Quer Durch Borneo; Erster Teil
Chapter 14
Ein wichtiges _pemali_, das speziell für die _dajung_ bestimmt ist, heisst _hlen lali_ und ist ein längliches Kissen aus weissem Kattun. Das Kissen wird von den Frauen bei ihrer Aufnahme unter die _dajung_ hergestellt und bei jedem Saatfest zum Vorschein geholt und mit einer _kawit_ versehen. Neben den _kawit_, welche die Zahl der Amtsjahre der Priesterin angeben, sind verschiedene Perlenschnüre angebracht. Ein Armband (_kamang tukan_ oder _laku dajung_) wird nur auf dem Kissen der ältesten Priesterin befestigt und darf nie entfernt werden. Auf jedem Kissen findet man drei _usut:_ eine rote, eine gelbe Perle und einen Knopf (_hulo_). Die Besitzerin trägt diese usut, sobald sie ihres Amtes waltet. Die gelbe Perle dient zugleich für die _mela_ der Priesterin selbst; fühlt diese sich nämlich krank oder fürchtet sie ein Entfliehen ihrer Seele, so sucht sie ihre _bruwa_ zu beruhigen, indem sie die gelbe Perle fest in die Hand drückt. Neben den erwähnten drei _usut_ wird das _usut lali_ angebracht, das aus kleinen Perlen besteht und während des Saatfestes täglich angefasst werden muss. Bei dieser Gelegenheit werden auch die Hausgenossen gesegnet, indem die _dajung_ ihr Haupt mit dem Kissen, das für gewöhnlich sorgfältig in einer Kiste bewahrt wird, in Berührung bringt.
Je nach der Gelegenheit, bei welcher eine _mela_ vorgenommen wird, benützt die _dajung_ zur Beruhigung der Seele verschiedene Gegenstände. Bei der _mela_, welche während des Saatfestes bei der zweiten Namengebung des Kindes stattfindet, streicht die Priesterin dieses in Tandjong Kuda mit einem durch _kawit_ und Perlen geweihten Kürbis. Gleich wie auch in Tandjong Karang, werden die Füsse des Kindes in Wasser gebadet, das in zwei hierfür bestimmten Bambusgefässen mit _kawit_ mitgebracht worden ist. Kürbis und Bambusgefässe heissen zusammen: _tawe anak ok =_ Seelenbefriediger eines kleinen Kindes.
Wenn die Kajan durch Vermittlung der Priesterinnen die Hilfe der Geister anrufen, stellen die Priesterinnen für die _mela_ folgende Gegenstände her: _pemali kaja, kawit mela_ und _malat kadja_.
Der _pemali kaja_ ist eine besondere Art von Seelenweg, welchen die _dajung_ benützt, wenn es eine verirrte Seele mit Hilfe der guten Geister zurückzurufen gilt. Dieser Seelenweg, welcher an dem offenen Dachfenster angebracht wird, besteht in einer kostbaren Perlenschnur mit zwei gelben Perlen als _usut_. Auf die Schnur folgt ein aus acht Schlingen zusammengesetzter Knoten, der mit einem Päckchen von acht Haken aus Fruchtbaumholz vier Perlen, vier kleinen _kawit_, einer Hühnerfeder und einem Stück _daun hugul_ (Dracaena-Blatt) verbunden ist. Die Perlen, die _kawit_ und das in Schweineblut getauchte Blattstück dienen als Beruhigungsmittel für die herankommende Seele; die Haken bitten um Reichtum; die Hühnerfeder wird bei der eigentlichen _mela_ verwandt.
Die Priesterin streift bei der _mela_ die zurückkehrende Seele längs des Seelenweges auf den Knoten, den sie in einem Säckchen und dieses wieder in einem Körbchen bis zum Abend aufbewahrt. Mit der Hühnerfeder bestreicht die Priesterin den Patienten, nachdem sie ihm vorher im Dunkeln die Seele in das Haupt geblasen hat.
_Kawit mela_ wird das alte Speereisen genannt, mit dem die _dajung_ den Aren des Patienten streicht; vier _kawit_ und zwei mit Schweineblut bestrichene Blätter von _hugul_ werden an ihm befestigt.
