt worden, hindurchstreichen.
Dass die Wirkung des _ipu_ mit derjenigen des Strychnins übereinstimmt, davon überzeugte ich mich einst, als ein Hund von einem Pfeile nicht sogleich tötlich getroffen wurde. Das Tier lag mit Bewusstsein auf der Seite, die Zunge aus dem Maule hängend und litt, wie die schnellen, kurzen Atemzüge andeuteten, an Atemnot. Ab und zu stellten sich spontan Konvulsionen ein, bei denen sich der ganze Körper streckte; sie wechselten mit tonischen Krämpfen. Erschütterte man das eine Ende des freiliegenden Fussbodenbrettes, auf dem das Tier lag, so wurden die Zuckungen so heftig, dass der Hund bis auf 1/2 m Höhe aufsprang; er gab dabei keinen Laut von sich.
Das Schiessen mit dem Blasrohr hat auf der Jagd und im Kriege den grossen Vorteil, dass man auf das Opfer, ohne es zu verscheuchen, so lange Pfeile abschiessen kann, bis einer trifft. Übrigens sind auch viele Nachteile damit verbunden, besonders bei der Jagd auf grosse Tiere, für die die Wunde niemals sofort tötlich ist und die auch durch die Giftwirkung nicht sogleich bewegungslos werden. Sie behalten daher immer noch genug Kraft, um bedeutende Abstände zurückzulegen, was den Jägern viel Schwierigkeiten bereitet, da bereits ganz in der Nähe gefallenes Wild in dem dichten Walde, auf dem mit Blättern, Ästen und Gestrüpp bedeckten Boden, schwer zu finden ist.
Die Pfeile erfahren ferner, ihres geringen Gewichtes wegen, leicht eine Ablenkung, hauptsächlich auf freier Fläche bei Wind.
Unter den sesshaften Dajak begegnete ich nie einem, der im Schiessen mit dem Blasrohr eine besondere Geschicklichkeit an den Tag legte; die Punan verstanden sich hierauf viel besser. In den Proben, die sie vor mir ablegten, schossen sie zwar auf 40-50 m Abstand, aber die Treffsicherheit liess viel zu wünschen übrig und war mit derjenigen eines Gewehrschusses mit Kugel nicht zu vergleichen. Für die Jägerstämme jedoch, die in den fast windstillen Wäldern leben, bildet das Blasrohr, weil es mehrere Pfeile auf das gleiche Tier abzuschiessen gestattet, eine praktische Waffe, der sie sich auch Menschen gegenüber gut zu bedienen verstehen.
Die Schilde (_klebit_) der Bahau haben die bekannte länglich viereckige Form mit dreieckiger Verlängerung nach oben und unten. Die mit Menschen- und Tierfiguren und Masken stark verzierten Exemplare, die bisweilen nach Europa ausgeführt werden, traf ich bei den Stämmen von Mittel-Borneo nur selten; sie bedienen sich auf ihren Zügen stets einfacher, glatter Schilde aus leichtem, festem, braunem Holze, die in der Mitte und an den Seiten, der Breite nach, mit Rotangschnüren verstärkt werden. Ich fand bei den Kajan noch eine alte, viereckige, eiserne Platte mit zwei Spitzen, die, als Schutz für die an der Rückseite befindliche Hand, vorn in der Mitte der Aussenfläche befestigt wurde.