_Malat kadja_ ist der Name des alten Schwertes, auf welches der Patient während der _mela_ seinen Fuss setzen muss; auch dieses ist mit _kawit_ versehen.
Die _blaka_, die, wie die anderen pemali, morgens vor der eigentlichen _mela_ hergestellt wird, bittet die aufgerufenen Geister um alles, was dem Menschen not tut; sie besteht im wesentlichen aus einem dünnen Flechtwerk in Form einer 1 1/2 quad. dm grossen Matte, welche um folgenden Inhalt geschlagen wird: acht sorgfältig hergestellte _kawit_, ein Päckchen von vier Hühnerfedern (_ukur manok)_, ein gewundenes Stück Rotang (_ukur uting_) und zwei Bambusstäbe (_tawe)_. Die drei letzten Gegenstände haben folgende Bedeutung: _ukur manok_ = Mass für Hühner, bittet die Geister um viele Hühner und giebt zugleich die gewünschte Grösse derselben an; _ukur uting_ = Mass für Schweine, bittet um viele Schweine, ebenfalls mit Grössenangabe; _tawe_ bittet um langes Leben.
Kehren die Bahaumänner von einer langen Reise zurück, so müssen sie, bevor sie das Haus betregen dürfen, vier Tage lang in einer für diesen Zweck besonders hergerichteten Hütte abgesondert leben. Der Anführer der Gesellschaft lässt für diese Zeit durch die _dajung_ eine _blaka ajo_ herstellen; sie besteht aus einer 2 quad. dm grossen Rotangmatte, auf welcher mittelst eines Rotangstückes 2 × 8 Blätter von _daue Jong_ befestigt werden; diese dienen zur Abwehr böser Geister. Zwischen die Blätter wird Reis gestreut. Die _blaka ajo_ wird später in der Galerie (_awa_) afgehängt. Einen wichtigen Gegenstand für die Zeit dieser Absonderung bildet ferner ein alter Feuermacher der Bahau, der im täglichen Leben schon längst durch Stähl und Feuerstein ersetzt worden ist. Zwischen den Zähnen einer Gabel aus leichtem trockenem Holz wird ein halbiertes Stück Rotang hin- und herbewegt. Durch die bei der Reibung entstehende Wärme werden die abgeriebenen Holzteilchen zum Glühen gebracht und entzünden die feinen Baumbastteile, welche unter der geriebenen Stelle auf eine Matte aus _tika_ gelegt werden. Die Gabel wird mit den Füssen festgehalten.
Mit dem bereits mehrmals erwähnten _legen_ möge die Reihe der _pemali_ abgeschlossen werden.
Das _legen_, ein aus _tika_ geflochtenes Körbchen, enthält alle Gegenstände, die im Leben des Kajan eine Rolle gespielt haben und nicht vernichtet werden dürfen, weil ihre Seelen sich sonst an dem Menschen rächen könnten.
Man findet im Körbchen folgende Gegenstände:
1. Einen Bambusbehälter mit dem abgefallenen Nabelstrang (_obut_) und einen zweiten mit einem _habung awut_, einem _pemali_, das verhindern soll, dass das Kind zu viel isst und dadurch eine zu schnelle Verdauung erhält.
2. Ein Messerchen aus Bambus (_haling obut_) und eine hölzerne Unterlage, die für das Abschneiden des Nabelstranges benützt wurden.
3. Die _tewesing_, eine Halskette der Mutter, welche aus Perlen und 2 × 4 Früchten zur Abwehr böser Geister besteht und an welcher die _hina ana_, die Schlinge vom Kindertragbrett, hängt. Ferner sind an der Halskette befestigt: das _laku krawa_, das Armband, das gegen Krämpfe schützen soll und das _leku pela_, das Armband, welches das Kind zwischen der ersten und zweiten Namengebung trägt.
4. Das _tol_, ein Stöckchen, mit dem das Kind zum ersten Mal für die Reissaat Löcher in die Erde bohrte.
5. Ein Kreisel (_asing_), mit dem das Kind zum ersten Mal beim Saatfest spielte.
6. Die Eierschalen (_telo lali_), mit welchen das Kind gelegentlich der ersten Namengebung bei der _mela_ gestrichen worden ist.
7. Das Röckchen (_ta-a_) und
8. Das Jäckchen (_basong)_, welche bei der ersten Namengebung zum ersten Mal angelegt wurden.
9. _hapin hawat_, ein Zeugstück, das als Unterlage in dem Tragbrett benützt wurde.
10. Ein Tellerchen aus Kürbisschale (_uwit lali_), auf welchem dem Kinde bei der Mahlzeit von Vater und Mutter einige Reiskörner gegeben wurden.
11. Ein Instrument zum Durchbohren der Ohrläppen (_natap telinga)_.
12. Ein Stückchen Baumbast mit den ersten Exkrementen des Kindes.
13. Das _lawong tika akar_, das Kopfband, welches die Mutter während des ersten Lebensjahres des Kindes trug.
14. Das Bambusgefäss, in welchem das erste Badewasser für das Kind geholt wurde.
Aus allem, was im vorhergehenden über die religiösen Vorstellungen der Bahau gesagt worden ist, ersieht der Leser, dass die Besorgnis um die Ruhe ihrer Seelen ihr Tun und Lassen während ihres ganzen Lebens beherrscht. Da die _bruwa_ durch alles, was dem Menschen selbst fremd, unbegreiflich und gefahrvoll erscheint, erschreckt und zum Fliehen gebracht werden kann, was Krankheit oder Tod zur Folge hat, stösst derjenige, der mit Hilfe der Bewohner von Mittel-Borneo in unerforschten Gegenden wissenschaftliche Untersuchungen vornehmen will, auf bisweilen unüberwindliche Hindernisse. Das Betreten eines unbekannten Gebietes, das Besteigen eines gefürchteten Berges, die Photographie, die anthropologischen Messungen u.s.w. erschienen meinem Geleite als gefährliche Experimente, die Wohlsein und Gesundheit aufs ernsteste bedrohten.
Eine besondere Seelenunruhe veranlassten meine Nachforschungen nach ihren Überlieferungen und ihrem Gottesdienst; die Hindernisse, die man mir auf diesen Gebieten daher in den Weg legte, waren sehr grosse. Zum Glück liessen sich die beängstigten Seelen der Baliau meist mit allem, was diese selbst schön fanden, wie hübsches Zeug, Perlen und Geld, beschwichtigen. In bezug auf Mitteilsamkeit in religiösen Angelegenheiten machte sich übrigens, je nach Veranlagung und Höhe der geistigen Entwicklung bei den einzelnen Personen, Verschiedenheiten geltend. Während die einen sich völlig unzugänglich zeigten, konnte ich von den anderen doch mit Hilfe von allerhand Mitteln einiges erfahren. Indessen wären mir die religiösen Vorstellungen der Kajan am Mendalam auch nach elfmonatlichem Aufenthalt in ihrer Mitte ein Buch mit sieben Siegeln geblieben, wenn nicht gerade die Oberpriesterin von Tandjong Karang, _Usun_, eine rühmliche Ausnahme gemacht und sich in allem, was ihre heilige Wissenschaft betraf, zugänglicher gezeigt hätte. Trotz mancher unangenehmen Eigenschaften meiner alten Freundin kann ich nicht umhin, gerade an dieser Stelle mit Dankbarkeit ihrer zu gedenken.
_Usun_ gehörte zu den wenigen Bewohnern des langen Hauses, die den ganzen Schatz der Überlieferungen von der Geisterwelt und der Stammesgeschichte kannten. Nach der Überzeugung der Kajan war ihr Tun und Lassen daher für die Gesinnung der Geister, somit für das Wohlergehen und den Gesundheitszustand des ganzes Stammes, massgebend. Durch aussergewöhnliche Handlungen, wie es ihre Unterhaltungen mit meiner profanen Person über Religionsangelegenheiten waren, schadete Usus also nicht nur sich selbst, sondern ihrer ganzen Umgebung; begreiflicher Weise sah man unseren Verkehr daher nur sehr ungern. _Usun_ selbst stand ihren Stammesgenossen durchaus nicht furchtlos gegenüber, auch spielte die Besorgnis um das Wohl und Wehe ihrer eigenen Seele bei ihr eine grosse Rolle; ich musste daher jedesmal, wenn sie mir etwas Besonderes erzählt oder gebracht hatte, ihre _bruwa_ mit etwas Geld, Kattun oder Perlen besänftigen, um bösen Träumen oder gar Krankheiten zuvorzukommen. Den Geldstücken schien dabei eine besonders beruhigende Wirkung eigen zu sein, auch wurden sie, um in innige Berührung mit ihrer Seele gebracht zu werden von der Alten beim Abschied gebissen. Auch ihr Enkel, ein ungezogener zwölfjähriger Knabe, beängstigte ihr Gemüt; denn er wollte, wie die übrigen Kajan, nichts von ihrem gefährlichen Umgang mit mir wissen.
Gegen alle diese Schwierigkeiten kämpften in _Usuns_ Seele eine sehr entwickelte Habgier und Eitelkeit auf ihre Wissenschaft und Stellung und, wenn ich mir schmeicheln darf, eine grosse Eingenommenheit für meine Person.
Unter diesen Verhältnissen entwickelte sich unser Verkehr derart, dass _Usun_, um ihre Umgebung irre zu führen, abends, wenn alle Hausbewohner schliefen, zu mir schlich. Dann packte sie ihre _pemali_, die heiligen Gerätschaften, die sie für mich verfertigt hatte, aus und steckte die erhaltene Belohnung ein. Wenn sie sich im Dunkeln hie und da fürchtete, nahm sie den Enkel mit, der für die ausgestandene Seelenangst stets auch etwas bekam.
In der Stille meiner Hütte, nur unterbrochen von einzelnen Lauten, die von dem schlummernden Kajanhause herüberdrangen und von dem Gezirp der ewig munteren Grillen, vernahm ich in einem entsetzlichen Gemengsel von Kapuas-Malaiisch und Busang die Geschichte von _Usuns_ Geisterwelt. Das energische Gesicht der alten Dajakfrau gab dem Bilde noch ein besonderes Gepräge. Wurden wir durch Neugierige gestört, so hatte die Alte sogleich ein harmloses Thema bei der Hand und fand sie bei ihrem Kommen meine Hütte besetzt, so schob sie das Mitgebrachte von aussen durch die Mattenwand der Hütte auf meinen Schlafplatz--die Rechnung blieb später nicht aus.
Tagsüber liess _Usun_ ihren Gefühlen freieren Lauf, sprach öfters beim Doktor vor und liess sich zum Gaudium der ringsherum stehenden Jugend bald hier bald da auf allerhand Leiden untersuchen.
Der pekuniäre Vorteil, den _Usun_ aus ihrem Handel mit ihrer priesterlichen Wissenschaft zog, weckte den Neid und die Konkurrenz ihrer Kolleginnen und diesem Umstande habe ich es zu verdanken, dass mir auch von anderer Seite religiöse Gegenstände geliefert wurden, von deren Existenz ich sonst nie etwas erfahren hätte.
Die Schöpfungsgeschichte der Mendalam Kajan, wie ich sie aus dein Munde der alten _Usun_ vernommen, möge dieses Kapitel abschliessen.
_Die Schöpfung der Erde, Geister und Menschen_.
Eine Spinne liess sich einst vom Himmel an einem Faden herab. Diese Spinne wob ein Netz, in welches ein Steinchen von der Grösse einer sehr kleinen Perle fiel. Das Steinchen wurde grösser und grösser, erst wie eine _ower ane_ (besondere Perlenart), dann wie eine _ketobong apo parei_ (besondere Perlenart), dann wie eine kleine Muschel, wie ein Nagel (_hulo_), wie eine aus einer Muschelschale geschnittene Scheibe (_barang hulo_), wie ein Fussrücken, wie ein runder Teller (uwit), wie eine Sitzmatte, wie ein Sieb, dann wie eine grosse Matte u.s.f., bis es den ganzen Raum unter dem Himmel einnahm.
Auf diesen Stein fiel eine Flechte (_oro napon_) vom Himmel, die auf ihm kleben blieb; dann fiel ein Wurm (_halang_) hernieder, aus dessen Exkrementen die ersten Erdteilchen entstanden. Auch diese Erde nahm immer mehr zu, bis sie den ganzen Stein bedeckte. Da fiel der grosse Baum, _kajo aja_ auch wohl _kajo nangei_ (beim Neujahrsfest verwendet) genannt, vom Himmel; der Baum war anfangs nicht höher als ein Messerchen (_nju_) dick ist, dann wurde er so gross, als ein Beil (_ase_) dick ist, schliesslich erreichte er die Höhe eines Bananenstammes u.s.f.
Darauf fiel eine Krabbe vom Himmel und begann mit ihren vielen Gliedmassen in der Erde zu graben, wodurch Berge, Täler und Flussbetten entstanden, unter anderen der Kajan, Pengian, Danum Pè (Flüsse im Apu Kajan Gebiet beim Batu Tibang) und schliesslich alle übrigen Flüsse von Borneo.
Aus dem Boden wuchsen jetzt allerhand Pflanzen hervor, zuerst die verschiedenen Bambusarten: _bulu buring; bulu pusa; bula tengun_ und _bulu tan_; dann die Bäume, die das rote zähe Holz für Schilde liefern und die Fruchtbäume. (Alle diese Baumarten werden beim Neujahrsfest zum Bau der _dangei_-Hütte verwendet). Schliesslich erschienen die Rotangarten: _uwe nga; uwe haring; -bohong; -hawon; -kudjo; -ngelawáto; -peselilit; -selat; -seputan_ und _uwe maling_, die alle im Haushalt ihre verschiedene Verwendung finden.
Der Rotang wand sich an dem grossen Baum _kajo aja_ hinauf und der Wind trieb ihn derart, dass er in die vulva des Baumes gelangte, wodurch dieser sehr gross wurde.
Zwei Geister, ein Mann, _Belare Adje Awe_, und eine Frau_, Ketot Era Pode_, kamen jetzt vom Himmel herab und liessen sich auf dem grossen Baum nieder; sie konnten sich aber als Geister nicht begatten. Als der Mann einst einen Schwertgriff schnitzte und die Frau am Webstuhl sass, fielen der Schwertgriff und das Weberschiffchen neben einander auf die Erde und paarten sich. Aus ihrer Vereinigung ging ein menschenähnliches Wesen, _Kelower Ga-aï_ (= schiebend sich vorwärts bewegen) hervor, dem aber Arme und Beine fehlten.
Die Paarung und ihr Resultat erschreckten die beiden Geister jedoch derart, dass sie eiligst in den Himmel zurückflogen.
Das gliederlose Monstrum bekam zwei Kinder verschiedenen Geschlechtes: _Huwar Ane_ und _Uti_; deren beide Kinder: _Klobe Ange_ und _Klobe_ konnten sich auch noch kaum bewegen, sie hatten aber ebenfalls zwei Nachkommen: _Ngujer Bawe_ und _Lahnde_, die beide nur sitzen (_ngujer_) konnten. Diese jedoch zeugten richtige Menschen: einen Mann _Paren Keliter Pulut Luwe_ und eine Frau _Udjung Malen Leke_.
Die Tochter dieser ersten Menschen, _Lahei Lalau_, hatte so lange Arme und Beine, dass sie den Himmel berühren konnte. Sie bekam zwei Kinder: _Amei Awi_ und _Buring Une_, die hauptsächlich die Erde und ihre Erzeugnisse beherrschen und daher als die wichtigsten Götter des Ackerbaus verehrt werden. Sie besitzen 2 × 8 Kinder, nämlich:
Frauen: Männer:
_Usun Keten Apui_ _Bang Alang Tui_ _Usun Keten Apui Lawan_ _Bang Alweg Lawar_ _Hanja Ata Tere_ _Bang A lang Nje_ _Hanja Ata Tujan_ ... _Husun Djulu Djele_ _Jok Une_ ... _Hang Pidang Le_
ferner noch vier Kinder, die als die wichtigsten Mondphasen am Himmel stehen: _Kerebso_ = aufgehender Mond; _Kelo-ong Pajang_ = Halbmond; _Kamat_ = Vollmond und _Penjeröm Döm_ = dunkler Mond.
_Amei Awi_ und _Buring Une_ liessen ihre Kinder, um darüber zu entscheiden, wer von ihnen Häuptling, wer Freier und wer Sklave werden sollte, einen Berg hinauflaufen. Die Stärksten, die die Spitze zuerst erreichten, machten sie zu Sklaven, die minder Starken, welche sich halbwegs befanden, machten sie zu Freien und einen Mann mit einem kranken Bein und eine schwangere Frau, die am Fuss des Berges zurückgeblieben waren, machten sie als die Schwächsten zu Häuptlingen.
Sämmtliche Kinder waren jedoch mit der Entscheidung ihrer Eltern unzufrieden und gingen daher nach den verschiedensten Orten im Weltall auseinander, wo sie jetzt als Monde und ähnliche Gebilde ein glückliches Dasein geniessen.
Die Eltern dagegen, die einsam zurückblieben, nahmen ein weisses Tuch und eine Matte und begaben sich zu dem grossen Baum _kajo aja. Amei Awi_ kratzte von dein Baum eine grosse Menge Rinde ab und holte aus dem Walde ein langes Stück Rotang. Nachdem er die beiden Enden über dem Boden befestigt hatte, baute er darauf ein Haus und streute mit seiner Gattin die Baumrinde auf den Fussboden, worauf Schweine, Hühner, Hunde und Menschen aus den Rindenteilchen entstanden. Die Menschen blieben jedoch stumm, obgleich sie ihnen Ohrringe (_isang)_, Ruder (_bese)_, und andere Dinge gaben. Daher begab sich _Amei Awi_ auf den Fischfang, kochte die Fische und ass einen Teil mit _Buring Une_. Als sie darauf auch den Menschen von den Fischen zu essen gaben, begannen diese zu sprechen.
Von diesen echten Menschen stammen die Bahau ab, die krank werden und sterben können, da sie, wie auch ihre Haustiere, eigentlich aus vergänglicher Rinde (_kul kajo_) bestehen.
KAPITEL VII.
Auffassung der Kleidung seitens der Eingeborenen--Zweck der Kleidung--Einfluss der Malaien auf die Kleidung--Alltags-, Fest- und Kriegskostüm der Männer am Mendalam--Kopfbedeckungen--Schmuck--Tätowierung--Ausrecken der Ohrläppchen--Umformung der Zähne--Haartracht--Alltags- und Festkleidung der Frauen--Schmuck--Trauerkleidung--Ausrüstung der Toten--Waffen der Kajan: Schwerter, Speere, Blasrohre--Herstellung der Blasrohre--Pfeile und Pfeilgifte--Schilde.
Stämme, welche stets nackt gehen, kommen auf Borneo nicht mehr vor; dagegen findet man sehr nahe verwandte Stämme, welche, je nachdem sie viel oder wenig mit Fremden in Berührung gekommen sind, über ein zeitweiliges Nacktgehen sehr verschieden denken. Es scheint übrigens, dass die Fremden bei den ursprünglichen Bewohnern Borneos nicht nur auf die Entwicklung der Kleidung, sondern auch auf die Auffassung der Eingeborenen, ob und wann diese überhaupt erforderlich ist, einen starken Einfluss geübt haben. In Sambas, im Sultanat an der Westküste, beobachtete ich, dass bei den mehr landeinwärts und gesondert lebenden Siding Dajak beim gemeinsamen Baden sowohl Männer als Frauen ihre Kleidung gänzlich ablegten, während ihre Verwandten, die in malaiischer Umgebung an der Küste leben, beim Baden stets alte Kleidungsstücke anlegten.
Ähnliche Unterschiede zeigen sich im Innern der Insel bei den grossen Stammgruppen der Bahau und Kenja, von denen diese nur wenig, jene dagegen mehr von Malaien beeinflusst werden. Obgleich nämlich sowohl die Bahau als die Kenja stets völlig nackt baden, kleiden sich erstere doch unmittelbar nach dem Bad gleich vollständig an, während letztere unbekleidet in ihr Haus zurückkehren und sich erst dort anziehen. Auch um Wasser zu holen und ihre Kinder zu baden, begeben sich die Kenjafrauen vorzugsweise nackt zum Flusse. In Stromschnellen und Wasserfällen nehmen die Kenjamänner ihr Lendentuch ab, die Bahaumänner dagegen tun das nie. Dass das Schamgefühl und die Begriffe von Anstand sich bei diesen beiden Stammgruppen unter malaiischem Einfluss verändert haben und noch verändern, ersah ich daraus, dass sich die Kenja in Gegenwart von uns Fremden in dieser Hinsicht bald wie die Bahau betrugen. So begaben sich die Mädchen und Frauen der Kenja nur nachts, wenn wir schliefen, nackt aus ihrer Wohnung zum Flusse.
Als _Demmeni_ einmal spät abends seine Platten entwickelte, bemerkte er sechs unbekleidete junge Mädchen, die zum Flusse gingen; kaum hatten sie aber den roten Schein der photographischen Laterne bemerkt, als sie erschreckt und lachend ins Haus zurückeilten. Auch die Kenjamänner schämten sich vor uns Europäern, ihre Kleidung in den Wasserfällen gänzlich abzulegen. Ihr Betragen war nur eine Folge davon, dass unser Geleite von Malaien und Bahau den Kenja erzählt hatte, wir Weissen nehmen an dem nackten Erscheinen der Eingeborenen Anstoss, was übrigens gar nicht mit unserer europäischen Auffassung übereinstimmte. Man sieht hieraus, welch eine grosse Rolle angelerntes Schamgefühl bei der Entwicklung der Kleidung spielt.
Da Stämme, die stets völlig nackt gehen, in Borneo nicht mehr vorkommen, ist es jetzt schwer festzustellen, ob der Gebrauch einer Körperbedeckung überhaupt fremdem Einfluss zugeschrieben werden muss.
Augenblicklich dient die Kleidung der Dajak nachweisbar folgen den Zwecken: als Schutz gegen Sonnenwärme bei sämmtlichen Stämmen, als Schutz gegen Kälte nur bei den im rauhen Gebirgsklima lebenden Kenjastämmen, als Schutz gegen Einbrennen und Dunkelwerden der Haut, als Schmuck und als Schreckmittel gegen Feinde. Um sich gegen die Sonnenwärme zu schützen, bedecken sich Männer und Frauen bei der Feldarbeit und bei ihren Reisen auf offenen, der Sonne ausgesetzten Flüssen auch den Oberkörper.
Die Frauen, bei denen eine helle Hautfarbe für besonders schön gilt, suchen mehr als die Männer durch Kleidung ein Einbrennen und Dunkelwerden zu verhindern; ihre flachen konischen Sonnenhüte (_haung_) sind daher viel grösser als die der Männer. (Siehe Taf. Hüte der Bahau).
Eigentliche Kleidungsstücke werden als Schmuck nur selten, bei festlichen Gelegenheiten, getragen. Die Kajan am Mendalam z.B. legen ihre schönsten Kostüme nur einmal im Jahr, zum Neujahrsfest, an; dann tragen die Männer schöne Jacken und die Frauen schlingen sich Schale um die Schultern; Lendentücher und Röckchen bestehen dann auch aus den schönsten Stoffen.
Rechnet man zur Kleidung, wozu man nach der Auffassung der Dajak berechtigt ist, auch Tätowierungen, Umbildungen von Zähnen und Ohren, Hals und Armbänder u.s.w., so findet die Kleidung als Schmuck allerdings eine viel ausgedehntere Verwendung.
Wenn die Bahau ihre Festkleider auch nur selten anlegen, verwenden sie doch auf ihre tägliche Toilette sehr viel Sorgfalt. Besonders ist dies bei unverheirateten jungen Männern und Mädchen und bei Jungverheirateten der Fall. Sind Männer und Frauen erst einige Jahre verheiratet, so tritt die praktische Seite der Kleidung mehr in den Vordergrund. Eine besondere Tracht für Verheiratete und Unverheiratete giebt es nicht.